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BJÖRK »Niemand verbindet Herz und Verstand poetischer als SJÓN.« Island 1918: Die Spanische Grippe versehrt das Land, Vulkan Katla verdunkelt den Himmel und Island erhält endlich seine Unabhängigkeit. Zeiten des Aufruhrs und Aufbruchs. Mittendrin Máni Steinn: ohne Eltern, ohne Arbeit und zu allem Übel kann er weder lesen noch schreiben. Schlechte Voraussetzungen für einen jungen Mann in dieser Zeit. Aber Máni liebt das Kino und findet Rettung bei den Stummfilmen – und bei der schönen Sóla. Auf ihrem Motorrad entführt sie ihn aus der Dunkelheit und zeigt ihm, dass sich der Kampf lohnt, wenn man sich treu bleibt. In einer lyrischen, bildgewaltigen Sprache verwebt Sjón Historisches mit Phantastischem. Auch sein neuer Roman ist Weltliteratur.
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Seitenzahl: 95
Veröffentlichungsjahr: 2015
Sjón
Roman
»Von Beginn an habe ich alles gelesen«, sagt der 1962 in Reykjavík geborene Sjón. Mit 16 veröffentlicht er seinen ersten Gedichtband. Es folgen Romane, Songtexte und Drehbücher. Seine Texte für Lars von Triers »Dancer in the Dark« wurden für den Oscar nominiert. Für »Schattenfuchs« erhielt er 2005 den Literaturpreis des Nordischen Rates. Zuletzt erschien sein Roman »Das Gleißen der Nacht«. »Der Junge, den es nicht gab« wurde mit dem Isländischen Literaturpreis 2013 ausgezeichnet.
Wir danken für die freundliche Unterstützung der Übersetzung durch Icelandic Literature Center
Erschienen bei FISCHER E-Book
Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel
›Mánasteinn. Drengurinn sem aldrei var til‹
bei JPV útgáfa, Reykjávik
© Sjón 2013
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015
Covergestaltung: hißmann, heilmann, hamburg
Umschlagabbildung: Simone Kappeler, Weisser Pfau, 2.4.2012
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-403173-6
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Motto
I (12.–13. Oktober 1918)
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
II (19.–20. Oktober 1918)
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
III (31. Oktober – 1. November 1918)
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
IV (5.–6. November 1918)
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
V (6.–11. November 1918)
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
VI (11.–17. November 1918)
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
VII (25.–26. November 1918)
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
VIII (30. November – 1. Dezember 1918)
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
IX (5.–6. Dezember 1918)
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
X (9. Juli 1929)
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
Ein besonderer Dank an [...]
In deinen Schatten schlüpfen im Schutze der Nacht,
Deinen Schritten folgen, deinem Schatten am Fenster,
Dieser Schatten am Fenster bist du, ist keine andere, bist du.
Öffne nicht dieses Fenster, hinter dessen Gardinen du dich bewegst.
Schließe die Augen.
Mit meinen Lippen möchte ich sie schließen.
Doch das Fenster geht auf, und der Wind, der seltsam
die Flamme schwanken läßt und die Fahne, umgibt meine Flucht mit seinem Mantel.
Das Fenster geht auf: Du bist es nicht.
Ich wußte es wohl.
Robert Desnos[1]
Der Oktoberabend ist still und kühl. Aus der Ferne dringt das Knattern eines Motorrads. Der Junge legt den Kopf schief, versucht, das Geräusch einzuordnen. Er hält still, schätzt die Entfernung, lauscht, ob die Maschine sich nähert oder entfernt, ob sie in der Ebene unterwegs ist, in den Hügeln oder im Moor oder ob sie stadtauswärts den steilen Geröllweg hinaufkriecht.
Der Mann gibt ein leises Stöhnen von sich, er steht dicht vor dem knienden Jungen. Mit dem Rücken gegen die Felswand ist er wie mit seinem eigenen Schatten verschmolzen, wie am Berg festgewachsen. Der Mann stöhnt wieder, lauter und fordernder, stößt sein Becken vor und zurück, dringt mit seinem aufgerichteten Glied tief in den Mund des Jungen.
Der Junge atmet durch die Nase aus. Saugt den Penis fester ein und nimmt mit dem Kopf die rhythmischen Stöße wieder auf. Doch jetzt sind sie langsamer als vorher, leiser, die Eichel stößt gegen seinen Gaumen, während er seine Zunge kreisen lässt, einmal ganz herum. Auf diese Art kann er zwei Dinge gleichzeitig tun: Den Mann befriedigen und zugleich die Ohren spitzen. Er ist gut darin, die verschiedenen Marken an ihrem Geräusch zu erkennen. Gewiss, viel Auswahl gibt es hierzulande nicht, doch die Leute frisieren ihre Maschinen ganz ungeniert, um das Äußerste aus ihnen herauszuholen. Die hier zum Beispiel könnte eine Indian sein, das Schlagen des Motors klingt heller als bei einer Harley-Davidson.
Er schließt die Augen. Ja, das ist er, der »Indianer«, aber nicht irgendein beliebiger. Nicht umsonst hat er die Geräusche lange und gründlich studiert, um dieses eine unter allen anderen herauszuhören. Und jetzt ist er sicher, dass die Maschine näher kommt und sich eine Steigung hinaufarbeitet. Es dauert nicht lange, bis das Dröhnen den höchsten Punkt der Anhöhe erreicht, dort, wo der Berg nach Osten hin abfällt, und direkt darunter er selbst, auf Knien, den »Kunden« tief in seinem Rachen.
Der Mann stemmt sich gegen die Kopfbewegungen des Jungen, ein Zeichen, dass er allmählich zum Ende kommt. Der Junge nimmt den Penis des Mannes in die Hand, lutscht und beginnt gleichzeitig zu reiben, im Takt mit dem Knattern des Motors, wird schneller und heftiger, sobald die Maschine beschleunigt und der Motor aufheult. Das verfehlt nicht die beabsichtigte Wirkung. Der Mann presst sich dichter an die Felswand, murmelt undeutliche Worte hinter zusammengebissenen Zähnen, trennt sich mühsam von den Phantasien, die er in seinem Kopf inszeniert.
Durch das anschwellende Motorengeheul und die Bewegungen von Kopf und Hand wird auch der Junge erregt. Und obwohl er sich vorgenommen hatte, es heute Abend ruhig anzugehen, kann er nicht widerstehen, er steckt seine freie Hand in die Hosentasche und befriedigt sich, während er mit der anderen dem Mann seine Dienste erweist.
Von der Anhöhe dringt jetzt ein höllischer Lärm. Der Mann stöhnt lauter, versucht, gegen das Dröhnen anzukommen.
»Sie wird doch nicht da hinunter …?«
Die Frage hämmert im Kopf des Jungen. Aber jetzt ist nicht die Zeit, nach einer Antwort zu suchen, denn nun wird der Penis in seinem Mund wieder hart. Er schließt die Finger fester, duckt sich unter der Hand des Mannes, der jetzt nach seinem Nacken tastet, ihn noch dichter an sich ziehen will. Dann lockert der Junge seinen Griff, und der weiße Strahl ergießt sich in hohem Bogen über das welke Laub eines Grauweidenschösslings, der dort auf den nächsten Frühling wartet.
Knapp vor der Felskante vollführt das Motorrad eine Vollbremsung. Erde und feines Geröll regnen auf den Jungen und den Mann nieder. Mit einem unterdrückten Schrei löst sich der Mann und mit ihm sein Schatten von der Felswand. Er knöpft sich mit zitternden Händen die Hose zu, während er nach einem Fluchtweg Ausschau hält. Der Junge richtet sich auf und tritt ihm in den Weg. Er überragt den »Kunden« um einen Kopf. Der Mann wirft ihm einen zerknüllten Geldschein zu und hastet wortlos davon in Richtung Stadt. Grinsend streicht der Junge den Schein glatt, zwei sind es, stolze fünfzehn Kronen.
Oben auf dem Felsen verstummt der Motor des »Indianers«.
Stille senkt sich herab.
Sie erscheint auf dem Felsvorsprung wie eine Göttin, dem tiefsten Meeresgrund entstiegen, ihre Silhouette schwarz vor dem lodernden Himmel, erleuchtet vom rotglühenden Krater der Katla. Ein Mädchen wie kein anderes, in schwarzer Ledermontur, die genau das hervorhebt, was sie verhüllen soll, dazu schwarze Handschuhe, auf dem Kopf ein hoch gewölbter Helm, darunter eine Schutzbrille und ein schwarzer Wollschal vor Mund und Nase.
Das Mädchen nimmt das Tuch vom Gesicht, schiebt die Brille auf den Helm. Ihre Lippen sind rot wie Blut, die Augen von schwarzem Lidstrich umrandet, der ihre gepuderte Haut weißer als weiß erscheinen lässt.
Sólborg Guðbjörnsdóttir, Sóla Guðb-.
Der Junge flüstert:
»Ich hab’s gewusst!«
Und dann murmelt er den Namen ihrer Doppelgängerin:
»Musidora …«
Gut ein Jahr ist vergangen, seit er dieses Mädchen entdeckte. Es war, als habe man ihm für einen winzigen Moment einen Röntgenblick verliehen, um sie so zu sehen, wie sie wirklich ist.
Auf einmal wusste er, wie sie hieß, wo sie wohnte, mit wem sie sich traf und mit wem sie verwandt war – die beiden sind etwa im selben Alter, und in einer Stadt von gerade fünfzehntausend Einwohnern lässt es sich nicht vermeiden, dass Gleichaltrige voneinander wissen. Aber all das war unerreichbar und spielte sich in vornehmeren Kreisen ab als denen, in denen er selbst zu Hause war. Und so hatte er ihr zunächst nicht mehr Beachtung geschenkt als allen anderen von ihrer Sorte.
Seine Entdeckung ereignete sich während der Samstagabend-Vorstellung von Die Vampire im alten Kinosaal des Gamla Bíó. Der Junge saß auf seinem angestammten Platz und ärgerte sich über ein paar junge Leute seines Alters, die sich unter viel Getuschel und Gekicher vor ihm in den teureren Sitzreihen breitmachten. Doch als er sie gerade ermahnen wollte, doch keinen solchen Lärm zu machen, schließlich seien die Leute hier, um sich von dem Film unterhalten zu lassen und nicht vom Geturtel verwöhnter Bürgerkinder, da hörte er eins der Mädchen sagen, sie habe wirklich keine Lust, anderen ihren Kinoabend zu verderben.
Und als das Mädchen aufstand, um zu gehen, geschah es. Ihr Schatten fiel auf die Kinoleinwand, und in diesem Moment wurden sie eins, sie und die Figur dort im Film. Sie drehte sich noch einmal um, und der Lichtstrahl des Projektors zeichnete die Züge Musidoras auf ihr Gesicht.
Der Junge erstarrte in seinem Kinosessel. Sie glichen sich aufs Haar.
Da hört der Junge oben auf dem Felsen jemanden rufen:
»Máni Steinn Karlsson, ich weiß, dass du da unten bist!«
Er duckt sich tiefer in das knorrige Gesträuch.
Das Mädchen zieht ein rotes Tuch aus ihrer Lederkluft, wirft es über die Felskante und schaut zu, wie es langsam zu Boden segelt. Sie zögert. Doch als klar wird, dass der Junge nicht herauskommen wird, lacht sie laut auf und dreht sich auf dem Absatz um.
Nun wird der Motor angelassen, und die Maschine stiebt davon.
Der Junge kriecht aus seinem Versteck. Er hebt das Tuch vom Boden auf, hält es dicht vor Mund und Nase. In dem seidenweichen Stoff hängt noch die Wärme ihres Körpers und ein zarter, weiblicher Duft.
»O, Sóla Guðb- …«
Der Junge durchquert das Moor, auf dem Weg nach Hause. Als er sich der Stadt nähert, schlägt er einen Bogen, westlich um den Skólavörðuhæð herum und dann die Njarðargata hinauf, damit niemand, der ihn sieht, seine Schlüsse ziehen kann, wo er gerade herkommt.
Am oberen Ende der Straße, an der Nordseite des Einar-Jónsson-Museums, bleibt er stehen und späht vorsichtig um die Hausecke. Es ist weit nach Mitternacht, doch hier oben stehen noch immer eine Menge Leute zusammen, um den Ausbruch der Katla zu verfolgen: Saufbrüder, mit Fernrohr ausgerüstete Studenten, Polizisten und Reporter, drei Frauen, Dichter mit ihren Schnapsfläschchen, Tagelöhner, Straßenkinder wie er selbst.
