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Urbansky und Wagner – zwei ausgewiesenen Kennern der beiden Länder – erzählen die wechselvolle Geschichte vielschichtiger Verbindungen, denen sich China und Russland niemals entziehen konnten. Als imperiale Großreiche, sozialistische Supermächte und autoritäre Gewaltregime glichen und verglichen sie sich, sie konkurrierten und kooperierten. China und Russland können sich nicht aus dem Weg gehen und marschieren doch nicht im Gleichschritt.
Über das Verhältnis zwischen China und Russland wird viel spekuliert. Einerseits befürchten Beobachter:innen ein Bündnis der autoritären Regime. Andererseits widersprechen sich die geopolitischen Interessen Pekings und Moskaus oftmals. Auf der einen Seite nennen sich Xi Jinping und Wladimir Putin »gute Freunde«. Auf der anderen Seite ist unklar, ob die Länder sich auf Augenhöhe begegnen und wie sich die Machtbalance verschoben hat.
Um die chinesisch-russischen Beziehungen im 21. Jahrhundert angemessen einzuordnen, muss man ihre lange Vergangenheit verstehen. Die Historiker Sören Urbansky und Martin Wagner führen in die vierhundertjährige Geschichte der beiden Nachbarn ein: von den ersten offiziellen Kontakten 1618 über das Zerwürfnis der beiden kommunistischen Regime unter Chruschtschow und Mao bis hin zu Chinas Reaktion auf Russlands Krieg in der Ukraine 2022.
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Seitenzahl: 429
Veröffentlichungsjahr: 2025
Sören Urbansky/Martin Wagner
China und Russland
Kurze Geschichte einer langen Beziehung
Suhrkamp
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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2025
Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2025.
© Suhrkamp Verlag AG, Berlin, 2025
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Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg
eISBN 978-3-518-78048-0
www.suhrkamp.de
Für Alma, Golo, Nele und Laurin
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Inhalt
Einleitung
1
. Peking 1618 – Wissen generieren
2
. Nertschinsk 1689 – Grenzen setzen
3
. Aigun 1858 – Imperien verschieben
4
. Harbin 1898 – Imperialismus erfahren
5
. Schanghai 1921 – Revolution anfachen
6
. Moskau 1950 – Freundschaft beschwören
7
. Peking 1956 – Entstalinisierung begreifen
8
. Damanski 1969 – Grenzen testen
9
. Taschkent 1982 – Annäherung wagen
10
. Peking 1989 – Kontrolle verlieren
11
. Schanghai 2001 – Weltordnung umstürzen
12
. Kyjiw 2022 – Krieg deuten
Epilog
Karten
Anmerkungen
Dank
Quellen- und Literaturverzeichnis
Zeittafel
Bildnachweise
Informationen zum Buch
Eine Gruppe von Chinesen sitzt um 1870 am Goldenen Horn, an der Hafenbucht von Wladiwostok. Gegenüber liegt die noch junge Stadt mit dem Namen »Beherrscher des Ostens«. Mitte des 19.Jahrhunderts annektierte das Russische Reich Territorien von China, größer als Deutschland und Polen zusammen. Bis heute werden sie von Moskau beherrscht. Diese historischen Wunden stehen wie das Fehlen von Brücken über die Grenzflüsse bis in die jüngste Zeit nicht nur symbolisch für die Brüche in den Beziehungen zwischen China und Russland.
»Ohne Vorhersagen für eine lange Zeit zu treffen, kann man sagen, dass unsere Kooperation für 10000Jahre besiegelt ist«, versicherte Mao Zedong seinem sowjetischen Gegenüber. »In diesem Fall genügt es, wenn wir uns in 9999Jahren wiedersehen, um über die Kooperation der nächsten 10000Jahre zu sprechen«, erwiderte Nikita Chruschtschow. Maos tollkühne Prognose erfüllte sich nicht.1 Doch das Zwiegespräch der Chefs der Kommunistischen Parteien Chinas und der Sowjetunion aus dem Jahr 1958 zeigt: Zwischen brüderlicher Rhetorik und widerstreitenden Interessen beider Staaten bestand stets eine Diskrepanz, die bereits die Zeitgenossen des Kalten Krieges reflektierten – und das nicht frei von Ironie. Gegenwärtig ertönen aus Moskau und Peking erneut Lobgesänge auf eine gemeinsame Allianz. Die Floskeln, mit denen die Staatschefs Xi Jinping und Wladimir Putin die bilateralen Beziehungen im neuen Jahrtausend umschreiben – etwa als »grenzenlose Freundschaft«2 –, klingen bedrohlich und schal zugleich. Denn auch hinter ihnen verbergen sich sowohl geteilte Interessen als auch substanzielle Rivalitäten.
Das Verhältnis zwischen China und Russland ist eine entscheidende Determinante der Weltpolitik. Auf lange Sicht könnte das Szenario einer autoritären Allianz zwischen Putin und Xi weitaus folgenreicher sein als das Bündnis beider kommunistischer Staaten Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Volksrepublik ist das Land mit der weltweit zweitgrößten Bevölkerung, Russland der flächenmäßig größte Staat der Welt. Beide sind Atommächte und Mitglieder des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen. China ist die wichtigste Exportnation, Russland das Land mit den meisten Rohstoffvorkommen. Obschon die globale ökonomische Verflechtung seit der Covid-19-Pandemie und Russlands Krieg gegen die Ukraine abgenommen hat, bleiben die internationalen Abhängigkeiten von den beiden Großmächten enorm. Ihre Interdependenz wuchs seither sogar erheblich.
Als autoritärer Block fordern China und Russland immer unverhohlener die Vereinigten Staaten, die Europäische Union und die Demokratien in aller Welt heraus. Ihr akkordiertes geopolitisches Agieren offenbart die Fragilität der regelbasierten Weltordnung, auf deren Überwindung sie abzielen. Mehr noch: Russlands Angriff auf die Ukraine verdeutlicht, dass zumindest Moskau in seinen neoimperialen Zielen gewillt ist, diesen Kampf wieder mit militärischen Mitteln zu führen. Chinas Regierung beobachtet das Kriegsgeschehen im Herzen Europas genau. Was das etwa für Taiwan bedeutet, wird die Zeit zeigen.
Historisch betrachtet waren Imperien der Regelfall staatlicher Ordnung. Doch unter den heutigen Großmächten haben nur die Volksrepublik China und die Russische Föderation diese imperiale Kontinuität bewahrt. Sowohl die Machthaber in Peking als auch in Moskau leiten ihre neoimperialen Ambitionen aus ihrer Geschichte ab. Während China seine Ansprüche auf das Erbe des sino-mandschurischen Qing-Reichs (1644-1911) aufbaut, konstruiert Russland Bezüge zur Sowjetunion und zum Reich der Romanow-Dynastie (1613-1917). Diese Kontinuitätslinien sind fabriziert.3
Ihre imperiale Attitüde hinterließ historische Hypotheken auf beiden Seiten. Wenngleich China selbst stets eine Großmacht war, warfen seine Eliten Russland wiederholt imperiales Gebaren vor: Die Sowjetunion etwa habe eine Herrschaft der »neuen Zaren« zu etablieren versucht.4 In Russland wiederum reüssiert die Rede vom Gespenst der »Gelben Gefahr« als die tief verwurzelte Urangst vor dem Osten.
Auch die von Mao und Chruschtschow, Xi und Putin bemühten Superlative klingen eigentümlich. Sie sind ein Indikator dafür, dass die chinesisch-russischen Beziehungen einer Logik folgen, für die gängige diplomatiehistorische oder politikwissenschaftliche Erklärungsmuster nicht passen. Zweifellos kaschieren blumige Bekenntnisse die historischen Rivalitäten. Die Einzigartigkeit der Verbindung zwischen den beiden Ländern liegt in etwas anderem: Ihre territoriale Ausdehnung, demografische Bedeutung, ökonomische Potenz und nicht zuletzt militärische Stärke setzen die Nachbarn China und Russland in eine Konkurrenz, der sie sich nicht entziehen können. Als multiethnische Landimperien oder autoritäre Diktaturen teilen sie die Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen einer Herrschaftsform, die sich fundamental von rechtsstaatlichen Demokratien unterscheidet. Gleichzeitig waren ihre historischen Referenzrahmen lange verschieden: Während sich Russland vor allem an Europa abarbeitete, rieb sich China an Russland, Europa und Japan. Seit dem späten 20. Jahrhundert verbindet ihre Herrscher ein gemeinsamer Gegner: die liberale Weltordnung. Ihre Verbindung kennt keine Parallele – zu keinem anderen Land der Erde haben China oder Russland ein ähnlich schicksalhaftes Verhältnis wie zueinander.
China und Russland blicken auf eine besondere Beziehungsgeschichte zurück. Das Russische Reich war die erste europäische Macht, mit der das Kaiserreich China einen Vertrag unterzeichnete und Diplomatie auf Augenhöhe betrieb. Über alle Systembrüche von vier Jahrhunderten hinweg – von monarchischen Imperien über kommunistische Reiche bis hin zu autoritär regierten Staaten – standen und stehen sie in direktem Austausch, nicht frei von Brüchen, Missverständnissen und Zufällen.
Die Sonderstellung der sino-russischen Beziehungen ergibt sich nicht zuletzt aus ihrer geografischen Lage als Nachbarn auf dem eurasischen Kontinent. Russland erstreckt sich heute über elf Zeitzonen – von der Ostsee bis zum Pazifik. China ist ein Land mit fünf Klimazonen – vom subarktischen Amur-Gebiet bis zur Tropeninsel Hainan. Beide Staaten trennt eine rund 4000 Kilometer lange Grenze. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts – als die Mongolei noch zum Kaiserreich China gehörte und die zentralasiatischen Staaten einen Teil des Russischen Reichs bildeten – war die Grenze beider Imperien mit etwa 12000 Kilometern die bei Weitem längste Landgrenze der Welt. Trotz dieser Nähe wahren die Gesellschaften beider Länder bis heute Abstand. Das gemeinsame Grenzland ist vor allem eines: eine dünn besiedelte Peripherie zweier Großstaaten. Bis ins Jahr 2022 war der Amur ein Strom ohne Brücken. Nur zwei Querungen existieren gegenwärtig auf 2000 Kilometern Flussgrenze. Diese fehlenden Verbindungen stehen, ungeachtet des politischen Schulterschlusses zwischen Peking und Moskau, symbolisch für die Distanz beider Seiten.
Die chinesischen und russischen Gesellschaften blieben einander über die Jahrhunderte fremd. Die politischen Zentren beider Reiche liegen weit voneinander und von der gemeinsamen Staatsgrenze entfernt. Im interimperialen Zwischenland lebten bis in das 20. Jahrhundert hinein Menschen, die sich weder als Russen noch als Chinesen verstanden. Die ethnisch dominanten Gruppen beider Länder sind einander bis heute fern – kulturell, sprachlich und religiös. Was ihnen fehlt, ist ein gemeinsamer kultureller Mythenkanon, wenngleich sie manche historische Erfahrung teilen. Die Rhetorik der Allianz, die kulturelle Andersartigkeit und die historischen Konflikte stehen in einem Widerspruch, der sich nur dürftig mit immer grelleren Freundschaftsfloskeln verschleiern lässt. Diesen Ambivalenzen gehen wir auf den Grund.
Dieses Buch ist eine kurze Geschichte einer langen Beziehung. Diese Geschichte reicht von der ersten Expedition eines sibirischen Kundschafters nach Peking im Jahr 1618 bis zum geopolitischen Schulterschluss Xis und Putins angesichts der umfassenden russischen Invasion in die Ukraine im Jahr 2022. Das Verhältnis beider Staaten und ihrer Menschen betrachten wir auf drei Ebenen: Wir interpretieren erstens jene historischen Momente, die eine Veränderung in den zwischenstaatlichen Verbindungen bewirkten und im Nachgang häufig kontrovers gedeutet wurden. Einige dieser Wegmarken sind heute weithin vergessen oder verdrängt, in Russland etwa die – aus chinesischer Sicht – »ungleichen« Verträge aus der Mitte des 19. Jahrhunderts oder hier wie dort die Grenzscharmützel des Jahres 1969. Zweitens analysiert das Buch die Außenpolitik der beiden Länder aus ihrer jeweiligen Innenpolitik. Die kommunistische Revolution in Russland oder die Öffnung Chinas im Zuge kapitalistischer Reformen etwa wurden im jeweiligen Nachbarland intensiv diskutiert – mitunter als Vorgriff auf die eigene Zukunft. Schließlich waren die chinesisch-russischen Beziehungen vom internationalen Machtgefüge genauso berührt, wie ihr Wandel stets Verschiebungen in der Staatenordnung zur Folge hatte. Russlands territoriales Ausgreifen nach China, der Zerfall der Sowjetunion oder Chinas Seidenstraßeninitiative offenbaren: Dieses Verhältnis war eingebettet in den imperialen Wettlauf im 19. Jahrhundert, das strategische Dreieck des Kalten Krieges zwischen der Sowjetunion, China und den Vereinigten Staaten sowie die fragile Weltordnung der Gegenwart. Unser Buch ist mithin eine Geschichte von zwischenstaatlichen Begegnungen, transnationalen Verflechtungen in Wirtschaft und Gesellschaft sowie internationaler Systemkonkurrenz.
Die Geschichte bilateraler Verbindungen wird von Historikerinnen und Historikern längst nicht mehr als die bloße Summe kriegerischer Konflikte und diplomatischer Abkommen erzählt.5 Das gilt zunehmend auch für das Verhältnis zwischen China und Russland. Seit vier Jahrhunderten waren und sind imperiale Aggressionen, ökonomische Abhängigkeiten, eruptive Gewalt, Migrationsbewegungen, kultureller Austausch, geopolitische Interessengegensätze und die Hypotheken historischer Konflikte entscheidende Faktoren. Nicht zuletzt prägten und prägen die Menschen mit ihrem Eigensinn, ob als Staatslenker oder Schmuggler, die Beziehungen beider Länder. Aktivitäten der Diplomatie, Rituale der Begegnung, Symbole der Unterordnung, Gesten des Wohlwollens waren kontextabhängig und veränderten sich im Laufe der Zeit ebenso wie die Felder, auf denen politische Interessen konkurrierten oder sich deckten.
Dieses Buch erzählt die Geschichte von russischen Aufklärungskarawanen, die Peking erst nach über zweijähriger Reise erreichten und denen doch die Audienz verwehrt blieb, und von Briefen des chinesischen Kaisers, die in Moskau niemand entziffern konnte. Es handelt von Jesuiten, die im Niemandsland der Steppe einen Grenzvertrag aufsetzten und ihn auf Latein notierten, genauso wie von den Fieberträumen St. Petersburger Lehnstuhlgelehrter von einem »russischen« Kalifornien, das bis heute ein Sumpfland im Schatten Chinas geblieben ist. Unser Buch folgt den Spuren eines jungen chinesischen Journalisten, der in das rote Mekka aufbrach, aber in Sowjetrussland ein »Land des Hungers« vorfand. Und in einer Nebenrolle tritt eine chinesische Operndiva auf, die schamlos im von Russland zerbombten Mariupol sowjetische Kriegslieder singt. Ohne historische Figuren wie diese kommt eine Geschichte von China und Russland nicht aus.
Ebenso wenig lässt sich das Verhältnis beider Staaten ohne Dritte verstehen. Zu unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten gab es jeweils andere Mit- und Gegenspieler. Zwischen den Reichen agierten und agieren, vom Amur-Gebiet bis nach Zentralasien, Nomadenvölker und später unabhängige Staaten. Flankiert wurden die chinesisch-russischen Beziehungen zudem stets von externen Mächten, die in Konkurrenz zu China, Russland oder beiden traten – Großbritannien und Frankreich im 19., Japan und die Vereinigten Staaten im 20. und 21. Jahrhundert. Dabei folgten die Ver- und Entflechtung zwischen China, Russland und der Welt nicht immer globalen Konjunkturen, sondern vollzogen sich häufig asynchron.
Die Umbrüche in den beiden Staaten veränderten die Grundlage ihrer Beziehungen zueinander. In der historischen Tiefe treten drei Logiken des Austausches zutage, die dem sino-russischen Verhältnis je unterschiedliche Rahmen setzten. Von der Frühen Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert begegneten sie einander zumeist distanziert, bis ihre territoriale Expansion sie in direkte Frontstellung zueinander brachte. Im 20. Jahrhundert konstruierten kommunistische Ideologen in Moskau und Peking eine Einheitsfiktion, in deren Schatten die Sowjetunion das asymmetrische Machtverhältnis zu ihren eigenen Gunsten ausnutzte, bis Deutungsrivalitäten den Bruch unausweichlich werden ließen. Auch heute treten China und Russland mit einem antiwestlichen Geschlossenheitsgestus auf – doch nun ist Moskau der Juniorpartner.
Neben diesen zeitgebundenen Spezifika gab es wiederkehrende Phänomene, die über die Epochenschwellen hinweg das Verhältnis beider Staaten formten. Als kontinentale Landreiche waren China und Russland vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart immer auch von den Spannungen zwischen Zentrum und Peripherie geprägt. Der Herrschaftsanspruch an den imperialen Rändern konnte erst spät durchgesetzt werden und erwies sich sogar noch im 20. Jahrhundert mitunter als äußerst labil. Geografische und kulturelle Distanzen blieben bestehen, während sich ökonomische Abhängigkeiten oft nur in ihrer Rollenverteilung wandelten. Grundsätzlich war das Verhältnis beider Reiche von einem Wechselspiel aus Dominanz und Partnerschaft gekennzeichnet. Selten waren die Beziehungen symmetrisch und auf Augenhöhe.
»China« und »Russland« sind ungenaue Begriffe. Beide Staaten konstruieren in der Gegenwart historische Kontinuitätslinien, die sie auf ferne Vergangenheiten zurückprojizieren. Die Vorgängerstaaten, in deren Tradition sie sich stellen, trugen andere Namen und waren anderer Gestalt – das spätmittelalterliche Moskauer Reich und die Sowjetunion, das ming-kaiserliche Reich der Mitte und die Republik China der Zwischenkriegszeit sind nicht identisch mit der Russischen Föderation oder der Volksrepublik China des 21. Jahrhunderts. Um der besseren Lesbarkeit willen sprechen wir dennoch vorwiegend von China und Russland beziehungsweise der Sowjetunion. Kontinuität indes hatte ihr Charakter als Vielvölkerreiche. Wenngleich Peking und Moskau in der Gegenwart beanspruchen, von ethnischen Mehrheiten getragene Nationen zu sein, waren und sind China und Russland keine Nationalstaaten, sondern heterogene Reiche mit multiethnischen Bevölkerungen. Allein deshalb greifen essenzialisierende Erklärungen zu kurz, die vermeintlichen kulturellen Eigenheiten einen Erklärungswert beimessen wollen. Metaphern der Stärke und Schwäche und normative Modelle, die zuweilen auch von Historikerinnen und Historikern bemüht werden, verweisen allenfalls auf die historische Selbstsicht der Zeitgenossen, ohne analytische Erkenntnisse zu liefern.6
In den letzten drei Jahrzehnten sind eine Reihe diplomatie- und kulturhistorischer Studien erschienen, die ihren Schwerpunkt auf das bilaterale Verhältnis im 20. Jahrhundert legen. Die zeitweilige Öffnung der Archive in China und Russland ermöglichte gänzlich neue Perspektiven auf die Gespräche in den Hinterzimmern der Macht und die Alltagsbegegnungen fernab der Metropolen. Wie ausgeprägt hingegen das Desinteresse an den langen Linien der Beziehungsgeschichte beider Staaten geblieben ist, zeigt ein Blick in die Bibliotheken: Seit dem Ende des Kalten Krieges ist lediglich eine einzige Gesamtdarstellung zur Geschichte des chinesisch-russischen Verhältnisses in einer westlichen Sprache erschienen.7
Unser Buch führt in die Beziehungsgeschichte Chinas und Russlands ein. Es stellt sich der historischen Komplexität dieser Verbindung von Weltrang, ohne den Blick für die Gegenwart zu verlieren. In zwölf Schlaglichtern porträtieren wir exemplarisch das sino-russische Verhältnis in seinen vielfältigen Facetten, von der hohen Politik der Zentren bis zu alltäglichen Begegnungen an der Grenze. Die Geschichte nicht im Fortgang der Ereignisse, sondern im Fokus auf Momente der Entscheidung zu erzählen, erlaubt, wiederkehrende Herausforderungen und überzeitliche Ambivalenzen aufzuzeigen. Zudem ermöglicht der punktuelle Zugriff den Blick auf die Dynamik der Beziehungen – auf die Offenheit der Zukunft, die häufig anders aussah, als die Zeitgenossen erwarteten. Schon Russlands erster Chinareisender Iwan Petlin war überrascht.
Peking 1618 – Wissen generieren
»Die Stadt ist […] so wunderschön und geschäftig, ihre Türme ragen ebenso hoch hinaus wie die von Moskau.« Iwan Petlin, dem ersten russischen Gesandten in China, verschlug es den Atem, als er im August 1618 nach fünfmonatiger Reise durch Wald und Steppe aus einem Tor in der Großen Mauer in die chinesische Grenzstadt Kalgan eintrat. Für den sibirischen Kundschafter, der aus einem Land kam, in dem Gebäude fast ausschließlich aus Holz errichtet wurden, stand die »Stadt aus Stein« am Rand des chinesischen Kaiserreichs der russischen Kapitale in nichts nach. Der Gouverneur der sibirischen Stadt Tobolsk hatte Petlin als Leiter einer zwölfköpfigen Expeditionskarawane entsandt, um Kontakte zum fernen China aufzubauen.
Für Petlin, und mittelbar für ganz Russland, tat sich hinter dem Tor eine neue Welt auf. Beim Gang durch die Geschäftsstraßen mit ihren üppig gefüllten Läden hinter reich verzierten Fassaden kam der russische Besucher aus dem Staunen über die fortschrittlichere und wohlhabendere Zivilisation Chinas nicht mehr heraus: »Samt und Seide, teuer und erschwinglich, Taft und Goldbrokat, mit vielen verschiedenen Farben bedruckt, sowie alle Arten von Gemüse und Zucker sowie Nelken, Zimt, Anis, Äpfel, Wassermelonen, Honigmelonen, Kürbisse, Gurken, Knoblauch, Zwiebeln, Rettiche, Karotten, Pastinaken, Rüben, Kohl, Mohn, Muskat, Mandelkerne, Rhabarber und andere Gemüsearten, von denen wir nicht einmal wissen, wie sie heißen.«1 Kalgan, das heutige Zhangjiakou, war im 17. Jahrhundert das Tor, durch das die Karawanenroute Peking mit der Mongolei verband. Bald schon sollte der Großteil des sibirischen Teehandels über diesen Weg verlaufen.
Als Petlins Mission am 1. September 1618 die einige Tagesritte südwestlich gelegene, weitaus beeindruckendere Hauptstadt Peking erreichte, war der Empfang indes kühl. Erst nach vier Tagen besuchten Vertreter des chinesischen Ritenministeriums die in einer Herberge wartenden Reisenden. Eine Audienz beim Ming-Kaiser Wanli sei ausgeschlossen. So hätten es die Beamten vermeldet, schrieb Petlin nach seiner Rückkehr: »Wir hätten es sehr zu schätzen gewusst, wenn euer Zar euch als seinen ersten Gesandten zumindest eine Kleinigkeit an unseren Kaiser mit auf den Weg gegeben hätte. Unser Kaiser hätte die Gefälligkeit mit Geschenken von gleichem Wert erwidert. Er hätte alle eure Gesandten mit Präsenten bedacht und […] euch eine Audienz gewährt.«2
Ohne Tribut und diplomatische Vollmachten waren die Fremden für den Kaiser von China uninteressant. Die chinesischen Beamten komplimentierten die Russen freundlich, aber bestimmt aus Peking hinaus. Politisch war Petlins Mission gescheitert. Dennoch: Es war das erste Mal, dass ein Russe in offizieller Mission die chinesische Hauptstadt betreten hatte. Das Einzige, was der Sibirer mit zurück nach Moskau brachte, war ein Schreiben an den russischen Zaren. Darin stellte der chinesische Kaiser, ohne sichtbares übermäßiges Interesse an dem nördlichen Nachbarn, immerhin Handel in Aussicht. Diese Botschaft zeigt, wie zufällig und wenig formalisiert die ersten diplomatischen Kontakte zwischen Russland und China waren. Entsandt hatte Petlin der Gouverneur von Tobolsk, zurück kehrte er mit einem Brief an den Moskauer Zaren.
Trotz allem Mangel an etablierten diplomatischen Institutionen oder eingeübten Ritualen hätte es der Beginn einer fruchtbaren Beziehung sein können. Doch niemand in Russland war damals des Chinesischen mächtig, und so lag das kaiserliche Schreiben über ein halbes Jahrhundert lang vergessen in einer Schublade. Mangelnde Sprachkenntnisse waren nicht der einzige Hemmschuh: Der chinesische Hof betrachtete die Russen als tributpflichtige Barbaren. Vor allem aber geriet die Ming-Dynastie (1368-1644) bereits zur Zeit von Petlins Visite durch Nurhaci, einen aufstrebenden Stammesfürsten des tungusischen Volkes der Jurchen, zunehmend unter Druck. Nurhacis Nachfolger, die sich Mandschuren nannten, eroberten 1644 Peking und begründeten Chinas letzte Dynastie, die Qing. Moskaus Führung wiederum erkannte ob der ungeheuren Distanzen keinen kommerziellen Vorteil. Zudem fehlten dem Moskauer Reich schlicht die Ressourcen, um Beziehungen zu China zu entwickeln. Dem Zaren Michail I. blieb China suspekt. Im Jahr 1620, Monate nach Petlins Rückkehr, verbot er jedweden weiteren Austausch der sibirischen Wojewoden mit der ostasiatischen Hegemonialmacht ohne die ausdrückliche Zustimmung des Moskauer Gesandtschaftsamts (posol’skij prikaz). Sollte es denn weitere Kontakte geben, so wollte der Zarenstaat die Beziehungen zum unbekannten asiatischen Nachbarn nicht länger in den Händen der zwar von Moskau berufenen, aber weitgehend eigenständig agierenden Militärstatthalter in den Provinzen wissen. Denn ihnen unterstanden sowohl die Truppen als auch die Beamtenschaft.3
Petlins Chinareise war zwar der erste offizielle Kontakt zwischen beiden Reichen, jedoch hatte es zuvor bereits indirekten Austausch gegeben. Wann genau man in Russland zum ersten Mal von der Existenz Chinas erfuhr, ist nicht überliefert. Gesichert scheint, dass es während der Herrschaft der Mongolen, als sich das riesige Reich im 13. Jahrhundert von Ungarn bis nach Südchina erstreckte, erste Kontakte zwischen Russen und Chinesen gab. Laut der offiziellen Annalen der mongolischen Yuan-Dynastie (1279-1368) dienten unter anderem am Hof des Großen Khans in Karakorum neben Chinesen auch Kriegsgefangene und Zivilisten aus der Rus’.4 Sprachliche Entlehnungen aus dem Mongolischen sind bis heute Zeugnis dieser losen Verbindungen, so etwa der russische Begriff für China, kitaj. Das Wort – im Englischen cathay – leitet sich vom Namen eines Volkes ab, das vor etwa eintausend Jahren den Norden Chinas eroberte und als Liao-Dynastie (916-1125) das Reich regierte. Mit dem Fall der mongolischen Yuan-Dynastie im 14. Jahrhundert fanden die indirekten sino-russischen Kontakte allerdings ihr jähes Ende, und an Wolga, Dnipro und Moskwa überlebte nur ein vages Wissen über China.5
Im 16. Jahrhundert erinnerten die Briten Russland an die Existenz Chinas. Hartnäckige Bemühungen englischer Händlerabenteurer erweckten im Großfürstentum Moskau das Bewusstsein für das unbekannte Reich in Asien wieder. Sie warben um die Unterstützung der Moskauer Regierung für ihr Bestreben, entweder einen Landweg nach China durch Zentralasien respektive Sibirien oder einen Seeweg über die Nordostpassage zu erkunden. Der Zar aber hatte kein Interesse an Fremden im eigenen Reich, die etwas in Erfahrung hätten bringen können, was sein eigener Hof nicht wusste – er wies die Briten ab.
Als Russland und China Anfang des 17. Jahrhunderts im Zuge ihres kontinentalen Vorstoßes ihre Herrschaft über die Weiten Eurasiens ausdehnten, waren die Umrisslinien des alten mongolischen Weltreichs noch schwach erkennbar. Sibirische Wojewoden schickten Expeditionen von Kosaken los, um Kontakt zu benachbarten nomadischen Königreichen und mit China aufzunehmen. Doch obwohl die Unternehmungen vor Petlins Mission ihr Ziel verfehlten, kehrten die Männer mit dem Wissen zurück, dass China größer und wohlhabender war und geografisch näher lag, als frühere Berichte vermuten ließen. Wohl niemand in Russland ahnte, dass mit Petlins beschwerlicher Überlandreise aus Sibirien durch die mongolische Steppe nach Peking das erste Kapitel der wechselvollen gemeinsamen Geschichte zweier eurasischer Kontinentalimperien begann.6
So augenfällig die gegenwärtigen Parallelen Chinas und Russlands auch sein mögen, so verschieden war ihr historischer Aufstieg zu den größten Imperien Eurasiens. Ihre historischen Entwicklungspfade offenbarten strukturelle Gemeinsamkeiten wie Unterschiede: China beansprucht, eines der beständigsten Reiche der Weltgeschichte zu sein. Ein Dutzend Herrscherhäuser regierte über das älteste Imperium Eurasiens, angefangen bei der Shang-Dynastie im 16. vorchristlichen Jahrhundert bis zum Untergang der mandschurisch-chinesischen Qing-Dynastie im Jahr 1911, so die offizielle Erzählung. Während der Zhou-Zeit (1122 v.Chr.-256 v.Chr.), der längsten dynastischen Periode, entstanden die philosophischen Schulen des Konfuzianismus und Daoismus. Das »Himmelsmandat« (tianming) als Prinzip der Herrschaftslegitimation geht ebenso auf diese Epoche zurück. Als »Erster erhabener Kaiser der Qin« konsolidierte Qin Shihuangdi im Jahr 221 v.Chr. Territorien, die zuvor kein zusammenhängendes Land gewesen waren. Der Reichseiniger etablierte nicht nur die Institution des Kaisertums. Unter der von ihm begründeten Qin-Dynastie wurde China durch militärische Expansion und Kolonisierung erstmals ein imperiales Einheitsreich. Der auf die Qin folgenden Han-Periode (206 v.Chr.-220) verdankt China das standardisierte Schriftsystem und die als »Seidenstraße« geläufigen Handelswege nach Zentralasien. Diese ermöglichten nicht nur den Austausch von Gütern; auch Religionen wie der Buddhismus sowie Ideen und technologische Errungenschaften wie die Papierherstellung breiteten sich darüber aus. Als eine weitere Wegmarke der chinesischen Geschichte gilt die Tang-Dynastie (618-907) mit bedeutenden Leistungen in den Natur- und Geisteswissenschaften, aber auch einer beträchtlichen Ausdehnung ihres Herrschaftsgebiets, inklusive weiter Teile Innerasiens.7
Aus chinesischer Perspektive, die die eigene Geschichte ausschließlich als Kontinuität von Staatlichkeit begreift, muss die Geschichte Russlands wie ein Wimpernschlag wirken. Sie ist zudem eng an das antike Erbe Europas geknüpft. Das Wissen über seine mythische Gründung entstammt der Nestorchronik. Den ältesten überlieferten ostslawischen Annalen zufolge bauten ab Mitte des 8. Jahrhunderts – also zu einer Zeit, als China bereits ein hochentwickeltes Kaiserreich war – aus Skandinavien stammende warägische Krieger-Händler entlang der Flüsse zwischen Ostsee und Schwarzem Meer ein Netz von Handelsstützpunkten auf. Sie nannten sich Rus’. Ihr Reich, die Kyjiwer Rus’, war der erste konsolidierte Staat der östlichen Slawen und doch nicht mehr als ein lockerer polyethnischer Verband diverser Teilfürstentümer. Um seine Macht zu festigen, griff der Kyjiwer Großfürst Wladimir (ukrainisch: Wolodymyr) auf eine damals gängige Strategie zurück. Er führte eine Staatsreligion ein. Konstantinopel bot ein formidables Beispiel für die durch östliches Christentum gesteigerte kaiserliche Macht. Anlässlich seiner Vermählung mit der Tochter des oströmischen Kaisers lud Wladimir im Jahr 988 byzantinische Geistliche nach Kyjiw ein, die das Volk in einer Massentaufe im Dnipro bekehrten. Die Entscheidung für den byzantinischen Ritus sollte den Kurs der Ostkirche bis in unsere Tage prägen. Im 11. Jahrhundert stieg Kyjiw zum wichtigsten politischen und kulturellen Zentrum Osteuropas auf.
Doch gerade die Passagen zur Entstehungsgeschichte der Herrschaft in der im Kyjiwer Höhlenkloster entstandenen Nestorchronik lösten wiederholt heftige historiografische Debatten aus und bieten anhaltend einen politisch brisanten Interpretationsspielraum, besonders für Verfechter linearer historischer Entwicklungsansätze: Während Russland sich in politischer, kultureller und religiöser Hinsicht als Erbe der politischen Entität der Rus’ sieht, betrachtet die Ukraine diese als ihren ersten eigenständigen Staat auf heimischem Territorium.8
Sowohl die Rus’ als auch das alte China kämpften im Laufe der Jahrhunderte wiederholt gegen benachbarte Steppenvölker. Dem »Mongolensturm« im 13. Jahrhundert hielten beide nicht stand. Unter Batu Khan, einem Enkel Dschingis Khans, eroberten die Mongolen 1240 die Fürstentümer der Rus’, brandschatzten Kyjiw und etablierten das Khanat der Goldenen Horde als westlichsten Teil ihres Großreichs. Kublai Khan, ein anderer Enkel Dschingis Khans, eroberte China, verlagerte die Hauptstadt von Karakorum in der Mongolei nach Dadu, dem heutigen Peking. Dort gründete Khubilai die mongolische Yuan-Dynastie, deren Herrschaft über China ein knappes Jahrhundert währte.9
Unter der Ming-Dynastie, die auf die Mongolen folgte, erlebte China eine Zeit der Prosperität und des Bevölkerungswachstums. Die Ming-Kaiser förderten technologische Innovationen, erweiterten die Große Mauer, durch die Iwan Petlin 1618 am Abend ihrer Herrschaft das chinesische Himmelsreich betrat, und errichteten in Peking mit der Verbotenen Stadt eine imposante Palastanlage, in die der russische Gesandte nicht vorgelassen wurde.
In Russland währte die Mongolenherrschaft knapp ein Jahrhundert länger, allerdings beschränkte sich der Einfluss der Goldenen Horde über die slawischen Gebiete weitgehend auf indirekte Kontrolle. Die Mongolen erhielten dabei Unterstützung von einem aufstrebenden Fürstentum, das erst im 12. Jahrhundert entstanden war: Moskau. Geschickt nutzten die Moskowiter die Institutionen und Handelsrouten der Mongolen. Mit einer Politik des »Sammelns der russischen Erde« gliederten die Moskauer Fürsten durch Eroberung oder freiwillige Unterwerfung sukzessive fast alle ostslawischen Fürstentümer im einstigen Herrschaftsbereich der Rus’ ein. Der demografische, kulturelle, politische und religiöse Schwerpunkt verlagerte sich zunehmend vom Dnipro an die Moskwa. Als Großfürst Iwan IV. sich 1547 durch den Metropoliten zum ersten Zaren (»Caesar«) Russlands krönen ließ, tat er dies in Anlehnung an byzantinische Traditionen. Als er 1584 starb, hinterließ er ein Reich, das sich als multiethnische und multikonfessionelle eurasische Macht vom Weißen Meer im Norden bis zum Kaspischen Meer im Süden erstreckte. Das Land war jedoch aufgrund der tyrannischen Herrschaft Iwans »des Schrecklichen« zerrüttet und verarmt. Die Dynastie der Rjurikiden erlosch mit dem Tod seines kinderlosen Sohnes im Jahr 1598.
Der russische Adel musste der Monarchie eine neue Blutlinie stiften und fand sie in dem jungen Bojaren Michail Romanow. 1613 zum Zaren gewählt, begründete Michail I. das knapp drei Jahrhunderte währende Herrscherhaus der Romanows. Zu einem Land mit imperialem Selbstverständnis avancierte Russland indes erst ein Jahrhundert später unter Peter I. Im Jahr 1721 fand dies seinen symbolischen Ausdruck, als der russische Senat Peter »dem Großen« angesichts seiner militärischen Erfolge im Großen Nordischen Krieg (1700-1721) gegen die Schweden den Monarchentitel »allrussischer Kaiser« verlieh und seinen Staat von einem Reich (zarstvo) in ein Kaiserreich (imperija) aufwertete.
Bei der Konsolidierung des eurasischen Reichs kam der orthodoxen Kirche eine zentrale Rolle zu. Russlands Herrscher inszenierten sich als Vertreter Gottes auf Erden. Der Volksglaube ergänzte diese kirchlich propagierte Idee eines Gottesgnadentums durch die Vorstellung vom guten und gerechten Zaren. Ihren absolutistischen Machtanspruch ließen die Herrscher somit durch ihre eigene Ostkirche legitimieren, hatte das Moskauer Reich doch bereits 1589 mit der Schaffung eines russischen Patriarchates seine kirchenpolitische Selbstständigkeit begründet. Moskau war fortan das politische und spirituelle Zentrum Osteuropas.
Zur Festigung ihrer Macht bedienten sich die russischen Herrscher einer eklektischen Mischung aus den imperialen Traditionen ihrer Vorgänger. Ihre machtpolitische Legitimität leiteten sie von ihren Vorfahren ab, deren Linie sie bis zum »Reichsgründer« Rjurik im 9. Jahrhundert zurückführten. Von den Mongolen erlernten sie das Handwerk der Herrschaft über heterogene Bevölkerungen. Den christlichen Glauben wiederum übernahmen sie von den Byzantinern und fixierten ihn in slawischer Schrift, die die Brüder Kyrill und Method aus dem glagolitischen und griechischen Alphabet in Bulgarien entwickelt hatten. Dieses Amalgam einheimischer Traditionen der Warägerfürsten der Rus’, mongolisch-tatarischer Khane und des gesalbten oströmisch-byzantinischen Basileus sorgte für eine erstaunliche dynastische Kontinuität.10
Für die chinesischen Kaiser stiftete das Himmelsmandat, der älteste und beständigste Teil des kaiserlichen Ideals, göttliche Legitimation. Solange Herrschaft gerecht war, schützte sie der Himmel. Anders als das russische Gottesgnadentum, das auch die als unzureichend empfundene Machtausübung mit höheren Weihen versah, legitimierte das chinesische Himmelsmandat die Ablösung des Monarchen als Beleg dafür, dass er das Mandat verloren hatte. Die chinesischen Herrscherhäuser waren Vertreter verschiedener Glaubensrichtungen, schützten zumeist aber die religiöse Pluralität im Inneren des Reichs. Was China im Wechsel der Dynastien zusammenhielt, war die imperiale Tradition und eine hochentwickelte Staatsbürokratie.
In der Auslegung imperialer Ideologien zeigten die herrschenden Eliten Russlands und Chinas eine bemerkenswerte Flexibilität, ohne sich gänzlich von den Grundlagen ihrer dynastischen Modelle loszusagen. Russlands Zaren inszenierten sich als Hüter der Orthodoxie, scheuten gleichzeitig Kreuzzüge. Chinas Kaiser betrachteten ihre konzentrische, durch Tributrituale stabilisierte Weltordnung als einzige legitime Herrschaftsform. Trotz Überlegenheitsrhetorik waren beide in der Praxis aber wiederholt bereit, Kompromisse in Bezug auf ihre universalistischen Ansprüche einzugehen. Chinesischen Kaisern und russischen Zaren gemein war ihre Autorität als oberste Gesetzgeber, Richter und Exekutivbeamte. Doch ihre vermeintlich absolutistische Macht, mithin die Möglichkeit der herrschaftlichen und administrativen Durchdringung des gesamten Territoriums, blieb zumeist eher Anspruch als Realität und nahm mit zunehmender Entfernung vom Reichszentrum ab. Beide Imperien hatten, in den Worten des Historikers Frederick Cooper, »lange Arme und schwache Finger«.11
Auch bei der imperialen Expansion gab es Parallelen. Russen wie Chinesen kolonisierten überwiegend die kontinentalen Reichsperipherien, statt nach Übersee zu expandieren. Sie bevölkerten die imperialen Ränder in unregelmäßigen Schüben, was zu einer ungleichen Verteilung von Siedlern führte. Die Vielvölkerreiche überlebten auch durch die Inklusion von »Außenseitern«. In Russland war die gängige Form sozialer Integration fremder Eliten die Aufnahme in den Adelsstand, jene Kerninstitution, die durch Heiratspolitik und den zunehmend breiten Dienstadel eng an den Zaren gebunden war. Die politischen und kulturellen Realitäten im Moskauer Reich haben somit wenig mit modernen Vorstellungen von Ethnizität gemein. Die Ausbildung einer kohärenten kulturellen Identität blieb sowohl unter orthodoxen als auch unter nichtchristlichen Untertanen des Zaren bis ins späte frühneuzeitliche Russland rudimentär.12 Bei der Qing-Dynastie, selbst eine Fremdherrschaft, verhielt es sich anders: Sie war abhängig von nach meritokratischen Prinzipen ausgewählten Beamten statt von adligen Grundherren. Die mandschurische Machtelite wahrte zunächst eine gewisse kulturelle Distanz zu ihren chinesischen und mongolischen Untertanen, während sie gleichzeitig an der konfuzianischen Tradition festhielt. Dies eröffnete einen begrenzten Weg zur Mitgliedschaft in der herrschenden Elite.
Die imperialen Zentren beider Reiche integrierten die Eliten an den Rändern zudem durch zivile oder militärische Dienste – etwa indem sie loyale Individuen aus den Grenzgebieten in die Staatsbürokratie beförderten. Die Kosaken des Zarenreichs galten ebenso wie die Bannersoldaten der Qing als die zuverlässigsten Truppen in den kaiserlichen Armeen. Für die Bevölkerungsmehrheiten der imperialen Ränder änderte sich aber vorerst wenig, da die Metropole nur geringen Einfluss auf ihre Lebenswirklichkeit hatte. Wie anderen beständigen Imperien gelang es russischen wie chinesischen Herrschern, eine multiethnische Bevölkerung unter ihrer Herrschaft zu vereinen, sie in den vermeintlichen Glanz des imperialen Projekts einzubinden, ohne dabei ihre kulturelle Vielfalt vollkommen zu ersticken. Die Anpassung an Unterschiede statt deren Beseitigung war ein Kernelement der beiden Reiche.
Zu Petlins Lebzeiten hatten China und Russland also eine Vielzahl von Elementen imperialer Herrschaft gemein: offene Grenzräume statt klarer Grenzen, ein vom Zentrum zu den Reichsrändern verlaufendes Integrationsgefälle, transzendente Herrschaftslegitimation verbunden mit einer imperialen Mission, Territorialexpansion durch Binnenkolonisation, multiethnische Bevölkerungen und kooptierte Eliten.13
Trotz dieser strukturellen Gemeinsamkeiten des russischen und sino-mandschurischen Kaisertums blieben Russland und China Fremde. Zu unüberwindbar weit war die Distanz in Diplomatie und Geografie. Die vorsichtige Politik des Moskauer Hofs, infolge des Scheiterns der Mission Iwan Petlins von 1618 keinen weiteren Austausch mit China zu initiieren, hielt Russland über drei Jahrzehnte aufrecht. Selbst danach blieben die Kontakte äußerst sporadisch und von Zufällen gezeichnet. Fjodor Baikow, ein Bojarensohn aus Tobolsk, startete 1653 einen neuen Anlauf, um zu Peking als erster vom Zaren bevollmächtigter Gesandter diplomatische und wirtschaftliche Kontakte zu knüpfen. Das China, in das die neue russische Mission aufbrach, unterschied sich dabei deutlich von dem durch die Mandschuren zunehmend in die Defensive getriebenen China der späten Ming-Zeit, in das Petlin 1618 gereist war. Baikow kam 1656 in ein Land, das von der selbstbewussten neuen Qing-Dynastie regiert wurde.
Der russische Gesandte hatte einen Händler aus Zentralasien vorausgeschickt, um seine Ankunft anzukündigen. Als diese Vorhut mit einer Karawane von Handelsgütern in Peking eintraf, hielten die Chinesen ihn für den eigentlichen Botschafter. Und als Baikow im März 1656 nach einer fast zweijährigen Reise Peking erreichte, nahm ihn dort niemand in Empfang. Eine kaiserliche Audienz blieb auch Baikow verwehrt, da er sich weigerte, die protokollarischen Rituale am Qing-Hof auszuführen. Der Himmelskaiser erwartete einen Kotau, die symbolische Unterwerfung durch dreifachen Kopfaufschlag; Moskaus Emissär wollte hingegen als Repräsentant einer gleichberechtigten Macht empfangen werden. Umgeben von einer Entourage, die jeden seiner Schritte nach Moskau melden konnte, wagte Baikow nicht, die Würde seines Souveräns zu gefährden und damit Verfolgung in der Heimat zu riskieren. Baikow verließ unter den eisigen Blicken der Pekinger Bürokraten die chinesische Hauptstadt ohne konkrete Verhandlungsergebnisse.14
Die sino-russischen Beziehungen der Vormoderne folgten somit einer eigenen, beispiellosen Logik. Denn sie fielen aus den etablierten Mustern, in denen beide Reiche ihre Außenkontakte organisiert hatten. Weder handelte es sich um einen Teil des Tributsystems, in dem chinesische Kaiser ihre universale Autorität durch die ritualisierte Gabenannahme von Gesandten fremder Völker demonstrierten, noch fügte es sich in eine Tradition, in der russische Zaren nach alter mongolischer Manier die einheimischen Völker Asiens zur Abgabe von Pelzen – dem »weichen Gold« – als Tributleistung (jasak) zwangen. Vielmehr war es eine Beziehung zweier kulturell völlig fremder Imperien, die der Historiker Peter Perdue einmal treffend als »eine frühe Version des ›Great Game‹«, des britisch-russischen imperialen Wettstreits im Zentralasien des 19. Jahrhunderts, bezeichnet hat.15 Gleichwohl sah sich das Moskauer Reich mit China einem Anderen gegenüber, der Superiorität für sich reklamierte, wie Baikow durch das geforderte Ritual des Kotaus erfahren musste. Doch Russland ließ sich nie in Chinas Tributsystem integrieren.
Die »diplomatische Kultur«, in der sich die formellen Beziehungen zwischen beiden Mächten entwickelten, unterschied sich damit einerseits deutlich von jenem Modus, den China mit dem Kranz seiner Vasallenstaaten pflegte. Andererseits war die Anpassung für das Moskauer Reich vielleicht sogar weitreichender, vergleicht man es mit der Praxis, die es seinerseits bereits mit den europäischen Staaten etabliert hatte. Mit Westeuropa war Russlands Elite über wechselseitige Gesandtschaften und stetigen Informationsfluss verbunden. Die Beziehungen zum Kaiserreich China hingegen ergaben sich aus einer Anzahl von Wandermissionen, wie der Petlins und Baikows, von denen nur Letzterer das Plazet des Zaren hatte. Diese Missionen dauerten mindestens zwei Jahre, oft auch deutlich länger, und scheiterten häufig. Wenn sie ihr Ziel erreichten, glichen sie eher zwischenmenschlichen Begegnungen denn zwischenstaatlichen Verhandlungen. Die Agenden individueller Akteure und ihr persönliches Verhältnis zu ihrem Gegenüber waren oft entscheidender als staatliche Strategien. Die Moskowiter Akteure waren zudem auf sibirische, mongolische und zentralasiatische Mittler angewiesen. Und viele der Karawanendiplomaten, die sich nach Petlin und Baikow auf die beschwerliche Reise machten, waren selbst keine Russen, sondern holsteinische Händler oder moldauische Aristokraten griechischer Abstammung. Ihre Biografien verdeutlichen, welch prominente Rolle Nichtrussen bei der Genese des Russischen Reichs zukam.16
Obwohl der offizielle Teil von Baikows Mission kläglich scheiterte, kehrte er mit einer Fülle von Informationen zurück. Der Zarenstaat hatte den neuen Botschafter neben seiner diplomatischen Mission auch mit einem klaren, aber geheimen Erkundungsauftrag nach Peking entsandt. Die Chinaexpertise Russlands war nach Baikows Rückkehr sehr viel detaillierter als noch zu Zeiten Petlins. In Russland wusste man nun deutlich mehr über Chinas Wirtschaft, Geografie, Außenbeziehungen und die Völker, die im interimperialen Grenzland siedelten, sowie über die Haltung des Qing-Kaisers zum Zaren. China hingegen schickte keine Karawanen nach Russland, das Interesse am nördlichen Nachbarn war weniger ausgeprägt, wenngleich das Geschichtsbild eines ausschließlich nach innen gewandten Ming-China heute überholt ist. Baikows Mission stand am Beginn einer Reihe von Explorationskarawanen, die Russland zunehmend unabhängig von okzidentalem Wissen über China machten. Durch sie stieg Moskau in der Folgezeit zu einem Vermittler zwischen Westeuropa und Ostasien auf.17
Russland war auf dieses Wissen dringend angewiesen. Denn während offizielle Kontakte mit China seit Petlin ausgeblieben waren, hatte das Land seinen Vormarsch nach Osten ungezügelt fortgesetzt. Das Zarenreich war gleichzeitig mit der mandschurischen Expansion nach Innerasien in diese Region vorgedrungen. Es hatte 1637 – ähnlich dem Qing-Amt für »Grenzbarbaren« (lifanyuan) – ein »Kolonialamt für Sibirien« (Sibirskij prikaz) etabliert. Diese Behörde war für die ökonomische Erschließung und diplomatische Aufgaben wie die Baikow-Mission zuständig. Ihre Beamten ermutigten russische Abenteurer, immer weiter nach Nordasien vorzustoßen, was zur Errichtung neuer russischer Festungen entlang ihrer Routen führte. Die Kosaken folgten dabei dem Weg des geringsten Widerstands. Nach Süden und Südosten stießen sie auf die teils erbitterte Gegenwehr der Mongolen und anderer Steppennomaden. Aber in nordöstlicher Richtung trafen die Russen auf wenig Opposition. Binnen zweier Generationen durchquerten Kosaken auf der Jagd nach Pelzen vom Ural-Gebirge aus Sibirien und erreichten 1639 den Pazifik. Nur vier Jahre später stand mit dem Kosaken Wassili Pojarkow der erste Russe am nördlichen Ufer des Amur. Am östlichsten der großen sibirischen Ströme – zudem dem einzigen, der nicht in die Arktis, sondern mit dem Pazifik in ein offenes Meer mündet – stieß Pojarkows Spähtrupp auf mandschurische Grenzwachen der Qing-Dynastie.
Ironischerweise erkannte zunächst keine der beiden Seiten den Zusammenhang zwischen den Begegnungen am Amur und den russischen Bemühungen, durch gelegentliche offizielle Missionen direkte Überlandhandelsbeziehungen mit China einzuleiten. Die Mandschus hielten die Kosaken im Amur-Gebiet, die die einheimischen Völker ebenfalls zu Tributabgaben zwingen wollten, lange Zeit für Angehörige einer Seemacht, obwohl die russischen Gesandten kontinentalen Ursprungs waren. Als der kaiserliche Hof in Peking verstand, dass es sich um ein und dasselbe Volk handelte, wurde offensichtlich, dass sich im Norden des Reichs ein wichtiger, wenn auch noch nicht ebenbürtiger Nachbar ankündigte, dessen Gesandte, wie Petlin, man nicht länger einfach abweisen konnte.
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Trotz ihres diplomatischen Scheiterns legten die Expeditionen von Petlin und Baikow den Grundstein für einen künftigen Austausch. Diese frühen Missionen offenbaren nicht nur Russlands Faszination für Chinas Größe und Reichtum, sondern auch die tiefen kulturellen und politischen Gräben zwischen den beiden Reichen. Während die russischen Gesandten auf der Gleichberechtigung zwischen den Imperien beharrten, kollidierten sie mit Chinas Herrschaftsverständnis, das auf der vermeintlichen eigenen Überlegenheit beruhte. Die Missionen verdeutlichen daher die grundlegenden Unterschiede in den diplomatischen Kulturen und den außenpolitischen Ansätzen, die eine Kontaktaufnahme erschwerten. Dennoch erweiterte Russland dank seiner frühen Expeditionen sein rudimentäres Wissen über das Reich im Süden. China zeigte hingegen kein vergleichbares Interesse am Zarenstaat. So prägten Missverständnisse die Erwartungen an zukünftige Handelsbeziehungen: Russland erhoffte sich Zugang zu Chinas kostbaren Waren, während der kaiserliche Hof in Peking Moskau bestenfalls die Rolle eines tributzahlenden Vasallen zugestand. Somit blieben die sino-russischen Beziehungen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts sporadisch, von Zufällen und den Herausforderungen imperialer Logik geprägt. Dies sollte sich bereits wenige Jahrzehnte später ändern.
Chinesen und Russen verkosten gemeinsam Tee, zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts. In einer russischen Teefabrik in China, wo diese Fotografie entstand, trafen Menschen beider Länder im Alltag aufeinander – aber nicht nur dort: Seit dem späten 17.Jahrhundert war Tee eines der wichtigsten Handelsgüter zwischen China und Russland und damit ein verbindendes Element in einer vergleichsweise stabilen Phase ihrer Beziehungen.
Nertschinsk 1689 – Grenzen setzen
Der symbolische Wendepunkt ihrer Beziehungen, den China und Russland in der ostsibirischen Stadt Nertschinsk besiegelten, bewegte den Hannoveraner Universalgelehrten: »Die Moskowiter hatten ihr Reich ins Unermessliche ausgedehnt […]. Auf diese Weise hatten sie sich den chinesischen Tataren angenähert, so dass jedoch Grenzstreitigkeiten entstanden«, erläuterte Gottfried Wilhelm Leibniz einem europäischen Publikum. Was die Reiche mit Waffen nicht entscheiden konnten, gelang im Sommer 1689 in Verhandlungen in Nertschinsk, unterstrich Leibniz in seiner Schrift Novissima Sinica (Das Neueste über China, 1697): »Es wurde ein fester Friede geschlossen, und wie die Gesandten selbst öffentlich erklärten, wären bei so großen Unterschieden in Sitten und Standpunkten und bei so reichlich spitzfindiger Missgunst zwischen den Völkern alle ohne Abschluss in der Sache auseinandergegangen, wären sie [die Jesuiten] nicht dabei gewesen.«1
Jesuitische Patres in Diensten Pekings vermittelten ein Vertragswerk zwischen Russland und China. Was sie an den Steppenausläufern in lateinische Formeln gossen, belebte Leibniz’ Hoffnungen: Bereits in den 1670er Jahren hatte er den französischen König Ludwig XIV. vom Warenexport nach China über den russischen Landweg zu überzeugen versucht. Jahrzehnte später tat er Gleiches mit Zar Peter I. Mit dem Friedensschluss zwischen Moskau und Peking sah sich der Hannoveraner Gelehrte bestätigt: Zwischen den beiden Weltregionen, die »die größte Verfeinerung und Zier des Menschengeschlechts« darstellten – nämlich »Europa und Tschina«, wie Leibniz seine Leser in der korrekten Aussprache unterwies –, werde Russland eine Brücke schlagen. Doch von Pekinger Patres, mit denen Leibniz in Briefkontakt stand, musste er erfahren, dass der Zar ihnen, wie schon den Engländern im 16. Jahrhundert, die Durchreise durch Russland untersagt hatte. Weiterhin brachte sie nur die gefährliche Schiffspassage an den chinesischen Kaiserhof.
Nicht nur für Leibniz war ein Vertrag zwischen den Reichen eine Sensation. Die Übereinkunft an der Steppengrenze stellte auf mehreren Ebenen einen diplomatischen Durchbruch dar: Sie befriedete das über Jahrzehnte konfliktträchtige Aufeinandertreffen Chinas und Russlands im Amur-Gebiet, indem sie territoriale Einflusssphären definierte. Das anhaltende Unverständnis über die diplomatischen Gepflogenheiten des Gegenübers löste die Nertschinsker Vereinbarung in formalisiertem Austausch auf. Erstmals in seiner Geschichte schloss China einen zwischenstaatlichen Vertrag mit einer anderen Macht – und dies war keine der westeuropäischen Seefahrernationen, sondern das aus der damaligen Perspektive Europas randständige Russische Reich. So nachhaltig der Vertrag von Nertschinsk die Beziehungen zwischen China und Russland prägte, so voraussetzungsvoll war sein Gelingen.
Die episodischen Konfrontationen im dünn und überwiegend nomadisch besiedelten imperialen Zwischenland zeigten beiden Seiten die Notwendigkeit auf, ihre Herrschaft zu territorialisieren. Nur permanente Wehrsiedlungen und nicht mehr periodische Unterwerfungsexpeditionen konnten den eigenen Machtanspruch vor Ort durchsetzen. Mitte des 17. Jahrhunderts schlugen Kosaken im Dienste Moskaus die chinesischen Truppen am Amur, wenig später drängten diese dann wiederum den russischen Einfluss bis nach Nertschinsk zurück. Da die Mandschu den entscheidenden Schritt – die Zerstörung der dortigen Festung – nicht gingen, kamen die Kosaken erneut an den Amur zurück. Die kosakische Präsenz blieb jedoch schwach. In den 1660er Jahren sollen in Nertschinsk, das kaum ein Jahrzehnt zuvor gegründet worden war, nur rund 125 Menschen gelebt haben. In Albasin am Amur, nahe dem Zusammenfluss von Schilka und Argun, hatte 1651 erstmals ein Kosakentrupp unter Jerofei Chabarow die befestigte Siedlung eines daurischen Fürsten besetzt. Als Albasin 1671 zum russischen Grenzposten erhoben wurde, lebten dort knapp 300 Kosaken und russische Abenteurer. Das russische Vordringen in das unwirtliche Land am Amur bedrohte China deshalb eher auf einer anderen Ebene: Es stellte das lokale qing-kaiserliche Tributsystem infrage. Denn fortan konnten die einheimischen Stämme abwägen, unter wessen Schutz sie sich stellten. Russland war billiger.2
Wirtschaftliche Nöte zwangen Russland in den 1670er Jahren, erneut Kontakt mit China zu suchen. Nach der Niederschlagung eines Kosakenaufstandes gegen den Zaren Alexei I. im Jahr 1671 und dem einbrechenden Handel mit Westeuropa infolge mehrerer Kriege zwischen England und den Niederlanden war die Staatskasse leer. 1674 entsandte Russland deshalb Nikolai Spafari (Nicolae Milescu) auf Mission nach Peking. Spafari, ein griechisch-moldauischer Aristokratensohn, war ein versierter Diplomat. Als Sekretär des Moldauer Prinzen war er zu Friedrich Wilhelm (von Brandenburg) nach Potsdam und zu Ludwig XIV. nach Paris gereist. Als er den regierenden Prinzen zu stürzen versuchte, ließ ihm dieser zum Ausweis seines Verrats nach byzantinischer Tradition die Nase verstümmeln. Nach seiner Flucht reüssierte der sprachgewandte Spafari schnell am Moskauer Hof, der den Grenzgänger nicht zuletzt wegen seiner Erfahrungen auf dem diplomatischen Parkett Europas nach Peking entsandte – eine fatale Entscheidung. Noch im Jahr 1712 mahnte Kaiser Kangxi seine Nachbarn im Norden, ihm vernünftige Emissäre und niemanden mehr vom Schlage Spafaris zu schicken. Chinas längstregierender Kaiser hatte das Jahrzehnte zurückliegende Auftreten des russischen Gesandten in Peking nicht vergessen.3
Spafaris Mission zielte darauf ab, die Grundlage für den Handel zwischen Russland und China – Felle für Seide – zu legen. Pekings Interesse hingegen war die Befriedung der Konflikte im Grenzgebiet. Doch die Vertreter beider Seiten scheiterten bereits an den Modalitäten des diplomatischen Austausches, noch bevor sie über Inhalte sprechen konnten. Nach einjähriger Überlandreise traf Spafari im Januar 1676 an der russisch-chinesischen Grenze ein, wo er von Mala, Pekings Chefdiplomaten für die »Barbaren«, empfangen wurde. 50Tage lang verhandelten sie Fragen diplomatischer Etikette, ohne Erfolg. Aus Gründen ritueller Symbolik lehnten beide Repräsentanten ab, den anderen in dessen Unterkunft aufzusuchen. Immerhin erzielten sie einen Kompromiss: Die beiden trafen sich in einem improvisierten Zelt auf freiem Feld. Doch in dem grundsätzlichen Konflikt, welche Verfahren den Austausch leiten sollten, konnte es keine Zwischenposition geben. Ohne Lösung reisten die Delegationen nach Peking, wo der Streit um die Rituale eskalierte.4
Spafari pochte auf den »in allen anderen Ländern etablierten Brauch«, das Gesandtschaftsschreiben des Zaren dem Kaiser persönlich zu übergeben. Der Mandschu Mala bestand vor den Augen han-chinesischer Beamter auf der althergebrachten Konvention, dem Kaiser Schriftstücke erst nach Prüfung durch den Hof vorzulegen. Auch das zarische Schreiben offenbarte die Unkenntnis über die andere Seite: Zwar erklärte der Zar, er wolle dem »geliebtesten Nachbarn« mit »Freundschaft und Liebe« begegnen. Gleichzeitig musste er den »Bogdykhan« (»heiligen Herrscher«), wie er den Kaiser Chinas nannte, bitten, seine Herrschertitel darzulegen, damit er ihn in Zukunft korrekt ansprechen könne. Der Zar ließ dem Kaiserhof eine Liste seiner Ehrentitel, die bis dahin unübersetzbaren Briefe des Himmelssohnes, einen Forderungskatalog für die Etablierung von Beziehungen sowie als Präsente Zobelfelle, Stoffe und Bernstein aushändigen.5
Noch in Peking versuchte Spafari, seine Interpretation europäischer Diplomatie durchzusetzen, bis die kaiserlichen Beamten drohten, eine Audienz auszuschlagen. Spafari willigte schließlich ein, die Ehrerbietungsrituale zu erbringen. Den dreifachen Kotau führte er zur Irritation der Beamten jedoch hastig und unwirsch aus. Seinem Ansinnen, als Vertreter einer ebenbürtigen Macht behandelt zu werden, half es wenig, dass Spafari reklamierte, der russische Zar sei dem Herrscher Chinas überlegen. Nach Wochen des Wartens erklärte ihm ein kaiserlicher Sekretär, Kangxi werde den zarischen Brief nicht beantworten und erst dann Beziehungen aufnehmen, wenn Russland Überläufer ausliefern, Frieden im Grenzland herstellen und einen anderen Botschafter senden werde. Innerhalb weniger Tage verjagte man den zwischenzeitlich unter Hausarrest gestellten Spafari. Das Scheitern seiner Mission hatte jedoch einen positiven Nebeneffekt: Moskau gelang es, weiteres Wissen über China zu sammeln, detaillierter als zu Petlins und Baikows Zeiten – nicht zuletzt über die chinesischen Verfahren der Diplomatie. Denn während Russland zu seinem Nachbarn im Osten nicht durchdrang, begann es seine Beziehungen zu westeuropäischen Mächten zu formalisieren. Seit den 1670er Jahren hatten Dänemark, Preußen und die Niederlande ständige Repräsentationen in Moskau, das selbst aber noch keine dauerhaften Auslandsvertretungen unterhielt.6
In den Folgejahren verschärfte sich der Konflikt zwischen China und Russland am Amur, der bald zu einem zentralen Schauplatz des sino-russischen Aufeinandertreffens wurde. Die Transformation des interimperialen Zwischenlands von einer Frontier, mithin einer offenen Grenzzone, zu einem klar definierten Grenzland war ein langer Prozess. Zunächst schütter besiedelt und abseits der politischen Machtzentren gelegen, war das Gebiet durch Konflikte und Kooperation zwischen den dort lebenden Gesellschaften einerseits und den expandierenden imperialen Mächten andererseits geprägt. Historisch dominierten hier die Steppennomaden und tungusischsprachigen Jäger, Sammler und Fischer. Doch allmählich verloren diese ihre politische und wirtschaftliche Autonomie, als die imperialen Metropolen die vormals lose gesicherte Frontier in eine Siedlungsgrenze verwandelten. Dieser Prozess, von einer in China als »Barbarengrenze« titulierten Zone hin zu einem erschlossenen Gebiet, vollzog sich erst im Laufe des 20. Jahrhunderts. Kosaken und mandschurische Bannersoldaten, die seit dem 17. Jahrhundert als Grenzwächter fungierten, wurden erst dann in die regulären Armeen beider Staaten integriert.7
Innenpolitisch hatten sich die Voraussetzungen der zwei Reiche im späten 17. Jahrhundert verändert. Während sich in Russland die minderjährigen Zarenbrüder Iwan IV. und Peter I. den Thron teilten, agierte Kaiser Kangxi nach der Niederschlagung ming-loyaler Aufstände in Südchina zunehmend aus einer Position der Stärke. In den Norden seines Reichs befahl er Einschüchterungsexpeditionen, die die Kosaken zur Aufgabe ihrer Festung in Albasin bewegen sollten. Als die Zerstörung umliegender Getreidefelder keine Wirkung zeigte, griffen Qing-Truppen im Sommer 1685 Albasin an, schliffen das russische Grenzfort, ließen die Kosaken aber nach Nertschinsk abziehen. Der Eigensinn lokaler Akteure auf beiden Seiten untergrub die Ansinnen der Herrscher: Bereits im Folgejahr kamen die Kosaken auf Geheiß des Provinzwojewoden zurück, um die Getreideernte einzufahren – deren Zerstörung Kangxi zwar befohlen hatte, die vor Ort aber nie vollzogen wurde – und die Festungssiedlung wiederaufzubauen. Sie taten dies, obwohl der Zarenhof bereits eine Friedensmission nach Peking entsandt hatte, um die Aufgabe seiner Ansprüche auf das Amur-Land kundzutun. Wieder schickte Kangxi eine Strafexpedition, die Albasin monatelang belagerte und aushungerte. Erst nach dem Eintreffen russischer Boten rief der chinesische Kaiser seine Truppen zurück.8
Irritiert übermittelte er den Zarenbrüdern ein Schreiben in der Annahme, sie wissen wohl nicht, was an ihrer Grenze vor sich gehe. Enttäuscht fügte Kangxi hinzu, die russischen Botschafter würden zwar von »immerwährendem Frieden« sprechen, Russland unternehme dafür aber nichts: Es komme den chinesischen Forderungen nicht nach, antworte nicht auf Briefe, schicke keine Gesandten mehr. Doch mittlerweile war dem Kaiser Chinas klar, dass es ohne eine Übereinkunft mit dem fernen Nachbarn keinen Frieden im Amur-Land geben konnte: »Unsere Grenzen wandern mit jenen Russlands«, schrieb er dem Zarenhof.9
In Moskau war die Herrschaft fragil geblieben. Erst im Sommer 1689 entschied ein missglücktes Komplott den Machtkampf im Kreml. Sofia hatte, nachdem zwei Zaren in rascher Folge verstorben waren, seit 1682 für Iwan und Peter, ihren nichtregierungsfähigen Bruder und den nichtvolljährigen Halbbruder, die Regierungsgeschäfte geführt. Peter schritt der Volljährigkeit entgegen und wurde für die Regentin zur Gefahr. Im August und September 1689 kam es zum offenen Machtkampf: Peter flüchtete aufgrund von Gerüchten eines vermeintlich bevorstehenden Attentats durch Sofias Anhänger, scharte seine Gefolgsleute außerhalb Moskaus um sich und ließ seine Halbschwester schließlich in ein Kloster einweisen. Als wenige Jahre später der kränkliche Iwan IV. verstarb, war Peter I. Alleinherrscher des Russischen Reichs. Gemeinhin gilt seine Politik als Europa zugewandt, dem er mit der neuen Hauptstadt St. Petersburg ein Symbol der Annäherung setzte. Indes stieß Peter I. auch »Fenster nach Asien« auf, wie es der Historiker Andreas Renner formuliert. Denn seine Regentschaft (formal 1682-1725) durchzog das Streben, Russlands imperiale Macht auch in Asien auszuweiten.10
Die Grundlage dafür hatten andere gelegt. Während Peter I. Ende August 1689 um die Macht im Kreml kämpfte, schlossen 5000 Kilometer ostwärts Russland und China den Vertrag von Nertschinsk: Als Moskaus Repräsentant die Vereinbarung am 27. August unterzeichnete, war die Machtfrage im Kreml noch nicht entschieden – erst anderthalb Wochen später setzte sich Peter I. durch. In einer Zeit, in der derlei Distanzen für Menschen wie Nachrichten unendlich erschienen, war außenpolitisches Handeln mitunter alles andere als ein Spiegelbild der Innenpolitik.
Für die auf Spafari folgende Chinamission hatte Moskau aus seinen Fehlern gelernt. Statt eines auf dem europäischen Parkett versierten Diplomaten entsandte der Zarenhof im Januar 1686 Fjodor Golowin, den 35-jährigen Sohn eines westsibirischen Provinz-Heerführers. Statt auf Handel zielte dessen Mandat auf die Festsetzung der Grenze. Und statt die Verhandlungspartner am Pekinger Kaiserhof aufzusuchen, unterbreitete man ein Treffen am Steppenrand, jedoch in einer russischen Stadt. Ein Zusammenkommen in Selenginsk 1688 vereitelten Mongolenaufstände, die die chinesische Delegation an der Reise hinderten.
Im Sommer des Folgejahres versammelte Golowin, der zehn Jahre später zu Russlands Chefdiplomaten und Peters I. engem Vertrauten aufsteigen sollte, seinen Tross mit dem polnischen Latein-Übersetzer Andrzej Białobocki und rund 3000
