Changing the Rules - Janina Pohl - E-Book
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Changing the Rules E-Book

Janina Pohl

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Beschreibung

Wenn deine Liebe wider alle Vernunft ist, entscheidest du dich für dein Herz?

Cassandra Roux kehrt nach zwei Jahren zurück nach Ashwale, Kalifornien, und trifft prompt auf Nathan Keat. Die beiden können sich nicht ausstehen – er ist überheblich, eingebildet und dennoch unwiderstehlich. Trotz der Fehde zwischen ihren Familien kreuzen sich ihre Wege ständig, da Nathan Kapitän der Basketballmannschaft ist, über die Cassy im Rahmen ihres Studiums berichten muss.

Zwischen hitzigen Schlagabtauschen, einem Rettungsversuch von Nathan und einem leidenschaftlichen Kuss beginnt Cassy, ihn von einer neuen Seite kennenzulernen. Nathan offenbart ihr schließlich den Druck, den sein Vater auf ihn ausübt, und Cassy teilt die Last ihrer familiären Probleme. Nach einer gemeinsamen Nacht steht ihre Liebe im Mittelpunkt von Konflikten – zwischen Cassy und ihrem Bruder Théo und Nathan und seinem Bruder Samuel. Als Harry, Cassys Ex, versucht, sie bloßzustellen, steht ihr gemeinsames Glück auf dem Spiel. Wird sich Nathan öffentlich zu ihr bekennen?

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Seitenzahl: 468

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zum Buch

Cassandra Roux kehrt nach zwei Jahren zurück nach Ashwale, Kalifornien, und trifft prompt auf Nathan Keat. Die beiden können sich nicht ausstehen – er ist überheblich, eingebildet und dennoch unwiderstehlich. Trotz der Fehde zwischen ihren Familien kreuzen sich ihre Wege ständig, da Nathan Kapitän der Basketballmannschaft ist, über die Cassy im Rahmen ihres Studiums berichten muss.

Zwischen hitzigen Schlagabtauschen, einem Rettungsversuch von Nathan und einem leidenschaftlichen Kuss beginnt Cassy, ihn von einer neuen Seite kennenzulernen. Nathan offenbart ihr schließlich den Druck, den sein Vater auf ihn ausübt, und Cassy teilt die Last ihrer familiären Probleme. Nach einer gemeinsamen Nacht steht ihre Liebe im Mittelpunkt von Konflikten – zwischen Cassy und ihrem Bruder Théo und Nathan und seinem Bruder Samuel. Als Harry, Cassys Ex, versucht, sie bloßzustellen, steht ihr gemeinsames Glück auf dem Spiel. Wird sich Nathan öffentlich zu ihr bekennen?

Zur Autorin

Janina Pohl wurde in Augsburg geboren und liebt nichts mehr, als sich in fiktiven Welten herumzutreiben. Schon in der Schule ließ sie sich von ihren Freundinnen regelmäßig Stichworte zustecken, um daraus kreative Geschichten zu basteln. Ihre Romanideen arbeitet sie am liebsten bei ausgedehnten Spaziergängen oder mit einer Tasse Cappuccino in der Hand aus, während ihre Notizbuchsammlung ins Unermessliche wächst. Auch sonst spielt Kreativität in allen Formen eine große Rolle in ihrem Leben. Ihren Schreiballtag teilt sie unter @janina.pohl.autorin auf Instagram.

Janina Pohl

Changing the Rules

Roman

reverie

Originalausgabe

© 2025 reverie in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Covergestaltung und -abbildung von Mi Ha, Guter Punkt, München

E-Book Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783745705133

www.harpercollins.de

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten.Die Rechte der Urheberin und des Verlags bleiben davon unberührt.

Liebe Leserinnen und Leser

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.

Deshalb findet ihr am Romanende eine Themenübersicht, die demzufolge Spoiler enthalten kann.

Wir wünschen euch das bestmögliche Erlebnis beim Lesen der Geschichte.

Euer Team von reverie

Für alle, deren Traum unerreichbar scheint

Keep trying and never give up

&

Für meine Oma

Ich vermisse dich jeden Tag

1: Cassandra

1

Cassandra

Es war von Anfang an nur eine Frage der Zeit gewesen, bis ich einem von ihnen über den Weg laufen würde. Aber keine achtundvierzig Stunden nach meiner Landung? Damit hatte ich nicht gerechnet. Genauso wenig mit dem Wie.

Wütend funkelte ich den mir wohlbekannten Sportwagen an, der quer hinter meinem Jeep geparkt worden war. Seine Freunde hatten ihre Wagen rechts und links von mir abgestellt, womit ich vollständig zugeparkt war und entsprechend zu spät zu meinem Termin kommen würde.

Und ich hasste es, zu spät zu kommen.

Ich atmete tief durch. Dann drehte ich auf dem Absatz um und steuerte geradewegs auf den Country Club zu. Der Kies knirschte unter meinen weißen Sneakern, meine Fäuste waren geballt, und ich war mir sicher, dass meine blauen Augen vor Wut blitzten. Der weiße Pulli klebte an mir, und ich war froh, heute Morgen zumindest nach meinen Shorts statt einer Jeans gegriffen zu haben. Nach zwei Jahren in England war ich die Temperaturen an der Westküste einfach nicht mehr gewohnt. Es war gerade einmal elf Uhr, doch die Sonne brannte bereits jetzt herunter, als wollte sie einem ein Loch in die Haut brutzeln.

Mein Pferdeschwanz sauste mir wie eine Peitsche um die Ohren und an jedem anderen Tag wäre ich ruhig geblieben. Doch mein Kopf pochte noch immer vom Jetlag. Ich hatte seit meiner Landung kaum geschlafen. Und der Wechsel an die Willow High machte mich nervös, obwohl ich genau genommen nach Hause zurückkam. Nicht, dass ich das gewollt hätte, aber das war eine andere Geschichte.

Ebenso wenig hatte ich an meinem zweiten Tag den Keats in die Arme laufen wollen. Aber das Leben war eben kein Wunschkonzert und das Universum hatte einen schrägen Sinn für Humor. Ich konnte die Keat-Brüder schon an guten Tagen nur schwer ertragen. Aber heute hatten sie sich definitiv den falschen Zeitpunkt rausgesucht.

Ich hörte die kleine Gruppe, bevor ich sie sah. Noch etwas, das sich in den letzten Jahren nicht verändert hatte. Sie belegten die Sommerterrasse mit einer Selbstverständlichkeit, als wären sie die einzigen Besucher des Golden Leaf. Als gehörte der Country Club ihnen. Dann wiederum glaubten sie das vermutlich wirklich. Zumindest die Keats, da ihr Daddy im Vorstand des sündhaft teuren und exklusiven Clubs war. Ganz Ashwale lag den Keats zu Füßen. Denn entweder man bewunderte oder man fürchtete sie. Dabei vergaßen die meisten die dritte und naheliegendste Option: Sie zu verabscheuen.

Und darin war meine Familie richtig gut. Sogar besser als ich.

»Hey, Keat«, rief ich, kaum dass meine Schuhe die Steinfliesen berührten. »Fahr dein verdammtes Auto weg.«

Augenblicklich verstummte das Lachen, und fünf Köpfe schossen zu mir herum. Doch mich interessierte nur der Kerl auf der Sonnenliege, der nun betont gelangweilt in meine Richtung schaute.

Nathan Keat. Der mittlere Keat-Bruder.

Die schwarzen Haare waren leicht zerzaust, seine grünen Augen funkelten, als wäre Weihnachten gerade vorverlegt worden, und dieses spöttische Grinsen in seinem Gesicht hatte ich ganz und gar nicht vermisst.

Das Schlimme war, dass die Keat-Brüder nicht nur unverschämt reich waren, sondern objektiv betrachtet auch noch gut aussahen. Allerdings öffneten sie irgendwann den Mund, und jegliche Attraktivität verblasste schlagartig.

So wie jetzt zum Beispiel.

»Sieh an, sieh an. Wen haben wir denn da?«, sagte Nathan, seine Stimme tiefer, als ich sie in Erinnerung hatte, und schwang die langen Beine von der Liege. Die obersten Knöpfe seines Poloshirts waren geöffnet, und die Chinos endeten ein gutes Stück oberhalb der trainierten Unterschenkel. Im Gegensatz zu mir sah man ihm und seinem ebenmäßigen Teint an, dass er seinen Sommer an der Küste verbracht hatte. Oder alternativ in irgendeinem exklusiven Ferienressort.

»Die Roux-Prinzessin ist tatsächlich aus ihrem Exil zurück. Haben sie dich jetzt etwa auch aus England geworfen?«

Leises Raunen erklang um uns herum, während ich meine Sonnenbrille in die blonden Haare schob.

»Fahr deinen Wagen weg.«

Nathan schnalzte mit der Zunge.

»Warum so gereizt, Prinzessin? Ist dir London nicht bekommen?«

»Das Einzige, was mir nicht bekommt, ist dein Gesicht«, schoss ich zurück, worauf ein lang gezogenes »Uhh« von seinen Kumpels erklang, und ich warf nun doch einen kurzen Blick auf die kleine Gruppe.

Tyson Miller. Rachel Velvet. Kiana York. Marcus Clark.

Ich kannte die vier noch aus der Highschool. Schon damals waren sie um Nathan herumgeschwirrt wie Motten, die schillernde Überheblichkeit mit strahlendem Licht verwechselten.

Ihr Problem, nicht meins.

»Bist du dir da sicher? Ich hatte bis jetzt immer das Gefühl, mein Gesicht gefällt dir ganz gut«, feixte Nathan gewohnt provokant, und ich hob die Brauen.

»Und ich dachte immer, deine Wahnvorstellungen könnten nicht noch schlimmer werden. Vielleicht redest du mal mit deinem Arzt darüber?«

»Aww, machst du dir Sorgen um mich?« Nathan legte schmachtend eine Hand auf seine Brust. »Wie süß.«

»Träum weiter.« Ich stützte eine Hand in meine Hüfte und nickte in Richtung Parkplatz. »Und jetzt fahr deinen Wagen weg.«

»Ist das nicht Théos Auto, das vor dem Club steht?«

»Spielt das eine Rolle?«

»Wollte nur wissen, ob dein Bruder jetzt schon dich vorschickt, um mit uns zu reden.« Nathans Mundwinkel zuckten. »Hat er so große Angst vor uns?«

Ich verdrehte die Augen.

»Théo ist nicht hier. Und wir wissen beide, wer die größere Angst hat. Egal, was Sammy dir einreden will.«

Fast schon amüsiert schüttelte Nathan den Kopf.

»Lass ihn das lieber nicht hören.«

»Schade, ich hab nämlich auch keine Angst vor deinem Bruder. Vor keinem von euch, um genau zu sein. Also warum sparst du dir den großen bösen Wolf nicht einfach und bewegst deinen Hintern, damit wir hier fertig sind? Ich hab noch was vor.«

Entnervt wandte ich mich zum Gehen, aber Nathans Stimme ließ mich innehalten.

»Nein.«

Ich fuhr herum.

»Wie bitte?«

Demonstrativ streckte sich Nathan wieder auf der Liege aus und griff nach seiner Cola – inklusive Eis, Zitronenscheibe und Strohhalm.

»Ich bin gerade nicht in der Stimmung, um wegzufahren. Du hättest dich nicht auf meinen Parkplatz stellen sollen. Da konnte ich nur noch hinter dir parken.«

Wollte er mich auf den Arm nehmen?

»Hier gibt es keine zugewiesenen Parkplätze.«

»Ist mehr so eine ungeschriebene Regel. Vielleicht versuchst du es nächstes Mal mit einem kleineren Wagen? Dann hast du auch keine Probleme beim Ausparken. Ein netter Mini vielleicht?«, schlug er so gönnerhaft vor, dass ich fast mit einem High Five zwischen ihm und seinen Kumpels rechnete.

Aber wenn er so spielen wollte, bitte.

»Netter Tipp.« Ich legte den Kopf schief, ohne ihn aus den Augen zu lassen. »Schlägst du Frauen öfter vor, sich mit kleineren Dingen zufriedenzugeben?«

Für einen Moment herrschte Stille. Dann grölten Tyson und Marcus vor Lachen, während Rachel mich anstarrte, als wäre ich diejenige, die sich unangemessen verhielt. Kiana dagegen versteckte ihr Schmunzeln schnell hinter ihrem Glas, aber die haselnussbraunen Augen verrieten sie.

Deutlich fester, als nötig gewesen wäre, klopfte Marcus Nathan auf die Schulter, der die Hand seines Kumpels zwar abstreifte, aber selbst mehr belustigt als wütend wirkte. Nicht die Reaktion, mit der ich gerechnet hatte. Und die Art, wie er mich nun ansah, gefiel mir auch nicht. Schon gar nicht, als sein Blick an mir entlangwanderte und ich mir aktiv ins Gedächtnis rufen musste, dass er nicht attraktiv war.

Nicht für mich.

»Willst du dich vom Gegenteil überzeugen, Prinzessin?«

Okay, das half.

»Nicht in diesem Leben«, versicherte ich ihm und verschränkte die Arme vor der Brust. »Und jetzt beweg dich endlich.«

»Komm schon, Nathan«, mischte sich nun sogar Kiana ein, aber Nathans Aufmerksamkeit ruhte weiterhin auf mir.

»Nein. Mir gefällt ihr Ton nicht.«

Ich kniff die Augen zusammen und trat einen Schritt auf die kleine Gruppe zu. Vermutlich war ich dabei nicht so Furcht einflößend, wie ich es gerne gewesen wäre, aber ich wusste auch, dass Keat mich bei all seiner Überheblichkeit nicht unterschätzte.

»Dir gefällt gleich noch eine ganze Menge nicht, wenn du dich nicht in Bewegung setzt.«

»Vorsicht, langsam denke ich, du flirtest mit mir. Was würde der gute Théo dazu sagen?«

»Nathan.«

»Oh, sind wir jetzt schon beim Vornamen, Cassy?« Nathan legte den Kopf in den Nacken und hob die Brauen. »Wie wär’s damit? Frag mich noch mal nett, und ich fahr meinen Wagen weg. Nur für dich.«

Einen Moment lang sah ich ihn nur an, lieferte mir ein Blickduell mit ihm, das mir verdeutlichte, wie grün seine Augen tatsächlich waren.

»Gegenvorschlag: Fahr deinen Wagen weg oder ruf schon mal deine Versicherung an.«

Nathans süffisantes Grinsen verblasste.

»Was?«

»Ich würde dir ja den Abschleppdienst empfehlen, aber ich bin mir nicht sicher, wie viel von deinem Wagen gleich noch übrig ist.«

»Wovon zur Hölle redest du?«

Ich zwinkerte ihm zu, bevor ich meine Sonnenbrille zurück auf die Nase schob.

»Find’s heraus.«

Damit drehte ich mich um und lief entlang der Terrasse zurück, vorbei an einer ganzen Reihe von Clubmitgliedern, die mir allesamt befremdlich hinterherschauten. Innerlich verzog ich das Gesicht, doch äußerlich ließ ich mir nichts anmerken.

Ganz Ashwale würde morgen davon wissen. Inklusive meiner Mutter. Und meines Bruders.

Nicht der Start, den ich mir erhofft hatte, aber wenn Nathan Keat dachte, ich ließe mir alles gefallen, täuschte er sich.

Ich hatte den Parkplatz halb überquert, als ich seine Schritte hinter mir hörte. Er konnte sich also doch bewegen, wenn er wollte. Gut zu wissen.

»Wenn du meinem Auto zu nahe kommst …«

»Wie bitte? Ich kann dich leider nicht hören«, rief ich über meine Schulter hinweg, ohne langsamer zu werden.

»Roux, ich warne dich …«

»Oh, ich glaube, mir gefällt dein Ton nicht.« Mit einem Knopfdruck öffnete ich den Jeep. »An deiner Stelle würde ich den Motor starten.«

Nathan kam näher. Das hörte ich nicht nur, das spürte ich. Denn, ob es mir gefiel oder nicht, er besaß diese Präsenz, der ich mir schon vor zwei Jahren bewusster gewesen war, als ich jemals zugegeben hätte. Und die hatte er leider nicht verloren.

Schwungvoll zog ich die Tür des Jeeps auf, sprang auf die Trittstufe, und dann war Nathan auch schon neben mir. Ohne Mühe fing er die Autotür ab und war mir dabei mit einem Mal so nah, dass ich sein herbes Parfum riechen konnte. Zedernholz und irgendwas Fruchtiges, wenn ich hätte raten müssen. Und einen Moment lang war ich wie benebelt.

»Wag es nicht«, knurrte er, und ich erwachte aus meiner Starre.

»Dann fahr deinen verdammten Wagen weg.«

Ungläubig schüttelte Nathan den Kopf.

»Fällt es dir echt so schwer, mich nett darum zu bitten?«

»Fällt es dir so schwer, fünf Minuten lang kein Arsch zu sein?«, platzte es aus mir heraus, endgültig am Ende mit meiner Geduld. »Ich hab einen Termin mit meiner Studienleitung. Und deinetwegen komme ich jetzt zu spät. Weil du vor deinen Kumpels den Chef spielen musst oder warum auch immer du diesen Mist hier abziehst. Ehrlich, Nathan. Werd erwachsen.«

»So wie du? Schreist du Leute immer an, die etwas für dich tun sollen? Das würde nämlich auch vieles erklären«, raunte er auf Augenhöhe mit mir, und das, obwohl ich auf der Trittschiene stand.

Kein Mensch sollte so grüne Augen haben. Oder so ausgeprägte Wangenknochen. Als die symmetrischen Gesichtszüge verteilt worden waren, standen die Keats definitiv ganz vorne in der Reihe. Schade, dass die Zuweisung guter Eigenschaften damit offenbar schon ausgeschöpft war.

Mein Blick flackerte nur für den Bruchteil einer Sekunde zu Nathans Mund, bevor ich wieder in seine Augen schaute, doch seine Lippen verzogen sich bereits zu einem schiefen Lächeln.

»Komm schon«, flüsterte er mir beinahe ins Ohr, so nah war er mir mittlerweile, »frag mich nett, Cassy.«

Ich atmete flach aus.

»Kannst du bitte dein verdammtes Auto wegfahren?«, presste ich hervor, ohne mir die Blöße zu geben, Abstand zwischen uns zu bringen.

Undurchdringlich blickte er mich an, schien mich wirklich anzusehen, und ich wartete nur auf den nächsten Spruch. Einen weiteren provokanten Kommentar, der –

»Klar, gerne doch.«

Nathan stieß sich von meinem Wagen ab und entsperrte tatsächlich sein eigenes Auto.

Das war zu einfach gewesen.

»Oh, und Cassy?«, rief er prompt, kaum dass ich mich in meinen Sitz hatte fallen lassen, und ich kräuselte die Lippen.

»Was?«

Durch den Seitenspiegel sah ich, wie er mir zuzwinkerte.

»Willkommen zurück.«

Ein paar Sekunden später heulte sein Motor auf, und ich legte den Rückwärtsgang ein. Zwei Jahre hatte ich keinen der Keats gesehen, doch als ich das Fenster herunterließ und auf sein Hupen mit meinem Mittelfinger antwortete, wusste ich eines ganz genau: Nathan Keat und ich würden keine Freunde werden.

2: Nathan

2

Nathan

Und, ist dein Auto noch heil?«, begrüßte Marcus mich mit einem breiten Grinsen im Gesicht, während er es sich auf meiner Liege bequem machte und meine Cola trank, anstatt sich eine eigene zu bestellen. Die braunen Locken wirkten mühelos zerzaust, doch ich wusste, dass er dafür heute Morgen eine halbe Stunde im Bad verbracht hatte. Genau wie für die Wahl seiner Klamotten. Warum trotz der Mühe am Ende nur eine Stoffshorts und ein Mannschaftsshirt seiner Fußballtruppe herauskam, konnte ich dagegen beim besten Willen nicht sagen. Die falsche Sportart war es noch dazu, wenn man mich fragte. Aber ich hatte Marcus in sechs Jahren nicht zum Basketball bekehren können und es mittlerweile aufgegeben. Tyson war ja zum Glück auch noch da.

»Kann ich dir sonst irgendwas anbieten? Meine Boxershorts vielleicht?«, ignorierte ich seine Frage mit einem Blick auf meine Cola in seiner Hand und zog die Brauen hoch.

Betont genüsslich trank er einen weiteren Schluck.

»Ne, lass mal. Da hast du bei Rachel größere Chancen.«

»Ich muss deine Boxershorts auch nicht sehen, danke«, erwiderte Rachel mit gespitzten Lippen und einem Augenzwinkern in meine Richtung, ehe sie ihren Platz in der Sonne aufgab. Sie schob Marcus’ Beine beiseite, um es sich an dessen Fußende bequem zu machen, da sich seine Liege dank des ausladenden Sonnenschirms im Schatten befand. Schwungvoll warf sie das lange schwarze Haar in den Nacken und lehnte sich auf ihren Händen zurück. Das cremefarbene Kleid schlug nicht eine einzige Falte, als sie die Beine überkreuzte.

»Aber vielleicht würde er sie ja gerne der Roux-Prinzessin zeigen?«

Ich schnaubte und ließ meinen Blick kurz über die weitläufige Rasenfläche schweifen, die trotz der Temperaturen so saftig grün aussah, dass es fast schon surreal wirkte. Es floss eine Menge Geld in das Golden Leaf, Ashwales Prestigeclub, der nur für auserlesene Mitglieder zugänglich war. Darauf achtete mein Vater höchstpersönlich.

Zumindest, wenn er denn mal da war.

Ein weißes Golfcart sauste nahezu geräuschlos über die Grünanlage und ließ mich an die Benefizveranstaltung am kommenden Wochenende denken. Lust hatte ich keine, weder auf die Veranstaltung noch auf Golf, und trotzdem würde ich aus der Nummer nicht rauskommen. Das tat ich nie.

»Hey, Erde an Nate. Bist du jetzt wegen der Roux schon am Tagträumen?«, riss mich Marcus aus meinen Gedanken.

»Wie hat sie es so schön gesagt? Nicht in diesem Leben«, wiederholte ich Cassys Worte und unterdrückte bei der Erinnerung ein Grinsen. Auf den Mund gefallen war sie nicht, das musste man ihr lassen.

»Höre ich da etwa einen Hauch von Enttäuschung raus?«, neckte Kiana mich und zog die Beine an, damit ich mich neben sie setzen konnte. Das dichte braune Haar hatte sie zu einem unordentlichen Dutt zusammengebunden, der weiße Jumpsuit betonte ihren dunklen Teint, und die tiefbraunen Augen glänzten frech.

Amüsiert schüttelte ich den Kopf.

»Nicht mal, wenn sie die einzige Frau in ganz Ashwale wäre.«

»Red’s dir nur ein, Mann.« Tyson lachte und nutzte den kleinen Holztisch, um seine Beine darauf abzustellen – etwas, das sie ihm hier nur durchgehen ließen, weil seine Familie ebenfalls einen Haufen Kohle stiftete –, und fuhr sich durch die kurzen schwarzen Haare. »Du spielst dich nur so auf, wenn sie in der Nähe ist. Und die Aktion auf dem Parkplatz heute?«

»Ich dachte, ihr Bruder ist hier. Bei den Nummern, die der regelmäßig abzieht, war ich noch zurückhaltend«, verteidigte ich mein Parkverhalten und kassierte gleich vier Blicke, die mir sagten, dass ich mich kindisch benahm.

Aber hey, wir hatten den Mist nicht angefangen. Zumindest glaubte ich das.

»Wieso lässt du das nicht Sam regeln? Er hat den Stress mit ihm. Nicht du«, erinnerte mich Tyson nicht zum ersten Mal, weshalb er auch dieselbe Antwort bekam wie immer.

»Der hat mit uns allen Stress. Der hört den Namen Keat und sieht rot. Seine ganze Familie hat ein Problem mit meiner ganzen Familie. Habt ihr ja gerade live miterlebt.«

Denn Cassandras Auftritt war definitiv eindrucksvoll gewesen. So wie immer, wenn sie irgendwo auftauchte.

Ein typisches Roux-Syndrom. Jedes Mal musste es eine riesige Show mit einer Menge Drama sein, sonst war es kein guter Tag. Vermutlich lernte man das mit einer Schauspielerin als Mutter. Und die Theatralik hatte Rebekah Roux ihnen nicht nur vorgelebt – sie steckte in den Genen ihrer Kinder wie eine Krankheit.

»Alter, ich hätte dir auch den Arsch aufgerissen, wenn du mich so scheiße eingeparkt hättest«, sagte Marcus und trank meine Cola aus. »Und was sollte dieses Mir gefällt ihr Ton nicht? Du kannst froh sein, dass sie dir keine geklatscht hat.«

Okay, zugegeben, das war vielleicht ein bisschen drüber gewesen. Aber ich hatte nicht mit ihr gerechnet. Mit einem angepissten Théodore Roux, ja. Aber nicht mit Cassandra.

Sie war vor zwei Jahren vom einen auf den anderen Tag einfach verschwunden. Es hatte einen Haufen Gerüchte deswegen gegeben – die wenigsten davon schmeichelhaft.

»Ich hätte sie nicht aufgehalten«, bemerkte Kiana unnötigerweise.

»Danke.«

»Na ja, sie hätte ihn auch netter fragen können«, schlug sich Rachel auf meine Seite. »Eindeutig zu viel Temperament in der Familie.«

»Aww, immer noch sauer, dass Théo dir eine Abfuhr erteilt hat?«, zog Marcus sie auf und flog dafür im nächsten Moment fast von der Sonnenliege. Eine beachtliche Leistung, bei Rachels zierlichem Körperbau. Und Marcus war vieles, aber kein Leichtgewicht.

»Unser lieber Nate hat nichts gegen das Roux-Temperament. Oder liegt es doch eher an den hübschen blauen Augen der Roux-Prinzessin, dass du nicht von ihr loskommst?«, stichelte Tyson.

»Ihre Augen sind blau? Dachte, die wären grün«, erwiderte ich und gab dem vorbeilaufenden Kellner einen Wink, eine neue Runde auszuschenken. Der Name Keat hatte immerhin seine Vorteile – exzellenten und schnellen Service zum Beispiel.

»Sag, was du willst, aber Cassy ist auf jeden Fall verdammt heiß«, gab Marcus zum Besten und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Eine Menge Feuer, lange Beine und –«

Kiana warf ein Kissen nach ihm. Und traf.

»Hör auf zu reden.«

»Okay, okay«, kapitulierte Marcus, konnte es aber dann doch nicht lassen, indem er erst zu Tyson und anschließend zu mir schaute. »Aber ihr wisst, was ich meine?«

»Ist kein Geheimnis, dass Cassy gut aussieht«, antwortete Tyson schulterzuckend, und dann starrten sie mich beide an, als würden sie auf etwas warten.

Klar, Cassy war attraktiv. Rein objektiv betrachtet. Aber sie war eine Roux. Und damit hatte sich das Thema für mich erledigt.

»Nicht mein Typ«, sagte ich trocken, da mich nun auch Kiana und Rachel aufmerksam musterten. Ernsthaft, seit wann waren meine Freunde so neugierig?

Im nächsten Augenblick wich ich dem Kissen aus, das Marcus mir entgegenpfefferte.

»Bullshit, Mann.«

»Brauchst du uns echt nicht zu erzählen«, pflichtete Tyson ihm bei. »So wie du vorhin aufgesprungen bist, um ihr hinterherzulaufen?«

»Ich hätte dich mal sehen wollen, wenn sie droht, dein Auto anzufahren. Die Roux’ sind irre.«

Tyson wackelte mit den Brauen.

»Irre attraktiv?«

»Leider nur irre«, erwiderte ich glatt und nickte dem Kellner zu, als er mir eine neue Cola reichte. »Ernsthaft, Mann. Lass besser die Finger davon.«

»Oh, eifersüchtig?«

»Du weißt, wer ihr Bruder ist. Théo ist ein verdammter Mistkerl. Das ist keine Frau wert.«

»Reizend wie immer«, bemerkte Rachel, die vom Soft- auf einen Longdrink umgestiegen war. Irgendwo war schließlich immer Happy Hour.

Großspurig nickte Marcus mir zu, und sein Grinsen gefiel mir überhaupt nicht.

»Weißt du, wonach das schreit? Nach einer Wette. Ich wette, du hättest keine Chance bei der Roux-Prinzessin, selbst wenn du es darauf anlegen würdest.«

Jap, das gefiel mir nicht.

»Vergiss es.« Ich winkte ab, bevor die Mädels Marcus zu Recht an den Hals springen konnten, und begann an meinen Fingern aufzuzählen. »Erstens ist das Quatsch. Ich hätte mehr als nur eine Chance bei Cassy.«

»Um Himmels willen«, stöhnte Kiana missbilligend, aber ich machte einfach weiter.

»Zweitens wette ich um so was nicht.«

Tysons Husten klang gefährlich nach nicht mehr, und ich verdrehte die Augen.

»Und drittens ist das hier nicht der Plot aus einem von Rachels Romance-Büchern.«

»Hey«, protestierte Rachel angesichts meines spöttischen Tonfalls, »verurteil nichts, was du nicht kennst.«

»Gilt auch für Cassy«, schob Kiana frech hinterher, und langsam glaubte ich, es war an der Zeit, mir neue Freunde zu suchen.

»Außerdem hat keiner gesagt, dass du sie daten sollst. Nutzt die Spannung zwischen euch einfach für was Sinnvolleres«, schlug mir Marcus mit einem vielsagenden Grinsen im Gesicht vor, was Kiana zum Anlass nahm, auf die Beine zu springen.

»Und das war mein Limit für heute. Wenn ich Marcus noch weiter zuhören muss, bekomme ich Ausschlag.« Sie stupste mich mit dem Fuß an. »Spielen wir noch ein Tennismatch? Oder hat wer Lust auf ein Doppel?«

Wie aufs Stichwort schloss Marcus die Augen, während Rachel mit einem süßlichen Lächeln im Gesicht ihr Handy aus der Tasche zog.

»Geht schon mal vor«, übersetzte Tyson für Kiana und mich und schmiss sich in die frei gewordene Liege. »Wir kommen dann nach.«

Ich verdrehte die Augen und wandte mich in Richtung der Tennisplätze. Das würde heute sicher kein Doppel mehr werden.

Ich wappnete mich innerlich, als ich aus meinem Wagen stieg und auf den Eingang der Villa zusteuerte. Alles sah etwas schicker aus als sonst, was eine Leistung an sich war, und ich wusste auch, warum.

Der Kies im Vorhof schien frisch aufgeschüttet worden zu sein. Die Buchsbäume, die die Marmortreppe zum Haupteingang zierten, waren akkurat nachgeschnitten und die Steinfliesen auf Hochglanz poliert. Und irgendwo hinter den bodentiefen Fenstern, in denen sich die Nachmittagssonne spiegelte, saß mein Vater. Nicht, dass Bernard Keat bereits im Foyer gewartet hätte. Er wartete generell auf niemanden. Er empfing die Leute nur. Egal, ob es nun seine Geschäftspartner oder seine eigenen Söhne waren.

Ohne richtig hinzusehen, tippte ich den Code an der Eingangstür ein, bestätigte mit meinem Fingerabdruck und betrat kurz darauf die Eingangshalle. Wie in jedem Raum hier waren die Wände hoch, die Einrichtung reduziert, aber geschmackvoll und vor allem eines: exklusiv.

Maßanfertigungen und Unikate, nichts Geringeres fand man in der Villa Bellevie, in der ich mit meinen zwei Brüdern aufgewachsen war. Einer davon kam mir nun entgegen.

»Du bist spät dran«, sagte Sam anstelle einer Begrüßung, und ich fragte mich, ob er in seinem Designeranzug nicht schwitzte.

»Hab noch eine Runde Tennis gespielt«, erklärte ich, obwohl Sam keine Frage gestellt hatte, und fuhr mir durch das vom Duschen noch leicht feuchte Haar.

Rein äußerlich wäre man nicht auf die Idee gekommen, dass Sam und ich Brüder waren. Wir hatten die gleiche Größe und Augenfarbe, aber dann hörten die Ähnlichkeiten schon auf. Denn während Davide und ich ganz nach unserer Mom kamen, war Sam das Ebenbild unseres Vaters. Dunkelblondes Haar, bei dem nie auch nur eine Strähne falsch saß, markantes Kinn, schlank, aber nicht hager. Und seit er regelmäßig Anzüge trug, konnte man meinen, uns trennten alterstechnisch eher zehn statt zwei Jahre.

»Bis in den späten Nachmittag?«, hakte Sam nach, wobei sein Blick erst an meinen Haaren und dann an meinen Klamotten hängenblieb.

»Ich hab Ferien. Zumindest noch.«

»Du hast Verantwortungen.«

»Vor einer Stunde noch nicht.« Ich klopfte Sam beim Vorbeigehen auf die Schulter, damit er sich ein wenig entspannte. »Und wenn Dad möchte, dass wir da sind, wenn er ankommt, dann soll er vorher Bescheid geben. Ich stehe nicht immer auf Abruf parat.«

Dennoch war ich jetzt hier, obwohl ich das mit jedem Schritt Richtung Lounge mehr bedauerte. Und das trotz der beeindruckenden Aussicht durch das große Panoramafenster, die die Zimmer auf der Südseite alle gemeinsam hatten. Unser Garten reichte bis hinunter ans Meer, und hinter den letzten Baumreihen der Anlage konnte man die Wellen an den Strand schlagen sehen. Sicherlich ein traumhafter Anblick, wenn man nicht meinem Vater gegenübertreten musste.

»Nathan, wie schön, dass du uns mit deiner Anwesenheit beehrst«, begrüßte mich mein Vater vom Sofa aus, ließ die Unterlagen in seiner Hand auf den Schoß sinken und holte mich mit seiner Stimme unsanft in die klimatisierte Lounge zurück.

Für den Bruchteil einer Sekunde fror ich auf der Türschwelle fest, ehe ich Sams Präsenz hinter mir spürte und mich schließlich meinem Vater gegenüber auf die Couch fallen ließ. Sam nahm gleich darauf neben mir Platz.

Auf dem Serviertisch stand bereits eine Karaffe mit vier Gläsern bereit, von denen wir jedoch nur drei brauchen würden.

»Ich bin losgefahren, als ich deine Nachricht gesehen habe«, lieferte ich ihm das, was er hören wollte. »Wann seid ihr gelandet?«

»Vor vier Stunden. Die Ballmers haben uns für Freitag eingeladen. Ein nettes Dinner, kleiner Kreis.«

Deswegen waren sie also jetzt schon zurück. Die Ballmers hatten geladen. Einige der einflussreichsten und gleichzeitig langweiligsten Menschen der gesamten Westküste.

»Wo ist Mom?«

»Sie ruht sich aus.«

Ich nickte nur, wobei ich mir jeden weiteren Kommentar dazu verkniff. Mom hasste die langen Flüge, das wusste ich.

»Charles hat angerufen«, fuhr Dad nach einer kurzen Pause fort, und ich ahnte bereits, warum der Chef des Golden Leaf bei meinem Vater durchgeklingelt hatte.

Genau deswegen war der Club nicht meine erste Wahl. Es gab einfach zu viele Augen und Ohren, die meinem Vater nur allzu gerne jede Kleinigkeit berichteten.

»Er meinte, es gab heute einen Zwischenfall im Club?«

»Das war nicht –«

Mein Vater warnte mich mit einem einzigen Blick und sprach weiter, als hätte ich nichts gesagt.

»Ein Zwischenfall, an dem du maßgeblich beteiligt warst. Möchtest du mir erklären, was passiert ist?«

Wenn du mich ausreden lassen würdest, vielleicht, dachte ich bitter und sagte laut: »Wir haben nichts gemacht.«

Mein Vater kniff die Brauen zusammen.

»Also hast du dich nicht öffentlich mit der Roux-Tochter gestritten? Ihr seid nicht laut geworden und habt die anderen Gäste gestört?«

»Das war ein ganz normales Gespräch, kein Streit«, stellte ich klar, da der gute Charles mal wieder nach allen Regeln der Kunst übertrieben hatte. »Und ich bin nicht laut geworden.«

»Und worüber habt ihr gesprochen?«, hakte mein Vater nach, und mein unwirsches Gemurmel ließ ihn dabei nicht geduldiger werden. »Drück dich gefälligst anständig aus.«

»Ich hab sie zugeparkt«, wiederholte ich lauter und musste Sam nicht anschauen, um zu wissen, dass er mich am liebsten geschüttelt hätte. Konnte ja keiner wissen, dass unsere Eltern zwei Tage früher als geplant zurückkommen würden.

»Und warum genau hast du das getan?«

»Das war nur … ein Scherz«, antwortete ich matt, da es die Wahrheit vermutlich schlimmer gemacht hätte, und mein Vater wirkte schon jetzt nicht begeistert.

»Ein Scherz?«, fragte er, als wäre er mit dem Konzept nicht vertraut. »Was für eine Art von Humor ist das?«

Ich unterdrückte den Drang, die Fäuste zu ballen, und zwang mich stattdessen zu einem Lächeln.

»Eine, die nicht mehr vorkommen wird.«

Mein Vater schwieg länger als nötig. Eine Taktik, die er beherrschte wie kein anderer. Er war erst zufrieden, wenn man den Blick senkte. So wie jetzt auch.

»Am besten hältst du dich ganz von dieser Familie fern. Die Roux’ sind kein Umgang für dich.« Die grünen Augen flackerten zu Sam. »Für keinen von euch beiden. Also seht zu, dass es das letzte Mal war, dass ich diesen Namen in Verbindung mit eurem gehört habe.«

Sam nickte bereits, doch ich schüttelte den Kopf.

»Wir leben in derselben Stadt. Cassandra wird vermutlich die Willow High besuchen. Genau wie Théo. Ihnen komplett aus dem Weg zu gehen …«

»Ist nicht notwendig, solange ihr von öffentlichen Zurschaustellungen Abstand nehmt«, unterbrach er mich. »Das bedeutet: Keine sinnlosen Streitereien, keine Diskussionen und keine Scherze. Je weniger Kontakt ihr mit ihnen habt, desto besser. Haben wir uns verstanden?«

Ich nickte, Widerworte hatten eh keinen Sinn.

»Natürlich, Dad«, ersparte Sam mir zumindest die verbale Antwort und reichte ihm auf einen Wink hin eines der Gläser, inklusive Karaffe.

»Wo ist euer Bruder?«

Sam und ich tauschten einen kurzen Blick.

»Die Buffets haben ihn glaube ich auf ihre Jacht eingeladen«, griff Sam auf die erstbeste Ausrede zurück, obwohl wir beide wussten, dass Davide mit seinen Kumpels im alten Industriepark unterwegs war, und das sicher nicht zum Sonnenbaden.

Unser Vater brummte.

»Seht zu, dass er heute Abend hier ist. Wir haben noch ein paar Dinge zu besprechen.« Er nahm seine Unterlagen wieder zur Hand. »Und Samuel? Die Tochter der Ballmers wird am Freitag ebenfalls anwesend sein. Eine sehr beeindruckende junge Dame. Sie gehört zu den Jahrgangsbesten in Harvard. Ich bin mir sicher, ihr werdet eine Menge miteinander zu besprechen haben.«

Und ich war mir sicher, dass es niemanden gab, der eine Menge mit Veronica Ballmer zu besprechen hatte. Selbst Sam verrutschte für einen Moment das Pokerface, dessen Interesse an Veronica eher mäßig war. Doch während unser Vater das eine nicht bemerkte oder schlichtweg ignorierte, schien ihn das andere nicht zu kümmern. Und mit einer Handbewegung gab er uns zu verstehen, dass er jetzt allein sein wollte.

Hauptsache, wir spielten beim Dinner wieder die braven Mustersöhne für ihn.

3: Cassandra

3

Cassandra

Ich hatte in den letzten zwei Jahren nicht sonderlich viel an Ashwale vermisst. Klar, das Meer vor der Haustür zu haben war traumhaft und das Wetter eindeutig besser als in London. Dafür hatte mich in England kaum einer gekannt. Und schon gar nicht erkannt. Meine Mutter, ja. Der Name Rebekah Roux war dem ein oder anderen ein Begriff gewesen, aber in Europa schloss das nicht ihre Kinder ein. Doch in Ashwales High Society konnten wir nicht unter dem Radar fliegen.

Hinter meiner Flucht nach England hatten damals viele einen Skandal vermutet, meine plötzliche Rückkehr war entsprechend die reinste Sensation. Es hatte keine vierundzwanzig Stunden gedauert, bis die Nachricht die Runde gemacht hatte, und nach meinem Zusammenstoß mit Nathan im Golden Leaf durfte spätestens bis heute Abend die ganze Stadt wissen, dass ich zurück war. Die knapp sechstausend Meilen Entfernung zwischen mir und den Keats hatte mir eindeutig besser gefallen. Jetzt trennte uns nicht mal mehr eine, da die Grundstücke unserer Familien nebeneinander lagen.

Während die Villa der Keats ein rechteckiger Klotz und vermutlich der Traum eines jeden modernen Architekten war, hatte sich meine Mom bewusst für einen rustikalen Landhausstil mit Charme entschieden. Lächerlich teuer blieb beides, egal wie man es nannte.

Ich wollte nicht undankbar klingen und wusste meine Privilegien zu schätzen – wusste ich wirklich, wenngleich ich mich fragte, wie lange ich sie noch haben würde –, aber ich hätte ohne zu zögern eine Menge davon aufgegeben, wenn die Leute dafür aufhörten, hinter meinem Rücken über mich zu tuscheln. Oder über meine Familie.

Selbst meine Studienbetreuerin hatte sich heute auffällig unauffällig nach meiner Zeit in England erkundigt. Dafür war ihr entgangen, dass ich eine gute halbe Stunde zu spät gekommen war. Wegen Mr.-Ich-Bin-Nur-Happy-Wenn-Ich-Ein-Arsch-Sein-Kann. Nicht einmal seine Freunde hatten sich getraut, den Mund aufzumachen. Außer, man zählte das lautstarke Gegröle mit. Aber ich fragte mich ohnehin, wie man freiwillig mit Nathan Keat befreundet sein konnte.

Geschafft stieß ich die Luft aus und löste meine Hände vom Lenkrad. Der Tag war eindeutig zu schön, um noch länger über Nathan Keat nachzudenken. Jeder Tag war zu schön dafür. Allerdings war ich nicht einmal vor Semesterstart an der Willow High an ihm vorbeigekommen. Natürlich nicht. Ashwale war das Königreich der Keats und die Willow High ihre Spielwiese. Vor allem, da ab diesem Jahr alle drei der gefeierten Keat-Brüder die Uni besuchen würden. In jedem zweiten Club, den meine Betreuerin heute erwähnt hatte, war entweder ein Keat Mitglied oder im schlimmsten Fall sogar Vorstand. Zudem war Samuel der Star des Feldhockeyteams, Nathan das Ass im Basketball und Davide stellte sich wohl beim Tennis nicht schlecht an.

Kurzum, die Keats hatten das Sagen an der Willow High. Sie bekamen immer, was sie wollten, und man kam ihnen besser nicht in die Quere, wenn man wusste, was gut für einen war. Nur hatte mich das schon an der Highschool nicht interessiert – und ich würde jetzt nicht damit anfangen.

Schließlich würde es ab diesem Semester auch zwei Roux’ an der Willow High geben. Und wir spielten generell nach unseren eigenen Regeln. Das würden die Keats schon lernen, wenn sie es bis jetzt noch nicht verstanden hatten.

Etwas Gutes hatte das Treffen mit meiner Betreuerin dennoch gehabt: Ich konnte mir die meisten meiner Kurse aus England anrechnen lassen. Womit ich das Grundstudium quasi hinter mir hatte und jetzt die Wahl eines Schwerpunktes anstand. Wie der aussehen sollte, wusste ich nach zwei Jahren Journalismus und Medienmanagement zwar nach wie vor nicht, aber immerhin blieben mir noch fast zwei Wochen dafür.

Ich warf einen Blick auf meine Uhr und vergewisserte mich, dass ich mehr als eine Stunde Zeit hatte, bevor ich die Zwillinge wieder im Golden Leaf abholen musste.

Wegen Liliana und Ninon war ich heute Vormittag überhaupt erst dort gewesen. Meine Mutter hatte mich gebeten, die beiden im Country Club bei ihren Freundinnen abzusetzen und mich bei der Gelegenheit gleich noch um meinen Clubausweis zu kümmern.

Théo hatte zwar angeboten, die Zwillinge zu fahren, aber ich hatte nichts dagegen gehabt, das zu übernehmen. Das Golden Leaf lag ohnehin auf dem Weg zur Willow High und ich hatte die beiden echt vermisst. Genau wie Théo.

Meine Geschwister vor zwei Jahren zurückzulassen, war mir verdammt schwergefallen. Wir hatten zwar regelmäßig telefoniert, aber das war nicht dasselbe.

Ich hoffte nur, dass Nathan und seine Kumpels bereits weg waren, wenn ich meine Schwestern später wieder einsammelte.

Voller Vorfreude löste ich den Gurt, als mein Handy auch schon vibrierte. Ich wurde erwartet.

»Cassandra Roux, dass ich das noch erleben darf«, erklang die Stimme meines besten Freundes, kaum dass ich um die erste Straßenecke bog und auf unser Lieblingscafé zusteuerte.

Ohne lange zu überlegen rannte ich los und warf mich geradewegs in seine Arme. Mühelos hob Zack mich hoch, drehte sich mit mir einmal um die eigene Achse und setzte mich anschließend wieder am Boden ab.

Zack hatte in den letzten zwei Jahren definitiv an Muskeln zugelegt, was an dem regelmäßigen Basketballtraining liegen musste, seit er die Uni besuchte. Zudem sah man ihm an, dass er schon sein ganzes Leben lang an der Westküste lebte. Er war der Inbegriff eines Sunnyboys. Groß, blond, braun gebrannt und immer ein strahlendes Lächeln im Gesicht.

Zack und ich hatten uns erst im Golden Leaf richtig kennengelernt, obwohl wir schon dieselbe Vorschule besucht hatten. Meine Mom hatte Théo und mich damals für Tennisstunden angemeldet – ohne uns vorher zu fragen –, doch das Einzige, was ich in meiner ersten Stunde getroffen hatte, war Zacks Hinterkopf. Zu meiner Verteidigung: Ich war gerade einmal fünf Jahre alt und eindeutig nicht die geborene Tennisspielerin. Nach dem zweiten versehentlichen Treffer war Zack dann zu mir rübergestapft, den Tennisschläger wie ein Profi über die Schulter gelegt. Danach hatte er mir den Aufschlag selbst gezeigt und sich am nächsten Tag in der Schule neben mich gesetzt, um mich im Auge zu behalten, weil ich eine Gefahr für die Allgemeinheit sei, wie er erklärte.

In den letzten Jahren hatte er immer wieder ein paar Tage bei mir in England verbracht, und trotzdem hatte ich ihn unglaublich vermisst.

Genau wie Clara, meine beste Freundin, die ich schon genauso lang kannte wie Zack. Allerdings waren die beiden zuerst miteinander befreundet gewesen. Clara hatte damals gefragt, ob ich ihr das mit der Treffsicherheit auf Zacks Hinterkopf beibringen könnte. Von dem Moment an waren wir ein Trio.

Mit einem Kreischen fiel Clara mir um den Hals, die sich inzwischen hinter Zack hervorgeschoben hatte. Kurz darauf wurde ich von einem Meer aus braunen Locken verschluckt, ehe sie sich weit genug zurückzog, sodass ich ihre braunen Augen und die zahlreichen Sommersprossen auf ihren Wangen sehen konnte. Sie strahlte übers ganze Gesicht, und in mir schossen Glücksgefühle hoch, weil ich die beiden nun endlich wieder um mich hatte.

»Müsst ihr euch immer so laut begrüßen?«

»Wein leise, Zack.« Clara winkte ab und musterte mich eingehend von oben bis unten. »Du siehst gut aus. Richtig gut. Ein bisschen warm vielleicht?«, endete sie mit einem Wink auf meinen Pulli, dessen Ärmel ich längst hochgekrempelt hatte und der neben ihrem Trägertop und der kurzen Shorts völlig fehl am Platz wirkte.

Ich grinste.

»Muss mich erst wieder an die Temperaturen gewöhnen.«

»Das bekommen wir hin.« Zack zwinkerte mir zu, bevor er die grauen Augen hinter seiner Sonnenbrille versteckte und das Schild seiner Cap nach hinten drehte. »Zwei, drei Strandpartys, und du bist wieder ein richtiges California Girl.«

»Ich weiß nicht, London war schon beeindruckend.«

»London war kalt, grau, und wir waren nicht da«, hielt Clara ein paar gute Argumente dagegen, ehe sie die Hände ausbreitete. »Und schau dir diese Shoppingmeile an. Du kannst mir nicht erzählen, dass du das nicht vermisst hast?«

»Ich bin nicht meine Mom«, erinnerte ich sie amüsiert und spähte an ihr vorbei. »Aber das Hazel’s hab ich wirklich vermisst. Also, selbe Runde wie immer?«

Die Antwort war ein einhelliges Ja, sodass wir es uns kurzerhand im Hinterhof des Hazel’s auf einer der gepolsterten Sitzecken gemütlich machten, über uns der blaue Himmel und etliche Palmenblätter.

Kurze Zeit später sog ich genüsslich den Duft meiner Haselnuss-Latte ein und genoss die leichte Brise auf meiner Haut. So konnte man definitiv leben. In Gesellschaft meiner besten Freunde, ohne einen Keat weit und breit.

»Hab gehört, du hast dir heute Vormittag schon einen guten alten Schlagabtausch mit Nate geliefert?«, zerstörte Zack prompt die Idylle, indem er das böse K-Wort erwähnte. Doch anstatt auf meinen säuerlichen Gesichtsausdruck hin zurückzurudern, grinste er nur und lehnte sich in seinem Stuhl nach hinten, bis er mehr lag als saß. »Keine achtundvierzig Stunden im Land, und schon springt ihr euch gegenseitig an die Kehle. Ist das ein neuer Rekord?«, fragte er nicht mich, sondern Clara.

»Möglich«, antwortete sie nachdenklich und legte den Kopf schief. »Was hat er dieses Mal gemacht?«

»Sich wie der letzte Arsch aufgeführt.«

»Also war er ganz er selbst?«, hakte Clara nach, und dafür liebte ich meine beste Freundin.

»Kommt schon, Nate hat auch gute Seiten«, merkte Zack zwischen zwei Schlucken Eistee an, worauf ich ihm beinahe meinen Kaffee ins Gesicht gespuckt hätte.

»Er hat was?«, wollte ich verblüfft wissen. »Wann? Wo? Sag nicht, ich habe die zwei Minuten irgendwann verpasst? Stand das in den Nachrichten?«

Zack verdrehte die Augen.

»Ihr bringt einfach gegenseitig das Schlechteste im anderen zum Vorschein. Aber Nate ist –«

»Okay, stopp. Das ist jetzt das dritte Mal, dass du ihn Nate nennst.« Argwöhnisch kniff ich die Augen zusammen. »Bitte sag mir, dass du nicht sein neuer bester Kumpel bist.«

»Das würde ich dir und der total gesunden Fehde zwischen euren Familien nie antun«, spottete Zack und seufzte schwer, als ich ihn weiter kritisch beäugte. »Wir spielen in einer Mannschaft, Cassy. Da kann ich den Kerl schlecht hassen.«

»Deswegen musst du ihn aber nicht gleich mögen«, hielt ich dagegen und drehte den Kopf. »Wieso mag er ihn auf einmal?«

Clara schnaubte.

»Er mag nicht ihn. Er ist scharf auf Kiana.«

»Aha«, stieß ich lang gezogen aus, »jetzt ergibt alles Sinn.«

»Hey, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun«, protestierte Zack, aber Clara beachtete ihn gar nicht.

»Er versucht schon seit Wochen, an ihre Nummer ranzukommen.«

»Und das geht nur über Keat? Braucht Kiana jetzt schon seine Erlaubnis, um mit jemandem ausgehen zu dürfen? Oder muss Zack erst seinen Segen einholen, bevor er sie fragen darf?«

»Vermutlich beides. Oder was hat der König der Egos gesprochen?«, hakte Clara bei Zack nach, der nur die Lippen kräuselte.

»Ihr seid beide null witzig, wisst ihr das?«

»Oh nein, sind deine neuen Freunde etwa unterhaltsamer als wir?«, stichelte sie, worauf Zack ihr lächelnd den Mittelfinger zeigte.

Ich schnalzte mit der Zunge.

»Deine Manieren habe ich echt vermisst.«

»Und ich deine Beschwerden über die Keats«, schoss Zack zurück. »Jetzt fühlt es sich endlich wieder nach Ashwale an.«

»Gern geschehen.« Ich grinste und nippte an meinem Kaffee, der deutlich schneller zur Neige ging, als mir lieb war. »Aber ernsthaft, was ist das mit Kiana und dir?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Sie ist cool. Wir haben auf den letzten Partys immer mal wieder miteinander geredet.«

»Nur geredet?«

»Bis jetzt schon, ja«, antwortete Zack mit einem schiefen Grinsen, das irgendwie verlegen und spitzbübisch zugleich wirkte, ehe er tief durchatmete. »Ich mag sie. Und Nate ist ein guter Teamkapitän.«

»Wundert mich nicht, dass er gut darin ist, Leute herumzukommandieren.« Ich winkte ab, bevor Zack erneut für ihn in die Bresche springen konnte. Ehrlich, langsam wurde es unheimlich. »Deine Sache, mit wem du befreundet bist. Solange du uns nicht ersetzt.«

»Als wäre das möglich«, zog Zack mich auf, aber ich wusste, dass er es ernst meinte.

»Auch nicht für Kianas lange Beine«, warnte Clara ihn scherzhaft, nur um auf einmal selbst verträumt dreinzublicken. »Oder ihr hübsches Lächeln.«

Alarmiert ließ ich meinen Kaffee sinken.

»Halt, stopp. Ihr seid aber nicht beide hinter ihr her, oder?«

»Quatsch, das würde ich Zack nie antun. Egal, wie heiß Kiana ist.« Clara spitzte die Lippen und warf einen Luftkuss in Zacks Richtung. »Außerdem halte ich mich auch gerne an Marcus«, schob sie hinterher und wackelte vielsagend mit den Augenbrauen. »Der hat so seine eigenen Qualitäten.«

Ich stöhnte.

»Ihr wisst, dass es in Ashwale mehr Auswahl gibt als nur Keats Freundeskreis? Ihr müsst euch nicht darauf limitieren. Streckt eure Fühler ein wenig weiter aus.«

Clara lachte, und auch Zacks Mundwinkel zuckten, als er seine Füße gegen die Tischbeine stemmte.

»Du könntest auch einfach mal versuchen, ein ganz normales Gespräch mit Nate zu führen. Wer weiß, vielleicht kommt ihr am Ende sogar miteinander klar?«

»Vielleicht tut sich auch gleich der Boden auf und verschluckt uns alle.« Demonstrativ nahm ich die Holzterrasse in Augenschein und seufzte bedauernd, als nichts passierte. »Schade.«

Zack hob die Hände.

»Okay, ich geb’s auf.«

»Trifft sich gut. Ich hab mein Limit an Gesprächen mit oder über die Keats für heute nämlich erreicht. Erzählt mir lieber, was es sonst noch Neues in Ashwale gibt.«

Clara rieb sich die Hände.

»Einmal Klatsch und Tratsch über die Reichen und Schönen in Ashwale?«

Resigniert schlug Zack seinen Kopf gegen die Rückenlehne, und ich lächelte.

Ja, die beiden hatte ich echt vermisst.

Ich wollte gerade meinen Pulli gegen ein einfaches Top tauschen, als es an meiner Zimmertür klopfte.

»Ja?«

»Hey.«

Théos Kopf erschien im Türrahmen, und er wartete mein Nicken ab, ehe er ganz eintrat.

Kurz sah er sich um, und sein Gesichtsausdruck verriet mir, dass er dasselbe sah wie ich: ein schönes, geräumiges Zimmer mit hohen Deckenbalken, das zwar überaus geschmackvoll eingerichtet war, aber nicht den Hauch einer persönlichen Note besaß.

Klar, ich war erst seit zwei Tagen wieder zurück und ich konnte es meiner Mom auch nicht verdenken, dass sie in den letzten zwei Jahren etwas verändert hatte. Doch so wie der Raum jetzt aussah, war er höchstens für einen Möbelkatalog zu gebrauchen. Und nicht als Schlafzimmer.

Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich lieber ein Zimmer im Wohnheim der Uni gemietet. Aber es war nicht nach mir gegangen und auch schlichtweg nicht möglich gewesen. Das wusste ich.

Mein Blick glitt flüchtig über das weiße Kingsize-Bett mit gesteppter Kopfstütze, dem passenden Pouf sowie der darauf abgestimmten Sitzecke, ehe ich wieder zu meinem Bruder schaute.

»Ist schön geworden. Mom hat viel Arbeit reingesteckt«, sagte Théo vorsichtig, dessen blaue Augen meinen eigenen bis ins letzte Detail glichen. Auch der Blondton war derselbe, wobei Théo das dichte Haar im Fassonschnitt trug.

Man sah uns an, dass wir die Kinder unserer Mutter waren. Ninon und Liliana kamen mit den wallend roten Haaren, hohen Wangenknochen und grauen Augen dagegen ganz nach ihrem Vater. Ihrem Vater, nicht unserem.

Ich zog die Brauen hoch.

»Sie hat viel Arbeit reingesteckt?«

»Okay, reinstecken lassen«, korrigierte Théo und fuhr sich durch die Haare, die er einen Tick länger als früher trug. »Können wir bitte nicht damit anfangen?«

»Ist vermutlich besser«, murmelte ich, doch Théo hatte mich gehört. »Was machst du hier?«

»Früher hast du mich das nie gefragt, wenn ich an deinem Zimmer geklopft habe.«

Der Gedanke ließ mich schmunzeln.

»Ist eine Weile her.«

»Zu lange.«

Théo lehnte sich gegen die geschlossene Tür in seinem Rücken und verschränkte die Arme vor der Brust, wobei das schlichte Sweatshirt an seinen Ellbogen Falten warf. Er trug eine lange dunkle Hose, und ich fragte mich im Stillen, wo er zuvor gewesen war.

»Du hättest mit nach London kommen können«, wiederholte ich meine Bitte von damals, die für ihn nie eine Option gewesen war.

»Du hättest hierbleiben können«, antwortete er genau wie vor zwei Jahren.

»Jetzt bin ich ja wieder zurück«, erwiderte ich müde lächelnd und zwang mich, Théos Blick nicht auszuweichen, als er mich wie immer zu eingehend musterte. Als müsste er mich nur einmal intensiv anschauen, um all meine Geheimnisse zu kennen.

Mom etwas vorzumachen, war schon immer meine leichteste Übung gewesen. Doch etwas vor Théo zu verbergen war eine Kunst, die ich nie gelernt hatte. Und nie lernen wollte.

»Wie war dein erster Tag in Ashwale?«

»Ich bin schon seit gestern hier.«

Théo verdrehte die Augen, aber seine Mundwinkel zuckten.

»Okay, wie war dein erster richtiger Tag in Ashwale?«

»Gut. Ich hab mich mit Zack und Clara getroffen. Und ich bin offiziell wieder Mitglied im Golden Leaf.«

»Mom wird sich freuen.«

»Hoffe ich auch. Das hat fast eine Dreiviertelstunde gedauert.«

»Schlechter Service?«

So lauernd wie Théos Tonfall mit einem Mal war, ahnte ich nichts Gutes. Dennoch stellte ich mich unwissend.

»Was meinst du?«

»Was war da mit Keat los?«, wollte er wissen, eine harte Note in der Stimme, die er ausschließlich für die Keats zu reservieren schien, und ich stöhnte.

»Gibt es auch irgendwen in Ashwale, der das noch nicht mitbekommen hat? Hat uns jemand gefilmt? Kann ich es mir schon online anschauen?«

Théo überging meine Theatralik.

»Erzähl mir, was passiert ist.«

»Nichts.«

»Cassy.«

»Es war nichts, okay?«, sagte ich und setzte mich aufs Bett, wobei ich meine Zehen in dem flauschigen Teppich vergrub.

»Ihr habt euch also wegen nichts angeschrien?«

»Weil du und Samuel ja einen Grund dafür braucht«, spottete ich. »Und keiner hat geschrien. Wir haben nur geredet.«

»Über?«

»Seine Parkkünste.« Ich ließ mich nach hinten fallen und musste fast lachen, als Théo mich weiter wie ein Adler auf Beuteflug beobachtete. »Du lässt nicht locker, oder? Er hat mich zugeparkt. Zufrieden?«

Théo blinzelte.

»Ist das sein Ernst? Kaum zu glauben, dass der mittlerweile einundzwanzig ist.«

Ich verkniff es mir, Théo auf die ein oder andere Aktion hinzuweisen, die er und seine Kumpels schon mit den Keats abgezogen hatten. Wie etwa den Pagen zu bestechen, damit er Samuels Auto im Halteverbot parkte, nur um anschließend den Abschleppdienst zu rufen.

»Er dachte, du wärst im Club. War schließlich dein Wagen.«

Schlagartig verdunkelten sich Théos Augen, und einen Moment lang erkannte ich meinen Bruder nicht wieder.

»Der kleine Keat soll sich besser aus Dingen raushalten, die ihn nichts angehen.«

»Der kleine Keat? Du weißt, dass er ein Jahr älter ist als ich, oder?«

»Das ist was anderes«, schob Théo meinen Einwand beiseite. »Er hält sich in Zukunft besser von dir fern oder –«

»Woah, stopp.« Ich richtete mich wieder kerzengerade auf meinem Bett auf. »Ich kläre das selbst mit ihm. Ohne deine Hilfe.«

»Kommt nicht infrage. Du gehst den Keats aus dem Weg. Hast du mich verstanden? Und ich sorge dafür, dass –«

»Du gleich aus meinem Zimmer fliegst, wenn du so weitermachst?«

»Cassy …«

»Ich werde allein mit Nathan fertig, klar?«

»Ich weiß, dass du auf dich selbst aufpassen kannst. Aber bei den Keats ist das einfach was anderes«, blieb Théo ungewohnt hart. Die letzten beiden Jahre schienen nicht dazu beigetragen zu haben, dass sich sein Verhältnis zu Samuel oder irgendeinem der Keats gebessert hätte. Doch so feindselig hatte ich Théo selten erlebt. Das passte nicht zu ihm. Dennoch, er würde mir nicht vorschreiben, was ich zu tun oder zu lassen hatte. Von der Sorte gab es bereits einen Menschen in meinem Leben.

»Misch dich nicht ein«, warnte ich und funkelte ihn so lange an, bis er sich frustriert die Haare raufte.

»Mann, ich hab ganz vergessen, wie stur du sein kannst.«

Ich stand jetzt vollständig vom Bett auf.

»Das liegt in der Familie, Bruderherz.«

»Lässt sich schlecht leugnen«, erwiderte Théo mit einem halbherzigen Grinsen, ehe er eine Hand in den Nacken legte und im nächsten Moment so aussah, als wäre er lieber irgendwo anders, nur nicht hier.

»Willst du mir irgendwas mitteilen?«, fragte ich langsam.

»Na ja, nachdem du allein mit Nathan Keat fertig wirst: Wie begeistert wärst du, ihn diese Woche noch mal zu sehen?«

»Schwer in Worte zu fassen«, antwortete ich und wurde mit jeder Sekunde nur noch argwöhnischer. »Warum?«

Théo verzog das Gesicht.

»Hast du schon in deinen Kleiderschrank geguckt, seit du zurück bist?«

»Nein, wieso?«

»Erinnerst du dich noch an die Ballmers?«, setzte er seine Fragerunde fort, und ich musste nur kurz überlegen.

»Gehört denen nicht das Golden Leaf? Neugierig, eine Menge Einfluss und grauenhaft langweilig?«

Théo nickte.

»Genau die.«

»Was ist mit denen? Ist Unkraut auf dem Englischen Rasen gewachsen oder –« Mitten im Satz brach ich ab, als ich nun begriff, was mich erwartete. In wenigen Schritten durchquerte ich den Raum. »Sag bitte nicht, Mom hat …« 

Fast schon panisch zog ich die Türen des begehbaren Kleiderschranks auf. Das Licht sprang automatisch an. Doch selbst ohne wäre es unmöglich gewesen, das Monstrum an einem Abendkleid zu übersehen, das in einer durchsichtigen Kleiderhülle mitten im Raum drapiert worden war. Weinrot, transparentes Spitzenkorsett und hoher Beinschlitz. Das passte zu ihr.

»Die Ballmers haben uns diesen Freitag zu einer ihrer Dinnerpartys eingeladen. Hochexklusiv«, lieferte Théo in meinem Rücken die Erklärung für das Kleid.

Ich schüttelte den Kopf.

»Das ziehe ich nicht an.«

»Es gibt einen Dresscode. Mom hat das extra für dich ausgeliehen.«

Ich drehte mich zu meinem Bruder um.

»Seit wann laden uns die Ballmers überhaupt zu ihren Dinnerpartys ein? Wir gehören nicht zu ihrem Kreis. Die dulden Mom doch sonst nur.«

Théos Schweigen verriet mir deutlich mehr, als es eine Erklärung getan hätte: Die Ballmers wollten wissen, warum ich zurück war. So wie der Großteil von Ashwales High Society.

»Ist nur ein Dinner. Und die Benefizgala am Tag darauf. Und dann noch –« Er brach ab, als er meinen Blick bemerkte, und drückte stattdessen aufmunternd meine Schulter. »Willkommen zurück, Cassy.«

Das hörte ich heute schon zum zweiten Mal. Ich konnte nur nicht glauben, dass es mir aus Nathans Mund tatsächlich besser gefallen hatte.

4: Nathan

4

Nathan

Ich hasste Anzüge, dabei sollte ich mich eigentlich längst daran gewöhnt haben. Jedes Mal, wenn ich einen trug, hatte ich das Gefühl, verkleidet zu sein. Man merkte es mir nur nicht an. Denn meine Manieren waren tadellos gewesen, als wir die Ballmers unter den Argusaugen unseres Vaters auf einer Sommerterrasse begrüßt hatten, die selbst dem Golden Leaf Konkurrenz machte. Immer wieder nett zu sehen, wie viel er uns zutraute. Wobei das mehr für Davide und mich galt. Fairerweise war mein kleiner Bruder auch erst fünf Minuten vor Abfahrt aufgeschlagen. Ohne Krawatte zu seinem blauen Anzug und nicht einem Hauch von Gel in den schwarzen Haaren, die zu lang waren, als dass es unseren Eltern gefallen könnte. Doch es war zu spät gewesen, um noch etwas an seinem Outfit zu ändern, das er dennoch souveräner trug als ich. Der Anzug schien ihn nicht zu stören, doch die Veranstaltung langweilte ihn jetzt schon, was man ihm deutlich ansah. Sehr zum Missmut unseres Vaters.

Warum er also Davide kritisch beäugte, konnte ich verstehen. Aber mein eigener dunkelgrauer Anzug inklusive passender Krawatte saß perfekt, meine Haare waren gebändigt und mein Lächeln noch kein einziges Mal verrutscht, seit Mrs. Ballmer mit mir sprach. Und die Frau redete seit gut fünf Minuten ohne Punkt und Komma. Über was, konnte ich beim besten Willen nicht sagen. Ich nickte nur und spähte hin und wieder zu den Kellnern rüber, die den ersten Gästen bereits Champagner reichten. Vielleicht schaute mich Dad deswegen so angesäuert an. Aber er konnte es mir wirklich nicht verübeln, dass der Champagner mit jeder Sekunde attraktiver wurde, in der ich Mrs. Ballmer zuhören musste. Oder vermutlich konnte er das doch, wenn die Furche auf seiner Stirn ein Indiz war. Musste er sich eben an Sam halten. Der mimte den Mustersohn mal wieder perfekt.

»… Management und Finanzen sind genau der richtige Schwerpunkt, um in die Fußstapfen deines Vaters zu treten. Eine hervorragende Entscheidung, Nathan«, beglückwünschte mich Mrs. Ballmer gerade zu einer Wahl, die ich noch gar nicht getroffen hatte, und riss mich damit aus meiner Trance.

Ihre braunen Haare waren in einer kunstvollen Hochsteckfrisur fixiert, und das schwarz-weiße Wickelkleid verbuchte sie selbst vermutlich unter gewagt.

»Sie wissen von meinem Schwerpunkt?«, hakte ich nach, bemerkte Davides hochgezogene Brauen aus dem Augenwinkel, während mein eigenes Lächeln angestrengter wurde.

»Oh ja. Dein Vater hat uns längst davon erzählt. Er ist wirklich sehr stolz.«

Ich räusperte mich.

»Nun, die Entscheidung ist noch nicht –«

»Barbara«, unterbrach Mr. Ballmer mich, der ungefähr so blass wirkte wie die Marmorstatuen in seinem Garten, »dürfte ich dich für einen Moment entführen?«

»Aber natürlich. Entschuldigt mich, meine Lieben«, verabschiedete sich Mrs. Ballmer mit einer flüchtigen Berührung meines Oberarms und einem höflichen Nicken in Davides Richtung. »Genießt die Aperitifs.«

Die würde ich nicht genießen, dafür hatte ich sie zu dringend nötig. Wie aufs Stichwort reichte Davide mir ein Glas und hob das eigene in die Höhe.

»Auf deine Schwerpunktwahl, Bruderherz. Wusste gar nicht, dass du so heiß auf Finanzen bist.«

In einem Zug leerte ich das Glas, drückte es Davide wieder in die Hand und nahm ihm dafür das volle ab.

»Hey!«

»Du bist zu jung, um zu trinken.«

»Ernsthaft?«, fragte er, und ich lächelte süffisant.

»Ernsthaft.«

»Mann, bist du schlecht drauf. Nur weil Dad deine Zukunft verplant – mal wieder.« Davide stieß mich mit der Schulter an, die Stimme gesenkt, damit ihn sonst keiner hörte. »Sieh’s positiv. Es könnte schlimmer sein.«

»Wie?«

»Du könntest auch an Sams Stelle stehen.« Er deutete zu einem der weiß verkleideten Stehtische, an dem unser Bruder im Minutentakt an seinem Glas nippte und sich bereits seit Beginn der Veranstaltung mit Veronica unterhielt. Oder eher anschwieg. »Denkst du, Dad hat ihn schon an die Ballmers verhökert?«

»Weißt du eigentlich, dass Menschen dich hören können, sobald du die Lippen bewegst?«

Davide schnalzte mit der Zunge.

»Warum so gereizt? Angst, dass du der Nächste bist?«, raunte er und hatte eindeutig zu viel Spaß an der Sache. »Schade, dass Veronica keine Schwester hat, nicht?«