Cinderella und der sexy Tycoon - Dani Collins - E-Book

Cinderella und der sexy Tycoon E-Book

Dani Collins

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Beschreibung

„Sie haben ein Kind mit meiner Tochter!” Entsetzt hört Amelia, was ihr Vater dem Bräutigam vor dem Altar wutentbrannt entgegenschleudert. Es stimmt ja: Ihre heiße Liebesnacht mit Hunter Waverly vor elf Monaten hatte süße Folgen. Aber deshalb darf ihr Vater doch nicht uneingeladen auf der Hochzeit des sexy Tycoons mit der reichen Erbin auftauchen und für einen Skandal sorgen! Und noch während sie rätselt, was nun mit ihr und ihrem Baby passiert, stürmt die schockierte Braut davon – und Amelia ist allein mit dem Mann, nach dessen Liebe sie sich unendlich sehnt …

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Seitenzahl: 205

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IMPRESSUM

JULIA erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2022 by Dani Collins Originaltitel: „Cinderella’s Secret Baby“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London in der Reihe: MODERN ROMANCE Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA, Band 2601 06/2023 Übersetzung: Petra Pfänder

Abbildungen: Harlequin Books S. A., Rudzhan Nagiev / Getty Images, alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 06/2023 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751518598

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

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1. KAPITEL

Amelia Lindor wusste nicht, was in ihren Vater gefahren war. Nachdem er von seinem morgendlichen Spaziergang aufgebracht zurückgekommen war, hatte Tobias darauf bestanden, dass sie ihn von Goderich nach Niagara-on-the-Lake fuhr. Auf der Stelle.

Die dreistündige Fahrt hatte ihrer Tochter Peyton alles andere als gefallen. Mit ihren zwei Monaten hielt sie jede Autofahrt von mehr als zwanzig Minuten für eine unerträgliche Folter und sorgte dafür, dass dies auch jeder wusste. Nachdem sie zwei Stunden lang mal mehr, mal weniger laut geschrien hatte, machte sie jetzt endlich ein Nickerchen.

Die Stille war eine Erleichterung, aber um diese Uhrzeit sollte Peyton eigentlich gestillt werden. Als Amelia parkte und sich zum Rücksitz ihrer treuen alten Limousine beugte, fühlten sich ihre Brüste bereits schwer an und spannten. Sollte sie die Kleine zum Stillen wecken?

„Wie lange werden wir hier sein?“, fragte sie ihren Vater, aber als Antwort bekam sie nur eine zugeschlagene Autotür. Sie stieg ebenfalls aus. „Dad?“

„Ich habe dir doch gesagt, ich muss jemanden treffen“, grummelte er über seine Schulter, während er schon über den vollen Parkplatz auf die Tür des Weinguts zueilte.

„Wen?“, fragte sie verärgert.

Er antwortete nicht. Sekunden später hatte er die breite Tür zu dem Raum, in dem die Weinproben stattfanden, aufgestoßen und war verschwunden.

Amelia verstand nicht, was los war. Wenn ihr Vater sich mit jemandem traf, waren es meistens seine ehemaligen Kollegen aus dem Salzbergwerk. An sechs Tagen in der Woche stand er morgens in aller Frühe auf, um seine Medikamente einzunehmen, seine Temperatur in ein Buch einzutragen und die Frühnachrichten zu hören.

Sobald es hell wurde, gesellte er sich dann zu seinen Freunden in dem Café zwei Straßen weiter, wo sie sich mit Kaffee und Schimpftiraden gegen Politiker und die Schlaglöcher auf den Straßen die Zeit vertrieben.

An diesem Morgen hatte einer seiner Kumpane offenbar etwas gesagt, das Tobias dazu veranlasst hatte, aufgeregt nach Hause zu eilen.

„Lass uns gehen. Das kann nicht warten.“

Da Amelia heute außer dem Kurs für Kleinkind-Yoga keine anderen Pläne gehabt hatte, hatte sie sich rasch angezogen, und hier waren sie.

Während der Fahrt hatte Tobias sich geweigert, alles zu erklären, also hatte sie das Autoradio eingeschaltet und versucht, Peyton zu beruhigen.

Jetzt stieß sie einen verärgerten Seufzer aus, nahm die schlafende Peyton vorsichtig auf den Arm und eilte ihrem Vater hinterher.

Als sie sich näherte, kam ein Paar aus der Tür. Beide hatten sich in Schale geschmissen. Der Mann trug einen eleganten Anzug, die Frau ein trägerloses amethystfarbenes Kleid. Eine Brautjungfer.

Wer sonst zog sich morgens um elf so an? War das der Grund für die lila und perlmuttfarbenen Luftballons auf dem Willkommensschild?

Bevor sie mit Amelia zusammenstieß, blieb die Frau abrupt stehen. Sie wirkte verärgert, und ihr angestrengtes Lächeln zeigte, dass es sie äußerste Mühe kostete, höflich zu sein.

„Hallo, ich bin Vienna. Schwester des Bräutigams.“ Sie deutete zuerst auf sich, dann zum Verkostungsraum. „Gehen Sie durch nach draußen, zu der Pergola zum Ufer. Alle sitzen schon. Wir fangen gleich an.“

„Ich bin nicht wegen einer Hochzeit hier.“ Als Amelia klar wurde, dass sie eine Trauung störten, verzog sie entschuldigend das Gesicht. „Mein Vater …“ Macht aus irgendeinem Grund Randale. „Er sucht jemanden.“

„Ach?“ Vienna legte den Kopf schief. „Wen? Wir haben heute alles für die Hochzeit reserviert. Vielleicht kann ich helfen.“

„Ich weiß es nicht, aber wir werden Sie nicht lange stören. Das verspreche ich.“ Amelia richtete ihr freundliches Lächeln auf den Mann, der immer noch die Tür aufhielt. Kühle, klimatisierte Luft lockte von innen. „Vielen Dank.“

„Mit Vergnügen“, sagte er in dem widerlichen Tonfall, den einige Männer benutzten, wenn sie glaubten, sie wären charmant, indem sie eine Frau sexuell belästigten.

Sein Blick glitt nach unten, und er beäugte den Ausschnitt ihres T-Shirts. Die rosafarbene Baumwolle spannte über ihrem Still-BH, aber an einer Brust lag ihr neugeborenes Baby. Meine Güte, dachte Amelia verärgert, wie ekelhaft.

Hinter ihr sagte Vienna ungeduldig: „Okay, Neal. Was ist so wichtig, dass du mich nach draußen schleppen musstest, wenn es gleich losgeht?“

Amelia ging hinein, und die Tür schloss sich hinter ihr. Sie blinzelte, als die Geräusche und Gerüche des schattigen Verkostungsraums eine Erinnerung auslösten.

Im letzten Sommer hatte sie einen Job in einer kleinen Brauerei nicht weit von hier angenommen. An ihren freien Tagen waren sie und ihre Arbeitskollegen mit den Fahrrädern von Weinprobe zu Weinprobe durch die örtlichen Weinkellereien gefahren.

Dies war ein größeres Weingut, darum hatte der Verkostungsraum zwei Bars, eine auf jeder Seite. Dahinter standen in Regalen Reihen und Reihen von Flaschen und Weingläsern.

Automatisch schob Amelia die Erinnerungen an den vergangenen Juli beiseite. Erinnerungen an einen nachdenklichen Mann, der sie im Mondlicht geküsst und davor gewarnt hatte, in sein Zimmer zu kommen.

Zurzeit ist mein Leben ein Chaos. Mehr als heute Nacht wird es nicht.

Sie verlagerte das Ergebnis dieser Begegnung auf ihre andere Schulter und sah sich nach Tobias um. Er war nicht unter den Gästen an der Bar, die sich vor der Zeremonie ein Glas Wein holten. War er hinausgegangen? Kannte er einen der Hochzeitsgäste?

„Oma. Dort ist noch ein Gast. Möchten Sie sich ins Gästebuch eintragen?“ Ein entzückendes Mädchen von acht oder neun Jahren öffnete das Buch für Amelia. Die Kleine stand hinter einem umgedrehten Fass in der Nähe der Tür und trug eine zurückhaltende Version des Brautjungfernkleides. Ihre schwarzen Locken waren zusammengebunden, und ganz offensichtlich nahm sie ihre wichtige Aufgabe sehr ernst.

Eine ältere Frau in einem eleganten königsblauen Kleid warf dem Mädchen einen nachsichtigen Blick zu, bevor sie zu Amelia sagte: „Willkommen. Gehören Sie zur Braut oder zum Bräutigam?“

„Ich bin nicht wegen der Hochzeit hier.“ Das sollte man an ihrer sehr lässigen Kleidung erkennen. Langsam wurde ihr immer unbehaglicher. Was wollte ihr Vater hier? Ihr Eindringen war mehr als unpassend.

„Haben Sie einen älteren Mann gesehen? Er trägt ein gelbes Hemd und eine braune Hose. Er hat einen buschigen grauen Bart.“

„Ich glaube ja.“ Das kleine Mädchen nickte und sah zu ihrer Großmutter auf. „Er hat auch nicht unterschrieben.“

„Er sagte, er hätte eine wichtige Nachricht für den Bräutigam.“ Die ältere Frau zwinkerte. „Würden Sie uns jetzt entschuldigen? Hannah und ich müssen unsere Plätze einnehmen.“

„Natürlich. Vielen Dank.“ Amelia drehte sich um, und ihr Blick blieb an der Schiefertafel hinter der Bar hängen.

Der schwarze Stein war mit einer Bordüre aus Seidenorchideen in Lila und Weiß geschmückt. Kunstvolle Buchstaben schrieben:

Herzlichen Glückwunsch Hunter und Eden.

Amelias Herz blieb einen Moment stehen und pochte dann panisch weiter.

Nein, Dad. Nein. Nein.

„Ich werde auf dem Weingut meiner Tante heiraten“, hatte Hunter Waverlys Verlobte ihm mitgeteilt. „Hochzeiten sind ihre Spezialität. Sie wird eine wunderschöne Feier für mich ausrichten.“

Hunter hatte zugestimmt. Wenn eine Braut ihr Herz an eine Hochzeit unter freiem Himmel auf einem Weingut an einem See gehängt hatte, widersprach ein Bräutigam nicht. Außerdem hatte das eine Entscheidung weniger bedeutet. Einfach, wenn auch nicht optimal.

Von außen betrachtet war alles an dieser Hochzeit perfekt. Die helle Junisonne strahlte am wolkenlosen Himmel. Vom See wehte eine sanfte Brise herüber, gerade genug, um Hunter davon abzuhalten, in seinem Anzug unter der schattigen Pergola zu schwitzen. Falls sich hinter den Kulissen eine der typischen Katastrophen ereignet hatte, waren Lösungen gefunden worden, bevor Hunter etwas davon gehört hatte.

Die Gäste nahmen ihre Plätze ein, die Braut sollte bereit sein, und der Standesbeamte bedeutete dem Streichertrio, mit dem Stück zum Ende zu kommen.

Alles funktionierte einwandfrei, aber Hunter war so angespannt, dass er sich kaum bewegen konnte.

Posttraumatische Belastungsstörung, dachte er mürrisch. Fast sein ganzes Leben lang hatte sich jeder besondere Anlass in eine peinliche Katastrophe verwandelt. Er hatte darüber nachgedacht, auf einer kleinen Zeremonie zu bestehen, aber das wäre feige gewesen.

Der Standesbeamte wandte sich an Hunters Trauzeugen. Remy nickte und lächelte angespannt. Irgendetwas nagte seit Monaten an ihm. Hunter hatte es schon auf der Verlobungsfeier bemerkt, aber Remy wollte nicht darüber sprechen.

Durch den Verstärker, der es den Gästen ermöglichen würde, ihre Ehegelübde zu hören, erklang Edens Stimme: „Funktioniert es?“ Ihr Ton war einen Bruchteil höher als normal.

Hochzeitsfieber. Eine Braut hatte ein Recht darauf, aber Hunter weigerte sich, es auch zu fühlen. Diese Ehe war für beide vorteilhaft.

Eden hatte im vergangenen Jahr die Mehrheitsbeteiligung an Bellamy Haus und Garten geerbt. Hunters Aktienwert war in den letzten Jahren zwar gesunken, aber sein Name war in Kanada bekannt und vertrauenswürdig.

Eden würde seine Firma schon in Ordnung bringen, sobald ihr das Waverly-Geld zur Verfügung stand. Dass ihr Ehevertrag den Plan beinhaltete, die nächste Generation der drahtlosen Wave-Com-Technologie auch an abgelegene Orte zu bringen, würde nicht schaden.

Und Hunter konnte durch diese Ehe und die Verbindung mit Bellamy Haus und Garten den leicht angeschlagenen Ruf des Namens Waverly wiederherstellen.

Wave-Com hatte in den Jahren nach dem Tod seines Vaters durch hässliche Rechtsstreitigkeiten gelitten. Hunters Stiefmutter hatte versucht, den Kindern ihres Mannes das Unternehmen wegzunehmen, und bei jeder Gelegenheit ihren Ruf in den Dreck gezogen.

Aber heute würden die ewigen Skandale ein Ende haben. Ein neues Kapitel brach an.

Mit dieser eleganten Hochzeit voller lokaler Berühmtheiten und Prominenten aus dem Ausland zeigte Hunter Seriosität und Stabilität. Und Klasse.

Denn Eden war intelligent, kultiviert und gebildet, zudem bekannt für ihre Menschenliebe und Wohltätigkeitsarbeit. Ihre in Kanada hergestellte Mode wurde nicht nur in ihrem Heimatland bewundert. Ihr Großvater war eine beliebte Stimme in den nationalen Radiosendern gewesen, und ihre Mutter gab immer noch wöchentliche Gartentipps im Fernsehen.

Auch in anderer Hinsicht war Eden geeignet. Vienna hatte sie miteinander bekannt gemacht. Eden wollte sofort Babys, genau wie Vienna. Ihre Kinder würden zusammen aufwachsen.

Das Beste von allem war in Hunters Augen, dass er Eden attraktiv fand, aber nicht zu attraktiv. Ihre Ehe würde auf Freundschaft und Respekt aufbauen, nicht auf unzuverlässiger Liebe oder trügerischer Lust. Er würde nicht wie sein Vater Opfer seiner Triebe sein, nur um sich dafür auch noch demütigen zu lassen.

Diese Ehe war für alle Beteiligten genau das Richtige.

Doch sein Bauch sagte etwas anderes, und er konnte das Gefühl drohenden Unheils nicht abschütteln.

Es lag an diesem Ort. Als Hunter den Duft von frisch gemähtem Gras einatmete und die Enten auf dem See und das Summen der Bienen hörte, stiegen immer mehr Erinnerungen in ihm auf. An ein melodisches Lachen und eine weiche Schulter unter seinen Lippen. Feines Haar, das nach Sonnenschein duftete.

Diese eine Nacht war eine Flucht gewesen, das sagte er sich oft, wenn ihn die Erinnerung überfiel. In gewisser Weise war er gerade noch davongekommen, denn das Feuer in seinem Blut hätte ihn beinahe dazu gebracht, überstürzte, peinliche Dinge zu sagen. Geh nicht zur Arbeit. Ich bleibe noch eine Nacht.

Er musste das stoppen. Sofort. Was für ein Bräutigam dachte an einen One-Night-Stand, während er auf die Braut wartete?

Vielleicht war das nur natürlich am Hochzeitstag. Er verabschiedete sich von Freiheit und Affären und widmete den Rest seines Lebens – jedenfalls seines Sexuallebens – einer einzigen Person. Dieses Gefühl in seinem Bauch war nicht besorgniserregend. Er verspürte kein Bedauern. Nein, das tat er nicht.

Die Musik verklang in erwartungsvoller Stille. Die murmelnde Menge verstummte.

Der Standesbeamte bedeckte sein Ansteckmikrofon mit der Hand und fragte: „Bereit?“

Hunter zog sein Mikrofon aus der Jackentasche und schaltete es ein, dann nickte er, strich die Jacke wieder glatt und ließ den Blick über die Gäste schweifen. Auf beiden Seiten des mit Teppichboden ausgelegten Ganges saßen ungefähr zweihundert Menschen. Alle lächelten erwartungsvoll.

Die ersten Töne einer Harfe erklangen. Er blickte zum oberen Ende der Treppe, wo die dreijährige Tochter seines Cousins in einem Volantkleid auftauchte. Eine Brautjungfer, eine von Edens Cousinen, nahm die Kleine an die Hand und kam langsam die Treppe herunter.

„Sie!“

Der heisere Schrei eines Mannes durchschnitt den erhabenen Moment und schuf eine Stille, die die engelsgleichen Töne und die raschelnden Blätter der nahen Weinreben zum Schweigen brachte. Sogar das Wasser am Ufer schien den Atem anzuhalten.

Dann ertönte eine weibliche, gequälte Stimme. „Daddy, nein. Bitte!“

2. KAPITEL

Es war die Art von Hochzeit, von der Amelia mit ihren Arbeiterwurzeln nur träumen konnte.

Töpfe mit Gardenien und Begonien standen an den Enden der weißen Stuhlreihen. Pfosten und Lattendach einer Pergola waren mit Glyzinien behangen.

Den Hintergrund bildete ein atemberaubender Blick auf den See und die Skyline von Toronto wie eine winzige schwimmende Insel am Horizont.

Rechts von der Pergola befand sich eine gewölbte Fußgängerbrücke über einem plätschernden Bach, perfekt für Fotos von Braut und Bräutigam, bevor sie sich auf den Weg zum Pavillon machten, wo Tische mit Leinen und Porzellan und funkelnden Kristallen gedeckt waren.

Alles war märchenhaft perfekt – und ihr Vater ruinierte es.

Amelia versuchte, Tobias abzufangen, als er auf die Pergola zustürmte. Sie hielt Peyton auf dem Arm und versuchte, nicht über das Gras zu stolpern. Alle starrten sie an, wodurch sie sich besonders ungeschickt fühlte.

Oh Gott, sieh ihn dir an!

Hunter Waverly war so atemberaubend attraktiv in seinem Smoking, glatt rasiert und groß mit seinen breiten Schultern und dem strengen, schmalen Gesicht, dass ihre Augen brannten.

Er wirkte sogar noch größer, als er Tobias anschaute und dann seinen Blick auf Amelia richtete, die hinter ihrem Vater auf ihn zulief. Ihr war, als würde er zusammenzucken, als er sie erkannte.

Plötzlich fühlte sie sich nackt. Und jämmerlich. Noch jämmerlicher als letztes Jahr, als sie sein Gästezimmer verlassen hatte. Ihr Gesicht brannte bei dem Gedanken an die alte Demütigung und diese neue. Es kam ihr vor, als würde ihr Herz brechen. Hier. Vor Hunderten von Augen, wo ihre sehr unterschiedlichen Positionen im Leben noch deutlicher waren als damals.

„Sie“, sagte ihr Vater noch einmal mit vor Verachtung triefender Stimme. Er wich Amelias Versuch aus, seinen Arm zu fassen. „Sie ignorieren Ihr eigenes Fleisch und Blut, überlassen die Mutter Ihres Kindes sich selbst, während Sie …“ Er brach ab und machte eine alles umfassende Handbewegung.

„Daddy, bitte. Ich flehe dich an.“ Amelia schaffte es, seinen Ärmel zu fassen, und zog daran. „Komm schon. Wir gehen. Es tut mir so leid.“

Die freundliche ältere Dame starrte Amelia an, als wäre sie ein Stinktier, das in die Küche gewatschelt war. Amelia konnte sich nicht dazu bringen, irgendjemanden anzusehen, schon gar nicht Hunter.

„Sie ist besser dran ohne Sie.“ Ihr Vater schüttelte ihren Griff ab. „Aber Ihre Freunde und Familie sollten wissen, was für ein Mann Sie sind. Ihre Frau sollte wissen, wen sie heiratet. Und ich will verdammt sein, wenn ich Sie damit davonkommen lasse, nicht einmal Essen und Kleidung für das Kind zu zahlen, das Sie gezeugt haben.“ Ihr Vater drohte Hunter mit dem Finger. „Offensichtlich können Sie es sich leisten.“

„Daddy.“ Jetzt weinte Amelia. „Er wusste es nicht. Ich habe es ihm nie gesagt.“ Und wäre da nicht das hilflose Bündel in ihrem Arm gewesen, hätte sie sich jetzt sofort den Tod gewünscht.

Jemand in der Menge stieß einen Fluch aus.

Ihr Vater warf ihr einen schnellen Blick zu. „Ein Mann hat ein Recht darauf, Amelia.“

„Ich habe das Recht, selbst zu entscheiden, was mein Baby betrifft“, gab sie wütend zurück.

„Und mir ist mein Baby wichtig“, entgegnete Tobias aufgebracht.

Das wusste sie. Er war ein liebevoller Vater, aber manchmal auch ein richtiger Dinosaurier. Altmodisch und, nachdem er Jasper verloren hatte, ein bisschen überbehütend. Aber woher kannte er überhaupt Hunters Namen? Woher hatte er von Hunters Hochzeit gewusst?

„Ist das wahr?“ Hunters Stimme war tief und fest und hörte sich an, als käme sie durch zusammengebissene Zähne, obwohl sie aus einem Lautsprecher zu seiner Linken dröhnte.

Oh Gott.

Entsetzt riss er den Draht von seinem Kragen, zog etwas aus seiner Tasche und reichte es dem Mann neben sich.

„Ist es meins?“, wollte er von ihr wissen.

„Natürlich nicht“, log sie. „Das ist alles ein schreckliches Missverständnis. Es tut mir sehr leid für die Unterbrechung“, teilte sie der Menge mit. Ihr Gesicht brannte vor Verlegenheit. Ihr Kopf war benommen, und alles drehte sich.

„Du hast gerade gesagt, du hättest es mir nicht gesagt“, stieß Hunter gedämpft aus.

„Hunter.“ Der Mann neben ihm stieß ihn an.

Hunter hob den Blick über Amelias Kopf hinweg.

Amelia schaute auf.

Die Braut war auf die Terrasse herausgekommen. Sie sah atemberaubend schön aus, mit nachtschwarzem Haar und schimmernden goldenen Schultern, die durch das strahlende Weiß des trägerlosen Satinkleides betont wurden. Ihr Schleier fing das Sonnenlicht ein und fiel weich um ihr Gesicht.

Konnte dieser Moment noch schlimmer werden?

Verdammt, ja, versicherte Peyton ihr. Sie fing an zu wimmern, rieb ihr Gesicht an Amelias Hals und suchte hungrig nach der Brust.

Amelias volle Brüste waren bereit. So bereit.

Nein. Bitte nein.

Tränen der Erniedrigung stiegen ihr in die Augen, als feuchte Wärme begann, in die Polster ihres BHs einzudringen, an den Rändern herauslief und ihr Shirt durchtränkte.

Beschämt wandte Amelia sich um und ging zurück zum Haus. Hinter sich hörte sie etwas zu Boden fallen.

Sie warf einen Blick zurück und sah, dass der Brautstrauß aus elfenbeinfarbenen Rosenknospen mit Schleierkraut und Frühlingsfarnen im Gras gelandet war.

Hunter wünschte, öffentliche Skandale wären etwas Neues für ihn. Leider waren sie ihm nur allzu vertraut, genau wie seiner Schwester. Mit einem knappen Nicken von der Terrasse bedeutete Vienna ihm, dass sie bei Eden bleiben würde, dann folgte sie seiner Braut zurück in die Hochzeitssuite.

Durch die Lautsprecher ertönte Edens Stimme: „Ist das wahr?“

Remy drückte seinen Arm. Dann machte er eine scharfe Geste mit der Hand quer über die Kehle, um dem Hochzeitsplaner anzuzeigen, dass die Mikrofone auf der Stelle abgeschaltet werden sollten.

Hunter drehte sich um und sauste an dem älteren Mann vorbei, der noch immer nach weiteren Worten suchte, um ihn zu beschimpfen.

Als er der Frau nachlief, die sein Baby im Arm hielt – oder auch nicht –, rasten seine Gedanken. Das sah ihm nicht ähnlich. Es war sein Talent, Katastrophen zu entschärfen.

Das tat er seit seiner elften Geburtstagsfeier, dem ersten Anlass, den seine Stiefmutter mit ihrem ordinären Verhalten ruiniert hatte, und dem letzten Mal, dass er diesen jährlichen Meilenstein gefeiert hatte.

Ich muss die Dinge wieder auf Kurs bringen, dachte er. Sein „Kurs“ war die Ehe. Eden. Er konnte sich das nicht von einer Frau ruinieren lassen, mit der er ein Mal geschlafen hatte. Okay, drei Mal. Aber es war nur Sex gewesen. Keine Empfängnis. Bestimmt nicht.

„Die Frau mit dem Baby“, rief er einem der Kellner zu, während er zum Parkplatz blickte. „Ist sie gegangen?“

„Sie hat nach einem Platz zum Sitzen gefragt und …“

Hunter hörte schon nicht mehr zu. Er folgte dem Zeigefinger in den Flur und öffnete eine Tür mit der Aufschrift „Betriebsleiter“.

„Raus!“ Amelia funkelte ihn von dem kleinen Sofa unter dem Fenster an.

Ihr Gesicht war knallrot. Ihr dunkles Haar war lang nachgewachsen, nur der ausgefranste Dutt auf ihrem Kopf war noch blond. Ohne das Make-up, das sie damals getragen hatte, sah sie viel jünger aus. Ihre Augenbrauen waren ärgerlich zusammengezogen, ihr breiter Mund war zu einer schmalen Linie zusammengepresst.

„Raus“, wiederholte sie schärfer.

Sie fühlte sich eindeutig unwohl, als sie das stillende Baby an eine Brust drückte, auch wenn sie jede nackte Haut mit einer rosafarbenen Decke bedeckte.

Hunter fluchte, aber das war wichtiger. „Ist das wahr?“

„Geh raus!“

Er verdrehte die Augen und wandte sich der geschlossenen Tür zu, aber nur um sie zu verriegeln.

„Ich werde so oder so auf einem Test bestehen, aber ich habe keine Zeit für Spielchen. Es gibt eine Frau nebenan, die es verdient, Bescheid zu wissen.“ Er verdiente, es zu wissen.

Amelia murmelte etwas und sagte: „Autsch. Ja, ich weiß. Du hast Hunger.“ Sie schien mit dem Baby zu sprechen.

Stille kehrte ein, nur unterbrochen vom lauten Schlucken des Babys.

Während er sich vorsichtig wieder zu ihr umwandte, rechnete Hunter schnell nach und versuchte herauszufinden, ob das überhaupt möglich war. Neun Monate von Juli an, die Geburt hätte also im April stattfinden müssen.

Amelia hatte die Decke über ihre Schulter gelegt, und das Baby war jetzt unter dem Zelt versteckt. Ein nackter Fuß schaute darunter hervor. Amelia hielt ihren finsteren Blick auf Hunters Schuhe gerichtet.

„Wie alt ist …?“ Er? Sie? Konnte er dieses Baby wirklich gezeugt haben?

„Neun Wochen. Fast zehn“, gab Amelia mürrisch zu.

Konnte er.

Hunter fluchte noch einmal. Sein derber Fluch umfasste alles, von Resignation bis Schande. Ironie bis Selbstekel. Wut über die Ungerechtigkeit. Gewissensbisse.

Und zart aufkeimende Neugier, gepaart mit einem kleinen Groll, weil sie das Baby monatelang vor ihm versteckt hatte.

„Ich wollte nicht, dass das passiert“, murmelte sie. „Nichts davon.“

„Warum hast du mir nichts gesagt?“

„Ich habe es versucht.“ Ihre Stimme klang härter. Kämpferisch. „Ich habe in deinem Büro angerufen und versucht, dich zu sprechen. Aber du hast mir nur eine Textnachricht zurückgeschrieben, du wärst verlobt. Ich sollte mich nicht mehr bei dir melden.“

„Das war kein echter Versuch! Um Gottes willen, Amelia. Natürlich hätte ich von dem Kind hören wollen. Warum hast du so lange gewartet? Warum hast du es mir nicht sofort gesagt, als du es erfahren hast?“

„Das wollte ich. Darum hatte ich dich ja angerufen.“

Er schnaubte. Diese Legenden von Frauen, die nicht bemerkten, dass sie schwanger waren, hatte er nie so ganz geglaubt.

Endlich sah sie ihn an. Ihre seeblauen Augen waren Seen der Trauer.

„Erinnerst du dich, dass ich an jenem Morgen gegangen bin, weil Dad die Nachricht bekommen hatte, dass mein Bruder verschwunden ist? In der Zeit danach habe ich an nichts anderes mehr gedacht. Nur daran, ihn zu finden. Und nachdem die Suche einige Zeit später eingestellt wurde, wollte ich selbst nach Chile fliegen. Aber für die Reise brauchte ich einige Impfungen, für die der Arzt wegen der Nebenwirkungen vorher routinemäßig einen Schwangerschaftstest gemacht hat. Bis dahin hatte ich gedacht, ich hätte durch den Stress Magenbeschwerden bekommen und darum würde auch meine Periode ausbleiben. Ich habe nur am Computer gesessen und E-Mails geschrieben, also kam mir auch die Gewichtszunahme nicht ungewöhnlich vor. Wir hatten schließlich Kondome benutzt“, erinnerte sie ihn und winkte zwischen ihnen hin und her. „Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass ich schwanger sein könnte.“

Er benutzte immer Kondome und konnte sich auch nicht erinnern, dass eines davon gerissen wäre. Dass sie von ihm schwanger geworden sein könnte, kam ihm sehr weit hergeholt vor. Aber sie wirkte so ehrlich aufgebracht, dass es ihm schwerfiel, an seiner Skepsis festzuhalten.

„Ich wollte das Baby, auch wenn ich dann nicht reisen konnte.“ Sie rieb sich die Stirn. „Das war die schwerste Entscheidung meines Lebens. Aber ich wusste, dass Jasper niemals erwarten würde, dass ich sie aufgebe, um nach ihm zu suchen, vor allem, wenn …“

Die Qual in ihrer Stimme traf Hunter direkt ins Herz. Er versuchte sich vorzustellen, eine Entscheidung zwischen seinem ungeborenen Kind und der Suche nach seiner Schwester zu treffen. Doch er schaffte es nicht.

Die Vorstellung, dass Amelia sich entschieden hatte, sein Baby zu behalten, anstatt ihren geliebten Bruder zu suchen, löste einen Schmerz in seiner Brust aus, den er nicht verstand.

Er schob die verwirrenden Empfindungen beiseite und konzentrierte sich stattdessen auf das Wort „sie“. Nur ein winziges Detail, aber jetzt wusste er, dass dieser kleine Fuß einem Mädchen gehörte. Seiner Tochter?

„Ich dachte, ich sollte es dir sagen, aber du hast mich abblitzen lassen“, sagte Amelia tonlos. „Du kannst es dir vielleicht nicht vorstellen, aber nach allem, was ich durchgemacht hatte, kam mir das wie ein Segen vor. Gut, du wolltest nichts mit ihr zu tun haben. Eine Person weniger, um die ich mir Gedanken machen musste.“

Du hast mich nicht gefragt, ob ich etwas mit ihr zu tun haben möchte, hätte er fast gesagt, aber er sah immer noch den Schmerz in ihren Augen, also hielt er sich zurück.