Choreographien der Seele - András Wienands - E-Book

Choreographien der Seele E-Book

András Wienands

0,0
18,99 €

Beschreibung

Systemische Sichtweisen in Familie, Partnerschaft, Beruf

Die systemische Herangehensweise ist heute aus Therapie und Beratung nicht mehr wegzudenken. Dieser anschauliche Überblick stellt acht systemische Lösungswege für Partnerschaft, Familie und Beruf vor. Dabei erweitert András Wienands bestehende Ansätze auf lebendig-humorvolle Weise mit Verfahren aus der Körperarbeit: eine neue Art systemischen Arbeitens, die herkömmliche Vorgehensweisen entscheidend bereichert. Beeindruckende Fallbeispiele veranschaulichen das Vorgehen: Wie in einer Choreographie verkörpern die Klienten selbst ihre Anliegen und entwickeln erstaunliche Lösungen. Ideal als fundierter Einstieg in systemische Therapie und Beratung. Und für alle, die den Reichtum körperlicher und seelischer Ressourcen nutzen wollen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 254

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,die sich über die Dinge ziehn.Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,aber versuchen will ich ihn.Ich kreise um Gott, den uralten Turm,ich kreise jahrtausendelang;und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturmoder ein großer Gesang.

RAINER MARIA RILKE

In Liebe und Dankbarkeit meinem Freund und Lehrer Peter Müller-Egloff

1943–2002

Inhaltsverzeichnis

VisionDanksagungVorwortEinleitungTeil I - Ich denke, also bin ich.
1. Symptome als Fähigkeiten - die zirkuläre Perspektive
Symptome gehören allen BeteiligtenSymptome sind BeziehungenSymptome sind LösungenZusammenfassung
2. Konflikt als Chance - die strukturelle Perspektive
Niemand kann einen Konflikt lösen außer die Beteiligten selbstDas Kreieren von KonflikträumenWer liegt hier eigentlich mit wem in Konflikt?Zusammenfassung
3. Herkunft und Identität - die mehrgenerationale Perspektive
Wer bin ich, woher komme ich und wohin gehe ich?Eltern sind erwachsen gewordene KinderDie Schwächen der Eltern zu meinen Stärken machenZusammenfassung
4. Die Lösung ist das Problem - die strategische Perspektive
Vom Suchen nach Lösungen zum (Auf-)Finden von RessourcenUnlogische Lösungen, die Entwicklung ermöglichenLebe du, was ich nicht leben kann, damit ich dich ein Leben lang dafür schimpfen kannZusammenfassung
5. Nichts ist wahr ohne sein Gegenteil - die narrative Perspektive
Nicht nur Kleider, auch Geschichten machen LeuteDie Dekonstruktion der herrschenden BegrifflichkeitenWer bestimmt hier eigentlich mein Leben: ich oder meine Geschichte?Zusammenfassung
6. Heilung durch Begegnung - die humanistische oder wachstumsorientierte Perspektive
Kommunikative Muster als früh gelernte ÜberlebenshaltungDie Freiheit, auf das zu antworten, was ich wahrnehmeZusammenfassung
7. Die Anerkennung der Ausgestoßenen - die phänomenologische Perspektive
Die Integration des FamilienschattensVeränderung als alltäglicher ProzessZusammenfassung
8. Die Logik des Absurden - die symbolisch-erfahrungsorientierte Perspektive
Macht, Mord und SexualitätDie innovativen Kräfte des Ver-rückt-SeinsWo nicht gehasst werden darf, kann auch nicht geliebt werdenZusammenfassung
Acht Perspektiven systemischer Therapie und Beratung im Überblick
Teil II - Ich fühle, also bin ich.
1. Ressourcen - Finde ich den Kontakt zu meinen Ressourcen, finde ich mich selbst
Wonach sehne ich mich in diesem Moment wirklich?Nichts ist schneller als das Leben, schon gar nicht die PsychotherapieRessourcenorientiert zu arbeiten bedeutet, mich dem Klienten anzuvertrauenZusammenfassung
2. Auftrag - Bestimmt das Menschenbild den psychotherapeutischen Auftrag?
Wer ist der Mensch für den Psychotherapeuten?Kindheit, Wahrnehmung, Gefühle, Körper, Verhalten, Familie oder Ressourcen?Menschen können Menschen heilen, nicht MethodenAuftrag ist das, was der Klient zum Auftrag machtDas Entwickeln von Aufträgen, die der Klient anhand seiner Ressourcen eigenständig lösen kannZusammenfassung
3. Kontext - Vergangenheits-, gegenwarts- und zukunftsorientiert
Individuum oder System?Fremdgehen – Fluch oder Segen?Mit der Liebe der KinderseeleExpeditionen in das FamilienunbewussteWas du hasst, das hast duIn meinem Hass liegt meine Liebe für dichSexualität ist KonfliktDu tust mir wehEin Tag ohne Streit ist ein verlorener TagIndem ich wünsche, liebe ichZusammenfassung
4. Energie - Leben als energetisches Geschehen
Den Menschen fördern, heißt auch, dessen Lebendigkeit fördernDer Klient als Regisseur, seine Psyche als SchauspielerErst erleben, dann verstehenNicht abreagieren, sondern integrierenLebende Systeme erzeugen das ihnen FehlendeZusammenfassung
5. Erfahrung - Von der Destruktion zur Aggression
Suchprozesse auslösenMit dem Strom gehenEdel, hilfreich und gutMeine Phantasien als energetischer Motor für Wachstum, Entwicklung und VeränderungZusammenfassung
6. Haltung - Psychotherapie als innere Haltung
Wo ich Wachstum suche, muss ich lieben lernenIm Ausdruck lebendiger, in der Achtsamkeit sanfterBegegne dir selbst, dann begegnest du deinem KlientenZusammenfassung
Sechs Begriffe Systemischer Psycho-Somatik im Überblick
Teil III - Ich handle, also bin ich.
EinleitungChoreographien
NachwortLiteraturhinweiseÜber den AutorCopyright

VISION

Ich habe die Vision von einer Welt,

...in der Staaten, die gegeneinander in den Krieg ziehen, innehalten und sich die Frage stellen: Wer hat hier mit wem einen Konflikt? Ich mit dir oder dein Vater mit meinem Vater?...in der Ehepartner, die sich bekämpfen, innehalten und sich die Frage stellen: Inwiefern lade ich meinen Partner zu dem Verhalten ein, das ich so entschieden ablehne?...in der Väter, die ihre Söhne ablehnen, in der Mütter, die ihre Töchter ablehnen, innehalten und sich die Frage stellen: In welchen Konflikt mit meiner Herkunftsfamilie werde ich durch meinen Sohn, durch meine Tochter zurückgeschickt?...in der Kollegen, die sich nicht mehr in die Augen schauen, innehalten und sich die Frage stellen: Vor welchen Gefühlen haben wir beide eigentlich solche Angst?...in der Lehrer, die ihre Schüler hassen, Schüler, die ihre Lehrer hassen, innehalten und sich die Frage stellen: Wer bestimmt eigentlich mein Leben? Ich oder meine Geschichte?...in der Familien mit magersüchtigen, psychotischen, depressiven und süchtigen Familienmitgliedern innehalten und sich die Frage stellen: Wenn das Symptom uns allen gehört, welche beziehungsgestaltenden Fähigkeiten müssen wir dem Symptom abnehmen, damit es gehen kann?...die innehält und sich die Frage stellt: Welch ein absurdes Theaterstück führen wir eigentlich tagtäglich auf?

Kurz: Ich habe die Vision von einer Welt, die innehält und sich endlich die Frage stellt: Wie lange wollen wir noch versuchen, zirkuläre Phänomene linear zu beantworten?

DANKSAGUNG

Ich möchte mich bei meinen beiden Freunden und Lehrern Peter Müller-Egloff und Frank Moosmüller bedanken. Ihre Weisheit hat mich gelehrt, mein Herz zu öffnen. Ein von Herzen kommender Dank gilt unserem Team und meinen Kolleginnen und Kollegen. Besonders bedanken möchte ich mich bei meinem Bruder im Geiste, Malte Müller-Egloff. Bei unseren Ausbildungsteilnehmern und meinen Klienten, die mich gelehrt haben, an die Kraft im Menschen zu glauben, möchte ich mich ebenfalls bedanken. Bei Kathrin, Ulf und Christian möchte ich mich dafür bedanken, einen so wundervollen Ort zum Leben und Arbeiten geschaffen haben. Dem Viertel, in dem ich lebe und arbeite, Berlin-Prenzlauerberg, möchte ich für seine Bereitschaft danken, innovative Wege im gesellschaftlichen Miteinander zu erproben. Dagmar Olzog und Heike Mayer möchte ich für ihren Mut danken, dieses Buch zu verlegen, und für ihr Engagement dabei, unsere Arbeitsweise einem größeren Publikum bekannt zu machen. Ein ganz besonderer Dank gilt meiner Frau Silke. Von ihr habe ich gelernt, was ich von niemand anderem hätte lernen können, und sie hat meine Gedanken in einer Weise bereichert, wie sie niemand anderer hätte bereichern können. Unserem Sohn danke ich dafür, mich das Staunen zu lehren. Meinem Vater danke ich für seine Weisheit, meiner Entwicklung zu vertrauen. Meiner Mutter danke ich für ihre Liebe. Meiner Schwester danke ich für ihren Mut, mich in ihre Welt mitzunehmen. All jenen und noch vielen anderen möchte ich sagen: Dieses Buch ist durch unsere Begegnung entstanden.

VORWORT

Liebe Leserin, lieber Leser,

im ersten Abschnitt dieses Buches möchte ich Ihnen das Fundament vorstellen, das meine Vorgehensweise in Therapie, Beratung, Supervision und Coaching bestimmt: acht systemische Lösungen für Partnerschaft, Familie und Beruf. Hierzu werde ich Ihnen einen Einblick in die

zirkulärestrategischemehrgenerationalestrukturellewachstumsorientierteerfahrungsorientiertenarrativeund phänomenologische

Perspektive der systemischen Therapie und Beratung geben. Ich habe das systemische Feld in acht (Beziehungs-)Perspektiven unterschieden, um einen Überblick zu ermöglichen, der es jedem selbst erlaubt zu entscheiden, welche Perspektive mehr und welche weniger Bedeutung erhalten soll. Weder ist es meine Absicht, mit der jeweiligen Perspektive die Autoren wiederzugeben, die als Begründer der jeweiligen Ansätze gelten. Noch möchte ich Ihnen die spezifischen Fragestellungen und Problemfelder aufzeigen, denen sich die Ansätze im Einzelnen gewidmet haben. Ich möchte Ihnen jedoch zeigen, wie die jeweilige Perspektive in meine Sicht auf Beziehungen Eingang gefunden hat. Mancher meiner Gedanken ist hierbei Wiedergabe, mancher Weiterentwicklung und mancher Neuschöpfung.

Am Ende jedes Kapitels finden Sie eine Zusammenfassung der essentiellen Aussagen in Form von relevanten Fragestellungen. Ich hoffe Ihnen auf diese Weise das Wesentliche der verschiedenen Perspektiven deutlich machen zu können.

Im zweiten Abschnitt möchte ich Ihnen eine neunte Perspektive systemischer Therapie und Beratung anhand der Begriffe

AuftragRessourcenKontextEnergieErfahrungund Haltung

nahe bringen. Während ich Ihnen im ersten Abschnitt das systemische Fundament zeige, das meine Arbeitsweise bestimmt, möchte ich Ihnen im zweiten Abschnitt das Haus beschreiben, das ich auf dieses Fundament gebaut habe. Es ist mein Haus, angepasst an mein Bedürfnis, eine therapeutische Arbeitsweise zu entwickeln, die den Körper (Berührung und Bewegung), den Geist (Wort und Bild) und die Seele (Gefühle) gleichermaßen als bedeutsame Ressourcen menschlicher Entwicklung begreift. Ich möchte Ihnen im zweiten Abschnitt das Herzstück meiner Arbeitsweise vorstellen.

Der dritte Abschnitt ist der Praxis gewidmet. Ich habe aus den Bereichen Beratung, Therapie, Supervision und Coaching rund fünfzig Beziehungschoreographien zusammengestellt, die meine Arbeitsweise sichtbar machen. Die choreographische Darstellung von Beziehungen wird dabei als eine Möglichkeit vorgestellt, festgefahrene Beziehungssituationen zu verlebendigen und verkörperte systemische Lösungen in den Beziehungsalltag zu integrieren. Das Vorgehen wird anhand der Fallbeispiele so veranschaulicht, dass die individuelle Geschichte, Identität und Lebensfreude der Beteiligten gefördert wird – im Sinne von: Berührung bewegt und bewegt zu sein berührt.

EINLEITUNG

Es gibt keinen Menschen ohne Vergangenheit (1). Es gibt keinen Menschen ohne Gegenwart (2). Und es gibt keinen Menschen ohne Zukunft (3).

Es gibt keinen Menschen ohne Kindheit und eine Geschichte (1), es gibt keinen Menschen, der nicht im »Hier und Jetzt« seine Beziehungen gestaltet (2), und es gibt keinen Menschen, der sich nicht Gedanken macht über seine Zukunft (3).

Es gibt demnach keinen Menschen ohne tiefere Bewusstseinsschichten, die in den Erfahrungen seiner Kindheit wurzeln (1), es gibt keinen Menschen, der nicht im »Hier und Jetzt« seine Beziehungen gestaltet, der nicht auf eine spezifische Weise mit seinen Gefühlen umgeht, der nicht auf eine spezifische Weise die Welt, in der er lebt, begreift und Unbekanntes (kennen) lernt (2), und es gibt keinen Menschen, der sich nicht auf eine spezifische Weise mit seinen Visionen und Ängsten bezüglich seiner Zukunft auseinander setzt (3).

Schließlich gibt es keinen Menschen ohne einen Körper (4). Meine Geschichte manifestiert sich ebenso in meinem Körper wie die Art und Weise, wie ich im Hier und Jetzt Beziehungen gestalte und wie ich über meine Zukunft nachdenke. Ich bin auch mein Körper und ohne meinen Körper bin ich nicht. Habe ich meinen Körper verloren, so habe ich mich selbst verloren. Finde ich meinen Körper, so finde ich mich selbst.

Ich wünsche mir eine Psychotherapie, die sich um den Menschen in seiner Kinderseele bemüht (1), die die Eigenverantwortung betont, indem sie den Menschen als jemanden sieht, der im Augenblick Beziehungen gestaltet und verändern kann, (2) und die den Menschen in seinen Hoffnungen, Sehnsüchten und Visionen von einer besseren Zukunft sieht (3). Und schließlich wünsche ich mir, dass dieser Blick auf den Menschen in einer stimmigen Balance zwischen Körper, Geist und Seele stattfindet (4).

Wenn wir akzeptieren können, dass es keinen Menschen ohne Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gibt, dass es keinen Menschen ohne Körper, Geist und Seele gibt, dann müssen wir beginnen, uns mit einem liebevollen Blick dem zuzuwenden, was die großen Autoren psychotherapeutischer Theorien im vergangenen Jahrhundert entwickelt haben. Freud, Reich, Perls, Rogers, Skinner, Satir, Erickson, um nur einige wenige Namen zu nennen, haben sich ihr Leben lang mit großer Intensität und Kreativität dem Wachstum des Menschen gewidmet. Ich wünsche mir von mir selbst einen liebevollen Blick auf die Väter und Mütter der Psychotherapie. Ich möchte achtsam sein im Umgang mit dem, was sie errungen haben. Und ich wünsche mir, dass die Psychotherapie sich als große Familie begreift. Trotz aller Steine, die solch einer Entwicklung – zumindest hier zu Lande – in den Weg gelegt werden.

Milton Erickson ging davon aus, dass für jeden Klienten eine eigene Therapie entwickelt werden muss. Davon bin auch ich überzeugt, nur muss meiner Meinung nach nicht der Therapeut, sondern auch der Klient seinen eigenen Weg der Heilung finden. Meine Aufgabe als Therapeut besteht darin, ihm dabei zu helfen, ihm verschiedene Bausteine anzubieten. Welche der Klient für seine Entwicklung nutzen will, muss dem Klienten überlassen bleiben. Gerade in dieser achtsamen Hilfe bei der Suche des Klienten nach dem für ihn Heilsamen liegt ein wesentlicher Moment der Psychotherapie. Um einen vorurteilsfreien Blick auf den Menschen zu ermöglichen, muss ich in den entscheidenden Momenten zwischenmenschlicher Begegnung frei sein von Theorien aller Art. Erst im Nachhinein können wir uns gemeinsam fragen, auf welche Weise wir das Geschehene einordnen wollen. Dann sollte der Therapeut über ein reiches Repertoire an Möglichkeiten verfügen. Kreativität wird nur dann möglich, wenn wir auf der Basis verschiedener Möglichkeiten einzigartige Kombinationen für den Augenblick treffen können.

Theorien sind Modelle, Versuche, die Wirklichkeit, wie wir sie erleben, abzubilden. Wirklichkeit ist aber zu komplex, um »wirklich« abgebildet werden zu können. Insofern glaube ich, dass wir nicht an einer einzigen Wirklichkeitsbeschreibung festhalten dürfen, sei diese tiefenpsychologisch, humanistisch, behavioural oder systemisch geprägt. Erst die Gesamtschau kann uns davon befreien, einer einzigen Wirklichkeitsbeschreibung zu glauben, und damit den Grundstein für die Heilung zwischenmenschlicher Verletzungen zu legen. Ich wünsche mir daher von mir selbst, nie das Gefühl zu haben, etwas »wirklich« und »endgültig« verstanden zu haben. Jede Theorie, jeder Begriff ist Unterscheidung. Um unterscheiden zu können, muss ich ausblenden. Theorien funktionieren, weil sie ausblenden. Jede Theorie ist daher, weil sie eine Theorie ist, wahr und falsch zugleich. Es kann demnach nicht mehr um die Wahrheit einer Aussage oder Beschreibung gehen, sondern lediglich um deren Nützlichkeit. Im Idealfall konfrontieren wir uns mit sich widersprechenden Theorien so, dass die eine Theorie oder Perspektive die »Verblendung« der anderen Theorie wieder »einblendet«. Sehr viel mehr können wir nicht tun. Es bliebe nur, gänzlich auf Theorien zu verzichten. Aber auch dies wäre eine »Einbildung«. Denn unser Handeln ist immer – bewusst oder unbewusst – von theoretischen Annahmen bestimmt.

Systemisch zu schauen bedeutet im tieferen Sinne ein Loslassen, ein Loslassen von Theorien aller Art bei der gleichzeitigen Bereitschaft, gemeinsam eine Beschreibung, eine Theorie, zu finden, vielleicht auch zu »erfinden«, die allen gleichermaßen nützlich erscheint. Da dies jedoch unmöglich ist, bleibt nur ein Prozess kontinuierlicher Entwicklung, ohne Ziel, ohne Lösung und ohne Wahrheit, stets in Ver-Handlung und Ent-Wicklung.

Warum der Titel: Lösungsorientierte Systemische Psycho-Somatik?

Mit lösungsorientiert meine ich eine den Perspektivenreichtum und den Perspektivenwechsel fokussierende Vorgehensweise. Systemisch bedeutet für mich, der Welt mit einem liebevollen Blick zu begegnen, einem Blick, der Ressourcen sucht, Möglichkeiten betont und das Wertvolle sieht.

Psycho-Somatik entspricht meinem Wunsch, Psyche und Soma, Körper, Geist und Seele innerhalb einer ganzheitlichen Psychotherapie als ein System zu begreifen.

Wenn mein Buch ein kleiner Schritt auf dem Weg Ihrer Ver- und Entwicklung ins und im Leben sein darf, würde mich das sehr freuen.

Teil I

Ich denke, also bin ich.

Systemische Lösungen in Partnerschaft, Familie und Beruf

Acht Perspektiven systemischer Therapie und Beratung

1. SYMPTOME ALS FÄHIGKEITEN

Die zirkuläre Perspektive

Das Wesentliche der systemisch-zirkulären Perspektive besteht darin, Symptome nicht mehr als lästiges Übel, als Mangel an Kompetenzen oder Fähigkeiten oder als immer gültige Traumen zu begreifen. Konflikte und Symptome sind Phänomene, die im Hier und Jetzt gemeinsam, durch die Art und Weise, mit der ich zu mir und zu anderen in Beziehung trete, erzeugt werden. Symptome sind Interaktionen oder, noch plastischer, Symptome sind Beziehungen. Also eben gerade nicht feststehende Eigenschaften einer Person, sondern Antworten auf den Beziehungsbeitrag meiner Selbst und anderer. Symptome gehören all jenen, die an der Gestaltung konfliktreicher Beziehungen in der einen oder anderen Form beteiligt sind. Symptome sind beziehungsgestaltende Fähigkeiten. Diese drei Aussagen möchte ich erklären: Symptome sind Beziehungen, Symptome gehören allen Beteiligten und Symptome sind beziehungsgestaltende Fähigkeiten.

Symptome gehören allen Beteiligten

Warum sind meine Symptome oder Konflikte, die ich in der Beziehung zu einer oder mehreren Personen erlebe, beziehungsgestaltende Fähigkeiten? Sie übernehmen die Gestaltung bedeutsamer Beziehungen in einer Art und Weise, zu der ich, bei dem momentanen Stand meiner Entwicklung, nicht in der Lage bin. Und wenn ich sage, dass ich nicht in der Lage bin, bedeutet das etwas gänzlich anderes, als wenn ich sagen würde, dass ich dazu nicht fähig bin. Ich glaube, dass jeder Mensch über die ihm momentan vielleicht nicht bewusste, dennoch aber immer vorhandene Fähigkeit verfügt, zu sagen, was ihm gut tut. Es gibt auch bei einem verletzten Menschen einen immer noch unverletzten Kern mit dem Wissen darüber, was er gebraucht hätte und was er heute braucht. Insofern glaube ich nicht daran, dass ein Mensch nicht fähig ist, das für ihn Richtige zu tun. Ich gehe davon aus, dass ihm momentan die Hände gebunden sind, dass er sich bewusst oder unbewusst innerhalb seiner Familie oder seiner reinszenierten Beziehungserfahrungen verantwortlich fühlt. Verantwortlich dafür, das in den Beziehungen Fehlende einzufordern.

Symptome oder Konflikte beginnen also wie ein Vater, wie eine Mutter, auf mich und andere einzuwirken, in der Hoffnung, damit jene Entwicklungsschritte zu ermöglichen, vor denen ich mich, vor denen wir uns fürchten.

Wenn ich davon ausgehe, dass Symptome immer Reaktionen auf Beziehungskonflikte darstellen, dann enthalten Symptome oder wiederkehrende Konflikte immer auch Antworten, unabhängig davon, ob das »Symptom« mir oder meinem Partner »gehört«. Es gehört weder mir noch ihm, es gehört uns beiden. Ich lade meinen Partner, meine Partnerin dazu ein, Symptome zu zeigen, anhand derer wir uns auseinander setzen und entwickeln können. Zeigt mein Partner demnach ein Verhalten, das mich in den Konflikt holt, kann ich mich immer auch fragen, welchen Entwicklungsschritt ich zu gehen habe, wofür ich das brauche.

Symptome sind Beziehungen

Wir unterliegen dem Irrglauben, durch das Verlassen unserer Familien auch unsere erlernten Beziehungsmuster zu verlassen. Dem ist nicht so. Wir tragen unsere Familien – und das bedeutet die Beziehung zu jedem Einzelnen in der Familie und die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander – in Form einer inneren Familie stets mit uns. Unser Leben stellt in diesem Sinne immer auch eine Antwort auf die Erfahrungen innerhalb unserer Herkunftsfamilien dar. Ich antworte, indem ich lebe, ich rufe in die Berge und bekomme ein Echo, das sehr an die Erfahrungen innerhalb meiner Familie erinnert. Ich sehne mich danach, dass dieses Echo ein anderes sei, dass anders auf mich reagiert wird, und vergesse, dass ich derjenige bin, der das Echo auslöst. Der heute so intensiv praktizierte Versuch, durch die Entfernung von den Eltern und der Herkunftsfamilie, durch Umzug in andere Städte oder Länder Entwicklung anzustoßen, kann so lange keinen Erfolg haben, solange ich durch diese Trennung den anstehenden Auseinandersetzungen entfliehe. Es reagieren dann zwar keine Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten oder Geschwister mehr auf mich, da ich jedoch meinen Beziehungsbeitrag nicht entscheidend verändert habe, bleibt die Antwort durch meine Partnerin, meinen Partner, Kinder, Freunde und Kollegen dieselbe.

Ich kann das verändern, sogar entscheidend verändern, aber das muss ich wollen; d.h. ich muss die Auseinandersetzungen wollen, die dafür notwendig sind. Dazu muss ich auch die Reinszenierungen bejahen, die ich immer und immer wieder innerhalb der für mich bedeutsamen Beziehungen herstelle. Ich die meinen und du die deinen. Erst wenn wir beide die Bereitschaft mitbringen, uns diese Reinszenierungen anzuschauen, birgt die Wiederholung der immer selben Verletzung eine Chance. Die Chance, etwas zu verstehen, die Chance, dadurch eine Kleinigkeit zu verändern, und die Chance, durch die Veränderung dieser Kleinigkeit weitere Veränderungen anzuregen. Die Reinszenierung von alten Konflikten und alten Symptomen ist daher keine Sackgasse, sie ist eine Chance: eine Chance, die ich als solche erkennen kann, die ich bejahen, der ich zustimmen kann. Unter Reinszenierung verstehe ich die Wiederholung der immer selben Verletzungen innerhalb meiner Beziehungen. Dabei ist es mir jedoch ebenso wichtig zu fragen, was ich tue, um meine Verletzungen immer wieder herzustellen. Die Frage, wie ich meine Verletzungen aufrecht erhalte, ist für mich ebenso bedeutsam wie die Frage nach der Quelle, d.h. die Frage, wann und auf welche Weise meine Kinderseele so verletzt wurde, dass es für meine Entwicklung bedeutsam ist, diese Verletzungen innerhalb meiner Beziehungen zu wiederholen.

Wenn ich lerne, Symptome in diesem Sinne zu begreifen, als Eltern, die dafür sorgen, dass wir in der Schule des Lebens unsere Hausaufgaben machen, dann kann ich auch verstehen, inwiefern Symptome unbewusste beziehungsgestaltende Fähigkeiten sind, die unsere gemeinsame Beziehung wie ein dritter Beziehungspartner mitgestalten.

Symptome enthalten wichtige Informationen über Wünsche, Sehnsüchte, Bedürfnisse nicht nur desjenigen, der ein Symptom zeigt, sondern aller Beziehungspartner.

Die Abteilung einer Firma, die als symptomatisch bezeichnet wird, enthält in ihren Konflikten die Informationen, die für die Entwicklung der gesamten Organisation entscheidend sind. Der Partner, der Symptome zeigt, ist der eigentliche Coach der Partnerschaft. Das Familienmitglied, das Probleme erzeugt, regt eine Auseinandersetzung innerhalb aller Familienbeziehungen an.

Symptome sind Lösungen

Symptome, Konflikte und Probleme zeigen sich immer an der sensibelsten Stelle, ähnlich dem menschlichen Organismus. Der Körper hält viel aus, bevor er sich meldet, meist an einer ganz bestimmten Stelle. Fixieren Sie sich nun auf dieses eine Organ, diese eine Entzündung, sehen Sie nicht den Druck, der auf den gesamten Organismus ausgeübt wird und ihn lediglich an dieser einen Stelle, ähnlich einem Überdruckventil, zum Platzen bringt. Die Seele reagiert nicht anders. Und da wir Menschen in Beziehungen leben, uns anhand unserer Beziehungen definieren, bilden wir, zumindest in dauerhaften Beziehungen, ebenfalls einen Organismus. An welcher Stelle dieser Organismus sein Überdruckventil öffnet, ist relativ unbedeutend. Viel entscheidender ist es, zu verstehen, von welchen Entwicklungsaufgaben der Organismus oder die Beziehung überfordert ist.

Wenn ich lerne, Symptome wie aggressives Verhalten, Depression, Alkohol- oder Drogensucht, Angst, Zwang oder Konflikte als Informationen über Bedürfnisse und Beziehungssehnsüchte zu lesen, dann werde ich zu einem Dolmetscher innerhalb meiner Beziehungen.

Ich interessiere mich nicht nur für die Ursachen eines Symptoms, sondern auch für dessen beziehungsgestaltende Auswirkungen. Der schwierige Kollege artikuliert dann über seine Streitsucht meine fehlende Abgrenzung meinem Chef gegenüber, die marode Abteilung die fehlenden Visionen einer ganzen Firma, das aggressive Verhalten des Sohnes die fehlende Aggression der Mutter im Konflikt mit mir.

Natürlich verbalisiert das Symptom oder Problem immer auch die Bedürfnisse des Einzelnen, d.h. den Wunsch, sich vom Chef abzugrenzen, den Wunsch, als Abteilung wieder eine Vision zu entwickeln, den Wunsch, in den eigenen Aggressionen eine liebevolle, aber unerschütterliche Begrenzung durch den Vater zu erfahren. Dennoch ist es immer auch von Bedeutung für das gesamte System. Wenn ich mich diesen beziehungsgestaltenden Auswirkungen zuwende, diesen unbewussten Versuchen der Konfliktlösung, dann wird es mir möglich, dieselben Auswirkungen auf einer bewussten Ebene herzustellen, ohne den Preis der Symptomatik zu bezahlen.

Symptome sind wichtige Aufgaben. Therapie und Beratung sind eine Unverschämtheit, solange sie lediglich versuchen, den Symptomträger symptomfrei zu machen. Und viele Klienten wehren sich dagegen. Das wird dann Widerstand genannt. Ich bin im Widerstand, die Firma, die Familie, der Klient ist im Widerstand. Nein, wir sind nicht im Widerstand, wir haben lediglich – wenn auch unbewusst – das Gefühl, dass die Informationen oder die Bedürfnisse, die in unserem Konflikt oder der Symptomatik artikuliert werden und für alle Systembeteiligten lebensnotwendig sind, noch nicht in alternative Muster umgesetzt wurden. Stellen Sie sich vor, Ihr Partner, Ihre Familie, Ihre Abteilung hat von morgens bis abends nichts Besseres zu tun, als Ihr Symptom – alles, was Sie anbieten, alles, was Sie vorschlagen, alles wozu Sie einladen –, abzulehnen und zu entwerten. Was nun? Die Chance besteht darin, die Information, die in dieser Reaktion enthalten ist, zu verbalisieren, im Sinne von »Wie du, wie Sie auf mich reagieren, verletzt mich, ich fühle mich hilflos und ohnmächtig«.

Warum ist das so wichtig? Warum ist es so wichtig, das zu benennen, was mein Partner, meine Kollegin, mein Vater, mein Sohn oder mein Klient bei mir auslöst? Weil mein Beziehungspartner nur so eine Chance hat, etwas über sein Verletztsein, über seine Gefühle der Ohnmacht, seine Gefühle der Hilflosigkeit zu lernen. Ich artikuliere in diesem Moment etwas, was mir mein Beziehungspartner über sein Verhalten lediglich zeigen kann. Der Mut zu meiner eigenen Verletzlichkeit beinhaltet für alle Beteiligten die Chance, einen neuen Umgang mit Verletzungen zu erlernen. Erst auf diesem Wege können die beziehungsgestaltenden Fähigkeiten einer Symptomatik für alle Beteiligten sichtbar werden. Dazu braucht es aber den Mut von mir, von dir, von Lehrern, Erziehern, Pädagogen, Managern, Personalentwicklern, Therapeuten und vielen mehr, zur eigenen Verletzbarkeit zu stehen. Wenn es uns möglich wird, zu vermitteln, dass Symptome keine Eigenschaften eines Einzelnen, sondern Beziehungen zweier oder mehrerer Personen spiegeln, dass Symptome allen Beteiligten gehören und dass sie unbewusste und kreative Lösungen innerhalb schwieriger Beziehungen aufzeigen, dann können wir vielleicht verstehen, was es bedeutet, zu sagen: Symptome sind Lösungen.

ZUSAMMENFASSUNG

Das Wesentliche der systemisch-zirkulären Perspektive besteht darin, Symptome nicht mehr als lästiges Übel, als Mangel an Kompetenzen oder Fähigkeiten oder als immer gültige Traumata, sondern als beziehungsgestaltende Fähigkeiten zu verstehen.

Wie trete ich mit meinen Mitmenschen in Beziehung, um mein Symptom, meinen Konflikt, mein Problem zu erzeugen?Welchen Entwicklungsauftrag beinhaltet mein Symptom, Problem, Konflikt?Übernimmt mein Symptom, Problem, Konflikt die Gestaltung meiner Beziehungen in einer Art und Weise, zu der ich in der momentanen Phase meiner Entwicklung nicht in der Lage bin?Fordere ich durch mein Problem das in meinen Beziehungen Fehlende – jene Beziehungserfahrungen, die zu kurz kommen – ein? Sind mir meine Wünsche für eine veränderte Beziehungsgestaltung bewusst, erscheinen mir jedoch als zu bedrohlich?Bin ich also durchaus in der Lage zu benennen, was mir gut tun würde, will mir dies jedoch nicht erlauben?Lade ich mein Problem dazu ein, sich wie ein Vater, wie eine Mutter um mich zu bemühen, in der unbewussten Hoffnung, damit jene Entwicklungsschritte zu ermöglichen, vor denen ich mich fürchte?Übernimmt mein Problem für bedeutsame Bezugspersonen und deren Entwicklung Verantwortung in einer Weise, die mich meine eigene Entwicklung kostet?Lade ich Bezugspersonen dazu ein, mir gegenüber ein problematisches Verhalten zu zeigen, um mir Entwicklung zu ermöglichen?Vor welchem Entwicklungsschritt habe ich Angst?

Unser Leben stellt in diesem Sinne immer auch eine Antwort auf die Erfahrungen innerhalb unserer Herkunftsfamilien dar. Wir antworten, indem wir leben, wir rufen in die Berge und bekommen ein Echo, das sehr an die Erfahrungen innerhalb unserer Familien erinnert.

Kann ich den Reinszenierungen zustimmen, die ich immer und immer wieder innerhalb der für mich bedeutsamen Beziehungen herstelle?Wie kann ich den Beziehungsbeitrag gegenüber meinem Partner, meiner Partnerin, meinen Kindern, Freunden und Kollegen verändern, um diese zu einem veränderten Beziehungsbeitrag mir gegenüber einzuladen?

Wenn ich lerne, Probleme als Themen zu begreifen, die für uns alle bedeutsam sind, als Eltern, die dafür sorgen, dass wir in der Schule des Lebens unsere Hausaufgaben machen, dann kann ich auch verstehen, inwiefern Symptome, Probleme und Konflikte unbewusste beziehungsgestaltende Fähigkeiten sind, die unsere Beziehung wie ein dritter Beziehungspartner mitgestalten.

Welche wichtigen Informationen über meine Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse enthält mein Problem?Welche wichtigen Informationen über meine Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse enthält das, was ich am Beziehungsverhalten meines Gegenübers als problematisch bezeichne?Welche wichtigen Informationen über Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse aller enthält das als problematisch bezeichnete Verhalten?

Wenn wir uns diesen beziehungsgestaltenden Auswirkungen zuwenden, diesen unbewussten Versuchen der Konfliktlösung, dann wird es möglich, dieselben Auswirkungen auf einer bewussten Ebene herzustellen, ohne den Preis der Symptomatik zu bezahlen.

Welche beziehungsgestaltenden Fähigkeiten übernimmt unsere Problematik innerhalb der Beziehungen, für die das Problem relevant ist?Wenn der so genannte Widerstand eine Bedürfnisinformation ist, welches meiner, welches unserer Bedürfnisse will ich nicht wahrnehmen?Welche Auswirkungen und Entwicklungsaufträge müssten berücksichtigt werden, damit das Symptom in seiner Rolle als Nachhilfelehrer aus unseren Beziehungen entlassen werden kann?Welche meiner Verletzungen kann ich im Kontakt mit dir verbalisieren, um uns beiden die Chance zu geben, etwas darüber zu lernen, wie wir verletzt wurden und heute andere verletzen? Wie kann ich dich durch meinen Mut zur Verletzlichkeit dazu einladen, dir deiner Verletzlichkeit im Kontakt mit mir bewusster zu werden?Welche Chancen birgt ein mutiger Umgang mit unseren Wunden für unsere Beziehung?

2. KONFLIKT ALS CHANCE

Die strukturelle Perspektive

Auch wenn es absurd klingen mag: Im Folgenden möchte ich erklären, warum ich es für sinnvoll halte, Konflikte zu aktivieren, anstatt Konfliktvermeidung zu akzeptieren. Erst wenn sich der subtile Kampf in Form offener Auseinandersetzungen entfaltet, können sich neue Entwicklungen einstellen. Dazu ist es notwendig, dass ich den Mut habe zu benennen, wie ich in diesem Moment mit dir umgehe, innerhalb der Diskussion, die wir jetzt gerade führen. Vergangene Interaktionen zu diskutieren ist dabei ebenso wenig konstruktiv wie zukünftige. Ich habe nur dann eine Chance, mich in meinen Verletzungen zu zeigen und dich in deinen Verletzungen zu sehen, wenn ich den Blick auf das lenke, was wir in diesem Augenblick miteinander erleben.

Niemand kann einen Konflikt lösen außer die Beteiligten selbst

Das, was momentan passiert, entspricht all unseren vergangenen und möglicherweise auch zukünftigen Interaktionen, da es demselben Beziehungsmuster entspringt.

Konfliktpartner haben nur dann eine Chance, sich in ihren Verletzungen zu zeigen und zu sehen, wenn sie den Blick auf das lenken, was im Moment zwischen ihnen geschieht.

Reden wir über das, was war, oder über das, was sein wird, lenken wir von dem ab, was im Augenblick geschieht und damit von der Möglichkeit, unseren Beziehungsbeitrag in diesem Moment zu verändern. Ich möchte hingegen mit dir eine neue Erfahrung machen, eine neue Form der Auseinandersetzung kennen lernen. Eine grundlegende Bedingung hierfür liegt darin, dass ich erkenne, dass die Verantwortung für den Umgang mit meinen Konflikten ausschließlich bei mir selbst liegt. Das klingt einfach, wird jedoch in der Regel nicht praktiziert.

Einerseits gibt es immer Personen, die sich für die Konfliktmoderation verantwortlich fühlen. Die Tochter glaubt, dass ohne ihre Präsenz im Konflikt von Vater und Mutter der Vater die Familie verlassen wird. Der Kollege meint, dass ohne seine Vermittlung die Kollegin die Firma verlassen wird. Der Chef glaubt, dass ohne sein Moderieren die beiden Kollegen nicht zueinander finden werden. Die Großeltern sind überzeugt, dass ohne ihr Engagement die Reibungen zwischen den Eltern und ihren Enkelkindern nicht gelöst werden. Die Schwester meint, dass ohne ihre Hilfe ihr Bruder niemals mit ihrem Vater auf einen grünen Zweig kommen wird. Diese Reihe ließe sich unendlich fortsetzen.

Andererseits gibt es immer Personen, die ich bewusst oder unbewusst dazu einlade, sich in meine Konflikte einzumischen. So werden Kinder, Freunde, Kollegen und Eltern zu Beratern gemacht, was in der Regel nur eine Stabilisierung der Konflikte zur Folge hat. Das Problem ist, dass ich dies tue, weil ich glaube, meine Konflikte nicht alleine lösen zu können. Aber niemand kann einen Konflikt lösen außer den Beteiligten selbst. Niemand kann den ersten Schritt machen außer ich oder du. Niemand kann beginnen, von den Verletzungen zu erzählen, außer du oder ich. Und dabei können uns keine Kinder, keine Freunde, keine Kollegen helfen, ja nicht einmal Psychotherapeuten. Diese können lediglich dafür sorgen, dass ich beginne, mich meinen Verletzungen zu stellen, ohne einen Berater zu Rate zu ziehen, der dann doch nur auf meiner Seite sein soll.

Das Kreieren von Konflikträumen