Chefarzt Dr. Norden 1158 – Arztroman - Patricia Vandenberg - E-Book

Chefarzt Dr. Norden 1158 – Arztroman E-Book

Patricia Vandenberg

5,0

Beschreibung

Mit ihrer Freundin Katja Baumann kann Gabriele Lindner offen über alles reden, auch über die Probleme mit ihrem Mann Bernd. Dieser hat eine Affäre mit Susanne Bergmann, die davon träumt, Bernd zu heiraten und an seiner Seite ein Luxusleben zu führen. Dass er eine Frau und ein fünfjähriges Töchterchen hat, stört Susanne nicht. Als Gabriele unter Schock steht, weil sie erfährt, dass ihre Tochter Valerie an Leukämie leidet, steht Katja ihr zur Seite und sorgt dafür, dass Valerie in der Behnisch-Klinik behandelt wird. Katja redet Bernd und Gabriele ins Gewissen, ihre Eheprobleme zunächst einmal auszublenden, weil Valerie in dieser Situation beide Eltern braucht. Die Suche nach einem Stammzellenspender wird zum Wettlauf mit der Zeit. In der Klinik trifft Gabriele ihren Studienkollegen Thomas wieder, der sich sofort typisieren lässt. Als Spender kommt er nicht infrage, aber er ist immer für Gabriele und Valerie da. Bernds Eifersucht auf Thomas hat ungeahnte Folgen … "Bist du zufrieden?" Susanne Bergmann betrachtete ihren Kollegen Bernd Lindner aufmerksam. Der junge Anwalt erwiderte ihren Blick nicht, selbstvergessen ruhten seine Augen auf dem geheimnisvollen Glitzern, das ungezählte Lichter an diesem Abend Mitte Januar auf die Kowloon Bay streuten. Weiter draußen lagen zwei Kreuzfahrtschiffe vor Anker wie träge Riesen aus Stahl und Licht. Hong Kong, die Megacity an der Mündung des Perlflusses, schien keine Dunkelheit zu kennen. Bernd hatte kurz das Gefühl, als balle die sich in seinem Herzen zusammen, um seine unmittelbare Umgebung gleichsam mit einem grauen Schleier zu überziehen. Wo waren die Farben geblieben? Gabrieles strahlend grüne Augen, so grün wie eine Wiese im April, Valeries goldblonde Locken im Sommerlicht, ihr Garten in München in einem Meer aus Herbstfarben. All das war so weit weg. Hier, in der flirrenden, glitzernden Enklave, die nie schlief und nur aus Geschäftsleuten, Hochglanzfassaden und Erfolg zu bestehen schien, sah für Bernd alles grau aus. Sogar Susannes Lächeln, das ihn vor gar nicht allzu langer Zeit bezaubert hatte, wirkte staubgrau auf ihn. Unwillig schob er diese seltsamen Regungen beiseite. Was war nur in ihn gefahren? Er hatte an diesem Tag für die renommierte Münchner Kanzlei von Roden einen Millionenvergleich geschlossen. Als Spezialist für internationales Wirtschaftsrecht spielten sich seine Fälle in der Hochfinanz ab. Er war gut, gewieft und ausgekocht, was in seinem Job durchaus als Empfehlung zu verstehen war. Als er vor zehn Jahren bei Professor Lutz von Roden angefangen hatte, hätte er nie zu hoffen gewagt, dass er eine dermaßen steile Karriere hinlegen würde. Innerhalb weniger Jahre hatte er sich auf seinem Gebiet einen Namen gemacht. Mit zunehmendem Erfolg waren seine Honorare in schwindelerregende Höhen geklettert. Die Heirat mit Gabriele von Roden schien sein Glück perfekt zu machen.

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Leseprobe: Familie Dr. Norden Special Edition

5 unveröffentlichte Romane

E-Book 1: Immer wieder Dr. Lammers!

E-Book 2: Da stimmt doch etwas nicht?

E-Book 3: In einer anderen Welt

E-Book 4: Deutliche Zeichen

E-Book 5: Leben heißt Veränderung

Chefarzt Dr. Norden – 1158 –

Nicht nur wegen Valerie

Doch das kleine Mädchen braucht jetzt beide Eltern

Patricia Vandenberg

»Bist du zufrieden?« Susanne Bergmann betrachtete ihren Kollegen Bernd Lindner aufmerksam. Der junge Anwalt erwiderte ihren Blick nicht, selbstvergessen ruhten seine Augen auf dem geheimnisvollen Glitzern, das ungezählte Lichter an diesem Abend Mitte Januar auf die Kowloon Bay streuten. Weiter draußen lagen zwei Kreuzfahrtschiffe vor Anker wie träge Riesen aus Stahl und Licht. Hong Kong, die Megacity an der Mündung des Perlflusses, schien keine Dunkelheit zu kennen. Bernd hatte kurz das Gefühl, als balle die sich in seinem Herzen zusammen, um seine unmittelbare Umgebung gleichsam mit einem grauen Schleier zu überziehen. Wo waren die Farben geblieben? Gabrieles strahlend grüne Augen, so grün wie eine Wiese im April, Valeries goldblonde Locken im Sommerlicht, ihr Garten in München in einem Meer aus Herbstfarben. All das war so weit weg.

Hier, in der flirrenden, glitzernden Enklave, die nie schlief und nur aus Geschäftsleuten, Hochglanzfassaden und Erfolg zu bestehen schien, sah für Bernd alles grau aus. Sogar Susannes Lächeln, das ihn vor gar nicht allzu langer Zeit bezaubert hatte, wirkte staubgrau auf ihn.

Unwillig schob er diese seltsamen Regungen beiseite. Was war nur in ihn gefahren? Er hatte an diesem Tag für die renommierte Münchner Kanzlei von Roden einen Millionenvergleich geschlossen. Als Spezialist für internationales Wirtschaftsrecht spielten sich seine Fälle in der Hochfinanz ab. Er war gut, gewieft und ausgekocht, was in seinem Job durchaus als Empfehlung zu verstehen war. Als er vor zehn Jahren bei Professor Lutz von Roden angefangen hatte, hätte er nie zu hoffen gewagt, dass er eine dermaßen steile Karriere hinlegen würde.

Innerhalb weniger Jahre hatte er sich auf seinem Gebiet einen Namen gemacht. Mit zunehmendem Erfolg waren seine Honorare in schwindelerregende Höhen geklettert. Die Heirat mit Gabriele von Roden schien sein Glück perfekt zu machen. Die bildschöne Kollegin war seine große Liebe. Auch heute noch, nach sechs Jahren Ehe und einer Affäre mit Susanne Bergmann.

Gabriele war sanft und verständnisvoll. Sie arbeitete ebenfalls in der Kanzlei ihres Vaters, doch für sie hatte ihr Privatleben stets Priorität gehabt. Vor allem nach Valeries Geburt. Wie war es nur dazu gekommen, dass sie sich so schleichend auseinander gelebt hatten? Lag es daran, dass Gabriele ihn nicht auf seinen zahlreichen Geschäftsreisen begleiten wollte, weil Valerie zumindest einen Elternteil brauchte? Oder lag es an Susanne, der jungen, ehrgeizigen Kollegin, die sich nahm, was sie wollte, ohne Skrupel, ohne Rücksicht? Bernd wusste nicht mal mehr, wie diese Affäre überhaupt angefangen hatte. Und warum. Er hatte nur vom ersten Moment an das Gefühl gehabt, dass es falsch war. Und doch war er zu träge, zu schwach, um reinen Tisch zu machen, klare Entscheidungen zu treffen. Er ließ sich treiben, Vergleiche bestimmten sein Leben auf jeder Ebene.

»Bernd, stimmt was nicht?« Susanne legte ihre manikürte Hand auf seine Rechte. Ihr Blick war sezierend. Der warme Schleier darüber konnte diese Tatsache nur unvollständig verdecken. War sie so berechnend, so kalt? Er fröstelte und zog seine Hand zurück. Warum hatte er sie nur mitgekommen nach Hong Kong? Warum hatte er sich überhaupt je auf sie eingelassen? Er wusste, das konnte ihn seine Ehe kosten. Doch er wollte nicht darüber nachdenken. Er würde es schon in Ordnung bringen. Irgendwie und irgendwann.

»Gehen wir noch auf einen Sprung ins Sevva«, raffte er sich schließlich auf vorzuschlagen. »Aber nur ein Absacker.«

»Ich bin dabei.« Susannes aufgesetzte Munterkeit zerrte an seinen Nerven. War sie schon immer so gewesen, so voller Energie und Elan? In der Kanzlei machte sie die meisten Überstunden. Sie gewann ihre Fälle nicht immer, aber sie war gut darin, Vergleiche auszuarbeiten, mit denen beide Parteien leben konnten. Es fiel ihr leicht, sich in andere hinein zu denken. Sie war eine gute Beobachterin und stets bereit, jeden Vorteil zu nutzen, der sich ihr bot.

Sie verließen das East Hotel in Tai Koo und fuhren mit einem Taxi zu der angesagten Bar mit dem legendären Rundblick über den Vicoria-Hafen und die höchsten Gebäude der Stadt. Susanne betrachtete die Umgebung mit wachen Augen und war bester Laune, obwohl schon ein langer Tag hinter ihnen lag. Und noch weitere vor ihnen, bis alle Details ausgearbeitet waren.

»Wollen wir nicht tanzen?«, fragte sie Bernd, als sie im Sevva bei einschmeichelnder Musik saßen, umgeben von jungen Pärchen in Feierlaune. Bernd fühlte sich plötzlich mit Mitte Dreißig ziemlich alt. Er dachte an die Ruhe zu Hause, er sehnte sich nach einem Spaziergang im Englischen Garten, er sehnte sich …

»Sei mir nicht böse, Susa, ich bin zu müde. Aber tu dir nur keinen Zwang an«, sagte Bernd gespielt lässig und ließ seinen Blick über die interessierten Männer schweifen, die nur darauf warteten, Susanne aufzufordern. Dass er einen Fehler gemacht hatte, wurde ihm bewusst, als er die kleine, steile Unmutsfalte zwischen ihren schön geschwungenen Brauen bemerkte. Wenn sie sich missachtet oder schlecht behandelt fühlte, konnte Susanne sehr unangenehm werden.

»Na schön, wie du meinst«, versetzte sie mit einem maliziösen Lächeln und nickte einem blonden Sportstyp zu, der postwendend auf der Matte stand. Bernd blieb ruhig, nicht nur äußerlich.

Während Susanne sich große Mühe gab, ihn eifersüchtig zu machen, sah er nur eine große, elegante Blondine in den Armen eines anderen und hatte dabei das Gefühl, dass ihn das eigentlich gar nichts anging.

Susanne flirtete hingebungsvoll, sicher, Bernd an seinem männlichen Stolz gepackt zu haben. Doch als sie zu ihrem Tisch zurückkehrte, war ihr Begleiter fort. Ihr himbeerrot geschminkter Mund verzog sich böse nach unten. Aber sie schluckte Wut und Enttäuschung herunter und machte sich mit einem kühlen Lächeln auf den Rückweg ins East Hotel.

Na warte, dachte sie im Taxi. Das zahle ich dir heim …

Susanne Bergmann war tatsächlich ein Verstandesmensch, sie entsprach recht genau dem Bild, das Bernd sich von ihr gemacht hatte. Es war nicht ihre Art auszuflippen. Gefühlausbrüche, melodramatische Auftritte waren ihr zuwider. Sie hatte sich Bernd ausgesucht, weil er sehr viel zu bieten hatte. Er war ein überaus erfolgreicher Anwalt, attraktiv, klug und durch Heirat und Fleiß in der Zwischenzeit vermögend. Ein Mann wie dieser war ihr zum ersten Mal in der Kanzlei von Roden begegnet.

Susanne stammte aus einfachen Verhältnissen. Ihre Eltern, eine Putzfrau und ein Busfahrer, lebten in einer kleinen Altbauwohnung in Haidhausen. Ihre Schwestern hatten Handwerker beziehungsweise kleine Angestellte geheiratet. Nichts hatte sich geändert von einer Generation zur nächsten. Die Bergmanns waren kleine Leute ohne Ehrgeiz. Susanne schien aus der Art geschlagen zu sein. Sie war schon als Mädchen strebsam gewesen, hatte sich ihr Jurastudium selbst finanziert und sich ihren Weg nach oben verbissen gebahnt.

Aber ein gut bezahlter Job, ein schickes Appartment und teure Kleider genügten ihr nicht. Sie wollte alles. Und dieser Wunsch schien sich mit dem smarten Kollegen endlich erfüllen zu lassen. Dass Bernd verheiratet und Vater einer kleinen Tochter war, kümmerte Susanne nicht. Sie legte es darauf an, dass er sich scheiden ließ, um für sie frei zu sein.

Gabriele konnte leicht wieder einen Mann finden. Sie stammte aus gutem Hause, da war immer Geld gewesen. Susanne meinte, dass Bernds Frau so sehr vom Schicksal begünstigt war, dass sie einen kleinen Verlust ruhig mal hinnehmen konnte. Hauptsache, es ging ihr selbst gut und sie bekam, was sie wollte. Um Gabrieles Gefühle scherte sie sich nicht. Die waren ihrer Meinung nach nur Nebensache. Schließlich liebte sie Bernd nicht. Sie wollte ihn, weil er all das war, was ihr zum Glück noch fehlte. Und sie war fest entschlossen, auch diesmal ihr Ziel zu erreichen.

Dass Bernd auf getrennten Zimmern bestanden hatte, fand Susanne zwar überflüssig, doch es entbehrte auch nicht eines gewissen Reizes. Als sie allerdings wenig später ihrem Zimmernachbarn durch die Verbindungstür einen Besuch abstatten wollte, fand sie diese verschlossen.

Ärgerlich legte sie sich in ihr Bett und dachte nach. Etwas stimmte nicht. Sie meinte, sich Bernds Gefühlen nicht mehr wirklich sicher sein zu können. Bereute er ihre Beziehung schon? War er sie leid? Oder plagte ihn nur das schlechte Gewissen?

Susanne hatte sich von diesem Trip nach Hong Kong viel versprochen. Sollte es nun doch nur eine Geschäftsreise werden? Dagegen hatte sie entschieden etwas. Es wurde wohl Zeit, Bernd wieder den Kopf zu verdrehen. Und zwar so sehr, dass er seine Familie und alles andere vergaß und nur noch an sie dachte. Susanne lächelte schmal. Das sollte kein Problem sein …

*

Katja Baumann knipste ihre Schreibtischlampe aus und erhob sich. Die hübsche Brünette machte allerdings nie Feierabend, ohne sich bei ihrem Chef abzumelden. Dazu war sie einfach zu gewissenhaft. Sie klopfte einmal gegen die halb geöffnete Tür zum Nebenzimmer und fragte: »Kann ich noch was für Sie tun, Chef? Brauchen Sie mich noch?«

Dr. Daniel Norden, Chefarzt und Leiter der Münchner Behnisch-Klinik, blickte von einigen Befunden auf, die er gerade studiert hatte, und schüttelte den Kopf. »Gehen Sie nur heim, Katja, es ist ja schon nach sechs. Einen schönen Feierabend.«

»Danke, den wünsche ich Ihnen auch, dann bis morgen!«

Wenig später hatte Katja die Klinik verlassen und war auf dem Weg nach Grünwald. Sie wollte dort eine gute Freundin besuchen, die sie am Morgen angerufen und um Hilfe gebeten hatte.

Gabriele Lindner war im gleichen Alter wie Katja. Vor ein paar Jahren hatte sie in der Kanzlei von Roden gearbeitet und mit Gabriele Freundschaft geschlossen. Auch nach ihrem beruflichen Wechsel in die Verwaltung der Behnisch-Klinik hatte Katja weiter Kontakt zu Gabriele gehalten. Die beiden jungen Frauen verstanden sich gut, hatten in vielen Dingen den gleichen Geschmack und trafen sich regelmäßig zum Shopping oder auf eine Tasse Kaffee, und das meist einmal im Monat.

Nun hatte Gabriele diesen Rhythmus mit ihrem Anruf unterbrochen. Katja war alarmiert, denn die Freundin hatte sehr unglücklich geklungen. Gabriele war keine Heulsuse und nicht sehr empfindlich. Das durfte sie auch nicht sein, fand Katja. Gabriele hatte sich beruflich in einer Dynastie von Anwälten behauptet und sie war mit einem verheiratet. Diese Ehe schien einer der Gründe für ihren Zustand zu sein. Katja mochte Bernd Lindner nicht besonders. Er war ihr zu zielstrebig, zu rücksichtslos, zu gewinnorientiert. Sie war selbst mit einem Juristen zusammen, doch Hagen war aus ganz anderem Holz geschnitzt als Bernd Lindner. Beruflich knallhart, privat ein zärtlicher Mann mit Tiefgang. Anders hätte Katja es nicht gewollt. Bernd hingegen gab viel auf Äußerlichkeiten. Protziges Auto, protzige Villa, Vorzeigefamilie. Und vermutlich eine Geliebte. Gabriele hatte schon länger diesen Verdacht, der sie sehr bedrückte. Katja hatte der Freundin geraten, Bernd zur Rede zu stellen und Konsequenzen zu ziehen, wenn nötig. Sie war der Meinung, dass es kein Mann wert war, unglücklich zu sein. Aber Gabriele liebte Bernd. Sie wollte ihn nicht verlieren und verschloss lieber die Augen vor der Realität.

Katja parkte ihren Kleinwagen vor der Villa der Lindners und stieg aus. Das imposante Haus mit dem tief gezogenen Dach versteckte sich hinter hohen Eibenhecken. Ein paar Häuser weiter wohnte Gabrieles Vater. Der Professor war seit ein paar Jahren verwitwet und verbrachte gern Zeit mit Tochter und Enkelin. Dass sein Schwiegersohn meist nicht greifbar war, gefiel ihm dabei weniger. Doch er mischte sich nicht ein, das war nicht seine Art. Gabriele wusste, dass er für sie da war, wenn sie ihn brauchte. Sonst respektierten beide ihre Privatsphäre.

Katja musste nicht klingeln, ihr Kommen war schon bemerkt worden. Das Hausmädchen öffnete ihr und begrüßte sie freundlich.

Gabriele saß im weitläufigen Wohnraum neben dem Kamin, der eine angenehme Wärme spendete, und sah sehr blass aus.

Durch die bodentiefen Fensterelemente an der Stirnseite des Raums hatte man einen Blick auf den parkähnlichen Garten. Die alten Buchen reckten ihr graziles, kahles Geäst in den dunklen Abendhimmel. Exakt gestutzte Hecken, abwechslungsreiche Beete und ein dichter, grüner Rasen verschwanden unter einer dicken Schneeschicht. Im Hintergrund konnte man die Umrisse des Pools und des weißen Badehauses erahnen. Lärm und Hektik der Großstadt waren hier ganz weit weg.

»Grüß dich, Gabi, wie geht es dir?«, fragte Katja, während sie sich neben der Freundin auf das weiche, tiefe Sofa aus Ziegenleder niederließ. »Du bist blass.«

»So fühle ich mich auch«, gestand die junge Frau mit den kastanienbraunen Locken und den klaren, grünen Augen. »Blass.«

»Ist es wegen Bernd? Hattet ihr Streit?«

Gabriele lächelte traurig. »Zum Streiten gehören immer noch zwei. Mein Mann hält sich momentan in Hong Kong auf.«

»Geschäftlich, nehme ich an.«

»Er hat einen großen Prozess, es geht um Urherberrechte, etwas im IT-Bereich. Er hat schon ein Vierteljahr mit der Vorbereitung verbracht. Es geht um zweistellige Millionenbeträge.«

»Immer mit den großen Hunden, nicht wahr?«

Gabriele schaute Katja bekümmert an. »Ich wünschte, es wäre noch so wie am Anfang. Wir hatten eine Wohnung am Stachus. Nicht viel Platz, kaum Möbel. Aber es war uns egal. Wir haben zusammen gearbeitet, alles geteilt.« Sie seufzte. »Wir waren so verliebt. Manchmal erscheint mir das alles nur wie ein schöner Traum. Nichts ist davon geblieben. Nur kalter Protz und Einsamkeit.«

»Warum bist du nicht mitgeflogen? Ein Tapetenwechsel ist manchmal wie eine Frischkur für eine Beziehung.«

»Ich kann nicht weg, wegen Valerie. Sie kommt im Sommer in die Schule. Sie wird so schnell groß, ich möchte nichts verpassen.«

»Das verstehe ich. Aber die Kleine gibt deinem Leben doch einen Sinn. Sie braucht dich.«

»Ja, ich fürchte nur, ich habe mich in letzter Zeit einfach zu sehr an sie geklammert.«

»Wie meinst du das?«

Das Hausmädchen erschien, brachte Kaffee und Gebäck. Als sie wieder allein waren, erzählte Gabriele zögernd: »Valerie ist ein sehr sensibles Kind. Sie merkt schon, dass es zwischen Bernd und mir nicht mehr stimmt. Im Kindergarten war sie immer fröhlich und lebhaft. Jetzt sitzt sie meist nur herum, hat keine Lust zu spielen oder fängt Streit mit den anderen Kindern an. Und das ist nicht alles. In letzter Zeit kränkelt sie auch noch.«

Katja schaute die Freundin besorgt an. »Was fehlt ihr?«

»Zuerst war sie andauernd erkältet. Unser Hausarzt vermutete ein schlechtes Immunsystem. Er hat ihr homöopathische Mittel verordnet, die aber auch nichts gebracht haben. Vor ein paar Tagen hatte sie wieder Fieber und fühlte sich sehr schlapp. Deshalb habe ich sie noch mal gründlich untersuchen lassen. Dr. Schröder, unser Hausarzt, geht jetzt von einer chronischen Erkrankung aus. Morgen will er die Untersuchungsergebnisse mit mir besprechen.« Sie blickte Katja flehentlich an, ihre grünen Augen waren dunkel vor Kummer, als sie die Freundin bat: »Kannst du mitkommen? Ich habe schreckliche Angst. Was soll ich nur tun, wenn Valerie ernsthaft erkrankt ist?«