Silberhochzeit MIT der Provence - Verena Aeschbacher - E-Book

Silberhochzeit MIT der Provence E-Book

Verena Aeschbacher

0,0
2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die Grundsatzfrage: Auswandern ja oder nein, bekommt hier ein eigenes Gesicht.

Das E-Book Silberhochzeit MIT der Provence wird angeboten von tredition und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Auswandern, Land und Leute, Nicht alles neu, aber vieles anders

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Verena Aeschbacher

Silberhochzeit MIT der Provence

Nicht alles neu, aber vieles anders

© 2020 Verena Aeschbacher

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-02721-3

Hardcover:

978-3-347-02722-0

e-Book:

978-3-347-02723-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Silberhochzeit MIT der Provence

Die Provence inspirierte zu vielen Liedern und Geschichten. Fälschlicherweise wird oft alles, was im Südosten von Frankreich liegt, mit „Provence“ bezeichnet. Ich kann mir gut vorstellen, dass alle Leute, die sich falsch ausdrücken, nur eines äussern wollen - ihre Liebe zu einer ganz besonderen Region. Wenn man von der Provence spricht, hat man herrlich blaue Lavendelfelder und pittoreske Dörfer vor Augen, denn diese zieren ja auch unzählige Postkarten. Berge und überfüllte Mittelmeerstrände vergisst man dabei ganz einfach. Auch den oft nervigen Mistral lässt man aussen vor oder die zum Teil sehr heftigen Gewitter, die oft eine ganze Ecke des Südens ins Elend stürzen mit allzu viel Regen innerhalb ganz kurzer Zeit. Der herrlich blaue Himmel, die silbrig glänzenden Olivenbäume und die fantastische „Garrigue“ (Heidelandschaft) mit vielen, vielen Sträuchern und Blumen gehören ebenfalls ins provenzalische Bild. Wir gehören seit 25 Jahren auch dazu. Vor vielen Jahren von der Schweiz nach Südfrankreich ausgewandert, dürfen wir heute auf unzählige Erlebnisse und Begegnungen zurückblicken. Es war nicht immer einfach, denn der tägliche Existenzkampf hat uns einiges abverlangt und bereitete uns viele Sorgen. Irgendwie bekamen wir aber die Kurve immer gerade so hin. Seit wir nun Rentner sind, haben wir es etwas leichter, obwohl wir heute ebenfalls keine grossen Sprünge machen können. Wir haben allerdings auch keine grosse Lust, lange Reisen durch die Welt zu unternehmen. Schliesslich gibt es hier, in einem Radius von 25 Kilometern, viele altehrwürdige Bauten zu besichtigen, wenn man es denn möchte. Denn gemäss vielen Tourenanbietern ist die Region zwischen Uzès, Nîmes und Avignon einfach nur unfassbar schön. Diesen Äusserungen stimmen wir aus vollem Herzen zu. Natürlich gibt es überall auch eine Kehrseite der Medaille, die uns kaum begeistern kann. Wir sind eben Schweizer und an ein ordentlicheres System gewöhnt. Wenn wir eine Zeit ausmachen, dann halten wir uns daran. Wenn wir sagen, wir kommen oder wir sind einverstanden mit den getroffenen Abmachungen, dann meinen wir dies auch so. Auch haben wir gerne geordnete Verhältnisse und lieben die Sauberkeit drinnen und draussen. Hier trifft kaum etwas von diesen Schweizerischen Begriffen zu, denn man schert sich deutlich weniger um Äusserlichkeiten oder gegebene Versprechungen. Einesteils mag ich diese Unkompliziertheit - und doch liegt sie mir manchmal eben auch quer im Magen. Ich staune immer wieder, dass man dann als Gegensatz ziemlich viel Gewicht auf Dinge legt, die so gar nicht zum chaotischen Verhalten passen. Schreibt man einen Brief an ein Amt oder sonst an eine wichtige Person, sollte man sich förmlich blumengeschmückt ausdrücken und sich fast mit poetischen Schnörkeln äussern. Unsere oft etwas spröde Schweizerart kann mit diesem Brimborium wenig anfangen, denn man kommt in kurzen Zügen zum Punkt, basta. Wenn ich solche Briefe verfassen muss, entschuldige ich mich immer bereits eingangs für meine bestimmt nicht korrekten Äusserungen und füge erklärend an, dass meine Muttersprache eben Deutsch ist. Bis jetzt kam ich so eigentlich ganz gut über die Runden und stiess nicht gerade jeden vor den Kopf, der mir etwas bewilligen sollte. Ebenfalls staunte ich über die Findigkeit eines Ladens oder eines Restaurants. Zum Beispiel gibt es eine Konditorei, die herrliche Torten und wunderbare Patisserie im Angebot hat. Allerdings ist der Firmenname ein völliger Zungenbrecher: „O saveur de mon enfance“ oder „Oh Geschmack meiner Kindheit“. Wenn wir einem Landsmann dieses Lokal erklären müssen, tun wir dies immer mit einigen zusätzlichen Angaben, denn einige Freunde sind nicht so sattelfest in der französischen Sprache. Ganz in unserer Nähe gibt es ein Hotel mit Restaurant, welches sich „O lune de la coline“ nennt. „Der Mond, der über dem Hügel steht.“ Wie gewöhnlich ist doch ein Hotel ‚Sonne‘, ‚Sternen‘, ‚Steinbock‘ und andere mehr. Solche Namen kann sich jedes Kind merken und ich denke, dass, wenn man schon ein Geschäft betreibt, man doch einiges dafür tun sollte, dass man in jedes Kundenhirn passt.

Auch die Begrüssungsrituale sind kaum zu erklären, geschweige denn zu verstehen. Wenn man jemandem mehrmals begegnet ist, heisst es plötzlich bei der nächsten Begegnung: „On se fait la bise, n’est-ce-pas“? Will heissen, dass man sich drei Wangenküsse gibt. Gut, damit könnte ich ja leben, aber wenn ich dieser Person einige Zeit nicht mehr begegnet bin, dann fallen die „bises“ beim nächsten Mal bereits wieder weg, und das verunsichert einen nur. Auch meinen viele Ausländer, dass, wenn sich jemand mit seinem Vornamen vorstellt, man ihn dann automatisch duzen kann. Dem ist aber nicht so. Man sagt sich vielleicht den Vornamen, aber man bleibt beim Sie und zwar für immer. Richtig duzen tut man hier kaum jemanden. Auch bedeutet das „Chaotisch-Sein“ nicht auch Offenheit und Leichtigkeit, denn die hier geborenen Menschen leben nur „en famille“, wie sie an verschiedenen Orten äusserten. In der Schweiz hat man meistens regelmässig Besuch, das heisst, man lädt Verwandte, Freunde und Kollegen zu einem Essen bei sich zuhause ein und wird von denen auch wieder eingeladen. Hier in unserem Quartier haben die Menschen sehr selten Besuch, das heisst, nur an grossen Feiertagen wie Weihnachten, Ostern und Geburtstagen. Dann sieht man Leute mit Blumen und Geschenkpaketen sich einem Haus zuwenden. Somit ist es ziemlich ruhig im Quartier. Ich höre oft, dass es ja auch eine Kostenfrage sei, wenn man Gäste habe. Ich argumentierte schon, dass man sich ja auch nur bei einer nahrhaften Suppe treffen könnte und das koste nun wirklich nicht die Welt. Aber wenn es um Geld und Ausgaben geht, sind die Südfranzosen eben ein spezielles Völkchen. Oft sieht man nach den Supermarktkassen Menschen mit einem ellenlangen Kassenzettel stehen, und die kontrollieren tatsächlich Posten für Posten auf ihrem Bon. Oder.. In den Werbeschriften, die wöchentlich durch die Ketten verteilt werden, werden sämtliche Gutscheine herausgeschnitten und beim Bezahlen an der Kasse einzeln abgegeben. Das dauert dann eben manchmal etwas länger, bis man an die Reihe kommt. Man spricht aber offen über Löhne, Rechnungsbeträge, Einnahmen, Verpflichtungen und ähnliches. Egal, wo und wann und für was der jeweilige Preis stand, es wird sofort erwähnt, wo man etwas noch günstiger bekommt. Wenn man einen solchen Tipp abgibt, ist das Gegenüber richtig glücklich. Das sind so feine Unterschiede zwischen zwei Nationen. Wenn man sich auf einem öffentlichen Amt melden muss, dann kann das eine kleine Ewigkeit dauern, und meistens muss man diese Besuche noch wiederholen. Es spielt keine Rolle, ob man denn EU-Bürger ist oder nicht, denn hier zählt nur eines: Nämlich die „Grande Nation“.

Nach unserem Eintritt ins offizielle Rentenalter, wo wir nun auch unser Schweizer Altersgeld erhielten, erklärte ich Ruedi, dass wir das Bäume schneiden und Gras mähen bei Zweithausbesitzern doch fortan lassen könnten. Er liess sich tatsächlich überreden. Natürlich hätten wir den jeweiligen Lohn noch gut gebrauchen können, aber ich war einfach zu müde und wollte mich nicht mehr so quälen. Unsere Freunde hatten viel Verständnis. Wir hatten zuvor einen jüngeren französischen Freund angelernt und konnten ihn nun guten Gewissens weiterempfehlen. Er bedingte sich aus, dass ich weiterhin die jeweilige Organisation machen müsse und natürlich auch die Rechnungen für seine Arbeiten schreiben. Ich erklärte mich damit einverstanden, denn das war ja keine schwere Arbeit mehr. Ich denke, wir funktionieren ganz gut zusammen, denn beiderseitig respektieren wir einander und vertrauen uns auch. Nun verblieb uns nur noch die Betreuung eines grossen Hauses von Freunden in Comps. Dieses Objekt wollen wir so lange wie möglich weiterhin hüten, denn wir dürfen uns auch fremde Hilfen holen, wenn wir nicht mehr so arbeiten mögen und können.

Den sonntäglichen Flohmarkt behielt ich natürlich noch bei, denn dieser brachte nicht zwingend grosse Einnahmen, aber ich konnte mein Französisch praktizieren. Claudine, meine französische Freundin und ich trafen uns jeweils am Samstagabend so gegen 21.00 Uhr. Wir genossen diese Zeit sehr, denn wir sind beide aus derselben Generation und haben ähnliche Vorstellungen vom Leben. Wir konnten uns immer das Erlebte der vergangenen Woche erzählen, und wenn eine von uns Ärgerliches mitmachte, wurde man eben von der Freundin getröstet und aufgebaut. Wir stellten jeweils unsere Fahrzeuge auf dem einzigen Stück Teerplatz ab, das beim grossen Marktplatz existierte, denn so waren wir sicher, dass unsere Ware mit dem fast ewigen Wind nicht tüchtig eingestaubt wurde. Diese beiden Plätze waren von allen Ausstellern sehr begehrt, sodass wir uns halt schon am Samstagabend dort hinstellten, um die Gewähr zu haben, dass wir sie auch belegen konnten. Ich denke, dass ich jeden nur erdenklichen Trick anwandte, um die Organisatoren dazu zu bewegen, uns diese Plätze zu reservieren. Ich hätte den Platz ein Jahr im Voraus bezahlt, die Organisatoren wären auf der Gewinnerseite gewesen, denn bei Regenwetter kommt niemand ausstellen, weil die Kundschaft auch nicht so wetterfest ist. So oft ich versuchte diese Angelegenheit zu einem positiven Schluss zu bringen, so oft hat man mir widersprochen, denn in Südfrankreich geht das Denken oftmals nur bis zur Nasenspitze und geschäftstüchtig sind die wenigsten. Also mussten wir wohl oder übel so früh zum sonntäglichen Markt fahren. Wir promenierten dann Arm in Arm während zwei Stunden von oben nach unten und wieder zurück, um gleich das Ganze erneut zu starten. Mit diesen Spaziergängen redeten wir uns eben auch die Freuden und Sorgen von der Seele. So gegen Mitternacht legte sich jede mit einer kuscheligen Decke quer über die Vordersitze in ihr Auto. Gegen 03.00 Uhr morgens erschien die Platzanweiserin auf dem Gelände, und ab da schlief ich zwei Stunden wie ein Stein. Um 05.00 Uhr machte eine von uns an der Türe klopfend bei der anderen Tagwache. Nun marschierten wir zur nächsten Bäckerei, um unser Brot zu holen. Meistens kauften wir uns auch noch ein Croissant für den „Znüni“ (vormittägliche Zwischenverpflegung. Falls der Bäcker gerade ofenfrische Apfelkrapfen hatte, konnten wir nicht wiederstehen, denn etwas Leckeres gibt es kaum, und man verbrannte sich mit Garantie die Zunge am heissen Apfelmus, aber das gehörte mit dazu. Um 06.00 Uhr öffnete dann endlich das Kaffeestübchen im Rugby Haus, und die meisten der Aussteller drängten sich dort zusammen, um einen kleinen Espresso zu trinken und sich dabei alles Mögliche zu erzählen. Ich bin nicht so begeistert, wenn man mich in der Frühe bereits mit Gesprächen zu textet. Also nahmen wir unsere Kaffeebecher und stellten uns vor die Türe, denn ausser ein paar „Bonjours“ musste man da nicht allzu viel von sich geben. Bald schon ging ich meinen Stand aufstellen und packte meine zig, zig Artikel aus. Als Schweizerin hatte ich natürlich alles in sauberen Kartonschachteln und Tüten verstaut. Zudem war jede einzelne Tasse oder jedes Glas in ein Stück Papier eingeschlagen. Da ich jeden Sonntag so meine 15 und mehr Bananenkisten zum Auspacken hatte, war das auch ein rechtes Stück Arbeit. Endlich war alles dort, wo es hingehörte, und ich konnte mich auf mein rotes „Tabouret“ (stabiler Holzklappstuhl) setzen und dem Geschehen ringsum zuschauen, denn es kamen vorerst nur vereinzelte Frühaufsteher. Der grosse Kundenstrom setzte erst so um 10.00 Uhr ein und war nach einer guten Stunde auch wieder vorbei. Sobald die Uhr den Mittag geschlagen hatte fingen alle an, die verbliebene Ware wieder einzupacken. Bei mir gestaltete sich dieses auch wieder sehr aufwendig. Ich habe verschiedentlich den Ausstellern beim Ausstellen und Auspacken zugeschaut. Es gab einige, die kippten den Schachtelinhalt auf die am Boden ausgebreitete Plane und rückten mit den Schuhen die Stücke in eine halbwegs passende Form, egal, ob es sich denn um Geschirr oder andere zerbrechliche Teile handelte. Beim Einpacken nahm man einen Arm voller Kleider und schmiss den, ohne jegliche Umhüllung, einfach ins Autoinnere. Mein System war zwar ordentlich, aber es kostete mich auch viel Zeit, und so fuhr ich meistens erst nach eineinhalb Stunden komplett erschöpft nach Hause. Die Verkaufsartikel zu finden wurde zusehends schwieriger, denn wenn mir meine lieben Landsleute ein, zwei Tütchen brachten, kam ich damit kaum in Bedrängnis, denn ich verkaufte jeden Sonntag mehrere grosse, gut gefüllte Schachteln von meinen mitgebrachten Sachen. Während einiger Jahre konnte ich jeden zweiten Mittwoch an einer öffentlichen Versteigerung teilnehmen, das war dann Spass pur. Ich sagte immer, dass ein so ersteigertes „lot“ (Päckchen), meistens waren es zwei, drei Paletten mit vier bis zehn Schachteln, ein riesiges Aha-Erlebnis für mich sei. Beim Durchsehen der Ware zu Hause fühlte es sich jeweils an wie Geburtstag, Ostern und Weihnachten zusammen. Ich wusste nie genau, was ich ersteigerte, und der Überraschungseffekt war unbeschreiblich. Die Versteigerungen fanden immer in einem recht schmuddeligen Hangar statt. Der Gantrufer war ein Notar, und die Kunden waren mehrheitlich ältere, einfache, aber unwahrscheinlich sympathische Menschen. In Deutschland und der Schweiz hätte man vermutlich von Gerümpel gesprochen und nicht von Ware, denn das meiste war verstaubt und zum Teil recht schmutzig. Aber für mich war es einfach perfekt. Diese Paletten-Päckchen wurden nie teuer gehandelt und waren für mich natürlich äusserst interessant, denn damit konnte ich ganz gut verdienen. Klar, zuerst musste ich dann alles sichten und wie im Märchen verfahren – die guten ins Kröpfchen und die schlechten ins Töpfchen. Mit den aussortierten Artikeln fuhr ich zur hiesigen „Déchetterie“ (Kehrichtentsorgungsstelle), und den Rest wusch ich und wickelte alles nach meiner Manier ein. Dummerweise kamen sich der Notar und die übergeordneten Stellen in die Haare. Es wurde viel von „Bschiss“ etc. gemunkelt. Dem Notar platzte der Kragen, und er stellte die Versteigerungen ein. Ich war untröstlich, denn wo bekam ich nun den vielen Nachschub her? Ab und zu hatte ich Glück und konnte günstig ein paar gefüllte Kartons aus einem Inserat erwerben, aber die Gelegenheiten waren sehr rar. Wir sind mit einem Antiquar lose befreundet, und dieser macht seit ewigen Zeiten im ganzen Süden diverse Hausräumungen. Für ihn sind die antiken Gegenstände von Interesse, aber er muss natürlich auch das Uninteressante entsorgen. Er zog uns verschiedentlich zu den Räumungen bei. Ich konnte dann alles „Uninteressante“ gratis bekommen und beim Flohmarkt verkaufen. Aber es war zügiges Arbeiten vonnöten, denn da musste ich über meinen Schatten springen und mein System dem Seinigen anpassen. Es konnte nichts mehr eingewickelt werden, denn Beeilung war Programm. Ich musste versuchen, möglichst klug die Kartons zu füllen und mit einer tüchtigen Portion Optimismus darauf zu vertrauen, dass möglichst viele Artikel dieses rüde Benehmen überstehen würden. Sichten, sortieren, reinigen und einwickeln kam dann erst wieder zu Hause zum Tragen. Es war mindestens so traurig und entmutigend wie auch interessant, wenn man bei einer Hausräumung dabei war. Unglaublich, von was sich die Menschheit nicht trennen will und kann. Plötzlich ist man alt, gebrechlich oder nur einfach zu müde, und man kann nichts mehr selber organisieren. Dies müssen dann wildfremde Menschen tun, eben die Hausräumer. Ich sagte oft, ein solches Elend möchte ich meiner Nachwelt nie hinterlassen. Viele Bücherfreunde tun sich schwer, sich von ihren Büchern zu trennen. Bei grossen klassischen Werken macht das ja noch Sinn, aber das Meiste könnte man noch zu Lebzeiten selber den entsprechenden Containern übergeben. Mode, Geschmack und Zeitgeist verändern sich stark und genau diese Veränderungen machen leider auch nicht vor den Büchern halt. In meiner Jugend hatte man immer ein Sonntags- und ein Alltagsgeschirr-Service im Schrank. Man trug gezielt Sonntags- und Werktags-Kleider, hatte Tischwäsche für hohe Feiertage und vieles andere mehr. Heute leben wir in einer grossen Wegwerfgesellschaft, ob wir nun wollen oder nicht und die Mode wechselt schneller als wir „Babi“ sagen können. Darum finde ich es deutlich besser, wenn man sich rechtzeitig mit dem Entsorgen befasst. Einmal halfen wir ein Haus räumen. In der Garage standen mindestens 50 stark verstaubte Einmachgläser mit allerlei Obst gefüllt. Philippe fragte noch: „Wollen Sie diese Gläser haben? Ansonsten schmeisse ich sie weg.“ Natürlich wollte ich sie behalten, nicht etwa wegen dem fruchtigen Inhalt, nein wegen der Gläser. Ich dachte, dass ich den Inhalt im Wald auskippen und sich dann die Wildschweine diesem Obst widmen könnten. Die Gläser wollte ich reinigen und verkaufen, denn es gibt recht viele Marktbesucher, die ganz gerne Einmachgläser kaufen. Ruedi brummte zwar beim Einladen über meinen gedanklichen Schwachsinn, aber er half mir trotzdem. Zu Hause wollte ich die Gläser öffnen, um alles seiner Bestimmung zuzuführen. Aber du heiliger Bimbam, ich musste kleinbeigeben. Die Gläser waren dermassen alt, verklebt von der langen Lagerung, dass ich sie mit keinem Trick der Welt aufbekam. Zähneknirschend lud ich alles wieder ein und fuhr zur „Déchetterie“. Dort hiess es: Ab in den Container für nicht brennbares Zeug! Schade drum! Aber ich bemerkte schon oft, dass recht viele Menschen von einer Art Raffgier befallen sind, wenn Obst und anderes gratis zu haben ist. Es wird jedes Jahr eine Menge Marmelade eingekocht und dabei wird leicht vergessen, dass sich die Anzahl der Familienmitglieder verringert hat, denn die Kinder sind schon länger ausgeflogen, und das verbliebene Elternpaar benötigt auch nicht mehr so viel Nahrung wie früher. Ich koche selber jedes Jahr Marmelade ein, aber nur gerade so viel, dass bis Ende des Jahres alles aufgegessen ist. Allerdings habe ich des Öfteren von verschiedenen Besuchern mehrjährige Konfitüren als Gastgeschenk bekommen, denn wie gesagt, sie hatten eben dem günstigen Angebot einfach nicht wiederstehen können. Selbstverständlich klebten der guten Ordnung halber die entsprechenden Etiketten samt Jahreszahl auf dem Töpfchen.

Bei den verschiedenen Hausräumungen kam ich öfter mal ins Grübeln, denn ich fragte mich, wie ein alter Mensch in einer so himmeltraurigen Umgebung sein Dasein fristen konnte. Im Wohnzimmer-Glasschrank zum Beispiel lag das Sonntagsgeschirr in einem mindestens fünf Zentimeter hohen Bett aus Papierschnitzeln vermischt mit Mäusekot. Dass beim Alltags-Geschirr kaum ein unbeschädigtes Stück dabei war, konnte ich ebenfalls kaum verstehen. Wie oft sagen gerade ältere Menschen: „Ach, das genügt mir noch, warum sollte ich mir etwas Neues und Schönes kaufen, ich lebe ja eh nicht mehr so lange.“ Aber bei einer solchen Denkweise kann ja gar keine Freude aufkommen und es ist kein Leben, sondern eher ein Vegetieren. Ich für meinen Teil will in und mit ordentlichen Sachen leben. Es muss ja nichts Teures sein, aber sich wenigstens sauber präsentieren. Da höre ich von Freunden und Kollegen von links bis rechts, dass man die Enkel hüten muss. Meistens wird diese Hüte-Pflicht auch mit einem tiefen und langen Seufzer begleitet, denn man habe halt nicht mehr so viel Energie wie ein paar Jahre zuvor. Die meisten erzählen auch, dass sie nachher jeweils total kaputt seien und ziemlich lange benötigen, bis sie wieder zu Kräften gekommen sind. Auch diese Thematik spielt sich länderübergreifend in ähnlicher Form ab. Die Franzosen erzählen oft mit mehr oder weniger Stolz von ihren „Petits“, auch wenn diese Kleinen längstens selber im Erwerbsleben stehen. Früher hatte man gerade neben den Bauernhäusern ein sogenanntes „Stöckli“ oder in einem grösseren Einfamilienhaus noch eine kleine Wohnung für die Eltern. Eher selten waren diese Wohngelegenheiten dazu angetan, um besser die Kinder hüten zu können. Nein, vielmehr konnten sich so die Grosseltern noch mit kleineren Arbeiten etwas nützlich machen und falls sie krank wurden oder Pflege benötigten, konnten die Jungen sie wiederum leichter unterstützen. Heute sind diese Wohnmöglichkeiten etwas aus der Mode gekommen. Die Grosseltern können und müssen die „Kleinen“, „les petits“ hüten, aber wenn sie dann Hilfe oder Pflege benötigen steckt man sie in ein Altersheim oder lässt sie im angestammten Haus „vegetieren“. Meine diesbezüglichen Grübeleien und Gedankengänge befanden alles als grosse Ungerechtigkeit. Als Mutter kümmert und sorgt man sich ein ganzes Leben um das Wohlergehen seiner Kinder, aber im Gegenzug wird mancher Elternteil auf das Abstellgeleis geschoben und eben auch ganz gerne etwas vergessen. Man kann sich dann immer noch mit Äusserungen wie stressiger Beruf, zu viel um die Ohren mit der eigenen Familie etc. herausreden, damit man trotzdem noch in den Spiegel schauen kann. Meine Argumente gipfeln immer in diesem einfachen Satz: Jeder Mensch hat täglich genau 24 Stunden zur Verfügung, wie man diese füllt, ist allerdings jedem selber überlassen. Ein Anruf oder ein kurzer Besuch bei Mama sollte da eigentlich schon drin liegen. Eines Tages steht jeder am Grab seiner Eltern. Weinen hilft dann auch nicht mehr, und die Zeit zurückdrehen geht eben auch nicht. Daher sollten alle versuchen, dass auch gebrechliche Menschen ein freundliches, gepflegtes Leben haben und nicht zwischen ramponiertem Geschirr und Mäuseexkremente ein respektloses Dahinvegetieren erleben müssen. Neulich sah ich folgenden Aufruf an einer Anzeigentafel einer Gemeinde. Diese Tafeln sind seit ein paar Jahren fast in jedem Ort aufgestellt. Sie können von den Gemeindepräsidenten elektronisch bedient und beschriftet werden. Es ist eine ganz praktische Angelegenheit für die Bevölkerung. Bis vor ein paar Jahren wurde das Wasser oder der Strom von einer Minute zur anderen einfach abgeschaltet, ohne dass die Dorfbewohner vorher in Kenntnis gesetzt wurden. Diese Arroganz stiess den meisten Leuten recht sauer auf und sie beschwerten sich überall, dass man mindestens eine Mitteilung machen könnte, denn beim Versenden der Rechnungen würde man sie schliesslich auch finden. Natürlich wäre das ein zu grosser Aufwand, um jeden Einzelnen zu benachrichtigen. Also wurden überall diese Hinweistafeln aufgestellt. Man erfährt, was in der Gemeinde so ansteht in Form von Festlichkeiten, die Tagestemperaturen, Mitteilungen über das Ausbleiben der Müllmänner und ähnliches mehr. Nun konnte ich also erfahren, dass zurzeit eine Gluthitze herrsche und man sich unbedingt regelmässig bei seinen Angehörigen (die nicht im gleichen Haushalt leben) melden solle, um sich zu versichern, dass mit ihnen alles in Ordnung sei. Wieder einmal staunte ich. Offenbar sind die Menschen heute derart mit Wichtigem beschäftigt, dass man sie sogar öffentlich auf ihre Pflichten hinweisen muss. In meinen Augen ist dies ein mehr als bedenklicher Zustand, denn es scheint, dass der gesunde Menschenverstand gänzlich verloren gegangen ist. Kürzlich konnte ich in der Zeitung lesen, dass ein Herr aus Nîmes eine Methode entwickelt habe, damit man nie mehr seine Kinder im abgeschlossenen Auto vergessen könne. Zu einer solchen Erfindung brachte ihn der Todesfall eines Kleinkindes aus Italien, denn dort starb ein solches vor zwei Jahren. All diese Vorkommnisse muten doch sehr bedenklich an.

Wir konnten nicht nur mit Philippe räumen gehen, nein, auch bei einigen Schweizern waren wir diesbezüglich zu Gange. Gar mancher hatte sich ein Haus im Süden gekauft, als die eigenen Kinder etwas flügge geworden waren. Die meisten benutzten diese Häuser nur als Feriendomizil. Einige hegten allerdings die leise Hoffnung, beim Eintritt ins Rentenalter auch hier zu leben. Meines Erachtens waren dies eher unglückliche Gedanken, denn so vorausschauend planen führt meistens ins Abseits. Wir lernten viele Deutsche und Schweizer kennen, die sich ein Ferienhaus leisten konnten. Mit einigen waren wir ein paar Jahre befreundet und hatten zuvor auch für viele von ihnen gearbeitet. Freilich verwirklichte kaum einer die gehabten Pläne. Plötzlich hatte man ein Wehwehchen oder sogar etwas Ernsthafteres und musste nun regelmässig zur ärztlichen Kontrolle, und die gemachten Auswanderungspläne fielen ins Wasser. Die Männer hätten oft gerne diese Pläne in die Tat umgesetzt, aber da wollte die Gattin plötzlich nicht mehr mittun, denn jetzt sah sie sich genötigt, die Enkelkinder zu betreuen und zu versorgen. Einige Männer beklagten sich bei mir in bitterlicher Form darüber, dass die Gemahlin nun