Cinnamon sparks and ginger love - Nadia El-Fassi - E-Book
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Cinnamon sparks and ginger love E-Book

Nadia El-Fassi

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Beschreibung

Ein cozy Café mit den besten Zimtschnecken, eine Hexe, auf der ein Liebesfluch lastet, und ein heißer Museumskurator: eine Romance für alle Fans von Gilmore Girls und Charmed

In ihrem charmanten Serendipity Café im Londoner Stadtteil Bloomsbury beglückt Dina ihre treuen Kunden nicht nur mit unwiderstehlichen Zimtschnecken, Brownies und anderem Gebäck, sondern auch mit der ein oder anderen Prise Magie … Ihr eigenes Liebesleben allerdings könnte dringend zauberhafte Unterstützung gebrauchen, denn auf Dina lastet ein Fluch, der jedem /jeder ihrer Partner*innen in eine Unglücksserie stürzt.

Nach einem Auslandsaufenthalt tritt Scott eine Stelle als Kurator im British Museum an und kauft regelmäßig seinen Kaffee im Serendipity Café, dessen hübsche Besitzerin seinen Puls in die Höhe schnellen lässt. Als er sie zufällig auf der Hochzeit seines besten Freundes trifft, wird schnell klar, dass keiner von beiden die Anziehung zwischen ihnen ignorieren kann.

Doch aus knisternden Nächten in einem romantischen Cottage auf dem Land wird bald mehr. Schon lange hatte Dina keine solchen Gefühle mehr – und zugleich solche Angst. Wird es ihr gelingen, den Fluch zu brechen, so dass sie und Scott eine echte Chance haben?

Die perfekte Romance für gemütliche Lesestunden im Herbst: genauso spicy, süß und heiß wie eine Tasse Chai Latte!

Diese Romance ist perfekt für dich, wenn du folgende Tropes liebst:

opposites attract *** only one bed / only one cottage *** he falls first *** insta lust *** cottagecore
Spice-Level: 4 von 5

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 403

Veröffentlichungsjahr: 2025

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In ihrem charmanten Serendipity Café im Londoner Stadtteil Bloomsbury beglückt Dina ihre treuen Kunden nicht nur mit unwiderstehlichen Zimtschnecken, Brownies und anderem Gebäck, sondern auch mit der ein oder anderen Prise Magie … Ihr eigenes Liebesleben allerdings könnte dringend zauberhafte Unterstützung gebrauchen, denn auf Dina lastet ein Fluch, der jede/jeden ihrer Partner*innen in eine Unglücksserie stürzt.

Nach einem Auslandsaufenthalt tritt Scott eine Stelle als Kurator im British Museum an und kauft regelmäßig seinen Kaffee im Serendipity Café, dessen hübsche Besitzerin seinen Puls in die Höhe schnellen lässt. Als er sie zufällig auf der Hochzeit seines besten Freundes trifft, wird schnell klar, dass keiner von beiden die Anziehung zwischen ihnen ignorieren kann.

Doch aus knisternden Nächten in einem romantischen Cottage auf dem Land wird bald mehr. Schon lange hatte Dina keine solchen Gefühle mehr – und zugleich solche Angst. Wird es ihr gelingen, den Fluch zu brechen, sodass sie und Scott eine echte Chance haben?

Nadia El-Fassi ist Halb-Marokkanerin und Halb-Australierin. Sie ist süchtig nach Iced Coffee, Dungeons & Dragons-Würfeln und Horrorfilmen. Mit ihrem Mann und ihrer leicht pummeligen Katze lebt sie in London und schreibt spicy Romance und Fantasy. Cinnamon Sparks and Ginger Love ist ihr erster Roman.

www.penguin-verlag.de

Nadia El-Fassi

Cinnamon Sparks and Ginger Love

Roman

Aus dem Englischen von Antonia Zauner

Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel Best Hex Ever bei Del Rey, London.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright © 2024 der Originalausgabe by Nadia El-Fassi

Copyright © 2025 der deutschsprachigen Ausgabe by Penguin Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Lisa Wolf

Covergestaltung: www.buerosued.de nach einem Entwurf von Anjali Mehta

Coverabbildungen: Anjali Mehta und www.buerosued.de

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-32113-0V001

www.penguin-verlag.de

Für Mama. Wo auch immer ich bin, du bist bei mir.

Autorenanmerkung

Diese Geschichte behandelt einige sensible Themen, darunter die Erfahrung, betrogen zu werden (nur erwähnt), der Verlust eines Familienmitglieds (nur erwähnt) und das Aufwachsen in einem Heim. Ich habe mich bemüht, diese Themen mit der notwendigen Sensibilität zu behandeln.

Kapitel 1

Es war einer dieser kühlen Herbsttage Ende Oktober, an denen man es sich mit einem guten Buch und einer dampfenden Tasse heißer Schokolade gemütlich machen möchte. Bei jedem Schritt konnte man goldenes Laub knirschen hören, und frühmorgendlicher Frost lag auf der leuchtend violetten Markise des Café Serendipity. Für Dina war das die beste Zeit des Jahres. Die unerträgliche Hitze der letzten Septembertage war endlich vorüber, die Luft in der U-Bahn nicht länger dick und klebrig, und sie musste nicht mehr den Großteil des Tages damit verbringen, ihre Achselhöhlen mit einem Abkühlzauber zu versehen.

Immer wenn der Herbst nach London kam, lag Veränderung in der Luft. Im Café war mehr los, und jeder Gast orderte ein Croissant zu seinem Kaffee.

Croissant-Magie war schon an guten Tagen knifflig, und während des morgendlichen Kaffee-Andrangs fiel es ihr besonders schwer, sich zu konzentrieren. Dina starrte hinunter auf das Desaster aus Mehl und Butter – da war nichts zu retten. Plunderteig war noch nie Dinas Stärke gewesen. Sie band ihre Fülle von Locken zu einem Knoten und krempelte die Ärmel hoch.

Dina hatte gerade einen weiteren Behälter ihrer magischen Buttermixtur hervorgeholt und wollte von Neuem beginnen, als Robin von der Theke aus rief: »Dina, weißt du, wo die Chrysanthemen-Teemischung ist, die du letzte Woche gemacht hast?«

Die Croissants mussten warten.

Sie ging hinaus, kramte in ihrer Sammlung von Tees und stellte schließlich die gesuchte Dose mit den zarten getrockneten Blüten auf den Tresen. Weil sie nicht sofort wieder zu den feindseligen Croissants zurückwollte, machte Dina sich daran, die Gäste zu bedienen, die sich gerade an den Tischen und in den gemütlichen Sesseln ihres Cafés niederließen.

Das Café Serendipity hatte etwas ganz Besonderes an sich, es lag ein gewisser Funke in der Luft, den niemand recht beschreiben konnte. Es war ein Ort, an dem gute Dinge passierten. Man kam herein, um sich einen Cappuccino zu bestellen, stolperte dabei versehentlich über den Regenschirm der Person am Nachbartisch und lernte so die Liebe seines Lebens kennen.

Dina war stolz darauf, wie schnell die Gerüchte rund um ihr Café sich verbreitet hatten. Zum Beispiel, dass man seinen Traumjob ergattern konnte, wenn man sich auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch hier einen Latte macchiato und einen Keks kaufte. Auf diesen Zauber war sie besonders stolz, es war einer ihrer besten. Die geheime Zutat war eine Prise Zimt und ein winziger Schuss Gelassenheit. Wie die Umarmung eines geliebten Menschen oder das Gefühl, wenn man sich nach einem langen Tag die Schuhe auszieht.

Der Trick war, dass Dina ihre eigenen Emotionen und Erinnerungen in den Zauber einfließen ließ, und dann übernahm die Magie die Kontrolle und reproduzierte ihre Gefühle in der Person, die ihre Kreationen aß oder trank. Ein Selbstbewusstsein-Zauber, der jemandem zu einem Job verhalf, verlieh der Person kein künstliches Selbstvertrauen, er versetzte ihr nur einen kleinen magischen Schubs, der ihr half, dieses Gefühl in sich selbst zu finden.

Natürlich hielt die Wirkung ihrer Zauber nicht lange an. Magie war nichts für die Ewigkeit.

Trotzdem musste Dina darauf achten, ihre Kräfte geheim zu halten. Schließlich konnte sie nicht zulassen, dass ganz London wusste, dass sie eine Hexe war.

Wenn der Frost sich über die Stadt legte, strömten die Menschen auf der Suche nach Wärme und einer guten Tasse Tee in Scharen in ihr Café. Besonders beliebt war Dinas Spezial-Chai-Mischung mit wärmendem Ingwer, Nelken, Muskat und einer kleinen Prise davon, wie es sich anfühlt, einer Katze den warmen, flauschigen Bauch zu kraulen.

Überall in der Stadt wurden Mäntel von ganz hinten aus dem Schrank geholt, wo sie das Jahr über Staub und Mottenlöcher gesammelt hatten, Heizungen erwachten ächzend zum Leben, und die Menschen suchten instinktiv nach jemandem, an den sie sich in der kalten Jahreszeit kuscheln konnten.

Dina war viel zu beschäftigt, um auch nur an so etwas zu denken. Im vergangenen Jahr hatte sie zwei Dates gehabt, eins mit einem Mann und eins mit einer Frau, und nur das letztere war halbwegs gut gelaufen. Der Mann hatte sich als wandelnde Red Flag entpuppt, Maggie dagegen – eine unglaublich heiße Yoga-Lehrerin – war lieb, freundlich und schlau. Dina wusste, dass zwischen ihnen etwas Echtes hätte entstehen können, wenn sie dem eine Chance gegeben hätte, doch sie wollte Maggie nicht verletzen. Also hatte sie sich zurückgezogen, bevor etwas passierte.

Zum Glück sorgte die geschäftige Herbstsaison im Café dafür, dass Dina gar keine Zeit hatte, über romantische Beziehungen nachzudenken. Sie hatte ihnen ohnehin abgeschworen. Es war den Schmerz nicht wert, der für sie und die anderen zwangsläufig damit einherging. Außerdem boomte ihr Geschäft. Sie musste unbedingt noch mehr ihrer »Cosy & Calm«-Kerzen gießen, bevor sie wieder ausverkauft waren.

»Robin, könntest du die hier bitte an Tisch vier bringen?«, sagte Dina und wies auf ein Tablett mit zwei Stücken ihres Apfel-Blaubeer-Kuchens und zwei Tassen der Serendipity-Spezialmischung. Das Paar, das dort saß, gehörte bereits seit einigen Monaten zu ihren Stammkunden und kam jeden Mittwoch ins Café, um gemeinsam zu lernen. Zumindest vermutete Dina, dass sie das taten, wenn sie beide in ihre Laptops starrten. Von Zeit zu Zeit griff der Mann nach der Hand seiner Partnerin, und dann saßen sie dort in perfekter gemeinschaftlicher Stille. Genau das will ich auch, dachte Dina. Doch diese Art von Happy End schien für sie nicht vorgesehen.

»Ja, Boss«, lächelte Robin, wohl wissend, wie sehr Dina es hasste, »Boss« genannt zu werden. Robin, dier sich als nicht binär identifizierte, arbeitete schon seit einigen Jahren in dem Café und schob zwischen den Spinning-Kursen, die sier in einem Studio nahe Blackfriars Station gab, Schichten ein. Eines Tages war sier einfach durch die Tür spaziert, nur Minuten nachdem Dina ein Schild mit der Aufschrift »Barista gesucht« in die Tür gehängt hatte. Als Erstes war Dina Robins grüner Irokese und der perfekte Lidstrich ins Auge gefallen, dann hatte sie beobachtet, wie sier gedankenversunken einen der Bilderrahmen an der Wand geraderückte, und sofort gewusst, dass Robin perfekt war für den Job.

Die Arbeit würde Dina heute kaum Zeit für anderes lassen, doch das machte ihr nichts aus. Das Café mit dem Brummen der Kaffeemaschine und dem Duft nach warmem Gebäck war der Ort, an dem sie am glücklichsten war. Sie hatte den Laden selbst eröffnet – mit nur ein klein wenig magischer Unterstützung –, und jedes Mal, wenn sie einen Gast nach seinem ersten Besuch wiederkommen sah, pochte ihr Herz vor Freude.

Doch an diesem Morgen musste Dina sich eingestehen, dass sie und Robin allein den Ansturm kaum bewältigen konnten.

Zauber, die die Zeit verlangsamten, waren auslaugend, weshalb sie sich diese für gewöhnlich für den Rush zur Mittagszeit aufsparte. Die Kaffeemaschine zickte mal wieder herum, und Dina hatte ihr bereits einen Stoß verpasst (und möglicherweise beinhaltete dieser Stoß noch ein klein wenig mehr), um sie wieder zum Arbeiten zu bewegen.

Sie vollendete gerade ihre Latte Art – eine Katze auf einem Besen in der einen Tasse und ein Geist in einer anderen, schließlich war bald Halloween –, als die Tür mit einem heftigen Windstoß aufgerissen wurde. Blätter wirbelten über die Schwelle, und ein Talisman gegen den bösen Blick fiel von der Wand und landete mit einem Krachen auf dem Boden, wo er in zwei Teile zerbrach.

Dina atmete heftig ein. Sie erkannte ein böses Omen, wenn sie es sah.

Die Tür knallte wieder zu, und mit etwas Verspätung bimmelte jetzt auch das Glöckchen darüber. Ein Mann stand im Eingangsbereich und pflückte sich ein verirrtes Blatt von seinem Pulli.

Das Erste, was Dina auffiel, war seine Nase. Sie wirkte etwas schief, als wäre sie einmal gebrochen gewesen und nicht wieder gerade zusammengewachsen. Und dann seine Größe. Er war nicht nur hochgewachsen, sondern auch breit genug, um die ganze Tür einzunehmen. Trotz des flauschigen Rollkragenpullis erkannte sie deutlich die Muskeln darunter, als er sich bückte, um den zerbrochenen Talisman aufzusammeln. Warum trug ein Mann mit so einem Körper ein Tweedjackett mit Ellenbogenflicken und eine Brille mit Drahtgestell? Er sah aus wie ein Professor, der nachts ein Doppelleben als Cagefighter führte.

Dina, der mit einem Mal der Mund trocken geworden war, schluckte heftig. Dunkle Locken, ein gepflegter Bart – es war, als wäre er direkt aus einem ihrer Tagträume in ihr Café spaziert. Der Talisman hatte recht. Sie war verloren.

»Tut mir leid. Das ist von der Wand gefallen«, sagte er mit einer tiefen Stimme, die so samtig wie Honig war.

Nicht mit ihm flirten, Dina, mahnte sie sich und schob sich eine verirrte Locke hinters Ohr. Als seine Augen ihrem Blick begegneten, stellte sie fest, dass sie karamellbraun waren.

»Danke«, sagte sie und nahm ihm den Talisman aus der ausgestreckten Hand. Kurz steiften sich ihre Finger, als er die beiden Hälften in ihre Handfläche legte. Sie spürte raue, schwielige Haut und zog schnell die Hand zurück. Der Hennazauber von letzter Nacht, als sie nicht schlafen konnte, drohte zum Leben zu erwachen und kleine Herzchen ihr Handgelenk hinaufzuzeichnen.

»Das ist ein Nazar-Amulett, richtig?«, stellte er nüchtern fest. »Wie Ihr Hamsa.« Er nickte in die Richtung von Dinas Kehle, wo ein Anhänger in der Form einer Hand mit einem Auge in der Mitte ruhte. Unwillkürlich berührte sie das Schmuckstück und spürte, wie sie rot wurde. Ein fremder Mann – wenn auch ein sehr attraktiver fremder Mann – sollte nicht diese Wirkung auf sie haben.

»Ähnlich, ja. Sie schützen beide vor dem bösen Blick.«

»Sollte ich mir Sorgen machen, dass es zerbrochen ist, als ich hereinkam?« Er lächelte, und ein Funkeln blitzte in seinen Augen auf.

»Nein, ist schon in Ordnung, meine Anhänger gehen ständig kaputt«, sagte sie und spielte mit dem Hamsa-Amulett an ihrem Hals herum. »Das bedeutet, sie haben ihre Aufgabe erfüllt.«

»Also hat es Sie geschützt?«, sagte der Mann mit heiserer Stimme, während er sich mit den Ellenbogen auf den Tresen stützte. Dina konnte sein Parfum riechen – Zedern und irgendeine Art von Citrus.

»Es hat mich geschützt.« Es war seltsam. Sie befanden sich mitten in ihrem lebhaften Café, und doch hatte sie das Gefühl, als wären sie beide die einzigen Menschen im Raum. Sie war noch nie jemandem begegnet, der ernsthaft an ihren Schutzamuletten interessiert gewesen wäre, doch er sah sie mit einer so gelassenen, wissenden Neugier an, dass ihr Schauer über den Nacken liefen.

Sie blickte hinunter auf den zerbrochenen Talisman auf dem Tresen. Hatte er vor seinem Ende das Café, Dina oder diesen Mann vor Unheil bewahrt? Was auch immer es war, wenn sie ihn ansah, drohte sie, die Fassung zu verlieren. Das war ein schlechtes Zeichen. Sie durfte sich nicht von seiner offensichtlichen Attraktivität ablenken lassen.

»Nun«, räusperte sie sich und zwang die Röte aus ihren Wangen, »was darf ich Ihnen bringen?«

»Ich hätte gerne einen Earl Grey und eins Ihrer Croissants.«

»Milch oder Zitrone für den Tee?« Na also, sie konnte total professionell sein. Und sie starrte definitiv nicht die Wölbung seines Bizeps an, während er seine Börse aus der Tasche zog.

»Einfach nur schwarz, danke.«

Dina wollte sich gerade unter den Tresen beugen, um den Behälter mit dem losen Earl Grey hervorzuholen (sie hatte die Bergamotte eigenhändig während eines Trips nach Italien geerntet), als sie von einem der anderen Tische ein Krachen hörte.

»Oh, das tut mir schrecklich leid«, sagte ein Gast und blickte hinunter auf zwei Tassen Kaffee, die auf dem Boden zerschellt waren.

Dina lächelte und wollte gerade ihren Mopp aus dem Besenschrank des Ladens holen, als sie ein fürchterliches Rasseln hörte, gefolgt von einem lauten Plopp.

»Die Kaffeemaschine hat gerade den Geist aufgegeben!«, rief Robin.

Dina atmete tief ein und ballte die Hand zur Faust. Sie hob den Blick zu dem schönen Fremden, den sie wohl nie wiedersehen würde. Seine Augen waren immer noch auf sie gerichtet.

»Robin, kannst du die Kasse übernehmen? Ich kümmere mich um die Maschine und wische auf.« Sie ging, bevor der Mann noch etwas sagen konnte – irgendetwas, das sie dazu bewegen würde, sich umzudrehen und etwas überaus Dummes zu tun.

Die Kaffeemaschine brauchte eine kleine Generalüberholung – und mit »Generalüberholung« meinte Dina einen Schwung starker Magie. Kurz darauf waren die Pfütze aufgewischt und die heißen Getränke ersetzt.

Als Dina aufblickte, sah sie den Fremden an seinem Earl Grey nippend das Café verlassen. Vielleicht in einem anderen Leben.

»Oh, ich liebe Männer in Rollkragenpullis. Die sehen immer so gebildet aus«, grinste Robin neben ihr. Dina schlug mit einem Geschirrtuch nach siem, und sie machten sich beide wieder an die Arbeit.

Kapitel 2

Scott Mason fuhr sich mit der Hand durchs Haar und versuchte, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Er musste die Plakate für die Ausstellung freigeben, seine Rede für die Eröffnungsgala verfassen und im Archiv recherchieren. Er musste an so ziemlich alles außer diese Barista denken, die aussah, als wäre sie aus seinem Tagtraum direkt in die Realität spaziert. Wie hatte er so dumm sein können, das Café ohne ihre Nummer wieder zu verlassen? Verdammt, er hätte anbieten sollen, auf die Knie zu gehen und den verschütteten Kaffee aufzuwischen, um weiter mit ihr reden zu können. Er wusste noch nicht einmal ihren Namen.

Scott saß in seinem Büro im British Museum und starrte auf das Display seines Laptops. Der Raum war bis zum Anschlag voll mit Büchern – von denen einige noch von dem Kurator stammten, der vor ihm hier gearbeitet hatte –, und die turmhohen Stapel stürzten bevorzugt dann auf ihn herab, wenn er es am wenigsten erwartete. In der Ecke befand sich eine Heizung, die gelegentlich ein metallisches Ächzen von sich gab, jedoch nie richtig warm zu werden schien, und eine Taubenfamilie hatte direkt vor seinem Fenster ihr Quartier aufgeschlagen. Sein Schreibtischstuhl knarrte, wann immer er sich setzte, und der Schreibtisch selbst war übersät mit den Tintenflecken eines ganzen Jahrhunderts. Doch durch die Postkarten und Drucke von seinen Reisen und anderen Ausstellungen, die er aufgehängt hatte, fühlte er sich hier schon fast zu Hause.

Jedes Mal, wenn Scott einen Schluck des herrlich süßen Earl Grey aus dem Café getrunken hatte, waren seine Gedanken zurück zur Barista gewandert. Sie hatte ihn an eine griechische Göttin erinnert, mit all den üppigen Kurven und den weichen, offenen Gesichtszügen; die mit Violett durchzogenen dunkelroten Locken und Augen so tiefbraun, dass sie beinahe schwarz erschienen. Und diese Lippen … »einladend« beschrieb es noch nicht einmal annähernd.

Seit er zurück nach London gezogen war, hatte er sich zu einigen Dates verabredet, in der Regel über die bekannten Apps. Es war auch nichts verkehrt an den Frauen, mit denen er sich getroffen hatte. Sie alle waren attraktiv, intelligent und witzig gewesen, doch irgendwie funkte es nicht zwischen ihnen. Es war nicht so, dass er noch an Alice hing, vielmehr hatte er nach einer so langen Beziehung schlicht keine Geduld mehr für die ewigen sich ständig wiederholenden Erstes-Date-Fragen. Was arbeitest du? Was unternimmst du gern am Wochenende? So viele Dating-Apps, und keine davon konnte einem irgendetwas darüber sagen, ob die Chemie im echten Leben stimmte.

Scott hatte sich nicht aus diesem Tief befreien können. Bis jetzt. Bis diese Barista etwas in ihm entzündet hatte, das an den ersten Sonnenstrahl erinnerte, der nach einem Sturm durch die Wolkendecke brach. Sie brachte ihn sogar dazu, in kitschigen Smileys zu denken. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit fühlte sein Körper – fühlten seine Sinne – sich lebendig an. Und er begehrte wieder.

Es war Scotts erstes Jahr als Kurator der Dauerausstellungen, und er wurde das Gefühl nicht los, dass bis auf Dr. MacDougall, die ihren Kopf hingehalten hatte, um ihn einzustellen, die meisten der anderen Kuratoren auf ihn herabblickten. Natürlich nicht alle. Es waren nur leider zufällig die mit dem größten Einfluss.

Er bemühte sich wirklich, sich an diesem Nachmittag nicht ablenken zu lassen. Dr. Jenkins und Dr. Garcia, zwei deutlich ältere und erfahrenere Kuratorinnen, waren alles andere als begeistert gewesen, als er sie in seine Pläne für die Sommer- und Herbstausstellungen eingeweiht hatte und sichtlich zusammengezuckt, als Scott es gewagt hatte, die Worte »interaktive Ausstellung« in den Mund zu nehmen. Ihrer Meinung nach war ein Museum kein Ort, an dem Kinder etwas über das Einbalsamieren von Mumien lernen oder jemand ohne Doktortitel Zugang zum Lesesaal bekommen sollte.

Er erinnerte sich, wie schockiert einige von ihnen gewesen waren, als er ihnen erklärt hatte, dass ihre Idee für eine Ausstellung rund um das Abwassersystem Mesopotamiens vermutlich keine Menschenmassen anlocken würde.

Und wieder wanderten seine Gedanken zurück zu dem Lächeln der Barista und wie sie errötet war und die Hand an ihren Hals gehoben hatte, als ihm ihr Hamsa-Amulett aufgefallen war. Vielleicht sollte er noch mal hingehen und ihr anbieten, den Talisman zu ersetzen, den er zerbrochen hatte. Oder wäre das zu viel? Er wollte nicht aufdringlich sein.

Obwohl ihr Gespräch nur kurz gewesen war, hatte er es genossen, mit jemandem über seine Leidenschaft für historische Objekte zu sprechen, vor allem wenn es um Glücks-Talismane ging. Eric – Scotts bester Freund – hörte ihm zwar immer bereitwillig zu, teilte seine Begeisterung aber nicht. Alice hatte nie gerne mit Scott über seine Arbeit geredet, und wenn, dann nur, um ihn abfällig darauf hinzuweisen, dass er in einer anderen Branche deutlich mehr verdienen könnte. Wie oft hatte er erklärt, dass Kurator kein Beruf war, mit dem man reich werden konnte?

Als er in den ersten Tagen im neuen Büro seine Kisten ausgepackt hatte, war ihm ein Foto von Alice und ihm auf ihrem ersten Trip zu den Nordlichtern in Norwegen in die Hände gefallen. Auf dem Bild sahen sie glücklich aus, doch wenn er ihr Gesicht betrachtete, verspürte er nicht mehr diesen dumpfen Schmerz in seiner Brust.

Da war immer noch Wut, die ihn sicher noch eine Weile begleiten würde, doch sie war jetzt deutlich schwächer. Seine Gefühle für Alice waren während der Zeit im Ausland abgeklungen. Es half, dass sie mit diesem Typen, dessen Namen er vergessen hatte, in die USA gezogen war. So musste er sich wenigstens keine Sorgen machen, dass sie sich irgendwo in einem ihrer Lieblingsläden über den Weg liefen.

Ohne einen weiteren Gedanken darauf zu verschwenden, hatte er das Foto zerknüllt und in den Abfall geworfen. Auf Nimmerwiedersehen.

Scott schaute auf die Uhr, und ihm wurde bewusst, dass er länger als gedacht seinen Tagträumen nachgehangen hatte. Es war bereits Zeit, sich mit Eric zu treffen. Er warf den Laptop und ein paar Müsliriegel in seinen Rucksack – Eric neigte zu schlechter Laune, wenn er nicht genug gegessen hatte –, dazu ein Buch über die Mythologie und Tradition im prä-islamischen Nordafrika. Etwas leichte Lektüre für die Fahrt.

Er schloss gerade das Büro mit einem großen eisernen Schlüssel ab, der aussah, als gehörte er zu einem mittelalterlichen Kloster, als sein Handy piepte und eine Nachricht von Eric anzeigte: Wir sehen uns am Bootshaus. Mach dich schon mal darauf gefasst, dass ich dir mächtig in den Arsch treten werde.

Wir rudern heute im Zweier, du Idiot, antwortete Scott.

Er eilte durch das Atrium und sah aus dem Augenwinkel, dass ein paar Frauen gar nicht mal so unauffällig versuchten, ein Foto von ihm zu schießen. Möglicherweise erkannten sie ihn von der Septemberseite des »Kuratoren gegen Krebs«-Aktkalenders wieder, für den er sich im letzten Jahr hatte ablichten lassen. Zum Glück war der relativ schnell ausverkauft gewesen, sodass er nicht mehr mit schamroten Wangen am Souvenirladen vorbeilaufen musste.

Er fühlte sich etwas unbehaglich damit, doch er versuchte, es nicht an sich heranzulassen. Scott hatte Aufmerksamkeit schon immer gemieden, schon seit er ein Kind war. Natürlich hatte es damals andere Ursachen gehabt. In der Schule wurde er ständig mit »Wo kommst du ursprünglich her?«-Fragen von Lehrern und anderen Schülern konfrontiert. Es war dieses »ursprünglich«, das ihn ärgerte. Einerseits wegen des wenig subtilen Otherings, aber auch, weil er es schlicht nicht wusste.

Scott war mit zehn Jahren adoptiert worden. Davor hatte man ihn von einer Pflegefamilie zur nächsten weitergereicht, mit zwischenzeitlichen Aufenthalten im Heim. Seine Erinnerungen aus der Zeit, bevor seine wundervollen Mütter ihn aufgenommen hatten, waren ein wenig verschwommen. Nein, das war eine Lüge. Er erinnerte sich an alles, aber Vergessen war manchmal einfach leichter.

Einmal hatte Scott überlegt, einen dieser Tests zu machen, für die man eine Speichelprobe einschicken musste, doch Eric, der für ein großes IT-Unternehmen arbeitete, hatte den Kopf geschüttelt und ihn vor einem möglichen Missbrauch seiner Daten gewarnt, also hatte er es sein lassen.

Scott winkte bei seinem Weg um den östlichen Teil des Great Courts den Ticketverkäufern zu, während das Sonnenlicht des späten Nachmittags durch die Glasdecke schien und das Atrium in ein buttriges Leuchten tauchte.

»Ah, Dr. Mason, ich hatte gehofft, Ihnen über den Weg zu laufen.« Das war Dr. MacDougall, die Chefkuratorin des Museums. Eine kleine, stämmige Schwarze Frau mit kurzem grau meliertem Haar. Sie trug fast immer ein lässig modisches Kostüm, zusammen mit einer wuchtigen Halskette.

»Dr. MacDougall«, sagte Scott lächelnd.

»Sie sehen aus, als hätten Sie es eilig.«

»Ah, ja, tut mir leid. Ich bin auf dem Weg zum Bootshaus.«

»Nun, dann will ich Sie nicht aufhalten, aber ich habe gute Neuigkeiten. Ihr Vorschlag einer globalen Tour der Schutzsymbole-Ausstellung? Der Vorstand liebt ihn.«

Blut pochte in Scotts Ohren. Am liebsten hätte er Freudensprünge gemacht, aber er wollte auch wegrennen und sich in einem Schrank verkriechen. Das war eine große Sache – eine Sache, die sich auf seine Karriere auswirken würde.

»Ernsthaft?«

»So ernsthaft wie die Pest.« Sie lachte und tätschelte ihm den Arm. »Aber wir können in ein paar Wochen feiern, beim internen Launch.«

»Einverstanden. Ich gebe Ihnen einen Martini aus.«

»Die Getränke sind umsonst, Scott, aber ich werde Sie daran erinnern. Und ich weiß, dass das jetzt alles sehr schnell geht, aber wie Sie bereits bei Ihrem Pitch sagten: Die Mehrheit der Artefakte liegt unangetastet in unserem Archiv. Es wird Zeit, dass wir sie hervorkramen.« Sie schenkte Scott ein breites Lächeln und tätschelte ihm den Arm, bevor sie sich verabschiedete.

Er konnte es kaum glauben. Sie wollten diese Ausstellung wirklich um die Welt schicken. Als Dr. MacDougall ihn vor etwa einem Jahr eingestellt hatte, war Scott einfach nur dankbar für die Chance gewesen. Aber dann war ihm die volle Liste der Artefakte im Archiv in die Hände gefallen. Dort hatte er auch den mittelalterlichen Trollkreuz-Anhänger aus Norwegen entdeckt, und ein paar Minuten später ein Cornicello aus reinem Bernstein aus dem 16. Jahrhundert, und da hatte er gewusst, dass er hier etwas ganz Besonderes in Händen hielt. All diese Objekte, von denen das British Museum viele im Lauf der letzten Jahrhunderte gestohlen hatte, lagen in beinahe perfektem Zustand unbeachtet in den Archiven, weil man sie als minderwertig erachtete. Sie waren nicht wertvoll oder selten, es handelte sich um Amulette und getrocknete Kräuter in Harz und Statuetten von Göttinnen und Göttern, die Menschen eigenhändig für ihre Häuser geschnitzt hatten. Doch Scott bedeuteten diese kleinen Glücksbringer alles.

Scott hatte schon immer an Magie glauben wollen. An ein Universum, in dem die Dinge den erhofften Verlauf nahmen, wenn man nur genug wünschte und allen Ritualen in der richtigen Reihenfolge und zur richtigen Zeit folgte. Als er noch im Heim gelebt hatte, war ihm in der Schulbibliothek ein Buch über alte Mythologie in die Hände gefallen. Selbst jetzt noch sah er jede Seite vor sich.

In dem Buch gab es ein ganzes Kapitel über Glücksbringer aus der ganzen Welt. Er hatte gelesen, dass manche eine Eichel in der Tasche mit sich trugen – die sie am Boden gefunden und nicht von einem Baum gepflückt hatten. Scott hatte wochenlang eine Eichel in seiner Jackentasche gehabt und mit den Fingern darüber gerieben, bis sie glänzte. Und als er erfahren hatte, dass eine Familie, die Marinis, ihn aufnehmen würden, hatte er das als Beweis genommen, dass sein Schicksal sich wirklich zum Besseren gewendet hatte. Und alles nur wegen der Eichel.

Aber die Marinis wollten ihn nicht behalten, und schon bald landete Scott wieder im Heim. Er hatte es noch einmal versucht, mit einem Ankh, Wacholderbeeren, einem Wunschknochen, einem Kleeblatt, einem Hufeisen, einem Amulett aus Jade und einem Kupferpenny. Nichts davon hatte geholfen. Niemand hatte ihn haben wollen. Erst Jahre später, als Scott den Glücksbringern bereits abgeschworen hatte, hatten seine beiden Mums ihn adoptiert. Auf dem Nachhauseweg, als sie am Park haltgemacht hatten, um ihm ein Eis zu kaufen, war Scott ein kleiner Marienkäfer auf seinem Finger aufgefallen, und kurz hatte er sich gefragt, ob Glücksbringer vielleicht doch funktionierten.

Nun hatte Scott Hunderte dieser Talismane und Amulette in den Tiefen des Archivs gefunden und wollte sie der ganzen Welt zeigen. Die Schutzsymbole-Ausstellung würde ihre Tour im British Museum beginnen und dann hoffentlich um den Globus reisen. Und das Geniale daran war, dass die Artefakte so in ihre Heimatländer zurückkehrten, um dort in den Museen aufbewahrt und ausgestellt zu werden. Es war der Beginn eines neuen Zeitalters für das British Museum, eines, in dem es sich bemühte, die Vergangenheit wiedergutzumachen. Und Scott würde ein Teil davon sein. Besser gesagt, seine Ausstellung. Er konnte es kaum erwarten, Eric davon zu erzählen.

Scott fiel hinter einer großen Reisegruppe zurück und brauchte länger als erwartet, um sich durchzukämpfen. Er würde zu spät kommen, und Eric würde versuchen, ihn zur Strafe in den Fluss zu stoßen.

In zügigem Tempo schlängelte Scott sich zwischen den Touristen hindurch, die im Schneckentempo von der Rolltreppe schlenderten, und schaffte es schließlich zur Waterloo Station, wo er den Schnellzug nach Barnes Bridge nahm. Als er über die kleine Brücke zum Bootshaus eilte, sah er Eric bereits mit einem Paar Ruder am Ufer stehen.

Eric blickte auf und entdeckte ihn, woraufhin er sich die Zeit nahm, die Ruder gegen eine Wand zu lehnen, bevor er ihm den Mittelfinger zeigte. Scott blickte auf seine Uhr hinunter. Fünfundzwanzig Minuten zu spät. Das war noch in Ordnung.

»Ich gebe dir nachher ein Bier aus«, begrüßte er Eric. Offenbar war er heute in Spendierlaune.

»Du schuldest mir mindestens zwei Bier und Pommes. Ich musste die Klappböcke aus dem hinteren Lager holen, dem extrem mit Spinnen verseuchten Lager, und du weißt, wie sehr ich es dort hasse.«

»Zwei Bier, Pommes, und ich werde den Rest des Monats heldenhaft die Klappböcke aus dem Lager holen.«

Eric tat so, als würde er sich den Deal durch den Kopf gehen lassen.

»Einverstanden. Geh und zieh dich um. Heute Abend stehen noch ein paar Last-minute-Hochzeitsvorbereitungen an, ich kann also nicht lange bleiben.«

»Irgendetwas, mit dem ich helfen kann?« Als Trauzeuge bei Erics bevorstehender Hochzeit wollte Scott sich so nützlich wie nur möglich machen. Es war einfacher, jetzt, da er tatsächlich im gleichen Land und der gleichen Stadt wie Eric lebte und nicht für andere Museen durch die Welt reiste.

Scott und Eric hatten sich kennengelernt, als sie während ihres Gap Years in Island im gleichen Hotel übernachteten. Jemand hatte um zwei Uhr morgens in allen Zimmern angerufen, um ihnen mitzuteilen, dass Nordlichter am Himmel zu sehen waren, aber nur Scott und Eric entschieden sich aufzustehen. Sie hatten es so eilig, dass keiner von ihnen daran dachte, sich etwas Warmes anzuziehen.

Dann standen sie draußen in der Eiseskälte, beide stumm vor Ehrfurcht im Angesicht dieser flüchtigen Schönheit und in vollkommenem Frieden, um sich anschließend an der Hotelbar mit heißem Cider aufzuwärmen, und bevor Scott wusste, wie ihm geschah, waren sie die besten Freunde, und das nun schon seit zehn Jahren.

In der letzten Zeit, nach der gescheiterten Beziehung mit Alice, hatte ihre Freundschaft gelitten, und Scott wusste, dass es seine Schuld war. Als ihm angeboten wurde, an einer Sammlung von Artefakten aus Petra in Jordanien mitzuwirken, hatte Scott die Gelegenheit zur Flucht ergriffen. Er hatte sein Leben in London zurückgelassen, hatte Eric zurückgelassen, hatte seine Mums zurückgelassen. Als wäre ihm nichts wichtiger gewesen, als so viele Kilometer wie möglich zwischen sich und seine Gefühle zu bringen.

Aber jetzt war er zurück, sein Herz mehr oder weniger geheilt, und Eric würde heiraten. Er hatte Immy erst bei seiner Rückkehr nach London vor knapp einem Jahr kennengelernt, aber er hatte sofort gewusst, dass sie perfekt für Eric war.

Sein Freund wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht herum und riss ihn aus seinen Gedanken. »Alles in Ordnung?«

»Ich erzähle dir im Boot davon.«

Mittwochabends gehörte das Bootshaus ganz ihnen. Die anderen Sportler wohnten in der Gegend und waren mittags hier, und die Schüler, die hier trainierten, waren in der Regel gegen vier Uhr fertig.

Scott und Eric trugen ihren Zweier über ihren Köpfen hinaus zum Flussufer. Das Wasser war eiskalt – Gott sei Dank hatte Scott daran gedacht, ein besonders dickes Paar Wollsocken in seinen Gummistiefeln zu tragen.

Sie verfielen schweigend in ihre mühelose Routine: Sie legten die Skulls in die Dollen ein, und Scott hielt das Boot, während Eric seinen Platz am Heck einnahm und dann dasselbe für Scott tat, der sich am Bug niederließ.

Widerstrebend schlüpfte Scott aus den Gummistiefeln und schob sie in den kleinen Stauraum des Boots, eher er die Bootsschuhe an seinen Füßen befestigte und dabei den Biss der Kälte durch die Socken spürte.

Die tief am Himmel stehende Spätnachmittagssonne badete ihre Rücken mit Wärme, als sie sich vom Ufer abstießen und auf den Schatten der Barnes Bridge zuhielten. Ein Zug ratterte über ihnen hinweg, und Tröpfchen nasskalten Brückenwassers regneten auf sie hinab.

Scott war diese Strecke bereits Hunderte Male gerudert, und doch war es jedes Mal eine andere Erfahrung. Auf dem Wasser spürte man selbst den geringfügigsten Wetterwechsel, und die Stadt um sie herum veränderte sich stetig. Er liebte es, wie seine Muskeln in den Rhythmus jedes einzelnen Zugs fielen und wie sein Atem sich mit Erics synchronisierte, während sie die Ruder gegen die Strömung durch das Wasser federn ließen. Seinem Gehirn blieb kein Raum, sich Sorgen zu machen, nicht einmal genug, um die Gedanken wieder zu der Barista mit den schönen braunen Augen von heute Morgen wandern zu lassen.

Der Fluss dehnte sich um sie herum aus, und schon bald hatten sie die anderen Bootshäuser und all die Gebäude und schicken viktorianischen Villen, die das Ufer säumten, hinter sich gelassen. Bald waren da nur noch Bäume, die der Herbst in Schattierungen von Orange und Tiefrot getaucht hatte, und die Sonne, die sich im Wasser spiegelte.

»Du bist so still«, sagte Eric nach einer Weile.

»Tut mir leid, ich war in Gedanken.«

»Arbeit?«

»Schätze schon. Ich habe heute gute Neuigkeiten bekommen – meine Ausstellung könnte auf die Weltreise gehen, von der ich dir erzählt habe. Es ist noch eine Menge zu tun, wenn wir alles für eine Eröffnung im Winter fertig haben wollen, aber nichts, was ich nicht schaffen würde.«

»Was beschäftigt dich dann?«

»Um ehrlich zu sein«, gab Scott zu, »habe ich heute Morgen jemanden kennengelernt.«

Eric stieß einen Pfiff aus. »Ich dachte, du hättest dem Dating abgeschworen?«

»Das war auch der Plan. Aber als ich vorhin in diesem Café in der Nähe des Museums war, habe ich da diese Barista gesehen, und, na ja, jetzt bekomme ich sie nicht mehr aus dem Kopf«, sagte Scott, als sie kurz eine Pause einlegten und sich von ihrem Schwung tragen ließen.

»Hast du sie nach ihrer Nummer gefragt?«

»Nein, ich war sowieso schon zu aufdringlich, glaube ich.«

»Das kann ich mir kaum vorstellen«, gab Eric zurück. »Was hast du gemacht? Sie fünf Minuten nach dem Kennenlernen schon um ihre Hand gebeten?«

»Nichts so Schlimmes. Ich habe damit angefangen, wie cool Nazar-Amulette sind, und mich zu sehr reingesteigert. Sie scheint sich schon dafür zu interessieren, sie trug sogar eines um den Hals – aber dann bin ich gegangen, ohne sie auch nur nach ihrem Namen zu fragen.«

Eric lachte. »Wenn sie sich auch dafür interessiert, bist du in ihren Augen ja vielleicht gar kein ›verrückter Professor‹. Das ist aufregend! Geh hin und versuch es noch mal. Sei witzig und frag sie nach einer Tasse von diesem seltsamen, mit Blumen vollgestopften Tee. Ich sag dir, Frauen lieben Tees mit Blumen drin, keine Ahnung warum. Das kommt bestimmt gut bei ihr an.«

»Okay, nächste Woche, und dann erzähle ich dir, wie es gelaufen ist.« Vor ihnen lag ein langes Wochenende, und am Sonntag würde Erics und Immys Hochzeit stattfinden.

Als sie das Boot wendeten, streckte Eric die Hand aus und drückte Scotts Schulter.

»Ich bin froh, dass du endlich bereit bist, dich mit neuen Leuten zu treffen. Ich habe mir wirklich kurz Sorgen gemacht, nachdem … du weißt schon …«

»Du kannst ihren Namen ruhig aussprechen«, sagte Scott.

»Nun, nach Alice. Es ist schön zu sehen, dass du dein Mojo zurückgewinnst.«

»Ich zahle dir fünfzig Pfund, wenn du nie wieder das Wort ›Mojo‹ in den Mund nimmst.«

»Einverstanden. Sollten wir ein paar Sprints machen, um wieder warm zu werden?«

Scott stöhnte. Eric liebte es, ihn mit Sprints zu foltern.

Als Scott etwa eine Stunde später zu Hause war, rief er als Erstes seine Mums an, um ihnen zu sagen, dass er morgen Abend um sieben bei ihnen sein würde, bevor das Hochzeitswochenende losging. Es war zu lange her, seit er zu Hause gewesen war, und er konnte ihren Hund Juniper aufgeregt am anderen Ende der Leitung bellen hören, wann immer Scotts Name fiel.

Er hängte die Schlüssel an einen Haken bei der Tür und schlüpfte aus seinen Gummistiefeln, die nach Flusswasser rochen.

Scotts Schritte hallten durch die Zwischengeschoss-Wohnung. Die Böden waren zu poliert und kahl. Die ganze Wohnung fühlte sich noch neu und fremd an. Er hatte sie voll möbliert gemietet, doch die Einrichtung war langweilig und austauschbar und vermittelte ihm das Gefühl, in einem Hotel zu übernachten.

War das nicht eigentlich der Grund, warum er zurück nach London gekommen war? Um von diesem »Hotel-Gefühl« wegzukommen? Nach der Trennung war er vollkommen durch den Wind gewesen, überwältigt vom Schmerz, betrogen worden zu sein, und sein einziger Gedanke war: Weg hier. Er hatte sich mit Alice ein Zuhause aufgebaut, zumindest dachte er das, und mit einem Mal war er wieder orientierungslos durchs Leben getrieben. Scott hatte in Museen auf der ganzen Welt gearbeitet, von den unglaublichsten Professoren und Kuratoren gelernt, doch jeden Abend kehrte er zurück in irgendein Hotelzimmer oder eine kurzzeitige Mietwohnung und wartete darauf, dass die Nacht vorüberging, damit er wieder zur Arbeit konnte. Jahrelang hatte er sich in Reisen und seine Studien gestürzt, aber irgendwann hatte das Heimweh ihn überwältigt. Er brauchte seine Freunde, seine Familie. Er wollte … er wollte wieder jemanden lieben.

Diese Wohnung würde es für den Moment tun, aber nach der Hochzeit wollte er sich nach etwas mit mehr Persönlichkeit umsehen. Vielleicht nicht ganz so weit entfernt von seinen Mums, damit er sie öfter besuchen konnte, jetzt, da er wieder hier war. Er hatte sie vermisst.

Wenigstens Teppiche musste er sich besorgen – alles wäre besser als diese glänzenden grauen Bodenplatten. Vielleicht auch ein paar Bilder für die Wände und ein Haustier. Ein Hund wäre nicht schlecht – er war immer mehr ein Hundemensch gewesen, und vielleicht durfte er ihn sogar mit zur Arbeit bringen.

Scott hatte die leeren Regale mit all seinen Büchern gefüllt, die das Wohnzimmer etwas lebendiger machten. Jedes davon war ein kleiner Teil von ihm selbst. Scott hatte sogar zwei seiner Kinderbücher über das alte Rom und das alte Ägypten in die Regale gestellt. Es waren zwei der ersten Bücher, die seine Mums ihm gekauft hatten – zwei der ersten Bücher, die nur ihm gehörten und die er nicht zurück in eine Bibliothek bringen musste –, und er kannte sie in- und auswendig. Jetzt, da er darüber nachdachte, waren diese beiden Bücher vermutlich teilweise verantwortlich für seine Berufswahl.

Scott warf kurz einen Blick auf den Balkon. Vor ein paar Tagen hatte er dort zwei Rotkehlchen entdeckt und ihnen etwas altes Brot hingelegt, und wie es schien, hatten sie es tatsächlich verputzt. Er füllte ein paar weitere Krumen in eine Schale und beschloss, dass er eine Futterkrippe für sie kaufen würde.

Nach einem kurzen Abendessen stand er unter der Dusche, bis seine schmerzenden Muskeln sich lockerten, und ließ sich dann ins Bett fallen. Seine Träume waren erfüllt von dem Gesicht der Barista und dem Duft nach Earl Grey.

Kapitel 3

Der zerbrochene Talisman war lediglich der Anfang. Während der Morgen in den Nachmittag übergegangen war, hatte es von allen Seiten böse Omen gehagelt.

Ein Kunde hatte seinen Schirm aufgespannt, während er noch im Laden war, und dann hatte Dina beim Abwischen eines Tischs versehentlich das Salz umgestoßen. Zusammen mit dem Talisman waren das bereits drei Omen an einem Tag. Das hatte sie zuletzt gehabt, bevor sie durch die Führerscheinprüfung gerasselt war. Obwohl das damals vermutlich mehr damit zu tun hatte, dass große Maschinen und magische Wesen sich nicht besonders gut miteinander vertrugen.

Die ganze Zeit über spukte das Gesicht des Mannes vom Morgen durch ihren Kopf. Das leicht schiefe Lächeln und seine leuchtenden Augen, als er sie auf das Hamsa-Amulett ansprach. Wahrscheinlich hatte sie wieder viel zu viel in diese Begegnung hineininterpretiert, dabei war er einfach einer dieser »heißer Professor«-Typen, die alle Frauen zum Schwärmen brachten. Aber sie schwärmte nicht, oder?

Kopfschüttelnd wurde Dina klar, dass sie diesen Mann aus ihren Gedanken verbannen und etwas gegen die seltsame magische Energie im Café tun musste. Sie schrieb eine Textnachricht an ihre Mutter Nour. Diese antwortete beinahe augenblicklich, als hätte sie bereits auf Dinas Nachricht gewartet, was vermutlich der Fall war, da ihre Hexentalente sich um Weissagungen drehten. Reinigungszauber waren ein wesentlicher Teil davon, deshalb bat Dina sie um Tipps, wenn es um derartige Sachen ging. Tatsächlich bat Dina ihre Mutter immer um Tipps in Sachen Hexerei … nun, fast immer.

Nour schlug vor, mit Salbei zu räuchern. Da Dina nicht den Feueralarm auslösen wollte, beschloss sie, etwas Salbeiöl, das sie vergangenen Herbst hergestellt hatte, in die Sprühflasche mit ihrem Reiniger zu mischen und so das ganze Café wie einen Kräutergarten riechen zu lassen.

Als die Nachmittagsgäste eintrudelten und still in ein gutes Buch vertieft an ihrer heißen Schokolade mit Marshmallows in der Form von kleinen Geisterkürbissen nippten, nutzte Dina die Gelegenheit, um hinaus an die frische Luft zu gehen und ihre Menütafel auf dem Bürgersteig um ein paar Angebote zu ergänzen.

Mit einem Stück violetter Kreide setzte Dina »Liebestrunkene Briouats« und »Rotwangige Ghriba« auf die Liste. Die Briouats – Teilchen aus Filoteig mit einer Füllung aus Honig und Mandeln, die einem auf der Zunge zergingen – waren himmlisch, selbst ohne den Zauber, der dafür sorgte, dass man sich fühlte, als wäre man gerade von einem geliebten Menschen auf die Stirn geküsst worden. Die Ghriba, verboten luftige Kekse mit Rosenwasseressenz und Zitronenschale, waren mit einem Zauber versetzt, der einem Finger und Zehen wärmte.

Etwa eine Stunde vor Ladenschluss stürmten Immy und Rosemary – Dinas beste Freundinnen und beinahe so etwas wie ihre Schwestern – ins Café, jede beladen mit mehreren Tragetaschen des Bücherladens um die Ecke.

Immy hatte erst kürzlich ihr blondes Haar zu einem kurzen Bob schneiden lassen, um sich damit demonstrativ gegen ihre zukünftige Schwiegermutter aufzulehnen, die der Meinung war, langes Haar sei ein Muss für eine Braut. Rosemary dagegen erinnerte an ein wahr gewordenes präraffaelitisches Gemälde. Zu ihrem leuchtend roten Haar, das ihr in Wellen über den Rücken fiel, trug sie heute ein grünes Kleid und eine Vintage-Brille im Cat-Eye-Design.

Obwohl sie sich im Aussehen dramatisch unterschieden, hatten Immy und Rosemary den gleichen Job – sie verfassten Horrorromane. Immy schrieb Science-Fiction voller tentakelbewehrter Aliens und merkwürdiger Raumschiffe mit eigenem Bewusstsein, während Rosemary mehr so der Typ für Schauergeschichten in alten Spukhäusern war.

Wenn Dina ehrlich war, fürchtete sie sich immer etwas zu sehr vor Rosemarys Büchern. Zu Immys Geschichten hatte sie den nötigen Abstand. Dass sie jemals die einzige überlebende Astronautin im Kampf gegen eine außerirdische Spezies sein würde, war eher unwahrscheinlich, aber Rosemarys Horror war die Sorte, nach der sie eine Armada von Schutzzaubern um ihr Bett errichtete.

Dina, Immy und Rosemary kannten sich bereits seit ihren frühen Zwanzigern. Rosemary war im Rahmen ihres Literaturstudiums in Princeton für ein halbes Jahr in England gewesen, Immy hatte den gleichen Kurs besucht, während Dina eine Ausbildung zur Bäckerin machte.

Sie waren sich zum ersten Mal bei einer Addams-Family-Filmnacht im Prince Charles Cinema – Kostüme verpflichtend – begegnet, bei der alle drei beschlossen hatten, als Cousin Itt zu gehen, komplett mit Perücke, Hut und Sonnenbrille. Mit dem Kostüm ihrer Wahl war es am Ende dann jedoch schwierig, sich den Film anzuschauen, also schlichen sie sich raus und liefen quer durch Londons Innenstadt, bis sie im Ye Olde Cheshire Cheese Pub landeten und dort versackten. Von diesem Abend an waren sie unzertrennlich. Selbst als Rosemary zurück in die Staaten musste, hielten sie ständig Kontakt und besuchten sich so oft wie möglich.

Immy und Rosemary waren die ersten Menschen, denen Dina je das Geheimnis ihrer Magie anvertraut hatte. Eines Nachts saßen die drei auf Dinas Küchenboden und aßen den Zitronen-Meringue-Kuchen, den sie gebacken hatte, als ihre Hexenintuition ihr mitteilte, dass jetzt ein guter Zeitpunkt wäre. Nachdem sie ihnen ihr Geheimnis anvertraut hatte, hatte sie Tassen mit heißer Schokolade für sie schweben lassen, nur für den Fall, dass sie dachten, sie hätte den Verstand verloren.

Es war die Nacht der Enthüllungen, denn kurz nachdem Dina ihnen gestanden hatte, eine Hexe zu sein, gab Rosemary zu, dass sie hin und wieder Geister sehen konnte. Immy hatte noch monatelang daran zu knabbern, dass sie die einzige nicht-magische Person unter ihnen war.

Nach Erics Antrag hatte Immy Dina um Erlaubnis gebeten, ihm von ihren Hexenkräften zu erzählen. Zuerst war sie unsicher gewesen; es war etwas sehr Persönliches, was ihre Freundin da einer anderen Person über sie verriet. Doch nachdem sie Erics Karten gelesen und sich heimlich seinen Teesatz angesehen hatte, wusste sie, dass sie ihm vertrauen konnte. Außerdem mochte sie ihn. Er hatte einen guten Sinn für Humor und verehrte Immy geradezu.

Dina hatte eine regelrechte Show aus der Enthüllung gemacht und ihnen einen »Glückwunsch zur Verlobung«-Kuchen gebacken, der ein kleines Feuerwerk in ihrem Wohnzimmer entzündete, als sie das erste Stück anschnitten.

Jetzt zog Immy Dina über den Tresen in eine Umarmung und hüllte sie in ihren Duft nach frischen Laken ein.

»Hab dich vermisst«, murmelte Immy in ihr Haar.

»Ich hab dich auch vermisst, obwohl wir uns gestern noch gesehen haben.«

Immy grinste. »Ich meinte das Pain au Chocolat dort, aber ja, dich hab ich auch vermisst.«

Dina wandte sich Rosemary zu, die um den Tresen gekommen war, und sie fielen sich strahlend in die Arme. Für eine so kleine Frau hatte Rosemary eine verdammt kräftige Umarmung.

»Ich wünschte, ich könnte hier einziehen«, stöhnte sie, während sie Dina drückte. »Selbst die Luft schmeckt nach Kuchen.«

Dina lächelte. »Ich hoffe, ihr habt beide großen Hunger, denn wir werden gleich Unmengen an Gebäck verdrücken.«

»Ich faste seit heute Morgen«, meinte Immy ernst. Neben ihr rollte Rosemary mit den Augen und formte mit den Lippen in Dinas Richtung: Wir hatten vor einer Stunde Pizza.

Immy und Rosemary machten sich auf den Weg nach hinten in die Küche, während Dina den Tresen putzte. Sie war froh, dass diese beiden lauten, wundervollen Frauen hier waren. Sie waren vermutlich die Einzigen, die sie von der Begegnung mit dem mysteriösen Mann heute Morgen ablenken konnten.

»Würde es dir etwas ausmachen, dich um die letzten Gäste zu kümmern, damit ich mit dem Backen anfangen kann?«, fragte sie Robin.

»Klar, wenn du versprichst, etwas von der Cremefüllung für mich aufzuheben«, antwortete Robin zwinkernd.

Der Andrang der Abendstunden war vorbei, und jetzt, eine Stunde vor Ladenschluss, befanden sich nur noch ein paar Stammgäste im Café. Da war ein älteres Paar, das zusammen ein Kreuzworträtsel löste und gelegentlich ein paar der lernenden Studenten am Nebentisch um Hilfe bat, wenn es einen der Hinweise nicht entschlüsseln konnte. Einige Gäste saßen am Schaufenster, nippten an ihren Getränken und blickten hinaus in das windige Herbstwetter. Wenigstens hier drin war es behaglich.

Da war auch ein Paar, das Dina schon einmal gesehen hatte, obwohl sie das letzte Mal Fremde an verschiedenen Tischen gewesen waren. Wenn Dina sich richtig erinnerte, hatten sie beide das Gleiche bestellt: einen Mokka mit extra Schokolade obendrauf, und dazu einen Donut mit Zuckerstreuseln. Ihr wurde das Herz warm bei dem Gedanken, dass die gleiche Bestellung in ihrem Café diese beiden Menschen zusammengeführt hatte.

Sonst verbrachte Dina die ruhigen Nachmittage damit, an ihren Rezepten für den nächsten Monat zu arbeiten. Sie passte ihr Gebäck gerne der Jahreszeit an, und manchmal musste sie etwas üben, bis sie es gut hinbekam. Auch eine Küchenhexe war nicht perfekt.

In Frühling und Sommer gab es zarte und luftige Plunder, versetzt mit Rosenwasser, marokkanischen Orangenkuchen und leckere Himbeer-Macarons. Wenn die Erdbeersaison im frühen Juni einsetzte, machte sie lockerleichten Fraisier, und in Herbst und Winter arbeitete sie mit schwereren Zutaten: dickflüssige, dunkle Schokolade, Zimt, Kardamom, Lebkuchengewürz und Kürbis. Wenn die Tage kürzer und kälter wurden, begannen die Menschen, sich nach Wärme und Behaglichkeit zu sehnen. Und genau das würde Dina ihnen geben, und sei es nur für kurze Zeit. Ein Spezialrezept für diese Zeit war ein Ingwer-Persimonen-Kuchen, der seine gelbe Färbung den Safranfäden verdankte, die Dina bei ihrem letzten Marokko-Trip erstanden hatte, und mit frischen Vanilleschoten versetzt war, deren süßer, kräftiger Duft jedes Mal durch das ganze Café waberte.

Es war nur eine Ergänzung zu ihrem üblichen Angebot von Gebäck und Kuchen, alles Rezepte, die ihre Mutter ihr beigebracht hatte. Der Kuchen mit dunklem Honig aus dem Atlasgebirge war ein Dauerbrenner bei ihren Gästen. Dina hatte ihn mit einem ganz speziellen Zauber versetzt, der die Gäste immer wieder zurückkommen und nach mehr verlangen ließ. Sie hatte ihn aus einer Kindheitserinnerung gewonnen: Einmal war sie während einer Autofahrt eingeschlafen, und obwohl sie bereits zu groß war, um herumgetragen zu werden, erinnerte sie sich, wie ihr Vater sie in seine Arme gehoben und ihre Mutter ganz leise die Autotür geschlossen hatte, um sie nicht aufzuwecken, bevor er sie sanft nach oben in ihr Bett trug.

Die Idee für diesen Zauber war Dina gekommen, als ihr bewusst wurde, dass jeder Mensch im Leben irgendwann erwachsen werden musste, also schuf sie diesen Honigkuchen, der das Gefühl einer behüteten Kindheit konservierte. Das Gefühl, ganz und gar umsorgt und liebevoll in die Arme genommen zu werden, war eines, das vielen im ruhelosen London fehlte.

Manchmal fragte sie sich, ob sie wirklich eine Cafébesitzerin oder nicht doch so eine Art gute Fee war. Doch das magische Gebäck ließ die Gäste eindeutig immer wieder kommen, was sie auch zu einer guten Geschäftsfrau machte.

Heute würde sie jedoch nicht ihre Winterrezepte vorbereiten. Der Nachmittag war für Immys Hochzeitsvorbereitungen reserviert. Statt sich wie jeder normale, vernünftige Mensch für eine Torte zu entscheiden, hatte Immy beschlossen – und Eric hatte da nichts mitzureden –, dass sie entweder Apfelkuchen oder Zimtschnecken wollte. Sie war sich nur noch nicht sicher, was davon.