Steppengras und Stacheldraht - Sören Urbansky - E-Book

Steppengras und Stacheldraht E-Book

Sören Urbansky

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Beschreibung

Die chinesisch-russische Grenze war einst die längste Landgrenze der Welt. Während sie im 17. Jahrhundert vage markiert durch die Steppe verlief, entwickelte sie sich im 20. Jahrhundert zu einer streng patrouillierten Barriere mit Wachtürmen und Stacheldraht. Sie scheidet zwei Staaten, denen heute große Aufmerksamkeit zukommt, die Grenze jedoch hat in der Geschichte der Imperien bisher wenig Beachtung gefunden. Der Historiker Sören Urbansky erzählt die Geschichte ihres Verlaufs und stellt dabei die Lebenswelten der Grenzbewohner und die globalen Verstrickungen in den Mittelpunkt. Seine Protagonisten sind Eisenbahnangestellte, Hirten, Schmuggler und Partisanen. Da die Welten der dort lebenden Menschen eng miteinander verwoben sind, blieben nationale Trennungen weitgehend unsichtbar. Das änderte sich erst, als das Konzept »Grenze« im 20. Jahrhundert an geopolitischer Bedeutung gewann. Anhand einer Fülle von unbekannten Quellen zeigt Urbansky, wie es den Staaten gelang, traditionelle Grenzlandkulturen zu unterdrücken, indem sie verwandtschaftliche, kulturelle, wirtschaftliche und religiöse Verbindungen durch Gesetze, physische Gewalt, Deportation, Zwangsassimilation und Propaganda kappten. So erweitert dieses Buch unser Verständnis davon, wie Grenzen festgelegt werden und welche Konsequenzen das zeitigt – nicht zuletzt für die dort lebenden Menschen.

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Seitenzahl: 686

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sören Urbansky

STEPPENGRAS UND STACHELDRAHT

Eine Geschichte der chinesisch-russischen Grenze

Aus dem Englischen von Daniel Fastner

Hamburger Edition

Für 静茹

Die Übersetzung wurde von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius gefördert.

Hamburger Edition HIS Verlagsges. mbH

Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung

Mittelweg 36

20148 Hamburg

www.hamburger-edition.de

© der E-Book-Ausgabe 2023 by Hamburger Edition

ISBN 978-3-86854-499-2

© der deutschen Ausgabe 2023 by Hamburger Edition

ISBN 978-3-86854-379-7

© der Originalausgabe 2020 by Princeton University Press

Titel der Originalausgabe: »Beyond the Steppe Frontier. A History of the Sino-Russian Border«

Umschlaggestaltung: Lisa Neuhalfen, Berlin

Umschlagabbildung: Ausschnitt des Umschlags von Nikolaj K. Kostarews Broschüre Graniza na samke

Inhalt

Danksagung

Anmerkungen zu Übersetzung, Umschrift und Datumsangaben

Einleitung

1 Kosaken und Bannerleute im Argun-Grenzland

2 Eisenbahnen, Bakterien und Gold

3 Revolutionen ohne Grenzen

4 Der sowjetische Staat an der Grenze

5 Offene Steppe unter Verschluss

6 Freundschaftsinszenierung am Stacheldrahtzaun

7 Unsichtbare Feinde über den gefrorenen Fluss

8 Wassermelonen und verlassene Wachtürme

Fazit

Quellenverzeichnis

Sekundärliteratur

Abbildungsnachweise

Zum Autor

Danksagung

Kindheitserinnerungen an das Leben am Eisernen Vorhang haben meine Neugier am Thema geweckt, eine lange Bahnfahrt von Berlin nach Peking im Sommer 2002 gab schließlich den Anstoß: Als ich in Sabajkalsk, im letzten russischen Bahnhof vor der chinesischen Grenze, aus dem Zug stieg, wusste ich plötzlich, dass ich zu diesem staubbedeckten Vorposten forschen wollte. Das vorliegende Buch ist also über viele Jahre entstanden und gereift. Und viele Menschen haben mich auf diesem Weg mit Rat und Tat unterstützt.

Mein größter Dank gebührt meinen beiden wissenschaftlichen Mentoren. Unschätzbar war die intellektuelle Orientierung und Unterstützung durch Jürgen Osterhammel in Konstanz, er hat mir geholfen, über den eurasischen Horizont hinauszudenken. Karl Schlögel, Lehrer und Inspiration seit meiner Zeit als Student in Frankfurt an der Oder, hat mich gelehrt, immer die Neugier für die Details zu bewahren und darüber nachzudenken, wie sie mit dem großen Ganzen zusammenhängen. Sehr dankbar bin ich zudem vier weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die mich mit Ratschlägen, Ermutigung und stets auch persönlich unterstützt haben. Sabine Dabringhaus hat mir früh auf meinem Weg eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter in chinesischer Geschichte an der Universität Freiburg angeboten und mir dennoch alle Freiheiten gelassen, mich auf Feldforschung oder die Bibliothek zu konzentrieren. Frank Grüner hat viele der Ideen in diesem Buch inspiriert, und ich verdanke viel unserem Charbinskij kruschok in Heidelberg. Andreas Renner gab mir eine Assistentenstelle für russische Geschichte an der Ludwig-Maximilian-Universität München und damit die Gelegenheit, zu meinen slawischen Wurzeln zurückzukehren und über die nächsten Schritte nachzudenken. Nicht zuletzt Caroline Humphreys umfangreiches Wissen über die Region und ihre anthropologische Perspektive auf das Thema haben mir ermöglicht, das Projekt an der University of Cambridge neu zu durchdenken und in Form eines Buches abzuschließen.

Sehr dankbar bin ich Michael Abeßer, Lisa Furchtgott, Ashley Gonik, Willard Sunderland, meinem Bruder Henrik und den anonymen Prüfer:innen des Manuskripts für ihre genaue und sorgfältige Lektüre in seinen unterschiedlichen Entstehungsphasen und für ihre kritischen Kommentare und Anregungen. Bedanken möchte ich mich auch bei einer Reihe von Freund:innen und Kolleg:innen, die mich mit wertvollen Einsichten und Ratschlägen oder auf andere wichtige Weise unterstützt haben: Felix Ackermann, Nadine Amsler, Jörg Baberowski, Olga Bakich, Frank Billé, Sebastian Conrad, Viktor I. Diatlov, Elisabeth Engel, Victoria Frede, Arunabh Ghosh, Jörn Happel, Susanne Hohler, Mikko Huotari, Akihiro Iwashita, Jan C. Jansen, Robert Kindler, Thomas Lahusen, David Lazar, Heinz-Dietrich Löwe, Lorenz Lüthi, Silke Martini, Norihiro Naganawa, Julia Obertreis, Sergey Radchenko, Anne Clara Schenderlein, Wang Shuo, Mirjam Sprau, Richard Wetzell, David Wolff und Ross Yelsey. Über die Jahre führte mich die Forschung in drei Dutzend Archive und Bibliotheken in sieben Ländern. Die Mitarbeiter:innen dieser Einrichtungen haben mir die Arbeit ungemein erleichtert. Herzlichen Dank möchte ich meinen Kolleg:innen und Freund:innen in China und Russland aussprechen. Sie haben ihr Wissen und ihre Perspektive mit mir geteilt, gaben mir Zugang zu ihren Netzwerken und schenkten mir ihre Zeit, was meine Feldforschung nicht nur interessant, sondern auch unterhaltsam machte. Insbesondere gilt mein aufrichtiger Dank Elena E. Aurilene, Natalja A. Beljajewa, Chen Kaike, Wladimir G. Dazyschen, Jewgenij W. Dobrotuschenko, Andrej W. Doronin, Tatjana P. Filobok, Aleksandr W. Frolow, Huang Dingtian, Ljubow A. Kuwardina, Aleksandr G. Larin, Wiktor L. Larin, Li Tielun, Aleksandr W. Popenko, Shen Zhihua, Iwan W. Stawrow, Su Fenglin (†), Aleksandr P. Tarasow, Anatolij W. Tauchelow, Wu Tieying, Xu Zhanxin, Yang Cheng, Olga W. Salesskaja sowie Igor G. Balaschow, einem Einwohner Sabajkalsks, der mich auf einen Spaziergang über ein wenige Jahre zuvor erst geräumtes Minenfeld nahe der Grenze mitnahm.

Ich hatte das Glück, Teile dieser Arbeit bei verschiedenen Kolloquien, Seminaren und Konferenzen präsentierten zu dürfen: in Heidelberg, Freiburg, Wladiwostok, Harbin, Bielefeld, Stockholm, München, Kolkata, Marburg, Leipzig, Tübingen, Sapporo, Bremen, Peking, Basel, Washington, D.C., Berlin, New Orleans, Konstanz, Cambridge, Vilnius, Hamburg, Frankfurt an der Oder, Seoul, New Haven, Schanghai, Krasnojarsk und Oxford, und nicht zu vergessen ein Zugabteil der Transsibirischen Eisenbahn nahe Jerofei Pawlowitsch. Von all den Diskussionen habe ich enorm profitiert, sie haben meine Ideen mitgeprägt. Es versteht sich von selbst, dass die Verantwortung für die verbleibenden Unzulänglichkeiten der folgenden Seiten ganz bei mir liegt.

Die Arbeit an diesem Buch wurde freundlich unterstützt von der Studienstiftung des deutschen Volkes, dem DAAD, dem Deutschen Historischen Institut in Moskau, dem Exzellenzcluster »Asien und Europa« an der Universität Heidelberg sowie dem Economic and Social Research Council des Vereinten Königreichs. Ich bin diesen Institutionen zutiefst dankbar für die großzügige Förderung meiner Forschung.

Es war mir eine große Freude, mit der leitenden Lektorin Brigitta van Rheinberg von Princeton University Press zusammenzuarbeiten. Ihr Enthusiasmus und ihre Unterstützung haben dieses Buch möglich gemacht. Ich möchte auch Eric Crahan, Thalia Leaf, Amanda Peery, Karen Carter und Merli Guerra für ihre Arbeit danken, durch die mein Manuskript erst ein Buch wurde, sowie Joseph Dahm für sein ausgezeichnetes Lektorat. Schließlich möchte ich noch David Cox für die Erstellung der Karten, Layla Mac Rory für die Covergestaltung und Max Brunner und Emily Woessner für die Erstellung des Registers danken.

Ich freue mich, dass dieses Buch jetzt auch auf Deutsch erscheint. Für die gewissenhafte wie präzise Übersetzung in meine Muttersprache danke ich Daniel Fastner. Isabell Trommer danke ich für die Aufnahme ins Verlagsprogramm der Hamburger Edition und Sabine Lammers für die exzellente Betreuung. Elsbeth Müller bin ich für das Korrektorat und Lisa Neuhalfen für die Gestaltung des Titels dankbar. Martin Wagner hatte die schöne Titelidee. Und ohne eine großzügige Förderung der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius hätte das Buch nicht auf Deutsch erscheinen können.

Persönlich schulde ich am meisten meiner Familie. Meine Eltern Wolfgang und Sonja waren immer stolz auf mich und meine Forschung, wenngleich sie wenig über jenen fernen Winkel der Erde wissen. Mein Dank geht gleichermaßen an meine Schwiegereltern Hailang und Cuixia dafür, dass sie mich als einen der ihren aufgenommen haben. Meine tiefste Dankbarkeit gilt meiner Frau, Jingru, die aus nicht allzu weiter Ferne dieses Grenzgebietes stammt und für dieses Unterfangen zentraler war, als sie jemals erahnen kann. Unsere zwei Großen, Alma und Golo, die während der Arbeit an dem Buch auf die Welt kamen, haben die größte Freude in mein Leben gebracht. Unsere Kleine, Nele, hat meine Durchsicht der Übersetzung mit einem kritischen Blick aus der Wiege goutiert. Ohne sie drei und ihre Mutter wäre alles nichts.

Berkeley, im Juli 2023

Sören Urbansky

Anmerkungen zu Übersetzung, Umschrift und Datumsangaben

Angaben nach dem russischen, chinesischen und japanischen Kalender wurden in das gregorianische Kalendersystem übertragen. Gängige Eigennamen, Ortsnamen und Begriffe sind in der üblichen westlichen Schreibweise wiedergegeben. Bei Orten, die in der Vergangenheit unterschiedlichen Nationen angehörten, findet der aktuelle Name Verwendung; bei Flüssen, die zu China und Russland gehören und daher zwei Namen tragen, habe ich mich für den russischen entschieden. Wenn in russischen Quellen auf chinesische Begriffe Bezug genommen wird, ist oft der Originalausdruck schwer zu identifizieren. Wo mir dies nicht möglich war, habe ich die Transkription des russischen Begriffs verwendet. Übersetzungen, wenn nicht anderweitig gekennzeichnet, stammen von mir.

Abb. 0.1

Inner- und Nordostasien mit den aktuellen zwischenstaatlichen Grenzen

* Anmerkung des Übersetzers: Die Umschrift russischer Namen und Bezeichnungen im Text der deutschen Ausgabe orientiert sich an der Transkription des Duden. In der Bibliografie und bei Literaturangaben ist jedoch die im englischen Original verwendete Transkription beibehalten worden. Im Fließtext wurde der deutschen Transkription dort, wo es notwendig erschien, die englische wegen der Verweise auf Fußnoten bzw. das Literaturverzeichnis in Klammern hintangefügt.

Einleitung

Flüsse sind, selbst wenn Staatsgrenzen durch sie verlaufen, oft stärker verbindend als trennend. Der Argun an der Grenze zwischen Russland und China bildete lange Zeit keine Ausnahme. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein überschritten Nomadenvölker den Fluss in beide Richtungen, um ihre Tiere in den Sommer- und Winterquartieren der hügeligen Steppenlandschaft weiden zu lassen. Auch die sesshaften Völker des Grenzlands verband der Fluss, da er Siedler, ungeachtet ihrer Nationalität, an beiden Ufern Platz zum Leben bot. Kosaken am Argun kamen auf chinesisches Territorium, um dort zu jagen oder von Mongolen Land zur Heugewinnung zu pachten. Andere feilschten in den Buden chinesischer Kleinhändler. Chinesische Migranten aus den Provinzen südlich der Großen Mauer arbeiteten an beiden Flussufern als Jäger und Goldschürfer. Viele sprachen fließend Russisch und kleideten sich russisch in kurze schwarze Fellmäntel und Mützen mit Ohrklappen. Manche siedelten sich in russischen Dörfern an, ließen sich taufen und heirateten russische Frauen. Auch diejenigen, die nicht durch Heirat oder Religion assimiliert waren, kamen in Kontakt mit den Menschen von der anderen Flussseite, wobei sie sich zur Kommunikation oft Pidgin-Sprachen bedienten.

Diese Überlappung und Vermischung unterschiedlicher nomadischer und sesshafter Kulturen und der europäischen und asiatischen Zivilisationen entlang des Argun kam erst zu einem Ende, als die Grenze im späten 19. Jahrhundert an geopolitischer Bedeutung gewann. In den folgenden Jahrzehnten prallten die imperialen Interessen Russlands und später der Sowjetunion mit denen des Qing-Reichs (später der chinesischen Republik) und Japans aufeinander. Noch später zelebrierten die zwei Leviathane des Kommunismus zuerst ihre Freundschaft und inszenierten dann ihre Feindschaft. Von diesem Wendepunkt an strebten beide Machtzentren danach, ihre nationalen Grenzen abzuriegeln. Im Verlauf dieses längeren Prozesses kamen die grenzüberschreitenden Beziehungen diverser Völker zum Erliegen. In weniger als einem Jahrhundert gelang es diesen Staaten, die traditionellen Grenzlandkulturen weitgehend zu unterdrücken, indem sie über Grenzen hinweg bestehende Verwandtschafts- und Freundschaftsnetzwerke blockierten und die grenzüberschreitende Landnutzung und Wirtschaftsaktivität mittels Gesetzen, Gewalt, Deportation, Umerziehung und Propaganda unterbanden. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion öffneten China und Russland wieder ihre gemeinsame Grenze.

Die schwankende Permeabilität der russisch-chinesischen Grenze – durchlässig, undurchlässig, durchlässig – widerspricht teleologischen Annahmen über eine unumkehrbare Entwicklung der Grenzen von vage definierten Zonen hin zu klaren Demarkationslinien. Dennoch ist in diesem Fall das Bild einer gemeinsamen zweckmäßigen Trennlinie noch nicht völlig überholt. Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Zerfall der Sowjetunion erinnern Überbleibsel wie verlassene Wachtürme und verrostete Stacheldrahtzäune Besucherinnen daran, dass die Militärmacht dieser Staaten einst ungeheure physische Präsenz in den Grenzgebieten entfaltete. Trotz zunehmender grenzüberschreitender Verflechtung beider Seiten durch Handel, Tourismus und sich überlappende russische und chinesische Mobilfunknetze gehört die Grenze auch heute nicht vollständig der Vergangenheit an. Der Argun trennt zwei klar unterschiedene Regionen zu beiden Ufern – eine in Russland, die andere in China. Im russischen Grenzland leben mehrheitlich Russen: Sie sprechen Russisch, leben in Häusern im sowjetischen oder altrussischen Stil, schauen die Nachrichtensendung Wremja und kleiden sich wie Menschen in anderen ländlichen Gebieten Russlands. Auf der chinesischen Seite der Grenze weisen die Pässe die meisten Ortsansässigen als Han-Chinesen aus. Am rechten Ufer spricht man Mandarin, schaut am Abend die in Peking-Zeit ausgestrahlten Xinwen Lianbo und trägt chinesische Mode. Doch über Phänotyp, Sprache und Kultur hinaus markiert die Grenze noch zahlreiche weitere Differenzen. Obwohl für diese Grenzregion keine Ernährungsstatistiken vorliegen, darf sicher angenommen werden, dass die Vorlieben für Kartoffeln und Reis mit hoher Wahrscheinlichkeit auch an der roten Linie auf der Karte auseinandergehen. Die bestehenden Unterschiede weisen auf tief verankerte Strukturen hin, die die Kultur und Sprache der heutigen Grenzbevölkerung bestimmen. Aktuell stimmt die chinesisch-russische Staatsgrenze mit den kulturellen und sprachlichen Begrenzungen überein. Doch wie ist die rote Linie überhaupt zu dieser klaren Trennlinie geworden? Und wie konnte eine derart willkürliche Teilung fast jeden Lebensbereich der typischen Grenzbewohner durchdringen?

Auf der Suche nach Antworten folgt dieses Buch der Verwandlung der chinesisch-russischen Grenze aus einem offenen interimperialen Grenzland in eine Trennlinie zwischen Grenzgebieten im modernen Sinne – das heißt in eine Landschaft, die durchzogen ist von sich überlagernden Linien ökonomischer, politischer, sozialer, kultureller, ethnischer und psychologischer Differenzen. Die Entwicklung der Grenze zwischen den beiden größten eurasischen Reichen zog einen allmählichen Vermittlungsprozess nach sich: zwischen unterschiedlichen Gruppen der lokalen Grenzgesellschaft, zwischen verschiedenen politischen Kräften, die Souveränität über die Grenze und angrenzenden Gebiete beanspruchten, sowie zwischen den Metropolen der politischen Macht und der Grenzlandbevölkerung in der Peripherie. Die hier vertretene Hauptthese ist, dass sowohl die Bevölkerung als auch die Staaten für die Ausformung der chinesisch-russischen Grenze prägend waren. Ihre Entstehung beruhte auf einem Komplex sukzessiver und doch oft sich überlappender und miteinander verzahnter politischer Maßnahmen. Das Ziel dieser Programme war es letztendlich, Ambivalenzen zu beseitigen und die Kontrolle der Metropole über die Peripherie ganz bis zur Staatsgrenze (und oft darüber hinaus) auszudehnen. Doch auch die heterogene Bevölkerung vor Ort spielte eine wichtige Rolle dabei, den Aufbau der Grenze teils zu unterstützen, teils zu unterminieren. Das vorliegende Buch untersucht, wie Zentralbehörden versuchten, Kontrolle über die Staatsgrenze, die Grenzzone und das Grenzgebiet zu gewinnen, und wie die lokale Bevölkerung diese Bemühungen zu hintertreiben versuchte, manchmal aber auch selbst im Sinne der Staatsmacht agierte oder von ihr drangsaliert wurde. Auf diesem Wege – und durch Verbindung einer Geschichtsschreibung von oben mit einer von unten – geht dieses Buch den politischen Maßnahmen der Metropolen nach und zeigt die Flexibilität der Strategien und Praktiken, die gewöhnliche Menschen einsetzten, um mit den Wandlungen der Grenze zurechtzukommen.

Reiche und Völker, Grenzland und Grenzgebiete

Zu dem vielschichtigen Aushandlungsprozess der chinesisch-russischen Grenze vor Ort besteht nach wie vor eine Forschungslücke. Dieses Versäumnis ist umso eklatanter angesichts der geopolitischen Bedeutung dieser Trennlinie und ihrer zentralen Rolle in der Weltgeschichte, ihres einzigartigen und radikalen Wandels im Laufe der Zeit und des wachsenden akademischen Interesses an Grenzen im Allgemeinen. Wenn diese Grenzregion im Fokus der Forschung stand, wurde sie in einer vertikalen, zentristischen Makroperspektive analysiert, wie sie die konventionelle Diplomatie-, Wirtschafts- oder Militärgeschichte liefert, aus deren Sicht Macht, unbeeinflusst von Wechselbeziehungen an der Grenze selbst, immer von den Metropolen in die Peripherie hineinwirkt.1

Dieses Buch bietet daher einen radikal neuen Blickwinkel: Indem es das Leben der Bevölkerung auf beiden Seiten eines eng umschriebenen Gebiets in den Mittelpunkt stellt, zeigt es die Entstehung und Veränderung dieser ausgedehnten eurasischen Landgrenze in der longue durée. Es setzt im 17. Jahrhundert ein, als beide Reiche begannen, ihre gemeinsame Grenze zu bestimmen, und folgt deren Geschichte bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1991, als sie schlussendlich wieder geöffnet wurde. Über diese lange Zeitspanne, besonders aber im Laufe des vergangenen Jahrhunderts, folgten einander in schneller Abfolge zahlreiche neue Grenzregime, die jeweils tiefgreifende Auswirkungen auf die Bewohner der gesamten Grenzwelt mit sich brachten. Oft folgten Grenze und Grenzland ihrem ganz eigenen Zeitlauf. Veränderungen traten dort früher oder später ein als in den urbanen Zentren Chinas und Russlands. Dabei machte das Grenzland eine radikale Verwandlung durch – von einer nur lose bestimmten interimperialen Grenze, die von Nomadinnen, Kosaken, findigen Schmugglerinnen und anderen mobilen Bevölkerungsgruppen per Kahn oder auf dem Pferderücken nach Belieben überquert wurde, hin zu einem streng überwachten Grenzgebiet, dessen Bewohnerinnen größtenteils die Idee territorialer Souveränität von Nationen anerkannten und die ihre Nachbarn am anderen Flussufer nur aus der staatlichen Propaganda kannten, obwohl von den Kuppen der Steppenhügel aus die andere Seite der Grenze mit bloßem Auge zu sehen war.

In diese Arbeit sind jüngere Debatten über das althergebrachte Verständnis von Grenzland (frontier) und Grenzgebieten (borderlands) eingeflossen.2 Während heute insgesamt nuancierter zwischen beiden Begriffen differenziert wird, hat sich zugleich der Schwerpunkt der Forschung auf den der Grenzgebiete verschoben und drängt stärker auf Anerkennung kulturübergreifender Perspektiven und Interpretationen der Entwicklungen an der Peripherie. Grenzgebiete werden in der Tat als Kristallisationspunkte gesehen, an denen die Wechselwirkung zwischen lokaler Bevölkerung und Staat oft deutlich zutage tritt. Wenn die Macht rivalisierender Reiche oder Nationalstaaten an solchen Orten noch fragmentiert und Kontrollmechanismen noch schwach ausgebildet sind, können ansässige Gesellschaften die Hegemonie infrage stellen, untergraben oder neu aushandeln. Genau diese Diskrepanz zwischen dem Machtanspruch der politischen Zentren und der Realität an der Peripherie hat die allmähliche Entwicklung moderner Staatsgrenzen in all ihrer überraschend beharrlichen Uneindeutigkeit und Unberechenbarkeit geprägt.3

Im Rahmen dieses Buches bezeichnet »Grenzland« (frontier) ein abgelegenes, dünn besiedeltes, nur vage definiertes Gebiet jenseits der Peripherie zweier oder mehrerer Kernmächte. Die Metropolen greifen mit der Zeit kulturell, ökonomisch und politisch auf diese zwischenliegenden Kontaktzonen aus. Dabei werden sie von rivalisierenden imperialen Mächten und der lokalen Bevölkerung immer wieder infrage gestellt, sodass diese Zonen durch permanente Aushandlung und Kompromisse gekennzeichnet sind. Ein Grenzland wird zum Grenzgebiet, wenn es in einem langen, durch zentralisierende Maßnahmen geprägten Prozess in den expandierenden Kern eines oder mehrerer Nationalstaaten oder Reiche integriert wird. »Grenzgebiet« (borderland) bezeichnet also eine territoriale Einheit, die aus der Grenzregion an der Peripherie eines politischen Gemeinwesens im Rahmen der Konkurrenz zwischen Reichen oder Nationalstaaten hervorgeht, und zwar durch Schaffung einer festen, klar definierten, zusammenhängenden »Grenzlinie« (boundary) unter staatlich erzwungener tiefgreifender Veränderung der ökonomischen, politischen, militärischen, ethnischen, sozialen und kulturellen Verhältnisse vor Ort. Diese Prozesse sind oft durch Gewalt, Zwangsumsiedlung und Unterwerfung fremder Gruppen gekennzeichnet. Während der Begriff »Grenzgebiet« eine nach innen und außen begrenzte, klar definierte Umgebung beschreibt – in der die zwischenstaatliche Grenze direkt die sozialen und ökonomischen Netzwerke prägt, spezielle Gesetze zur Geltung kommen und der Zugang gewöhnlicher Menschen durch staatliche Maßnahmen beschränkt ist –, bezieht sich »Grenze« (border) auf das unmittelbar an der Grenzlinie liegende Areal. Die Grenzlinie ist folglich die Linie – der Strich auf der Landkarte, Grenzstein, Zaun oder Grenzposten –, die die territoriale Begrenzung der staatlichen Souveränität anzeigt.4 Letztlich wird durch zu starre Definitionen die komplexe Geschichte eines allmählich konsolidierten Grenzlands aber übermäßig vereinfacht. Eine orthodoxe Terminologie mit scharfen Unterscheidungen birgt die Gefahr, sich von vermeintlicher Klarheit irreleiten zu lassen, und wird explanatorisch der komplexen Natur eines Grenzgebiets nicht gerecht, in dem einige lokal verankerte und kontingente Züge eines Grenzlands daneben fortbestehen.

Im Gegensatz zur Inselnation Großbritannien, die in Übersee ein Reich hatte, waren Russland und China kontinentale Imperien.5 Bis Ende des 18. Jahrhunderts teilten sie Innerasien – die Mandschurei, die Mongolei und Xinjiang – unter sich in getrennte Interessensphären auf. Trotz unterschiedlicher Sozial- und Wirtschaftsstrukturen setzten beide Mächte ähnliche imperiale Praktiken in der Grenzregion ein. Als kontinentale Reiche eroberten sie Gebiete an den Rändern ihres Territoriums.6 Und um diese Räume, die Owen Lattimore als wehrorientiertes »einwärts gerichtetes Grenzland« (inward-facing frontiers) bezeichnet hat, in zunehmend multikulturelle Herrschaftssysteme zu integrieren, stützten sich beide imperialen Mächte auf die Kooptierung einheimischer Eliten, was vor allem durch partielle Aufrechterhaltung von deren Privilegien erreicht wurde.7

Im 19. Jahrhundert wurde die Welt Zeuge der Entstehung moderner Nationalstaaten.8 Ein wichtiges Element dieses Prozesses war die Festlegung präziser Staatsgrenzen zur Bestimmung und Verteidigung des nationalen Territoriums als »Entscheidungsraum«. Ihren stärksten Ausdruck hat das orthodoxe Territorialdenken in den faschistischen und kommunistischen Regimen des 20. Jahrhunderts gefunden. Erst mit Ende der bipolaren Welt, dem Aufstieg des globalen Kapitalismus und der wachsenden Bedeutung supranationaler Strukturen sowie der Renaissance des Regionalismus ist die Überstülpung territorialer Identitäten und einheitlicher Sozialstrukturen wieder zurückgegangen.9

Die globale Tendenz zur Bildung von Territorialstaaten zeigte sich auch in den imperialen Staaten der Qing (1644–1912) und der Romanows (1613–1917). Obwohl die Ränder ihrer Reiche immer noch vorwiegend von Indigenen bevölkert waren, die von Viehhaltung, Jagd oder Fischerei lebten, machte sich an ihren Territorialgrenzen gleichzeitig die Idee einer homogenen Souveränität geltend, die konkurrierende Autoritäten, alternative Deutungen und unkontrollierte Mobilität immer weniger tolerierte.10 Versuche, Mehrdeutigkeit an der Peripherie auszumerzen, setzten sich nach dem Ende der alten Regime fort und intensivierten sich noch, als deren Nachfolgestaaten (die Sowjetunion, Japanisch-Mandschukuo und die Volksrepublik China) noch extremere Formen der Territorialisierung einführten, die die soziale Dynamik in den Grenzgebieten grundlegend zu verändern vermochten. Die geschlossenen Grenzregime der kommunistischen Regierungen in Moskau und Peking unterschieden sich zwar nicht qualitativ von denen vieler anderer Staaten, dennoch waren ihre Zwangsmonopole umfassender. Infolgedessen führte eine komplexe Melange geostrategischer Ambitionen, rivalisierender Ideologien und radikaler Umgestaltungspläne für das Leben der gesamten Bevölkerung der umkämpften Regionen zu einer sprunghaften Transformation eines vormodernen interimperialen eurasischen Grenzlands in eine Grenzregion zwischen zwei zentralisierten Regimen mit klar markierten und voneinander abgegrenzten Räumen.11

In diesem Prozess erfüllten Grenzen wesentliche Funktionen der Staatsbildung: Sie halfen, Sezessionen zu verhindern, äußere Sicherheit zu gewährleisten, die Gesellschaft zu überwachen und die heimische Ökonomie zu kontrollieren. Sie gaben denselben ethnolinguistischen Gruppen unterschiedliche Nationalidentitäten und wurden als stark politisierte Symbole zu Orten sozialen Wandels. Während beispielsweise an der französisch-spanischen Grenze, wie der Historiker Peter Sahlins gezeigt hat, Regionalismus die Nationalidentitäten prägte, gab es in Innerasien in viel geringerem Maße Prozesse lokaler Kooptierung und Kompromissbildung.12 Als das Grenzgebiet als eigene Verwaltungseinheit in die Peripherie des postrevolutionären Staats – dem Nachfolgestaat eines multikulturellen Reichs – eingegliedert war, hörte es auf, ein hybrider Raum gegenseitiger Zugeständnisse zwischen den Reichen und der nichtstaatlichen Welt der lokalen Bevölkerung zu sein.

Diese Umgestaltung des sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Raums durch das Ausgreifen zentralisierter Staatsmacht auf das Grenzgebiet brachte keine Beendigung der Konflikte in der lokalen Bevölkerung über politische und kulturelle Zugehörigkeit. Ganz im Gegenteil setzten sich diese Kämpfe hartnäckig fort, wurden zwischen den rivalisierenden imperialen Gebilden ausgetragen, und zwar sowohl in den Metropolen als auch unter den Völkern des Grenzgebiets, die nach Wegen suchten, sich gegen Assimilation und Konversion zu wehren und ihre Unabhängigkeit oder zumindest Selbstbestimmung und mobile Lebensweise zu erhalten.13

Die Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie blieb also dynamisch und fließend und von starken Kräften in beide Richtungen geprägt. Dies warf Fragen hinsichtlich der Rolle der Bevölkerung am äußersten Rand des Staatsgebiets auf. Wie lange konnten gesellschaftliche Akteure unterhalb der Ebene der Entscheidungseliten die Ausgestaltung der Grenze mitbestimmen? In welcher Weise unterstützten oder untergruben sie staatliche Maßnahmen zum Aufbau der Grenze? Dieses Buch nimmt eine langfristige Perspektive mit regionalem Fokus auf die Gesamtgeschichte der chinesisch-russischen Grenze ein und deckt dadurch das komplexe Wechselspiel zwischen Bevölkerung und Staaten auf. Es zeigt, dass die lokale Bevölkerung durchaus nicht am Ende der Welt lebte, sondern eine viel größere Bedeutung für die Geschichte der Territorialisierung des Staates hatte, als ihr bislang zuerkannt wurde.

Erstens spielt die historische und historiografische Tiefe auf dieser Skalenordnung eine entscheidende Rolle für die Definition zonaler und linearer Ideen von Grenzen. Über die Zeit änderten sich die Begriffe, die sich verschiedene Generationen staatlicher Akteure in den Metropolen und verschiedene Kohorten von Grenzbewohnerinnen selbst von der Grenze machten. Die traditionelle Gesellschaft der Grenzregion unterhielt über staatliche Grenzlinien hinweg familiäre, wirtschaftliche, sprachliche und religiöse Beziehungen und bewahrte sich einen eigenen Charakter, statt entlang dieser Linien gespalten zu sein. Oft wurden interne Grenzziehungen zwischen verschiedenen Bannern oder Stämmen strenger durchgesetzt als die im Wesentlichen durchlässige Grenze zwischen den Nationen. Spätere Kohorten der Grenzbevölkerung, die die geschlossene internationale Grenze nicht mehr überqueren konnten und denen Interesse und ausreichende Sprachkenntnisse fehlten, standen in deutlichem Kontrast zu den früheren Generationen. Oft unterstützten sie implizit die Ansprüche, die mit der nationalen Souveränität auf das Territorium erhoben wurden.

Zweitens zeigt die vorliegende Studie, dass die Befehlsgewalt einer zentralisierenden Macht nicht zwangsläufig die territoriale Kontrolle über ein Grenzgebiet und seine Bevölkerung mit sich bringt. Aufgrund der Porosität einer riesigen Kontinentalgrenze, des Ressourcenmangels übermäßig expandierter Reiche, widerstreitender Ziele benachbarter Regime und des Fehlens einer modernen Infrastruktur, die die Regionen der Peripherie mit den Hauptstädten verbinden könnte, waren zentralisierende Mächte oft nicht in der Lage, ihre gemeinsamen Außengrenzen zu überwachen, selbst wenn sie grenzüberschreitenden Austausch immer weniger tolerierten. Diese Unfähigkeit hatte ihren tieferen Grund in traditionellen Praktiken und mobilen Interaktionsformen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen der Grenzregion. Selbst diejenigen, die der Staat ursprünglich zur Besetzung der Wachtposten entsandt hatte, folgten nicht unbedingt der offiziellen Agenda.

Drittens illustriert diese Arbeit, unter welchen Umständen altes Grenzland und moderne Staatsgrenzen gleichzeitig existierten. Mit Einführung der Eisenbahn erlaubten die Metropolen eine spezielle Form des Grenzübergangs durch einen engen Korridor. Dadurch kamen neue Grenzbildungsprozesse in Gang. Moderne staatliche Mittel zur Grenzsicherung wurden jedoch nicht alle auf einmal und entlang der gesamten Grenze eingeführt. Auch leisteten sie dem Staat nicht immer die erwarteten Dienste. Tatsächlich wurden sie oft gegen ihre intendierten Ziele eingesetzt, da mit ihnen neue Kontaktzonen zwischen den Einheimischen und der globalen Welt und ein ganz anderes Sozialgefüge entstanden. Damit einhergehend wurde eine neue Form der Grenze geschaffen.

Viertens illustriert dieser Ansatz Umstände, unter denen sich der herrschaftliche Zugriff auf die Grenzgebiete verstärken kann. Besonders bei militärischen Auseinandersetzungen und internen Kämpfen stellten die Metropolen beträchtliche Ressourcen bereit, um die Staatsgrenze effektiver zu überwachen, implementierten neue Regime zur Aufrechterhaltung der Grenze, indem sie das Grenzgebiet gegenüber außen wie innen isolierten, und ersetzten illoyale Bevölkerungsteile allmählich durch solche, die als verlässliche Bürger galten. Die Wechselwirkung zwischen dem Machtzentrum und seinen Repräsentanten einerseits und einer teilweise neu zusammengesetzten Grenzbevölkerung andererseits erhöhte nicht nur die Legitimität eines kohärenten Zwischenraums, sondern schweißte Volk und Herrschaft in einer komplementäreren Weise zusammen.

Zu guter Letzt ist es auch lehrreich zu erforschen, wie offene Grenzen geschlossen und wie geschlossene geöffnet werden. Eine freundschaftliche Grenze zwischen verbündeten Staaten mag offiziell als allen offen stehend dargestellt werden und für die meisten Anwohnerinnen dennoch unüberwindlich sein. Eine bewachte Grenze zwischen Staaten, die in Konflikt miteinander stehen, mag hingegen für bestimmte privilegierte Personen und Gruppen überschreitbar bleiben. Die Diskrepanz zwischen Rhetorik und Realität ist ebenso ein Indikator dafür, wie die Macht der Metropole über die Peripherie zu- oder abnimmt.

Diese fünf kontraststarken, aber komplementären Themen bilden den Kern dieses Buches. Sie lenken den Blick auf unterschiedliche, aber miteinander verbundene Aspekte der Grenzverschiebung und -verlagerung in ihrem zeitlichen Ablauf.

Das Argun-Becken

Seit Menschen die große eurasische Landmasse bevölkern, haben die Steppen und Taigawälder Innerasiens selten günstige Voraussetzungen für Mächte geboten, die auf einer sesshaften Lebensweise gründeten. Extreme klimatische Bedingungen, eine schwierige Topografie und unüberbrückbare Entfernungen zwischen dem Japanischen Meer im Osten und dem Altai- und Tianshan-Gebirge im Westen hielten die sedentären Zivilisationen Asiens und Europas fern. Tatsächlich ist Innerasien vor allem aufgrund nomadischer Eroberer im Gedächtnis, allen voran der große Mongolenherrscher Dschingis Khan, der im 13. Jahrhundert das größte Landreich der Geschichte schuf.

Die Grenzrelikte früherer Kulturen erinnern uns daran, dass Demarkation und Territorialverteidigung in dieser Region nicht erst von Russland oder China eingeführt wurden. Die sogenannte Dschingis-Khan-Mauer, eine historische Befestigung, die sich gute fünfhundert Kilometer von der heutigen Ostmongolei nach China und Russland schlängelt, ist auf Luftfotografien noch zu erkennen. Ihr Name ist irreführend, da der Erdwall von den Jurchen-Herrschern der Jin-Dynastie (1115–1234) errichtet wurde, die sich damit erfolglos gegen die Mongolen- und Tataren-Stämme abzuschirmen versuchten. Trotz Jahrhunderten der Erosion ist die Mauer an einigen Orten noch vom Boden aus zu erkennen, beispielsweise am südlichen Rand von Sabajkalsk, einer kleinen Siedlung an der chinesisch-russischen Grenze nur wenige Schritte vom verrosteten Zaun entfernt.14

Anfangs zeigten die Herrscher in Moskau und Peking wenig Interesse an einer Kolonisierung der riesigen Gebiete oder an der Errichtung neuer Befestigungsanlagen. Erst im 17. Jahrhundert wurde Innerasien zu einer Zone, in der Russen und Chinesinnen in direkten Kontakt miteinander kamen und ihre Herrscher allmählich die jeweiligen Grenzräume zu konsolidieren begannen. Mitte des 19. Jahrhunderts entstand über grob 12 000 Kilometer, von den zentralasiatischen Gebirgen durch die innerasiatischen Steppen und entlang mäandernder Flusstäler bis zum Japanischen Meer, die längste internationale Landgrenze, die die Welt bis dahin gesehen hatte. Nach der Unabhängigkeit der Mongolei und dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben China und Russland immer noch eine rund 4200 Kilometer lange gemeinsame Grenze entlang des Argun, des Amur, des Ussuri und eines lediglich 55 Kilometer langen Landstrichs im Altai-Gebirge – die sechstlängste zwischenstaatliche Grenze der Welt.15

Das chinesisch-russische Grenzland blieb bis weit ins 20. Jahrhundert dünn besiedelt. Während heute Han-Chinesen und ethnische Russinnen zusammen die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung entlang der drei großen Grenzflüsse ausmachen, lebt in diesen Gebieten zugleich eine Zahl sehr unterschiedlicher indigener Gruppen. Die mit Abstand größten ethnischen Minderheiten sind die ackerbautreibenden Koreanerinnen und Burjaten sowie andere mongolischsprachige Viehzüchter-Nomaden.16 Deutlich kleinere Bevölkerungszahlen weisen die tungusischsprachigen Jäger, Sammlerinnen und Fischer auf.

Ebenso wenig wie die autochthonen Völker der Grenzregion zwischen Qing-Reich und Russland ist die russische und Han-chinesische Bevölkerung, die in den Provinzen am Ussuri, Amur und Argun lebt, kulturell oder ethnisch homogen. Frühe bäuerliche Siedler und Kosaken erschienen ab dem 17. Jahrhundert in der Gegend zwischen dem Baikalsee und dem Argun. Die Kosaken siedelten als Pferde züchtende Bauernsoldaten auf eigenen Gebieten am äußersten Rand dieser Grenzregion zum chinesischen Reich. Um in dieser unwirtlichen Welt zu überleben, passten sie sich an die Bedingungen und Gepflogenheiten an, die sie hier vorfanden. Mit der Zeit vermischten sie sich mit der indigenen Bevölkerung der Region. Nur die Altgläubigen, die die Reform der russischen Kirche durch Patriarch Nikon ablehnten und im 18. Jahrhundert dorthin zwangsumgesiedelt wurden, blieben weitgehend unter sich. An der Wende zum 20. Jahrhundert strömten aus dem europäischen Teil des Russländischen Reichs in deutlich größerer Zahl unterschiedliche Arten von Migranten in die an China angrenzenden Territorien. Die durch Agrarreformen und den Bau der Transsibirischen Eisenbahn angezogenen neuen Siedlerinnen konkurrierten mit der früheren Bauernschaft und Viehzüchtern um die besten Weiden.17 In sowjetischen Zeiten kam es zu weiteren freiwilligen und unfreiwilligen Wanderungswellen, die Städterinnen, Minen- und Waldarbeiter, Arbeiterinnen in staatlichen Landwirtschaftsbetrieben, militärisches Personal und Eisenbahnangestellte in die Region brachten. Diese unterschiedlichen Gruppen von Russen werden hier als rossijane bezeichnet – eine Gemeinschaft, die sich am leichtesten über ihre Verwendung der russischen Sprache definieren lässt.

Die chinesische Migration in die sino-russische Grenzregion nahm Ende des 19. Jahrhunderts an Fahrt auf, nachdem in der Mandschurei die Migrationsbeschränkungen für Han-Chinesen gefallen waren.18 Saisonarbeiter, Geflüchtete, arme Bauern und andere Siedlerinnen, die zum Bleiben entschieden waren, strömten in den Nordosten Chinas. Die Einführung moderner und effizienter Transportmittel beschleunigte im frühen 20. Jahrhundert die Einwanderung aus Provinzen südlich der Großen Mauer. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts war die Siedlungsbewegung an die Nordgrenze Chinas das Ergebnis klar formulierter strategischer, wirtschaftlicher und politischer Ziele Pekings, allen voran die Landgewinnung, das nationale Sicherheitsinteresse und die Assimilation ethnischer Minderheiten. Heute leben deutlich mehr Han-Chinesen in den Grenzgebieten als ethnische Russinnen am anderen Ufer des Argun, Amur und Ussuri.19

Genau in der Mitte der riesigen innerasiatischen Grenzregion markiert der Argun über eine Strecke von 944 Kilometer die Grenze zwischen Russland und China. Das Gebiet bildet den ältesten Grenzabschnitt, der bei Territorialverschiebungen erhalten geblieben ist. Dieses Gebiet liefert darüber hinaus ein gutes Beispiel für zwei verschiedene Arten von Grenzen: Die Grenze, die der Fluss bildet, wird häufig überquert – die ländlichen Räume ethnischer Russen, Chinesinnen und autochthoner Gruppen sind eng miteinander verflochten. Nur einen kurzen Ritt entfernt liegt eine Stadt mit Bahnanschluss, die ein ganz anderes Sozialgefüge und damit einhergehend eine neue Form von Grenze repräsentiert. Diese unterschiedlichen Welten machen das Argun-Becken zu einer Linse, durch die die Geschichte des chinesisch-russischen Grenzlands und der Grenzregion besonders klar hervortritt.20

Das Kerngebiet, das wir in den Blick nehmen werden, ist das obere Becken des Argun zwischen dem Großen Xing’an-Gebirge im Norden und Osten und dem Mongolischen Plateau im Süden und Westen des heutigen Grenzdreiecks zwischen China, Russland und der Mongolei.

Es umfasst ungefähr 70 000 Quadratkilometer – etwa die Fläche Georgiens. Die äußeren Ränder dieser Region entsprechen grob den Grenzen der 1862 gegründeten Freihandelszone und der davon zu unterscheidenden Verwaltungsstruktur der Grenzbezirke, die ab den späten 1920er Jahren eingerichtet wurden. Sie lassen sich grob wie folgt bestimmen: Die leicht abfallende Ebene der Aga-Steppe, wo der Borsja in den Onon mündet, markiert die Westgrenze. Olotschi, ein kosakisches Dorf am Mittellauf des Argun, liegt am nördlichen Rand. Am Fuße der bewaldeten Hänge des Großen Xing’an-Gebirges, das das Hulun Buir-Plateau von der mandschurischen Ebene trennt, zeigt es die östliche Grenze an. Der Hailar, ein Nebenfluss des Argun, der von manchen einfach als dessen Oberlauf angesehen wird, und der flache Hulun-See (oder Dalai-See) bilden den südlichen Rand.

Abb. 0.2

Das Argun-Grenzgebiet mit bedeutenden Ansiedlungen zwischen dem 18. Jahrhundert und heute

Der Argun fließt in Form mehrerer wandernder Kanäle durch die Sümpfe eines weiten Tals, das dem Fluss seinen Namen gab.21 Oft in zwei oder mehrere eigenständige Arme aufgeteilt, fließt das Gewässer relativ langsam Richtung Nord-Nordost, bis es sich mit der Schilka zum Amur vereinigt. Wegen seiner vielen Windungen durchläuft er oft die dreifache Strecke der Luftlinie. Der Hauptstrom hat in der Vergangenheit häufig das Flussbett gewechselt, wodurch es zu Konflikten über die territoriale Zugehörigkeit seiner Hunderten Inseln kam, von denen einige nicht mehr als Sandbänke sind, während andere weites unberührtes Grasland bieten. In seinem Oberlauf mäandert der Argun durch eine sanft geschwungene grasbewachsene Steppe, die in die mongolischen Ebenen übergeht. Ein Gürtel borealen Nadelwalds schließt die Flussufer des Mittel- und Unterlaufs ein. Heute ist das russische Territorium am linken Ufer Teil der Region Tschita in Transbaikalien.22 Das chinesische Ufer auf der rechten Flussseite gehört zu Hulun Buir23 an der Nordostspitze der Autonomen Region Innere Mongolei, benannt nach den zwei südlich davon gelegenen Seen (Hulun und Buir). Der russische Name für diese Region, »Barga«, stammt von einem alten mongolischen Stammesnamen.24

Vielleicht mehr noch als der Einfluss der Kolonisten, Soldaten und Eisenbahnerinnen war das extreme Kontinentalklima entscheidend für die Ausformung dieser Grenzregion. Das Klima reicht von humidem borealen Nadelwald im Norden zu semiarider Steppe im Süden. Mit extrem kalten, aber klaren und windstillen Wintern und kurzen, aber heißen Sommern sind die Wetterbedingungen überall harsch. Temperaturen können im Januar bis zu 50 Grad unter null fallen. Flüsse und Seen frieren normalerweise Ende Oktober zu und tauen vor Anfang Mai wieder auf. Im Juli steigt das Thermometer bis auf 35 Grad, wenngleich die absoluten Spitzenwerte oft noch höher liegen. Starke Sommerregen führen beim Argun und seinen Nebenflüssen regelmäßig zu Überschwemmungen.

Die Region ist durch eine große Vielfalt an Ökosystemen charakterisiert. Während Flüsse und Seen reiche Bestände an Stören, Lenoks, Amur-Äschen, Hechten und Welsen aufweisen, sind die steinigen und minderwertigen Böden der Schwemm- und Feuchtgebiete, Steppen und Berge selten für Landwirtschaft geeignet. Die weiten Täler des auf der chinesischen Seite des Argun gelegenen Trechretschje-Dreiecks (Drei-Flüsse-Dreiecks), dessen Wasser über den Derbul, den Gan und den Chaul abfließen, hat die fruchtbarsten Böden in den Region. Doch selbst in diesem Delta lässt sich das Feld nur in einer kurzen vier- bis fünfmonatigen Vegetationsperiode bestellen und ernten. Auf den gemäßigten Grasland-Steppen leben Mongolische Gazellen, Rehe, Rotfüchse, Wölfe und Sibirische Murmeltiere. Die Wiesenlandschaften werden als Weideland und zur Heugewinnung genutzt. Während die sanft geschwungenen Ausläufer des Großen Xing’an-Gebirges, die sich über dem Ufer erheben, oft kahl bleiben, sind die Berghänge dicht mit Lärchen, Birken und Kiefern bewachsen. Das Gebirge mit seinen 1000 bis 1500 Meter hohen Gipfeln bietet Rentieren, Zobeln und Eichhörnchen Lebensraum.

Für die indigene Bevölkerung und die ersten russischen und chinesischen Siedler stellten Überlandreisen und Kommunikation zwischen den dünn besiedelten Gebieten aufgrund des Klimas und der Topografie eine Herausforderung dar. Oft zogen die Menschen den Transport über den Wasserweg vor, da Pisten und Feldwege nur während der kalten und trockenen Jahreszeit gut passierbar waren. Mit Lastkähnen, Einbäumen und Flößen wurden Personen, Vieh und Güter entlang der Flüsse transportiert. Der Winter verwandelte den Argun in eine Eisstraße für Schlitten und Pferdewagen, was die Erreichbarkeit der verstreuten Vorposten erhöhte und der geodeterministischen Auffassung von Flüssen als natürlichen Grenzen widerspricht.

Bis ins späte 19. Jahrhundert gab es keine bedeutenden Siedlungen in diesem riesigen und dünn besiedelten Territorium entlang des Argun. Die einzige Stadt in der Nähe war Hailar, das im 18. Jahrhundert als Vorposten und Garnison mandschurischer Banner-Truppen gegründet worden war. Etwa zur selben Zeit entstand auch Abagajtuj, eines der wenigen Kosakendörfer entlang des russischen Ufers des Argun. Die Ostchinesische Eisenbahn, der letzte Abschnitt der Transsibirischen Eisenbahn, verband ab 1903 Tschita über die Mandschurei mit Wladiwostok, womit sie die Flüsse als wichtigsten Transportweg ablöste und Anstoß zur Gründung neuer Siedlungen gab. Zur bedeutendsten davon entwickelte sich die Grenzstadt Manzhouli, die genau im Zentrum der hier untersuchten Region liegt. Die Eisenbahn verwandelte das Grenzland von einem abgeschiedenen Niemandsland in ein Zentrum des grenzüberschreitenden Wirtschaftsverkehrs – mit Manzhouli als wichtigstem Drehkreuz des chinesisch-russischen Handels. Auf russischem Territorium, gleich auf der anderen Seite der Landesgrenze, entwickelte sich die Ausweichstelle Nr. 86 zu der kleinen Grenzstation Otpor, die in den 1950er Jahren zu einer Siedlung städtischen Typs aufgewertet und in Sabajkalsk umbenannt wurde.

Die beiden Gemeinden zusammen mit den verstreuten Jurten der Steppe und den an den Flusslauf sich schmiegenden Dörfern bieten ein Prisma, in dem sich die verschiedenen Arten von Grenzen klar voneinander abheben und mit dem sich gut studieren lässt, wie sie einerseits errichtet, andererseits durchbrochen wurden und wie die Kontaktzonen der dort lebenden Gruppen sich weiteten oder schrumpften. Die Argun-Grenzregion war (und ist) als territoriale Einheit ein Raum, der – teils durch die Staaten, teils durch die geografische Lage befördert – verschiedene Arten von Interaktionen zwischen russischer, chinesischer und autochthoner Grenzbevölkerung ermöglichte (und ermöglicht). Die Menschen, die das Wagnis eingingen, die Graslandschaften, Flüsse und Hügel am Argun zu Fuß, auf Karren, Kähnen oder Zügen zu bereisen, brachten verschiedenste Dinge und Ideen mit. Zum Teil kamen sie in das Gebiet, um von China nach Russland zu reisen oder umgekehrt. Andere lebten am Argun, um Tauschhandel zu treiben oder weil sie für ihre Tiere Zugang zu den Weideflächen benötigten, oder sie suchten die Nähe zum Fluss, um dort fischen zu können. Dieses komplexe Gefüge von Interaktionen war es, was die Staaten zu kontrollieren versuchten und letztlich erfolgreich unterbanden.

Der Blick über die große Politik hinaus, die diese Grenze geschaffen hat, und hin auf das Alltagsleben der dortigen Bevölkerung, der Fokus auf die Praktiken vor Ort und die Verbindungen zwischen den lokalen Gemeinschaften und der übrigen Welt ist kein leichtes Unterfangen. Nomaden mit ihrer mobilen Lebensweise und Schmuggler mit ihren geheimen Handelsnetzwerken waren Analphabeten oder hatten kein Interesse daran, ihr Tun zu dokumentieren. Dasselbe gilt für Lokführer und Grenzwachen. Dieser Einschränkungen muss man sich immer bewusst sein, wenn man das Projekt verfolgt, Aussagen über alltägliche Begegnungen in abgelegenen Kontaktzonen zu treffen. Doch die Erforschung dieser Grenze hat sich als noch größere Herausforderung erwiesen, als es die Durchdringung der subalternen Sphäre der lokalen Bevölkerung darstellt. Denn zusätzlich haben wir es mit einem ganzen Spektrum an Archivierungskulturen zu tun. Mehr als in Russland gelten in der chinesischen Nationalgeschichtsschreibung und Geschichtspolitik nach wie vor Grenzgebiete und Minderheiten als sensible Themen. Viele Bestände von Primärquellen für die erforschte Region und Periode sind gegenwärtig unvollständig oder unter Verschluss. Das russische Übergewicht bei den Archivalien war in unserem Fall aus zwei Gründen etwas ausgeglichener: Archivunterlagen über gemeinsame Staatsgrenzen werden natürlich in mindestens zwei Ländern aufbewahrt, und ein Teil der chinesischen Korrespondenz gelangte glücklicherweise in ausländische Archive.25 Zusätzlich liefern Zeitungen, ethnografische Untersuchungen, Lokalchroniken und die Feldnotizen von Reisenden eine Perspektive von unten, die es erlaubt, die Grenzbevölkerung selbst zurück in die Geschichtsbücher zu holen. Zu guter Letzt bot auch die Befragung von Zeitzeugen eine wertvolle Informationsquelle. Die in diesem Buch zu Wort kommenden Interviewpartnerinnen, Anwohner beider Seiten der Steppenhügel, waren als Bahningenieure, Buchhalterinnen, Landwirte oder Lehrerinnen tätig. Ihre repräsentativen Berufsfelder und andere Facetten ihrer Lebensgeschichte machen ihre Berichte unverzichtbar für tiefere Einsichten in die alltäglichen sozialen Praktiken, die das Argun-Becken prägen.

Ein paar letzte Hinweise zur Struktur des Buchs: Die Kapitel arbeiten sich vom 17. bis ins späte 20. Jahrhundert vor, wobei thematische Kohärenz stärker gewichtet wurde als strenge Chronologie. Das erste Kapitel rekapituliert die Situation der Grenzbevölkerung von den ersten direkten, aber noch sporadischen russisch-chinesischen Begegnungen im 17. Jahrhundert – als beide Reiche erstmals versuchten, ihre gemeinsame Grenze abzustecken – bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, als Eisenbahnen und andere Elemente der Moderne durch Intensivierung und Regulierung des Grenzverkehrs das Leben am Argun zu verändern begannen. Das zweite Kapitel befasst sich mit der Ablösung der lange vorherrschenden Laissez-faire-Politik durch entschiedenere Maßnahmen zur Regelung der zwischenstaatlichen Grenze am Übergang zum 20. Jahrhundert. Es untersucht die Umdeutung lokaler Grenzstreitigkeiten in einem nationalen Bezugsrahmen und die Umorganisation von Zoll und Hygienebestimmungen im Zusammenhang einer allgemeineren Entwicklung hin zu Territorialgrenzen. Mit Blick auf das spezifische soziale und ethnische Gefüge Manzhoulis und seiner ländlichen Umgebung untersucht das dritte Kapitel die revolutionären politischen Kämpfe und indigenen Sezessionsbewegungen nach dem Zusammenbruch der Reichsherrschaft in China 1911 und Russland 1917. Das vierte Kapitel behandelt Kollektivierung und andere radikale frühsowjetische Zwangsmaßnahmen, die grenzüberschreitende Kontakte nicht so sehr regulierten als vielmehr unterbanden, und zeigt, wie sie die politische, ethnische, ökonomische und soziale Landschaft im oberen Argun-Becken veränderten. Das fünfte Kapitel erkundet die Auswirkungen des sowjetisch-chinesischen Grenzkriegs von 1929 und der japanischen Besetzung der Mandschurei auf das Argun-Grenzgebiet; die Regime sahen sich gezwungen, ihre Macht in der Peripherie beträchtlich auszubauen. Das sechste Kapitel untersucht die Periode zwischen den späten 1940er und den frühen 1960er Jahren. Obwohl von einer immer allgegenwärtigeren Rhetorik der Freundschaft und bilateralen Kooperation geprägt, wurden die Grenzbeziehungen in dieser Periode nicht mehr informell hergestellt, sondern von Moskau und Peking überwacht. Das im siebten Kapitel behandelte Zerwürfnis zwischen China und der Sowjetunion in den 1960er und 1970er Jahren hatte bleibenden Einfluss auf die Situation entlang ihrer Grenze und schwere Folgen für die Wirtschaft und Demografie der Argun-Grenzregion. Während in den Zügen zwischen Peking und Moskau nicht länger sowjetische und chinesische Bürgerinnen, sondern vorwiegend Fahrgäste aus Nordkorea und Vietnam saßen, ließen Propagandakampagnen alte Motive der Infiltrierung, Sabotage, Spionage und Desinformation wiederaufleben und legitimierten die Grenze erneut als feindschaftlichen Raum. Das achte Kapitel geht den Entwicklungen während der 1980er Jahre nach. Es erkundet, wie die Grenze zwischen den beiden kommunistischen Staaten durch eine neue Regierungspolitik und durch Strategien der lokalen Bevölkerung wieder durchlässig wurde.

1 Insbesondere Paine, Rivals. Obwohl Publikationen über die Geschichte Inner- und Nordostasiens und die imperialen Rivalitäten in der Makroregion zunehmen, kommt das regionale Geschehen in den Grenzgebieten kaum in den Fokus, ganz zu schweigen von einer gezielten Erforschung beider Seiten der Grenze. Vgl. Urbansky, »Subalternity«. Eine Ausnahme bilden zwei jüngere Veröffentlichungen: Victor Zatsepine liefert eine überblicksartige Darstellung Nordostasiens als Ort des Zusammentreffens zwischen Russländischem Reich und Chinesischem Kaiserreich in der spätzaristischen Periode, auch wenn die Perspektive der Bevölkerung des schwindenden Grenzlands ein wenig kurz kommt; vgl. Zatsepine, Amur. David Brophys ausgezeichnete Studie über Nationsbildungsprozesse in muslimischen Gemeinschaften in Zentralasien im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nimmt eine transnationale Perspektive von unten ein, aus der sich Verschiebungen bei der Loyalität der lokalen Grenzbevölkerung verstehen lassen; vgl. Brophy, Nation.

2 Pionierarbeit haben Frederick Jackson Turner mit Grenze und sein Schüler Herbert Eugene Bolton mit Borderlands geleistet. Der Einfluss von Turners wegweisendem Text auf die populäre Wahrnehmung der Geschichte der amerikanischen Expansion ist ungebrochen, dabei ist er in den letzten Jahrzehnten einer gründlichen Kritik unterzogen worden. Während Bolton der Philosophie Turners noch nicht gänzlich den Rücken kehrte, haben sich die Vertreter der New Western History revisionistisch gegen die Vorstellung einer Trennlinie zwischen »wild« und »zivilisiert« gewandt. Mit ihrer gegen Turner gerichteten Deutung des amerikanischen Westens haben sie ein provokatives neues Verständnis von Grenzland entwickelt, das in der Forschung mittlerweile zur neuen Orthodoxie geworden ist. Vgl. z. B. Limerick, Legacy, S. 20–23; White, Ground, ix–xvi, S. 50–60; Worster, Skies, S. 3–33 passim. Eine klassische Arbeit zu der Idee »sich öffnenden« und »sich schließenden« Grenzlands ist Lamar/Thompson, Frontier, bes. S. 23–26, 35–39. Turners Grenzlandthese hat auch die frühe Geschichtsforschung über Inner- und Nordostasien beeinflusst, an prominentester Stelle Owen Lattimore, Studies, bes. S. 134–159, 165–179, 469–491, auch wenn sich seine Auffassung von Grenzland mehr an einer Zone als einer Linie orientiert.

3 Vgl. Adelman/Aron, »Borderlands«; Baud/van Schendel, »History«; Hämäläinen/Truett, »Borderlands«. Dieser Trend lässt sich auch in der entstehenden Forschung über lokale Handlungsfähigkeit an den Rändern Chinas (z. B. Giersch, Borderlands; Shao, Homeland; Song, Borders) und Russlands (z. B. Adelsgruber/Cohen/Kuzmany, Getrennt; Boeck, Boundaries) beobachten.

4 Prescott, Frontiers, S. 1–14 passim, bes. S. 12–14.

5 Diese Unterscheidung wurde zum ersten Mal von dem Historiker Geoffrey Hosking getroffen, »The Freudian Frontier«, in: The Times Literary Supplement, 10. März 1995, S. 27.

6 Eine genaue Untersuchung der wesentlichen Eigenarten des chinesischen und des russländischen Reichs und ihrer territorialen Expansion findet sich in Burbank/Cooper, Imperien, S. 241–280; und in Rieber, Struggle, S. 31–41, 49–58, 415–423. Wichtige historiografische Arbeiten zu Russland sind Kappeler, Rußland; Hosking, Russland; Lieven, Empire; Sunderland, Taming; zusammenfassende Analysen zum chinesischen Reich bieten Crossley, Manchus; Elliott, Manchu; und Perdue, China.

7 Lattimore, Manchuria, bes. S. 77 f., 99.

8 Vgl. die Klassiker von Anderson, Erfindung; Hobsbawm/Ranger, Invention, insbes. die Einleitung von Hobsbawm auf S. 1–14; und Sahlins, Boundaries. Zur Verstärkung von Grenzkontrollen und Identitätsfeststellung siehe McKeown, Order.

9 Maier, Borders, S. 1–6. Vgl. auch Sassen, Paradox.

10 Die jüngere Forschung deutet darauf hin, dass eine Dichotomie zwischen Nation und Imperium im Vielvölkerkontext Russlands und Chinas schwer aufrechtzuerhalten ist. Diese Reiche waren nicht unbedingt schlechter in der Lage, die Herausforderungen regionaler Verschiedenheit zu meistern, als ethnisch oder kulturell homogenere Nationalstaaten. Vgl. Burbank/Cooper, Imperien, S. 321–570 passim und Rieber, Struggle.

11 Rieber, Stalin, S. 129–139; Martin, Empire, bes. S. 311–343 passim zur Zwischenkriegszeit.

12 Vgl. Sahlins, Boundaries, bes. S. 7–9.

13 Mobilität ist in diesem Zusammenhang oft fälschlich als Neigung der lokalen Bevölkerung zur Infragestellung von Grenzen aufgefasst worden, so als ob Grenzen der Mobilität vorgängig wären. Doch bekanntlich verhält es sich genau umgekehrt. Ludden, »Address«, S. 1061–1065.

14 Vgl. Billé, »Ideas«, S. 28; Michael Wines, »Behold! The Lost Great Wall«, in: The New York Times, 21. September 2001, A4.

15 Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion war diese Grenze sogar noch länger und umfasste drei lange Abschnitte. Neben dem östlichen Segment gab es zweitens die mongolische Grenze. Vor dem Fall der Qing 1911 bildete die Äußere Mongolei einen integralen, wenn auch autonomen Teil Chinas, und ihre nördliche Begrenzung zugleich die Grenze zwischen dem Qing- und dem Romanow-Reich. Mit Gründung der Mongolischen Volksrepublik 1924, die zum ersten Satellitenstaat der Sowjetunion wurde, kam dieses Territorium unter die Kontrolle Moskaus. Die Grenze der kommunistischen Mongolei zu China repräsentierte über ein halbes Jahrhundert lang den äußersten Rand sowjetischer Macht. Der dritte und westlichste Abschnitt war Chinas nordwestliche Gebirgsgrenze zum Russländischen Reich, dem späteren sowjetischen Zentralasien (heute Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan).

16 Zur beispiellosen Mobilität von Koreanern in China und Russland im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert vgl. Park, Sovereignty Experiments.

17 Zur Bevölkerungsdynamik der Besiedlung Sibiriens aus dem europäischen Teil Russlands vor 1917 siehe Coquin, Sibérie und Treadgold, Migration.

18 Auch wenn das Toponym »Mandschurei« dem chinesischen und mandschurischen Denken keineswegs fremd ist, klingt es für chinesische Ohren heute ungenau und anstößig, da es imperialistische Assoziationen zu russischem und japanischem Eindringen in das Gebiet auslöst. Der aktuelle politische und geografische Begriff für die Region ist »Dongbei« (Nordosten), was die drei Provinzen Heilongjiang, Jilin und Liaoning umfasst. Elliott, »Limits«, S. 604–607; Janhunen, Manchuria, S. 8–11. Der Einfachheit halber beziehe ich mich mit »Mandschurei« oder »Nordosten Chinas« darauf.

19 Zur großen Wanderungsbewegung von Han-Chinesen aus dem chinesischen Kernland in die Mandschurei siehe Gottschang/Lary, Swallow; und Rearson-Anderson, Pioneers.

20 Mit dem ersten Grenzabkommen, dem Vertrag von Nertschinsk von 1689, und dessen Präzisierung im Vertrag von Kjachta 1727 hatten beide Reiche ein militärisches Gleichgewicht in der Region erreicht und ihre Interessensphären abgesteckt. Auch wenn sich die Grenzlinie über die vergangenen Jahrhunderte kaum verschoben hat, ist sie völkerrechtlich erst seit Kurzem abschließend demarkiert worden. Die letzten Territorialstreitigkeiten zwischen Moskau und Peking über einige Inseln wurden erst in postsowjetischer Zeit beigelegt. Iwashita, 4000 Kilometer, S. 160–164.

21 Auf Mongolisch wird der Name »Argün« ausgesprochen und bedeutet »weit«.

22 Transbaikalien, das Gebiet östlich des Baikalsees, gehört zu Ostsibirien, während der russische Ferne Osten das gesamte Territorium östlich von Transbaikalien bezeichnet und den Amur und die Küstenregionen sowie Kamtschatka und die Insel Sachalin umfasst. Vor 1884 gehörte Transbaikalien zum Generalgouvernement Ostsibirien. Zwischen 1884 und 1906 war die Region Teil der Provinz Amur und wurde 1906 in das Generalgouvernement Irkutsk eingegliedert. In sowjetischer Zeit wurde Transbaikalien in einen West- und einen Ostteil getrennt. Der östliche Teil wurde 1934 als Region (oblast) Tschita eigenständig.

23 Traditionell war Hulun Buir Teil der Mongolei. In der späten Qing- und der Republik-Zeit gehörte die Region zu den Provinzen (sheng) Heilongjiang und Xing’an. Nach der kommunistischen Revolution 1949 wurde Hulun Buir der neu geschaffenen autonomen Region Innere Mongolei einverleibt, der es (abgesehen von einer kurzen Phase von 1969 bis 1979, in der es wieder mit Heilongjiang zusammengelegt wurde) seitdem angehört.

24 Die nomadische Bevölkerung dieser Region wurde von den Mongolinnen »Bargut« genannt (was »unerleuchtet« oder »finster« bedeutet), weil sie an ihren alten schamanistischen Riten festhielt und als letzte zum lamaistischen Buddhismus konvertierte. Vgl. Lattimore, Mongols, S. 156; Lindgren, »Manchuria«, S. 521.

25 Urbansky, »Diplomacy«.

1

Kosaken und Bannerleute im Argun-Grenzland

Im Jahr 1867 schrieb der Pole Agaton Giller, der wegen seiner Rolle in der polnischen Unabhängigkeitsbewegung vom russländischen Staat inhaftiert und von 1851 bis 1856 nach Transbaikalien verbannt worden war, die folgenden Beobachtungen nieder, die er im Kosakendorf Olotschi am Mittellauf des Argun etwa 20 Kilometer von Nertschinskij Sawod gemacht hatte:

Vor einigen Tagen fand in Olotschi […] eine chinesisch-sibirische Messe statt. […] Neben Olotschi gibt es ähnliche Märkte in Zuruchajtuj, in Akscha am Onon und in Gorbiza an der Schilka. Die Märkte finden jedes Jahr statt, üblicherweise in den ersten Julitagen. Die Sibirier bieten Glas, Schafsfelle, Pelze, Geweihe, Blei und verschiedene Metalle an, die Mongolen tauschen Hirse, Reis, chinesischen Wodka, Pfeifen, gläserne Zigarrenspitzen, Statuen und billigen Schmuck, Seide und halbseidene Stoffe, Tabak, Tee und so weiter. Da sie nicht miteinander sprechen können, zeigen beide Seiten auf das, was sie kaufen möchten, und auf den Gegenstand, den sie dafür anbieten.1

In der Exilzeit Gillers, der später ein namhafter Historiker wurde, war die chinesisch-russische Grenze am Argun noch weitgehend offen, Mitte des 19. Jahrhundert verband der Fluss die Völker zu beiden Ufern mehr, als dass er sie trennte. Das Exil in Sibirien beschwört Vorstellungen von abgeschiedenen und isolierten Regionen herauf, in denen man von jeglichem Außenkontakt abgeschnitten ist, doch der lebendige Austausch zwischen Chinesen, Mongolen und Russen, die quasi ohne jede staatliche Einmischung Handel trieben, deutet auf etwas anderes hin. Die Russen, ob Sträflinge oder Mitglieder der selbstverwalteten und halbmilitärischen Kosakengemeinden, waren relativ neu an diesem Ort, und die Waren, die die indigenen Rentierhalter und Nomaden mit ihnen tauschten, hatten diese zuvor von chinesischen Zwischenhändlern gekauft.

Tatsächlich fielen diese Messen oft mit den regelmäßig im Sommer stattfindenden Kontrollbesuchen chinesischer Grenzinspektoren zusammen. Ein Zeitgenosse Gillers, Nikolaj I. Kaschin, ein Absolvent der medizinischen Fakultät der Universität Moskau, arbeitete in den 1850er Jahren sieben Jahre lang als Arzt in Olotschi. Er wurde jeden Sommer Zeuge dieser russisch-chinesischen Zusammenkünfte. Damals konnten die chinesischen Grenzexpeditionen bereits auf eine anderthalb Jahrhunderte alte Tradition zurückblicken. Sie folgten einer Reihe ritualisierter Bräuche: Zunächst erfolgte ein Austausch von Grenzdelegierten, daraufhin begann der Tauschhandel, schließlich kehrten die chinesischen Inspektoren in kleinen Booten zurück, um sich wieder ihren Aufgaben als Grenzkontrolleure zu widmen.

Nach dreiwöchiger Überlandreise von Mergen (dem heutigen Nenjiang) aus bezog das chinesische Grenzexpeditionskorps von 130 bis 150 Mann üblicherweise im Frühsommer ein Grenzlager am Argun Quartier. Die Zusammenkünfte begannen mit dem Austausch von Geschenken, wie einer Kuh oder ein paar Schafen von russischer Seite und billigem Schnaps, Konfektschachteln, minderwertigem Tee und dergleichen von chinesischer Seite. An einem vorher verabredeten Tag veranstalteten die Russen für die chinesische Gruppe einen Empfang, der von Mittag bis spät in die Nacht andauerte. In Olotschi konnte Kaschin das Verhalten der Chinesen beobachten:

Bei Tisch benehmen sie sich ruhig, es sei denn einer von ihnen ist stark betrunken. Sie sind immer interessiert, unsere Tischdecken zu inspizieren, am neugierigsten machen sie aber die Flaschen mit Himbeerwein. Häufig haben wir zu dieser Feier Musikanten aus Nertschinskij Sawod eingeladen, die normalerweise aufspielten, während wir bei Tisch saßen. Die Musik, die sie spielen, ist ziemlich ordentlich, muss ich sagen […]. Es ist offensichtlich, dass [chinesische] Ohren nicht an die harmonischen und melodischen Klänge des Akkordeons gewöhnt sind. Sie fühlen sich nur unterhalten, wenn es furchterregend klingt: das Beben eines abgebrochenen Horns, eine Trommel oder vielleicht sogar nur eine Rassel.

Abb. 1.1

Ein Kosakendorf am Unterlauf des Argun, spätes 19. Jahrhundert. Personen, Tiere und Güter wurden auf Kähnen und Flößen entlang des Flusses transportiert oder ans andere Ufer gebracht.

Normalerweise wurden die Russen am folgenden Tag auf das chinesische Ufer zu einem ähnlichen Festmahl geladen, das ebenfalls bis zum späten Abend dauerte. Bei den Chinesen war es Brauch, ihre Gäste mit Salutschüssen zu verabschieden. Nach den gegenseitigen Besuchen begann der übliche Tauschhandel, der abwechselnd auf dem russischen und auf dem chinesischen Ufer stattfand.2 Kaschins und Gillers Erinnerungen zeichnen von den kulturellen Begegnungszonen zwischen Russen, Chinesen und autochthonen Grenzbewohnern ein lebendiges Bild, das über den bloßen Tauschhandel hinausreicht und uns so unvergleichliche Momente wie die unterschiedliche Musikbegleitung zu den Festmahlen vor Augen führt.

Dieses Kapitel rekapituliert die Situation der Grenzbevölkerung von den ersten direkten russisch-chinesischen Kontakten im 17. Jahrhundert, als eine klare Staatsgrenze noch nicht erkennbar war, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, als Eisenbahnen, Telegrafen, zollamtliche Überwachung und andere Elemente der Moderne das Leben am Argun zu verändern begannen.

Die Entwicklung der Beziehungen zwischen russländischem und chinesischem Reich entlang des gemeinsamen Steppen-Grenzlands lässt sich in dieser Periode in drei Phasen unterteilen. Die erste umfasst das späte 17. Jahrhundert. In dieser Zeit tauchten Kosaken in Transbaikalien auf und kamen mit mongolischen Adligen in Kontakt, während die Qing ihre Herrschaft über Hulun Buir durchsetzten. Beide Seiten stritten um Vorherrschaft im Amur-Becken. Erst der Vertrag von Nertschinsk 1689 und der Vertrag von Kjachta 1728 legten eine Grenze zwischen beiden Reichen fest. Die zweite Phase von ungefähr 1728 bis 1851 war charakterisiert durch ein Machtgleichgewicht zwischen Peking und St. Petersburg und geprägt von der Einführung dauerhafter, wenngleich unzulänglicher Grenzüberwachung auf beiden Seiten sowie von einem intensivierten Grenzkontakt, insbesondere auf dem Weg über Kjachta, wo das ganze Jahr hindurch grenzüberschreitender Handel stattfand. Die dritte und letzte Phase dauerte von 1851 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und war durch eine Machtverschiebung zugunsten Russlands gekennzeichnet. Mit Unterstützung des neu geschaffenen Transbaikal-Kosakenheers verleibte sich Russland die Territorien nördlich des Armur und östlich des Ussuri ein. Transbaikalien wurde vollständig in das Provinzialsystem des Russländischen Reichs integriert, während russische Kosakentruppen ihren direkten Einfluss am chinesischen Ufer des Argun ausbauten.

Die Anfänge chinesisch-russisches Kontakts: Entstehung eines Machtgleichgewichts

Den ersten indirekten Kontakt knüpften Russland und China unter der Pax Mongolica. Wahrscheinlich waren Kosaken zur Zeit Iwans des Schrecklichen die frühesten russischen Besucher Chinas. Doch eine Audienz beim Kaiser blieb ihnen verwehrt.3 Die russische Expansion in Richtung Sibirien und der Gebiete östlich des Baikalsees, unter anderem die Errichtung russischer Forts in Tjumen (1586), Tomsk (1604), Jenissejsk (1619) und Irkutsk (1654), ermöglichte regelmäßigen Kontakt zwischen beiden Metropolen. Unter den verschiedenen Gruppierungen, die Richtung Osten vorrückten, bildeten die Kosaken das Rückgrat der Eroberung.4

Die nördliche und westliche Expansion der Mandschus, eines tungusischen Volks aus der Mandschurei, und die gleichzeitig stattfindende russische Kolonisierung Ostsibiriens schufen ein gemeinsames, überlappendes Grenzland, in dem die zwei expansionistischen Kräfte zwangsläufig irgendwann aufeinanderprallen würden. Kurz bevor die Mandschus 1644 in China an die Macht kamen, schmiedeten sie ein Bündnis mit den benachbarten mongolischen Stämmen. Infolgedessen kam 1636 die Innere Mongolei unter ihre Kontrolle. Zwischen 1655 und 1691 brachten die Qing Chalcha, den Ostteil der Äußeren Mongolei, unter ihre Herrschaft, und 1750 dann die westmongolischen Oiraten, die die Dsungarei bewohnten. Während das China der Ming-Dynastie (1368–1644) als Nationalstaat angesehen werden kann, dessen Grenzen mehr oder weniger dem Han-chinesischen Siedlungsgebiet folgten, war das Qing-Reich ein Vielvölkerstaat, in dem die Mandschus als Eroberer herrschten.5

Zum ersten direkten Kontakt zwischen China und Russland kam es ein wenig früher in den Jahren 1618 und 1619 auf der Reise einer vom Kosaken Iwan Petlin angeführten russischen Gesandtschaft nach Peking. Es dauerte mehr als drei Jahrzehnte, bis zwischen 1653 und 1657 erneut eine russische Gesandtschaft, diesmal unter Führung Fjodor I. Bajkows, nach Peking reiste. Daraufhin setzten sich die Kontakte sporadisch fort, wurden aber von Zusammenstößen zwischen China und Russland am Überlappungsbereich ihrer Reichsperipherien überschattet. Diese Gesandtschaften verfolgten oft zugleich wirtschaftliche und diplomatische Ziele.6

Unterdessen waren Mitte des 17. Jahrhunderts kosakische Pioniere in den Gebieten östlich des Baikalsees und entlang des Amur angelangt. In den 1650er Jahren hatte Russland erste permanente befestigte Grenzvorposten im östlichen Transbaikalien errichtet. Diese Ostrogi entwickelten sich bald zu Zentren wirtschaftlichen und diplomatischen Verkehrs mit den indigenen Grenzstämmen, insbesondere Nertschinsk (1654) am Ufer der Schilka. Obwohl die Russen bereits zu dieser Zeit damit begannen, die autochthonen tungusischen und mongolischen Völker zu unterwerfen und zu Abgaben, dem sogenannten Jassak, zu zwingen, blieb ihre Präsenz schwach und diffus. Zusätzlich entbrannten in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche Konflikte mit den Einheimischen der Wälder und Steppen Transbaikaliens.7

Hulun Buir, das Gebiet östlich des Argun, wurde dem russländischen Herrschaftsbereich eingefügt, als der tungusische Anführer Gantimur von Hulun Buir, statt sich den Mandschus zu unterwerfen, 1675 russländischer Untertan wurde. Die Russen machten ihn zum Kommandeur eines tungusischen Kosakenregiments, das die Aufgabe hatte, im Bereich Nertschinsk der chinesisch-russischen Grenzregion zu patrouillieren. Die russischen Pioniere mussten zu ihrem Leidwesen bald feststellen, dass die Mandschus das gesamte Amur-Becken und die Territorien westlich des Großen Xing’an-Gebirges als eigene Domäne betrachteten. Das überlegene mandschurische Militär unterband die Errichtung russischer Forts und Dörfer entlang des Amur und des Argun. Dieser Konflikt kulminierte in der Belagerung des russischen Ostrog Albasin in den Jahren 1685 und 1686.8

Vier Dekaden Feindseligkeiten zwischen russischen Kosaken und chinesischen Banner-Truppen sowie der Kampf um Albasin unterstrichen die Notwendigkeit einer einvernehmlichen Festlegung und Absteckung von Grenzen innerhalb der bekannten Gebiete zwischen Peking und Moskau. Die Machtdemonstration der Qing unter Kaiser Kangxi brachte Russland an den Verhandlungstisch. Mit dem Ziel, eine gütliche Lösung zu finden, ernannte Zar Fjodor III. Fjodor A. Golowin zu seinem ersten bevollmächtigten Botschafter in China und entsandte ihn zum chinesischen Kaiser. Dies markierte den Beginn einer neuen, durch Entgegenkommen statt Konflikt charakterisierten Periode der Begegnung beider Mächte.

Bei seiner Rückkehr aus Peking im August 1689 traf Golowin mit seinem mandschurischen Pendant, dem Großsekretär Songgotu (Suo Etu) im russischen Grenzvorposten Nertschinsk zusammen, um das erste substanzielle Abkommen zwischen beiden Mächten auszuhandeln. Das Ergebnis war der Vertrag von Nertschinsk, der erstmals die Grenze zwischen Russland und China festlegte. Er war auch der erste jemals zwischen China und einer europäischen Macht abgeschlossene Vertrag und bildete die Grundlage für eine mehr als anderthalb Jahrhunderte währende vergleichsweise friedliche Phase der Beziehungen zwischen beiden Mächten.

Der erste der sechs kurzen Artikel des Vertrags legte eine Grenzlinie innerhalb des sich überlappenden Grenzlands beider Reiche fest. Der Hauptstrom des Argun bildete demnach den westlichen Grenzabschnitt, sodass Russland von Hulun Buir abgeschnitten wurde. Der nördliche Grenzabschnitt sollte am Gorbiza (heute Amasar), einem linken Nebenfluss der Schilka, beginnen und unregelmäßig bis zum Ochotskischen Meer verlaufen. Die nördlichen Hänge des Stanowoj-Gebirges und die nordwärts zum Lena fließenden Flüsse sollten zu Russland gehören, die südwärts zum Amur fließenden zu China. Durch den Vertrag verlor Russland also den Pazifikzugang über die Amurmündung. Im Hinblick auf die Gebietsverteilung ging zweifellos China als Sieger aus den Verhandlungen hervor. Andererseits erhielt Moskau direkte Vertriebsrechte in Peking, die einer beschränkten Zahl russischer Kaufleute Handelsprivilegien in China verschafften.9

Das mandschurische Qing-Reich hatte zur Zeit des Vertragsabschlusses noch keine vollständige Kontrolle über die nomadischen Stämme der nördlichen Reichsperipherie erlangt. Während es die renitenten Oiratinnen weiter nach Westen drängte, setzte es sich für ein weiteres chinesisch-russisches Abkommen ein, da es fürchtete, sie könnten von Russland Unterstützung erhalten oder als unfolgsame Untertanen dort Unterschlupf finden. Gleichzeitig eröffnete sich mit der chinesischen Kontrolle über die neuen Territorien die Möglichkeit grenzüberschreitenden Handels. Das Ergebnis dieser Konstellation war der 1728 geschlossene Vertrag von Kjachta – das zweite entscheidende Abkommen zwischen beiden Mächten. Im Großen und Ganzen stellte er eine Präzisierung des Vertrags von Nertschinsk und der darin festgelegten Grenze dar. Zu diesem Zweck inspizierte eine gemeinsame Kommission die Grenzlinie und markierte sie mit 63 Grenzsteinen oder Steinhügeln, deren exakte Position in zwei Zusatzprotokollen festgeschrieben wurde. Die Markierung der Grenzlinie wurde in den westlichen Gebieten mithilfe von Chori-Burjaten durchgeführt, denn die lokale Bevölkerung hatte bereits Vorstellungen, wo ihre Stammesgebiete endeten und die benachbarter Stämme begannen.10

Die übrigen Bestimmungen des Vertrags betrafen in erster Linie den grenzüberschreitenden Personen- und Warenverkehr. Die autochthonen Jäger- und Viehzüchternomaden mussten ihre saisonalen Wanderungen einschränken. Diese konnten nun dank der genauen Grenzmarkierung zumindest theoretisch durch die Staaten kontrolliert werden. Einige Artikel des Vertrags enthielten zusätzliche Bestimmungen, die bald zu einer einzigartigen Beziehung zwischen beiden Ländern führte: Der russische Hof in St. Petersburg erhielt die Erlaubnis, Vertreter nach Peking zu entsenden, die in der Hauptstadt der Qing eine Kirchenmission, eine quasi-diplomatische Botschaft und eine Sprachenschule eröffneten.11