Fool Me Once - Janina Pohl - E-Book + Hörbuch

Fool Me Once Hörbuch

Janina Pohl

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Beschreibung

Wenn die Suche nach der Wahrheit dich an deine Grenzen bringt, wann hörst du auf?

Malias neuer Job hat es in sich: Sie darf eine exklusive Coverstory über die begehrtesten Junggesellen Kanadas schreiben.

Einen Monat lang soll sie die Bailey-Brüder begleiten und in deren ausladender Landhausvilla wohnen. Eine Chance, für die viele alles tun würden. Denn Noah und Elijah Bailey sind einflussreich, reich und noch dazu gutaussehend. Doch sie sind auch eiskalte Geschäftsmänner, und ihre Familiengeschichte ist nicht nur tragisch, sondern vor allem eins: ungeklärt. Genau wie das Verschwinden von Noahs Ex-Freundin Kathrine.

Malia weiß, dass sie einen kühlen Kopf bewahren muss, wenn sie die Wahrheit erfahren will. Nur hat sie nicht mit der Anziehungskraft von Elijah gerechnet, der ihr Herz gefährlich schnell schlagen lässt. Aber Elijahs Charme zu erliegen, könnte sie mehr als nur ihren Job kosten ...

Zwischen glamourösen Events und düsteren Familiengeheimnissen entfaltet sich eine Geschichte voller Leidenschaft, Verrat und unerwarteter Wendungen

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Zeit:12 Std. 12 min

Veröffentlichungsjahr: 2026

Sprecher:Madeleine Adler

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Zum Buch

Malias neuer Job hat es in sich: Sie darf eine exklusive Coverstory über die begehrtesten Junggesellen Kanadas schreiben.

Einen Monat lang soll sie die Bailey-Brüder begleiten und in deren ausladender Landhausvilla wohnen. Eine Chance, für die viele alles tun würden. Denn Noah und Elijah Bailey sind einflussreich, reich und noch dazu gutaussehend. Doch sie sind auch eiskalte Geschäftsmänner, und ihre Familiengeschichte ist nicht nur tragisch, sondern vor allem eins: ungeklärt. Genau wie das Verschwinden von Noahs Ex-Freundin Kathrine.

Malia weiß, dass sie einen kühlen Kopf bewahren muss, wenn sie die Wahrheit erfahren will. Nur hat sie nicht mit der Anziehungskraft von Elijah gerechnet, der ihr Herz gefährlich schnell schlagen lässt. Aber Elijahs Charme zu erliegen, könnte sie mehr als nur ihren Job kosten …

Zur Autorin

Janina Pohl wurde in Augsburg geboren und liebt nichts mehr, als sich in fiktiven Welten herumzutreiben. Schon in der Schule ließ sie sich von ihren Freundinnen regelmäßig Stichworte zustecken, um daraus kreative Geschichten zu basteln. Ihre Romanideen arbeitet sie am liebsten bei ausgedehnten Spaziergängen oder mit einer Tasse Cappuccino in der Hand aus, während ihre Notizbuchsammlung ins Unermessliche wächst. Auch sonst spielt Kreativität in allen Formen eine große Rolle in ihrem Leben. Ihren Schreiballtag teilt sie unter @janina.pohl.autorin auf Instagram.

Janina Pohl

Fool Me Once

Malia & Elijah

Roman

reverie

Originalausgabe

© 2026 reverie in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Covergestaltung von Giessel Design unter Verwendung von Shutterstock

E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN9783745705515

www.reverie-verlag.de

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberin und des Verlags bleiben davon unberührt.

Für alle, die manchmal das Gefühl haben, die Welt würde sich zu schnell drehen. Die leisen Momente sind genauso wichtig wie die lauten.

&

Für Michael,

mein persönliches Happy End

Liebe Leserinnen und Leser,

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Deshalb findet Ihr am Romanende eine Themenübersicht, die demzufolge Spoiler enthalten kann.

Wir wünschen Euch das bestmögliche Erlebnis beim Lesen der Geschichte.

Euer Team von reverie

Glossar

Royal flush: Bestes Pokerblatt, das aus Zehn, Bube, Dame, König und Ass in derselben Spielkartenfarbe (Pik, Herz, Karo oder Kreuz) besteht.

Straight Flush: Pokerblatt, das aus fünf aufeinanderfolgenden Spielkarten in derselben Farbe besteht. Wird nur vom Royal Flush (oder werthöherem Straight Flush) geschlagen.

Full House: Pokerblatt, das aus drei Karten desselben Wertes und zwei Karten eines anderen selben Wertes besteht, z. B.: drei Damen und zwei Buben.

Flush: Pokerblatt, das aus fünf beliebigen Karten derselben Farbe besteht.

Straße/Straight: Pokerblatt, das aus fünf direkt aufeinanderfolgenden Karten besteht. Die Spielkartenfarbe ist hierbei egal.

High Card: Niedrigste Pokerhand, die durch die höchste Spielkarte bestimmt wird.

All-in: Ein Spieler / Eine Spielerin setzt seinen / ihren gesamten verbleibenden Chipstapel.

Texas Hold’em: Spielvariante, in der der Spieler / die Spielerin aus zwei Handkarten und fünf Gemeinschaftskarten das bestmögliche Pokerblatt bildet. Das Spiel verläuft über mehrere Runden, bis nur noch ein Spieler / eine Spielerin übrig ist oder alle Karten aufgedeckt worden sind und der Spieler / die Spielerin mit der besten Hand den Pot/Einsatz der Runde erhält.

Raise: Ein Spieler / Eine Spielerin erhöht den Einsatz.

Call: Ein Spieler / Eine Spielerin geht mit dem Einsatz der anderen Spielerinnen und Spieler mit.

Fold: Ein Spieler / Eine Spielerin steigt aus der Runde aus und wirft seine / ihre Karten ab.

Bluff: Taktik / Täuschung, um die Mitspielerinnen und Mitspieler zum eigenen Vorteil in die Irre zu führen, mit dem Ziel, den Pot zu gewinnen.

Tell: Anzeichen z. B. im Verhalten, der Gestik oder Mimik eines Spielers / einer Spielerin, die Rückschlüsse auf die Stärke seines / ihres Blatts schließen lassen.

Small Blind: Pflichteinsatz, der zu Beginn jeder Pokerrunde gesetzt werden muss. Wird von dem Spieler / der Spielerin links neben dem Dealer (= Kartengeberin oder Kartengeber) erbracht.

Big Blind: Pflichteinsatz, der zu Beginn jeder Pokerrunde gesetzt werden muss. Wird von dem Spieler / der Spielerin links vom Small Blind erbracht. Doppelt so hoch wie der Small Blind.

Prolog

»Ich … Ich habe Mist gebaut …«

Meine Lider fühlten sich schwer an. So unendlich schwer. Als würde ein Gewicht sie nach unten ziehen und es mir unmöglich machen, meine Augen zu öffnen. Doch das dumpfe Pochen in meinem Kopf verhinderte, dass ich in den Schlaf zurückglitt.

Immerhin hatte ich geschlafen … oder?

Mein Bett schien zu schaukeln. Irgendwo plätscherte Wasser, was beruhigend war, bis es plötzlich zu laut wurde. Es dröhnte in meinen Ohren und ließ meinen schmerzenden Kopf fast explodieren.

Ich stöhnte, versuchte mich auf die andere Seite zu drehen, um mich tiefer im Kissen zu vergraben. Aber da war kein Kissen. Da war nicht einmal ein Bett. Und zu dem gleißenden Schmerz in meinem Schädel gesellte sich jetzt eine bekannte Stimme, die mich anschrie, aufzuwachen.

Ich schreckte hoch, nur um beinahe ungebremst nach vorne zu kippen. Reflexartig kämpfte ich gegen die Schwerkraft an und ließ mich in das nur allzu vertraute Polster zurückfallen. Ich war in einem Wagen, in meinem Wagen.

Aber warum? War ich noch mal ins Auto gestiegen? Ich war doch angekommen … oder nicht?

Ich kniff die Augen zusammen, wartete darauf, dass sie sich an die neue Umgebung gewöhnten. Doch außer den tanzenden Lichtreflexen sah ich nichts. Ich sah rein gar nichts, was mir einen Anhaltspunkt geliefert hätte, wo ich war. Weder durch die Windschutzscheibe noch durch die Seitenfenster. Lediglich endlose Dunkelheit, als wären selbst die Sterne am Nachthimmel erloschen. Vorausgesetzt, dass es Nacht war. Der Geräuschkulisse nach zu urteilen, schien es zu schütten, aber hinter der Scheibe vor mir war es seltsam ruhig. Keine Ringe aus platzenden Wassertropfen. Vielmehr waren die Tropfen hier drinnen. Bei mir.

Meine Füße standen im Wasser. Meine Hände waren starr vor Kälte. Und als ich nach unten schaute, ergriff die Angst Besitz von mir wie ein wildes Biest, das aus meiner Brust zu brechen drohte.

Seile. An meinen Händen und Füßen. Wasser im Auto und …

Ich schrie. Aber meine Kehle war zu trocken und statt eines Brüllens kam nur ein Krächzen aus meinem Mund.

Panisch trat ich mit den Füßen gegen die Pedale. Aber sie bewegten sich nicht. Mein Blick huschte zum Zündschloss. Der Schlüssel steckte, aber der Motor war ausgefallen. Und das Wasser lief und lief und lief.

Ich wand mich im Sitz, stemmte meinen unterkühlten Körper gegen die Fesseln, aber sie gaben nicht nach. Mein Atem beschleunigte sich, sog den Sauerstoff viel zu schnell aus dem begrenzten Raum. Mit voller Wucht schlug ich den Kopf gegen die Nackenstütze und bereute es sofort, als mir vor Schmerz schwarz vor Augen wurde. Übelkeit ließ mich würgen, Schwindel die Orientierung verlieren.

Ich schluchzte. Ich hatte es doch wieder in Ordnung bringen wollen. Meine Fehler wiedergutmachen. Ich brauchte eine Chance. Nur noch eine, dann würde ich …

Wie viele Chancen willst du noch?

Ich erstarrte. Das Echo in meinem Ohr war grausam, aber nicht falsch. Ich hatte in meinem Leben schon so viele Chancen bekommen. Doch was hatte ich damit gemacht? Die Menschen um mich herum verletzt, sie gegeneinander ausgespielt. Doch dieses Mal hatte ich mich verzockt.

Ich schloss die Augen und ließ mich in den Sitz sinken, in dem ich die letzten Tage über so viele Stunden verbracht hatte. Und das nur, um zu ihm zu gelangen.

Sein Lächeln kam mir in den Sinn. Die blitzenden Augen. Wie er mich sanft in den Arm nahm, mir einen Kuss aufs Haar hauchte – und wie er mich angesehen hatte, als meine ganze Welt wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen war.

Sollte das wirklich unser Ende gewesen sein?

Ein Ruck ging durch den Wagen. Erneut schlug mein Kopf gegen den Sitz. Meine Sicht verschwamm. Tränen liefen mir die Wangen hinab und ich spürte das Wasser um meine nackten Knöchel schwappen. Ein greller Lichtschein durchbrach die Dunkelheit. Jeder Knochen in meinem Körper schmerzte, als ich mich zur Seite drehte, bis ich den Ursprung des Lichtkegels erkannte. Mein Handy.

Mein Herz pochte hart gegen meinen Brustkorb.

Ich biss die Zähne zusammen, zog meine gefesselten Hände an mich und kippte zur Seite weg. Mit dem Gesicht voran fiel ich auf den Beifahrersitz. Mühsam stützte ich mich auf die Unterarme, blinzelte gegen das grelle Display an, bis die verschwommenen Buchstaben plötzlich einen Satz bildeten.

Tut mir leid, dass es so enden musste.

Mir wurde schlecht. Er hatte mich verraten. Er …

Ein hässliches Knacken ertönte.

Und das Wasser kannte kein Halten mehr.

Fünfzehn Jahre nach Verschwinden von Ophelia Bailey: Nun auch EX-Freundin des Millionärserben Noah Bailey vermisst!

Montréal. Seit Dienstagabend wird die 26-jährige Kathrine Langley vermisst, deren plötzliche Trennung von Millionärserben und Chairman der Bailey Corp. Noah Bailey unlängst für Schlagzeilen sorgte. (Wir berichteten.)

Langley wurde zuletzt gesehen, als sie am Morgen des 14.02. augenscheinlich aufgewühlt die Montréaler Stadtvilla der Bailey-Brüder verließ. Vorausgegangen war einem Insider der Familie zufolge ein heftiger Streit des ehemaligen Paares. Seitdem fehlt jede Spur der jungen Frau, die zu diesem Zeitpunkt bereits die Ex-Freundin des begehrten Bachelors war.

Der Service de police de la ville de Montréal (SPVM) sowie die Royal Canadian Mounted Police

(RCMP) haben nun eine landesweite Fahndung ausgerufen und bitten die Bevölkerung um Mithilfe.

Es ist nicht der erste Vermisstenfall, der die Familie Bailey erschüttert. Auch die Mutter der Millionärserben verschwand bereits unter ungeklärten Umständen. (Mehr auf den Seiten 4 – 6.)

Die Frage, die sich nun ganz Kanada stellt, lautet:

Wie viel weiß Noah Bailey wirklich über Kathrine Langleys Verschwinden? Die örtliche Polizei ermittelt und dürfte insbesondere im näheren Umfeld der Baileys jedem Hinweis nachgehen.

Ein Sprecher der Familie stand auf Anfrage nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung. (mr)

1

»Wo fange ich an? Es fühlt sich immer noch wie ein Traum an. Ein Märchen, das real geworden ist. Ich dachte, das wäre was Gutes.«

Royal River, Vancouver Island

Vier Monate später

Sie hatten ihren Chauffeur geschickt, um mich am Hafen von Swartz Bay abzuholen. Ihren Chauffeur. Natürlich wusste ich, dass die Bailey-Brüder alles andere als am Hungertuch nagten. Dafür besaßen die Inhaber der einflussreichsten Bau- und Immobilienfirma Kanadas definitiv zu viel Geld, zu viele Grundstücke – zu viel von allem eigentlich.

Aber das hier? Das war so weit weg von meiner eigenen Lebensrealität, dass ich mich kurz fragte, ob ich in einer dieser Teenie-Romanzen gelandet war. In Plötzlich Prinzessin oder etwas ähnlich Absurdem. Nicht dass ich den Film nicht mochte. Oder in etwa fünf Mal gesehen hatte. Es fühlte sich nur einfach surreal an, in dieser voll ausgestatteten Limousine zu sitzen, das helle Leder so makellos, dass ich fast Angst gehabt hatte, mich in den Sitz fallen zu lassen. Ich hätte wohl beim Magazin nachfragen sollen, ob sie im Zweifel für irgendwelche Schäden aufkamen, die ich verursachte. Nur für den Fall der Fälle.

Und wenn ich im Auto schon Angst hatte, etwas kaputt zu machen, wie sollte das erst in ihrer Landhausvilla werden, in der ich die nächsten vier Wochen verbringen würde? Bei Noah und Elijah Bailey, zwei der begehrtesten Junggesellen des Landes!

Was sie, zugegeben, nicht ohne Grund waren. Denn ihre Fotos aus den Lifestyle-Magazinen konnten sich durchaus sehen lassen. Und auf dem Cover besagter Zeitschriften landete man auch nicht einfach so. Oder stach dabei scheinbar mühelos eine ganze Auswahl an anderen Celebrities aus.

Trotzdem schafften sie es, in der Öffentlichkeit als nahbar zu gelten. Regelrecht bodenständig. Sie setzten sich gleich für eine ganze Reihe an Wohltätigkeitszwecken im In- und Ausland ein. Wie es schon ihr Vater vor ihnen getan hatte, dessen Erbe sie seit seinem Tod bestmöglich fortführten. Die kanadische Bevölkerung liebte sie und ihr Image war der Traum eines jeden PR-Managers – zumindest bis vor vier Monaten.

Gedankenverloren drehte ich das Sektglas zwischen den Fingern hin und her, das mir zur Begrüßung gereicht worden war, trank aber nicht. Immerhin war ich im Dienst. Auch wenn es gerade vermutlich nicht den Anschein erweckte. Welcher Job startete schon mit einer chauffierten Fahrt aufs Land?

Seit wir vom Hafen aufgebrochen waren, konnte ich mich nicht so recht entscheiden, ob ich nun aus dem Fenster schauen sollte, um die vorbeiziehende Landschaft zu genießen, oder ob ich nicht besser doch noch mal das Briefing über die Brüder durchging, das meine Chefredakteurin Ivie für mich zusammengestellt hatte. Zum vermutlich hundertsten Mal, da ich schon auf der Fähre nach Vancouver Island nichts anderes getan hatte.

Ivies Notizen waren gründlich. Meine eigenen gründlicher. Was kein Affront gegen ihre Recherchearbeit war. Immerhin tat sie mir einen riesigen Gefallen damit, dass ich die Coverstory über die Bailey-Brüder übernehmen durfte. Bei Vibe Y gab es schließlich unzählige fähige Redakteurinnen und Redakteure, die den Job alle unbedingt hatten ergattern wollen. Und das nicht nur, weil er im besten Fall einen gewaltigen Sprung auf der Karriereleiter zur Folge hatte. Sondern auch, weil es eben die Bailey-Brüder waren. Das bedeutete selbst in den USA etwas. Im Stillen fragte ich mich noch immer, wieso sie sich ausgerechnet für unser Magazin und kein ortsansässiges entschieden hatten. Die amerikanische Presse war in den vergangenen Monaten deutlich härter mit Noah ins Gericht gegangen als die kanadische, doch wenn sie ihr Image in den USA aufpolieren wollten, hätte es einflussreichere Publikationshäuser gegeben. Lag es an Ivies guter Arbeit, die sich in den zuletzt steigenden Auflagenzahlen bemerkbar machte, dass die Wahl auf Vibe Y gefallen war? Oder steckte etwas anderes dahinter? Eine glückliche Fügung, die man genauso wenig hinterfragte wie den Royal Flush, den man mit der letzten Karte auf die Hand bekam?

Ich stellte das Sektglas beiseite und zog die Fotos aus der schlichten schwarzen Ledermappe auf meinem Schoß. Mittlerweile hatte ich sie mir so oft angesehen, dass ich beide Brüder in einem Detailgrad hätte beschreiben können, der wohl an beunruhigend grenzte. Doch ich war nervös. Nervöser als je zuvor in meinem Leben. Von diesem Job hing eine Menge ab. Für Ivie. Für das Magazin. Für mich. Aber auch für die Bailey-Brüder. Und das erleichterte mich zumindest ein klein wenig.

Ich war nicht die Einzige, die darauf angewiesen war, dass die Sache reibungslos über die Bühne lief. Die Baileys brauchten die gute Presse. Oder wenigstens irgendeine Presse, die sie nicht mit Kathrine Langleys Verschwinden in Verbindung brachte. Ihr zuvor makelloser Ruf hatte unter dem ungeklärten Vermisstenfall gelitten. Sie hatten sich nicht umsonst fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, wobei ihnen nicht wenige nachsagten, sie wären aus Montréal nach Royal River geflohen.

Vier Monate war Kathrine Langley nun schon verschwunden und die Polizei stand mit leeren Händen da. Keine Spur. Keinen Verdächtigen. Nicht ein einziges Indiz, das man hätte vorzeigen können. Die Öffentlichkeit hätte wohl längst das Interesse an dem Fall verloren, wäre da nicht die Verbindung zu Noah Bailey. Immerhin verschwanden täglich Leute im Land, doch die meisten Fälle schafften es nicht einmal in die Nachrichten. Dafür waren sie nicht interessant genug. Eine Vorstellung, die mir einen Schauer über den Rücken jagte. Dass das Verschwinden oder Unglück eines Menschen nicht interessant genug sein konnte. Als stünden hinter all den ungehörten Fällen keine Familien oder Freunde, für die diese Ungewissheit die reinste Tortur war. Doch ebenso sehr verabscheute ich die Art der Berichterstattung über Kathrine Langley.

Ein Großteil der Schlagzeilen war geradezu abstoßend. Reißerisch. Mehr darauf abzielend, Noah Bailey zu schaden, als Kathrine zu finden. Und je länger sie verschwunden blieb, umso mehr hatten die Spekulationen an Fahrt aufgenommen. Kleinigkeiten waren zu Skandalen aufgebauscht worden. Die ganze Geschichte war so außer Kontrolle geraten, dass die Baileys schließlich eine Pressesperre verhängt hatten. Die Coverstory war ihr erster Pressekontakt seit Monaten. Und der musste gut laufen. Für beide Seiten.

Ich atmete tief durch und betrachtete Noahs Foto. Eisblaue Augen funkelten mich amüsiert und dennoch unschuldig an, ein Lächeln auf den Lippen, das Grübchen an beiden Mundwinkeln erscheinen ließ. Die dunkelblonden Haare waren gestylt, und doch fielen ihm genug Strähnen in die Stirn, um ihm eine gewisse Lässigkeit zu verleihen. Das Foto war auf der Tribüne eines Tennismatches entstanden. Entsprechend leger war Noah gekleidet. Poloshirt, Chinos und genug Spielraum, um den durchtrainierten Körper in Szene zu setzen. Noah Bailey war attraktiv, keine Frage. Vielleicht etwas zu perfekt für meinen Geschmack.

Elijah war optisch betrachtet das komplette Gegenteil von ihm, wie mir dessen Bild einmal mehr vor Augen führte. Im selben Maße attraktiv, aber auf eine gänzlich andere Art. Es fing bei seinem Lächeln an, das mehr ein Grinsen war. Etwas überheblich vielleicht, definitiv belustigt und gerade so anzüglich, dass die Presse es unter verschmitzt verbuchen konnte. Selbst auf dem Foto wirkten seine Augen stechend grün, als könnten sie geradewegs in einen hineinschauen. Oder durch einen hindurch. Seine Haare waren dunkler als die seines Bruders und um einiges zerzauster. Die Zeitungen bezeichneten ihn gern als Bad Boy – hauptsächlich die amerikanischen Medien – und auf Social Media gab es sogar ein eigenes Hashtag für ihn.

#BBB – Bad Boy Bailey.

Kurz fragte ich mich, ob er das wohl genauso lächerlich fand wie ich. Vielleicht gefiel es ihm aber auch. Seine sprunghafte Dating-Historie – penibel aufgezeichnet vom Boulevard – sprach zumindest auf den ersten Blick dafür. Seine längste Beziehung hatte gerade einmal ein paar Monate gehalten. Ob ihn das aber nun wirklich zum Bad Boy machte oder meine amerikanischen Kollegen einfach zu erpicht darauf waren, ein, wenn wir ehrlich waren, normales Dating-Leben möglichst medienwirksam auszuschöpfen, sei mal dahingestellt.

Fakt war, dass die Baileys vor den Augen der Presse aufgewachsen waren. Sie waren noch immer Kanadas Goldjungen, auch wenn aus diesen längst Männer geworden waren. Die Medien hatten sie so lange auf ein Podest gestellt, bis es lukrativer geworden war, ihre Skandale auszuschlachten, als ihr Leben zu feiern. Ihr plötzlicher Rückzug aus der Öffentlichkeit hatte nur noch höhere Wellen geschlagen. Und nun, nach dem Tod ihres Vaters und mit den regelmäßigen Berichten über Kathrines Verschwinden, war das Interesse an ihnen natürlich größer denn je.

Das nächste Foto zeigte Elijah in Badeshorts auf dem Deck einer Jacht, ein Glas Champagner in der Hand und die Haut sonnengebräunt. Auch er war trainiert, hatte in seiner Jugend sowohl Fußball als auch Tennis gespielt und war auch heute noch regelmäßig auf dem Tennisplatz anzutreffen. Oftmals in Begleitung seines Bruders. Denn sosehr ihnen die Presse in den vergangenen vier Monaten auch Probleme andichten wollte, so gut schienen die beiden sich zu verstehen. Wenigstens das schien uns zu verbinden.

Meine Schwester war immerhin auch die Erste gewesen, der ich von meinem neuen Job erzählt hatte. So wie immer. Wobei wir uns oftmals nur Voicemails und Chatnachrichten schickten, da sie selten lange an einem Ort blieb.

Ich schob Elijahs Bilder zurück in die Mappe und blieb noch für einen Moment an Noahs hängen.

Ich hatte zwei Aufnahmen von ihm. Eine vor und eine nach Kathrines Verschwinden. Es war nicht schwer zu erkennen, welches Bild wann aufgenommen worden war. Denn man sah, wie nah ihm ihr Verschwinden ging. Egal, was die Medien berichteten. Das Funkeln in seinen Augen fehlte. Dieses vergnügte Blitzen, das ihn so mühelos charismatisch wirken ließ. Man musste nur genau hinschauen.

Die Limousine kam plötzlich zum Stillstand, schreckte mich auf, ehe sie deutlich gemäßigter weiterfuhr und ich das Knirschen von Kies hörte.

Wir waren da.

Hastig verstaute ich die Unterlagen in meiner Tasche und strich meinen knöchellangen Rock glatt. Erste Eindrücke waren wichtig und ich war darauf angewiesen, dass mich die Baileys mochten. Oder zumindest so weit tolerierten, dass die Story ein Erfolg wurde. Die Tore ihrer Landhausvilla, ihrem Rückzugsort, überhaupt zu öffnen, war nicht nur ein Novum, sondern auch eine exklusive Chance, die sich sicher kein zweites Mal bieten würde. Schon gar nicht für mich.

Der Wagen hielt an, gerade als ich eine widerspenstige Strähne meines schwarzen Haars zurück in meinen Low Bun steckte. Ich zupfte meine Satinbluse zurecht, richtete die Schnalle meines Gürtels und dann ging auch schon die Tür auf.

»Ms. Donovan«, sagte Lucas, der Chauffeur der Baileys, und reichte mir die Hand. »Willkommen in Royal River.«

So souverän wie irgendwie möglich schälte ich mich aus dem Ledersitz, wobei ich meine gefütterte Daunenjacke im Wagen zurückließ. Auf der Insel würde ich sie nicht brauchen. Die Temperaturen waren für Juni vielleicht nicht so hoch, wie ich es von Oakland gewohnt war, aber die leichte Brise war durchaus angenehm. Nur meine Umhängetasche gab ich nicht aus der Hand.

»Ihr restliches Gepäck können Sie unbesorgt im Wagen lassen. Wir kümmern uns darum«, informierte mich Lucas, als hätte er meine Gedanken gelesen. Ich war mir zwar nicht sicher, wen er mit wir meinte, nickte aber höflich.

Ich schätzte Lucas auf Mitte vierzig. Sein Bart war getrimmt, seine Haare unter der Chauffeurmütze verborgen und nur die kleinen Fältchen um seine Augen ließen Rückschlüsse auf sein Alter zu. Sein Anzug wirkte so adrett, dass ich mich schon jetzt underdressed fühlte. Und ich hatte die Baileys noch nicht einmal gesehen.

Ich blinzelte gegen das Tageslicht an und dann klappte mir beinahe der Mund auf. Ivie hatte nicht übertrieben, als sie von abgelegen gesprochen hatte. Weit und breit entdeckte ich nur saftig grüne Bäume, hatte den Geruch von Natur und Meer in der Nase und ein Grundstück vor Augen, das Erinnerungen an den Kensington Palace weckte. British Columbia trug seinen Namen nicht ohne Grund. Denn wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, ich stünde in England, nicht in Kanada.

Mein Blick glitt über den ausladenden Vorhof sowie eine penibel gepflegte, kreisrunde Grünfläche – inklusive Brunnen, verstand sich – bis zum Haus.

Zur Villa. Ein Traum aus roten Ziegeln und weiß gerahmten Fenstern, der eher an den Drehort einer historischen Serie erinnerte als an ein Zuhause. Downton Abbey hätten sie hier drehen können und nun sollte ich an diesem Ort wohnen. Das war unfassbar.

»Ms. Donovan?«, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken, die ich bis jetzt nur vom Telefon kannte.

Schnellen Schrittes kam Amanda McWire, Noah Baileys persönliche Assistentin, mit klackenden Absätzen und im vermutlich maßgeschneiderten Hosenanzug auf mich zugeeilt. Ihre blonden Haare waren zu einem strengen Dutt gebunden und hinter der Hornbrille blickte ich in ein Paar intelligenter Augen.

Äußerst dezent musterte sie mich und ich wusste, sie hatte jemand Älteres erwartet. Das war fairerweise auch Ivies Absicht gewesen. Sie hatte zu Beginn nicht mich schicken wollen. Die Dinge waren nur einfach anders gelaufen als geplant. Und sie hatte mir einen Gefallen geschuldet. Als Freundin, nicht als Chefin.

Amanda konnte selbst nicht viel älter als dreißig sein und an dem kurzen Kräuseln ihrer Lippen erkannte ich sofort, dass ihr irgendetwas an mir nicht passte. Obwohl sie es beinahe perfekt versteckte.

»Wie schön, Sie endlich persönlich kennenzulernen«, sagte sie und streckte mir die Hand entgegen. »Hatten Sie eine angenehme Reise?«

Mit einem Lächeln, von dem ich hoffte, es würde ihren ersten Eindruck von mir etwas korrigieren, schüttelte ich ihre Hand. Dankbar, dass meine eigene nicht schwitzte.

»Ja, sehr. Vielen Dank für den Transfer. Ich bin sonst eher das Taxifahren gewohnt.«

Amanda winkte ab.

»Nicht doch. Bei all Ihrem Gepäck wäre das eine Zumutung gewesen. Immerhin werden Sie uns ja eine Zeit lang Gesellschaft leisten.«

Ich nickte erneut, obwohl eine Taxifahrt mit zwei Koffern wohl kaum als Zumutung gelten konnte. Zumindest nicht in meiner Welt.

»Wohnen Sie auch hier?«

Amanda beäugte mich über den Rand ihrer Brille hinweg.

»Wenn die Umstände es erfordern«, antwortete sie nach einer kurzen Pause. »Meine Unterkunft liegt im Gästehaus.«

Ich folgte ihrem Blick zu einem Gebäude, das neben dem Haupthaus so unscheinbar wirkte, dass es mir im ersten Moment gar nicht aufgefallen war.

Peinlich berührt räusperte ich mich.

»Ivie, ähm, Mrs. Mason und das Team von Vibe Y bedanken sich nochmals herzlich für Ihr Engagement. Wir fühlen uns geehrt, dass Sie uns ausgewählt haben.«

»Oh, tatsächlich hat sich Mr. Bailey für Ihr Magazin entschieden. Ich war lediglich für die Korrespondenz und das Management zuständig«, stellte sie richtig und man musste kein großer Menschenkenner sein, um zu bemerken, dass sie selbst eine andere Wahl getroffen hätte. »Nun, Ms. Donovan …«

»Malia«, entfuhr es mir, bevor ich mir auf die Zunge beißen konnte. »Nennen Sie mich doch bitte Malia.«

Amanda zuckte nicht einmal mit der Wimper.

»Natürlich, Malia. Ich bin Amanda. Wenn du mir folgen würdest?« Sie wandte sich an Lucas. »Bringst du währenddessen bitte Malias Gepäck auf ihr Zimmer? Die Gästesuite im Ostflügel.«

»Mit Vergnügen«, antwortete Lucas und zwinkerte mir verschwörerisch zu, kaum dass Amanda mir den Rücken zuwandte. »Angenehmen Aufenthalt.«

»Danke«, murmelte ich schwach und beeilte mich, mit Amanda Schritt zu halten, die bereits zielstrebig auf den Eingang der Villa zusteuerte.

»Du solltest die Agenda für die nächsten vier Wochen bereits erhalten haben, richtig?«, fragte sie, wobei ihr die lockere Anrede nun leichter über die Lippen ging.

»Zusammen mit der Verschwiegenheitserklärung, ja.«

»Richtig.« Amanda tippte einen achtstelligen Code in das Touchpad neben der Tür ein und bestätigte ihre Eingabe, ohne sich zu mir umzudrehen. »Ich hoffe, du verstehst, warum das notwendig ist. Natürlich ist es unser Ziel, dir einen möglichst privaten Einblick in das Leben von Mr. und Mr. Bailey zu gewähren. Nichtsdestotrotz müssen wir sicherstellen, dass sensible Informationen mit der nötigen Diskretion behandelt werden. Insbesondere ihre Geschäfte betreffend.«

»Selbstverständlich«, versicherte ich ihr, als sie nun doch einen Blick über die Schulter warf, die Tür lediglich einen Spaltbreit geöffnet, spürbar unschlüssig, ob sie mich wirklich einlassen wollte. »Ich bin nicht auf der Suche nach einem weiteren Skandal. Überhaupt einem Skandal«, korrigierte ich rasch. »Ich will nur meinen Job machen.«

»Das freut mich.«

Sie schritt voran in ein Foyer, das der Fassade des Hauses in Sachen Extravaganz in nichts nachstand. Die Eingangshalle wirkte mit ihren weißen Marmorfliesen und den hohen Fenstern, durch die reichlich Licht einfiel, sogar noch größer, als sie ohnehin schon war. Eine massive Holztreppe führte vom Foyer geradewegs in den ersten Stock. Dazu zählte ich bereits hier fünf Türen, die in andere Räume führten. Jede einzelne von ihnen verschlossen.

Nur Amandas amüsierter Blick hielt mich davon ab, mich staunend einmal um die eigene Achse zu drehen.

»Beeindruckend, nicht wahr?«, meinte sie. »Das Anwesen ist seit Generationen im Familienbesitz. Mr. und Mr. Bailey haben es allerdings erst vor Kurzem renovieren lassen, um eigene Akzente zu setzen.«

»Das ist auf jeden Fall gelungen«, erwiderte ich in Anbetracht der ausgestellten Kunstgegenstände, ehe Amanda mich bereits weiter zu einer der unscheinbareren Türen führte. Sie ließ mir den Vortritt und ich ging voraus in ein Arbeitszimmer, das einen willkommenen Kontrast zum offen zur Schau gestellten Reichtum im Foyer bot.

Hohe Bücherregale säumten die Wände, jedes einzelne bis auf den letzten Zentimeter gefüllt. Durch das Fenster bot sich ein schöner Blick in den Garten, ansonsten gab es recht wenig zu sehen. Nur ein ausladender Schreibtisch. Ohne Laptop, Dokumente oder auch nur einem Stift darauf. Nichts. Und doch: Die offensichtlich benutzte Tischunterlage sowie die Position der Schreibtischlampe deuteten an, dass das normalerweise nicht der Fall war. Irgendjemand hatte den Arbeitsplatz erst vor Kurzem verlassen. Recht eilig, wenn ich hätte raten müssen.

»Stoßen Mr. und Mr. Bailey noch zu uns?«, fragte ich mit einem Blick auf meine Uhr, da die Agenda eine Begrüßung um drei vorgesehen hatte.

»Sie werden dich gleich im Salon empfangen«, erklärte Amanda, die keine Anstalten machte, sich zu setzen oder mir einen Platz anzubieten. »Zuerst bräuchte ich allerdings noch die unterschriebenen Unterlagen.«

»Oh ja, natürlich.«

Ich zog an dem Tragegurt meiner Tasche, was gleich aus zwei Gründen keine gute Idee war. Denn zum einen beschloss das seit Jahren beanspruchte Leder genau in diesem Moment, genug Strapazen hinter sich zu haben, und riss. Zum anderen lag ganz oben die Mappe mit meinen Recherchen, die nun fröhlich über das polierte Parkett glitt und erst von Amandas spitzen Pumps gestoppt wurde. Meine Notizen blieben zum Glück in der Mappe stecken. Doch dafür rutschte etwas anderes heraus: die Fotos der Brüder. Allen voran das Bild, das Elijah oberkörperfrei auf der Jacht zeigte.

Ich spürte, wie meine Wangen heiß wurden, noch bevor sich Amanda bückte, um den Ordner samt Fotos aufzuheben. Ihre Augenbrauen schossen nach oben und dann sah sie mich an.

»Das ist eine sehr … interessante Auswahl.«

Sie hielt mir die Mappe entgegen, die ich beschämt entgegennahm. Recht eilig stopfte ich den Ordner zurück in meine kaputte Tasche, die ich nun am Tragegriff hielt und die spätestens nach dem anstehenden Termin in den Müll wandern würde.

»Das war Teil des Briefings«, erklärte ich ungefragt. »Ich wollte bestmöglich vorbereitet sein. Deswegen habe ich mir natürlich auch ihre Social-Media-Accounts angesehen. Ziel der Coverstory soll es ja sein, den Leserinnen und Lesern einen privaten Einblick zu vermitteln. Ich habe gern alle Informationen auf einen Blick.«

»Genug zu sehen gibt es ja«, bemerkte Amanda und ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Hätte Ivie kein anderes Bild heraussuchen können?

»Das Foto hätte es nicht unbedingt ins Briefing schaffen müssen«, räumte ich ein. »Könntest du ihm bitte nichts davon erzählen?«

»Keine Sorge, von mir erfährt keiner etwas. Schon gar nicht Elijah. Das würde ihm nur gefallen. Vermutlich zu sehr.«

Irritiert runzelte ich die Stirn, doch bevor ich nachhaken konnte, klopfte es an der Tür.

Eine ältere Dame, die ich auf Ende fünfzig schätzte, trat ins Zimmer und ich hatte nun vollends das Gefühl, am Set von Downton Abbey gelandet zu sein. Oder von Bridgerton.

»Die jungen Herrschaften wären dann so weit.«

»Danke, Abigail. Wir sind sofort da.«

Skeptisch musterte mich Abigail, was mein hartnäckiges Gefühl, den Anforderungen nicht gerecht zu werden, lediglich verstärkte. Dann nickte sie knapp und zog sich wortlos zurück. Mit einem Klicken fiel die Tür ins Schloss.

»Abigail Brown, die Haushälterin des Anwesens. Sie kümmert sich seit über zwanzig Jahren um die Baileys«, klärte mich Amanda auf und streckte anschließend ihre Hand aus. »Die Verträge, Malia?«

Binnen zehn Minuten gingen wir das Organisatorische durch und ich war dankbar, dass Amanda die Fotos nicht mehr zur Sprache brachte.

»Bevor ich dich vorstelle, noch ein gut gemeinter Rat«, sagte sie abschließend, während sie die Papiere fein säuberlich zu einem Stapel zusammenfasste. »Komm ihnen besser nicht zu nahe.«

Ich straffte die Schultern, in der Hoffnung, mich verhört zu haben.

»Wie bitte?«

»Noah und Elijah sind attraktive Männer. Ich möchte nicht, dass es zu Missverständnissen kommt. Gerade Elijah kann sehr … impulsiv sein. Es wäre klug, das nicht zu missinterpretieren.«

Die Implikation gefiel mir nicht. Kein Stück.

»Ist das ein Rat oder eine Warnung?«

»Beides, wenn du willst.«

»Danke«, entgegnete ich schmallippig, eine Hand um den Griff meiner Tasche geschlungen wie um eine Rettungsleine, »aber ich bin nur hier, um meinen Job zu machen.«

»Ich unterstelle dir auch nichts anderes, keine Sorge.« Sie lief zur Tür, wandte sich auf der Schwelle zu mir um und lächelte, als hätte es die letzten zwei Minuten nie gegeben. »Bereit, die Baileys kennenzulernen?«

Ich erwiderte ihr Lächeln, obwohl es sich mehr wie eine Grimasse anfühlte. Denn nun war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich bereit dafür war.

2

»Ich weiß, du magst mein Spiel nicht. Aber ich schwöre, ich hatte es im Griff.«

Als wir den Salon betraten, passierten zwei Dinge gleichzeitig: Das flüsternde Gespräch der Bailey-Brüder verstummte schlagartig. Und ich blickte zum allerersten Mal in Elijah Baileys grüne Augen, wodurch alles andere für einen kurzen Moment in den Hintergrund rückte.

Die Fotos wurden ihm eindeutig nicht gerecht. Weder seinen Augen noch seiner Ausstrahlung. Dann wiederum hatte mich Foto-Elijah auch nicht mit derselben Intensität gemustert, wie es der echte Elijah nun tat.

Ich wollte wegschauen. Ich sollte wegschauen. Aber irgendetwas an seinem Blick hielt mich gefangen. Wie ein Reh im Scheinwerferlicht starrte ich ihn an. Länger als höflich war. Erst als sich seine Lippen zu einem schiefen Grinsen verzogen, riss ich mich von seinem Anblick los.

Ich sah kurz zu Boden und sammelte mich. Ich wollte einen professionellen Eindruck machen. Nicht den eines Schulmädchens.

Nur am Rande bekam ich mit, wie Amanda mich den beiden Brüdern vorstellte, und hob den Kopf gerade noch rechtzeitig, ehe Noah Bailey auch schon mit drei großen Schritten auf mich zukam.

Er trug einen dunkelblauen Anzug, knöpfte sich beim Gehen das Jackett zu und streckte mir, ganz der Geschäftsmann, die Hand entgegen.

»Ms. Donovan, schön, Sie kennenzulernen. Noah Bailey.«

Noahs blaue Augen waren bei Weitem nicht so eindrucksvoll wie die seines Bruders, doch seine Präsenz konnte einen ohne Zweifel einschüchtern. Und irgendetwas sagte mir, dass genau das seine Absicht war.

Ich nahm meine Schultern zurück, legte den Kopf leicht in den Nacken, um ihm ins Gesicht zu sehen, und spiegelte sein Lächeln.

»Danke, Mr. Bailey. Malia … Donovan«, entgegnete ich, bemerkte Amandas hochgezogene Brauen aus dem Augenwinkel und hörte ein leises Lachen.

Sofort huschte mein Blick wieder zu Elijah, der erst gar keine Anstalten machte, aufzustehen. Im Gegenteil, er breitete die Arme auf der Rückenlehne des gesteppten Ledersofas aus und überkreuzte seine langen Beine an den Knöcheln. Im Gegensatz zu seinem Bruder trug er keinen Anzug, sondern lediglich eine graue Stoffhose zum schwarzen T-Shirt.

»Mir gefällt Malia auch besser als Ms. Donovan.«

Er zwinkerte mir zu und Noahs Miene gefror.

»Elijah«, warnte er, wovon sich sein Bruder allerdings wenig beeindruckt zeigte.

»Was? Sie wohnt jetzt hier. Du willst sie nicht allen Ernstes vier Wochen lang mit Ms. Donovan ansprechen, oder? Das kannst du machen, nachdem sie all unsere Geheimnisse in der Klatschpresse breitgetreten hat.«

»Elijah«, wiederholte Noah deutlich schärfer, während sich Amanda räusperte.

»Malia hat die Verschwiegenheitserklärung bereits unterschrieben.«

»Ich bin mir sicher, da gibt es irgendwo ein Schlupfloch. Und das finden Journalisten bekanntlich immer.« Elijah grinste mich an. Wie ein Kater, der vor einer Maus saß. »Nichts für ungut.«

»Kein Problem«, erwiderte ich steif und wandte mich wieder Noah zu. »Ich kann Ihnen versichern, dass es weder meine Absicht noch mein Auftrag ist, irgendetwas breitzutreten. Ich will nur meinen Job machen. Und ich überlasse es selbstverständlich Ihnen, wie Sie in Ihrem eigenen Haus angesprochen werden wollen.«

Augenblicklich entspannte sich Noahs Mimik und auch sein Lächeln wirkte echter als zuvor.

»Danke, Ms. Donovan … Malia. Noah ist vollkommen in Ordnung. Bitte setz dich schon mal. Ich bin gleich bei euch.«

Er deutete auf den Loungebereich und zu seinem Bruder, der die Augen leicht verengt hatte. Seine Züge glätteten sich erst, als ich schon fast bei ihm war. Mit einem Nicken, von dem ich nicht sagen konnte, ob es nun charmant oder doch eher provokant war, deutete er auf das Sofa ihm gegenüber.

»Bitte, Malia. Setz dich.«

Ich atmete tief durch. Jetzt wusste ich, was Amanda gemeint hatte. Vielleicht war es doch ein gut gemeinter Ratschlag und keine Warnung gewesen.

Kurz sah ich mich um. Ich war mir nicht sicher, was ich eigentlich erwartet hatte, als es hieß, die Brüder würden mich im Salon empfangen. Doch irgendwie hatte ich auch dieses Mal etwas Altmodischeres erwartet. Etwas, das dem Wort Salon gerecht wurde. Stattdessen befand ich mich in einem weitläufigen, lichtdurchfluteten Raum, in dem der voll verglaste Kamin mehr zur Zierde denn als Wärmequelle diente.

»Hat Lucas dich gut hergebracht?«, fragte Elijah, kaum dass ich Platz genommen hatte, und kämmte sich mit gespreizten Fingern durch die braunen Haare.

»Hat er, danke.«

Ich spähte verstohlen zu Noah, der sich etwas abseits gedämpft mit Amanda unterhielt.

»Deine erste Fahrt in einer Limousine?«

»Bis jetzt wurde ich so zumindest noch nicht zur Arbeit abgeholt. Aber vielleicht schlage ich es beim nächsten Redaktionsmeeting mal vor«, scherzte ich und verzog innerlich das Gesicht. Das war nicht so professionell, wie ich es mir vorgenommen hatte. Doch Elijah grinste nur.

»Sieh an, ich wusste nicht, dass euer Magazin so viel Budget hat. Vielleicht hätten wir mehr verlangen sollen.«

»An der Budgetierung bin ich nicht beteiligt.«

»Schätze nicht, nein«, bemerkte er mit einem Zungenschlag. »Streng genommen warst du ja ursprünglich nicht mal Teil des Interviews.«

Ich bemühte mich, keine Miene zu verziehen. Woher wusste er das?

»Die Pläne haben sich kurzfristig geändert, aber ich kann dir versichern, dass das keinen Einfluss auf die Qualität der Berichterstattung haben wird.«

»Hm«, brummte Elijah nachdenklich. »Wie alt bist du?«

»Fünfundzwanzig.«

»Ist das nicht ein wenig zu jung, um schon so eine große Story zu übernehmen?«

»Bist du nicht ein wenig zu jung, um schon Teilhaber eines Konzerns zu sein?«

Elijahs Brauen schossen nach oben und ich fürchtete bereits, zu weit gegangen zu sein. Doch zu meinem Glück lachte er nur.

»Touché.« Er streckte die Hand nach der Wasserkaraffe auf dem Kaffeetisch aus, wobei er mich nicht eine Sekunde lang aus den Augen ließ. »Darf ich?«

»Gern.«

Unsere Finger streiften sich, als er mir das Glas reichte. Nur flüchtig. Und doch lange genug, dass meine Haut hinterher kribbelte.

»Dann sag mal, was verschlägt dich nach Kanada?«, fragte er, das eigene Glas an die Lippen gesetzt, ohne zu trinken. »Oder in die USA?«

Ich verschluckte mich fast an meinem Wasser.

»Wie bitte?«

»Dein Akzent. Ist nur dezent, aber eindeutig britisch. Richtig?«

Für höflichen Small Talk musterte er mich etwas zu genau. Doch dieses Mal war ich beinahe beeindruckt. Es war lange her, dass mich jemand auf meinen Akzent angesprochen hatte. Dafür lebte ich schon zu lange in Oakland.

»Gutes Ohr«, antwortete ich und hielt kurz inne. »Ich komme ursprünglich aus Liverpool.«

»Weit weg von zu Hause«, sinnierte Elijah. »Wie kam’s?«

Ich stellte das Glas auf den Tisch zurück, zögerte meine Antwort bewusst hinaus und lächelte schmal.

»Langsam bekomme ich das Gefühl, du führst das Interview.«

»Wir teilen uns die nächsten vier Wochen einen Esstisch. Da würde ich schon gern wissen, wer mir gegenübersitzt.«

»Und wir tun so, als hättet ihr keine ausführlichen Hintergrundinfos über mich bekommen?«

»Da stand nichts von Liverpool.«

»Ich bin zum Studieren nach Kalifornien gezogen. Und geblieben.«

»Nur wegen des Studiums? Kein Partner? Oder Partnerin?«

Ich verengte die Augen.

»Ich bin mir sicher, mein Beziehungsstatus stand im Datenblatt.«

»Nur, dass du nicht verheiratet bist.«

»Reicht dir das nicht?«, fragte ich, denn ich würde mich von ihm ganz sicher nicht aus der Ruhe bringen lassen. Schon gar nicht innerhalb der ersten fünf Minuten. Egal, wie einnehmend sein Schmunzeln auch sein mochte.

»Entschuldigt bitte«, meldete sich Noah plötzlich zu Wort und beinahe wäre ich zusammengezuckt. Ich hatte nicht einmal mitbekommen, dass er näher gekommen war. Geschweige denn, wie Amanda den Raum verlassen hatte.

»Geschäftliche Dinge«, erklärte er und setzte sich neben seinen Bruder, der sich wieder entspannt zurückgelehnt hatte. »Jetzt gehört unsere Aufmerksamkeit ganz dir, Malia.«

Noah lächelte und nun sah ich die Grübchen zum ersten Mal auch außerhalb des Fotos. Ich wollte gar nicht wissen, wie vielen Menschen dieses Lächeln schon den Kopf verdreht hatte. Dennoch fiel es mir deutlich leichter, seinem Blick zu begegnen als dem seines Bruders.

»Amanda und Mrs. Mason haben in den vergangenen Wochen eine Agenda erarbeitet, die du sicherlich auch bekommen hast?« Noah wartete meine Bestätigung ab, ehe er weitersprach. »Sehr gut. Hast du irgendwelche Anmerkungen dazu?«

»Nur eine: In der Agenda sind bis jetzt keine Einzelinterviews vorgesehen. Das würde ich gern ergänzen, wenn das für euch in Ordnung ist.«

Noah runzelte die Stirn.

»Die Coverstory soll den Schwerpunkt auf uns als Brüder legen. Sind Einzelinterviews dafür wirklich notwendig?«

»Der Fokus richtet sich auf euch beide als Team«, bestätigte ich. »Allerdings ist das Ziel des Features ja, euch als möglichst nahbar zu präsentieren. Unsere Leserinnen und Leser möchten vor allem einen Blick hinter die Kulisse eures großen Namens werfen. Das heißt: Wie tickt ihr? Was macht ihr in eurer Freizeit? Was bewegt euch?«, erklärte ich ausführlich, beschwichtigte bei Noahs Miene jedoch sofort: »Selbstverständlich nur in dem Maß, in dem ihr euch wohlfühlt. Im Endeffekt wollen die Leute euch einfach besser kennenlernen. Nicht die Erben. Nicht die Medienfiguren. Sondern euch. So, wie ich euch jetzt kennenlernen darf. Und natürlich möchte ich euch zusammen erleben. Aber das eine oder andere Einzelgespräch wäre sicher sinnvoll. Das Ganze ist schließlich als Mehrteiler angelegt. Wir haben eine Menge Seiten zu füllen. Ganz abgesehen von Social Media.«

Erwartungsvoll schaute ich zwischen den beiden hin und her. Noah wirkte noch immer nicht überzeugt, Elijah dagegen fast schon gelangweilt.

»Ich habe nichts gegen Einzelinterviews. Gern auch mehrere«, antwortete er und diesmal fragte ich mich, ob das in seinem Fall so eine gute Idee war.

»Wir könnten versuchen, die Interviews spontan in den geplanten Rahmen einzubauen«, schlug ich vor, um auch Noah zu überzeugen. »Ohne Zwang. Nicht so förmlich wie die gemeinsamen Interviews. Außerdem wird nichts veröffentlicht, was vorher nicht von euch abgesegnet worden ist.«

»Apropos geplanter Rahmen«, griff Noah meine Vorlage auf, ohne den Einzelinterviews zugestimmt zu haben. »Es hat sich kurzfristig noch ein Termin ergeben, weshalb ich heute leider nicht ganz so viel Zeit habe wie ursprünglich gedacht. Aber du sollst ohnehin erst einmal ankommen. Elijah wird dir später das Haus und dein Zimmer zeigen.«

»Eine All-Inclusive-Tour nur für dich«, ergänzte der und ignorierte Noahs warnenden Seitenblick gekonnt.

»Ankommen klingt gut«, antwortete ich diplomatisch.

Die nächste Stunde verbrachten wir damit, die Agenda noch einmal Punkt für Punkt durchzugehen. Wir hatten einiges vor, da im Rahmen der Coverstory auch die öffentlichen Auftritte der Brüder wieder anlaufen würden. Von Sportturnieren über Charity-Events, privaten Veranstaltungen bis hin zu einem Opernbesuch in Toronto. Ich konnte nur hoffen, dass ich in der High Society nicht zu sehr aus der Reihe fallen würde.

»Gut, das sollte es fürs Erste gewesen sein«, sagte Noah im selben Augenblick, in dem Amanda im Türrahmen erschien. »Ich muss mich für heute verabschieden. Elijah wird dir alle weiteren Fragen zum Ablauf beantworten.« Wir standen auf. »Noch einmal herzlich willkommen bei uns zu Hause, Malia.«

Sein Ton war nett, seine Worte charmant und ich hätte ihm all das abgekauft, wäre sein Lächeln nicht wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen, kaum dass er sich unbeobachtet fühlte.

Im nächsten Moment stand Elijah neben mir.

»Schon ein paar Ideen, wie du seinen Herzschmerz am besten verkaufen kannst?«

Scheinbar hatte er seinem Bruder ebenfalls nachgesehen, bis die Tür hinter ihm zugefallen war, und musterte mich nun so eisig, dass es mich beinahe fröstelte.

Den Finger noch auf dem Power-Knopf meines Tablets, schüttelte ich langsam den Kopf.

»Das ist nicht meine Absicht.«

»Ach nein? Das verkauft sich aber besser als seine Lieblingsfarbe. Oder auch, was ihn bewegt«, ahmte Elijah mich nach und ich begriff plötzlich, worauf seine Feindseligkeit wirklich beruhte.

»Lass mich raten: Du warst gegen die Coverstory?«

»Wie kommst du nur darauf?«, spottete er. »Nur, weil uns die Klatschblätter jetzt seit vier Monaten terrorisieren? Ich bitte dich, da bin ich doch ganz heiß auf Interviews.«

»Okay, fair. Ich verstehe, dass du nach den letzten Schlagzeilen nicht sonderlich gut auf meine Branche zu sprechen bist. Wäre ich an deiner Stelle auch nicht«, gab ich offen zu. »Mir ist auch klar, dass du kein Fan davon bist, mich in eurem Haus zu haben. Aber die Coverstory? Damit will ich euch nicht schaden, sondern helfen. Wie schon gesagt, es wird nichts veröffentlicht, was ihr nicht vorher absegnet.«

»Heißt ja nicht, dass du es selbst schreiben musst. Es genügt, wenn du es jemandem steckst.«

Nur mit Mühe unterdrückte ich ein Schnauben.

»Hast du die Konventionalstrafe gesehen? Das kann ich mir nicht leisten. Ganz zu schweigen, dass meine Karriere dann vorbei wäre.« Ich verstaute meine Sachen, wobei ich den gerissenen Tragegurt gleich mit in die Tasche stopfte. »Glaub, was du willst. Aber ich fände es nett, wenn wir in den kommenden vier Wochen ein professionelles Verhältnis pflegen könnten.«

Erhobenen Hauptes stolzierte ich an ihm vorbei und kam gerade bis zur Tür, ehe Elijah zu mir aufschloss. Er war größer als sein Bruder. Nicht viel, nur ein paar Zentimeter, aber es fiel mir auf, als ich zu ihm aufsah. Seine grünen Augen blitzten und ich realisierte, dass wir uns zu nah waren. Nicht nah genug, um uns zu berühren. Aber doch so dicht beieinander, dass ich sein teures Parfum riechen konnte.

»Wo willst du hin?«

Ich räusperte mich.

»In mein Zimmer?«

»Weißt du denn, wo es ist?«, hakte er amüsiert nach, und verdammt, das tat ich nicht. Genauso wenig wusste ich, warum ich keinen Abstand zwischen uns brachte.

»Im Gästehaus? Eine Suite im Ostflügel?«

Zumindest hatte Amanda das zu Lucas gesagt.

»Nicht schlecht. Aber du wohnst nicht im Gästehaus.«

Ich blinzelte.

»Was?«

»Du bist unser Ehrengast. Wir haben dir eine Suite im Haus reserviert. Nur das Beste für dich«, raunte er und ich bemerkte erst, dass ich den Atem angehalten hatte, als er mit einem Schritt an mir vorbeitrat. »Kommst du?«

Der süffisante Ausdruck in seinem Gesicht gefiel mir nicht. Ganz und gar nicht. Denn ich erkannte einen Spieler, wenn ich ihn sah. Und Elijah Bailey war bereit zu spielen. Ich wusste nur noch nicht, wie hoch der Einsatz war.

3

»Es war die letzte Karte. Es ist immer die letzte Karte, die es einem verdirbt. Wenn man denkt, schon gewonnen zu haben, und zack … steht man mit leeren Händen da.«

»Und hier haben wir das Billardzimmer«, sagte Elijah und öffnete die gefühlt fünfzigste Tür in Folge. Ich brauchte dringend einen Lageplan oder ich würde es morgen nicht einmal zum Frühstück schaffen. »Oder alternativ Zigarrenraum. Aber wir rauchen nicht. Außerdem klingt das alt.«

Ich warf einen Blick auf den Billardtisch, ehe ich die gut gefüllte Bar dahinter in Augenschein nahm. Whiskey, Scotch, Rum – die Auswahl war beachtlich. Darüber hinaus gab es einen kleinen Loungebereich mit gemütlichen Sesseln, einem runden Holztisch sowie einer doppelseitigen Glastür, die auf einen sonnigen Balkon führte. Der Raum war keinesfalls beengend oder stickig, wie das Wort Billardzimmer vermuten ließ. Dann wiederum befanden wir uns auch nicht in einem Detektivroman des neunzehnten Jahrhunderts.

»Sieht auch mehr nach einem Billardzimmer aus.«

»Schon mal gespielt?«

»Im Pub, aber nicht oft.« Ich zog die Nase kraus. »Und auch nicht gut.«

»Ich könnte es dir beibringen«, schlug Elijah vor, während ich nun ganz in den Raum trat.

»Danke fürs Angebot, aber ich fürchte, ich muss passen.«

»Warum? Angst, zu verlieren?«, fragte er gegen den Türrahmen gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt, wobei er mich einmal mehr genauer beobachtete, als mir lieb war.

»Billard steht leider nicht in meiner Jobbeschreibung.«

»Ganz im Gegensatz zu Tennisturnieren und Charity-Events?«

»Das ist tatsächlich Teil meines Jobs. Zumindest für die nächsten Wochen. Und solltest du dich nicht besser vor mir in Acht nehmen?«, fragte ich spitz. »Denk nur daran, was ich beim Billardspielen alles über dich erfahren und an meine unzähligen Journalistenfreunde weitergeben könnte.«

Elijah stieß einen leisen Pfiff aus.

»Verdammt, ich habe nicht damit gerechnet, dass du so direkt bist. Dachte, die meisten Magazine geben für so was Etiketten raus.«

»Ihr seid nicht Teil der königlichen Familie«, erinnerte ich ihn, obwohl ich tatsächlich einen Verhaltenskodex von Ivie bekommen hatte. Aber der war mehr für die Veranstaltungen gedacht, die mir noch bevorstanden, als für die Baileys selbst. »Oder habe ich etwas verpasst?«

Elijah löste sich vom Türrahmen.

»Ich habe dich vorhin ganz schön verärgert, was?«

»Als du meine berufliche Integrität infrage gestellt hast? Wie kommst du nur darauf?«, wiederholte ich seine spöttische Frage aus dem Salon und Elijah hob abwehrend die Hände.

»Okay, das habe ich verdient. Ich bin vorhin zu weit gegangen«, räumte er ein und nun war ich sprachlos. »Ich habe gerade einfach eine dünne Haut, wenn es um die Presse geht. Aber das ist nicht deine Schuld. Was hältst du von einem Neuanfang? Hi, ich bin Elijah. Nett, dich kennenzulernen.«

Er streckte mir tatsächlich die Hand zur Begrüßung entgegen. Forschend musterte ich ihn. Diesmal war da kein provokantes Grinsen. Und zumindest für den Moment glaubte ich ihm, dass er es ernst meinte.

»Malia«, erwiderte ich, schüttelte seine Hand und entzog sie ihm rasch wieder. »Und ich spiele trotzdem kein Billard mit dir.«

Sein Schnauben klang beinahe triumphierend.

»Also hast du tatsächlich Angst, gegen mich zu verlieren. Dachte ich es mir doch.«

»Ich habe keine Angst, zu verlieren«, stellte ich klar. »Aber die Voraussetzungen müssen fair sein. Irgendetwas, in dem wir beide gut sind. Nicht nur du.«

»Dann schlag was vor. Ich bin bei allem dabei.«

Das bezweifelte ich nicht.

»Ich überlege mir was«, versprach ich eher halbherzig. »Erst mal können wir ja mit der Tour weitermachen? Wir haben vermutlich noch gut drei Dutzend Türen vor uns.«

»Da muss ich dich leider enttäuschen. Es ist nur noch deine Suite übrig. Oh, und der Innenpool. Und die Sauna.«

»Es gibt einen Innenpool?«

»Und eine Sauna«, wiederholte Elijah mit zuckenden Mundwinkeln und ließ mir den Vortritt in den Flur, ehe er hinter mir die Tür zuzog. »Du kannst beides jederzeit nutzen. Gibt nach einem langen Tag fast nichts Besseres zum Entspannen.«

»Glaube ich dir aufs Wort.«

»Soll ich dir den Pool noch zeigen oder willst du lieber auf dein Zimmer?«

»Auf mein Zimmer, wenn das okay für dich ist.«

»Natürlich. Ich begleite dich gern auf dein Zimmer.«

»Bis zur Schwelle«, rutschte es mir heraus und Elijah schnalzte mit der Zunge, während wir den Gang entlangliefen.

»Ich muss doch sehr bitten, Ms. Donovan. Ich bin ein Gentleman.«

Ich unterdrückte ein Schmunzeln.

»Wie konnte ich nur etwas anderes annehmen?«

Abrupt blieb Elijah stehen und kam mir erneut näher. Und näher. Bis …

»Ich weiß auch nicht«, raunte er, nicht mal eine Armlänge von mir entfernt. Er streckte die Hand aus und ich hielt den Atem an. Aber er berührte nicht mich, sondern öffnete eine Tür in meinem Rücken, die ich bis jetzt nicht einmal bemerkt hatte. »Dein Zimmer.«

Licht flutete den Gang, brach sich in den grünen Augen und einen Moment lang sahen wir uns einfach nur an. Dann machte ich einen Satz zurück, weg von Elijah und dem betörenden Geruch seines Parfums, das mich zunehmend durcheinanderbrachte.

»Danke«, stammelte ich und auch mein Lächeln fühlte sich wacklig an. »Dann packe ich mal aus.«

Mit einer alles und nichts sagenden Geste deutete ich hinter mich, während Elijah getreu seinen Worten auf der Schwelle stehen blieb.

»Wir sehen uns in zwei Stunden beim Essen.« Den Türgriff bereits in der Hand, wandte er sich nochmals um. »Findest du allein hin oder soll ich dich abholen?«

»Ich finde selbst hin, danke«, antwortete ich und atmete erleichtert auf, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.

Erst dann realisierte ich, dass Noah heute Abend vielleicht gar nicht da sein würde. Immerhin hatte er noch Termine. Wenn dem so war, aßen wir zu zweit. Elijah und ich. Nur wir beide. Einen ganzen Abend lang.

Entschieden schüttelte ich den Kopf und drehte mich einmal um die eigene Achse, um mich umzusehen. Das Zimmer war schön. Hell erleuchtet, groß und das Doppelbett sah nicht nur edel, sondern vor allem gemütlich aus. Zwei Türen führten vom Schlafzimmer aus direkt in ein angrenzendes Badezimmer sowie einen begehbaren Kleiderschrank.

Im Haus der Baileys ließ es sich definitiv gut leben. Zumal ich nicht davon ausgegangen war, direkt in der Villa untergebracht zu werden. Die Erkundung meines Zimmers stellte ich jedoch erst einmal zurück, ließ auch meine Koffer links liegen und steuerte stattdessen auf den Schreibtisch am Fenster zu. Schwungvoll stellte ich meine Ledertasche darauf ab, legte die Mappen beiseite und griff nach meinem Tablet. Meinem privaten dieses Mal. Ich öffnete ein leeres Dokument und begann, mit ein paar einfachen Strichen den Grundriss der Villa zu skizzieren. Erst das Erdgeschoss, dann das Obergeschoss.

Im Erdgeschoss gab es neben der Eingangshalle acht Zimmer: Den Salon. Den Speisesaal. Das Arbeitszimmer. Ein Zimmer für Oscar, den Butler des Hauses, den ich erst noch kennenlernen musste, sowie eines für Abigail. Die einzigen Angestellten, die nicht im Gästehaus untergebracht waren, und ich fragte mich, warum. Dann gab es noch die Küche inklusive Speisekammer, das Musikzimmer und ein Lesezimmer, das deutlich mehr an eine Bibliothek erinnerte. Die Schlafzimmer für die Ehrengäste des Hauses, wie Elijah es formuliert hatte, befanden sich allesamt im Ostflügel des Obergeschosses. Bis auf mein eigenes war jedoch aktuell keines belegt. Das Billardzimmer lag links den Flur hinunter, das Atelier schräg gegenüber. Im Westflügel hatte Elijah dagegen drei Zimmer ausgelassen. Eines davon musste sein eigenes sein. Das andere gehörte Noah. So viel war sicher. Doch welches gehörte wem? Und wem das dritte? Das musste ich erst noch herausfinden. Kurzerhand kennzeichnete ich es in meiner Skizze mit einem E/N/(?).

Ich richtete mich erst auf, als mein Nacken zu schmerzen begann, und zoomte aus dem Dokument heraus. Fürs Erste war ich mit meinem Lageplan zufrieden.

Ich warf einen kurzen Blick auf die Uhr und machte mich daran, meine Koffer auszupacken. Als ich den begehbaren Kleiderschrank nun genauer begutachtete, stellte ich fest, dass eine Menge Kleiderbügel bereits belegt waren.

Undurchsichtige Kleiderhüllen reihten sich aneinander, sechs an der Zahl. Und jede einzelne war mit einem Etikett versehen, auf dem ein Datum vermerkt worden war. Das Erste auf morgen datiert.

Sie hatten nicht wirklich …?

Ich zog den Reißverschluss der vordersten Hülle herunter und ein eleganter weißer Jumpsuit mit Spitzenbesatz kam zum Vorschein. Genau in meiner Größe. Passende Accessoires lagen ebenfalls bereit.

Mein Mund klappte auf.

Sie hatten mir Klamotten ausgesucht. Sie hatten allen Ernstes Kleider für mich ausgewählt. Oder wohl eher auswählen lassen. Und sie hatten es nicht einmal für nötig befunden, mir das mitzuteilen.

Ich wandte mich ab, unschlüssig, was ich davon halten sollte, als ich den Umschlag auf meinem Kopfkissen bemerkte. Er war mit Noahs Handschrift versehen, die ich mir am Nachmittag eingeprägt hatte. Neugierig öffnete ich den Brief, der mit dem aufgedruckten Familienwappen beinahe zu förmlich schien.

Ms. Donovan,

herzlich willkommen im Landhaus meiner Familie.

Wir freuen uns, Sie in den nächsten vier Wochen beherbergen zu dürfen, und wünschen Ihnen eine angenehme Zeit.

Sollten Sie irgendwelche Fragen oder Wünsche haben, zögern Sie bitte nicht, auf mich, meinen Bruder oder Ms. McWire zuzugehen.

Für die angesetzten öffentlichen Termine haben wir uns erlaubt, Ihnen in Absprache mit Mrs. Mason eine Kleiderauswahl zur Verfügung zu stellen. Bitte verstehen Sie diese lediglich als Vorschlag.

Beiliegend finden Sie eine Liste mit den wichtigsten Telefonnummern für den Notfall sowie den angedachten Speiseplan. Sollten Sie diesbezüglich irgendwelche Änderungswünsche haben, lassen Sie es Mrs. Brown wissen.

Wir freuen uns auf ereignisreiche Wochen mit Ihnen.

Noah Bailey

Ivie, natürlich. Ich hätte gleich darauf kommen müssen, dass sie ihre Finger mit im Spiel hatte. Vermutlich hatte sie sich bei der Vorstellung meines Gesichtsausdrucks prächtig amüsiert. Ich verdrehte die Augen, aber etwas Gutes hatte die Sache doch: Ich musste zumindest keine Angst mehr vor einem modischen Fauxpas haben. Und so weit, wie ich mich gerade außerhalb meiner Komfortzone befand, schadete es definitiv nicht, eine Sorge weniger zu haben.

Nachdenklich legte ich den Umschlag beiseite, überflog die Liste mit den Notfallnummern, die auch Noahs und Elijahs Kontaktdaten enthielt, und speicherte sie in mein Handy ein. Dann befreite ich meine Haare aus dem Dutt, streifte Schuhe und Bluse ab und trat nur im Trägertop vor das Fenster. Erst jetzt bemerkte ich den kleinen Balkon, von dem aus ich einen perfekten Blick auf den Garten hatte. Das Grundstück war wirklich gewaltig und bis auf den letzten Meter gepflegt. Ein weiterer, von Rosenhecken umfasster Brunnen bildete das Herzstück des Gartens, oder zumindest des Teils, den ich von hier aus sehen konnte. Dahinter erstreckte sich ein englischer Rasen, bevor jenseits der Grundstücksgrenze die Natur in ihrer ungezähmten Schönheit in einen märchenhaft anmutenden Wald überging. Doch so schön er in der Dämmerung auch aussah, so gefährlich würde er bei Nacht wirken. Immerhin hatten die wenigsten Märchen ein Happy End. Nicht im Original.

Ich schlang einen Arm um mich, den Blick in die Ferne gerichtet. Die nächsten Wochen würden definitiv ereignisreich werden. Die Frage war nur, inwiefern.

4

»Ich versuche nicht, die Schuld von mir zu schieben. Nicht dieses Mal. Ich sage nur … an meiner Stelle hättest du dasselbe getan.«

Hey, ihr Lieben. Ich bin gerade nicht erreichbar. Aber hinterlasst mir gern eine Nachricht und ich rufe zurück. Bye.

Das fröhliche Lachen meiner Schwester im Ohr, wartete ich das Ende der Bandansage ab, bis der vertraute Piepton erklang. Ich war es mittlerweile gewohnt, mit ihrer Mailbox zu sprechen, und war dennoch froh, ihre Stimme zu hören, wenn auch nur kurz. Meine Koffer hatte ich zwischenzeitlich ausgepackt, doch das änderte nichts daran, wie fremd ich mich in diesem Zimmer fühlte. Wie ein Eindringling, der nicht hierhergehörte. Der vielleicht sogar unerwünscht war. Dabei hatte ich von Anfang an gewusst, worauf ich mich einließ. Ich hatte Ivie nicht umsonst wochenlang in den Ohren gelegen, um diese Chance zu bekommen. Und ich würde dafür sorgen, dass die Story ein Erfolg werden würde. Auf die ein oder andere Weise.

»Hey, ich wollte nur kurz Bescheid geben, dass ich gut angekommen bin«, sprach ich in die Stille nach dem Signalton. »Sie haben ihren Chauffeur geschickt. Kannst du dir das vorstellen? Mit Limousine und allem.« Ein Kichern entwich mir, während ich ein paar Strähnen aus meinen geflochtenen Haaren löste, um die Frisur nicht allzu streng wirken zu lassen. »Und mein Zimmer ist direkt in der Villa. Obwohl sie ein eigenes Gästehaus haben. Aber na ja, das wird meinen Job nur einfacher machen, nicht?«

Ich schwieg einen Moment und begutachtete mein Outfit im Spiegel. Nach der langen Reise und all der Aufregung hatte eine Dusche wahre Wunder gewirkt, um mich wohler in meiner Haut zu fühlen. Für das Dinner mit Elijah hatte ich mich für einen schwarzen Zweiteiler entschieden. Mein Make-up war ebenso dezent wie der schmale Gürtel mit goldener Schnalle. Vielleicht war diese Kombination für den Anlass nicht schick genug, aber solange ich nicht auf die Kleiderauswahl der Baileys zurückgreifen wollte, musste das für ein einfaches Abendessen genügen. Elijah würde kaum im Anzug erscheinen. Oder?

»Die Baileys sind … interessant. Noah ist sehr höflich. Ein wenig distanziert, aber nach den Schlagzeilen der letzten Wochen war das nicht anders zu erwarten. Elijah dagegen«, ich stockte kurz, unschlüssig, wie ich den Satz beenden wollte, »er geht lieber in die Offensive. Amanda meinte, er ist impulsiv, aber er weiß genau, was er tut. Welche Wirkung er hat.« Ich schaute auf meine Armbanduhr und schlüpfte rasch in meine Schuhe. »Ich melde mich nach dem Essen noch mal bei dir. Mach dir einen schönen Abend. Oder Morgen. Je nachdem, wo du gerade schon wieder steckst.«

Ich legte auf und betrachtete für einen Moment das Profilbild meiner Schwester. Sie stand mit dem Rücken zur Kamera, warf einen Blick über die Schulter, ein strahlendes Lächeln im Gesicht, das Meer und der Sandstrand eine paradiesische Kulisse.

Im nächsten Augenblick wurde der Bildschirm dunkel, sodass ich nur noch mein eigenes Gesicht sah, und mit einem Schlag fühlte ich mich wieder allein. Trotz meines gemeinsamen Abendessens mit Elijah, das mich eher nervös machte, als dass ich mich auf die Gesellschaft freute. Ich traute seinem Friedensangebot nicht und hielt ihn auch nicht für naiv genug, mir zu vertrauen. Nicht nach einem einzigen Gespräch.

Ich nahm meine Clutch vom Tisch, verstaute mein Handy darin und zog die Tür hinter mir ins Schloss.

Auf dem Flur war es angenehm kühl, während die allerletzten Strahlen der Abendsonne ihre Muster auf das kahle Parkett zeichneten. Noch brannte kein Licht und die Stille schien durch die schiere Größe des Anwesens zusätzlich verstärkt zu werden. An der Treppe blieb ich stehen und zögerte. Von Elijah war keine Spur zu sehen. Erneut schaute ich auf meine Uhr. Zwei Minuten vor acht. Sicher wartete er bereits im Speisessaal auf mich, was bedeutete, dass der Westflügel verlassen war. 

Ich biss mir auf die Unterlippe, warf einen Blick ins Erdgeschoss hinab und dann nach rechts. Ich hatte nicht viel Zeit, aber diese Gelegenheit konnte ich nicht verstreichen lassen.

Darauf bedacht, dass meine Schuhe auf dem Parkett nicht klackten, lief ich am Billardzimmer und Atelier vorbei, geradewegs auf die drei Räume zu, die Elijah bei seiner Tour ausgelassen hatte. Vermutlich waren ihre Zimmer ohnehin abgeschlossen, schließlich hatten sie jetzt eine Fremde zu Gast, aber versuchen musste ich es doch.

Ich schaute mich ein letztes Mal um. Dann atmete ich tief durch, trat einen Schritt nach vorne und … Die Tür öffnete sich. Kein Geringerer als Elijah selbst stand vor mir, dessen Augen sich bei meinem Anblick erst überrascht weiteten und dann verengten.

»Malia?«

Er hatte sich für das Essen tatsächlich umgezogen, wobei er seinem Stil treu geblieben war: casual, aber nicht zu leger. Seine helle Chino stand im Kontrast zu einem dunkelbraunen Hemd, bei dem er die ersten beiden Knöpfe offen gelassen hatte. Die Ärmel hatte er jeweils bis knapp unter die Ellbogen hochgekrempelt und die braunen Haare wirkten gebändigter als zuvor, während mir sein Parfum alles andere als unangenehm in die Nase stieg. Er verkörperte den Begriff Old Money Style regelrecht. Dann wiederum stammte er wirklich von einer gut betuchten Familie ab und musste sich dafür auch nicht verstellen.

Und es stand ihm. Gut sogar.