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Hilfe vom Zahnarzt für Ihren Kiefer
Kopfschmerzen, Nackenschmerzen, Schwindel, Sehstörungen, Tinnitus oder Schluckbeschwerden – CMD hat nicht nur Auswirkungen auf den Kiefer, sondern strahlt oft in andere Regionen aus. Die Symptome sind daher sehr vielfältig. Dr. Kent, Zahnarzt und CMD-Experte, hat sein ganzheitliches Teams-Plus-Konzept entwickelt, mit dem Betroffene ihre Beschwerden endlich in den Griff bekommen können.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 292
Veröffentlichungsjahr: 2023
Dr. med. dent. Hamdi Kent
1. Auflage 2024
140 Abbildungen
Liebe Leserin, lieber Leser,
wenn es um die eigene Gesundheit geht, darf man nichts dem Zufall überlassen. »Für eine bessere Medizin und mehr Gesundheit im Leben«: So lautet das Qualitätsversprechen der Marke Thieme. Ärztlich Tätige, Pflegekräfte, Physiotherapeuten oder Hebammen – sie alle verlassen sich darauf, dass sie von Thieme, dem führenden Anbieter von medizinischen Fachinformationen und Services, die entscheidenden Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort bekommen. So können sie die Menschen, die sich ihnen anvertrauen, bestmöglich unterstützen. Auch Sie können sich auf die TRIAS Ratgeber mit dem Thieme Qualitätssiegel verlassen! Diese Informationsangebote helfen Ihnen dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn es um Ihre Gesundheit geht, selbst daran mitzuwirken, gesund zu werden, sich gesund zu erhalten oder das Fortschreiten einer Erkrankung zu vermeiden. Mit einem TRIAS Titel aus dem Hause Thieme überlassen Sie Ihre Gesundheit nicht dem Zufall!
Ihr TRIAS Team
Titelei
Liebe Leserin und lieber Leser,
CMD – Ursachen, Symptome und Diagnose
Was ist eine CMD und wie entsteht sie?
Was ist eine CMD eigentlich?
Wie entsteht eine CMD?
Die häufigsten Risikofaktoren
Warum haben nicht alle »Knirscher« eine CMD?
Wie verbreitet ist die CMD?
Warum sind drei von vier CMD-Patienten weiblich?
Das moderne Frauenbild
Hormone, Immunzellen und Schmerzrezeptoren
Genetik
Welche Symptome bringt eine CMD mit sich?
Die Symptome im Einzelnen
Achtung – Herzinfarkt!
Untersuchung und Diagnostik der CMD
Als Erstes Informationen sammeln
Zwei Anamnesebögen zum Ausfüllen
Fotostatus wird erstellt
Zwei-Waagen-Test
Das Gespräch auf Augenhöhe führen und die CMD einkreisen
Im Fokus: Hauptbeschwerden und Abhilfe
Gemeinsames Besprechen des Anamnesebogens
Sicherheit aufbauen für Patient und Behandler
Die zahnärztliche Untersuchung bei CMD
Körperliche Untersuchung
Klinische Funktions- und manuelle Strukturanalyse
Asymmetrien und Haltung
Beweglichkeit des Kiefers
Knacken und Reibegeräusche
Capsulitis – Gelenkkapselentzündung
Verspannte Kaumuskulatur
Ruhelage des Unterkiefers
Zusammenhang zwischen Kiefer und Bewegungsapparat
Derbolowsky-Test
Halswirbelsäulen-Beweglichkeits-Test
Bildgebende Verfahren
Panorama-Röntgenaufnahme
Digitale Volumentomographie (DVT)
Untersuchungsergebnisse und Maßnahmen für zu Hause
Achse 1 (körperliche Diagnosen)
Achse 2 (psychosoziale Diagnosen)
Folgemaßnahmen nach den ersten Untersuchungen
Diagnostikschiene
Überweisung zur Magnetresonanztomographie
Überweisung zu anderen Fachdisziplinen
Ganzheitlich zum Erfolg – das TEAMS-PLUS®-Konzept
Das TEAMS-PLUS®-Konzept und seine Säulen
Säule 1: Triggerpunkt-Therapie
Was haben Triggerpunkte mit CMD zu tun?
Aktive und latente Triggerpunkte
Triggerpunkte und Zahnschmerzen
Wie wird die Triggerpunkt-Therapie angewandt?
Dry Needling
Triggerpunkt-Injektionstherapie
Spray and Stretch
Säule 2: Eigenübungen für den Kiefer
Ein Mix mit zwei verschiedenen Therapiezielen
Säule 3: Aufbissschienen und andere Therapien
Drei Grundarten von Schienen – je nach Indikation
Vermessung der Kiefer- und Kopfanatomie
Bissregistrat
Gesichtsbogenregistrat
Aufzeichnung der Bewegungsbahnen der Kieferbewegungen
Artikulator
Für jeden Patienten, jede Indikation die ideale Schiene
Relaxationsschienen
Reflexschienen
Positionierungsschienen
Trageweise und -dauer der Schienen
Schienenkontrollen – für Balance sorgen und Spuren lesen
Schienenpflege
Das Dahl-Prinzip – eine Sonderbehandlung ohne Schiene
Säule 4: Manuelle Therapie – ein absolutes Muss
Wen würde ich empfehlen?
Behandlungsinstrumente und ihr Wirkspektrum
Physikalische Therapie mit Anwendung von Wärme und Kälte
Massage und Dehnung der schmerzenden Muskulatur
Triggerpunktbehandlung
Manuelle Therapie der Mund- und Gesichtsregion und der Halswirbelsäule
Haltungstraining
Anleitung zu Eigenübungen für Kiefer und Wirbelsäule
Säule 5: Selbstbeobachtung und -aufmerksamkeit
Biofeedback mit einfachsten Mitteln
Gegenmittel anwenden
Selbstbeobachtung als Einstieg
Säule 6: Ergänzende Maßnahmen
Wann ist Botox sinnvoll bei CMD?
Akupunktur und Ohrakupunktur
Hypnose und Selbsthypnose
Wärme und Kälte – die schnelle Akuthilfe
Medikamentöse Therapie
Psychotherapie
Gründe für eine Psychotherapie
Chirurgische Maßnahmen – letzte Ausfahrt Chirurgie
Minimalinvasives Verfahren
Offen-chirurgisches Verfahren
Wie geht es nach der ersten Therapie-Phase weiter?
Funktionell-ästhetische Rekonstruktion
Keramische ästhetisch-funktionelle Rekonstruktion
Phase 1: Planung und mehrmonatige Erprobung der Bisslageveränderung mit Schienen
Phase 2: Testlauf mit therapeutischen Aufbauten
Phase 3: Ästhetisch-funktionelle Rekonstruktion mit keramischen Restaurationen
Phase 4: Kontrolle und Erhalt des Therapieergebnisses
Kieferorthopädische Behandlungen nach der CMD-Therapie
Die drei häufigsten Zahnfehlstellungen, die eine CMD begünstigen
Kieferorthopädische Korrektur von Zahn- und Kieferstellungen
Das PLUS zum TEAMSPLUS®-Konzept. Jetzt aktiv werden!
Was kann ich selbst tun?
Wichtigkeit, selbst aktiv zu werden
Positive Bewältigungsstrategien für den Alltag
Atmen und Atmungsübungen bei CMD
Atmungsmuster verändern
Übung: Atmungsmuster verändern
Übung: 1:2-Atmung – länger aus- als einatmen
Nasenatmung, bitte!
Nacken und Rücken – bei CMD fast immer dabei
Gymnastikübungen für Ihren Rücken
Übungen für die Halswirbelsäule und den Nacken
Beweglichkeit und Mobilisation der Halswirbelsäule
Dehnung der Halswirbelsäule
Isometrische Kräftigung der Halswirbelsäule
Koordination der Halswirbelsäule
Entspannung der Halswirbelsäule
Übungen für den zervikothorakalen Übergang (CTÜ)
Beweglichkeit des CTÜ
Dehnung des CTÜ
Kräftigung des CTÜ
Koordination des CTÜ und Mobilisation des Nervengeflechts Plexus brachialis
Übungen für die Brustwirbelsäule
Beweglichkeit und Mobilisation der Brustwirbelsäule
Kräftigung und Koordination der Brustwirbelsäule
Entspannung der Brustwirbelsäule
Übungen für die Lendenwirbelsäule und das ISG (Kreuzdarmbeingelenk)
Beweglichkeit und Mobilisation der Lendenwirbelsäule und des ISG
Dehnung der Lendenwirbelsäule und des ISG
Kräftigung der Lendenwirbelsäule und des ISG
Entspannung der Lendenwirbelsäule und des ISG
Kopf hoch und Haltung bewahren
Taube im Sitzen
Stehende Vorbeuge
Brustöffner
Seitstütz
Rudern auf dem Stuhl
Dehnung des Iliopsoas im Schützenstand
Neuronales Training
Korrekte Zungenposition
Zungenkreisen
Gurgeln
Summen
Streicheln von chronisch schmerzenden Körperregionen
Progressive Muskelentspannung, Yoga, Qigong
Progressive Muskelentspannung nach Jacobson
Yoga
Tadasana
Löwe
Qigong
Schildkröte
Kranich
Achtsamkeit stärkt die Resilienz und entspannt
Leben intensivieren
Rosinenübung
Gewohnheiten durchbrechen
Bewusster und achtsamer im Hier und Jetzt
Achtsamkeitsmeditation
Körperwahrnehmung fördern
Bodyscan
Selbsthypnose – Trance und Autosuggestionen
Selbsthypnose bei CMD
Beispiele für den Ablauf einer Selbsthypnose bei CMD
Guter Schlaf – wichtig bei CMD und Schmerz
Schlafstörungen und gesteigertes Schmerzempfinden
Was ist normal und was sind Schlafstörungen?
Entspannung und eine Abendroutine helfen
Meditation
CMD-spezifischer Schlaftipp
Das tut dem Kiefer gut
Soforthilfe-Tipps bei akutem Stress
SOS-Atmung
Achtsamkeitsübungen mit Schnelleffekt
Soforthilfe-Tipps bei Schmerzen in der Kaumuskulatur
Wärme – Kälte
Selbstmassage und Triggerpunkt-Therapie
Isometrische Stärkung der Mundöffner
Gitterförmige Akupunkturpflaster
Blubbern – gut für Muskeln, Stimme und Anti-Stress
Ernährung und CMD
Die Ernährung, der Darm und die CMD
Zucker – zu viel ist schädlich, obwohl er so kickt
Den Blutzuckerspiel im Blick – personalisierte Ernährung
Meine Ernährungstipps bei CMD
Was gut für Sie ist
Was Sie meiden sollten
Die Rezepte
Don’ts und Dos für den Kiefer
Was Sie vermeiden und was Sie stattdessen tun sollten
Kaugummi kauen
Kinn auf die Hände stützen
Auf dem Bauch schlafen
Beine übereinanderschlagen
Zungenpressen und Zungenkauen
Mythen und Fakten rund um die CMD
Ein Ausblick in die Zukunft der CMD und ihre Behandlung
Was wird sich bezüglich der CMD verändern?
Zukünftige Entwicklungen in der CMD-Therapie
Zukunftsperspektiven der Prävention und Früherkennung der CMD
Zukunftsperspektiven der Untersuchung und Diagnostik der CMD
Zukunftsperspektiven der Behandlung der CMD
Meine Konzeptideen für Biofeedback-Systeme
Bestehende Biofeedback-Konzepte
Meine Ideen für Biofeedback-Systeme
Schlusswort
Danksagung
Service
Literatur
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum
Eine CMD kann unterschiedlichste Ursachen haben und verschiedenste Symptome verursachen. Ihre richtige Zuordnung ist die Basis der korrekten Diagnose und Therapie.
12–15 Minuten am Tag ist die Zeitspanne, in der sich unsere Zähne beim Kauen und Schlucken berühren. Sie sollte am besten nicht überschritten werden.
Passiert es doch, indem wir regelmäßig mit den Zähnen knirschen oder sie übermäßig zusammenpressen, trägt dies verstärkt zur Entstehung einer schmerzhaften CMD bei.
Von einer craniomandibulären Dysfunktion, kurz CMD, spricht man, wenn die natürliche Funktion des Kausystems gestört ist. Der Begriff setzt sich aus den lateinischen Wörtern »Cranium« (Schädel), »Mandibula« (Unterkiefer) und »Dysfunktion« (gestörte Funktion) zusammen. Auf Deutsch würde man das Ganze als »gestörtes Zusammenspiel von Schädel und Unterkiefer« bezeichnen. CMD ist also ein Sammelbegriff für Störungen, die Muskeln, Zähne und Knochen im Kiefer und Gesichtsbereich betreffen. Falls Sie sich wundern, dass wir hier vom Schädel sprechen und den Oberkiefer außer Acht lassen, so viel zur Erklärung: Der Oberkiefer ist ein fester Bestandteil des Schädels. Daher findet man bei Ausgrabungen meist Schädel mit Oberkiefer, während der Unterkiefer fehlt. Dieser ist nicht knöchern, sondern nur über das Kiefergelenk zusammen mit Muskeln, Faszien und Bändern mit dem Oberkiefer verbunden. Anders als der Oberkiefer ist der Unterkiefer beweglich, damit wir Laute bilden, zubeißen und Nahrung zerkleinern können. Die Beißkraft eines Menschen liegt bei durchschnittlich 80 Kilogramm und ist somit stärker als die eines Wolfes, die bei 60 Kilogramm liegt. ▶ [1]
Der Zahnschmelz ist das härteste Material in unserem Körper. Anders würden unsere Zähne diese immense Belastung nicht aushalten. Denn die Kräfte, die hier wirken, sind enorm. Kommt diese Wucht durch Pressen und Knirschen mit den Zähnen permanent zum Einsatz, führt das zu einer Überreizung der beteiligten Muskeln, Gelenke, Zähne etc. In der Folge kann sich eine schmerzhafte CMD entwickeln, die den Alltag der Betroffenen, ihr berufliches und gesellschaftliches Leben sowie ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigt.
Eine CMD kann Schmerzen in der Kaumuskulatur und in den Kiefergelenken nach sich ziehen ebenso wie eine schmerzhafte Bewegungseinschränkung des Unterkiefers. Häufig treten auch Geräusche auf, etwa ein einseitiges, manchmal auch beidseitiges Knacken oder Reibegeräusch im Bereich der Kiefergelenke. Sind sie nicht mit Schmerzen verbunden, besteht für diese Geräusche kein akuter Behandlungsbedarf. Allerdings deuten sie auf eine bestehende oder zurückliegende Störung der Funktion des Kausystems durch Fehlbelastung oder Überlastung hin. Diese Geräusche sollten Sie als Warnsignal ernst nehmen. Ein Kiefergelenk, das im Moment schmerzfrei knackt, kann in Zukunft durchaus zu einer schmerzhaften Einschränkung der Mundöffnung und zu weiteren Beschwerden führen.
Der gesunde Kiefer und mögliche Veränderungen bei einer CMD.
Die Ursachen, die an der Entstehung einer CMD beteiligt sind, können vielfältig sein. Eine CMD hat nie nur eine einzige Ursache. In der Regel entsteht sie durch das Zusammentreffen mehrerer ungünstiger Faktoren. Man spricht dann von einem multifaktoriellen Geschehen.
Zum besseren Verständnis vergleiche ich das System einer CMD gerne mit einem Fass. In das laufen mehrere Zuflüsse: Einige Zuflüsse kommen aus unserem Körper, andere aus unserer Seele. Und je nachdem, wie stark der Zufluss ist, sprich der Hahn tropft, desto schneller kann es zum Überlaufen des Fasses kommen. Die tropfenden Hähne begünstigen das Entstehen einer schmerzhaften CMD.
Das Fassmodell zur Veranschaulichung der Entstehung von CMD-Beschwerden.
Seelische und körperliche Überlastung, kurz Stress, ist der bekannteste und verbreitetste Risikofaktor. Wir reagieren auf seelisch belastende Situationen immer auch körperlich. Das ist und war entwicklungsgeschichtlich sinnvoll, da Stress in uns Lebewesen immer dann entsteht, wenn Gefahr im Verzug ist und es gilt, entweder in den Flucht- oder in den Angriffsmodus umzuschalten. Nur greifen wir zivilisierten Menschen nicht an oder laufen weg, wenn uns etwas nervt – meistens jedenfalls nicht. Wir lassen den Stress im Körper, fressen ihn in uns hinein, und er sucht sich ein Ventil.
Bestimmt kennen Sie das, dass Sie in Stresssituationen plötzlich Schmerzen im Rücken, im Nacken oder an einer anderen Stelle Ihres Bewegungsapparats verspüren. Manche bekommen Magenschmerzen oder Durchfall, andere leiden unter Kopfschmerzen. Gleichzeitig verarbeiten viele Menschen ihren Stress einfach über die Kaumuskulatur. Weil sie das tagsüber Erlebte häufig nicht verarbeiten, machen sie dies oft erst im Schlaf, indem sie nachts mit den Zähnen knirschen – oder tagsüber an der Zahnbürste, auf Fingernägeln oder an Stiften kauen. Dieses Verhalten ist meist schon im Kindesalter zu beobachten. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch in Ordnung, schließlich müssen diese Gefühle irgendwie raus und da bietet sich unsere Kaumuskulatur als emotionales Ventil an. Nur wenn diese Maßnahmen bei anhaltendem Stress zu einem Dauerzustand werden, hat das irgendwann negativen Folgen für unser Wohlbefinden.
Seelische Traumata sind neben dem oben beschriebenen Stress sehr häufig von mir beobachtete psychologische Risikofaktoren. Dies können als lebensbedrohlich empfundene Situationen wie ein Autounfall sein, aber auch zurückliegende Erfahrungen wie etwa sexualisierte Gewalt. Solche Erlebnisse können zum Teil sehr weit in der Kindheit zurückliegen, daher ist es für viele Menschen schwer, sich an das Trauma zu erinnern. Sei es, weil sie zu jung waren, um es im Gedächtnis zu behalten, oder weil sie es verdrängt haben. Selbst ein einziger Tag als Säugling, an dem man stundenlang geschrien hat, ohne dass sich jemand um einen kümmerte, kann als Auslöser reichen.
Befunde, die bei der ersten Untersuchung in der Praxis erhoben werden, können einen Hinweis darauf geben, ob unter Umständen ein Trauma in die CMD mit hineinspielt. Dies hat immer einen Einfluss auf den Behandlungsablauf und auch auf die Perspektive des Behandlungserfolgs.
Stoffwechsel- und hormonelle Störungen können als weitere Risikofaktoren eine CMD befeuern. Eine im Juli 2021 veröffentlichte Studie fand heraus, dass 92,3 Prozent der an der Erhebung beteiligten Frauen mit einem Durchschnittsalter von 28 Jahren und Störungen des Östrogenstoffwechsels an einer CMD erkrankt waren. ▶ [2] Eine andere Studie aus dem Jahr 2019 zeigt, dass ein erhöhtes Risiko für Frauen besteht, nach der Menopause an einer CMD zu erkranken. Hier bewirkt das niedrige Östrogenniveau wohl in erster Linie eine nachteilige Veränderung des Knochen- und Knorpelstoffwechsels, die sich auf das Kiefergelenk auswirkt. ▶ [3]
Psychische Erkrankungen, beispielsweise aus dem depressiven Formenkreis, und emotionale oder soziale Probleme wie Einsamkeit, Trennungen und der Verlust von nahestehenden Menschen können ebenfalls dazu führen, dass CMD-Symptome nicht abklingen oder gar zunehmen.
Hierbei handelt es sich um kleine Verletzungen des Gewebes. Sie stellen den am weitesten verbreiteten körperlichen Risikofaktor dar. Hervorgerufen werden sie durch das Zähneknirschen oder Zähnepressen mit übermäßigem Zahnkontakt und einer ständigen Überlastung und einer daraus resultierenden Schädigung und Reizung der Muskeln, Gelenke, Zähne und Nerven. Es gibt allerdings auch Patienten, die berichten, dass ihre Zähne sich nie berühren. Dennoch spannen sie – zwar mit geöffnetem Mund –, oft permanent ihre Kaumuskulatur an. Wenn Sie sich an der Stelle nicht sicher sind und diesen Sachverhalt überprüfen wollen, können Sie das ganz einfach mit dem ▶ Selbsttest herausfinden.
In der Struktur des Kausystems und im restlichen Körper finden sich weitere Risikofaktoren. Hierzu gehören zum Beispiel Störungen im Zusammenbiss durch Zahnfehlstellungen. Diese können natürlicherweise durch schiefe Zähne oder ungünstige Kieferformen, beispielsweise durch einen zu tiefen Biss, auftreten oder nachträglich erworben sein. Mögliche Ursachen sind fehlende Zähne oder zu hohe bzw. zu niedrige Füllungen oder Kronen. Manche Menschen haben dann das Gefühl, dass die Zähne nicht richtig aufeinanderpassen, und versuchen durch Knirschen, die Zähne »passend zu schleifen«. Aber auch übermäßig bewegliche Gelenke, zum Beispiel durch eine angeborene Bindegewebsschwäche oder durch das Überdehnen der Gelenkkapsel bei einer Weisheitszahnentfernung, können bei einer CMD das Fass zum Überlaufen bringen.
Fußfehlstellungen oder Beckenasymmetrien begünstigen ebenfalls die Entstehung einer CMD. Man spricht in diesem Fall von einer aufsteigende Funktionskette, da sich die Ursache weiter unten im Körper befindet und dann über Muskeln, Nerven, Bindegewebe und Gelenke bis in den Kieferbereich aufsteigt. Ist der Psoasmuskel, der wichtigste Hüftbeuger, gestresst und angespannt, zieht er hoch zum Zwerchfell und kann hier zu einer flacheren Atmung führen. Ein angespanntes Zwerchfell wiederum kann über die Rippen, das Brustbein und das Schlüsselbein zu Kaumuskelverspannungen führen. Und natürlich funktioniert das Ganze auch umgekehrt.
Unfälle mit gröberen Kieferverletzungen, etwa ein Bruch des Kieferknochens oder der Gelenke, können zudem als weitere auslösende Faktoren wirken. Im Kindesalter erlittene einseitige Stauchungen eines Kiefergelenks durch einen heftigen Sturz auf das Kinn verursachen bei vielen eine Wachstumsstörung auf der gestauchten Seite und infolgedessen später Asymmetrien des Unterkiefers. Sie wiederum können das Entstehen einer CMD begünstigen.
In meinem Praxisalltag begegne ich immer wieder Patienten, die nur leichte muskuläre Verspannungen aufweisen und trotzdem unter massiven Schmerzen und Einschränkungen im Alltag leiden. Andere wiederum haben ihre natürlicherweise zehn bis 12 Millimeter hohen Zähne auf drei bis vier Millimeter niedrige Plateaus heruntergeknirscht. Ihre Muskulatur ist steinhart und dennoch geht es ihnen blendend. Wie kann das sein?
Wie sehr die Wasserhähne tropfen, ist bei der Entstehung einer CMD natürlich von großer Bedeutung und nicht bei jedem Menschen und über das ganze Leben verteilt tropfen sie gleich stark.
Psychologische Faktoren bestimmen dies hauptsächlich. Sie werden durch die Persönlichkeit und das Verhalten eines Patienten definiert. Sehr ehrgeizige Menschen, die einen hohen Anspruch an sich selbst haben und das, was sie tun, sehr ernst nehmen, sind vermehrt von einer CMD betroffen. Ihr seelischer Wasserhahn tropft sehr stark, weil sie eher dazu neigen, verbissen zu sein: Sie beißen sich an etwas fest oder durch Schwierigkeiten hindurch und ärgern sich, wenn andere Personen nicht mit der gleichen Einstellung an Aufgaben herangehen wie sie. Solchen Patienten sage ich gerne, dass jemand, der den ganzen Tag mit offenem Mund durchs Leben geht, niemals eine stressbedingte CMD entwickeln wird. Und sie daher auch mal Fünfe gerade sein lassen sollen.
Resilienz hat nämlich einen sehr positiven Effekt auf das Ganze. Menschen, die nicht ständig grübeln, die sich Gelassenheit, Lebensfreude und eine große innere Stärke erhalten haben, sind weniger anfällig für die Entwicklung einer CMD. Ihr seelischer Wasserhahn tropft langsamer. Sie lassen sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen und für sie ist das Glas halb voll und nicht halb leer. Verloren gegangene Resilienz lässt sich aber nachträglich jederzeit wieder erarbeiten. Sie schützt uns nicht nur vor einer CMD, sondern auch vor Depressionen und Burn-out. Nehmen wir das Leben wieder bewusster wahr, können wir es besser genießen. Wie Sie das schaffen, zeige ich Ihnen ausführlich im Buchteil ▶ »Das PLUS zum TEAMS-PLUS®-Konzept«, in dem es darum geht, wie Sie selbst aktiv werden können.
Die CMD ist nach chronischen Schmerzen im unteren Rücken die am zweithäufigsten vorkommende Störung des Bewegungsapparats. Häufig führt sie zu Schmerzen und körperlichen Einschränkungen. Tendenz steigend! In den USA verdoppelten sich im Jahrzehnt vor 2015 die Behandlungskosten für CMD-Beschwerden und beliefen sich auf vier Milliarden Dollar. ▶ [4]
Auch in Deutschland nimmt die Verbreitung zu. Grundsätzlich reichen die Aussagen über das Vorkommen innerhalb der Bevölkerung von vier Prozent bis 60 Prozent, je nachdem wie streng die Kriterien für das Vorhandensein einer CMD definiert wurden. Nimmt man das Mittel, weisen ungefähr 30 Prozent der Bevölkerung gelegentlich oder dauerhaft mehr oder weniger deutliche CMD-Symptome auf. Meiner Ansicht kommt das der Wahrheit relativ nahe. Sehr junge Menschen sind seltener von einer CMD betroffen. 25- bis 34-Jährige zählen zur Gruppe mit dem höchsten Risiko.
Zahlreiche internationale Studien zeigen, dass Frauen doppelt so häufig von einer schmerzhaften CMD betroffen sind wie Männer. Dies gilt nicht nur für die CMD, sondern auch für nahezu alle anderen Arten von Schmerzen wie Kopfschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen oder Migräne. Aber nicht nur die Schmerzhäufigkeit, auch die Schmerzintensität wird von Frauen deutlich stärker empfunden als von Männern.
Seit Jahren wird dies als unbestrittene Tatsache betrachtet. Wenn es jedoch darum geht, warum das so ist, steht die Forschung erst am Anfang. Es gibt viele verschiedene Erklärungsmodelle und wahrscheinlich tragen mehrere Ursachen zu diesem Umstand bei. ▶ [5]
Unsere moderne Gesellschaft ist von einem Frauenbild geprägt, das viele Erwartungen von außen zu erfüllen hat. Suggeriert von der Werbung, den sozialen Medien und Fernsehfilmen: Die Superfrau macht Karriere, ist die beste Mutter und Partnerin, sieht gut aus, ist sportlich, managt den Haushalt mit links und gibt sich immer lustig, charmant und verständnisvoll. Aus diesem lebensfremden Strauß vermeintlicher Erwartungen leiten viele Frauen ihre Ansprüche an sich selbst ab, die weit über das hinausgehen, was ihnen vor zwei oder drei Generationen abverlangt worden wäre. Hielt eine Frau früher ihrem Mann den Rücken frei, ist sie es heute meist, die mehr Pflichten übernimmt und sich neben dem Fulltime-Job noch um den Haushalt, die Erziehung der Kinder und das Backoffice kümmert. Die seelische Überforderung ist vorprogrammiert und damit der Stress, der eine schmerzhafte CMD auslösen kann.
Beim Empfinden und Verarbeiten von Schmerz scheinen die Hormone Östrogen und Progesteron eine wichtige Rolle zu spielen. Die Zu- und Abnahme von Schmerzen bei Frauen im gebärfähigen Alter, in der Schwangerschaft und in der Menopause liefern hier eindeutige Hinweise. Entsprechende Ergebnisse liefern auch zahlreiche Forschungen zu geschlechterspezifischen Unterschieden bei Frauen und Männern, auch mit Fokus auf unser Immunsystem und unterschiedlich empfindliche Schmerzrezeptoren. ▶ [6]
Unsere Gene scheinen auf das Schmerzgeschehen einen größeren Einfluss zu haben, als viele Wissenschaftler früher annahmen. Ein bekanntes Beispiel für den Zusammenhang zwischen unseren Erbanlagen und Schmerzen ist die abweichende Reaktion rothaariger Frauen mit blasser Haut auf bestimmte Schmerzmittel im Vergleich zu Frauen anderer Haar- und Hautfarbe. Diesen Unterschied gibt es bei rothaarigen Männern nicht. Das ist nur ein Beispiel für eindeutige Belege für eine genetisch bedingte unterschiedliche Schmerzverarbeitung. Die Ursachenforschung steckt noch in den Kinderschuhen. Studien mit ein- und zweieiigen Zwillingen, die in Bezug auf Schmerzen und CMD verglichen wurden, um einen familiär erlernten Umgang mit Schmerzen als Faktor auszuschließen, bestätigen diese Zusammenhänge. Das legt nahe, dass es in Zukunft geschlechterspezifische Therapien und Medikamente bei der Behandlung von Schmerzkrankheiten geben wird. ▶ [7]
Die CMD kann jede Menge verschiedene Symptome verursachen. Viele davon bringt man nicht auf Anhieb mit dem Kiefer in Verbindung. Daher bezeichne ich sie gerne als das Chamäleon unter den Krankheiten. Die Symptomvielfalt kommt daher, dass das Kiefergelenk das wohl komplexestes Gelenk des Körpers mit den meisten Bewegungsarten – Drehen, Gleiten und Scharnierbewegung – ist. Der Musculus masseter, der größte der Kaumuskeln, tritt als im Verhältnis zu seiner Größe stärkster Muskel des Körpers auf, die Zähne mit dem Zahnschmelz als härtestes Material im Körper. Dazu kommen der komplizierte Trigeminusnerv mit seinen hochsensiblen Sinnes-, aber vor allem auch Bewegungsfasern. Er ist mit seinen drei Ästen am Geschehen beteiligt und mit allen anderen Hirnnerven eng verknüpft. Zusätzlich pflegt er über muskuläre, aber auch über bindegewebige und neuronale Funktionsketten unzählige Verbindungen zum Rest des Körpers. Und weil es sonst ja viel zu einfach wäre, kommt die Psyche mit all ihren Facetten wie Stress, Trauma, Depressionen etc. noch dazu.
Aufgrund dieser Komplexität einer CMD hat ein Teil meiner Patienten eine jahrelange Odyssee hinter sich. Es gibt meist kaum einen Facharzt oder Therapeuten, bei dem sie nicht waren: Hals-, Nasen- und Ohrenärzte, Orthopäden, Neurologen, Osteopathen, Schmerztherapeuten, Physiotherapeuten und so weiter. Erst vor wenigen Monaten kam zum Beispiel ein pensionierter Beamter zu mir, der seit fünf Jahren an chronischen Kopfschmerzen litt. Er war in dieser Zeit bei 36 Ärzten gewesen. Ohne Erfolg. Ich weiß das so genau, weil er mir gleich beim ersten Termin auf den Kopf zu sagte: »Sie sind Nummer 37.« Zufälligerweise habe er im Internet ein Video gesehen, in dem ich CMD-Symptome beschreibe, und sich selbst wiedererkannt. Und tatsächlich hatte ich einen CMD-Patienten wie aus dem Bilderbuch vor mir. Alle Befunde – Muskeln, Zähne, Gelenke – waren offensichtlich und trotzdem hatte jeder Behandler nur sein eigenes Fachgebiet als Problem betrachtet und versucht zu helfen: Der ganzheitliche und interdisziplinäre Blick auf eine CMD ist leider noch nicht sehr verbreitet. Und doch gibt es immer mehr Behandler, die die Beschwerden ihrer Patienten mit einer CMD in Zusammenhang bringen und sie dann an Zahnärzte verweisen, die sich mit CMD auskennen.
Typische CMD-Symptome
Über 80 Prozent der CMD-Patienten mit angespannter und druckschmerzhafter Kaumuskulatur leiden auch unter Nackenschmerzen. Diese dehnen sich häufig in den Schulterbereich aus. Die Ursachen sind sowohl muskuläre als auch neuronale, sprich nervliche Funktionsketten.
Die muskulären Funktionsketten entstehen durch Zug und Gegenzug. Eine Spannung in den stärksten Kaumuskeln – Masseter- und Schläfenmuskel – bewirkt eine latente Drehung des Kopfs nach vorne.
Die Folge ist, dass unsere Nackenmuskulatur unbemerkt dagegenhält und den Kopf nach hinten zieht, um so dessen aufrechte Haltung zu gewährleisten. Schließlich müssen wir erhobenen Hauptes durchs Leben gehen, allein schon, um unsere Umgebung besser sehen zu können.
Neuronale Zusammenhänge zwischen Kaumuskulatur und Nacken basieren auf der Tatsache, dass der durch eine CMD am meisten betroffene und involvierte Hirnnerv, der Trigeminusnerv, auch Ausläufer im Bereich der Halswirbelsäule hat. Vereinfacht gesagt: Ärgern wir den Trigeminus im Bereich des Gesichts und Kiefers, indem wir ihn permanent reizen und unter Dauerstrom setzen, piesackt er uns auch im Nacken, erst mit Verspannungen, dann mit Schmerzen in Nacken und Schultern.
Die Evolution hat unsere Kaumuskulatur für den optimalen Kauvorgang sehr sensibel und feinmotorisch ausgestattet. Sie ist von Nervenrezeptoren durchzogen, die für die Feinabstimmung des Kauvorgangs sorgen, den sogenannten propriozeptiven Sensoren. Diese arbeiten eng mit den sehr sensiblen Nervenrezeptoren in unseren Zähnen und im Kieferknochen, den Nozizeptoren, zusammen. Sie informieren uns, wenn wir beispielsweise auf den häufig bemühten Kirschkern beißen oder auch nur ein dünnes Härchen zwischen den Zähnen haben. So sensibel diese Muskulatur in der Wahrnehmung derartiger Reize ist, so unsensibel ist sie in der Erkennung des eigenen Zustands. Bemerken wir Verspannungen in der Kaumuskulatur dann selbst, ist das ein klares Anzeichen für eine bereits länger bestehende CMD mit muskulärer Beteiligung, da wir Schmerzen in der Kaumuskulatur erst im fortgeschrittenen Stadium bewusst wahrnehmen. In früheren Phasen kann man sie beim Abtasten der Muskeln mit den Fingern spüren. Man fühlt Knubbel und Verhärtungen in der Muskulatur, die sonst flach und weich ist, und erlebt ein unangenehmes Gefühl bis hin zum Schmerz. Viele Patienten glauben, es sei normal, dass es wehtut, wenn man auf diese Muskelpartien drückt. Doch das sollte nicht so sein.
Typische CMD-Kopfschmerzen strahlen vom Nackenbereich über den Hinterkopf in den Stirnbereich oberhalb der Augenbrauen und in den vorderen Schläfenbereich aus. Es handelt sich meist um Spannungskopfschmerzen. Sie treten häufig auf einer Seite, manchmal auch auf beiden Seiten des Kopfs auf.
Wichtig ist es, diese Kopfschmerzen von einer Migräne zu unterscheiden. Migräne ist meist einseitig und verbunden mit anderen begleitenden Symptomen. Hierbei kann es sich um Lichtempfindlichkeit, Übelkeit, Geräuschempfindlichkeit, Geruchsempfindlichkeit etc. handeln. Bei einer Migräne ist eine CMD-Therapie in der Regel nur bedingt wirksam. Schmerzen, die durch CMD in Stressphasen entstehen, können bei einigen Menschen jedoch auch eine Migräne auslösen. Eine CMD-Therapie kann für sie die Häufigkeit, Dauer und Schwere von Migräneanfällen reduzieren.
Bei einem Verdacht auf Migräne, aber auch bei allen anderen Kopfschmerzen, die sich nicht eindeutig in Zusammenhang mit den Zähnen und dem Kiefergelenk bringen lassen, ist der Rat eines Neurologen unbedingt erforderlich. Auch um frühzeitig ernsthafte Veränderungen im Bereich des Gehirns auszuschließen, etwa gut- oder bösartige Tumore, aber auch Blutergüsse unter der Schädeldecke, weil man sich den Kopf an einer Schranktür gestoßen hat oder aufgrund von Durchblutungsstörungen der gehirnversorgenden Blutgefäße. Nichts wäre fataler, als in einem derartigen Fall wertvolle Zeit mit einer CMD-Therapie verstreichen zu lassen, um nach einigen Monaten festzustellen, dass die Schmerzen eine andere Ursache hatten.
Ist die Gelenkscheibe nur teilweise verrutscht und nicht mehr in ihrer korrekten Position im Kiefergelenk, treten sehr häufig Knackgeräusche und unter Umständen auch Reibegeräusche beim Öffnen und Schließen des Mundes auf. Solange das Ganze nicht mit Schmerzen oder anderen behandlungsbedürftigen Symptomen verbunden ist, ist dies für erfahrene CMD-Therapeuten kein Grund für eine aufwendige Therapie. Wenn sich jemand allerdings durch diese Geräusche in seiner Lebensqualität beeinträchtigt fühlt, behandelt man bei diesen Patienten auch ein Knacken der Kiefergelenke.
Durch eine Überlastung oder Fehlbelastung in der Gelenkkapsel können Schmerzen in den Kiefergelenken ausgelöst werden. Ähnlich wie bei Blasen an den Füßen, die durch zu enge Schuhe auftreten, kann es auch im Kiefergelenk durch zu viel Druck des Unterkiefergelenkköpfchens in der Gelenkpfanne zu einer schmerzhaften Entzündung kommen. Sie ist vor allem beim Kauen oder Abbeißen eines Stücks Apfel oder Brot wahrnehmbar, manchmal sogar im Ruhezustand. Wenn Sie den Mund öffnen und die Kiefergelenke in Höhe der Ohren mit den Fingern betasten, können Sie diese Schmerzen meist ebenfalls auslösen. Besonders unangenehm und schmerzhaft ist eine Kiefersperre. Hierbei ist meist die Gelenkscheibe im Kiefergelenk, seltener das Kiefergelenkköpfchen, vollkommen verrutscht und blockiert das Gelenk. Ein Öffnen oder Schließen ist dann erstmal nicht mehr möglich. Patienten, bei denen dieses Phänomen auftritt, reagieren in solch einem Moment häufig panisch. Sie wissen nicht, ob und wie der Schmerz vergeht und ob sie den Mund jemals wieder schließen werden können. Sie können jeden, der diese Erfahrung macht beruhigen, auch sich selbst. Man kann diese Symptomatik sehr gut und recht schnell behandeln.
Das Kiefergelenk in seitlicher Ansicht
Viele CMD-Patienten leiden auch unter Sehstörungen. Sie beschreiben Doppelbilder, verschwommenes Sehen, Augenflimmern und ein Druckgefühl hinter den Augen. Die Ursachen sind nicht eindeutig erforscht, es liegt an zwei Dingen: zum einen vermutlich an Wechselwirkungen, die durch den bei einer CMD am meisten beteiligten Hirnnerv, den Trigeminusnerv, mit anderen Hirnnerven auftreten. Der Trigeminusnerv bewegt unter anderem die Augenmuskeln. Zum anderen ist unser Nacken entwicklungsgeschichtlich sehr eng mit unseren Augen verbunden: Für uns Menschen war es schon immer überlebenswichtig, den Kopf schnell zu bewegen und dabei trotzdem scharf zu sehen. Zur Abklärung ist bei Augenbeschwerden immer und unbedingt eine augenärztliche Untersuchung erforderlich, um andere Ursachen auszuschließen.
Ähnlich wie bei den Augen ist auch die Verbindung zwischen der CMD und Beschwerden, die mit den Ohren und Schwindel zusammenhängen, zu vermuten. Das Kiefergelenk liegt nur wenige Millimeter vom äußeren Gehörgang und dem Mittelohr entfernt. Allein diese anatomische Nachbarschaft erklärt, warum Patienten mit einer CMD zunächst eine HNO-Praxis aufsuchen, wenn sie Schmerzen in ihren Ohren wahrnehmen. Mögliche Wechselwirkungen zwischen dem Trigeminusnerv und dem 8. Hirnnerv – dem Nervus vestibulocochlearis –, der für das Hören und den Gleichgewichtssinn von Bedeutung ist, würden erklären, warum eine CMD-Therapie vielen Patienten, die unter Schwindel und Ohrgeräuschen leiden, helfen kann. Auch hier ist der Nackenbereich mit seinen Wechselbeziehungen zum Innenohr ein möglicher Auslöser von Beschwerden. Aber bevor Sie sich zu viele Hoffnungen machen, dass sich mit einer CMD-Therapie auch Ihr Tinnitus behandeln lässt, sollten Sie wissen, dass nur bei geschätzt jedem zehnten Menschen mit Tinnitus eine CMD-Therapie erfolgsversprechend ist. Und dies auch nur, wenn man frühzeitig, innerhalb der ersten Monate, mit der Behandlung beginnt. Schließlich ist ein Tinnitus umso schwerer zu behandeln, je länger er besteht. Damit hier keine wertvolle Zeit verloren geht, empfehle ich, möglichst alle sinnvoll erscheinenden Behandlungsmöglichkeiten – egal ob Hals-Nasen-Ohren-ärztlich, physiotherapeutisch und zahnmedizinisch, gerne auch parallel – einzusetzen. (Allerdings lässt sich Tinnitus nur in wenigen Fällen effektiv behandeln. Häufig bedeutet das für Betroffene zu lernen, mit den Ohrgeräuschen zu leben und sie möglichst auszublenden.)
