Chosen to Play - Julia Porath - E-Book

Chosen to Play E-Book

Julia Porath

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Beschreibung

Chosen To Play- Dieses Buch ist ein unverzichtbarer Begleiter für alle, die junge Fußballtalente im Leistungssport unterstützen wollen. Es beleuchtet die häufigsten Herausforderungen und Unsicherheiten, die in der Begleitung von Nachwuchstalenten auftreten, und bietet praktische Lösungen, um Fehlentscheidungen zu vermeiden und die Karriere des Spielers gezielt zu gestalten. Ideal für Eltern, die ihren Kindern den Traum des Profifußballers ermöglichen möchten, für Trainer, die ihre Spieler zu Höchstleistungen führen wollen und Vereinsverantwortliche, die außergewöhnliche Talente verpflichten und langfristig halten möchten.

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Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2024

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JULIA PORATH

CHOSEN

TO PLAY

AUSGEWÄHLT ZUM SPIELEN

SIBOST Verlag

Sabrina Bomke & Michael Sindija

Neuheikendorfer Weg 123 A24226 Heikendorfwww.sibost-verlag.de

Lektorat: Lektorat Buchgezeiten

Korrektorat: Lektorat Gedankengut

Bilder: Shutterstock; aus dem Privatarchiv der Autorin; Jana Nemitz Fotografie

Cover/Umschlagsgestaltung: Phantasmal Image

EBook-Erstellung: Florian Koßmann

ISBN 978-3-98262-6-475

© SIBOST Verlag 2024

Alle Rechte vorbehalten.

Für die Richtigkeit des Inhaltes ist allein die Autorin verantwortlich.

Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.Kein Teil dieses Werks darf ohne schriftliche Erlaubnis der Autorin in irgendeiner Form reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.

INHALT

Einleitung

Chosen To Play

Über mich

Helden gesucht

Ziele

Würde

Vertrauen

Veränderungen

Entwicklungsbooster Freude

Kinderrechte

Elternstressoren

Der oder die Elternbeauftragte

Elterntypen

Alltag

Lösungsmöglichkeiten

Sporteltern United e.V.

Wertschätzung

Zukunftsperspektiven

Persönlichkeiten entwickeln

Partnerschaften

Vereinsfamilie

Versprechen und Geldsegen

Abschluss

Quellen

Einleitung

Liebe Leserschaft,

zum besseren Verständnis möchte ich zu Beginn ein paar Punkte, die mir auf dem Herzen liegen, klären:

Ich möchte dieses Buch gern so unkompliziert zu lesen wie möglich gestalten. Deshalb sind grundsätzlich alle Gender gemeint – niemand soll sich bitte ausgegrenzt fühlen. Um jedoch den Lesefluss zu erhalten, verzichte ich weitestgehend auf eine gendergerechte Sprache.

Mir ist bewusst, dass immer weniger Kinder in intakten Familienverbänden aufwachsen. Dennoch schreibe ich an vielen Stellen „Eltern“, „Väter“ und „Mütter“, auch wenn selbstverständlich andere Erziehungs- bzw. Sorgeberechtigte gemeint sein könnten. Würde ich jedoch stets den gesamten Personenkreis der Sorgeberechtigten bei den Ansprachen auflisten, wäre auch hier der Lesefluss gestört.

Möglicherweise werden Sie, liebe Lesende, an der ein oder anderen Stelle meine Ausführungen als überspitzt ansehen. Seien Sie versichert, dass ich niemandem „auf den Schlips treten“ möchte! Ein Aufrütteln, um auf Missstände aufmerksam zu machen, scheint mir angesichts der Lage im Fußball jedoch angebracht. Bei allem, was ich anspreche, nehme ich mich selbst mit in die Verantwortung. Denn als Mutter, ehemalige Vereinsmitarbeiterin, Coach und Trainerin bin ich genauso in die Arbeit und das Leben von Nachwuchsfußballern, Trainern und Profis involviert wie viele Lesende.

Die Geschichten, die ich hier als Anschauungsbeispiele anbringe, sind alle verändert. Dies ändert nichts an den Grundaussagen. Zum Schutz der Protagonisten, von denen viele noch aktiv im Fußballgeschehen unterwegs sind, ist dies jedoch nötig.

Und noch eines: Leider war es mir bisher nur selten vergönnt, mich mit Fußballerinnen zu beschäftigen. Meine Erfahrungen beruhen zu 95 % auf dem Leistungsfußball der Jungen- und Herrenmannschaften. Daher beziehen sich meine Ausführungen auf diesen Bereich.

Nach dem Motto: „Weniger ist manchmal mehr!“ wünsche ich Ihnen jetzt viel Spaß beim Lesen!

Chosen To Play

Kinder und Jugendliche, junge Erwachsene, gestandene Männer und Frauen bemühen sich in den Fußballvereinen dieser Welt um die begehrten Plätze in der Stammelf ihrer Mannschaft. Täglich werden sie im Training ausgebildet, um fürs kommende Spiel ausgewählt zu werden. Das kurzfristige Ziel vor Augen, am Wochenende im Kader zu sein, in der Startelf zu stehen, gut zu spielen und möglichst ein Teilnehmer des Sieges zu sein. Aufgefordert, das langfristige Ziel im Blick zu behalten, den Traum des Fußballprofis eines Tages leben zu dürfen.

Chosen To Play bedeutet aber auch, ausgewählt zu sein zum Spielen. Ich vermisse in den Nachwuchsleistungszentren die Freude am Spiel, die Leichtigkeit und den damit verbundenen Spaß am schönsten und beliebtesten Sport in Deutschland, das Lachen auf den Trainingsplätzen. Bereits im zarten Kindesalter verlieren viele Kinder das Lachen, weil falscher Ehrgeiz, Druck und Verbissenheit übernommen haben.

Dieses Buch beleuchtet und analysiert Potenziale, Träume, Wünsche und Hoffnungen der Spieler, aber auch die Schwierigkeiten zwischen Trainer und Mannschaft, Spielern, Eltern und Vereinsverantwortlichen. Genauso wird es Lösungsansätze für die vielen verschiedenen Herausforderungen der Protagonisten vermitteln.

Lösungsansätze für Erziehungsberechtigte, wie sie aus der Verunsicherung herauskommen, ob sie als schlechte Sorgeberechtigte angesehen werden, wenn sie ihr Kind dem Leistungsdruck im Fußball aussetzen und es früh weggeben. Eltern, die Angst haben, den Kontakt zu ihrem Kind zu verlieren, bekommen Lösungsansätze aufgezeigt. Wenn sie sich ausgeschlossen fühlen aus der sportlichen Entwicklung, können sie hier ermitteln, wie sie wieder einbezogen werden können

Trainer und Vereinsverantwortliche erhalten Einblick in die Gefühlswelt und Sichtweise der Erziehungsberechtigten. Weshalb erscheinen Eltern häufig überempfindlich und anstrengend zu sein? Warum wollen sie sich immer wieder in das Hobby oder die Karriere ihres Kindes einmischen? Welche Rolle spielen sie für die Leistungsfähigkeit des Spielers oder der Spielerin? Worin liegen die Ursachen für emotionale Gefühlsausbrüche und wie können Trainer damit besser umgehen, ohne sich selbst zu schaden?

Viele Eltern fragen sich vor jedem Spiel: Wird mein Kind eingesetzt? Kommt es unverletzt vom Platz? Wie wird die Laune nach dem Spiel sein? Oder sie fühlen sich hilflos, weil sie nicht wissen, wie sie ihrem frustrierten Kind zur Seite stehen können – ohne ihm zeitgleich zu schaden –, wenn es zu wenig oder keine Einsatzzeiten erhalten hat. Wenn sie sich ärgern über Trainerentscheidungen, über mangelnde Einsatzzeiten und die daraus resultierende Entmutigung und Enttäuschung des Kindes. Ob ratlos, wie sie helfen können, mit einer schwierigen Situation während der Saison umzugehen, oder mutlos – hier finden sie Antworten auf viele Fragen.

Dieses Buch soll dazu beitragen, das gegenseitige Verständnis zu erhöhen, damit wieder mehr Ruhe und Leichtigkeit in den Trainings- und Spielbetrieb einziehen kann.

Chosen To Play soll Lösungsmöglichkeiten anbieten, wie trotz Leistungsdruck die Freude am Spiel zurückkehrt oder erhalten bleibt und damit auch Erfolg einzieht. Der Erfolg, der so sehnlichst im deutschen Fußball erhofft wird.

Erfolg durch Leichtigkeit und Spaß am Spiel? Lassen Sie sich überraschen!

Über mich

Geboren und aufgewachsen in Lübeck, lebte ich dort 43 Jahre meines Lebens. Meine vier erwachsenen Kinder wurden ebenfalls im hohen Norden geboren. Inzwischen gehen sie ihren eigenen, ganz individuellen Weg. Alle unterschiedlich, zielstrebig und fokussiert, nach ihren Talenten und Begabungen.

Obwohl die elterlichen Herausforderungen in der Begleitung ihres Kindes auch auf andere Sportarten oder Musik übertragbar sind, es in diesem Buch aber um Fußball geht, befasse ich mich hier fast ausschließlich mit diesem sportlichen Bereich. Meine Erfahrungen, die ich selbstverständlich in meine Arbeit als Coach und Business-Trainerin einbeziehe, beruhen aber ebenfalls auf meiner eigenen Geschichte im Leistungsbereich Musik und dem Reitsport, in dem meine Töchter unterwegs waren, und sind. Beide Söhne spielen talentiert Fußball. Einer hat sein Hobby zum Beruf gemacht und schlug die Laufbahn eines Profifußballers ein. Ihn begleitete ich über sämtliche Stationen im Nachwuchsfußball: Dorfverein, Internat eines Bundesligisten, DFB-Stützpunkte, Jugend-Nationalmannschaften bis hin zum Erstligadebüt beim Hamburger Sportverein. Derzeit spielt er als Stammspieler in einem Topteam der 2. Bundesliga, und auch dort bin ich immer noch mütterlich mitfiebernd zugegen, entweder auf der Tribüne oder am Fernsehbildschirm.

2017 habe ich die Seite gewechselt und arbeitete zunächst als Mitarbeiterin im Internat des Hamburger Sportvereins, machte mich danach selbstständig als Coach und Trainerin. Erziehungsberechtigte und Spieler im Leistungsfußball berate ich in Einzelcoachings. Mütter, Väter und Sorgeberechtigte im Umgang mit Leistungsdruck, Struktur von Leistungszentren, Beratern, Schule, eigenes Verhalten im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen, Trainern und Vereinsmitarbeitern. Während dieser Coachings erarbeiten wir Lösungen für die individuellen Herausforderungen. Fragen rund um das Thema Nachwuchsleistungsfußball werden geklärt.

Auch die Trainer werden nicht vergessen. In Trainerschulungen bringe ich den Coaches die Eltern- und Spielerseite nahe. Wir gehen Fragen nach, wie sie eine Saison im entspannten Umgang sowohl mit den Mannschaftsmitgliedern als auch ihrem familiären Umfeld gestalten und zugleich die Chance auf den sportlichen Erfolg deutlich steigern.

Bei Projekten arbeitete ich im Bereich Persönlichkeitsentwicklung und Elternmanagement mit dem DFB und der DFL zusammen. So durfte ich zum Beispiel eine Seite in der neuen Elternbroschüre mit dem Titel „Unser Kind im Leistungszentrum“ zum Thema „Möglichkeiten der Unterbringung-, Internate und Gastfamilien“ gestalten. Oder auch auf Tagungen der sportlichen und pädagogischen Leiter der Leistungszentren in Deutschland als Sprecherin auftreten. 2019 schrieb ich mein erstes Buch „Volltreffer – Survivalguide für Fußballeltern“ und in Zusammenarbeit mit einem Kollegen und dem High Performance Sports Institute (HPSI) unter der Leitung von Bernhard Peters entstand 2023 der erste Online-Lehrgang zum Thema Elternmanagement. Seit 2023 biete ich Workshops zum Thema „Elternmanagement leichtgemacht!“ an und darauf aufbauend die Weiterbildung zum „Elternbeauftragten“.

Vor diesen Projekten und der Mitarbeit beim HSV veranlasste mich ein Anruf von Borussia Dortmund, im Januar 2020 meine Koffer zu packen und ins Ruhrgebiet umzusiedeln, um die Jugendhausleitung beim Champions-League-Teilnehmer anzutreten. Knappe zweieinhalb Jahre wohnte ich im Internat Tür an Tür mit 22 Toptalenten des internationalen Fußballs. Ich betreute sie 24/7, lernte sie und ihre Bedürfnisse, Träume und Anstrengungen kennen. Ebenso ihre Eltern und deren Bemühungen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Auch die hässliche Seite des Profi(t)-Fußballs offenbarte sich mir in dieser Zeit immer mehr. Beim HSV hatte ich bereits einen Einblick in den monetären Hintergrund bekommen, der bereits im Nachwuchsbereich weltweit an Gewicht zunimmt. Doch in den Champions-League-Vereinen geht es auch im Jugendbereich nicht nur noch härter zu, was Leistungsanforderungen und Druck betrifft, sondern auch die finanzielle Seite spielt eine entscheidende Rolle. Viel stärker als in anderen Vereinen. Der Druck auf sämtliche Beteiligte ist immens. Freizeit ist meist ein Fremdwort. Permanente Verfügbarkeit wird gefordert unter einem falschen Verständnis von Einsatz, Dankbarkeit und Ehre, für einen bedeutenden Traditionsverein auflaufen und arbeiten zu dürfen. Werden nicht bereits Kinder und Jugendliche zunehmend vermarktet und verkauft? Nicht mehr als Menschen mit einer eigenen, zu entwickelnden Persönlichkeit gesehen, sondern als austauschbare Spieler, die vom nächsten Talent abgelöst werden, wenn er oder sie nicht gut genug performt? Der anfallende Stress und die enormen Anforderungen als „Erfüllung des Traums des Profidaseins“ vermittelt? Viele Familien zerbrechen in diesem System genauso wie Mitarbeiter und Spieler. Um den fittesten, fähigsten und mental stärksten Fußballer auszubilden und anschließend gewinnbringend auf dem Markt anzubieten und zu transferieren, durchlaufen viele Tausende die Leistungszentren und Amateurvereine – ohne die Chance auf Erfüllung ihres Traums. Ich bin nicht allein mit der Ansicht, dass sich im Fußball grundlegend etwas ändern muss und der mangelnde Erfolg der deutschen Nationalteams ein Symptom der Umgangsweise der Protagonisten miteinander ist.

Meckern kann jeder, Lösungen müssen her! Meine Lösungen möchte ich mit diesem Buch an die Öffentlichkeit und damit zur Diskussion bringen. Geschichten aus meinem Arbeitsalltag mit Eltern, Vereinsmitarbeitern, Familien und Spielern werden erzählt, um mittels praktischer Beispiele lebendig zu werden. Es geht um Menschen, ihre Zukunft und ihr Leben! Ich hoffe, es gelingt mir auf diese Art und Weise, die nötigen Emotionen zu entfachen, um die Verantwortlichen ins Nachdenken und Handeln zu bringen.

Helden werden gesucht – hier sind ein paar ihrer Geschichten!

Helden gesucht

Seit längerer Zeit macht sich Unmut im weltweiten Fußball breit. Fans äußern ihre große Unzufriedenheit über die horrenden Gehälter, Ablösesummen und skrupellosen Geschäfte im bezahlten Fußball. Spieler verstehen immer mehr, dass sie wie in einem globalen FIFA-Spiel durch die Welt geschoben werden. Mitarbeitern wird die breite Schere der Wertschätzung ihrer Arbeit zwischen den „Stars“ und „Sternchen“ und ihnen, den betreuenden, helfenden, unterstützenden Personen, zunehmend bewusst. Große internationale Erfolge bleiben in Deutschland weitestgehend aus. Woran liegt das? Worin liegen die Ursachen? Vielen stellt sich die Frage, worum es eigentlich geht: um Macht und Millionen oder um Menschen, Unterhaltung und Freude am Spiel?

Je tiefer man sich ins Fußballgeschäft involvieren lässt, desto größer wird der Wunsch nach Veränderung. Noch glänzt der Fußball, er zeigt jedoch bereits hässliche Kratzer. Fans blieben aus den Stadien fern, TV-Übertragungen wurden nicht genutzt. Zurzeit sind die Stadien wieder gefüllt, doch es brodelt an vielen Stellen: im Fanbereich, in der Mitarbeiterschaft, in den Familien, die sich aufreiben in der Betreuung und Begleitung ihres Nachwuchses in die Fußballglitzerwelt, um irgendwann die Augen für den Kommerz und die Härte geöffnet zu bekommen, denen ihr Nachwuchs ausgesetzt ist. Wie in einem antiquierten Uhrwerk greifen die Zahnrädchen noch ineinander. Noch glänzt es und sieht schön aus, aber Staub wird auf der Oberfläche sichtbar, und Sand schabt zwischen den Rädchen. Außerdem liegen weitere Zusatzteile ungenutzt herum, die die Uhr modernisieren, erweitern und leichtgängiger machen würden. Eins dieser Erweiterungsteilchen ist für mich das ungenutzte Potenzial der Elternschaft. Eine Facette hiervon betrachten wir in diesem Kapitel. Seit Jahren sind die Erziehungsberechtigten leider zunehmend zum Schreckgespenst avanciert. Möglichst frühzeitig sollten die jungen Talente dem elterlichen Zugriff entzogen werden, um sie in den Nachwuchsleistungszentren ungestört zu Toptalenten zu formen, so die Meinung vieler Fußballfunktionäre. In meiner ehemaligen Arbeit als Leitung des Fußballinternats von Borussia Dortmund und als heutiger Eltern- und Trainercoach erlebe ich anderes.

Eltern seien übermäßig anstrengend, zeitaufwendig, unnötig für die Karriere der jungen Talente und den Erfolg der Mannschaften – so die landläufige Sicht vieler Vereine. Meiner Meinung nach trifft dies nicht zu. Meiner Meinung nach werden die Familien und ihre Bedeutung überaus verkannt! Meiner Meinung nach ist es überaus wünschenswert, dass Eltern „anstrengend“ sind. Dies bedeutet nämlich, dass sie sich für jemanden einsetzen – ihnen etwas wichtig ist. Ihr Kind, dessen Karriere, Träume, gesundheitliches und schulisches Wohlergehen und manchmal auch einfach die mögliche finanzielle Freiheit und unbeschwerte Zukunft. Mit all diesen Motiven lässt sich wunderbar arbeiten. Sie geben Anknüpfungspunkte, zeigen Ängste und Sorgen auf, die man den Eltern zum Teil nehmen kann und zum Teil neu kanalisiert. So lassen sich für alle Beteiligten gute Perspektiven erarbeiten. Wie wichtig elterlicher Einfluss und Fürsprache sind, ihr Mitdenken und Sich-Sorgen, beleuchte ich unter anderem in den folgenden Kapiteln. Mein erstes Beispiel handelt von Familie F. – Vater Jens, Mutter Verena und Sohn Joshua. Dies ist eine ihrer Geschichten:

Gelb-Blau begleitet uns durch den Krieg in der Ukraine seit 2022 auf eine ganz besondere Art und Weise. Erschüttert nehmen wir wahr, dass unsere Sicherheit und unser Frieden auf wackeligen Beinen stehen. Diese Unsicherheit macht auch vor unseren Kindern und Teenagern nicht halt, und sie beginnen zu verstehen, dass Frieden nicht unerschütterlich ist. Umso tiefer berührt es, wenn daraus Handlungen entstehen.

Mein Telefon klingelt an einem sommerlichen Frühlingsmorgen, als ich im Garten die ersten Sonnenstrahlen genieße. Jens ringt am anderen Ende der Leitung nach Worten. Stockend beginnt er zu berichten, was ihm derart auf der Seele brennt, dass er es mir dringend erzählen möchte: Seinem Sohn Joshua steht heute ein Derby bevor. Spieler, Eltern, Trainer und Vereinsverantwortliche fiebern seit Tagen auf dieses Ereignis hin. Jens berichtet mir von einer Unterhaltung zwischen Sohn und Trainer. Der Krieg in der Ukraine hat vor wenigen Tagen begonnen, was Joshua veranlasst, das Gespräch mit seinem Coach zu suchen. Nicht nur das Derby ist ihm wichtig. Diesem Jungen bricht etwas anderes aus seinem Herzen hervor, als er seinen Trainer darum bittet, mit einem blau-gelben Band am Arm auflaufen zu dürfen statt in den Vereinsfarben. Er möchte gewinnen, jedoch nicht nur für seinen Verein, sondern auch für die Kinder und Teenager der Ukraine, die keinen Fußball mehr spielen können, weil sie sich auf der Flucht befinden. Die bei den Bombenangriffen Arme und Beine verlieren und deren Mannschaften nicht mehr existieren. Die Soldaten in der Ukraine sind seine persönlichen Helden und er bemerkt gar nicht, wie er selbst gerade zum Helden wächst. Am anderen Ende der Leitung entsteht eine berührende Pause, bevor Jens weitersprechen kann, wie stolz er auf seinen Sohn ist, der als 16-Jähriger mit seinem Herzen, seinen weisen Worten und seiner Bitte einen gestandenen Trainer zu Tränen gerührt hat. Der es geschafft hat, seine Gefühle zu verbalisieren und den Fußball als Kanal zu nutzen. Dieses Spiel zu nutzen, um das, was ihn gerade im tiefsten Inneren aufwühlt, als Botschaft in die Welt zu bringen. Zunächst in seinem kleinen Radius auf dem Rasenplatz am Leistungszentrum mit wenigen Zuschauern. Doch sein Einsatz wird gesehen, und nur wenige Tage später fällt mir bei meiner Recherche im Internet eine Werbung ins Auge: Ein blau-gelbes Freundschaftsband wird im Fan- und Onlineshop von Joshuas Verein angeboten, um den Anhängern, Spielern und Vereinsmitarbeitern für wenig Geld die Möglichkeit der Solidaritätsbekundung zu geben.

Doch auch Helden brauchen von Zeit zu Zeit Mitstreiter, die korrigierend eingreifen. Am besten ist es, wenn die Anmerkungen, kritischen Hinterfragungen oder auch mal ein sehr deutliches, aber dennoch liebevolles Wort aus dem vertrauten Umfeld kommen. Reflexion beinhaltet, in seinem Denken und Handeln beweglich zu bleiben. Hier steht nicht das Alter im Vordergrund, sondern die Fähigkeit, sich selbst und sein Handeln zu reflektieren und von anderen infrage stellen zu lassen. Diese Fähigkeit muss gelehrt, erlernt und vor allem emotional erfahren werden. Kritikfähig, korrekturbereit und willig zur Veränderung zu sein, ist keine Selbstverständlichkeit. Genauso wie die anschließende Bewertung der Kritik und gegebenenfalls Gedanken-, Richtungs- und Emotionswechsel. Der Hilferuf von Verena, Joshuas Mutter, nach einer Handlungsstrategie erreichte mich wenige Wochen später. Besorgt berichtete sie mir, dass Joshua sich verändert hatte. Immer häufiger war er unzufrieden, trotz sportlichen Erfolgs. Meckerte über unzureichende Wertschätzung seitens des Vereins, Ausrüsters oder Trainers. Mehrfach hatten die Eltern bereits versucht, ihm zu vermitteln, er dürfe niemals seine Herkunft vergessen. Nicht die Bodenhaftung verlieren. Dankbar bleiben für alle Chancen, die er nutzen durfte. Doch nichts veränderte sich. Selbst das Trainerteam hatte Rücksprache mit den Eltern gehalten, da auch dort die Veränderung bemerkt worden war. Joshua sah nicht, wohin er steuerte, war nicht aufnahmebereit. Häufig habe ich diesen Weg bei jungen Talenten gesehen. Meist führte er in große Schwierigkeiten. Aus meiner Erfahrung heraus konnte ich die Besorgnis der Eltern sehr gut nachempfinden. Doch diese Familie begleitete ich schon lange und kannte ihre gute Erziehung, ihre Werte und die Bescheidenheit, die vermittelt und gelebt wurden. Auf die Anfrage, wie sie ihrem Sohn Dankbarkeit vermitteln könnten, schlug ich erst eine andere Richtung ein: Mein Augenmerk lag nun zunächst darauf, dem besorgten Elternpaar die Ängste zu nehmen. Unter anderem erklärte ich ihnen Folgendes: Im Teenageralter wird das Hirn, werden die Vernetzungen vollständig neu „gebaut“. Neue Verbindungen werden geknüpft, alte ersetzt. Offensichtlich befand er sich zu der Zeit in solch einer Phase der Umstrukturierung, sein Gehirn war anders gefordert, sodass er keine Kapazitäten für klares Denken hatte. Dies ist lediglich ein temporärer Zustand. Solche Phasen sind völlig normal und gehören zu einem gesunden Teenager dazu. Ich riet ihnen: „Bleibt ruhig und vertraut eurem großartigen Fundament, welches ihr in ihm aufgebaut habt. Eure Werte und Einstellungen, die ihr ihm über so viele Jahre mitgegeben habt, werden durch ein Erlebnis wieder zum Vorschein kommen. Vertraut Joshua und euch.“

Nur eine Woche später erzählten sie mir, wie prompt dieses Ereignis eingetroffen war.

Joshuas Coach rief ihn nach einer Nachmittagstrainingseinheit zu sich und ging mit ihm abseits des Platzes zu einer Sitzgelegenheit, die eine Unterredung ungehört von anderen möglich machte. Er war von Jens, Joshuas Vater, auf ein Fehlverhalten des Trainerteams aufmerksam gemacht worden. Jetzt wollte er die Gelegenheit nutzen, das Gespräch zu suchen und sich bei seinem Spieler zu entschuldigen. Der Junge hörte ihm aufmerksam zu und nahm die Entschuldigung an. Während sie ihr Gespräch fortsetzten, näherten sich zwei Jugendliche. Es handelte sich um geflohene ukrainische Teenager, die die Möglichkeit erhalten hatten, in Joshuas Mannschaft mitzutrainieren. Sie bedankten sich freudestrahlend und verabschiedeten sich bis zum nächsten Mal. Nachdenklich blickten sie den beiden hinterher, dann wandte sich der Trainer zu seinem Sitznachbarn und sagte: „Weißt du, die würden extra noch viel länger bleiben. Wenn ich diese beiden bitte, alle Bälle und Materialien nach der Trainingseinheit einzusammeln und in die Kabine zu bringen, machen sie das mit Freude. Sie sind so dankbar, dass sie die Chance bekommen, hier mittrainieren und sich fit halten zu dürfen!“

Am Abend erschien Joshua still mit hängenden Schultern in der Küche, wo Jens und Verena gemeinsam das Abendessen zubereiteten. Fragend schauten sie ihn an. Leise begann er, sich zu erklären. Erzählte, wie leid ihm sein undankbares, meckerndes Verhalten der letzten Wochen tue. Fragte, ob es dies sei, was seine Eltern ihm immer wieder zu vermitteln versuchten und er nicht hören wollte. Joshua berichtete von den leuchtenden Augen der zwei ukrainischen Jungs, die sich heute so dankbar vom Trainer verabschiedet hatten. Glücklich über die Möglichkeit, weiterhin Fußball zu spielen. In so einem professionellen Verein trainieren zu dürfen, um sich für spätere Aufgaben fit zu halten. Joshua begann zu weinen.

Verschiedene Komponenten haben zu diesem Sinneswandel bei