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Alltagsprobleme und Freuden in einer Pandemie
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Seitenzahl: 219
Veröffentlichungsjahr: 2022
EIN WINDHAUCH,
HOFFEN UND
BANGEN
EIN WINDHAUCH,HOFFEN UNDBANGEN
Verena Aeschbacher
Den beiden Tredition Frauen,
Theresa Reichelt und Jacqueline Stumpf,
vielen Dank für ihre grosse Geduld.
© 2022 Verena Aeschbacher
Lektorat: Erika Kühn, Dr. Elisabeth Steiner
Buchsatz von tredition, erstellt mit dem tredition Designer
ISBN Softcover: 978-3-347-58414-3
ISBN Hardcover: 978-3-347-58415-0
ISBN E-Book: 978-3-347-58416-7
ISBN Großschrift: 978-3-347-58417-4
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Das Jahr danach
Wir befinden uns immer noch in der Warteschleife für einen Impftermin. Am Anfang war unser Alltag von Ungeduld geprägt, jetzt, wo alles in greifbare Nähe rückt, macht sich eher eine gewisse Unsicherheit und Ängstlichkeit breit. Natürlich sagt die halbe Welt, dass es ohne eine gescheite Impfung nicht geht, aber es tauchen auch immer wieder Meldungen von grösseren Problemen auf. Unsere neue Nachbarin ist geimpft worden und hatte keine Unpässlichkeiten. Auch unser Hausarzt erzählte, bei der letzten Kontrolle von Ruedi, dass er schon zweimal geimpft sei, und absolut keine Probleme hatte. Aber dann liest man in den verschiedenen Medien, dass hier und dort nicht alles zum Besten stand.
Letzthin, wir standen marschbereit vor unserer Haustüre, als ein älteres Ehepaar mit seinem Hündchen des Weges kam. Ein freundliches „Bonjour“ wurde ausgetauscht, und nur wenig später waren wir mit diesen uns unbekannten Menschen in ein angeregtes Gespräch verwickelt. Ich weiss gar nicht mehr, warum und wieso wir ins Gespräch kamen, aber irgendwie hatten wir es geschafft. Die beiden wollten zum Schloss hoch- marschieren, allerdings merkte die Dame an, dass sie nicht mehr so schnell seien wie früher. Ich hatte sie in etwa in unsere Altersklasse geschätzt und antwortete nun lachend, dass wir alle ja keine 20 mehr wären und uns somit mit dem Marschieren etwas Zeit lassen könnten. Es schien mir, dass die Dame förmlich nach einem Gespräch dürstete, und für solche Mitmenschen habe ich immer ein Herz und auch ein offenes Ohr, denn zurzeit muss man sich ja an jeden Strohhalm klammern, der einem etwas Abwechslung verspricht. Wir entschieden, dass wir gemeinsam losziehen könnten, denn wir hätten ja ein Stück weit den gleichen Weg. Als die Abzweigung zum Schloss vor uns lag, zeigte ich dem Ehepaar diesen Weg und sagte, dass wir hoch zum Plateau marschieren wollten. Die beiden entschieden, dass sie uns eigentlich begleiten könnten, denn natürlich hatte ich ihnen in diesem Sinn auch etwas zugeredet. Auch diese Leute hatten schon die erste Impfung erhalten und meinten, dass ihnen bloss der Arm etwas geschmerzt hätte, aber ansonsten sei alles gut verlaufen. Sie waren beide 78 Jahre alt und hatten immer Sport getrieben. Zuerst sei es das Reiten und Salontanzen gewesen und jetzt das Wandern und Radfahren. Auch sie würden elektrisch fahren und das sei wunderbar, erzählte der Herr. Ich merkte an, dass wir keine andere Wahl gehabt hatten nach Ruedis Infarkt, aber dass wir darüber jetzt ganz glücklich seien, denn in fortgeschrittenem Alter mache das erleichterte Fahren eben auch Sinn. Die Dame lüftete ein Stück ihres Pullovers und zeigte eine Narbe, denn sie hätte vor vier Jahren einen Krebs gehabt. „Oh, das war nicht immer so einfach, denn ich hatte kein einziges Haar mehr auf meinem Kopf nach der Chemotherapie. Aber wissen Sie, es spielt sich alles hier drin ab“, und damit zeigte sie auf ihre Stirn. „Es geht mir wieder sehr gut und ich geniesse jeden Tag in vollen Zügen.“ Ihre Äusserungen stimmten mich froh, aber doch auch sehr nachdenklich. „Ah, die Rennstrecke oben beim Plateau, die kennen wir natürlich auch, denn wir haben unsere Motorradprüfungen dort absolviert“, fügt sie mit leuchtenden Augen an. Wir bummelten weiter, Ich ging einfach immer voraus und palaverte dazu alles Mögliche, ohne zu wissen, ob die Route denn passte. Sie folgten mir brav, und Ruedi machte das Schlusslicht. Natürlich schwärmte ich über die herrliche Heidelandschaft und die vielen, vielen Wege, die eigentlich alle so angelegt seien, dass man immer wieder zurück nach Lédenon komme, es sei halt ein bisschen wie mit Rom, denn auch dorthin würden viele Wege führen. Die beiden befanden unsere kleine, gemütliche Wanderung als sehr gelungen und bedankten sich zum Schluss ganz überschwänglich, denn sie hätten, ohne danach zu fragen, einen guten „Guide“ gehabt. Sie marschierten dann doch noch zum Schloss, und Ruedi und ich machten uns auf den kurzen Heimweg. So kleine Begebenheiten tun der einsamen, isolierten Seele in einer Pandemie äusserst gut.
Ein paar Tage zuvor kreuzte sich unser Weg mit dem der neuen Nachbarin. Ich war ganz erfreut, dass wir sie wieder einmal zu Gesicht bekamen, denn sie war bis eben nur immer tageweise in ihrem Haus. Sie verriet uns, dass sich dies gerade ändern würde, denn sie hätte sich von ihrem Partner nach zehn gemeinsamen Jahren getrennt. Ihre Stimme brach bei den letzten Worten und sie kam nicht umhin, sich einige Tränen abzuwischen. In normalen Zeiten hätte ich sie wohl kurz in den Arm genommen, aber mit Corona war dies nicht möglich. Und doch tat sie mir so leid. Wie sie da bei uns stand, wirkte sie so verletzt und zerbrechlich, es war kein guter Anblick. Wieder zu Hause, beschloss ich am nächsten Tag zu backen. Vorher musste ich allerdings noch zur Apotheke, um die Medikamente für Ruedi zu holen. Ich kaufte nebenan noch ein kleines Blümchen, welches ich zu Hause in eine hölzerne Tasse stellte, die Ruedi gedrechselt hatte. Dann bereitete ich den Teig zu und backte kleine Gugelhopfe. Zwei davon schlug ich in Folie ein. Weil die Nachbarin keine Türklingel hat, heftete ich einen Zettel an ihr Gartentor mit der Bitte, bei uns zu klingeln, wenn sie nach Hause komme. Abends stand sie dann vor unserer Haustüre. Ich überreichte ihr das Blümchen und die Backwerke und sagte, dass ich sie damit ein wenig aufmuntern möchte, denn sie scheine es nötig zu haben. Sie schien sich sehr zu freuen. Ein paar Tage später entnahm ich unserem Briefkasten eine Dankeskarte mit den herzlichen Worten, dass eine solche Geste Balsam für das Herz sei. Sie hatte ihre Telefonnummer dazugeschrieben, damit wir uns melden könnten, falls wir etwa Hilfe benötigten. Ich revanchierte mich danach mit unserer Telefonnummer, denn es ist immer gut, wenn man weiss, wo man klingeln kann. Diese Pandemie hatte uns und sicher auch vielen anderen gezeigt, wie wichtig die Nähe zu den Nachbarn ist. Man muss sich ja nicht gerade überlaufen, aber wenn es darauf ankommt, sind freundliche, nette Menschen aus der nächsten Umgebung ein Segen.
Ruedi und ich stellen unsere Handys während der Nacht auf aus. Aber wir haben uns angewöhnt, jeden Morgen um acht Uhr aufzustehen. Ruedis Handy ruft in unserem Wohnzimmer immer ganz leise "Kuckuck", damit wir wissen, dass es Zeit zum Aufstehen ist. Unser Fenster ist das ganze Jahr nachts etwas geöffnet. Am frühen Morgen, so ab vier Uhr, höre ich meistens die verschiedenen Nachbarn in Richtung ihres geparkten Autos tappen und gehen, wenn sie denn zur Arbeit oder zur Schule fahren. Ab da schlafe ich meistens noch zwei, drei Stunden tief und fest. Heute aber werde ich plötzlich von lauten Rufen, nein, eher von Schreien durch verschiedene Männerstimmen, und von schwerem Stiefel- Getrappel wach. Zuerst dachte ich, das sind wohl Jäger, denen eine Wildsau durchs Dorf entwischte, denn es hörte sich alles ziemlich aufgeregt und hektisch an. Irgendwie fand die ganze Schreiaktion in unserem Quartier statt, und da musste ich meine vorwitzige Nase nun doch aus dem Fenster strecken. „Was hat das denn zu bedeuten? Oben beim kleinen Parkplatz stehen geparkte Autos quer in der Strasse, und einige haben die Warnblinker angestellt. Das ist doch nicht normal!“ So gingen meine gemachten Kommentare in Richtung Ruedi, der sich noch schlaftrunken im Bett ausstreckte. „Du, ich glaube, das sind Polizisten, denn gerade kommen zwei mit ihren Helmen unter den Armen wieder in Richtung Parkplatz und sie legen die Helme in ein Auto. Ja, da sind zwei grosse Polizeiautos dabei.“ Jetzt kommt eine Nachbarin vorbei und fragt einen der Polizisten, ob sie passieren dürfe. Er bejaht. Nun kommt ein anderer „Gendarme“, welcher einen Schutzschild vor sich her trägt, um ihn gleich in einem Fahrzeug zu verstauen. „Was soll das? Was hat das alles zu bedeuten?“ Ruedi war nun aufgestanden und gleich im Bad verschwunden. Dieweil hatte ich schon ein Hörnchen für ihn in den Backofen gelegt und ebenfalls ein Brot für das späte Frühstück. Ruedi war nun im Bad fertig, und so stellte ich mich unter die Dusche, dieweil Ruedi unser Bett machte. Die Lage schien sich in der Zwischenzeit beruhigt zu haben, denn als ich aus dem Bad kam, war keine Polizei mehr vor Ort. Beim gemeinsamen Morgenkaffee erzählte Ruedi lachend, dass er gesehen habe, wie die Fahrzeuge zwei Häuser weiter runter gefahren sind, um dort die erst kürzlich zugezogenen Nachbarn einzusammeln. Er schmunzelte und sagte: „Der Mann kam in Shorts und einem T-Shirt aus dem Haus und musste sich so ins Polizeiauto setzen. Die Frau hatte nur einen Morgenmantel übergeworfen und wurde auch ins Auto befördert. Zudem haben die Polizisten eine Menge diverser Artikel aus dem Haus getragen und in die Wagen gelegt.“ Nach einem Blick zu unserer Wetterstation fügte ich an: „Hoffentlich wärmte die Polizei die Autos auf, denn es sind nur fünf Grad.“ Wie wir uns gegenseitig das Gesehene erzählten, mussten wir plötzlich lachen, denn es war bereits das zweite Mal, dass wir so durch die Polizei geweckt wurden. Vor drei, vier Jahren war an einem frühen Morgen auch so ein Riesenaufwand, aber beim gegenüberliegenden Nachbarn. Dort, im Erdgeschoss, wohnt ein alleinstehender Mann, er ist im gleichen Alter wie ich. Ich glaube, er war dreimal verheiratet und natürlich ebensoviele Male geschieden. Sein Sohn aus der letzten Ehe wohnte einige Zeit bei ihm. Der Alte ist ja schon ein halbwilder Bursche, der alles Mögliche getan hat und oft war es auch nichts Gutes. Zu uns ist er immer sehr nett und hilfsbereit, und eigentlich tut er niemandem etwas, aber er hat manchmal eine etwas eigenwillige Vorstellung von Moral und Recht. Heute scheint er ruhiger geworden, und ich vermeine zu wissen, dass ihn seine jetzige Freundin zähmte. Aber sein Sohn hatte sich wohl nur die schlechten Seiten des Vaters abgeguckt, denn er hatte ab und zu kleinere Scherereien mit der Polizei. Wir haben ihn schon ewig nicht mehr gesehen und vermuten, dass er wohl irgendwo etwas verbüssen muss. Also damals standen wir auch mit offenem Mund an unserem Fenster, denn acht Polizisten und eine Polizistin umstellten das Haus wie beim Fernsehkrimi. Allerdings erfolglos, denn die zwei Vögelchen waren schon früh ausgeflogen. Als alles Klopfen und Rufen keinen Erfolg zeitigte, sammelten die Polizisten ihr Zeug wieder ein und fuhren von dannen. Aber weil ich eben jeden Morgen Hörnchen und Brot in den Ofen schiebe, streckte die Polizistin zuvor ihr Näschen schnuppernd in die Luft und seufzte: „Oh, wie riecht das gut und lecker, ich bekomme gerade tüchtig Hunger.“ Heute allerdings hatte niemand geniesserisch geseufzt. Zwei Tage später konnte ich dann im „Midi libre“ lesen, dass die Polizei in unserem Departement an verschiedenen Orten eine Gross-Razzia mit 70 Polizisten durchgeführt hatte. Sie hatten einen Wink bekommen und fahndeten nun nach Waffen. Jetzt wusste ich auch, warum die mit Schutzschild, Helmen, zwei offiziellen Polizeifahrzeugen und zwei privaten Autos anrückten. Zuvor konnte ich einmal nachstehende Geschichte lesen, und die lässt mich noch heute laut lachen. Es hiess, dass die Polizisten in einem anderen Departement einen säumigen Schuldner einkassieren wollten. Sie hatten sich einem Haus genähert, geklopft, geklingelt und letztendlich die Haustüre eingetreten. Dummerweise hatten sie sich in der Hausnummer geirrt und die falsche Türe erwischt. Als dann der rechtmässige Eigentümer nach Hause kam, fand er seine fälschlicherweise zertrümmerte Haustüre vor. Natürlich beklagte er sich überall lauthals, und wenn so etwas vorkommt, dann hilft die Presse ganz gerne mit, denn das ist die Rache für erhaltene Strafzettel, die eigentlich keinem so richtig Freude machen. Ich konnte schon öfter feststellen, dass die Polizei nicht von allen geliebt wird, denn auch folgendes durfte ich lesen. Als Präsident Sarkozy gewählt wurde, liess er überall die Strassen mit Radargeräten aufrüsten. Die Geschichte war recht rentabel, denn bereits im ersten halben Jahr wurden Millionen damit einkassiert. Die Freude der Autofahrer allerdings hielt sich in bescheidenen Grenzen, und die Wut auf diese Geräte nahm stetig zu. Ich konnte dann verschiedentlich lesen, dass die Radarkästen sabotiert wurden. Dies ging mit Sprengsätzen, Feuerlegen, Bemalen etc. vor sich. Aber oft stand nur die Hülle dort und die Blitzer fehlten noch, und dennoch wurden die Kästen schon erledigt. Kurz vor einem Nachbardorf steht auch so ein Mist-Ding. Der Kasten hatte bestimmt ein halbes Dutzend mal gebrannt. Jetzt hängt er in einer ungefähren Höhe von gut zwei Metern, und er blitzt, was das Zeug so hergibt. Mich hat er auch schon erwischt. Dumm gelaufen! Ich war stinksauer, denn ich war nur einen einzigen Kilometer zu schnell. Eigentlich kein Drama, denn das kann mal passieren. Was mich aber nervte war der Bussbescheid, denn da wurde ich als Raser betitelt, und das finde ich ungerecht. Bloss haben die Administrationen eben für alles immer nur ein Formular, egal, ob einen oder 50 Kilometer zu schnell, man gehört damit sofort zu den Rasern. Die Busse kostete mich 45 Euro, schade um das schöne Geld, aber zusätzlich gab es noch einen Verlustpunkt beim Verkehrsamt, und das ärgerte mich deutlich mehr, denn ich habe gerne eine weisse Weste, oder zumindest eine dunkelweisse.
Es klingelte am Samstagabend an unserer Haustüre. Die Nachbarin zur Rechten steht, bewaffnet mit einem Kuchenteller, davor. Sie hätte heute gebacken, natürlich wie immer viel zu viel, merkte sie an. „Morgen, am Sonntag ist ja Grussmuttertag, und da dachte ich, dass ich Ihnen zwei Obsttörtchen bringen könnte, denn für Sie ist es ja gerade nicht so einfach.“ Ich freute mich sehr, aber ich musste gestehen, dass mir der heurige Grossmuttertag entfallen war. Die Franzosen scheinen diesen Tag sehr zu mögen. Sie feiern ihn seit 30 Jahren. Am Anfang war er, wie es heisst, als Werbung für eine Kaffeemarke gedacht, denn es gibt den „Grandmère- Kaffee.“ Ich kann ihn nicht ausstehen, denn er ist viel zu schwach für meinen Espresso verwöhnten Gaumen. Als ich noch in der Schweiz lebte, feierte man höchstens den alljährlichen Muttertag. Die Grossmütter waren da inbegriffen, denn sie waren ja auch jemandes Mutter. Die Franzosen aber haben offenbar mehr Gespür für verschiedene Feierlichkeiten, denn Grossmütter, Grossväter, Mütter und Väter werden regelmässig einzeln gefeiert. Ich bin nicht so der Typ für solche Feierlichkeiten, denn während meiner Zeit als Gastwirtin konnte ich oft genug erleben, dass man den Muttertag feiern musste. Es wurde dann alles Mögliche in Bewegung gesetzt, damit das einsame Mütterchen zumindest einmal im Jahr so richtig betüddelt wurde. Ich war mir stets sicher, dass es den meisten Müttern bestimmt besser gefallen hätte, wenn man sie denn während des Jahres öfter besucht, und ihnen dadurch vermehrte Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Nein, einmal pro Jahr musste Mutti den Sonntagsrock anziehen und wurde förmlich in ein Gasthaus geschleift. Dort sassen dann die so verschleppten Mütter etwas unsicher und hilflos auf einem Stuhl und lächelten mehr oder weniger selig in die Runde, dieweil sich die Jungmannschaft mit allen möglichen Zuwendungen überschlug. Ich fand, dass das Ganze eher geheuchelt statt ehrlich rüberkam. Nun also wurde mir gerade glasklar vor Augen geführt, dass ich bei den Grossmüttern angekommen war. Dass ich stolze Grossmutter bin ist unbestritten, denn jeder meiner vier Enkelsöhne bedeutet mir unendlich viel. Allerdings geht mir der Anspruch gänzlich ab, um an einem Grossmuttertag geehrt zu werden, denn für diesen Status kann man ja nichts. Die Nachbarin hatte es sehr nett gemeint, und ich habe mich ja auch gefreut. Ich bat sie nun in mein kleines Nähstübchen, damit ich ihr zeigen konnte, was ich denn gerade fabrizierte. „Oh, das ist ja niedlich, ich möchte Ihnen gerne so einen Haarreifen abkaufen für meine Nichte.“ Haarreifen, vor allem für kleine Mädchen, sind gerade mein neuestes Projekt. „Welche Farbe bevorzugt Ihre Nichte denn?“ Natürlich war es Rosa, aber von denen war noch nichts fertig. Ich liess sie noch ein Figürchen aussuchen und versprach ihr, den Reifen anschliessend zu überbringen, aber ich würde ihn ihr schenken, das sei doch klar. Sie verabschiedete sich, und ich bastelte den Reif fertig. Kurz darauf stand ich mit meinem Ergebnis an ihrer Türe. „Kommen Sie rein, denn schauen Sie“, damit zeigte sie auf den bereits fertig gedeckten Tisch, „wir werden 13 Personen sein am grossmütterlichen Mittagstisch.“ Ich sagte nichts, denn noch in dieser Woche bat der Gesundheitsminister, dass man sich nur mit maximal sechs Personen in einem Raum treffen solle. Ich staunte, denn wenn wir Besuch erwarteten, war alles sauber aufgeräumt, und der Tisch wurde erst kurz vor Eintreffen der Gäste gedeckt. Hier aber scheint alles verkehrt herum zu laufen, denn überall lagen Schuhe, Kleider, Spielsachen, angefangene Handarbeiten, Stoffreste und 100 andere Gegenstände wild durcheinandergewürfelt herum. Da ich ja nicht eingeladen war, musste ich mir diesbezüglich gar keine Gedanken machen, aber ich bin sicher, dass es dort kaum anders ausgesehen hatte, als die Gäste anrückten. Wir stiegen nämlich noch in das obere Stockwerk, denn die Nachbarin wollte mir noch einige Stoffreste schenken, sie hätte früher mal einen Handarbeitsladen gehabt, und da sei eben noch Stoff übrig geblieben. Mir sollte es recht sein, denn Stoffe kann man immer irgendwie gebrauchen und während Corona- Zeiten sogar noch besser als zuvor. Auch oben sah es ähnlich aus wie unten, alles übervoll, Chaos pur und die halboffenen Schränke quollen über. Ich staunte. Ich mag diese Menschen ja sehr, trotz oder vielleicht dank ihrer Unvollkommenheiten. Ich durfte mir die Stoffe aussuchen. Fünf verschiedene Stücke hatte ich wenig später auf dem Arm und erhielt auch noch das Versprechen, dass ich seelenruhig wiederkommen dürfe, um mir Nachschub zu holen. Freudig dankend machte ich mich auf zu uns, nur eine Treppe runter und über die Strasse, und schon war ich wieder da, wo ich hingehörte. Wiederum hatte ich Ruedi etwas zu erzählen. Wundern tat ich mich, dass man überhaupt so leben konnte, und die beiden Kinder führten vermutlich das Chaos später dann gleich weiter, denn sie hatten es ja nicht anders kennengelernt. Wir widmeten uns wenig später einem grossen Salatteller und gönnten uns nachher die erhaltenen Törtchen. Allerdings durfte ich beim Essen nicht an den grossen Wirrwarr denken, denn ansonsten würgte mich das Küchlein im Hals.
Heute war eine kleine Runde mit den Fahrrädern angesagt, denn wir wollten wieder einmal „Miggu“ besuchen. Als wir bei den Unterständen ankamen, gab „Miggu“ ein fröhliches Konzert und zitterte dabei geniesserisch mit ihren Lippen. Auch der Braune erhob sich aus seinem Strohbett und wieherte leise, denn das getoastete Brot lieben die beiden über alles. Ein paar Streicheleinheiten und freundliche Worte verteilen und schon fuhren wir weiter, denn es war immer noch ordentlich frisch. Nach 25 Kilometern waren wir wieder zu Hause. Es hatte richtig gut getan, denn der Kopf konnte wieder an etwas anderes denken als nur an Corona. Am nächsten Tag nach unserem Morgenkaffee machten wir uns zu Fuss auf in Richtung Plateau. Es ist Mitte März und überall blüht es in dieser faszinierenden Heidelandschaft. Die Zwerg- Iris sind am Start. Erstaunlich, denn oft haben die nicht einmal eine Grösse von 10 cm. Sie blühen in Zitronengelb, Weiss, selten in Violett und in einem schönen, satten Blau. Manchmal hat es eine Gruppe mit 20 Stück, dann wieder stehen sie nur einzeln. Jeden Tag sind es wieder ein paar mehr. Zwischendurch stehen vereinzelt weisse Narzissen, deren Blüten bloss eine Grösse von einem kleinen Fingerhut haben. Sie duften himmlisch. Umrahmt wird diese Blütenpracht von -zig verschiedenen Sträuchern, wie diverse Buchse mit zartgelben Blüten. Die Bienen scheinen sie sehr zu mögen, denn es summt und schwirrt über die Büsche hinweg, dass einem das Herz im Leibe lacht. Ein dorniger Busch blüht dazwischen mit knallgelben Blumen. Es soll sich um eine koreanische Forsythie handeln, wie es bei Google heisst. Zurzeit sieht man jede Menge kleiner, nein eher winziger Blümchen in hellrosa mit ihren sternförmigen Köpfchen am Wegrand stehen. Ich weiss nicht, was es denn ist. Ich sagte zu Ruedi, dass sie mich an Augentrost erinnern würden. Als Kind zeigte mir unser Vater diesen und erzählte, dass er ganz gut sei für die Heilung von Augenproblemen. Er zitierte öfter mal die Schwester Rösli. Sie war eine Diakonissen-Krankenschwester, und wir sahen sie fast jeden Tag irgendwo Kräuter und Blumen einsammeln. Sie wurde bei gesundheitlichen Problemen auch schon mal um einen guten Rat gefragt. Sie trug immer ein schwarzes oder dunkelblaues Kleid mit kleinen weissen Punkten. Ihre weisse Haube war unter dem Kinn geknotet und stets untadelig gestärkt. Sie war nicht sehr gross und ein bisschen rundlich, und sie trug schwarze Wollstrümpfe mit halb hohen schwarzen Schnürschuhen. Ich weiss, dass sie bei Erkältungen immer von Schlüsselblumentee mit viel Honig erzählte. Oder aber man sollte heisse Milch mit Honig trinken, aber das Ganze müsse ekelhaft süss sein. Beim Gedanken an diese Getränke schüttelt es mich heute noch, denn mir war das Zeug mehr als verhasst, und Schmerzen und Erkältungen besserten sich ziemlich schnell, nur damit man nicht mehr solche Arznei bekam. Schwester Rösli wurde dann später von der Schwester Frieda abgelöst. Diese war meistens in ein hellblaues Kleid mit weissen Punkten gekleidet. Sie war gross und weniger füllig. Auch das Kräutersuchen ging ihr ab. Die beiden waren als Gemeindeschwestern tätig und irgendwie eine Bindeglied zwischen Arzt und Patient. Auf alle Fälle waren sie zu der damaligen Zeit eine grosse Hilfe für die Bevölkerung. Ja, solche Gedanken und Erinnerungen hüpfen einem durch den Kopf, wenn man an einem speziellen Blümchen vorbeigeht. Ruedi bekommt dann immer gleich die umherspringenden Gedanken übermittelt. Manchmal hat auch er etwas beizusteuern, aber meistens hört er mehr oder weniger interessiert zu. Nach 5 Km sind wir wieder zu Hause und mein Magen knurrt, denn jetzt gibt es Frühstück.
Es ist Freitag, und unser Häuschen wurde am Vormittag von uns gemeinsam gereinigt. Super, wieder einmal geschafft. Nach dem Frühstück also losmarschieren und sofort hoch zum Plateau, denn wir haben nur 10 Grad um die Mittagszeit und dazu noch kräftigen Wind. Zurzeit blühen hunderte der Zwerg- Iris und jeden Tag sind es ein paar mehr. Dieser Blütenvielfalt ist es zu verdanken, dass mein Kopf wieder normaler wurde, denn mit den Schönheiten der Natur wird auch Corona etwas in den Hintergrund gedrängt. Heute Morgen hatte ich das Gefühl, dass mich das ganze Elend erdrücken wird. Jetzt bin ich wieder in der Lage, mich auf meine kleinen Projekte zu konzentrieren. Schürzen habe ich bestimmt genügend am Lager, und ich kann nur hoffen, dass wir das angesammelte doch noch irgendwann bei einem Markt abbauen können. Haarreifen für kleine Mädchen hängen auch schon etliche am hölzernen Gestell, welches mir Ruedi gebaut hat. Jetzt fertige ich noch diverse Stücke für Kundinnen mit langen Haaren. Partnerschürzen liegen ebenfalls schon etliche auf den Bügeln. Die Küchenschränke und die Zimmertüren sind neu gestrichen. Der Geschirrschrank im Wohnzimmer hat neue Deckchen bekommen, denn ich mag kein Papier in den Schränken, also lege ich Deckchen aus Stoff darin aus, denn diese kann ich ab und zu waschen. Zwei Vorhänge mussten erneuert oder verlängert werden. Dann kam ich auf die Idee, mir ein Schnittmuster für ein paar Sommerhosen zu machen. Hierauf wurde schon mal ein Probeexemplar gefertigt. Ruedi staunte, aber ich fand, dass es noch deutliche Verbesserungen bräuchte. Aber ich erwähnte auch, dass ich sie bestimmt anziehen werde. Das zweite Paar wartet nur darauf, dass ich es zusammennähe. Allerdings kämpfe ich immer wieder mit meinem nicht perfekten Wesen. Eigentlich würde ich alles gerne immer sehr genau und exakt machen, aber ich erreiche die angestrebte Perfektion wohl niemals. Am Willen fehlt es nicht, aber ich scheitere immer wieder am Können. Klar heisst es immer wieder, dass Übung den Meister mache, bloss bleiben die meisten von uns dann doch nur am Durchschnitt kleben. Ich übe dennoch weiter. Seit eh möchte ich besser, perfekter sein bei all meinen Tätigkeiten, und schaffe es doch nicht. Irgendwie laufe ich mir immer selber in die Quere. Gerade darum bewundere ich Menschen, die nicht so perfekt sind, denn sie lassen ihr Leben einfach so dahinplätschern, und fühlen sich weder unter Zugzwang gesetzt, noch gieren sie nach Verbesserungen. Von daher passe ich ganz gut in den Süden von Frankreich mit seinen vielen Unebenheiten. Ah, folgendes erweckte meine Aufmerksamkeit beim Nach-Hausekommen, denn ich hörte eine Katze immer wieder miauen. Es war ungewöhnlich, denn Katzen schreien ja nicht grundlos. Ich horchte in die Richtung der klagenden Töne. Es schien mir, als käme das Miauen aus der Garage der neuen Nachbarin. „Das kann nicht sein, denn aus dieser könnte sie doch entfliehen, schliesslich gibt es eine grosse Öffnung zum Innenhof oder was meinst du, Ruedi?“ Er deutete in Richtung eines anderen Nachbarn und sagte: „Die sitzt doch dort oben auf der Terrasse.“ Auf alle Fälle konnten wir beide die gehörten Töne nicht klar einem Ort zuordnen. Vorerst beliessen wir es dabei und machten uns auf in Richtung Frühstückstisch. Später sass ich dann auf unserem Balkon und spielte am Computer einen Jass mit verschiedenen Menschen aus aller Welt. Es miaute immer und immer wieder. Langsam
