Chaos im Kopf - Nino Drescher - E-Book

Chaos im Kopf E-Book

Nino Drescher

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Beschreibung

Ein manisch-depressives Leben. Ein Mann voller Emotionen, Sex, Drugs and Rock 'n' Roll. Eine Berliner Rockband. Partydrogen in den 90ern. Langjährige Aufenthalte in China und den USA. Als Patient berichtet er von den Zuständen in Psychiatrien. Er erzählt uns von gescheiterten Beziehungen und Sehnsüchten. "Ich wollte das zu Papier bringen, was mir etwas geholfen hätte, diese Krankheit besser und früher zu verstehen, auch auf emotionaler Ebene."Mit schrägem Humor und klarer Sprache weiß der Autor, den Leser zu unterhalten. Diesen Trip sollte man sich reinziehen.

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Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Contents

Impressum

Widmung

Intro

Familie

Kindheit

China I

Teenager

China II

Die Clique

Die Chorfahrt

London

Nicola

Frankreich

Portugal

Brot & Spiele

Die Band

Die WG

Hot town, summer in the City

Mike und Olli

Die Firma

Griechenland

Candy

Wild at Heart

Drogenexzess

Charlottenburg

Lotta

Germerica

Amerika

New York City

Der Antrag

Kontinentaldrift

Die Hochzeit

Mr. & Mrs.

The summerwind

Sex sells

Kurz durchatmen

Gescheitert

Anstalt und Psychiater

Feuer Frei

Chicopee

Coffestar

Wiedersehen

Bavarian Haus

Angezählt

Town Pizza

Dani und der Blowjob

Ende der Kraft

Psychiatrie

Fade-Out

Nino Drescher

Chaos im Kopf

Eine manisch-depressive Lebensgeschichte

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

Copyright © 2019 Nino Brodeur (geb. Drescher)

E-mail: [email protected]

Internet: http://www.chaos-im-kopf.com

Illustration: Nino Brodeur

Lektorat, Korrektorat: Senta Herrmann,

https://www.sentaherrmann.de/lektorat/

Fotos: Thomas Hartmann, http://www.h2creativ.de

E-Book-Erstellung: AutorenServices.de

Taschenbuch ist erschienen bei BoD – Books on Demand, Norderstedt

unter der ISBN 9783749435753

 

Für alle Menschen, die ebenso wie ich, psychische Probleme haben und manchmal nicht mehr weiterwissen. An meine Familie, die mich trotzdem liebt und unterstützt. Und einen Gruß an jeden Rocker, der sein eigenes Ding durchzieht.

Intro

 

7:00 Uhr morgens, Klinik/Psychiatrie

 

»Herr Drescher … Herr Drescher!!!«

»Was? Was ist los?«

»Wir möchten Sie aktivieren.«

»Sie möchten was?«

»Sie aktivieren.«

 

Wieder einmal in der Klapse gelandet – traurige Routine. Man kennt mich dort und scheiß’ die Wand an, ich kenne sie.

 

Ich fühle mich leer, taub und kann es kaum erwarten, in den weichgespülten, aufgedunsenen und von Medikamenten durchtränkten Gesichtern zu lesen, wenn sich die Insassen morgens in Zeitlupe ihre Brötchen schmieren. Und dann der schweigsame, überfüllte und langsame Fahrstuhl auf dem Weg nach unten zur Zigarette ... ja, das ist großes Kino.

 

Mein guter Freund Ralf ist vor zwei Wochen gestorben. Es war wohl das Herz. So jung. Ich habe erneut die Kontrolle verloren und mein Gehirn wurde mal wieder so richtig durchgefickt.

 

Ich bin bipolar oder auch manisch-depressiv.

 

Manie: Mein Kopf ist derart von Glücksgefühlen und absurder Stärke durchflutet, dass ich mich nachts auf den Kurfürstendamm lege und mir sicher bin, dass mir kein Auto etwas anhaben kann. Mein Verstand läuft unfassbar schnell. Alle anderen Leute um mich herum scheinen nichts zu begreifen. Ein regelrechtes Feuerwerk im Kopf findet statt. Ich bemerke nicht, dass ich das Limit weit überschritten habe. Der Zusammenbruch kommt, mein Gehirn knallt durch, ich wehre mich aggressiv dagegen und dann fließen verzweifelte Tränen.

 

Depression: Kopf und Körper sind nach der Manie völlig ausgelaugt. Ich verbringe Tage oder auch Wochen damit, im Bett zu bleiben, unfähig, etwas zu bewerkstelligen. Ich empfinde nur noch tiefe Traurigkeit, bin total erschöpft. Ich liege da und schaue mir den ganzen Mist im Fernsehen an. Ich schaffe es, auf die Toilette zu gehen, das ist aber auch schon alles. Ich weine manchmal unkontrolliert und schlafe locker 16 Stunden am Tag. Es ist, als ob sich schwarzer Teer über meinem Gehirn ergießen würde. Ich lebe nicht. Die Depression saugt mir das Leben aus.

 

Diese extremen Zustände können sehr schnell wechseln, aber auch Wochen und Monate andauern. Man spricht von Typ 1 und Typ 2. Je stärker und länger die Manie ist, desto heftiger und länger folgt die Depression.

 

Außerdem sind in der Manie Drogen, die den Exzess fördern, meistens ein Teil der Krankheit. Künstler und manisch-depressive Menschen neigen beide zu ekstatischen Momenten, großen Gesten und ausufernden Konzepten. Die manische Überzeugungskraft anderen Menschen gegenüber ist äußerst stark.

 

Ich heiße Nino, kam 1972 auf diese Welt und mein Lieblingsfilm ist Leolo.

 

Bevor ihr dieses Buch lest, muss ich erwähnen, dass es etwas sprunghaft geschrieben ist. Das ist auch ein Teil des Krankheitsbildes. Ich flippe zwischen Gedanken ziemlich schnell hin und her. Trotzdem gebe ich mir Mühe, das Buch unterhaltsam, humorvoll, aber auch ernst zu gestalten.

Meine Ziele:

 

1. Ich möchte meine Geschichte erzählen und hoffe, dass sich Betroffene darin wiederfinden.

 

2. Ich will erreichen, dass Freunden, und vor allem auch dem Familienumfeld, das Verständnis für diese Krankheit erleichtert wird. Kommunikation ist sehr wichtig und ich glaube daran, dass eine gemeinsame Zukunftsgestaltung möglich ist.

 

Zum zweiten Punkt möchte ich anmerken, dass das Umfeld meist hilflos ist. Es ist kein gebrochener Arm. Es spielt sich im Gehirn ab und es ist schwer, zu helfen. Therapien und Medikamente können ihren Teil zur Genesung beitragen. Jedoch ehrlich gesagt: Nach all der Zeit wird mir klar, dass ich grundsätzlich für immer damit leben muss. Alle Versuche der Heilung meines Dilemmas sind bis dato kläglich gescheitert. Es ist ein ständiger Kampf und er ist sehr schwer durchzuhalten. Das meine ich todernst. Ich habe sehr viel Liebe in meinem Leben erfahren und daran glaube ich, deshalb bin ich noch hier.

 

Ich bitte euch, in dem Buch nicht nach Antworten auf eure psychischen Probleme zu suchen. Ich bin kein Arzt oder Apotheker. Ich beschreibe, wie es mir ergangen ist. Es ist meine Lebensgeschichte, nicht mehr und nicht weniger. Die manisch-depressive Erkrankung geht nicht weg, sie ist immer da. Es ist jedoch wichtig, dass ihr, eure Familie und eure Freunde lernen damit umzugehen. Dann fällt es euch nicht mehr ganz so schwer, euer Leben zu leben.

 

Auch eine leichte Negativität ist spürbar. Ich schreibe nicht, um auf schöne Dinge aufmerksam zu machen. Dass die Zeit alle Wunden heilt, ist nicht wahr. Es bildet sich ein Narbengewebe um den Schmerz herum und ab und zu schimmert er durch.

 

Ich möchte es am liebsten allen immer recht machen, doch das ist in diesem Buch nicht möglich. Ich kann die Ansprüche eines jeden Beteiligten nicht berücksichtigen, Namensänderungen müssen ausreichen. Alles, was ich erzähle, ist genauso passiert. Ich beschreibe den Verlauf meines Lebens natürlich aus meiner Sicht und stelle Vermutungen an über die Gedankenwelt anderer Personen.

 

Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll sind Bestandteile dieses Buches. Für zart besaitete Leser ist es vielleicht nicht das Richtige.

 

»Du fragst mich, was ich tun soll? Lebe wild und gefährlich, Arthur.« Nichts ist wahr, alles ist erlaubt.

 

Momentan bin ich noch in Psychotherapie, ein weiteres Jahr wurde von der Krankenkasse bewilligt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Therapeutin nach einem zeitlich abgestecktem Schema F vorgeht, aber es gibt auch Aha-Effekte, die mir weiterhelfen. Ab und zu ist ihre Absicht sehr offensichtlich. Sie stellt Fragen und ich weiß genau, worauf das abzielt. Es ist okay, sie untersucht mich ja im Prinzip und das ist ihr Handwerk. Alles in allem bin ich froh darüber, denn es gab über die Jahre verteilt circa fünf Therapeuten vor ihr. Es ist sehr wichtig, dass die Chemie zwischen Patient und Therapeut stimmt, sonst bringt eine Therapie gar nichts.

 

Ich bin in Berlin geboren und meine Lieblingsbands sind The Doors und Element of Crime.

 

Nähe nicht zulassen zu können, war und ist ein großes Problem, das geht wohl vielen Menschen so. In meinen Beziehungen war das immer ein elementarer Störfaktor. Ein unglücklicher Zustand, zu lieben und es nicht zeigen oder ausleben zu können – jedenfalls nicht so, wie ich es möchte. Ich habe viele Frauen verletzt, ohne dass ich es wollte. Die Suche nach Geborgenheit und der brodelnde Wunsch zu zeigen, wer ich in Wirklichkeit bin – es ist mir nie gelungen. Ich habe die Liebe meiner Freundinnen erfahren und konnte nicht genug zurückgeben. Meine Exfrau hat mir immer vorgeworfen, dass ich in der Vergangenheit lebe.

 

Ich glaube fest daran, dass die Vergangenheit, das Jetzt und die Zukunft zusammengehören und als Ganzes wahrgenommen werden sollten.

 

Nichts geht mir mehr auf die Nerven als Menschen, die sich dazu zwingen, immer alles positiv zu sehen. Das hält niemand auf Dauer aus. Das Leben bietet die volle Bandbreite an Emotionen, die es auszuleben gilt. Meistens wurden die ›Pseudo-Positiven‹ in der Vergangenheit schlimm verletzt. Das ist tragisch, aber eine Antwort ist es nicht. Die spirituelle Blase ist verbunden mit Egomanie. Anderen Menschen gegenüber sind sie meist rücksichtslos und sie verhalten sich abwertend und überheblich. Für den Moment leben, okay, aber eine Eintagsfliege wird nie in der Lage sein, etwas Historisches oder intellektuell Bewusstes zu verstehen. Ich erwähne dies, weil ich intensive Erfahrungen damit gemacht habe. Es trifft sicherlich nicht generell zu. Vielfalt ist alles und selbstverständlich soll jeder Mensch auf ihre oder seine Weise glücklich werden und sein.

 

Der Einstellung jedoch, für alles dankbar zu sein, stimme ich voll und ganz zu. Eine gute Sicht der Dinge.

 

Es ist wunderschön, einen Menschen anzuschauen und das ganze Wesen erfassen zu können. Empathie nennt man das wohl. Bei mir stellt sich dann immer so ein Kribbeln ein, ich lächele dann einfach ein bisschen seltsam und freu mir ’nen Kullerkeks. In der Manie jedoch trägt diese Fähigkeit dazu bei, dass noch mehr Emotionen und Informationen ungewollt auf mich einwirken.

 

Was ebenso wichtig ist: Der Bipolare hat Schuldgefühle. Ich empfinde mich oft als Belastung für meine Familie, ohnmächtig, etwas zu ändern. Freunde wissen meist nicht, wo sie mich einordnen sollen.

Familie

Meine Familie ist immer für mich da und unterstützt mich, das hilft mir, schwere Krisen zu überstehen. Ich liebe meine Familie sehr und bin dankbar für meine Freunde. Mich in einem Normalzustand zu erleben, ist leider selten. Inzwischen weiß ich kaum noch, was das ist.

 

Meine Schwester Luisa ist drei Jahre jünger als ich und Ärztin von Beruf. Sie hat eine ähnlich empfindliche Psyche wie ich. In der Grundschule hatte sie einen Klassenlehrer, mit dem sie absolut nicht klarkam. Was genau vorgefallen war, weiß ich nicht, aber sie wurde plötzlich schwerhörig. Alles Mögliche wurde untersucht und meine Eltern befürchteten, dass etwas im Gehirn nicht stimmte. Es war die Psyche. Nachdem sie die Schule gewechselt hatte, kam auch sofort ihr Gehör wieder. Verdammt mächtiges Organ, diese Psyche.

 

Es fällt mir schwer, über meine Mutter zu schreiben. Sie nimmt sich immer alles so sehr zu Herzen. Sie möchte die Vergangenheit ruhen lassen. Wenn ich alte Bilder meiner Eltern anschaue, kann ich nur erahnen, wie sehr die beiden früher geliebt und gelebt haben. Von meiner Mutter habe ich den Weltschmerz geerbt. Sie hat mir ihre starke Emotionalität gegeben und viele Charaktereigenschaften kommen von meinem Vater. Ich bin so fifty-fifty.

 

Im erweiterten Familienkreis meiner Mutter gab es einige Vorfälle: Depressionen, Sucht, Selbstmord. Daraus schließe ich, dass bei mir eine genetische Vorprogrammierung vorhanden ist.

 

Meine Schwester hingegen hat sich zum Teil an rezessiven Genen bedient und das ist ihr bewusst. Sie hatte schon in jungen Jahren ein Bild von Oma auf ihrem Schreibtisch stehen, sie spürte die Verbindung zu ihr. Luisa ist schön und unnahbar, introvertiert. Sie spricht nur selten auf einer emotionalen Ebene. Trotzdem sind wir beide gleichgeschaltet. Jeder, der Geschwister hat, kennt das: eine Situation, ein Augenblick. Man schaut sich an und fängt an zu lachen, Worte sind nicht nötig.

 

Ab einem Punkt in ihrem Leben wusste sie, was sie wollte und hat dafür gekämpft. Ich wollte immer Kinder haben, sie hat’s gemacht. Ich beneide sie dafür. Nun ja, zwei Frauen, von denen ich weiß, waren schwanger von mir, eine aus Norwegen und eine aus Bremen. Ich habe nichts mehr von ihnen gehört und es ist schon sehr lange her.

 

Ich hoffe, den beiden Jungs von meiner Schwester ein guter Onkel sein zu können. Nun aber los …

Kindheit

 

Ich war in eine Decke eingewickelt. Ich hörte eine Frauenstimme.

 

»Uiii, was ist denn das? Ein Paket … für mich? Was mag da wohl drin sein?«

 

Dann öffnete sich die Decke und ich sollte antworten: »Ich«.

 

»Ohhhh, das ist ja Nino«, freute sich die Frauenstimme.

 

Ich war gerade einmal fünf Jahre alt und schon in Therapie. Ich mochte die Welt nicht wirklich und stotterte. Mein Vater hat das wohl in den Genpool mit eingebracht. Er hatte früher auch Probleme damit. Eine Therapeutin versuchte, meine Selbstsicherheit aufzubauen. Bereits als kleiner Junge hatte ich kaum Selbstvertrauen. Ich habe andere Kinder beim Spielen beobachtet und in meiner eigenen Welt gelebt. Das hat sich bis heute nicht geändert; ich lebe immer noch in meiner eigenen Welt, das ist okay. Mit der Zeit ging es mir besser und mein Stottern wurde ich auch los.

 

Etwa zur gleichen Zeit fing ich mit Sport an. Ich spielte hauptsächlich Feldhockey und Tennis und im Winter lernte ich Skifahren. Bis zu meinem 14. Lebensjahr war ich jeden Tag viele Stunden sportlich aktiv. Wir waren immer eine Sportlerfamilie und die Hälfte unserer Zeit haben wir in einem Tennis- und Hockeyverein verbracht. Das ist immer noch so. Die Vereinstreue meines Vaters stieß nicht immer auf die Gegenliebe mütterlicherseits. Er war selten zu Hause, entweder in anderen Ländern arbeiten oder im Sportverein das Leben genießen. Mir selbst hat der Sport geholfen, ein gutes Sozialverhalten zu entwickeln. Tennis ist wohl eher ein Egospiel – ich weiß nicht, wie viele Schläger ich zertrümmert habe – aber zum Glück ist Hockey ein Teamsport und hat Schlimmeres verhindert.

 

Ich kann mich erinnern, dass wir anfangs noch Kohlebriketts zum Heizen aus dem Keller holten, als ich ein Kind war. Der Lieblingsgeruch meiner Mutter war ›Keller‹. Unser Fernseher hatte keine Fernbedienung und wir empfingen ganze fünf Kanäle: ARD, ZDF, N3, DDR1 und DDR2. Ich mochte den Kli-Kla-Klawitterbus, Ratz und Rübe, die Sesamstraße und die Vorstadtkrokodile. Auf Kassette hörten meine Schwester und ich Die drei ???, TKKG und Pumuckl. Ich war Superman-Fan. Oft wurde ich in Geschäften beim Lesen von Comics erwischt. Mein Kumpel Henry und ich liebten YPS-Hefte. Jedes Mal, wenn wir beieinander übernachteten, bastelten wir an den YPS-Gimmicks. Besonders die grün leuchtenden Dinosaurierskelette hatten es uns angetan. Die mexikanischen Springbohnen waren auch nicht schlecht und selbstverständlich mochten wir alles, was mit Spionage und Detektiven zu tun hatte – das ist bei Jungs halt so.

 

Als Kind war ich keine große Leseratte, meine außerschulische Lektüre lässt sich leicht aufzählen: Der kleine Vampir, Das kleine Gespenst, Sherlock Holmes und Die unendliche Geschichte.

China I

Mein Vater bekam ein Angebot von seiner Firma, es sollte ein Stahlwerk in China errichtet werden. Es würde sich lohnen, er sagte zu. Was für ein Abenteuer. Meine Kindheit war geprägt von Reisen. Zu dieser Zeit, Ende der Siebziger, war China etwas Außergewöhnliches, ein unbekanntes Reich ohne Zutrittserlaubnis für die westliche Welt. Mein Vater war dafür zuständig, dass wenn auf einen Knopf gedrückt wird, die Prozesse in Gang gesetzt und na ja ... Stahl gewalzt wird. Ich weiß, wie man eine Glühbirne einschraubt und ich bin verdammt stolz darauf.

 

Es heißt China und nicht Kina.

 

Als wir die Reise nach Asien antraten, war ich etwa fünf Jahre alt und meine Schwester zwei. Mein Vater fiel unangenehm bei der Gepäckkontrolle am Flughafen auf. Er hatte in weiser Voraussicht eine fast einen Meter lange Salami in einen der Koffer gepackt. Uns war bewusst, dass China ein kulinarisches, sagen wir mal, Abenteuer werden würde.

 

Sogenannte Jumbo-Flugzeuge waren neu, also richtig große Flieger. Mein Vater war total begeistert. Luisa und ich bekamen Wachsstifte und Malbücher, der Flug nach Peking dauerte in etwa 17 Stunden.

 

In den nächsten Jahren sind wir sehr viel geflogen und jedes Mal verbanden wir es mit richtig schönen Urlauben. Damals war es möglich, dass die Firma für Flüge von Lufthansa bezahlte und wir ganz frech die preiswertere Singapore Airline buchten. Auf diese Weise hatten wir ein nettes zusätzliches Urlaubsgeld. Allerdings stürzten wir auch beinahe zwei Mal ab. Als kleiner Junge habe ich das nicht realisiert, aber als die Tränen bei meiner Mutter herunterliefen, wurde mir mein Malbuch immer unwichtiger.

 

Wir machten Station in Nepal und Indien. Dort lernte ich die heilige Kuh kennen. Bei Ankunft in Neu-Delhi erwartete uns ein Hotel mit versiegeltem Klodeckel auf dem Zimmer, doch die Kacke war vorher nicht beseitigt worden. Trinkgeld wollte der Mitarbeiter dennoch. Es war stickig und heiß. In der Nähe eines Flusses war ein Freibad, in dem alle örtlichen Kinder mit Freude herumplanschten. Es war befüllt mit braunem Flusswasser und ich wollte natürlich auch mitmischen. Ich stellte mich sehr ängstlich an, die anderen Kinder lachten mich aus.

 

Wo Armut ist, ist auch Glaube. Ein städtischer Gebetsmühlentempel war imposant und ich rollte einige Goldskulpturen am Fuße des Tempels mit meiner Hand, das war ein Teil eines Gebetsrituals. Mein Vater schenkte einem bettelnden Kind einen Kugelschreiber, die Augen leuchteten. Daneben saß ein bettelnder Mann mit schwarzen, verfaulten Beinen. So viel Leid.

 

Wir flogen weiter nach Malaysia und auf die Philippinen. Unberührte Natur am Meer, traumhaft. Sogar die Unterkünfte sahen aus wie große Kokosnüsse. Nach nur fünf Metern im Meer war ich umgeben von bunt leuchtenden Korallen. Die Einheimischen führten für die wenigen Gäste fast nackt Tänze am Strand auf.

 

Wann immer wir in China waren, verbrachten wir einige Tage in Hongkong. Es war das Mekka aller Kinderträume. So viel Spielzeug überall, Wahnsinn.

 

Auch gab es eine Delfin-Show in Kowloon, angebunden an einen riesigen Freizeit- und Tierpark. Luisa und ich liebten besonders die riesigen Trampoline, auf denen wir stundenlang herumhüpften.

 

Die typischen Hotelgerüche mochte ich, ein Mix aus Chlor für die Schwimmbäder und Putzmittel. Komischerweise mag ich auch den Geruch von Benzin.

 

Das Hotel in Wuhan (Mittelchina) wurde extra für uns Stahlwalz-Familien aus dem Westen errichtet. Von der Außenwelt wurden wir abgeschirmt. Wenn wir den Hotelkomplex verließen, war sofort eine Traube gaffender Chinesen um uns herum. Meiner blonden Schwester wurde sogar gelegentlich in die Haare gefasst. Wuhan war damals noch lange nicht das, was es heute ist. Als Industriestadt geplant, war es 1978 noch weit davon entfernt. Es war arm und schmutzig. Das Hotelareal war nun unsere neue Heimat. Die Männer wurden sechs Tage die Woche morgens ins Stahlwerk gefahren und kamen abends zurück. Im Bus galt die Regel, dass die alteingesessenen Mitarbeiter vorne sitzen durften und die Frischlinge hinten Platz nehmen mussten. Frauen und Kinder warteten vor dem Hotel stets auf ihre Rückkehr. Ganz altmodisch kümmerten sich die Frauen um die Kinder und ich glaube, meine Mutter war davon nicht so richtig begeistert. Sie tat allerhand, um alles in Ordnung zu halten, aber eigentlich wollte sie nur zurück nach Deutschland. Sie fing an zu weinen, als Luisa und ich uns ein Heidi-Hörspiel anhörten, in dem Heidi Heimweh hatte. Da brachen alle Dämme bei meiner Mom. Sie gab sich wirklich Mühe, sie versuchte sogar, Brot zu backen. Es gelang ihr zwar nicht gut, aber sie hat es versucht.

 

Wie in einem Agentenfilm wurde die eingehende Post an uns zuvor gelesen. So kam es, dass mein Vater Gratulationen zur Beförderung von den Chinesen erhielt, bevor er davon wusste. Wir standen rund um die Uhr unter Beobachtung, wir deutschen Langnasen.

 

Es gab eine kleine, selbst betriebene Firmenkneipe. An den Wänden hingen Poster von Fußballmannschaften und es wurden Songs wie ›Kreuzberger Nächte‹ oder ›No woman no cry‹ gespielt. Es hallte stark zum Innenhof hinaus und meine Schwester und ich bekamen abends im Bett alles mit. Zu den ansässigen Firmen im Hotel gehörte auch eine japanische Firma. Der Unterschied fiel morgens sehr deutlich aus: Die Deutschen schmissen sich Aspirin ein und die Japaner waren beim Synchron-Frühsport auf einem Feld.

 

Ein beliebtes Ausflugsziel war der Jangtsekiang, der längste Fluss Chinas. Es war in etwa eine Stunde Fußweg dorthin. Wir mussten einem kleinen Abwasserkanal folgen. Die Erde war überall ausgedörrt und hatte Risse wegen der Trockenheit. Es gab Wasserbüffel als Nutztiere und die machten tellerminengroße Scheißhaufen. Gelegentlich passte jemand in unserer Gruppe nicht auf und trat volle Kanne hinein in so einen riesigen Haufen. Die Scheiße quoll dabei durch die Zehen. Für uns Kinder war interessant, dass es Frösche, Fische und Kaulquappen in den Gewässern gab. Wir passierten auf dem Weg kleine Dorfgemeinden. Die hatten so genannte Jauchegruben, das waren circa 20 Quadratmeter große, stinkende Düngelöcher in der Erde. Da hätte man prima eine Leiche verschwinden lassen können.

 

Der Jangtse ist bekannt für seine extrem starke Strömung. Einmal im Jahr fand ein Wettschwimmen statt. Von einer Seite zur anderen, die Schwimmer kamen etwa 70 Kilometer weiter flussabwärts am anderen Ufer an.

 

Das Ufer des Jangtsekiang war felsig, wir beobachteten vorbeikommende Schiffe und warfen Steine in den Fluss. Es gab Felsstücke, die so etwas wie Bergkristall im Inneren bargen. Die habe ich gesammelt; es wurde ein Hobby von mir, ich sammelte Steine.

 

An jeder Gebäudeecke waren Spucknäpfe, im ganzen Land. Aus irgendeinem Grund spuckten die Chinesen ständig. Inzwischen ist es wohl verboten worden.

 

Oftmals wurden wir zu offiziellen Essen eingeladen, wo es so abgefahrene Sachen wie Seegurken oder auch Gehirn zu essen gab. Gehirn zum Beispiel wurde mit einer Art längs halbiertem Strohhalm gegessen. Man stach hinein und schlürfte dann die glibberige Gehirnmasse. Reis mit angeblichem Hühnerfleisch wurde zu meinem Leibgericht, es blieb mir ja nichts anderes übrig. Den mit dem Essen einhergehenden Vitaminmangel versuchten wir mit Tabletten auszugleichen.

 

Das Hotel war für uns Kinder wie ein großer Abenteuerspielplatz. Wir kletterten an den löchrig designten Außenwänden hoch und sprangen von Dach zu Dach. Ständig wurde irgendwo gebaut und wir bedienten uns an den Baumaterialien. Einmal fiel mir ein Ziegelstein herunter auf den Kopf eines Freundes und er musste genäht werden. Ich fühlte mich sehr schuldig.

 

Die Familie unternahm viele Kurztrips, unter anderem auch nach Shanghai. Bei den vielen Besuchen von Sehenswürdigkeiten kam mir ein selbstgemachtes Eis von einem Straßenverkäufer unter und ich erkrankte an Ruhr, einer gefährlichen Magen- und Darminfektion, die vor allem in tropischen Ländern vorkommt. Ich verbrachte ganze sechs Wochen im Krankenhaus.

 

Im Firmenhotel gab es im Untergeschoss eine ärztliche Abteilung. Sicherlich das Beste, was China damals zu bieten hatte. Sämtliche Kinder fürchteten sich davor. Es stank nach Jod und die dicken Spritzennadeln wurden gefühlt mit Anlauf in die Körper gestoßen.

 

Für die Möglichkeit, sich sportlich zu betätigen, gab es eine Kegelbahn, eine Tischtennisplatte und ein Turngerät im Hotel. Einmal wurde im Stadtstadion ein Fußballspiel organisiert. Unsere Männer gegen eine chinesische Auswahl. Das kleine, ländliche Stadion war voll und das Hotel gewann drei zu eins. Ich war mächtig stolz auf meinen Vater.

 

Die Einheitsbekleidung in China damals war blau oder grün, ohne Ausnahme. Schüler erkannte man an einem roten Halstuch und ihre grünen Mützen hatten einen roten Stern an der Stirnseite.

 

Die Firmenschule war im neunten Stock und mein Schulweg in der ersten Klasse war der Fahrstuhl. Wir wohnten in der zweiten Etage. Alle Klassen wurden in einem Raum von einer Lehrerin gleichzeitig unterrichtet. Mein Kumpel mit dem Loch im Kopf und ich waren die erste Klasse. Ich weiß gar nicht mehr, wie die Lehrerin hieß, es reimte sich jedoch auf Kotze und so nannten wir sie dann auch im Geheimen.

 

Es gab eine Party-Location, das sogenannte ›Alte Hotel‹. Dort feierten die Männer sich ihren Frust von der Seele. Was daran so besonders war? Die befreiende Stimmung. Immerhin arbeiteten sie sechs Tage in der Woche in einem Stahlwerk in China und waren in einem Hotel mit ihren eigenen Ehefrauen eingesperrt. Klar, dass sich da einiges an Frust anstaute. Ich fand die Partys immer klasse.

 

Als wir China wieder verließen, war ich traurig. Im Bus zum Bahnhof wurde schon morgens getrunken und mein Vater sang: »… aaaaaber der Wagen, der rollt.« Ich weinte, hatte Deutschland komplett vergessen. Zurück in Berlin kannte ich niemanden mehr.

 

Auf unseren Reisen hielten meine Eltern immer Ausschau nach FKK-Stränden und jeden Sommer in meiner Kindheit fuhren wir nach Korsika auf einen Campingplatz namens La Vilatta für etwa drei bis vier Wochen. Je näher wir unserem Ziel kamen, umso mehr wurden Hits aus Italien und ABBA im Autoradio gespielt. Das hatte Tradition. Meine Schwester und ich bekriegten uns auf der Rückbank. Zum Glück wurden Walkmans erfunden und wir setzten uns die meiste Zeit diese orangefarbenen Kopfhörer auf und lauschen zu Hörspielen.

 

Auf dem Campingplatz gingen die Leute nackt in den Supermarkt, spielten nackt Tennis und sogar im Restaurant saß man nackt am Tisch. Ich habe dort Dinge gesehen, die ich lieber vergessen würde. Ich mochte es nicht. Das einzige Abend-Event, bei dem Klamotten getragen wurden, war die Disco jeden Donnerstag.

 

Das Schöne war, sich mit Zeltnachbarn anzufreunden, das ging ganz leicht. So war jeden Abend eine nette Runde beisammen. Der Campingplatz La Vilatta war ein riesiges Terrain mit Tümpeln voller Frösche und Fische, einem kleinen Ponyhof und sogar einem Mini-Zirkus, der zweimal die Woche auftrat. Für meine Schwester und mich ein Paradies, bis auf die Plumsklos, bei denen wir sogar zum Kacken stehen mussten. Oft machten wir Ausflüge, um die Insel zu erkunden. Da gab es einen Fluss, ich glaube, er hieß Cavo. Er war sehr lang, sein Gestein war nur knapp unter der Wasseroberfläche und ganz glatt gespült durch die Strömung. Wir konnten uns wie in einer Badewanne auf die Felsen setzten. Ringsherum war Nadelwald, eine Oase.

 

Ich hatte definitiv eine sehr schöne und aufregende Kindheit. Einen besseren Start kann man gar nicht hinlegen. Merkwürdig, was später in meinem Leben geschah.

Teenager

China II