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Im Winter bläst der Nordwind eisig über die Lavafelsen. Es herrscht Dunkelheit, als ob das Ende der Welt naht. Im Sommer sind die Nächte hell wie der Tag, und die Hügel duften am Morgen nach taufeuchtem Gras. Das ist Island um 1636, und dort lebt Jónas, der Gelehrte. Eigentlich will er nur durch die Welt streifen, noch gelehrter werden und Ungeheuer erlegen. Aber sein Wissen verschafft ihm Neider, die ihm das Leben schwer machen und ihn von einem Abenteuer ins andere treiben.
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Seitenzahl: 282
Veröffentlichungsjahr: 2011
Sjón
Roman
Im Winter bläst der Nordwind eisig über die Lavafelsen. Es herrscht Dunkelheit, als ob das Ende der Welt naht. Im Sommer sind die Nächte hell wir der Tag, und die Hügel duften am Morgen nach taufeuchtem Gras. Das ist Island um 1636, und dort lebt Jónas, der Gelehrte. Eigentlich will er nur durch die Welt streifen, noch gelehrter werden und Ungeheuer erlegen. Aber sein Wissen verschafft ihm Neider, die ihm das Leben schwer machen und ihn von einem Abenteuer ins andere treiben.
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Sjón (Sigurjón B. Sigurdsson), geboren 1962, schreibt Gedichte, Songtexte, Romane und Drehbücher. Seine Texte für Lars von Triers Film »Dancer in the Dark« wurden für den Oscar nominiert. Für seinen zuletzt erschienenen Roman »Schattenfuchs« erhielt er den Literaturpreis des Nordischen Rates 2005. Sjón lebt zurzeit in Berlin.
Weitere Titel von Sjón: »Schattenfuchs«
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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Rökkurbýsnir« im Verlag Bjartur, Reykjavík, 2008
© Sjón, 2008
Published by agreement with
Licht & Burr Literary Agency, Denmark
Für die deutsche Ausgabe:
© 2011 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
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ISBN 978-3-10-401300-8
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»Bald waren ihm die [...]
Vorspiel
I. (Tag-und-Nacht-Gleiche, Herbst 1635)
II. (Sommersonnenwende 1636)
Nierenstein
IV. (Wintersonnenwende 1637)
V. (Tag-und-Nacht-Gleiche, Frühjahr 1639)
Coda oder Hinterteil
BEIM VERFASSEN DIESES BUCHES [...]
»Bald waren ihm die Sterne Menschen,
bald die Menschen Sterne,
die Steine Tiere, die Wolken Pflanzen,
er spielte mit den Kräften und Erscheinungen …«
Novalis, Die Lehrlinge zu Sais
ICH KAM VON DER JAGD. In der rechten Hand hielt ich den Kescher, in der linken die Laterne, im Ranzen hatte ich meine Beute verstaut, einen stahlzahnigen Keiler; eine furchterregende Bestie, die lange oben im Nordland herumgestrichen war und dort viel Schaden angerichtet hatte, bevor man ihr auf die Spur gekommen war und mich auf sie angesetzt hatte. Der wilde Eber war nicht der erste Abkömmling des Nordwinds, den ich zur Strecke brachte: der Wolf, der Milchtränen weinte, der einpfotige Wasserhase, der Elchbulle mit dem goldenen Zeugungsglied und die Königin der Pelzforellen –, sie alle hatten Bekanntschaft mit meinem Kescher gemacht –, aber dieser zahnbewehrte Keiler war wahrhaftig das bösartigste Geschöpf, das der Nordwind je aus seinen eisigen Nüstern geschnaubt hatte.
Deshalb hatte ich ihn mitgenommen, anstatt ihn auf dem Schlachtfeld zurückzulassen, wie es die Regeln vorschrieben. Außerdem gedachte ich, den Kadaver meinen Brüdern vor die Füße zu werfen, damit der Vater sähe, welcher seiner Söhne sich am meisten ins Zeug legte, wenn es darum ging, die Ordnung in unserer Welt zu erhalten: die, die niemals den allumfassenden väterlichen Hof verließen und lieber den heimischen Amtsgeschäften nachgingen (ein Ausdruck, mit dem man das höfische Vergnügungsleben zu kaschieren pflegte) – oder ich, der draußen durch die Welt streifte und Ungeheuer erlegte.
Es knirschte hohl unter meinen Füßen, als ich den heimatlichen Gefilden entgegentrottete. Dort erwartete mich am Abend eine festlich gedeckte Tafel, im Palast, der nun in all seiner glänzenden Pracht vor mir lag und sich mit seinen Zinnen und Türmchen ins Weltall verzweigte wie das erste Lallen einer neugeborenen Sonne. Und dort wollte ich mich, zwischen Hauptgang und Nachspeise, erheben, vor meinen Brüdern aufbauen und vor aller Augen den Stahlzahnigen aus dem Ranzen ziehen.
Ich war noch ein gutes Stück entfernt, da spürte ich bereits, dass im Himmelreich nicht alles so war, wie es sein sollte. Kein Wachposten stand am Tor, kein »Ho, wer da?« klang von den Palisaden herab, kein Stimmengewirr aus dem Festsaal, kein heimliches Stelldichein im Hinterhof. Stattdessen vernahm mein geschultes Jägerohr das leise Schaben zitternder Flügel und jenes dumpfe Seufzen, das nicht aus der Kehle herausfindet. Ich warf Kescher, Laterne und Ranzen von mir. Im nächsten Augenblick stand ich vor dem Himmelstor, und schon war ich die Stufen hinaufgejagt und hatte die Tür zum Thronsaal aufgestoßen.
Der Saal glich einem Tollhaus. Die Engel lachten vor Schreck, andere weinten ein dumpfes Lachen, wieder andere lachten und weinten zugleich. Die Ophanim hatten ihre langen Gewänder von sich geworfen, kauerten auf Knien vor dem Thron, die Stirn auf die kalten Stufen gepresst, und ließen die Knute über ihre glühenden Schultern fegen. Meine jüngsten Brüder irrten ziellos wie Kleinkinder im Saal umher und krähten unablässig den Namen ihres Vaters. Die besonders zart Besaiteten standen an Säulen gelehnt oder auf Bänke gestützt, krampften und würgten, bis das Ektoplasma in hohem Bogen aus ihnen herausspritzte und über den azurblauen Himmelsboden schwappte. Über dem ganzen grausigen Schauspiel lag das Heulen der blanken Verzweiflung, das sich bis in die feinsten Daunen der Flugfedern ausbreitete, so dass der Wind mit schrillem Pfeifen hindurchfuhr, wie wenn Kinder auf einem Grashalm blasen; der Laut, der sämtliche Palastmauern erschüttert hatte und mir nun am Eingangstor entgegenschlug – der aufrichtige Klageruf der Engel:
»Er ist tot!«
Die Nachricht traf mich wie ein Schlag, lähmte mich für einen Atemzug bis in die Eingeweide: Das Undenkbare war geschehen! Und gerade wollten meine Knie nachgeben, da witterte ich den Gestank. Was nun um meine Nasenlöcher wehte, war ein Geruch, den ich in den väterlichen Hallen nie zuvor wahrgenommen hatte und der dort bisher streng verpönt gewesen war. Denn die Welten, die Er schuf, mit all ihrem Gewächs und Gewimmel, durften mit Seiner eigenen Welt nicht in Berührung kommen. Ebenso wenig wie Tag und Nacht einander berühren, so sagte Er selbst. Aber der Geruch, der nun die Luft in seinem Palast schwängerte, war der Geruch von Blut und Harn, Kot und Sperma, Rotz und Talg.
Ich sah zu meinem Vater hinüber, der behaglich in seinem Thronsessel lehnte. Seiner Körperhaltung nach zu urteilen war alles in himmlischer Ordnung: Er saß, sein eisgraues Haupt leicht zur Seite geneigt, und betrachtete etwas Kleines in seiner Handfläche. Zu seiner Linken stand mein Bruder Michael und schien der Einzige im Saal, der seine Gefühle unter Kontrolle hatte. Nur ich, der ihn besser kannte als alle anderen, ich erkannte hinter dem Lächeln auf seinen Lippen jenes wohlbekannte Hohngrinsen, das er immer dann aufsetzte, wenn er sich bei unseren Wettspielen geschlagen geben musste. Er nickte leicht in meine Richtung, ohne seinen Blick von dem abzuwenden, was dort in der Hand des Vaters ruhte.
Ja, dort in seiner Hand lagst du, die Knie bis unters Kinn gezogen, und deine Atemzüge waren so schnell und so leicht, dass dein Körper bebte wie eine Stichlingsflosse. Der Vater schob seine Fingerspitze unter dein Rückgrat und neigte vorsichtig die Handfläche: Da strecktest du dich, drehtest dich einmal um dich selbst und kamst auf dem Rücken zu liegen. Ich trat einen Schritt vor, um dich besser betrachten zu können. Du riebst dir mit der geballten Faust die Nase, und nach einem entzückenden kleinen Niesen starrtest du mich an, mit selbstverliebtem Blick, den Mund weit aufgesperrt. Und da wurde mir klar, dieser Mund würde nie genug bekommen, diese Backenzähne würden nie aufhören zu mahlen, und diese Zunge würde ihr Leben lang danach dürsten, sich im Blut anderer Lebewesen zu baden. Dann verzogen sich deine Lippen, und du brachtest dein erstes Wort hervor. Und das Wort war »ICH«. Doch unser Vater unterbrach dich und sprach zu mir in freundlichem, aber bestimmtem Ton:
»Schau her, Luzifer, der Mensch. Nun sollst auch du dich wie alle anderen vor ihm verneigen und ihm deine Ehre erweisen …«
Ich musterte dich noch einmal, und in diesem Augenblick quoll schwarzer, schleimiger Kot unter dir hervor. Blitzschnell griffst du dir zwischen die Hinterbacken und stopftest dir eine Handvoll von dem, was dort zum Vorschein kam, in den Mund.
Wie jeder weiß, fiel ich damals vor diesem neuen Schoßhund meines Vaters nicht auf die Knie. Dafür wurde ich aus dem Himmelreich hinausgeworfen, und mit mir alle, die mir folgen wollten.
Aber dir, Mensch, schenkte ich zum Abschied meine Sicht von dir.
ER IST VON DURCHSCHNITTLICHER GRÖSSE … die Augen eng zusammenstehend, braun und glänzend, die Augenhöhlen bleich … Die Nase recht lang, dick und kräftig und an der Spitze leicht gebogen, von dunkler Farbe, die an der Nasenwurzel heller wird … Der Hals ist kurz, der Körper gedrungen, aber wendig, die Beine kurz und dünn, darüber ein vorgewölbter Brustkorb und ein behäbiger Leib … Dunkelgraubraun ist er auf dem Kopf, zerzaust und struppig vom Nacken bis hinauf zum Scheitel … Er trägt ein steinbraunes, eng anliegendes Gewand, das im Dämmerlicht ins Violette schimmert; darunter helle Söckchen und ein gesprenkeltes Unterkleid … jammert und klagt gern unter seinesgleichen, doch ist wortgewandt bei den Damen … So wird er beschrieben, der Meerstrandläufer, und so beschreibt man auch mich. Und ich kann mir wahrlich Schlimmeres denken als den Vergleich mit dir, kleiner Vogel, schließlich entstammen wir beide derselben Werkstatt und sind aus dem gleichen Holze geschnitzt: Du am vierten Tag, und ich am sechsten … Was, wenn es umgekehrt wäre? Dann hätte ich als einer von euch, ihr Luftreisenden, die Weltbühne betreten, und dich hätte man zur Krone der Schöpfung ernannt … Dann säße ein Vogel hier auf diesem Stein und beobachtete nachdenklich den törichten Kerl, der wie aufgescheucht da draußen in der Brandung herumstakst, weil er befürchtet, das Meer werde, habe es sich einmal vom Land entfernt, nie mehr wieder zurückkehren … Mensch und Vogel, Mensch mit Vogelherz, Vogel mit Menschenhirn, der Vogel mit dem Menschenherz und der Mensch mit dem Vogelverstand … Wir gleichen uns in so vielen Punkten … und warum auch nicht? Unlängst trug ich einen deiner kleinen Brüder in der Hand, von einer Raubmöwe totgebissen, strich mit den Fingerspitzen derselben Hand über seinen toten Körper … und ertastete dort unter dem Brustgefieder zuerst sein Brustbein, dann die Rippen, und dann die weiche Mulde, in der die Nieren sitzen und das Gedärm … Und während ich den Vogel untersuchte, strich ich mit der freien Hand über meinen eigenen, äußerst lebendigen Bauch … Es war während der Hundstage, die Sommerhitze lastete dumpf über Bjarnarey, und meinen Körper zu begutachten fiel mir nicht schwer, denn ich trug nichts außer meiner Haut … Doch das war durchaus erlaubt, denn ich war allein, niemand kam jemals vorbei, der mich so hätte sehen können, niemand außer dem Großen Schmied, und der kennt seinen Werkstoff besser als dieser sich selbst. Und auch hier ließ sich die Handschrift des Schöpfers nicht verleugnen, denn an meinem Körper war alles genau so wie bei den Gefiederten … Doch mag sich unsere Bauweise auch noch so sehr gleichen, unsere Lebensläufe sind so verschieden wie die Handschrift von zwei Schreibern, die aus demselben Buch gelernt haben und ein und denselben Text abschreiben und die sich beide gleichermaßen bemühen, die Handschrift richtig zu entziffern … doch der eine sitzt beim Amtmann in Ögur und der andere auf Hólar. So mag dem sorgfältigen Leser in der Schrift desjenigen, der unter dem Dach des Tyrannen arbeitet, das »d« hässlich abgeknickt erscheinen, während es sich bei seinem Kollegen, dem, der beim Gottesmann sein Brot verdient, elegant geschwungen nach vorne neigt … und doch sind sie beide auf der Flucht vor denselben Bösewichtern … Du, Vogel, bist dieser Buchstabe, dort im Gotteshaus mit Sorgfalt und Geschick zu Papier gebracht, und ich muss mit ansehen, wie mein Bild von meinen Neidern und Gegenspielern durchgestrichen oder aus dem Pergament herausgeschabt wird: Jónas der Gauner, Jónas der falsche Hund, Jónas der eingebildete, verlogene Phantast. Ja, so nennen sie mich in ihren Schmähschriften und Hetzreden, die mir vorauseilen, wohin immer es mich verschlägt … Denn wie schon die Alten in Jerusalem uns lehrten, ist der Grundstoff unserer Welt und ihrer Bewohner das Alphabet auf der Zunge des Herrn, der die Welt in Worte kleidete, in eine Geschichte, so umfangreich, dass nur er selbst sie je zu Ende hören wird. Wir kleinen Erdenwesen hingegen sind schon dankbar, wenn uns die Gnade zufällt, ein paar Wortfetzen der Erzählung zu erhaschen – die nämlich, die uns selbst betreffen … Und dabei gehören die kleinen Geschöpfe wie wir beide, Jónas und der Meerstrandläufer, allenfalls zu den Wörtern der kürzesten Art, solchen, die durch einen einzigen Laut wiedergegeben werden, so wie »oh« oder »ah«. Dies sind Wörter, die jeder versteht, und daher rufen sich die Adamskinder selbst beim Namen: »ich, die gequälte Kreatur«, wenn das Leben ihnen übel mitspielt, wenn sie über die eigenen Füße fallen und sich die Knochen brechen … Doch warum war es gerade das »d«, das mir hier in den Sinn kam, und kein anderer Buchstabe? Wie heißt das »d« am großen Weltenbaum? Ist es das Daleth? Und welchem seiner Zweige mag diese Letter wohl entsprossen sein? Saß dort ebenfalls ein Vogel und zwitscherte dem Morgenlicht entgegen? Oder baumelte dort ein Mann kopfüber in der Schlinge? Hier stehe ich, blind und ohne Buch … Auf den gewaltigsten Gletscherzungen und an den fernsten Meeresstränden stelzt du vor dich hin, pickst mit deinem tangroten Schnabel im grauen Sand und dankst dem Allmächtigen für die kleine Heimstatt, die er dir zuteilwerden ließ. Denn außerhalb des Himmelreichs ist nur wenig Erstrebenswertes, und fast jeder lebende Isländer wünscht sich nichts sehnlicher als ein Dasein von dieser Art; hier bist du geboren, hier legst du deine Vorräte an, und hier wirst du sterben … Doch solange du lebst, Meerstrandläufer, bist du eine Freude für das Auge, und wohin immer dich dein Weg im Jenseits führen mag, wird man sich deiner noch lange und voller Dankbarkeit erinnern … Unsere Freundschaft knüpfte sich vor einem halben Jahrhundert und fünf Jahren, als eine Feder sich aus deinen zerzausten Schwingen löste und über das Küstengebirge und das Sumpfland getragen wurde, die Berghänge im Landesinneren hinaufwehte und schließlich meinem Großvater Hákon Þormóðsson, dem Sohn des Schiffsbauers Salómon, vor die Füße wirbelte … Der nahm den kleinen Jónas oft zum Beerensammeln mit, und immer wenn er es aufgegeben hatte, das Kind davon abzuhalten, sich schon an Ort und Stelle vollzustopfen, fing er an, mir allerlei ersprießliche Verse vorzutragen, allerdings nur, wenn wir zu zweit unterwegs waren … An jenem Tag war die gute Lilja von Bruder Eysteinn an der Reihe, und bald kam auch die Zeile, bei der ich immer lachen musste: der Vers, in dem der Satan den Gekreuzigten heimsucht … Ich war sechs Jahre alt und wusste sehr wohl, dass mein Lachen nicht nur unpassend war, sondern auch sündig … doch kaum erklangen die ersten Worte dieses Heiligengedichts, erwartete ich schon zitternd die Stelle, an der es hieß: »… als er hanget da am Kreuze, und der Teufel nach ihm äugt …«, und meine Angst, mich nicht beherrschen zu können, wurde dadurch, dass ich der Willkür seiner Possen so schutzlos ausgeliefert war, nur noch gesteigert … Selbstverständlich war dies weder der vorzüglichen Erzählung von der Errettung des Menschengeschlechts als solcher anzulasten noch der meisterhaften Verskunst des Klosterbruders, nein, es war allein die Grimasse, die Großvater aufsetzte, sobald seine Lippen sich zu dem Wort »hanget« formten … dann lehnte er sich zurück, verlagerte sein Gewicht auf den linken Fuß, wobei sich seine rechte Schulter nach oben zog und die linke nach unten sackte, während er gleichzeitig seine Augenbrauen hob, um schließlich bei dem Wort »Kreuze« die Lippen nach vorne zu stülpen; und alles vollkommen unwillkürlich, er merkte es nicht mal … genau an dieser Stelle musste ich immer lachen … Dabei erschien mir nichts abwegiger als die Vorstellung, das Phythonantlitz des Satans könnte den Gottessohn auf ähnliche Weise belustigt haben wie mich in diesem Augenblick das Mienenspiel meines Großvaters … Ich wandte mich ab und vergrub mein Gesicht in den Händen, aber das Kichern schlüpfte zwischen meinen Fingern hervor wie eine Schar kreischender Springteufelchen … Hákon blieb stehen, erstarrte und musterte das Kind … inzwischen hatte sich die Feder des Strandläufers auf seiner Schuhspitze niedergelassen …
Da sagte er:
»Mir scheint, mein Junge, du entwickelst ein erstaunliches Gedächtnis …«
Großvater ging in die Hocke, um mich auf selber Augenhöhe anzureden, griff nach der Vogelfeder, drehte sie zwischen den Fingern und steckte sie mir hinter das rechte Ohr:
»Jetzt müssen wir dir nur noch beibringen, wie man ein Buch liest …«
Und während ich lernte, eine Pergamenthandschrift zu entziffern, diente mir diese purpurgraue Feder aus deinem Flügel, Strandläufer, als Lesestab … Doch zugleich markierte diese freundliche Begegnung von Kinderhand und Schreibfeder die feine Grenze zwischen Menschenkind und Vogeltier … Denn obgleich der Federkiel über das Pergament glitt, während ich mich von Wort zu Wort arbeitete, fand doch nichts von aller Gelehrsamkeit den Weg zu dir, sondern landete samt und sonders in meinem kindlichen Gemüt … Ja, bis zu dem Tag, an dem ich mich dem Joch der Weisheit verschrieb, hatten wir beide nur die greifbare Welt wahrgenommen, das, was Wind und Wasser geformt haben … O, hätte ich doch niemals Lesen gelernt! Denn damit begab sich Jónas der Mann auf die lange und entbehrungsvolle Reise durch das Land der Freizügelei, dort, wo die Dämonen der Reformation heilige Kreuze und alte Bücher zerstört und nichts als verbrannte Erde hinterlassen hatten, dort, wo nur noch ein kleiner Strandläufer etwas von Unschuld und seliger Einfalt versteht. … Für dich, gefiedertes Erdengewächs, möge die Gottesmutter immer einen Blick des Wohlgefallens bereit haben, ein Albenstrahl im Ostermorgentau, der auf deinem Federkleid, das dein einfaches Gemüt umhüllt, zu tausend Sonnen zersprüht, oder wie das Mondlicht in der Weihnachtsnacht, das dein schneefahl schimmerndes Brustgefieder zum Leuchten bringt: Daran sollst du immer denken, in der Springflut höchster Begeisterung ebenso wie in der Ebbe tiefster Not …
»Uittt … uiiiittt …«
Vom Meer schallt die Antwort herüber, ein Strandläufer hebt sich von seinem Stein und schwingt sich in die Luft … Mit schnellem Schlag seiner kurzen, kräftigen Schwingen fliegt er hinaus aufs Meer, schlägt einen Bogen und steuert wieder auf die Küste zu … und für einen kurzen Moment, während mein Blick seiner Flugbahn folgt, glaube ich am Horizont den blassblauen Streifen des Festlands zu erkennen … Nein, für gewöhnlich reicht die Sicht von meinem Ausguck hier oben auf meiner Klippe nicht bis dorthin … Nein, und in diese Richtung strecke ich meine Nase auch lieber nicht in den kalten Wind … zu erschütternd der Anblick, zu groß der Schmerz! Denn von dort weht süßester Duft und zugleich fauligste Verwesung … weggejagt haben sie mich, hier hinaus auf dieses Felsenriff, und von hier gibt es keine Wiederkehr … Nun ist dies mein Zuhause … Hier auf diesem fernen Eiland erwartet mich nichts als Folter und Unterdrückung, Schießpulver, Daumenschrauben und übelste Verleumdung … und Giftnattern, bis zu den Lenden hinauf gespalten, so dass es scheint, sie gingen aufrecht auf zwei Beinen …
SCHNEEFLECK. Den kleinsten Vogel auf Erden nennen die Menschen Schneefleck, er misst kaum den dritten Teil eines Meerstrandläufers. Sein Federkleid ist weiß und schwarz gefleckt, und nach ihm sind die Schneereste, die im Winter auf der kahlen Erde zurückbleiben, »Schneeflecken« genannt. In alter Zeit gewannen die Menschen eine Algenart aus dem Meer, sie war vier oder fünf Spannen groß und wurzellos, und aus ihr soll eine kleine Vogelart herausgewachsen sein. Ob dies aber der Schneefleck ist oder ein anderer Vogel, das wissen wir heute nicht.
Vier Sommer ist es her, dass mich die Natternbrüder in die Verbannung geschickt haben und jedem, der sich mir in freundlicher Absicht nähere, dieselbe Strafe androhten. An jenem Schicksalstag hingen die düsteren Wolken der Freizügelei über dem Althing … Ich sah einen Mann sich abwenden, als das Urteil verlesen wurde; es war der wackere Schulrektor Brynjólfur Sveinsson, ein ansehnlicher und vermögender Mann, der dort als Gast beiwohnte, sich aber in aller Demut bereit erklärt hatte, das Amt des entschlafenen Bischofs zu übernehmen, des ehrenwerten und sternenkundigen Oddur Einarsson, Schüler des Astronomen Tycho Brahe im Öresund. Man hatte jedoch das Angebot des Gelehrten Sveinsson, den Gottesacker im Südland zu bebauen, nicht annehmen wollen, ebenso wenig wie man es dem armen Jónas zugestehen wollte, die bodenständigen Alltagsgebrechen seiner Landsleute mit luftigen Pflästerchen zu lindern … Und für einen Moment brach die Sonne durch die Unheilsnebel, die dieses Schurkengericht verdüsterten … als die gedungenen Verräter von Ólafur Petúrsson, dem alten Wolfshund, mich hinterrücks vom Thingfeld jagten, mit Ohrfeigen und äffischem Gekreisch, und der kleine Bruder meines Erzfeindes Ari sich die Gelegenheit nicht entgehen ließ, mir am Eingangstor aufzulauern, um den alten Hyänen gleich noch eine weitere Belustigung zu verschaffen … Dort also wurde ich zu Fall gebracht, und noch bevor ich mich im Schlamm wiederfand, spürte ich eine Hand, sanft strich sie über meine Handeisen, dort wo das Metall am tiefsten ins Fleisch schnitt, und so schritt ich erhobenen Hauptes von der Thingstätte … Dabei warf ich einen raschen Blick über die rechte Schulter, und es entging mir nicht, wie Brynjólfur – denn kein anderer war es, der dort am Torpfosten stand – die rechte Hand rasch im Ärmel seines Gewandes verbarg, und mir entging auch nicht, dass eine andere Hand seinen Unterarm umschloss, milchweiß und von mütterlicher Vollkommenheit: Maria war es, die ihn lenkte und ihm zu dieser Gnadentat an dem bedauernswerten Manne verhalf, dem von Rechts wegen alles verboten und verschlossen war … Wohl dem, der ihr als Werkzeug dienen darf … In der folgenden Nacht schlossen sich alle meine blutenden Wunden, und süßer Lilienduft entströmte ihnen und erfüllte mein Verlies … Jónas ist der Verbannte, der nicht von der Stelle kommt … Uittt-uiiiittt … Ein Strandläufer kann davonfliegen, wenn der Mut ihn verlässt … und was mag es bedeuten, sein pfeifendes uiit, uiiittt? Nichts, gar nichts, zum Glück, er schickt nur einen Gruß … Ein Vogel, der uns solch belanglose Nachricht bringt, dessen Kopf dürfte wohl kaum den Bezoar in sich tragen … uiitt-uiiitt, sein flacher Hirnschädel birgt nichts, was die Begierde des Naturkundlers weckt … vergeblich die Mühe, einen seiner Kameraden zu fangen und zu Asche zu verbrennen, denn so wird man ihn nicht finden, den heilkräftigen Stein, den Stein der Weisen, nicht das Zaubermittel gegen die Ruhr und auch nicht das gegen die Schwermut … nein, in diesem Vogel verbirgt er sich nicht, der Bezoar … Bezoar! Dabei wollte ich heute einmal nicht über den Bezoar grübeln … Bezoar! Bezoar! Bezoar! Eine Auswahl aus den Werken des Doktors Bombastus Paracelsus, aus dem Deutschen ins Isländische gewendet und versehen mit dem Namenszug des alten Schulmeisters auf Skálholt, eine Schrift, die auf verschlungenen Pfaden ihren Weg an den Steingrímsfjörður gefunden hatte und die, wenn ein Unbekannter anklopfte, eilig unter dem Bett des Großvaters versteckt wurde; dies war das Buch, das mir das Lesen lehrte und das erste, das ich auswendig hersagen konnte … Das zweite war das Leben vom guten Bischof Guðmundur Arason … genau in dieser Reihenfolge … und so kam es, wie es kam … So begann mein Leidensweg, von dem niemand ahnen konnte, dass er einmal auf diesem elenden Felsenriff zwischen Vogelmist und tollenden Seehunden sein Ende finden würde … aber ach, welch ein Vergnügen doch, zu lesen! Als die Buchstaben zu ihren Lauten fanden und sich zu Wörtern reihten, die ich aus meinem eigenen Munde oder aus dem anderer kannte, als die Wörter sich zu Geschichten formten und das Wissen der Welt wiedergaben, das meinen Schädel füllte und ihn von innen auskleidete wie die Wände eines Kunstmuseums oder die Lesesäle der Kopenhagener Universität … Orte, die ich freilich nie zu Gesicht bekommen werde … Nein, mein Schicksal ist es, hier zu sitzen und mit diesem Einfaltsvogel, der mir selbst so gleicht, um die Wette zu parlieren … Ja, guter Meerstrandläufer, wir beide machen uns nichts vor, wenn es darum geht, welches Stockwerk im großen Turm der Menschheit uns zugewiesen wurde … Magst du auch deine taufeuchten Schwingen ausbreiten und die weitgereisten Sonnenstrahlen fangen, mag ich auch den Mond umschließen, bis er wie eine Perle zwischen Daumen und Zeigefinger sitzt, so wird es doch keinem von uns beiden je gelingen, solche Glanzmomente festzuhalten … Aber genug davon, genug über dich und genug über mich, sie wollen, dass ich mein Wort an einen anderen richte, einen, dessen Herz so hart ist wie dein Gefieder weich … Doch das werde ich nicht tun … denn wer sich mit steinalten Wiedergängern wie diesem einlässt, kommt selten mit dem Leben davon … schon einmal bin ich nur knapp entronnen, und ich zweifle, ob es mir ein zweites Mal gelänge … Hätte ich mich doch besser zusammengenommen, mein loses Mundwerk verschraubt und versiegelt, anstatt die Schleusen zu öffnen und blind hervorsprudeln zu lassen, was der ewige Quell der Weisheit zutage gefördert hat, all die fruchtlosen Ideen, die das Bücherlesen in meine Hirnwindungen gespült hat und die dort nun vor sich hin gären und brodeln wie in einem vermaledeiten Hexenkessel … aber nein, das konnte ich natürlich nicht … Stattdessen faselte ich unablässig von diesem Bezoar … schon der Name allein so betörend wie der Duft der verbotenen Frucht am Baum der Erkenntnis … und auch ich selbst war wie berauscht von dieser Vorstellung, ein Stein, der jedes menschliche Gebrechen heilen könne und zugleich den tüchtigsten Alchimisten dienlich sei, um das wertlose Blei in edelstes Gold zu verwandeln … Wohin mich mein Weg auch immer führte, wo immer ich mich aufhielt, vergaß ich nie, nach einem Rabenkadaver zu fragen … War nicht jemand zufällig in den letzten Tagen oder Wochen auf einen toten Raben gestoßen? Ja, so hatte es angefangen … Und sobald sich jemand zu erinnern glaubte, so ein Rabenbiest entdeckt zu haben, stürzte ich in wilder Hast dorthin, um es in Augenschein zu nehmen … So hätte man ihn also damals angetroffen, den jungen Jónas, bäuchlings in einer Erdspalte oder waghalsig am Felsen hangelnd: immer auf der Suche nach den verrottenden Überresten des Corvusislandicus … Denn ich glaubte fest daran und tue dies noch immer, dass der Bezoar des isländischen Raben ungleich mächtiger und kraftvoller sein müsse als der seiner Namensvettern in anderen Teilen der Welt; das kommt von seiner Nähe zu Odin, dem bösen Götterkönig, und dessen heidnischem Gefolge, hier oben auf der Nordkappe unseres Erdballs … Ja, neun Jahre war ich jung, als ich mich erstmals auf die Suche nach dem Stein der Steine machte, nun dauert sie schon fünfzig Winter und noch drei dazu, und hat mich meinem Ziel nur wenig näher gebracht … Sieh, da kommt Hákon mit seinem Enkelbuben, und ich möchte wetten, lange hält er den Jungen nicht mehr im Zaum, bis das kleine Dummerchen ihm wieder in den Ohren liegt, wo die verflixte tote Krähe denn nun zu finden sei … und selbst wenn ich nur stumm dabeistand, während Großvater sich unterhielt und mit den Männern beredete, was Männer nun einmal bereden, entgingen mir doch nicht die forschenden Seitenblicke und die kleinen zögernden Pausen, die sie dabei machten … so wollten sie mich wohl aushorchen und zum Fragenstellen verleiten … doch ich schwieg umso beharrlicher, bis ich Großvater zuletzt zaghaft am Ärmel zupfte:
»Darf ich mich nicht ein wenig zu den Frauen setzen, lieber Opa?«
Dort, an den Herdfeuern nämlich, war die Gesellschaft weitaus angemessener für diesen Knirps, der seine Buchstaben aus den Schriften des Doktors Bombastus gelernt und dabei einen so enormen Fundus an praktischem Wissen gesammelt hatte, dass es kaum ein Gebrechen des weiblichen Körpers gab, mit dem er sich nicht bestens auskannte – und das er nicht gleich mit einer entsprechenden Arznei zu kurieren wusste.
Also tauchte ich hinab in die heißen, fettigen Siededünste und gesellte mich zum Weibervolk, um meine Weisheiten anzubringen und mich auch dort nach toten Raben umzuhören … und so brachten mir diese Küchenbesuche allmählich den Ruf eines Heilkundingen ein … »Jónas, unser kleiner Doktor«, rief eine von ihnen etwa, denn so nannten sie mich, »sag mir doch, was diese Beule da zu bedeuten hat, fühl mal, da, dort unten …« Und damit packte das Weib meine Hand, zog sie unter ihre Röcke, legte sie auf ihren Unterleib und strich damit über eine Stelle, wo im Fleisch etwas Hartes zu ertasten war … Ich schloss die Augen und rief mir das Heilkundebuch ins Gedächtnis, bis es direkt vor meiner Nasenwurzel erschien und aufgeschlagen vor mir lag, die linke Seite im linken Augenwinkel und die rechte im rechten … Dann blätterte ich im Geiste die Seiten durch, bis zu dem Kapitel, das von dem gottgeschaffenen Ebenbild des Mannes handelt, Fleisch von seinem Fleische: der Frau – die demnach denselben Naturgesetzen unterworfen sein muss, denn der Mann ist ein Abbild des göttlichen Universums und die Frau ein Abbild von ihm … und an dieser Stelle fand ich auch eine Beschreibung der häufigsten Frauenleiden, die ich sogleich mit dem verglich, was meine Handfläche dort erforschte, unter der Speckschicht jener Dame, die ich kurieren sollte … So las ich also das Buch und zugleich die Frau, bis beides in eins zusammenfloss, dann brauchte ich nur noch das Rezept für die Arzneien nachzuschlagen, die dort auf der Seite genannt waren … Tinkturen, die aufgekocht, Salben, die gerührt und gemischt wurden, manche heiß und manche kalt … Und am Ende jeder meiner Behandlungen sagte ich laut und deutlich:
»Nun wäre es gut, den Bezoar zu haben …«
Und nachdem sich meine Sammlerleidenschaft herumgesprochen hatte, konnte man darauf schwören, dass eines von den Weibsen soeben rein zufällig an so einem verrotteten kleinen Odinsvogel vorbeigekommen war und sich die Mühe gemacht hatte, ihm den Kopf abzudrehen und ihn »für unseren Jónas« unter die Schürze zu stecken … Und wenn seit dem letzten Fund schon einige Zeit vergangen war, konnte ich es, sobald meine Finger den Rabenkopf umschlossen, kaum erwarten … Dann erfand ich blitzschnell einen Vorwand, um mich in aller Hast zu verabschieden, und kaum waren die Häuser des Dorfes außer Sicht, schon hatte ich mein Kochgeschirr hervorgeholt, eilig ein paar dürre Hölzchen zusammengeklaubt, und hielt den Rabenkopf ins Feuer … So nämlich hatte nach Anweisung meines klugen Lehrmeisters die Suche nach dem Stein vor sich zu gehen … Wäre der Vogelkopf erst zu Asche verkohlt, würde auch schon die Schädeldecke brüchig, so dass man sie nur aufzuknacken bräuchte, und drinnen säße ein Exemplar des Bezoar, erwartungsvoll wie ein Küken in seiner Eierschale, sollte das Glück auf meiner Seite sein … Doch das war es niemals … Der Himmel weiß, wie viele Rabenschädel ich Zeit meines Lebens verkohlt und zermalmt habe … Dies war der Lohn für meine heilkundigen Ratschläge an den Koch- und Feuerstellen von Strandir, und die Vereinbarung kam mir sehr zupass, hatte ich doch Großvater den feierlichen Eid schwören müssen, kein Rabe würde je durch meine Hand sein Leben lassen …
Eines Tages jedoch hatten meine Patientinnen plötzlich genug von meinen vorwitzigen Patschhänden, da war ich gerade dreizehn und gerufen worden, um mir ein etwas sonderbares Weibsstück genauer anzusehen … die Frau hatte dort auf Hof Hólmskot die Aufgabe, die Kühe zu segnen, bevor diese morgens auf die Weide getrieben wurden … dies tat sie mit Unterstützung der heiligen Benedicta, und ihre Zusammenarbeit mit jener Himmelsdame war so vorzüglich, dass der Milchertrag auf diesem Hof von jeher als vorbildlich galt … Doch nun wollte sie sich lieber meiner Heilkunst anvertrauen, anstatt sich allzu sehr auf Schutzpatrone und Heilige zu verlassen … diese waren ihr zwar von klein auf wohlvertraut, doch jüngst hatte man sie per Gesetz aus dem isländischen Leben verbannt, so dass sie nur noch bei Tattergreisen und wertlosen alten Weibern etwas galten, wie eben bei jener Hálotta Snæsdóttir, die damals meine fleischlichen Triebe weckte … Ansonsten waren die Behandlungen wie gewohnt verlaufen, eine nach der anderen hatte sich bei mir einen warmen Händedruck samt Benennung ihres Leidens abgeholt, dazu gute Ratschläge und Wünsche zur schnellen Genesung, als schließlich Hálotta an die Reihe kam, die ganz hinten in der Küche gesessen und auf den Stockfisch gestarrt hatte, der dort zum Wässern lag … und kaum hatte ich mich zu ihr gesetzt, schnappte ihre fleckige Greisenkralle nach meiner Jünglingshand und zog sie tief unter ihre Röcke … Nun, etwas anderes war von dem abgewetzten Weiberbalg auch nicht zu erwarten, und die Alte war noch vorzüglich beieinander … Sie bestimmte den Kurs, und ich folgte ihr, in Arzthaltung über sie gebeugt, die Lider geschlossen, das aufgeschlagene Heilkundebuch vor Augen … doch just, als sie meine grapschenden Bubenhände in ihre Grenzen verweisen wollte, da hatten meine Fingerspitzen den Rand des mons pubis erreicht … und so machte ich Bekanntschaft mit dem, was die Frauen untereinander, das hatte ich gehört, ihre »Ratte« nannten, und auch die Anatomie des Tierchens war mir aus den Zeichnungen in den Heilkundebüchern aus Hólar durchaus vertraut … aber jetzt, als meine Finger sich so unvermittelt am Gartentor der alten Hálotta fanden, da unterlief es mir, dass ich ersteifte … ein winziger, unbeherrschter Augenblick, genug jedoch, dass er Hálotta nicht entging, denn schließlich waren wir gemeinsam dort in diesem Frauenkörper unterwegs … Und wie um die missliche Lage zu bekräftigen, in die ich mich da gebracht hatte, tat sie, als wolle sie mit meiner Hand noch ein Stückchen weiterreisen, doch nun wehrte ich mich mit aller Kraft … da riss sie meine Hand aus ihren Untergewändern und kreischte:
»Wenn er noch einmal wagt, mir unter den Rock zu gehen, dieser … – dann … muss er mich heiraten!«
Und so versank die Unschuld meiner Jugend in Spott und allgemeinem Hohngelächter … vorbei die Zeit des Handauflegens, nun musste ich neue Wege finden, damit das Weibervolk, das nie versäumte, dem jungen Forscher einen toten Raben zuzustecken, mich weiterhin willkommen hieß …
MONDKRAUT
