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Manchmal reicht ein Moment, um das Herz neu zu entfachen.
Gabe Wilde und Meredith Still waren einst das perfekte Highschool-Paar, voller Träume, Pläne und unbeschwerter Hoffnung für die Zukunft. Doch das Leben hatte andere Pläne, und ihre Wege trennten sich auf eine Weise, die ihnen beiden das Herz brach.
Viele Jahre später kehrt Gabe in die Stadt zurück, die er einst Hals über Kopf verlassen hatte. Dort begegnet er Meredith wieder, die nach einer gescheiterten Ehe ebenfalls zurückgekehrt ist. Ein Gefühl, das er längst für verloren geglaubt hatte, flammt sofort wieder auf und ihm wird klar: Sie ist immer noch die Frau seiner Träume.
Wird das Schicksal ihnen eine zweite Chance schenken, oder haben sie ihr Glück vor Jahren unwiderruflich verloren?
Fortsetzung der „Wilde Boys“-Reihe von Bestseller-Autorin Abby Brooks. Eine Small Town Romance über zweite Chancen, unvergessliche Liebe und voller Spice. Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar.
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Seitenzahl: 361
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Manchmal reicht ein Moment, um das Herz neu zu entfachen.
Gabe Wilde und Meredith Still waren einst das perfekte Highschool-Paar, voller Träume, Pläne und unbeschwerter Hoffnung für die Zukunft. Doch das Leben hatte andere Pläne, und ihre Wege trennten sich auf eine Weise, die ihnen beiden das Herz brach.Viele Jahre später kehrt Gabe in die Stadt zurück, die er einst Hals über Kopf verlassen hatte. Dort begegnet er Meredith wieder, die nach einer gescheiterten Ehe ebenfalls zurückgekehrt ist. Ein Gefühl, das er längst für verloren geglaubt hatte, flammt sofort wieder auf und ihm wird klar: Sie ist immer noch die Frau seiner Träume.Wird das Schicksal ihnen eine zweite Chance schenken, oder haben sie ihr Glück vor Jahren unwiderruflich verloren?
Fortsetzung der „Wilde Boys“-Reihe von Bestseller-Autorin Abby Brooks. Eine Small Town Romance über zweite Chancen, unvergessliche Liebe und voller Spice. Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar.
Abby Brooks ist eine amerikanische Romance-Autorin und lebt mit der Liebe ihres Lebens und ihren drei Kindern in einer Kleinstadt in Ohio. Sie liebt es, in der Küche zu tanzen, zu lachen und bis spät in die Nacht zu lesen.
Will Wright ist glücklich verheiratet mit Abby Brooks, der Liebe seines Lebens und Romanautorin aus Leidenschaft. Privat sind sie ein unschlagbares Team – und beruflich erst recht. Gemeinsam haben sie mit viel Freude die Wilde Boys-Serie umgesetzt, die für beide ein ganz besonderes Herzensprojekt ist
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Abby Brooks, Will Wright
Claiming what is mine
Aus dem Amerikanischen von Beate Darius
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Grußwort
Informationen zum Buch
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Kapitel 1 — Gabe
Kapitel 2 — Gabe
Kapitel 3 — Meredith
Kapitel 4 — Meredith
Kapitel 5 — Gabe
Kapitel 6 — Meredith
Kapitel 7 — Meredith
Kapitel 8 — Gabe
Kapitel 9 — Meredith
Kapitel 10 — Meredith
Kapitel 11 — Gabe
Kapitel 12 — Meredith
Kapitel 13 — Gabe
Kapitel 14 — Meredith
Kapitel 15 — Meredith
Kapitel 16 — Meredith
Kapitel 17 — Gabe
Kapitel 18 — Gabe
Kapitel 19 — Meredith
Kapitel 20 — Meredith
Kapitel 21 — Gabe
Kapitel 22 — Gabe
Kapitel 23 — Meredith
Kapitel 24 — Gabe
Kapitel 25 — Meredith
Kapitel 26 — Meredith
Kapitel 27 — Gabe
Kapitel 28 — Meredith
Kapitel 29 — Meredith
Kapitel 30 — Gabe
Kapitel 31 — Meredith
Kapitel 32 — Meredith
Kapitel 33 — Gabe
Kapitel 34 — Gabe
Kapitel 35 — Meredith
Kapitel 36 — Gabe
Epilog — Hank
Impressum
Lust auf more?
Gabe
Sieh sich einer diesen Arsch an.
Nur keine Hemmungen! So ein Prachtexemplar sollte verboten werden. »Da bekommt man echt Lust, mal draufzuhauen, oder? Na los, mach schon.«
Klatsch. Klatsch.
Im Spiegel spähe ich zu meinem Bruder Chet.
»Mensch, Gabe! Ich wollte dich nicht zum Trauzeugen haben, damit du hier rumstehst und dich am Tag meiner Hochzeit selbst vermöbelst.«
»Okay, Bruderherz, ich hab’s geschnallt. Dachte, das macht mich fit für den Job.« Ich zwinkere ihm im Spiegel zu.
»Kannst du dich mal eine Minute zusammenreißen und mir helfen?«, fragt Chet in seiner gewohnt mürrischen Art. »Ich kriege diese verdammte Krawatte nicht gebunden.«
Er ist zwar ein Dauernörgler, aber nicht verkehrt. Seinen schwieligen Fingern dabei zuzusehen, wie sie sich mit dem feinen Seidenstoff abmühen, ist so, als würde man einen Schimpansen beim Zubinden eines Schnürsenkels beobachten. Mit viel Zeit und Glück könnte es allerdings schon klappen – schätze ich.
Ich werfe noch einen kurzen Blick in den Spiegel, der auf der Innenseite der Sakristeitür hängt. Leider ist die harte weiße Deckenbeleuchtung nicht gerade schmeichelhaft, aber was soll’s, ich sehe gut aus. Ich trete einen Schritt zurück und schwenke herum. Gleich wird der Reverend vor diesen Spiegel treten, um sich ein letztes Mal zu begutachten, bevor er zum Altar schreiten wird, um seine Gemeinde zu begrüßen. Wahrscheinlich wird er zweimal kontrollieren, ob sein Hosenstall nicht offen steht. Bei dieser Vorstellung muss ich grinsen.
In meine Gedanken mischt sich ein Hauch von Bedauern, etwas, das ich bereits den ganzen Morgen zu ignorieren versuche. Der heutige Tag bringt mir nämlich deutlich zu Bewusstsein, dass Chet sein Glück gefunden hat und ich noch nicht. Im Gegenteil: Ich kann nur hoffen, dass unter den Gästen eine hübsche Dame ist, die mir Gesellschaft leistet und mich ablenkt – zumindest vorübergehend. Noch vor Kurzem dachte ich, die eine oder andere flüchtige Affäre würde mir auf Dauer genügen, aber in letzter Zeit habe ich eingesehen, wie weit entfernt das von der Liebe einer netten Frau ist.
Behalt’s für dich, Mann. Jetzt ist nicht der richtige Moment für eine Selbstmitleidsorgie.
Ich rücke meine Krawatte und die Hemdmanschetten zurecht. »Immer wieder gern. Dieser sexy Arsch läuft mir schließlich nicht weg.« Ehe ich mich Chet zuwende, verpasse ich meinem Hintern noch einen letzten Klaps. »Wie kommst du überhaupt auf die Idee, dass ich besser Krawatten binden könnte als du?«, will ich wissen, während ich an den schwarzen Stoffenden herumfummele, die an seinem Hals baumeln. »Wo sollte das denn herkommen? Immerhin haben wir die meiste Zeit unseres Lebens gemeinsam auf einer Ranch verbracht.«
Chet sieht heute gut aus, richtig vornehm. Er und Christy haben sich für das komplette Programm (sprich Hochzeit in Weiß) entschieden. Sie wissen schon: Anfang Juni, kleine Kirche, weder schlüpfrige Überraschungseinlagen noch gewagte Outfits. Verdammt, ich vermute, bei Chet können wir froh sein, dass wir nicht in einer Scheune auf Strohballen sitzen werden. Also wenn ich heute heiraten würde, wäre meine Hochzeit um einiges aufwendiger.
Chet in elegantem schwarzem Smoking mit blütenweißem Hemd zu sehen, frisch rasiert und ohne Cowboyhut – der Mann ist kaum wiederzuerkennen. Bis mein Blick auf seine Schuhe fällt. Aus irgendeinem Grund, den der Rest der Menschheit wahrscheinlich nie begreifen wird, bestand er darauf, Cowboystiefel zu tragen. Es ist nicht das Paar, das er sonst ständig auf der Ranch anhat. O nein. Es sind brandneue von Tony Lama, extra für die Hochzeit gekauft.
»Du hast den Knoten bei deiner doch auch hinbekommen, oder?« Chet zeigt auf die fachmännisch gebundene Krawatte an meinem Hals.
»Soll das ein Witz sein? Nein, Frank hat sie mir gebunden. Wahrscheinlich hätte ich mich sonst glatt selbst erdrosselt.«
»Frank?« Chet macht ein verblüfftes Gesicht.
»Genau, unser in Denver heimischer Schickimicki-Bruder. Der ist echt spitze bei so was. Bleibt zwischen hartem Geschäftsalltag und extravagantem Nachtleben vermutlich nicht aus.«
»Meinst du, du könntest deine Hände lange genug bei dir behalten, um ihn herzuholen?«
»Klar. Bin gleich zurück. Brauchst du sonst noch was? Einen Drink? Oder vielleicht eine große Kombizange?« Ich werfe noch einen schnellen Blick in den Spiegel. Sei heute besser ein bisschen zurückhaltend, Mann, schließlich willst du Braut und Bräutigam nicht die Show stehlen!
Chet schüttelt den Kopf. »Entschuldige meine blöde Frage, aber wofür würde ich eine Kombizange brauchen, Gabe?«
»Um dir vor der Trauung den Stock aus dem Arsch zu ziehen.« Ich schließe die Tür hinter mir, bevor er etwas erwidern kann, und bin mächtig stolz auf meinen Wahnsinnsspruch.
Die Räume in dieser alten Kirche wirken vertraut und trotzdem erdrückend. Vielleicht wurden sie inzwischen neu gestrichen, oder die Wände sind gar nicht so hoch wie in meiner Erinnerung, irgendetwas ist jedenfalls anders. Ich kann mich nicht entsinnen, wann ich das letzte Mal hier war. Erinnerungen aus meiner Kindheit ploppen in meinem Kopf auf, lebhaft und deutlich. Sonntagsschule, Malkurse mit Wasserfarben, meine Brüder und ich rennen lärmend durch die Gänge. Bis Pop uns zu fassen bekommt.
Dann kommt mir schlagartig die Erleuchtung. Unser Dad!
Ich bekomme eine Gänsehaut, als mir klar wird, dass ich bei seinem Begräbnis das letzte Mal hier war. Hey, denk an was Schönes. Pop würde es freuen, wenn er wüsste, was uns alle heute wieder hergebracht hat.
Ich stecke den Kopf durch die Doppeltüren, die ins Kirchenschiff führen, in der Hoffnung, Frank zu mir winken zu können, ohne erst durch den Mittelgang zu latschen und ihm unauffällig auf die Schulter zu tippen. Ich traue meinen Augen nicht. Reihenweise stehen die Leute entlang der Wände. Gibt es auf Chets Hochzeit etwa bloß noch Stehplätze? Das ganze verdammte Logan County muss angereist sein. Vermutlich sind alle hergekommen, um zu sehen, ob Christy sich das wirklich antun will.
Suchend lasse ich meinen Blick durch die Kirche schweifen, um mit hochgerissenen Armen wie ein Idiot zu winken, als ich meinen Bruder entdecke. So viel zum Thema unauffällig. Frank verdreht die Augen und hält einen Finger hoch (er zeigt mir nicht den Stinkefinger, falls Sie das meinen), um zu signalisieren, dass er noch eine Minute braucht. Herrgott, du hältst hier nicht die Trauung ab, also mach dich nicht so wichtig! Ich trete zurück ins Foyer und lehne mich wartend gegen die Wand. Mein Fuß tippt im Rhythmus des Sekundenzeigers der über der Tür angebrachten Uhr auf den Boden. Obwohl er und Chet total verschieden sind, scheinen meine beiden Brüder den Eindruck zu haben, dass wir anderen glücklich sein sollten, nach ihrer Pfeife zu tanzen.
Ein paar Minuten später schiebt sich Frank durch die Türen und läuft fast an mir vorbei, bis er mich an der Wand bemerkt.
»Was liegt an? Soll ich dir mit deinem Schlips helfen?«
»Nein. Im Moment nicht.« Glücklicherweise kann ich mich bremsen und die Finger von dem Teil lassen. »Denkst du, ich bin zu blöd dafür, oder was?«
Frank grinst höhnisch.
»Sag jetzt nichts«, setze ich schnell hinzu, ehe er noch einen Kommentar rausballert. »Kannst du Chet kurz die Krawatte binden? Er ist damit komplett überfordert.«
Frank legt den Kopf schief. »Lass mich mal eins klarstellen. Ihr zwei könnt praktisch jede nur vorstellbare Schlinge knoten, solange es nicht um euren eigenen Hals geht?«
»Wieso zum Henker würde ich mir jemals eine Schlinge um meinen Hals wünschen?« Ich lege die Hände um meinen Hals, als wollte ich mich würgen. »Darauf kann ich gut und gern verzichten.«
Frank schlägt die Augen zur Decke. »Und so was ist mein älterer Bruder.« Er seufzt. »Los, komm weiter.«
»Was hast du denn da draußen gemacht, das so wichtig war?«, forsche ich nach, bemüht, ihn nicht noch mehr zu provozieren, während wir erneut den Gang passieren.
»Ähm – ich bin so was wie ein Saaldiener. Und war gerade dabei, einer älteren Frau einen Platz zuzuweisen. Jeden Tag eine gute Tat – du kennst den Spruch.«
»Oh. Dann hast du bestimmt einen guten Überblick, wer alles da ist, oder?«
»Nehme ich mal an.« Frank zieht die Brauen hoch. »Weswegen?«
»Na ja, ich bin der Trauzeuge. Offen gestanden kann ich da nicht mit irgendeiner schielenden, hässlichen Braut tanzen. Nicht auf der Hochzeit unseres ältesten Bruders.« Ich zwinkere ihm vielsagend zu.
Er zeigt mir den Vogel. »Du bist so ein Kindskopf.«
»Falsch. Ich –« Ich tippe mit dem Daumen auf meine Brust. »Ich bin ein erwachsener Mann.«
Frank schnaubt. »Nein. Für mich bist du ein unreifer Spacko.«
An seiner arroganten Miene erkenne ich, dass er verdrängt hat, wo er herkommt, weil er schon seit einer Ewigkeit in Denver lebt. Unsere Familie hatte es noch nie so mit Förmlichkeiten, wir halten mit nichts hinter dem Berg. Verdammt, diese Tatsache macht mich persönlich sogar stolz. Wir Wildes geben nicht vor, etwas zu sein, was wir nicht sind, bei uns weiß man immer, woran man ist. Irgendwo auf der Interstate 76 scheint diese Schweinebacke das jedoch ausgeblendet zu haben. Aber heute ist nicht der richtige Tag und dies hier nicht der geeignete Ort, um ihn darauf hinzuweisen. »Okay. Lass gut sein. Dann bin ich halt ein erwachsener Spacko.«
»Wenn du dich dann besser fühlst.«
»Definitiv.« Ich drücke die Tür auf und winke Frank herein. Ein Saaldiener? Ha. Den Job mache ich mit links.
Im Innern tigert Chet vor der Fensterfront auf und ab, von den Bücherregalen aus massiver Eiche an einer Wand zu dem vollgepackten Schreibtisch an der anderen.
»Hey, Alter, ich habe gehört, du brauchst Hilfe mit deiner Krawatte?« Frank betritt die Sakristei. »Mach dich locker, wir sorgen schon dafür, dass du blendend aussehen wirst.«
Chet sieht Frank verwirrt an. »Hä?« Er fährt sich mit der Hand durch sein glattes schwarzes Haar, während er Franks Äußerung verarbeitet. »Nein. Scheiß auf die Krawatte.« Er bleibt stehen, um einen Blick aus dem Fenster zu werfen. »Ich mache mir Sorgen wegen Christy.«
Ich stecke die Hände in die Taschen meines Jacketts. »Mom ist bei ihr. Wenn Christy heimlich verduftet wäre, hätte man uns bestimmt informiert.«
Chet schießt mir einen seiner Das ist nicht lustig, Gabe!-Blicke zu. »Das habe ich nicht gemeint. Außer ihrer Mom hat sie hier niemanden, der sie unterstützt.« Er tippt mit dem Finger auf die Fensterscheibe. »Da unten auf dem Parkplatz stehen massenhaft Autos – trotzdem habe ich echt Skrupel, dass sie durch den Mittelgang schreiten wird und kein einziges bekanntes Gesicht entdeckt. Ich möchte doch bloß, dass sie heute glücklich ist.«
Ich gehe zu meinem Bruder und lege ihm eine Hand auf die Schulter. »In einer Stunde ist sie eine Wilde, und die ganze verdammte Stadt wird sich den Arsch für sie aufreißen. Egal, was sie haben will und wann sie es haben will. Genau so, wie man seit Langem für uns da ist.«
Chet und Frank sehen mich ungläubig an.
»Was denn? Manchmal kann ich auch ernst sein.«
Frank baut sich vor unserem ältesten Bruder auf und macht sich an die Arbeit, bis er Chets Krawatte zu einem perfekten Knoten gebunden hat. Er klappt dessen Hemdkragen herunter und wischt ihm einen Fussel vom Sakko. »Alles paletti.« Er tritt zurück, zufrieden mit seinem Werk. »Soso, wer ist denn eigentlich Christys Brautjungfer?«
»Ihre Mutter«, erwidert Chet.
Breit grinsend späht Frank von ihm zu mir. »Gabe, bandelt der Trauzeuge nicht normalerweise mit der Brautjungfer an?«
Ich werfe Frank einen Das ist nicht lustig!-Blick à la Chet zu. »Du bist widerlich.«
Frank schaut zu Chet. »Sie ist Single, oder?«
Zerstreut antwortet Chet: »Es gefällt mir nicht, wie sich das Gespräch entwickelt.«
»Also unser Gabe hier ist doch ebenfalls solo …«
Gott sei Dank wird Frank mitten im Satz unterbrochen, da unser jüngerer Bruder Jack die Tür aufdrückt und gedankenversunken den Raum betritt. Als er aufblickt und feststellt, dass wir drei ihn verständnislos anstarren, dreht er sich buchstäblich auf dem Absatz um.
»Störe ich?«
Ich gehe zu ihm, dankbar für den Themawechsel. »Nein, nein. Alles gut. Was liegt an?«
Jack blickt zu Chet. »Der Reverend hat mich gebeten, dir mitzuteilen, dass es Zeit wird. Bist du fertig?«
»Ich bin dermaßen fertig, mehr geht gar nicht.« Chet läuft zum Spiegel, um sich zu begutachten.
Jack räuspert sich. »Eine Sache noch, Chet – tut mir leid, dass ich dir das stecken muss, aber ich dachte, du wärst gern vorbereitet.«
»Jaaa?«, meint Chet gedehnt.
Chet und Jack sind aus dem gleichen Holz geschnitzt, also wenn Jack die Erwähnung für wichtig genug hält, um damit noch kurz vor der Trauung herauszurücken, dann wissen wir alle, dass es wirklich wichtig sein muss.
»Tja, also … Leo ist hier.«
»Ich habe ihn auch gesehen, hatte aber bisher noch keine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen«, wirft Frank locker in die Runde. »Das ist aber doch eine gute Neuigkeit, oder?«
»Eigentlich schon. Mhm … die Sache ist bloß die …« Jack starrt auf seine Füße.
»Spuck’s aus, Mann«, sage ich genervt.
Jack sieht Chet mit festem Blick an. »Na ja, ich bin mir zu neunundneunzig Prozent sicher, dass er ziemlich angeschickert ist.«
»Schei…ße«, rutscht es mir unwillkürlich heraus.
Frank schneidet mir eine Grimasse, ehe er sich an Jack wendet. »Das ergibt keinen Sinn. Ich meine … Leo ist immer impulsiv gewesen. Trotzdem kann ich mir kaum vorstellen, dass er sich an einem solchen Tag die Kante geben und sich danebenbenehmen würde.«
»Ich hoffe, dass ich falschliege. Seinen blutunterlaufenen Augen und seinem undeutlichen Gequatsche nach zu urteilen, glaube ich das aber nicht.«
Ich schaue zu Chet. »Okay. Was soll’s? Heute geht es nicht um Leo, sondern um dich und Christy. Dass er ein egoistischer Wichser ist, ist ja nichts Neues. Mach dir deswegen keinen Kopf. Jack, Frank und ich werden ein Auge auf ihn haben. Verdammt, und Hank auch, wenn es sein muss, aber –«, ich lache auf, »– so schlimm wird’s schon nicht werden. Du konzentrierst dich auf deine Braut. Heute dreht sich alles um euch beide.« Ich mache mich auf den Weg zur Tür. »Können wir jetzt endlich los?«
Als keiner antwortet, drehe ich irritiert den Kopf, um festzustellen, dass die drei sich schweigend anstarren. »Was? Ich kann auch ernst sein, das habe ich doch bereits erwähnt.« Mit einem Daumen hebe ich die rechte Seite meines Revers an. »Seht ihr dieses Abzeichen?«
Meine drei Brüder reagieren mit Kopfschütteln. »Herrgott, habt doch einmal im Leben ein bisschen Phantasie und tut so, als wäre da ein Abzeichen. Auf diesem Ding steht Trauzeuge und nicht Gutmensch. Los jetzt, lasst uns in die Gänge kommen, bevor die Braut es sich anders überlegt oder das Valium, das sie eingeworfen hat, seine Wirkung verliert.«
Gabe
Chet und ich betreten den Altarraum durch eine Seitentür. Auch wenn mir bewusst war, was uns hier erwarten würde, bin ich auf so viel Tamtam nicht gefasst.
»Meine Herren, hier drüben, bitte. Kommen Sie, nehmen Sie Ihre Plätze ein.« Der Reverend winkt uns mit einer Handbewegung an seine linke Seite. »Mr. Wilde, wie Sie sich bestimmt entsinnen können, stehen Sie hier.«
»Wer von uns beiden?«, fragen Chet und ich gleichzeitig.
»Ach ja, richtig.« Der korpulente Geistliche fährt sich mit einer Hand durch das wenige Haar, das noch auf seiner Glatze sprießt. »Der Bräutigam steht hier.« Er schiebt Chet auf ein mit Klebeband markiertes X auf dem Teppichläufer. »Und Sie, Sir … stehen hinter ihm, allerdings eine Stufe tiefer. Ja, genau da. Wie wir es bei der Probe einstudiert haben. Sehr gut.«
Ich überblicke die Menge, auf der Suche nach einer Partnerin, mit der ich nachher die Tanzfläche unsicher machen kann. Was sagt das über mich als Mann aus, wenn mich der Gedanke an noch eine betrunkene Fremde in meinem Bett total abturnt? Ich kenne so gut wie jede hier in der Kirche, und keine sticht aus der Menge heraus. Alles leere, nichtssagende Gesichter, junge Frauen, die angeregt miteinander plaudern.
Bis auf eine. Vorhin saß sie auf einer der Bänke, doch als ich jetzt hinsehe, kann ich sie nirgends entdecken. Auf den ersten Blick habe ich braunes Haar und ein Lächeln wahrgenommen – und dass sie mir irgendwie bekannt vorkam. Ihr Name fällt mir jedoch nicht ein, trotzdem hatte sie etwas an sich.
Die obligatorischen Veranstaltungen wie Sonntagspredigt oder der Bingoabend jeden Mittwoch sind immer ganz gut besucht. Heute gibt es dagegen nicht genug Sitzplätze für alle, und vielleicht geht es nur mir so, aber mir kommt die Luft abgestanden und stickig vor. Könnte nicht mal jemand wenigstens die gottverdammte Klimaanlage anwerfen?
Die Wand hinter dem Reverend ist vom Boden bis zur Decke aus Buntglas mit biblischen Szenen, wie Eva mit dem Apfel, oder den Tieren, die paarweise auf die Arche Noah losziehen. Ich weiß noch, dass ich diese Bilder als Kind liebte, weil sie mich Woche für Woche von den langweiligen Predigten ablenkten. Dann schweiften meine Gedanken ab, und ich stellte mir die Geschichten hinter den Szenen vor. Oder ich versuchte, die Blau-, Rot- und Gelbtöne zu zählen. Alles, um mir die Zeit zu vertreiben, während die Erwachsenen andächtig lauschten und nickten. Irgendwann, gefühlt nach Stunden, setzte die Musik ein, und ich wusste, ich hatte wieder einen Sonntag überstanden.
Dumpfes Gemurmel hängt über den Sitzbänken, da die Anwesenden leise mit ihren Nachbarn tuscheln, über diesen Tag oder das Wetter oder sonst was. Von meinem Standort aus beobachte ich, wie unsere Mutter durch ein Seitenschiff die Kirche betritt, sich umsieht und vom Anblick der vielen Gäste sichtbar überwältigt ist. Ich spähe zu Frank, meine Augen gehen hin und her, von ihm zu unserer Mutter, bis er endlich kapiert, dass sie einen Sitzplatz sucht. Ha. Erinnert sie sich etwa auch nicht mehr an das, was wir geprobt haben? Er schiebt sich zu ihr, hakt sie unter und führt sie voller Stolz in die erste Reihe. Leck mich. Es war nicht deine Idee, dass sie hier vorn sitzt.
Nachdem sie Platz genommen hat, schwingen die beiden Flügel des Kirchenportals weit auf, die Orgel beginnt zu spielen, und alle im Raum verstummen.
Da-da-di-dum. Da-da-di-dum.
Christy erscheint in der Tür, eine wirklich schöne Braut, hochschwanger und strahlend vor Glück. Ihr Kleid ist schlicht, zeitlos klassisch geschnitten. Es ist schulterfrei und wird im Nacken geschlossen. Der Stoff unter ihren Brüsten war ursprünglich gerafft, um die schlanke Taille zu betonen. Allerdings musste er angesichts ihrer Schwangerschaft ganz ausgelassen werden und bildet nun ein niedliches kleines Zelt über ihrem Babybauch. Im Rücken, auf Taillenhöhe, ist eine schmale Schleppe angesetzt, die leise raschelnd hinter ihr über den Boden schleift. Nicht dass ich es Chet gegenüber je zugeben würde, aber ich bin eifersüchtig. Er ist ein glücklicher Mann.
Besonders wenn man sich überlegt, dass sie mich zur selben Zeit kennengelernt hat – über Geschmack lässt sich halt nicht streiten.
Christy beginnt, durch den Mittelgang zu schreiten, an ihrer Seite ihre Mutter, die ihr einziges Kind zum Traualtar führt. Die Braut hat den Kopf gereckt und ihren Blick auf Chet geheftet, auf ihren Lippen ein strahlendes Lächeln. Vielleicht hat sie echt eine Valium eingeworfen. Nach etwa einem Drittel des Weges zu uns passiert sie Leo, den ich bis jetzt nicht bemerkt hatte.
Er ist total breit, meine Fresse. Der Kerl gehört ins Bett, um seinen Rausch auszuschlafen.
Dummerweise sitzt er am Ende der Reihe, direkt am Gang, und ich halte intuitiv die Luft an, als Christy näher kommt. Sie ist so gut wie an ihm vorbei, und ich will erleichtert aufseufzen, als …
Scheiße.
Leo beugt sich seitlich vor und streckt den Arm aus. So weit, dass ich denke, er könnte gleich aus der Bank fallen und voll auf seine Visage. Doch das tut er nicht. Es wäre zwar peinlich gewesen, aber wesentlich besser als das, was er tatsächlich macht. Stattdessen tätschelt er nämlich Christys Hintern, dann lehnt er sich lässig zurück und flüstert seinem mitgebrachten Date laut zu: »Ist mir egal, ob sie schwanger ist, sie ist trotzdem verdammt heiß.«
Vielleicht hat er im Suff nicht registriert, dass alle Anwesenden den Blick auf sie gerichtet und das gerade mitbekommen haben, und ich bin sprachlos – was mir sonst nie passiert. Sein Date dreht sich pikiert lächelnd von ihm weg, bemüht, sein Gegröle zu ignorieren. Hank – er sitzt auf der anderen Seite des Mädchens – klappt vor Schreck die Kinnlade runter. Bestürzt starrt er von Leo zu mir. Danke für deine Hilfe, kleiner Bruder.
Christy bleibt stehen und dreht den Kopf, um hinter sich zu spähen, sichtlich verwirrt über den Zwischenfall. Innerhalb von Sekundenbruchteilen begreift sie Leos Unverschämtheit, und ihre Verwirrung verwandelt sich in Entsetzen. Noch schlimmer ist, dass ihr kurzes Stehenbleiben einen Dominoeffekt hat, denn die Musik stoppt ebenfalls abrupt, was das Gejapse und Getratsche der Anwesenden bloß noch befördert. Unsere Mutter, die nur wenige Meter entfernt sitzt, schlägt eine Hand vor den Mund und schüttelt fassungslos den Kopf.
Wie um alles in der Welt konnten wir innerhalb von fünf Sekunden von einem glücklichen Tag ins komplette Chaos stürzen? Die Antwort heißt – Leo.
Am liebsten würde ich jeden Blickkontakt mit Chet vermeiden, mir ist jedoch klar, wenn ich nicht blitzschnell aktiv werde, wird er an mir vorbeigehechtet kommen und diesen Flegel eigenhändig umbringen. In einer Kirche. Auf seiner eigenen Hochzeit.
Doppelt Scheiße.
Widerstrebend spähe ich zu meinem Bruder. Wie erstarrt steht er da, sein Gesicht verzerrt vor Wut und Verachtung, könnte er Leo in diesem Moment bestimmt erwürgen. Ich setze einen Fuß auf die obere Stufe und beuge mich zu ihm vor. »Chet, schon klar, das war absolut untragbar. Und ich verspreche dir, wir kriegen das hin. Verdammt, ich werde ihm persönlich einen Arschtritt verpassen. Aber nun ist nicht der richtige Moment dafür«, flüstere ich. »Konzentrier dich auf deine Braut. Sie ist das Einzige, was jetzt wichtig ist.« Chet zieht an seinem Hemdkragen, um seine Krawatte zu lockern, während er in langen, harschen Zügen atmet. Als er zu Christy schaut, verliert sich der Ärger in seinen Augen.
»In Ordnung. Vorerst«, stößt er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Sobald Christy sich ins Gedächtnis ruft, dass Chet auf sie wartet, nimmt sie Haltung an, um ihren Weg halbwegs gefasst fortzusetzen. Die Musik beginnt erneut, und das aufgeregte Geplapper der Anwesenden erstirbt zu einem leisen Murmeln. Christys Lächeln ist geschwunden, ihr Mund zu einer dünnen Linie zusammengepresst. Angesichts des hässlichen Zwischenfalls beendet sie ihren Weg trotzdem selbstbewusst und mit der Anmut einer Heiligen. Sie nimmt ihren Platz neben Chet ein und ihre Mutter neben mir.
Nach einem vernehmlichen Räuspern beginnt der Geistliche mit der Zeremonie. Die Aufregung legt sich, und die Gäste konzentrieren sich auf Braut und Bräutigam, bis Leo wieder anfängt, loszupöbeln und sich in Szene zu setzen.
Chet blickt auffordernd zu mir, und ich erkenne den Ernst der Lage. »Ich regle das«, raune ich ihm zu. Sobald ich Hanks Aufmerksamkeit auf mich gelenkt habe, zeige ich mit dem Kopf mehrmals zu Leo und lege meine Hand um meinen Hals.
Schmeiß ihn raus, oder bring ihn um, ganz egal, was.
Hank schafft es, den Platz mit dem Mädchen zu tauschen, das zwischen ihnen sitzt und mittlerweile einen knallroten Kopf hat. Kaum sitzt er neben Leo, rammt er seinen Ellbogen in dessen Magen. Leo stöhnt auf, und Hank lehnt sich selbstzufrieden zurück. Er zwinkert mir sogar zu und grinst, als hätte er gerade das Weltklimaproblem gelöst. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, er wäre adoptiert.
Abermals räuspert sich der Reverend und versucht sein Bestes, an der Stelle fortzufahren, wo er unterbrochen wurde. Das Einzige, was diese Situation rettet, ist, dass alles ausgeblendet scheint, sobald Chet und Christy einander in die Augen schauen. Lieber Gott, ich weiß, ich bete nicht oft, aber bitte … bitte, wenn du jetzt zuhörst, dann lass Leo ohnmächtig werden oder irgendetwas, bis das hier vorbei ist. Könntest du das für mich tun? Ich verspreche, ich werde mich bessern.
Erfreulicherweise kann die Zeremonie ohne Unterbrechung fortgesetzt werden, und als der Geistliche die Ringe von mir haben will, beschließe ich, auf den blöden Scherz zu verzichten, dass ich dummerweise vergessen habe, sie einzustecken. In Anbetracht der Situation wäre das bestimmt nicht witzig. Ich nehme sie aus meiner Westentasche, und als ich sie dem Reverend reiche, könnte ich schwören, dass Tränen in Chets Augen glitzern.
Er spricht als Erster, indem er jedes Wort des Geistlichen wiederholt, bevor er Christy den schmalen Goldring an den Finger steckt. Dann spricht sie die Worte nach und schiebt den Ring auf Chets Finger, nur dass seiner auf dem Gelenk stecken bleibt. Typisch Chet, so dämliche dicke Fingerknöchel zu haben, genau wie so einen dämlichen Dickschädel. Alle schmunzeln, als sie sich vorneigt, um es mit etwas mehr Kraft zu probieren. Selbst Chet schmunzelt, als er für seine Braut übernimmt.
»Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau. Sie dürfen die Braut jetzt küssen!« Der Geistliche tritt zurück, damit Chet Christy in die Arme schließen und küssen kann. Die beiden drehen sich zu den Gästen, und tatsächlich laufen ihm Freudentränen über die Wangen, so stolz und glücklich ist er.
Das ist es. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben hat mein älterer Bruder sein Glück gefunden.
Meredith
Ich bin mir nicht sicher, ob es die richtige Entscheidung war, heute herzukommen. Erlauben Sie, dass ich mich korrigiere: Ich bin mir ganz sicher, dass mein Entschluss falsch war. Andererseits bin ich mir auch sicher, wenn meine Eltern mir noch ein einziges verdammtes Mal erklärt hätten, »den heutigen Tag als eine Auszeit vom Drama deines Lebens zu nutzen« oder »dass es eine gute Gelegenheit wäre, endlich mal wieder unter Leute zu kommen«, hätte ich einen Tobsuchtsanfall bekommen. Hatte ich schlicht verdrängt, wie neugierig und anmaßend sie sein können, bevor ich wieder zu Hause einzog? Gute Frage. Außerdem haben sie keinen Grund, an mir herumzunörgeln, und das wissen sie. Ich habe einen Job. Okay, zwei Tage in der Woche die Buchführung für den landwirtschaftlichen Großhandel im Ort zu machen, mag nicht sonderlich beeindruckend klingen, aber es wurden gerade Leute gesucht. Deswegen fing ich da in der Buchhaltung an. Immer noch besser als nichts.
Zugegeben: Ein freudiger Anlass wie eine Hochzeit ist eine angenehme Abwechslung von den letzten Monaten, und wenn es bloß für ein paar Stunden ist … Also, wo ist das Problem? Nun ja, ich habe so was wie eine gemeinsame Vergangenheit mit dem Wilde-Clan. Genauer gesagt mit dem attraktiven Trauzeugen vorn am Altar. Und wenn die Gerüchte über ihn stimmen, dann ist er noch derselbe Aufreißer wie früher. Was zwischen uns gewesen ist, ist schon so lange her, dass man denken könnte, ich hätte diese Geschichte längst abgehakt, doch ich empfinde viel für ihn. Ich musste in all den Jahren oft an ihn denken und träumte oft von ihm, als ich auf dem College war – und auch später noch in meiner Ehe. Das gebe ich nur ungern zu, nicht mal mir selbst gegenüber. Von meinen Gefühlen für ihn soll niemand erfahren, am allerwenigsten er. Wieso auch? Ehe ich herkam, habe ich für den heutigen Tag nämlich einen festen Vorsatz gefasst.
Gabe Wilde zu ignorieren.
Als Leo vorhin ausfallend wurde und die Braut angrapschte, dachte ich, das Ganze würde in einer Katastrophe münden. Aber jetzt? Wenn ich Chets strahlendes Gesicht sehe, bin ich froh, dass ich gekommen bin. Auch wenn mein eigenes Leben ein Scherbenhaufen ist, beruhigt es mich, dass es immer noch Hoffnung gibt.
Der Geistliche nimmt die Hand von Braut und Bräutigam und verkündet: »Verehrte Anwesende, liebe Gemeinde, ich freue mich, Ihnen Mr. und Mrs. Chet Wilde vorzustellen.« Alle stehen auf, um Beifall zu klatschen, und irgendjemand, den ich von meinem dämlichen Eckplatz im hintersten Winkel der Kirche nicht ausmachen kann, stößt einen ohrenbetäubenden Pfiff aus. So was Idiotisches würde zu Hank Wilde passen. Wenn etwas schlecht getimt oder generell geschmacklos war, dann war das genau sein Ding. Wenigstens früher. Inzwischen ist er dem bestimmt entwachsen.
Chet fasst die Hand seiner Frau, und sie setzen sich in Bewegung, um aus der Kirche zu schreiten, ein Symbol für den Beginn ihres neuen, gemeinsamen Lebens. So süß! Als Christy über ihren Bauch streicht, merke ich, wie neidisch ich bin. Glücklich verliebt, verheiratet und schwanger – alles, was ich immer wollte, aber irgendwie nicht hinbekommen habe. Noch nicht.
Das Paar macht keine zehn Schritte, als meine Phantasien von wegen In-Christys-Schuhen-zu-Stecken einen Dämpfer bekommen. Ich – und alle anderen – japsen unvermittelt nach Luft, da Christy und Chet von Leo aufgehalten werden. Hält er den beiden etwa eine Flasche hin? Natürlich kriege ich von hier aus nicht mit, was Leo sagt, aber Chet scheint außer sich zu sein. Genau wie seine junge Frau, die Leo eine knallt und hinausstürmt.
Ich glaub’s ja nicht.
Chet packt Leo an seinem Revers und zerrt ihn hoch. Auf die Füße und aus der Bank, als wäre er nicht mehr als ein Spielzeug. Passiert das hier wirklich? Auf einer Hochzeit? Wenn man es nicht mit eigenen Augen sehen würde, würde man es nicht glauben. Das ist überhaupt nicht Teil meiner Leben wie Christy-Phantasie. Großer Gott, wie mag die Ärmste sich jetzt fühlen?
Der Blick aufs Geschehen wird mir von breiten Rücken und Schultern versperrt, zudem recken die vor mir Sitzenden genauso die Köpfe wie ich, um nichts von diesem Spektakel zu verpassen. Meine Lösung? Nun, ich schlage meinen guten Vorsatz in den Wind und klettere auf die Kirchenbank, um den Überblick zu behalten. Wenn man das Pech hat, in seinen höchsten High Heels bloß einen Meter sechzig groß zu sein, muss man bisweilen tun, was man tun muss. Sie verstehen?
In der Kirche ist es zu laut – und ich bin zu weit weg –, um das Gesagte zu verstehen, doch ich entdecke ihre Mutter, Marie Wilde, die sich mit Ellbogeneinsatz durch die Menge quetscht, um zu ihren Jungs zu gelangen. Ich blicke wieder zu Chet und Leo und … Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass Leo Anstalten macht, Chet einen Kinnhaken zu verpassen. O mein Gott! Er hat es wirklich getan!
Wenn ich eins über diese Familie weiß, dann das: Hier endet die gepflegte Konversation. Die Wildes sind zwar per se keine Streithähne, aber wie Gabe früher öfter betonte, gehört in einer Familie mit einer Horde dickköpfiger Jungen Durchsetzungsfähigkeit mit dazu.
Chet reagiert blitzschnell. Mit seiner rechten Hand lässt er Leo los, holt aus und verpasst seinem jüngsten Bruder einen gezielten Aufwärtshaken. Leo taumelt, sein Kopf wippt nach hinten, doch er fällt nicht um. »Ach du Scheiße.« Ich hatte nicht vor, laut zu fluchen, aber dieser Schwinger war so brutal heftig, dass der Knall von den Wänden widerhallt. Wie schafft Leo es, nicht k.o. zu gehen?
Die Anwesenden stöhnen entsetzt auf und verstummen abrupt.
Gabe, Hank, Jack und Frank eilen zu Hilfe, wobei Gabe sich zwischen seine Brüder stellt und Jack Chet festhält.
Gabe schnauzt Leo an, sich zu beruhigen, doch kaum, dass er sich Chet zuwendet, boxt der besoffene Idiot wie wild um sich. Blöderweise steht Gabe gerade in der Schusslinie, und Leos Faust trifft dessen Kiefer.
Chet bekommt einen Arm frei und holt seinerseits zu einem Schwinger aus, der ebenfalls in Gabes Gesicht landet und ihn k.o. schlägt.
Gabe!
Hank hakt Gabe mit weit aufgerissenen Augen unter und zieht ihn auf die Füße hoch. Nach einem kurzen Blick zu Chet und Christy packen Jack und Frank sofort Leo und führen ihn hinaus. Chet legt fürsorglich eine Hand auf den Bauch seiner Braut, um sich zu vergewissern, ob mit ihr alles in Ordnung ist. Dann wischt er sich die Stirn und bellt mit seiner tiefen Stimme: »Die Show ist vorbei.« Und das war’s. Ohne ein weiteres Wort hebt er Christy in seine Arme und trägt sie durch eine Seitentür hinaus, während in der Kapelle Klatsch und Tratsch losbrechen. Bis morgen früh wird diese Trauung Gesprächsthema Nummer eins im ganzen Ort werden. Das ist eine Sache, die ich an einer Kleinstadt immer gehasst habe. Ernsthaft.
Sichtlich aufgebracht klettert Marie auf eine Bank, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Als einzige andere Person, die ebenfalls auf einer Bank steht, ist das für mich der Wink mit dem Zaunpfahl, besser schleunigst in der Menge zu verschwinden. Ich spiele hier bloß Mäuschen … mehr nicht. Mein Vorsatz war, durch den Abend zu kommen, ohne aufzufallen. Erinnern Sie sich?
»Ruhe. Verzeiht, aber darf ich kurz um eure Aufmerksamkeit bitten?«, sagt Marie mit angespannter Stimme. Als die Anwesenden davon Notiz nehmen, geht ein Raunen durch die Menge. »Bitte entschuldigt unsere … unsere kleine … ähm … familiäre Indiskretion.« Sie muss ein Schluchzen unterdrücken und bricht einen Moment ab. »Wenn ihr euch bitte nach draußen bewegen möchtet, in den Empfangsbereich hinter der Kirche, dort stehen Erfrischungen und Snacks für alle bereit. Mag sein, dass ihr ein wenig warten müsst, bis wir alles geregelt haben. Danke noch einmal, dass ihr heute gekommen seid.« Marie steigt vorsichtig von der Sitzbank, zieht ein Taschentuch aus dem Ärmel ihres Kleides und bricht in Tränen aus.
Die Ärmste ist zu bedauern. Sie war immer freundlich zu mir, und jetzt ist keiner von ihrer Familie da, um sie zu trösten. Widerstrebend bewege ich mich zu Marie Wilde, die allein in einer Bank sitzt, ihren Kopf in den Händen vergraben. Oje, ich weiß, ich werde es bereuen, aber ich kann das nicht mit ansehen.
Ich habe keinen Schimmer, was man in so einer Situation sagt, also schweige ich. Ich setze mich neben sie und lege meinen Arm um ihre Schultern. Seufzend lehnt sie sich an mich, ohne überhaupt zu checken, wer ihr Trost spendet. So bleiben wir sitzen, bis alle anderen gegangen sind. Ich blicke mich um und überlege, ob ich etwas sagen sollte (und wenn ja, was), und bin verblüfft, um wie viel größer mir der Raum nun erscheint. So wie in meiner Kindheit. Das ist echt verrückt.
Als Marie den Kopf hebt, um sich die Nase zu putzen, schaut sie aus dem Augenwinkel zu mir und erkennt mich zunächst nicht. »Oh, gütiger Himmel. Meredith? Meredith Still, bist du das?« Bis vor ein paar Wochen hieß ich nicht so. Das war Jahre her. Doch nach meiner Scheidung beschloss ich, wieder meinen Mädchennamen anzunehmen, statt Jeffs Nachnamen zu behalten. Von der Vorstellung, auch nur eine Sekunde länger als nötig mit seinem Namen herumzulaufen, bekam ich einen kritisch hohen Blutdruck.
Ich wollte Kinder, ein Haus und eine Lebensversicherung fürs Alter. Mir wurde schnell klar, dass Jeff dazu nicht bereit war, denn er wollte nicht erwachsen werden und die Nächte in den Bars oder seine dämlichen Gaming-Abende mit seinen Kumpeln aufgeben – beides ging zwangsläufig bis zum frühen Morgen. Es ist nicht so, dass ich etwas dagegen hatte, wenn er mit seinen Freunden unterwegs war. Aber es passte mir nicht, wenn er mich dann mitten in der Nacht anrief und ich ihn von der Kneipe abholen und das Taxi für seine Saufbuddys spielen musste. Und danach musste ich mir immer Entschuldigungen ausdenken, warum ich mal wieder zu spät zur Arbeit kam. Wenn ich dann abends heimkam, musste ich nach seiner »Zockerrunde« zu allem Überfluss auch noch das Wohnzimmer aufwischen. Herrgott, Jeff, wenn man die dreißig überschritten hat, wird man fürs Zocken allmählich zu alt!
Doch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war die Nacht, als er nach einer seiner Sauftouren gewalttätig wurde. Klar, Jeff, natürlich war ich schuld, dass du knülle warst und für ein Hockeyspiel Geld haben wolltest, das wir nicht hatten. Zwar wurde er nicht handgreiflich, dafür schlug er unser gesamtes Porzellan kurz und klein, während er mich auf übelste Weise beschimpfte. Das reichte mir als Warnung. Es war schlimm genug, in einer Ehe mit einem Mann festzustecken, den ich nicht liebte (und noch weniger respektierte). Auf keinen Fall wollte ich bei ihm bleiben, bis er mich irgendwann wie einen dieser Teller behandeln würde.
»Ja, Marie, ich bin’s. Fühlst du dich besser?«, frage ich, während ich mit kreisenden Bewegungen über ihren Rücken streiche.
Marie wischt ihre Tränen fort. »Ja, Schätzchen, es geht schon wieder«, erwidert sie mit einem halben Lächeln. »Bist du extra wegen der Hochzeit angereist?«
»Nicht ganz. Genau genommen bin ich wieder bei meiner Familie eingezogen. Vorübergehend, weißt du.«
»Oh. Na, das ist wunderbar. Ich bin so froh, dass du heute gekommen bist, Liebes.« Marie tätschelt mein Knie. »Hast du Gabriel schon gesehen?«
O Gott. Ja, ich habe Gabriel gesehen. Wie er da heute am Altar stand, heiß wie immer … und fast jede Nacht in meinen Träumen, seit wir Kinder waren.
Meredith
Achtzehn Jahre zuvor
Gabe war in der Abschlussklasse und der Superstar an der Highschool. Und zwar verdient. Er war der Running Back in unserem Football-Team. Ein Ausnahmetalent. Ein attraktiver, arroganter Spitzenspieler, vor dem buchstäblich der rote Teppich ausgerollt wurde. Er hatte es im Alleingang geschafft, dass die Jaguars ganz vorn bei den State Championships mitmischten – wieder einmal –, und das war ihm leider allzu bewusst.
Ich war ein Jahr unter ihm und himmelte ihn an – genau wie alle anderen, schätze ich. Ich habe keine Worte dafür, wie sehr ich ihn liebte. Nein. Das Wort Liebe wird meinen Empfindungen nicht gerecht. Er war alles, was ich nicht war: groß, mutig und stark. Ich fand ihn nicht arrogant, sondern selbstbewusst. Ich sah nicht den Mistkerl, bloß den starken Typen.
Meine Eltern wiederum sahen Gabe in einem ganz anderen Licht und nahmen kein Blatt vor den Mund. Was ich damals nicht schnallte, war, dass sie es für ihr gutes Recht hielten, sich ständig in mein Leben einzumischen. Das wurde mir erst viele, viele Jahre später klar. Daddy ließ keine Gelegenheit aus, über Gabe herzuziehen. Dass er nicht mal halb so wie sein Vater sei. Und ihm nichts wirklich wichtig wäre. Mom dagegen fokussierte sich auf Dinge wie die Klamotten, die ich trug (und wie ich sie trug), meine Noten, die von mir belegten Kurse und dergleichen. Ich war daran gewöhnt und fand es ganz normal, dass man mir zu Hause nicht zuhörte. Mit Gabe war das anders. Wenn ich ihm etwas erzählte, hörte er mir zu, was meine Familie nie tat. Was mich betraf, waren wir das perfekte Paar.
Bevor ich mit Gabe zusammenkam, war ich schüchtern, ängstlich und introvertiert. Aber nicht etwa auf die nervig niedliche Tour, ich bitte Sie. An der Highschool hätte mich niemand wahrgenommen, wenn Gabe Wilde mich nicht gedatet hätte. Er gab mir das fehlende Selbstvertrauen und den nötigen Rückhalt. Statt mich unablässig niederzubügeln, half er mir, über mich hinauszuwachsen, die Person zu werden, die ich insgeheim schon immer sein wollte. Niemand verhöhnte mich. Niemand hackte auf mir herum. Alles seinetwegen. Der Name Wilde bedeutete etwas in unserer Gegend, und ich wurde damit in Verbindung gebracht. Gabe und ich waren mehr als ein Highschool-Pärchen, das wusste jeder. Wir waren dazu bestimmt, zusammenzubleiben, sehr zum Leidwesen meiner Eltern.
Sie kennen dieses komische Ich habe Schmetterlinge im Bauch-Gefühl, wenn man sich das erste Mal verliebt? Genauso war es bei mir, nur noch viel intensiver.
Ich vergötterte ihn.
Er war mein Ein und Alles, und ich gab mich ihm hin.
War die Seine.
Für immer.
Das mit uns war wie im Märchen. Bis es dann auf einmal aus war.
Und zwar nach dem Endspiel der State Championships. Wir spielten gegen die Wolverines. Sie waren stark – das einzige Team, das uns in der ganzen Saison schlug. Gabe wusste, dass Anwerber für die begehrten Collegemannschaften zuschauen würden und es für ihn die letzte Gelegenheit wäre zu glänzen. Und er hatte recht. Als unser Team gewann, kamen die Scouts aus der Versenkung und versprachen Stipendien. Ich war überglücklich. Mir gefiel der Gedanke, dass Gabe der ganzen Welt sein Talent zeigen würde. Es passte perfekt zu allem, was wir uns in den vergangenen zwei Jahren für unsere Zukunft ausgemalt hatten. Er würde ein gefeierter Star am College sein, genau wie in der Highschool. Und ich würde am Rand des Spielfelds stehen, ihn bejubeln und anfeuern, so wie immer. Dann würden wir heiraten und eine ganz phantastische Hochzeit feiern.
Wir hatten alles bis zum letzten Song durchgeplant. Wir würden die beste Musik haben, von Sting und Garth Brooks bis zu NSYNC (sorry, ich war jung). Nach einem Bilderbuchtag würde Gabe mich schließlich in seine Arme heben und mich zu der weißen Doublestretch-Limousine tragen, um zum Flughafen zu fahren, von wo aus wir erster Klasse nach Hawaii fliegen würden.
