CoDex 1962 - Sjón - E-Book

CoDex 1962 E-Book

Sjón

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Beschreibung

Liebesgeschichte - Kriminalgeschichte - Science-Fiction. In seiner Trilogie »CoDex 1962« zieht der Isländer Sjón alle erzählerischen Register. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs begegnen sich in einem norddeutschen Gasthof das Zimmermädchen Marie-Sophie und der jüdische Flüchtling Leo Löwe, mit dabei ein Lehmklumpen. Aus diesem erschafft Leo das gemeinsame Kind Josef, da ist die Familie aber schon längst in Island, und wir sind bereits im Jahr 1962, dem Geburtsjahr des Autors Sjón. Der große isländische Erzähler entführt uns in ein unendliches Vexierspiel, in dem vieles Rätsel ist und bleibt und anderes sich auf geniale Weise zusammenfügt. »CoDex 1962« ist eine isländische »Tausendundeine Nacht«, eine Wundertüte an Geschichten. »Herrlich, dass jemand wie Sjón den Schneid hat, auf durchgeknallte Weise unterhaltsam zu sein.« Skånska Dagbladet, Schweden

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Seitenzahl: 781

Veröffentlichungsjahr: 2020

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S. Sjón

CoDex 1962

Roman

Roman

 

Aus dem Isländischen von Betty Wahl

 

Über dieses Buch

 

 

Liebesgeschichte - Kriminalgeschichte - Science-Fiction. In seiner Trilogie »CoDex 1962« zieht der Isländer Sjón alle erzählerischen Register. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs begegnen sich in einem norddeutschen Gasthof das Zimmermädchen Marie-Sophie und der jüdische Flüchtling Leo Löwe, mit dabei ein Lehmklumpen. Aus diesem erschafft Leo das gemeinsame Kind Josef, da ist die Familie aber schon längst in Island, und wir sind bereits im Jahr 1962, dem Geburtsjahr des Autors Sjón. Der große isländische Erzähler entführt uns in ein unendliches Vexierspiel, in dem vieles Rätsel ist und bleibt und anderes sich auf geniale Weise zusammenfügt. »CoDex 1962« ist eine isländische »Tausendundeine Nacht«, eine Wundertüte an Geschichten.

 

»Herrlich, dass jemand wie Sjón den Schneid hat, auf durchgeknallte Weise unterhaltsam zu sein.« Skånska Dagbladet, Schweden

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Nach Fertigstellung seines Romankunstwerkes »Codex 1962« sagte Sjón: »Let the reader do the work«. Mit diesem Vertrauen in den Leser veröffentlicht Sjón seitdem er 16 ist, damals erschien sein erster Gedichtband. Es folgten Romane, Songtexte und Drehbücher. Seine Texte für Lars von Triers ›Dancer in the Dark‹ wurden für den Oscar nominiert. Für ›Schattenfuchs‹ erhielt er 2005 den Literaturpreis des Nordischen Rates. Zuletzt erschienen seine Roman ›Das Gleißen der Nacht‹ und ›Der Junge, den es nicht gab‹, Letzterer wurde mit dem Isländischen Literaturpreis 2013 ausgezeichnet.

 

Betty Wahl übersetzt aus dem Isländischen und ist freie Dozentin für Alt- und Neuisländisch. Sie hat Autoren wie u.a. Sjón, Gyrðir Eliasson oder Jón Gnarr übersetzt und war 2011 an der Neuübersetzung der Isländersagas beteiligt. Dabei verlagerte sie ihren Lebensmittelpunkt allmählich in Richtung Island; heute lebt und arbeitet sie abwechselnd in Reykjavík und Frankfurt am Main.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Die Übersetzung wurde großzügig gefördert vom

 

Deutsche Erstausgabe

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel

›CoDex 1962‹ im Verlag JPV útgáfa, Reykjavík 2016

Augu þín sáu mig – ástarsaga (1994)

Með titrandi tár – glæpasaga (2001)

Ég er sofandi hurð – vísindaskáldsaga (2016)

© Sjón 2016

 

Published by agreement with Licht & Burr Literary Agency, Denmark

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2020 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstraße 114

D-60596 Frankfurt am Main

Covergestaltung: Schiller Design, Frankfurt

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-490607-2

 

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Inhalt

[Widmung]

Deine Augen sahen mich

I

1. Kapitel

II

2. Kapitel

III

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

IV

9. Kapitel

V

10. Kapitel

VI

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

VII

17. Kapitel

VIII

18. Kapitel

Islands tausend Jahr’

I

1. Kapitel

II

2. Kapitel

3. Kapitel

III

4. Kapitel

IV

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

V

11. Kapitel

12. Kapitel

VI

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

VII

18. Kapitel

19. Kapitel

Ich bin eine schlafende Tür

I

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

II

5. Kapitel

III

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

IV

11. Kapitel

V

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

VI

15. Kapitel

VII

16. Kapitel

Epilog

Für Ása, Júnía und Flóki,

für meine Mutter, meinen Vater,

und für meine Freunde,

lebendig oder tot.

Deine Augen sahen mich

Eine Liebesgeschichte

I

1

»Wenn man bei Nacht den Marktplatz einer gewissen Kleinstadt betritt, die wir hier Kükenstadt[1] nennen wollen und die, dem Baustil der Häuser und den Ladenschildern der Geschäfte rings um den Platz nach zu urteilen, in Niedersachsen liegen muss, dann scheint das Leben hier in denselben Bahnen zu verlaufen, wie es in solchen Städtchen nach Mitternacht üblich ist. Hier ist es so merkwürdig still, dass es an den Schlafsaal eines Sommercamps für wohlerzogene Kinder erinnert, jedes Haus steht an seinem Platz, hat die Nacht bis unter die Dachrinne hochgezogen, das Geflüster über die Mühen und Abenteuer des Tages ist verstummt; und der kleine Junge mit seinen zwei Regenschirmen hat die Stadt dem Reich des Schlafes übergeben.

Doch obwohl der Junge seinen Beutezug in Richtung Westen fortsetzt, hat er Kükenstadt, dieses verschlafene Nest, nicht schutzlos den Wirren der Traumwelt überlassen: In der Mitte des Marktplatzes steht ein Denkmal und hält über den Stadtbewohnern Wache.

Die Skulptur ist die Darstellung eines aufgeregt flatternden Kükens; den Unterschnabel nach vorne gereckt und den Kopf in Richtung Himmel, den Schnabel weit aufgesperrt und die Stummelflügel steil vom Körper abgespreizt. Der blaue Mond spiegelt sich in dem schwarzen Marmor wie ein trübes Lämpchen, aufgestellt für ein Kind, damit es keine Angst im Dunkeln hat.

Von diesem Küken hat die Stadt ihren Namen, und trotz seiner geringen Größe – es misst kaum das Siebenfache eines lebendigen Kükens, und das ist nicht gerade viel – verschafft es den Bewohnern einen ruhigeren Schlaf als den, zu dem die meisten Großstadtheiligen ihren Schützlingen verhelfen können. In den Herzen der Schlafenden lebt die Erinnerung an jene graue Vorzeit weiter, als das Küken ihre Vorfahren davor bewahrte, einem grimmigen Berserker zum Opfer zu fallen, der damals über den Kontinent tobte und alles und jeden, der ihm in die Quere kam, dem Erdboden gleichmachte.

Und hätte meine Lebensgeschichte nicht hier in dieser Stadt ihren Anfang genommen, der Stadt, die ihre Entstehung einem naseweisen Küken zu verdanken hat, ja, hätte sie nicht in diesem dreistöckigen Haus an ebendiesem Marktplatz begonnen, dann würden wir uns jetzt aus diesem Schlafsaal namens Kükenstadt wieder davonschleichen und die Tür leise hinter uns zuziehen.«

* * *

»Aus dem Haus dringt Stöhnen, das fällt den Leuten auf, die ein Ohr für Häuser haben, aber das hier ist nicht das Stöhnen von Leidenden und Kranken, nein, es sind die Schmerzensschreie äußerster Ekstase, Schreie auf dem Höhepunkt; gefolgt von einem tiefen Stöhnen beim Biss in den Hals und dem festen Griff um die Hinterbacken.«

»Dann ist das also ein Bordell?«

 

»Eine Kletterpflanze überzieht die Giebelseite des Hauses, verzweigt sich und umrankt das Fenster und das Schild über der Eingangstür: GASTHOF VRIESLANDER. Und unter der Dachrinne ist die Pflanze zu einem so dichten Gestrüpp verflochten, dass man meinen könnte, es werde jeden Augenblick das Dach abheben.«

 

»Dann heb es ab! Ich will von oben reinschauen und sehen, wer da gestöhnt hat …«

 

»Heute ist das kein Bordell mehr, sondern ein ganz gewöhnlicher Gasthof, betrieben von einem rechtschaffenen Ehepaar, Zugezogenen, die ihr Anwesen dem Bau einer Autobahn geopfert hatten. Viel hatten sie dafür ohnehin nicht mehr bekommen, aber Gott und das Glück waren mit ihnen, und so hatten sie für wenig Geld diesen Sündenpfuhl erstanden, während Die Partei ihren Landsleuten den moralischen Zeigefinger vorhielt.«

 

»Heb es ab!«

»Dann mach die Augen zu. Siehst du den Marktplatz vor dir? Das Küken, die Ladenzeile? Den Gasthof Vrieslander, die wuchernde Kletterpflanze und das Dach? Gut! Nein, Augen noch nicht aufmachen, ich streiche jetzt mit der Hand über deine Stirn – ja, leg sie ruhig in Falten – und jetzt pass auf, wie sie sich über den Marktplatz herabsenkt, blassgrau wie die Klaue eines Ungeheuers im Schein der Straßenlaternen und der Mondsichel über der Kirche …«

»Gott, wie kurios deine Hand aussieht, und so groß. Und die langen Fingernägel, die waren mir gar nicht aufgefallen …«

»Pssst, konzentrier dich! Ich drücke meinen Daumen jetzt gegen den Dachvorsprung an der Giebelseite, presse die Finger fest in die Fugen und hebe das Dach ganz langsam ab, ganz vorsichtig, damit mir der Schornstein nicht abbricht.«

»Genau. Wir wollen ja niemanden aufwecken.«

»Dann schwenke ich es mit einer geschickten Bewegung des Handgelenks über den Marktplatz, setze es dort ab – und schon hat unser Küken ein Dach über dem Kopf. Aber worum es eigentlich geht: Es sieht nicht, was wir hier veranstalten. Hörst du nicht sein neugieriges Wispern: Darf mich mal gucken? Darf mich mal gucken?«

»Nein, wie süß …«

»Brauchst das Kleine gar nicht so zu hätscheln. Es wird sich schon wieder beruhigen und den Schnabel unter die Stummelflügel stecken …«

»Gute Nacht, Kleines!«

»Daraufhin schläft es ein und wir setzen unseren Erkundungsgang durch das Haus fort. Siehst du, wie ich mit meinen langen Fingernägeln die Fuge zwischen Außenmauer und Giebel nachzeichne?«

»Ja …«

»Und die Giebelwand nach vorne rücke?«

»In den Fugen knirscht es wie Zuckerleim!«

»Und die Wand lege ich jetzt hier auf dem Marktplatz ab.«

»Es sieht aus wie ein Puppenhaus …«

»Ja, hier im Erdgeschoss ist die Empfangshalle und dahinter geht es ins Kontor, direkt gegenüber der Rezeption führt eine Tür in den Speisesaal, und hinter der anderen Tür da, der mit dem ovalen Guckfenster, ist die Küche. Wie du siehst, hier ist nichts Unmoralisches im Gange, die Gäste schlafen gesittet in ihren Zimmern in den drei Stockwerken, und die Angestellten liegen erschöpft und abgearbeitet in ihren Betten ganz oben unterm Dach.«

»Und was für Geräusche sind das, die jetzt aus dem Kontor zu hören sind? Für mich klingt das so, als ob da jemand keucht und nach Luft ringt …«

»Da sagst du was. Dann lass uns mal unauffällig nachgucken, wer da so keucht …«

 

»Am Schreibtisch sitzt ein rothaariger junger Kerl in einem tiefen Lederstuhl und beugt sich über vergilbte Fotos von drallen jungen Damen, in seinem Schoß macht sich seine Hand zu schaffen …«

 

»Wer ist denn dieses Ferkel?

»Der Laufbursche des Gasthofs, ein Waisenjunge, den die Eheleute damals mit hierhergebracht haben und der alle Arbeiten erledigen muss, die sonst niemand machen will …«

»Und was hat er mit deiner Geschichte zu tun?«

»Er ist allenfalls eine Nebenfigur, wenn überhaupt, der arme Wicht. Später wird das alles noch genauer aufgerollt, aber vorerst wollen wir die Geschichte noch nicht bis zu ihren Anfängen zurückverfolgen, sondern erst mal den Schauplatz abstecken. Ach übrigens, fällt dir noch irgendwas Besonderes auf, wenn du das Haus so offen vor dir siehst?«

»Was sollte das sein?«

»Dann schau mal genauer hin! Wie viele Zimmer haben zum Beispiel die einzelnen Etagen? Mehr sage ich nicht …«

»Jetzt mal langsam …!«

»Wenn ich alle Stockwerke oberhalb des zweiten abnehme, so dass du von oben reingucken kannst wie in einen Irrgarten, was passiert dann?«

»Ach, das meinst du, ja, jetzt sehe ich’s auch …«

 

»In den Zimmern im ersten Stock des Gasthofs Vrieslander gibt es geheime Türen, die unsichtbar in die Tapeten eingelassen sind. Sie führen in ein Labyrinth aus engen, verwinkelten Gängen, die in der Priesterkammer enden, einem kleinen Verschlag hinter der Holzverkleidung im Zimmer dreiundzwanzig.

Dort hatten die geistlichen und die weltlichen Oberhäupter des Städtchens Unterschlupf gefunden, und auch andere, die nicht in Gesellschaft solcher Freudenmädchen angetroffen werden durften. Im Hause der Mutter gab es viele Gemächer, die den unterschiedlichen Gelüsten ihrer Kinder nachkamen.

Was Bürgermeister und Pfarrer nicht wussten, war, dass ihnen die gewöhnlichen Bordellgäste für ein paar Groschen durch ein Loch in der Wand zum Zimmer dreiundzwanzig zuschauen durften; und so waren die Abmessungen der intimen Körperteile der Machthabenden in aller Munde.«

»Und wer ist das da? Oh nein, jetzt biegt er um die Ecke und ist verschwunden, oder war das vielleicht eine Frau?«

»Du bist wirklich gut im Beobachten. Nein, das ist ein alter Mann, der da im Gasthof wohnt; wie so oft in Geschichten, in denen Häuser eine große Rolle spielen, kommen auch in dieser hier alte Leute vor.«

»Furchterregend sah er aus und irgendwie weibisch, in diesem Nachthemd, und wie er die Hände vor seiner Brust baumeln ließ wie ein verschrecktes Kaninchen …«

»Da triffst du den Nagel auf den Kopf! Sein Name ist Tomas Hasearsch, also Hasenarschloch, und er wohnt in diesem Gasthof, seit er ein kleiner Junge war.«

»Dann müsste er ja so einiges zu erzählen haben – aus einer Zeit, in der die Leute nicht bloß mit ihrer Wärmflasche ins Bett gingen …«

»Warte, ich hole ihn. Komm her, mein Freund, und stell dich mal hier an den Rand des Stockwerks.«

»Er schläft!«

»Ja, er schlafwandelt und geistert durch die Flure wie ein Gespenst in einem englischen Schauerroman. Manchmal spricht er im Traum und dann kann er verdammt frivol werden, das kannst du mir glauben.«

»Mein Gott, wie grauenvoll für die Gäste – nachts aufzuwachen, weil in den Nachbarzimmern Obszönitäten zu hören sind …«

»Pssst. Er bewegt die Lippen, hebt seine bläuliche Greisenhand und richtet das Wort an die schlafende Stadt …«

»Darf ich mal gucken? Darf ich mal gucken?«

»Halt den Schnabel, Küken! So was ist nichts für kleine Hühnerkinder …«

»Ja, schäm dich, diesem widerlichen Schweinkram hinterherzulaufen!«

»Der Alte: Na, da bist du ja, kleiner Mann, los, hol ein Handtuch, reich der Bellulolulululilli was zum Abtrocknen; na, kommt der Knirps, Lululillibellulolas kleiner Liebling, etwa gerade von seinem Ausguck? Und, was hat er da Schönes gesehen? Nein, Gott bewahre, das ist gar nichts gegen die Kanone, die er da hat; nein, seinen Namen verrate ich nicht, er kommt immer morgens, wenn die meisten schon abgereist sind, mein Herzensengel mit der schwarzen Maske, und ich bin die Einzige, die weiß, wer er ist, vielleicht noch eine andere außer mir. Puh, jetzt ist die Lolabellalillilulu aber müde, sei ein braves Kind, schmier ihr Salbe auf die blauen Flecken und erzähl ihr ein paar Klatschgeschichten aus dem Städtchen … Was gibt’s vom Postmeister zu berichten?«

»Hör mir mit dem auf, der greift sich immer in den Schritt!«

»Der Alte: Wenn das Jungchen lieb zu seiner Lillilolululubella ist, dann wird sie auch sein Kleine-Jungs-Pimmelchen verwöhnen, dann gönnt sie seinem kleinen Freund auch was Nettes für drumherum und dann wird sie …«

»Jetzt hör mit den Ferkeleien auf!«

»Jaja, und schon hält er den Mund. So, ich schiebe den Greis zurück in den Gang und damit habe ich meinen Arm bis zum Ellenbogen in das Bild eingetaucht, das du dir vom Kükenstädter Marktplatz gemacht hast …«

»Gibt es sonst noch irgendwas, das ich gesehen haben sollte? Mir wird ein wenig schwindlig …«

»Achtung! Jetzt setze ich die Stockwerke wieder aufeinander, die Giebelwand kommt vorne dran und das Dach obendrauf. Und zum Schluss ziehe ich meine Hand aus deinem Kopf …«

»Ich sehe nichts als gelbe Punkte, die wie Kometen vor meinen Augen tanzen, aber wenn ich sie schließe, dann sehe ich den Marktplatz vor mir, so, wie du ihn mir anfangs beschrieben hast, außer, dass ich jetzt genau in den Gasthof hineinschauen kann und dort kenne ich jeden Winkel …«

»Fällt dir denn nichts auf, das anders ist als vorher? Wir nähern uns allmählich unserer Geschichte und ihre ersten Anzeichen müssten schon erkennbar sein …«

»Halt, schau mal, das ist jetzt aber wirklich merkwürdig. Da oben im Dachfenster brennt auf einmal Licht …«

* * *

»Marie-Sophie X. schläft.«

»Wer ist das?«

»Sie ist die Frau, die ich noch am ehesten meine Mutter nennen kann!«

* * *

»Ein junges Mädchen saß im Bett und las in einem Buch, die Bettdecke hatte sie unter ihre Kniekehlen gestopft und mit den Fußsohlen berührte sie ihre Initialen, die mit Kreuzstich in den Bettbezug eingestickt waren. Sie hatte sich ein paar Kissen in den Rücken geschoben, in ihrem Schoß lag ein Sofapolster und darauf ruhte das Buch. Ein Kerzenstummel flackerte im Kerzenständer auf der Kommode neben ihrem Bett und überzog die Gegenstände im Zimmer mit sirupgoldenem Licht. Viel gab es dort nicht, einen Stuhl, einen Kleiderschrank, einen Nachttopf, einen ovalen Spiegel und ein nostalgisches Glanzbild eines Heiligen, der über einer Waldlichtung schwebt und eine geduckte Hütte vor sich herträgt. Auf einem Kleiderbügel an der Schranktür hing eine schwarze Dienstmädchenuniform, auf dem Stuhl stapelten sich Bücher. Das Zimmer hatte zwei Türen, eine davon führte in die Umkleidekammer des Dienstpersonals, die andere hinaus auf den Flur.

Mit einem abgekauten Fingernagel zog das Mädchen einen unsichtbaren Faden von Wort zu Wort, und was zwischen den Zeilen stand, erfasste sie mit der Fingerkuppe. Ab und zu schloss sie ihre leuchtend blauen Augen und dachte über etwas nach, das sie gerade gelesen hatte. Dann hob sich ihre linke Hand unwillkürlich von den Seiten und spielte mit dem dunkelbraunen Zopf, der über die mit Spitze besetzte Brust ihres Nachthemds fiel. Bei jeder neuen Seite, die sie aufschlug, zog sie die Augenbrauen zusammen, und wenn es in der Geschichte gerade besonders hoch herging, rieb sie ihre großen Zehen aneinander und zog die Füße enger zu sich heran.

Immer häufiger sah sie von ihrer Lektüre auf, um über die Geschichte zu grübeln. Die Uhr im Stockwerk unter ihr schlug drei Mal und nur einen Augenblick später schlug die Silberglocke im Rathausturm vier.

– Verdammter Zeitfresser, dieses Buch! Na gut, ich lese noch eine Seite und dann schlafe ich.

* * *

Und die Kometen?

– Das sind Schuppen aus dem Haar der Engel, die in den äußersten Schichten der Erdatmosphäre verglühen, ihre Asche fällt auf die Erde und wird zu kleinen Schutzgeistern der allerkleinsten Tiere, Pflanzen und Metalle, so, wie die Vulkanasche aus dem Krater der Hekla als Glut aus dem Bart des Teufels rieselt, wenn er sich nicht vor den Höllenfeuern in Acht nimmt. Sie dagegen verwandelt sich in böse kleine Dämonen, und die kämpfen mit den guten Geistern um die Vorherrschaft über alles, was lebt. Demnach findet der Kampf zwischen Gut und Böse auch in deinen Socken statt, denn soweit ich sehe, sind sie aus Baumwolle.

– Sag mal Siegfried, was faselt der Mann da?

– Er hat mir gerade von den Sternen erzählt.

– So, hat er das, mein Kleiner. Dann gehen wir mal nach Hause.

– Und die Elefanten? Sind in Elefanten dann auch Dämonen?

– Komm jetzt, hab ich gesagt!

– Das kann man wohl sagen. Auch bei denen fliegen die Fetzen, und zwar nicht zu knapp.

– Und in meinen Hosenträgern?

– Ja, meinetwegen auch da.

– JETZT KOMM!

Der Sklave blieb allein vor seinem Arbeitsschuppen zurück, der Mann nahm den Jungen an die Hand und ging mit ihm zum Eingangstor, die Wärter tippten mit der Hand an die Mütze und ließen die beiden passieren. Er schaute ihnen nach, während Vater und Sohn in einen blitzblank polierten Mercedes-Benz stiegen und davonfuhren.

* * *

– Marie-Sophie?

– Ja?

– Kann ich mal mit dir reden?

– Dann rede mit mir.

– Du bist allein.

– Ganz allein.

– Finsternis legt sich über das Land.

– Man sieht es durchs Dachfenster, kein einziger Stern.

– Ich hab mir die Erde genauer angeschaut. Sie schlief.

– Alle außer mir.

– Du auch.

– Aber ich lese doch gerade.

– Du schläfst.

– Schlafe ich? Mein Gott, brennt die Kerze noch?

– Sie brennt lichterloh, so wie du auch brennen wirst.

– Jetzt habe ich’s kapiert. Das hier ist ein altes Haus, das jeden Moment in Flammen aufgehen und niederbrennen kann!

– Keine Sorge, da pass ich schon auf.

– Danke!

– In diesen Tagen ist es nicht leicht, jemanden zum Reden zu finden. Die Leute haben verlernt zu träumen, die Städte sind verdunkelt und das einzige Lebenszeichen der Menschen sind ihre Atemzüge, die von den Häusern in die kalte Winternacht aufsteigen. Aber dann bist du mir aufgefallen. Du hast geträumt, und so habe ich dich gefunden.

– Ich habe geträumt? Überhaupt nichts habe ich geträumt. Du bist bloß dem Licht gefolgt. Allmächtiger Heiland, ich habe vergessen, den Riegel vorzuschieben, ich muss aufwachen! Wer immer du bist, weck mich!

– Nenn mich Freude.

– Das ist keine Antwort. Weck mich.

– Ich bin der Engel vom westlichen Fenster, vom Dachfenster über dir, und ich habe es gerade verdunkelt, du brauchst keine Angst zu haben!

– Bist du hier bei mir im Zimmer?

– Ja, ich bin immer vor deinem Fenster, in deinem Fenster.

– Das ist charmant, oder vielleicht auch gerade nicht, ich darf nachts keinen Männerbesuch empfangen. Du solltest zusehen, dass du schleunigst von hier verschwindest, sonst kriegen wir beide gehörigen Ärger. In Sachen Moral ist die Inhaberin – also die Frau des Eigentümers – nämlich knallhart.

– Ein Mann bin ich ja nun nicht direkt.

– Mir doch egal. Deine Stimme ist jedenfalls tief genug, also raus mit dir!

* * *

Der Sklave kehrte in seinen Arbeitsschuppen zurück, zu seinen Kameraden und Mitsklaven, zum Schichtleiter und zu den Tonfalken, die in Regalen aufgereiht waren und mit funkelnden Augen ihre Schöpfer beobachteten: diese kahlgeschorene Horde Männer, die dort den schwarzen Ton kneteten und modellierten.

Es war heiß in der Hütte; diese grimmigen Vögel wurden in gewaltigen Brennöfen gehärtet, in denen weiße Glut um die ausgebreiteten Flügel und die gespreizten Klauen züngelte.

Er wandte sich schweigend seiner Arbeit zu; betupfte die Augen der Falken mit goldgelber Farbe, bevor sie erneut in die Glut geschoben wurden.

* * *

– Ich gehe nirgendwo hin. Ich kann nicht gehen!

– Dann sei still und lass das übermüdete Dienstmädchen schlafen!

– Mir ist langweilig …

– Ich bin kein Alleinunterhalter für gelangweilte Engel.

– Was hast du denn geträumt?

– Soll das eine Frage sein? Hast du nicht vorhin gesagt, dass du rein zufällig auf diesen Traum gestoßen bist?

– Doch, aber du musst ihn mir erzählen.

– Zuerst will ich wissen, wer du bist, ich breite mein Traumgewirr nämlich nicht vor jedem Unbekannten aus …

– Ich bin kein Unbekannter. Ich bin immer bei dir!

– Alles braucht seinen Namen! Selbst wenn du dich vor meinem Fenster herumtreibst und dir einredest, mich zu kennen – mir jedenfalls kommst du nicht im Entferntesten bekannt vor … Was weiß ich schon von dir, außer, dass du vorhast, mich zu schwängern, du Gauner!

– Na, na, na …

– Dein na, na, na kannst du dir sparen, Freundchen. Als ob ihr im Lauf der Zeit nicht schon unzählige Frauen flachgelegt hättet!

– Ey!

 

Marie-Sophie wirft sich im Schlaf hin und her, das Buch gleitet ihr aus den Händen, der Engel kann es gerade noch auffangen, bevor es auf den Boden fällt. Er schlägt es aufs Geratewohl auf und überfliegt den Text.

 

– Marie-Sophie!

– Was?

– Ich sehe hier auf der linken Seite, dass der Sklave sich soeben unter der Mauer durchgegraben hat, die die Bauhütten umgibt. Komm, ich lese dir ein bisschen vor – dann fällt dir vielleicht auch dein Traum wieder ein …

– Dann lies eben, mein Gott, so lange kannst du wenigstens kein dummes Zeug von dir geben!

* * *

Und gerade, als er den Kopf aus dem Erdloch reckt, fliegt eine Krähe über den vergilbten Acker und krächzt: Krieg! Krieg! Da verschwindet er noch einmal kurz in der Erde, und schließlich schiebt sich ein Reisekoffer und eine rosa Hutschachtel mit schwarzem Deckel über den Rand der Grube.

* * *

– Das hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit der Geschichte, die ich gerade lese …

* * *

Er kriecht mühsam aus dem Erdloch, holt tief Luft. Unglaublich, wie frisch und belebend der Nachthimmel hier über dem Acker ist, kaum zu glauben, dass das dieselbe Luft sein soll wie der modrige Nebel, der über der Todessiedlung hängt, die er hinter sich gelassen hat.

* * *

– Das hat mit meinem Buch nichts gemein …

– Aber es ist genau das, was du geträumt hast!

– Das soll ich dir glauben? Ich habe einen Liebesroman gelesen!

– Als du eingeschlafen warst, ging die Geschichte in deinem Traum weiter und nahm eine neue Wendung. Ich habe das Buch von vorne bis hinten gelesen, aber das hier scheint mir eine völlig neue Version zu sein … Hör mal:

* * *

Aber mit solchen Betrachtungen über den Himmel kann er sich jetzt nicht aufhalten, er ist auf der Flucht. Und dann hebt er vorsichtig die Hutschachtel an, klemmt sie sich sorgfältig unter den linken Arm, greift nach dem Koffer und macht sich auf den Weg in Richtung Wald, er geht …

* * *

– Und das solltest du auch tun!

– Er ist auf dem Weg hierher.

– Na und? Von mir aus dürfen die, von denen ich träume, mich auch besuchen! Verschwinde und such dir dein eigenes Buch, über dem du einschlafen kannst …

– Gute Nacht, Marie-Sophie!

– Gute Nacht!«

Fußnoten

[1]

Grau gesetzte Namen und Begriffe sind im Original deutsch.

II

2

»Gabriel stand hoch aufgerichtet und blickte über den Kontinent, seine göttlichen Fußsohlen stießen im Norden an das Grönlandeis und im Süden an das persische Hochland. Die Wolken schlossen sich um seine Knöchel und umwehten den schneeweißen Saum seines bodenlangen Gewandes, das seine leuchtenden Füße und seinen gesamten, gesegneten Engelskörper verbarg. Über seiner Brust spannten sich Tressen aus purem Silber, flammenblaue fransige Quasten saßen auf seinen Schultern, sein stolzes Haupt war von Nebelschleiern aus Zwielicht umhüllt, so dass seine Lockenflut die Nacht nicht mit Tageslicht füllen konnte. Sein Gesicht strahlte wie frisch gefallener Schnee, in seinen Augen schimmerte die Mondsichel – Glut, die bei der kleinsten Unruhe des Herzens zu einem alles zerstörenden Feuer emporloderte – und um seine Lippen spielte ein unterkühltes Lächeln.«

 

»Da ist der Engel aber treffend beschrieben!«

 

»Gabriel strich mit samtweichen Fingern über das Instrument, die prächtige, mit Opalen besetzte Posaune, die an einer hellrosa Girlande um seinen Hals hing, geflochten aus Mohn von der Insel der Seligen. Er entfaltete seine himmlischen Schwingen, die so gewaltig waren, dass ihre Spitzen im Osten wie im Westen an die Ränder der Welt stießen, Flaumfedern wirbelten über das Land, und ein brüllender Schneesturm fegte über Wiesen und Dörfer. Gabriel zögerte nicht lange, ergriff die Posaune, zog den Kopf zwischen die Schultern, so dass die Quasten seine Ohrläppchen berührten, ging in die Knie und schob seine geheiligten Hüften nach vorn. Hosianna! Dann erhob er das Instrument.«

 

»Hosianna!«

»Sei still!«

»Nein!«

 

»Gabriel setzte die Posaune an die Lippen, blies die Backen auf, machte seinen Kopf frei und holte Luft für den ersten Ton. Konzentriert lauschte er auf die Melodie, HOSIANNA, und wartete auf den richtigen Augenblick, sie auf die Erde, die ihm zu Füßen lag, hinunterzuschicken.«

 

»Und dann?«

 

»Auf diesen Moment hatte Gabriel lange gewartet, doch jetzt, da er kurz bevorstand, gelang es ihm kaum, seine Gefühle zu ordnen, die zwischen Vorfreude und Angst, zwischen Übermut und Verzweiflung hin- und herschwankten. Er fühlte sich ungefähr wie ein gut trainierter Sportler, den man Spiel für Spiel auf die Reservebank schickt, obwohl er einhellig als der beste Spieler der Mannschaft gilt, und wenn man ihn dann endlich einwechselt, dann nur, um die Mannschaft vor einer hoffnungslosen Niederlage zu bewahren. HOSIANNA – er tut sein Bestes. Andererseits fürchtete er die Leere, die auf den göttlichen Ruf folgte. Gewiss, sein Fanfarenstoß würde viel Lärm und Tohuwabohu auslösen, und er würde sich selbst mit ins Kampfgetümmel stürzen, in seinem Gefolge die prachtvollen Heerscharen der Engel, die gegen die Mächte der Finsternis kämpften, und dann, wenn alles überstanden wäre, hätte er nichts mehr, worauf er sich freuen, und nichts, wovor er sich fürchten könnte. Der Herr gibt und der Herr nimmt. Der Engel wusste nicht, ob er im Grunde seines Herzens traurig war oder froh.

Er wunderte sich über sich selbst. Er hatte ihn immer vor sich gesehen – den großen Augenblick, er würde sein Instrument in beide Hände nehmen und seinen Part gewandt und ohne Zögern vortragen, die Melodie würde in seinem Kopf widerhallen wie die Stimme des Schöpfers selbst, und dann ungehindert ihren Weg nach vorn auf seine Lippen finden; das Einzige, was er tun musste, war, sie in die richtige Richtung zu bringen – und Amen; das Jüngste Gericht im Himmel wie auf Erden.

Gabriel legte die Stirn in Falten und versuchte, diese Gedanken zu unterdrücken. Für einen kurzen Moment nahm er das Mundstück des Instruments von den Lippen und befeuchtete es mit seiner süßen Zungenspitze, schloss seine hell leuchtenden Augen und wiegte sich in den Lenden. Er stellte sich vor, dass die Melodie in seinem Unterleib, in seinem gesegneten Enddarm feststeckte, und er sie durch rhythmische Hüftbewegungen befreien könne, bis sie sich wie ein Rettungsring von einem sinkenden Schiff lösen und sein Rückgrat entlang in sein wundersames Gehirn hinaufsteigen würde, um dort an der Oberfläche des Bewusstseins wieder aufzutauchen. Das Haupt des Engels bebte, seine Halsschlagadern traten hervor und die Finger umklammerten das Instrument, sein Magen krampfte sich zusammen, seine Knie zitterten kaum merklich, und seine Füße stapften durch Sand und Schnee. Die Melodie kräuselte sich in der Hirnflüssigkeit wie Blut im Wasser: Lelujala, jallulae, ajallule, ullaljae, elujaall, lleluaja, auaelllj. Der Engel hatte das Gefühl, der Sache allmählich näherzukommen, Gott sei gelobt, dann blähte er seine bezaubernden Nasenflügel und holte tief Luft. Er riss die Augen auf, so dass Funken in den bodenlosen Abgrund sprühten und nebenbei sieben neue Sonnensysteme entstanden, und warf einen scharfen Blick hinunter auf die verurteilte Erde. Haalleluj! Das sündige Menschenwesen lag auf seinem Schlaflager und schnarchte, entließ einen Darmwind, murmelte etwas, röchelte und ließ dabei seinen Speichel glucksen, jawohl, oder es wälzte sich wollüstig in den Armen eines anderen Menschenwesens, mit dem es Körperflüssigkeiten austauschte.«

 

»Das ist widerlich!«

»Was die gut Ausgeschlafenen so trieben, war auch nicht immer appetitlich.«

»Lass hören!«

 

»Gabriel lief ein Schauder über den Rücken, ganz offensichtlich war es an der Zeit, über dieses Erdenvolk Gerichtstag zu halten. Er sah gewaltige Garnisonen, deren Vortrupps über den Kontinent zogen, sie jagten von Land zu Land, brannten Städte und Gehöfte nieder, trugen Rüstungen aus handfestem Stahl und sprachen im Namen der großen Anführer, die hinterlistig und kriegslüstern in ihren Luftschutzkellern unter den Parlamentsgebäuden saßen und die Europakarte verwüsteten; die mit Panzern, Helmen, Schilden und Schusswaffen blühende Felder dem Erdboden gleichmachten, die ganze Wälder mitsamt ihren Wurzeln ausrissen, in Wasserfälle und Flüsse pinkelten, Kinder und Frauen köpften, mordeten und misshandelten – denn dieses Hauen und Stechen brachte ihnen Ruhm und Ehre ein. An das Jüngste Gericht dachten sie dabei nicht.

Der Engel bebte vor rechtschaffenem Zorn, Hosianna, Ehre sei Gott in der Höhe, wehe ihnen, wehe ihnen! Bald wäre ihnen auch der letzte Lebensfunken aus den Adern gesickert und die erstarrten Leiber aus ihren prunkvollen Gewändern geschält.

Aller Macht beraubt würden sie schließlich den Würmern zum Fraß dienen.

Aus den Städten hörte er das Heulen der Luftschutzsirenen; diese Teufelsbrut war unmusikalischer als der Satan selbst, aber jetzt sollten sie zu hören bekommen, wie die Musik des Jüngsten Tages tatsächlich klang. HALLELUJA! HALLELUJA! HALLELUJA! Die Melodie brandete an das innere Ohr des Engels, sie ähnelte nicht im Geringsten den Missklängen, die von unten heraufdrangen, sondern kündete strahlend und verheißungsvoll von der großen Schlacht der Himmelswesen mit den bösen Mächten der Hölle, diesem großartigen Wortgefecht über die Seelen der Verstorbenen. Nein, das lehmverschmierte Kriegsgetrampel der Menschen wäre genau dann zu Ende, wenn das herrliche Instrument die ersten Töne von sich gab: Das Schöpfungswerk würde ganz und gar umgekrempelt, das Firmament zerrissen, die Meere aus ihrer Verankerung gehebelt, die Schuldbeladenen in den Abgrund gestürzt und die Gerechten in die höchsten Höhen erhoben. Ja, so wird sie klingen, die Musik des Jüngsten Tages!«

 

»Tsss!«

 

»Gabriel versuchte, seine Wut im Zaum zu halten, er musste sich beruhigen, die Posaune war ein empfindsames Instrument, und wenn er zu fest hineinblies, drohte der Ton ihm zu entgleiten. Er lockerte seine Schultern, atmete tief aus und zählte dabei im Stillen den Takt vor: eins-zwei-drei-A, eins-zwei-drei-A, eins-zwei-drei-A, eins-zwei-drei-A, eins-zwei-drei-A, eins-zwei-drei-A, eins-zwei-drei-A! Gerade wollte Gabriel seine gewaltige Lunge noch einmal füllen, da entdeckte er Lichtkegel, die über der Hauptstadt der Engel – der Name grenzt an Gotteslästerung, oh gütiger Herr – durch die Finsternis schnitten und schamlos am Saum des wertvollen Gewandes entlanggrapschten.

Der Engel war zutiefst anständig, oh ja, niemand würde auch nur einen einzigen Blick unter seine Hüllen erhaschen. Es brauchte nur eine schnelle Drehung seines überirdischen Körpers, und das himmlische Kleidungsstück umfloss wieder sittsam die glänzend bestrumpften Knöchel und verhüllte sorgfältig das Kleinod zwischen seinen Beinen, hier hatte Gott ganze Arbeit geleistet, das war einfach unbeschreiblich, Kyrie eleison. Gabriel versuchte nicht, sich gegen die Verrenkung zu wehren, die jetzt durch seinen ganzen Körper fuhr, sein ehrwürdiges Haupt schnellte nach hinten, eine seiner gleißenden Locken löste sich, quoll unter der Dämmerungskappe hervor und nahm ihm die Sicht auf die Erde; die Melodie geriet ins Stocken, sie stahl sich aus seinem Bewusstsein und schlüpfte in die Amygdala, tief in die innersten Gehirnregionen, wie eine Schlange in ihr Erdloch.«

»Nein!«

»Oh doch! Da war Satan-Luzifer am Werk, derjenige, der mit Lug und Trug durch die Welt zieht und den Samen des Irrglaubens in die Menschenherzen sät.«

»Wehe ihm!«

 

»Gabriel stieg der Duft des Spitzlappigen Frauenmantels (Alchemilla vulgaris) in die Nase und er strich sich die Haare aus den Augen: Er befand sich auf saftig grünen Feldern unter einem kristallklaren Himmel, Abertausende von Sonnen warfen ihre Strahlen über Wiesen und Felder, Tauben (höchstwahrscheinlich Gallicolumba luzonica, die mit ihren blutroten Brustfedern auf den Erlöser verweist), gurrten in Olivenhainen (Olea europaea), und an den Ufern eines plätschernden Flüsschens säugten Tigerweibchen (Panthera tigris) neugeborene Zicklein (Capra hircus). Draußen am Horizont schwebten Engelskinder über Marmorfelsen.

Der Engel war im siebten Himmel, hier war er zu Hause, so weit von den Menschen und ihrem Tal der Tränen entfernt, wie nur vorstellbar, und er atmete auf: Das Jüngste Gericht hatte offenbar sein Ende gefunden, alles schien wieder im Lot zu sein, die Allmacht hatte gesiegt – für immer und ewig. AMEN!«

 

»Amen!«

 

»Gabriel konnte am Schatten der Olivenbäume ablesen, dass es im Himmel auf die Abendbrotzeit zugehen musste – dort wirft alles einen Schatten, obwohl die Sonnen immer im Zenit stehen, das sei hier zur Information hinzugefügt – und auf einmal spürte er, wie eine überwältigende Müdigkeit seinen ansehnlichen Körper durchrieselte.

Natürlich war er nach diesem irdischen Besuch redlich erschöpft, ach ja, und jetzt sehnte er sich nach nichts mehr als nach seinen geliebten Gemächern im Haus seines Vaters inmitten der Hauptstadt des Paradieses. Er sehnte sich nach einem parfümierten Bad, in sprudelndem, geweihtem Wasser in einer Wanne aus Silber zu liegen, bis alle Anspannung von ihm abgefallen war. Am Abend würde er dann noch einen Ausflug auf den Marktplatz machen, um mit den Schutzengeln auf einer Nadelspitze zu tanzen.

Der Engel breitete seine ermatteten Flügel aus, rückte seine Posaune zurecht, erhob sich in die Lüfte und machte sich auf den Weg nach Hause.«

 

»Gelobt sei Gott!«

»Ja, geheiligt sei sein Name, aber vergiss nicht, dass es Satan ist, der in diesem göttlichen Schauspiel nun den Ton angibt.«

»Oje!«

»Und obwohl unsere Geschichte für eine Weile anderem Platz machen muss, hat er das letzte Wort noch nicht gesprochen.«

»Gabriel?«

»Er kehrt zurück in die Geschichte – später.«

»Küss mich!«

»Was kostet das?«

»Du kriegst einen umsonst für die Tigerweibchen, in denen habe ich mich wiedererkannt, und sie waren unbeschreiblich süß.«

»Danke!«

»Nichts zu danken, es war mir ein Vergnügen.«

III

3

»Als Marie-Sophie am Morgen herunterkam, stand die Köchin am Arbeitstisch in der Küche und war eifrig dabei, einen ansehnlichen Teig zusammenzukneten. Am Ende des Tisches saß der Laufbursche, dem man einen Teigklumpen zugeteilt hatte, aus dem er Lebkuchenmänner formen sollte; mit seinen großen Händen schuf er kleine, menschenähnliche Wesen, zog dabei den Fingernagel durch den weichen Teig, um Arme und Beine vom Rumpf abzuteilen, und zum Schluss bekamen sie mit einem Bratspieß Augen und Mund verpasst.

– Gottseidank, da bist du ja!

Die Köchin wandte ihr pausbäckiges Gesicht dem Mädchen zu, ohne beim Teigkneten aus dem Rhythmus zu kommen: Sie ließ den Teig auf der Tischplatte tanzen, er flog durch die Luft und klatschte auf die Arbeitsfläche zurück, wirbelte, dehnte sich und zog sich wieder zusammen wie ein übermütiges Kleinkind, das sich nicht wickeln lassen will. Und die Köchin wurde vollkommen von ihrem Teig beherrscht, ihr ausladender Körper wogte und waberte, von ihren Füßchen, die unter dem Tisch kleine, ruckartige Tanzschritte vollführten bis hinauf zu ihrem Doppelkinn, das sich aufblähte und wieder zusammenfiel, im Takt mit dem Dreh- und Angelpunkt ihrer Bewegungen – dem Teig.

– Ich weiß nicht, was daran so dankenswert sein soll, ich bin ja nicht im Dienst.

Antwortete das Mädchen und tat, als sei der Laufbursche, der sich mit einem Raubtiergrinsen auf den Lippen über sein Schöpfungswerk beugte, gar nicht da.

– Ich hatte schon ziemlich lange keinen freien Sonntag mehr.

– Jesus Maria, ich wollte dich doch nicht zum Arbeiten verdonnern, mein Liebes, Gott bewahre … Neinneinnein …

Die Köchin senkte ihre Stimme und warf den Kopf zur Seite, um Marie-Sophie zu bedeuten, näher zu kommen; auf diese Art hatte sie die ganze Küche unter ihrem Regiment, sobald sie die Speisenzubereitung fest in beide Hände nahm: Mit blitzschnellen Kopfbewegungen zeichnete sie unsichtbare Linien durch die Luft, die eine Hand mit einer Pfeffermühle verbanden, eine Handfläche mit einer Schöpfkelle, einen Finger mit einem Topfdeckel.

– Warum lasse ich das alles bloß mit mir machen?

Die Köchin warf dem Laufburschen einen kurzen, argwöhnischen Blick zu, dabei hörte sie nicht auf, in Marie-Sophies Richtung zu nicken, bis das Mädchen dicht vor ihrem wogenden Körper stand.

– Warum eigentlich ist das bei allen dicken Leuten dasselbe?

Fragte sich das Mädchen und fand sich auf einmal in den Armen der Köchin bei einem Tänzchen wieder:

– Aus irgendeinem Grund kommen mir solche Menschen immer näher, als mir lieb ist. Bedeutet das vielleicht, dass der Abstand zwischen zwei Herzen stets der gleiche ist, ganz unabhängig von der Leibesfülle der Betreffenden?

– Was habe ich diesen Leuten bloß getan?

Die Köchin schleuderte ihren Teig in die Luft und knetete ihn vor sich in Augenhöhe, als solle das die Ungeheuerlichkeit, die sie mit sich herumtrug und nun mit dem Mädchen teilen wollte, etwas entschärfen.

– Warum setzen sie ihn dann hier zu mir in die Küche, wenn ihr doch frei habt?

Marie-Sophie warf einen Seitenblick auf den rothaarigen, verpickelten jungen Kerl, der in der ersten großen Neuigkeit des Tages hier im Gasthof Vrieslander die Hauptrolle spielte; die Lebkuchenmänner in seinen Händen wurden kleiner und kleiner und der Junge glühte so feuerrot, dass man hätte meinen können, er schmore selbst im Backofen zwischen seinen Teigkindern vor sich hin.

– Ich habe einfach Angst vor ihm!

Das Mädchen konnte sich nur schwer vorstellen, dass die Köchin, die nach wie vor ihren ruhelosen Teigplaneten durch die Luft wirbelte, diesem halben Hemd nicht mindestens ebenbürtig war – dieser Teigklumpen musste doch an die zwölf Kilo wiegen.

– Findest du das nicht etwas übertrieben?

Die Köchin sah Marie-Sophie aus zusammengekniffenen Augen an und raunte:

– Wir reden hier nicht von körperlicher Gewalt, mein Kind, dazu ist er nicht der Typ. Nein, was, glaubst du, hat er wohl getan?

Marie-Sophie hatte keine Ahnung, was der Laufbursche getan haben könnte, wodurch diese lebenserfahrene Frau so aus der Fassung geraten war: Sie, die in ihrem Leben schon so einiges durchgemacht hatte, die mit ihrem Hinterteil und ihrem Busen den Männern vor der Nase herumgeturnt war und seit sie denken konnte damit ihr Geld verdient hatte. Alle diese Geschichten hatte das Mädchen bei der abendlichen Rumpudding-Zeremonie gehört: Denn Rumpudding muss über Nacht ruhen, mein Kind. Deshalb bereitet man ihn abends zu!

Aber heute war die Köchin wie gesagt verärgert.

– Er übt seelische Gewalt auf mich aus, dieses Dreckschwein, das elende!«

Sie klatschte den Teig mit Schwung auf die Tischplatte, so dass es in der ganzen Küche widerhallte. Der Laufbursche fuhr zusammen, und für einen Moment fiel ihm das Grinsen aus dem Gesicht, doch als das Klirren und Klappern in den Schränken verstummt war, hing es wieder zwischen seinen abstehenden Ohren wie ein offener Hosenlatz. Er wand sich, denn er war einer von denen, die lächeln, wenn sie in Schwierigkeiten stecken – und das führte oft zu Missverständnissen. Diesmal war es die Köchin, die ihn missverstand:

– Und dann hockt er einfach da und lacht mich aus!

Der Laufbursche versuchte, sich noch tiefer in seine Bäckerarbeit zu vergraben in der Hoffnung, sein Gesicht nicht zeigen zu müssen. Als ob das irgendetwas geändert hätte! Die Köchin hatte seine ganze Schmach in ihren Teig hineingeknetet. Sie würde den Kostgängern des Gasthofs zum Morgenkaffee serviert werden und später am Tag am anderen Ende wieder zum Vorschein kommen. Und damit wäre dieser unglückselige Bubenstreich mitsamt der Beschämung, die sich über den Jungen ergoss, als man ihn vor den Augen Marie-Sophies ausschimpfte wie einen liebestollen Hund, zu einem Teil des Ökosystems der Welt geworden.«

 

»Was hat er denn nun verbrochen?«

 

»Die Köchin wandte sich wieder ihrem Teig zu, der seit dem Aufklatschen leblos zwischen ihren Fingern hing, und knetete ihm neues Leben ein.

– Mein Gott, ich bringe es kaum über mich, darüber zu reden.

– Oh doch, ich werde dafür sorgen, dass er dafür bitter bezahlen muss.

Marie-Sophie tat, als werfe sie dem Laufburschen einen scharfen Blick zu: Er war ganz offensichtlich erleichtert, auch wenn er versuchte, es nicht zu zeigen. Der Ärmste hatte die ganze Nacht an der Rezeption Wache geschoben – und es war ziemlich ungerecht, wie sie fand, ihn jetzt, todmüde von dieser Nachtschicht, zu der missgelaunten Köchin in die Backstube zu schicken. Kein Wunder, wenn der Junge sich da den ein oder anderen Unfug einfallen ließ, um nicht über seinen Teigfiguren einzuschlafen.

 

– Da, schau mal!

Die Köchin stieß mit der Schulter an ein Backblech, das auf einem Stuhl neben der Tür zum Hinterhof mit den Mülltonnen stand; es ragte gerade so weit über die Stuhlkante, dass es nicht herunterkippte, und unter einer Doppelseite aus dem Kükenstadt-Anzeiger zeichnete sich etwas Gebäckartiges ab – aber dieses Gebäck war ganz offensichtlich reklamiert worden.

– Was glaubst du wohl, was das ist?

Bevor Marie-Sophie antworten konnte, war die Köchin dabei, das Mädchen und sich selbst langsam dem Kuchenteig hinterherzuschieben, der sich inzwischen von selbst in Bewegung gesetzt hatte und auf das missachtete Backblech zukroch.

– Allmächtiger Jesus, das errätst du nie!

Die Köchin zeichnete mit der Nasenspitze ein Kreuz in die Luft, während sie den Teig von der Arbeitsfläche nahm, ihn hinüber an die Wand neben der Tür zum Hinterhof trug und ihn dort weiter knetete.

Auf einmal war Marie-Sophie dieses Küchendrama überhaupt nicht mehr egal, denn jetzt steckte sie selbst mittendrin. Von dieser ruhelosen Ungeformtheit vor ihren Augen wurde ihr ganz schwindlig, in der Hitze des Backofens bekam sie kaum Luft und auf einmal beschlich sie die Angst, dass sie sich vielleicht nie mehr aus diesem holprigen Tanz mit der Köchin würde befreien können: Es war ihr freier Tag, es war Sonntag, und sie hatte nur rasch in der Küche vorbeischauen wollen, um sich mit etwas Essbarem zu versorgen. Ihre geplante Viertelstunde in Gesellschaft eines einfachen Frühstücks wurde zusehends zu einer nicht enden wollenden Tragödie, in der die großen Fragen des Lebens wie Ehrlichkeit, Moral oder das Böse in der menschlichen Seele abgehandelt wurden. Und wie das angesehene Bühnendarsteller gerne tun, zögerte die Köchin ihren Zeugenbericht bis zum Punkt größtmöglicher Spannung heraus:

– Da ist es ja!

Der Laufbursche zuckte zusammen. Die Köchin spuckte die Worte förmlich aus. Die Nähe zum Laster, dem verbotenen Süßgebäck, brachte das Blut der Frau in solche Wallungen, dass man hätte meinen können, sie wolle schnurstracks durch die Wand, raus in den Hinterhof und von dort Gott weiß wohin, den Lebkuchenteig über ihrem Kopf schwingend wie eine Fahne der Entrüstung.

Marie-Sophie hatte die Hoffnung aufgegeben, unversehrt an Geist und Verstand diesem Ort des Aberwitzes zu entkommen; die Köchin würde niemals so weit gehen, die Beweismaterialien im Streitfall Anstand gegen Tölpel-Hans offenzulegen; die Lebkuchenmänner würden unter den Händen des Laufburschen schließlich so klein, dass er nebenbei das Atom spaltete, und sie selbst würde niemals ihren Termin mit dem Glas Milch, der Scheibe Brot und der Birne einhalten, mit denen sie an diesem Sonntagmorgen noch vor allem anderen eine wichtige Verabredung hatte – stattdessen würde sie hier, mitten in einer Küche, hungers sterben.

Diesmal reagierte das Mädchen schnell: Sie wand sich aus den Armen der Köchin und wollte gerade das Backblech von dem Zeitungspapier befreien, da sprang der Laufbursche auf:

– Ich hab das nicht so gemeint …

Marie-Sophie durchbohrte ihn mit ihrem Blick:

– Ja, genau, schäm dich … sag, dass es dir leidtut, und dann ab ins Bett mit dir …

Der Bursche kratzte seine feuerrote Mähne, nahm die Schürze ab und schlurfte zögernd in Richtung Tür.

– Ich bitte um Verzeihung, mein Fräulein, meine Dame …

Er gähnte gekünstelt, zuckte mit den Schultern, betrachtete seine Zehen, zog eine Grimasse, versuchte, beschämt auszusehen, und richtete seine Worte abwechselnd an das Mädchen und die Köchin.

– Versteh mich ja selber nicht mehr, übernächtigt, ja klar, aber …

Marie-Sophie bedeutete ihm mit einer Geste zu verschwinden, aber auf einmal schien er gar nicht mehr vom Fleck zu kommen: Selbstverständlich wollte er abwarten, bis das Mädchen das Backblech aufdeckte, sie hatte gewiss nicht vor, ihm diesen Handgriff zu überlassen. Sie drehte sich nach der Köchin um, die jetzt das Teigkneten aufgegeben hatte und wieder sie selbst geworden war: eine korpulente Frau mit Kopfschmerzen. Ihre Blicke trafen sich und Marie-Sophie sagte etwas, was sie noch beim Betreten dieser Küche auf keinen Fall hatte sagen wollen.

– Sollen wir das Backwerk nicht einfach zusammen fertigbacken?

Die Köchin schüttelte den Kopf:

– Nein, Liebes, das kann ich nicht annehmen, Gott im Himmel weiß, wie lange du schon keinen freien Sonntag mehr hattest.

Sie drückte dem Mädchen den Teig in die Hände, trippelte zum Küchenschrank und nahm ein Fläschchen mit Backaroma und eine henkellose Tasse heraus. Der Laufbursche stand noch immer an der Tür, reglos starrte er die Köchin an, und während sie sich einschenkte, zog sich ein Grinsen über sein Gesicht.

Marie-Sophie legte den Teig auf der Arbeitsfläche ab:

Was für ein Vollidiot, dieser Junge. Warum haute er nicht einfach ab?

Sie sah ihn fragend an, bekam aber außer seinem Grinsen, das seinen Schädel in zwei Hälften zu schneiden schien, und einem Schulterzucken in Richtung Vorratskammertür keine Antwort.

Die Köchin griff nach der Tasse und zischte dem Laufburschen etwas zu, während sie sich einen Schluck der gehaltvollen Backzutat genehmigte:

– Da! Schau mal, was du mir angetan hast!

Und da verstand Marie-Sophie, was den Jungen daran hinderte, sich vom Fleck zu rühren, denn sie hörte das, was er hörte: Aus dem Inneren der Vorratskammer drangen leise Geräusche. Mit einem Zischen brachte die Köchin sie zum Schweigen, und die gute Frau bekreuzigte sich. Marie-Sophie schlich in Richtung Speisekammertür und spitzte die Ohren: Es gab keinen Zweifel, da drinnen zwischen den Gurkengläsern, Wurstringen und Weinflaschen war jemand zugange – ein Dieb? Eine Schwangere mit unbezähmbarer Gier nach süßsauer eingelegten Gurken? Der Wurstschnapper, von den anderen Weihnachtswichteln zurückgelassen, oder irgendein Saufbruder – die alle dort im Paradies die Zeit vergessen und sich nicht rechtzeitig verdrückt hatten, bevor die Köchin frühmorgens zum Dienst erschienen war? Sie huschte auf Zehenspitzen zu ihrer Arbeitsfläche und griff nach dem Nudelholz.

Allmächtiger!

Die Köchin war den Tränen nahe, als ihr klarwurde, was der Herrgott ihr an diesem Morgen auf die Schultern geladen hatte. Marie-Sophie legte den Finger auf die Lippen, drückte dem Laufburschen einen Fleischklopfer in die Hand und zeigte auf die Küchentür; die sollte er bewachen, während sie die Tür zur Speisekammer öffnen und den Einbrecher k.o. schlagen würde, und sollte er versuchen, durch den Hinterhof zu fliehen, würde ihm die Köchin dort in den Weg treten – und an diesem Weibsbild war noch niemand vorbeigekommen.

Marie-Sophie zählte im Geiste bis drei, schloss die Finger um das Nudelholz, riss die Tür auf – und musste lauthals lachen: Auf dem Boden der Speisekammer lag der Länge nach ein großer, spindeldürrer Mann, er steckte in einem abgetragenen, zerschlissenen Mantel und an den Füßen trug er etwas, das entfernt an Schuhe erinnerte. Aber natürlich war es nicht das heruntergekommene Äußere des Mannes, das das Mädchen so belustigt hatte, nein, offensichtlich hatte er im Fallen ein Bündel Wurstringe mit sich gerissen, das sich jetzt um seinen Kopf legte wie eine Krone, und auf der linken Brustseite prangte anstelle einer Ehrenmedaille ein Salatgürkchen.

In der Hand hielt er eine Hutschachtel. Es war mein Vater.«

4

»Marie-Sophie stand kleinlaut im Kontor des Gasthofs, trat verlegen von einem Fuß auf den anderen, dort, wo ein pausbäckiger Engel in den Teppich eingewoben war.

– Wenn so etwas passiert, dann kriegt niemand hier frei, du nicht und ich nicht, das verstehst du doch, oder?

Der Eigentümer saß hinter ihr in einem roten, gepolsterten Lederstuhl und wischte sich mit einem weißen Taschentuch die Stirn:

– Ich finde das hier alles andere als lustig, aber wir schulden diesen Leuten einiges an Geld; heute Nacht haben sie den Mann hier abgeliefert und wir mussten ihn aufnehmen.

Marie-Sophie biss sich auf die Unterlippe: Der Eigentümer und seine Frau, die Inhaberin, waren genau in dem Moment in die Küche gestürmt, als Marie-Sophie den zerlumpten Speisekammergast entdeckt und vor Lachen fast in die Hosen gemacht hatte. Und jetzt hatte sie das Gefühl, als sei ihr das tatsächlich passiert.

– Ich weiß nicht mehr über ihn als du, und wir wollen auch nichts über ihn wissen. Merk dir das!

Natürlich wurden die beiden fuchsteufelswild, als sie das Chaos in der Vorratskammer sahen, oder zumindest hatte sie das erwartet. Der Eigentümer hatte drei besonders saftige Ohrfeigen aus seinen Plantagen mitgebracht, sie dem Laufburschen ins Gesicht geklatscht und ihn auf den Hinterhof gejagt; die Inhaberin schob die schluchzende Köchin auf den Gang hinaus, wo sie ihr den Rest des Backaromas vermachte, und Marie-Sophie bekam die Anordnung, die Küche aufzuräumen und sich anschließend im Kontor einzufinden, wo man ein Wörtchen mit ihr zu reden habe.

Als Nächstes nahmen sie dem Dieb seine Ehrenabzeichen weg, die Wurstkrone und die Gurkenmedaille, packten ihn links und rechts und schleiften ihn nach oben in eines der Hotelzimmer.

Marie-Sophie tat, wie man ihr befohlen hatte, und wartete darauf, dass der Eigentümer ein Wörtchen mit ihr reden würde.

– Wenn hier irgendwas vorfällt, was auch immer, dann hat das nichts mit uns zu tun. Nichts mit dir jedenfalls, dafür werde ich sorgen.

Das Mädchen schwieg.

– Wir kümmern uns um unsere Leute, das weißt du … Und deshalb wollen wir, dass du dich jetzt um ihn kümmerst!

Der Eigentümer ließ seinen Blick nervös durchs Zimmer schweifen.

– Magst du vielleicht ein Bonbon?

Marie-Sophie seufzte tief: Was machte sie hier eigentlich? Was wollte der Mann von ihr? Diesen Wurstkaiser, diesen Gurkengeneral aufpäppeln, den sie unten in der Küche vorgefunden hatten? Von Krankenpflege hatte sie jedenfalls keine Ahnung. Wenn sie ihn ausgerechnet ihrer Obhut anvertrauten, konnte der Kerl nicht besonders wichtig sein. Und was sollte dieses Gerede davon, dass irgendetwas vorfallen würde?

– Oder machst du dir nichts aus Süßigkeiten? Das wäre natürlich lobenswert …

Der Eigentümer war aufgestanden, er schritt im Kontor auf und ab und blieb immer, wenn jemand in der Empfangshalle auftauchte, wie angewurzelt stehen. Dabei redete er ohne Punkt und Komma über Zuckerkonsum und Zahnpflege und sang ein Loblied auf das Mädchen und ihren Entschluss, dem ganzen Süßkram endgültig abzuschwören.

Marie-Sophie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. Schon oft war sie kurz davor gewesen, mit dem Fuß aufzustampfen und ihm mitzuteilen, dass sie leider nicht einspringen könne, sie habe nämlich ihren freien Tag, und im Übrigen würde sie diesem Kerl lieber gleich den Garaus machen, als sein Lebenslicht vor dem Verlöschen zu bewahren. Auf einmal wurde sie auf einzelne Einrichtungsstücke im Raum aufmerksam; die weinroten Samtvorhänge, der goldglänzende Schreibtisch oder das anstößige Gemälde über dem Bücherregal; alles, was auf die einstige Rolle des Hauses hindeutete, hinderte sie daran, warum auch immer, ihren Gedanken in Worte zu fassen.

Sie hatte verlernt, das lebensnotwendige Nein auszusprechen.

Eine Bewegung an der Kontortür ließ den Eigentümer auf seinen Stuhl zurückfallen, er wischte sich hastig mit einem Taschentuch über die Glatze und rief mit gedämpfter Stimme:

– Ich nehme an, damit hätten wir die wichtigsten Punkte in dieser Angelegenheit besprochen!

Die Inhaberin stolzierte ins Zimmer und warf die Tür hinter sich zu:

– Das darf ja wohl nicht wahr sein! Ich wusste gar nicht, dass wir das mit dem Flüchtling, den wir bei uns verstecken, übers Radio in der ganzen Stadt herumposaunen wollten.

Der Eigentümer hielt seiner Frau die Friedensfahne vor die Nase:

– Wo um alles in der Welt warst du denn so lange, Liebling …?

Die Inhaberin lief vor Zorn dunkelrot an:

– Tsss! Du hast doch keinen blassen Schimmer davon, was es bedeutet, einen ausgewachsenen Mann aus seinen Kleidern zu schälen.

Schließlich ging er zum Angriff über:

– Damals an der Westfront, da mussten wir …

Sie drehte sich zu dem Mädchen um:

– Tja, meine Liebe, zuerst einmal gehört er in die Badewanne …«

* * *

»Der Dieb, der, wie Marie-Sophie inzwischen begriffen hatte, keiner war, sondern ein übel zugerichteter Flüchtling, wartete in Zimmer dreiundzwanzig im ersten Stock des Gasthofs auf seine Krankenpflegerin.

Er saß vollkommen nackt in einem Waschzuber direkt unter dem Fenster, die Gardinen waren zugezogen, aber im Dämmerlicht sah Marie-Sophie das erbärmlichste Menschenwesen, das sie jemals zu Gesicht bekommen hatte: Der Kopf war nach vorne auf die Brust gesackt, die Hände hingen leblos bis auf den Fußboden, die Beine stützten sich gegenseitig an den Knien ab, die geschwollen waren wie zwei verfaulte Granatäpfel.

– Na, wie gefällt dir unser Exemplar?

Die Inhaberin schob Marie-Sophie vor sich her ins Zimmer und schloss hinter sich die Tür:

– Das war kein Kinderspiel, ihn aus seinen Klamotten rauszuwuchten, das kann ich dir sagen, die Unterhose und die Socken waren wie an ihm festgewachsen.

Marie-Sophie versuchte, die Elendsgestalt in der Wanne nicht direkt anzuschauen: Rote Flecken bedeckten Rücken und Arme, der Bauch war aufgebläht wie bei einem Säugling. Er zitterte. Das Mädchen hielt sich die Hand vor den Mund: Was dachte sich die Frau eigentlich? Ihn so splitternackt in diesem leeren Waschzuber sitzen zu lassen? Sie nahm die Tagesdecke vom Bett und legte sie dem Fremden um die Schultern – auf diese Art sah man wenigstens nicht so viel von ihm.

– Damit gehört er dir! Der Junge kommt gleich mit dem Wasser, er setzt es vor der Tür ab und klopft kurz an, hier drinnen hat er nämlich nichts zu suchen!

Die Inhaberin klatschte in die Hände und drehte sich auf dem Absatz um.

Marie-Sophie nickte und zog die Tagesdecke fester um die Jammergestalt: Gott, wie abgemagert er war, die Schulterblätter und die Wirbelsäule ragten aus seinem Rücken wie spitze Flügel oder die Zähne eines Sägeblatts. Sie sah zur Inhaberin hinüber und schüttelte ratlos den Kopf: Wie konnten sie nur auf die Idee kommen, diese lebendige Leiche ausgerechnet ihrer Fürsorge anzuvertrauen?

Die Inhaberin tat, als könne sie mit dem Gesichtsausdruck des Mädchens nichts anfangen:

– Wenn du so weit bist, dann bringst du ihn da vorne hin …

Sie zeigte auf einen hellen Fleck in der Tapete über dem Bett, nicht größer als die Pupille in einem Auge.

– In die Priesterkammer?

– Ich habe das Bett frisch bezogen, und ansonsten müsste alles vorhanden sein, was man braucht. Sollte noch irgendwas fehlen, dann klingelst du …

Die Inhaberin öffnete die Tür und spähte hinaus auf den Korridor, doch als sie Schritte auf der Treppe hörte, zog sie die Tür gleich wieder zu.

Vom Gang drang das monotone Gebrabbel eines alten Mannes: Herr Tomas Hasearsch bat den allmächtigen Herrgott, ihn aus diesem trostlosen Ort zu erretten, wo gottesfürchtige Menschen an ihrem freien Tag um ihre Lebkuchenmänner betrogen wurden. Sie hörten, wie der Alte mit dem Schloss seiner Zimmertür kämpfte; nach einer halben Ewigkeit schien sich die Tür endlich zu öffnen und fiel kurz darauf wieder zu.

Doch die Inhaberin machte keine Anstalten, sich zu verabschieden:

– Wahrscheinlich lauert er mir auf, der elende Schuft, jemand wie er spürt doch genau, was hier vor sich geht, er ist schließlich hier im Haus aufgewachsen. Glaubst du, er hat auch ordentlich hinter sich abgeschlossen?

Der arme Teufel musste niesen.

Marie-Sophie legte die Arme fester um seine Schultern und warf der Inhaberin einen bitterbösen Blick zu: Wenn diese Person durch ihre Gleichgültigkeit zu verstehen geben wollte, sie habe von der Pflege armer Teufel leider keine Ahnung, dann war das angekommen.

Die Inhaberin kniff die Augen zusammen. Sie betrachtete das Paar unter dem Fenster eine Zeitlang, dann stieß sie schnaubend hervor:

– Du bist jung, du glaubst, dass du alles weißt, aber an deiner Stelle würde ich mich ich vor dem da in Acht nehmen. Der ist längst nicht so elend wie er sich gibt – es hat ewig gedauert, bis ich ihm dieses Lumpenbündel da aus den Armen gewunden hatte.

Sie deutete mit dem linken Fuß auf die Hutschachtel, die neben anderen irdischen Habseligkeiten des Fremden auf dem Fußboden lag: ein paar zerlumpte Klamotten und ein Koffer, der nicht gerade geräumig zu sein schien.

Und damit stiefelte die Inhaberin aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.

Das Mädchen Marie-Sophie blieb zurück: In Zimmer dreiundzwanzig. Im ersten Stock des Gasthofs Vrieslander. In der Kleinstadt Kükenstadt. Am Ufer der Elbe. In Niedersachsen. Allein mit einem kaum bekleideten Mann. Noch vor einer Stunde hatte sie ihn mit dem Nudelholz zu Boden schlagen wollen, nun sollte sie ihn gesundpflegen: In der Welt tobte Krieg.«

* * *

»Marie-Sophie krempelte die Ärmel ihrer Bluse hoch, tauchte einen Ellenbogen ins Wasser und goss es in den Waschzuber:

– So, mein Freund, dann wollen wir mal den Waschgang einlegen!

Der arme Teufel fuhr zusammen: Der Laufbursche hatte zwei Eimer Wasser raufgebracht und dann mit allen Mitteln versucht, sich ins Zimmer zu drängen. Eine übelriechende Wolke hing jetzt über dem Waschzuber – die Seife fing an, den verkrusteten Dreck aufzuweichen, der seine Haut wie Mehltau überzog: Die Inhaberin habe es verboten, hatte sie dem Jungen erklärt, Schaulustige hätten hier nichts zu suchen: Die roten Flecken schienen schmerzhaft, als sie mit den Fingerkuppen sanft darüberstrich: Da hatte der Rotzbengel auf einmal protestiert, er wolle sie aber auch sehen: Vorsichtig rieb sie den Seifenschaum aus seinen entzündeten Achselhöhlen: Sehen? Wen oder was denn?

– So, das hätten wir. Meinst du, du kannst aufstehen?

Marie-Sophie packte den armen Schlucker unter den Armen und hievte ihn in die Senkrechte, so war es leichter, ihm Brust und Bauch einzuseifen: Die Kätzchen!

– Na siehst du, es geht doch!

Der arme Teufel stand aufrecht in seinem Zuber, seine Arme hingen schlaff am Körper herunter: Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte: Auf seiner Brust waren lauter kleine Narben, so als hätte jemand einen glühenden Finger dort hineingebohrt: Glaubte der Junge wirklich, sie würde hier, im vornehmsten Zimmer des Gasthofs, einen Wurf Katzenjunge ersäufen?

– Da unten müssen wir dich natürlich auch waschen!

Marie-Sophie fuhr mit der Seife über die Geschlechtsteile des Mannes: Ja, falls sie in den Himmel kommen sollten, wäre es für ihn nur natürlich, dass dies an einem angemessenen Ort zu geschehen hatte: Sie wandte ihren Blick ab und wurde rot: Im Seifenwasser?

– Allmächtiger! Wo bist du gewesen?

Sie zog blitzschnell ihre Hände weg: Ja, er dachte wohl, so ginge es schneller: Das Hinterteil des Ärmsten war durch Kot und Urin derart entzündet, dass unter der eingetrockneten Schmutzkruste eine feuerrote, klaffende Wunde zum Vorschein kam: Die Inhaberin hatte ihm davon erzählt und jetzt wollte er es unbedingt mit eigenen Augen sehen: Sie riss sich zusammen und fuhr mit dem Seifenstück seine Oberschenkel entlang: Würde sie die Kätzchen in einen Sack stecken, oder sie mit bloßen Händen ins Wasser tauchen?

– So, jetzt haben wir’s fast geschafft!