Concorde - Wo der Himmel endet - Ira Habermeyer - E-Book

Concorde - Wo der Himmel endet E-Book

Ira Habermeyer

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Beschreibung

Am Horizont wartet eine neue Hoffnung – eine zweite Chance für Konstanze und den Piloten Anthony? Begib dich noch einmal an Bord der legendären Concorde und lasse dich entführen auf eine inspirierende Reise in eine vergangene Epoche. Konstanze hat erreicht, wovon viele träumen: Als Chefstewardess auf der Concorde pendelt sie zwischen London, New York und Barbados und begrüßt VIPs und Royals an Bord. Doch die Krisen der späten 1970er Jahre werfen ihre Schatten auf eine Welt im Wandel. Auf ihrem Weg begegnen ihr Versuchungen und Herausforderungen – ebenso wie Anthony. Während eines Fluges unterbreitet ihr der amerikanische Tycoon Everett J. Hunter ein verlockendes Angebot: Soll sie für seine neu gegründete Airline arbeiten oder in Großbritannien bleiben, das von Arbeitslosigkeit und Streiks erschüttert wird? Anthony bildet unterdessen die nächste Generation von Concorde-Piloten aus und wird für seine Verdienste sogar von der Queen geehrt. Doch damit lässt sich sein Verlust nicht ersetzen. Haben Konstanze und Anthony noch eine Chance – und können sie zueinanderfinden?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Concorde

Wo der Himmel endet

Ira Habermeyer

Concorde: Wo der Himmel endet

Ira Habermeyer, 2025

Coverdesign: Tinas Schreibhimmel, Bettina Sprenzel, www.tina-sprenzel.de

Ira Habermeyer, Moltkestr. 2a, 85356 Freising

Blog/Website: https://irahabermeyer.com

Die Autorin ist auf Instagram, Mastodon sowie auf TikTok

Willkommen an Bord

Es freut uns, Sie nochmals im Namen von Captain Carter Fulton und seiner Crew auf der Concorde begrüßen zu dürfen. Unsere Reise beginnt auf Barbados, wo royale Gäste einsteigen und führt uns weiter über London und schließlich nach New York. Dort werden wir einen Zwischenstopp einlegen, damit Sie seinen Groove der späten 1970er Jahre erleben können. Genießen Sie die Aussicht aus einem der Wolkenkratzer auf die Skyline Manhattans.

Auch diesmal möchten wir Sie darauf hinweisen, dass Sie kein historischer Frauenroman im klassischen Sinne erwartet. Darum bitten wir Sie, während des Fluges angeschnallt zu bleiben und im Ernstfall Ruhe zu bewahren. Die Turbulenzen, in die wir zum Ende von Teil 1, vom Himmel berührt geraten sind, dauern noch an.

Vorsorglich weisen wir Sie auf die Darstellung expliziter Szenen, Rauchen, Alkoholkonsum, Drogenkonsum und Terrorismus (Nordirlandkonflikt) hin. Unsere Crewmitglieder sind Kinder ihrer Zeit und denken, handeln und sprechen als solche. Da Concorde und ihre Protagonist*innen ein möglichst realistisches Bild der 1970er und 1980er Jahre wiedergeben sollen, kann von ihnen nicht der Wissensstand des 21. Jahrhunderts erwartet werden. Ebenso wenig können hohe moralische Erwartungen an die Figuren dieses Romans gestellt werden.

Sämtliche Texte, sowie das Cover des Buches sind urheberrechtlich geschützt. Ähnlichkeiten mit Romanfiguren und real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt, bis auf die historischen Persönlichkeiten. Bei einem Roman handelt es sich allerdings auch um ein fiktionales Werk.

Nun wünschen wir Ihnen einen angenehmen und kurzweiligen Flug. Stellen Sie Ihre Sitze in eine bequeme Position, bis wir gelandet sind.

Königinnen

1. Sorry I’m a Lady

Barbados, November 1977

Bereit, als Nächstes zu den Sternen abzuheben stand sie auf dem Rollfeld. Ihr weißer Lack schillerte in der Sonne und auf ihrem Heckruder prangte auf rotem Hintergrund der Union Jack.

Der ferne Duft von Kokos und Frangipaniblumen umwehte Konstanze, als sie im Gefolge der Piloten und ihrer Crewkollegen auf die Concorde zuschritt. Heute würde die Königin der Lüfte Englands Königin nach London zurückbringen, die zu ihrem silbernen Thronjubiläum Kanada und die Karibik besucht hatte.

Eingeschlossen in die Hülle ihres Kummers lief Konstanze am Rand des roten Teppichs entlang zur Passagiertreppe. Von den Menschen, die sich auf dem Dach des Flughafengebäudes scharten und einen Blick auf Elizabeth II erhaschen wollten, nahm sie nur flüchtig Notiz. Voller Ingrimm sah Konstanze zu, wie Marjorie hinter dem Captain die Stufen zur Concorde erklomm. Dass Konstanze ausgerechnet mit dieser Frau, an der Anthony anscheinend immer noch Gefallen fand, auf diesen Flug eingeteilt war, grenzte an Ironie.

Einige Tage zuvor hatte das Schellen des Telefons Konstanze aus ihrer Lethargie gerissen. Tony – ein Hoffnungsschimmer war an ihrem düsteren Horizont aufgeflackert und sie hatte den Teller zurück ins Spülbecken gleiten lassen. Schneller als ihr Herzschlag war sie in die Diele ihrer Wohnung gestürmt und hatte sich erwartungsvoll gemeldet.

»Constance, Sie sind meine letzte Hoffnung«, platzte Edward Faraday heraus, kaum, dass Konstanze den Hörer abgenommen hatte. »Können Sie morgen für ein paar Tage nach Barbados fliegen?«

Perplex sagte sie zu. Barbados schien ihr wie eine Fluchtmöglichkeit aus ihrem vorgesehenen Einsatzplan für diesen Monat. Obwohl sie sich danach sehnte, Anthony wieder so nahe zu sein wie vor dem Streit, wollte sie gleichzeitig vermeiden, mit ihm zu fliegen. Zu tief saß in ihr die Demütigung des letzten Flugs nach New York. Wie sehr sie sich gewünscht hatte, er würde sie auf einen Spaziergang durch den Central Park einladen und sich mit ihr aussprechen. Doch er hatte nicht an ihrer Zimmertür geklopft. Abends hatte sie sich an der Bar neben ihn gesetzt. Er war zwar geblieben, doch seine Distanziertheit hatte sie innerlich erfrieren lassen. Zugleich hatte sie vor Wut gekocht. Wieder hatte sie in ihrem Zimmer gewartet und betrübt festgestellt, dass sie Gewohnheiten als zu selbstverständlich betrachtet hatte. Ihre Traurigkeit hatte sich in ihrer Kehle festgesetzt wie ein zäher Klumpen, als sie sich herausgewagt hatte. Sie war den halben Flur entlang zu Anthonys Tür geschlichen. Mit jedem Schritt hatte sich ihr Herz zusammengeballt und ihr Atem war flach und keuchend gegangen. Sie hatte ihre Hand angehoben, um leise gegen das Holz zu trommeln, aber ihr Mut war in sich zusammengesunken wie eine leere Ballonhülle. Niedergeschlagen war sie in ihr Hotelzimmer zurückgekehrt und hatte sich in den Schlaf geweint.

Nie wieder, hatte sich Konstanze geschworen, würde sie sich derart abweisen lassen. Darum tauschte sie unter der Concorde-Crew die Flüge weg, von denen, auf welchen Captain Anthony Carter Fulton der erste Offizier war. Trotzdem würde sie ihn nicht einfach aufgeben.

»Warum ich Sie bitte, Constance, hat einen wichtigen Grund«, fuhr Faraday am anderen Ende der Leitung fort. »Unsere Königin fliegt von ihrer Karibikreise mit der Conc zurück nach England. Leider ist ausgerechnet für diesen ... Einsatz eine der Stewardessen ausgefallen, weil sie erkrankt ist.«

Damit, dass sie Elizabeth II bedienen würde, hatte Konstanze am allerwenigsten gerechnet. Faradays Bitte überraschte sie, als würde ihr jemand einen Schwall kaltes Wasser ins Gesicht schütten.

»Constance, sind Sie noch dran?«

»Ja, Edward«, antwortete sie. »Ich bin nur ...«

»Betrachten Sie es als eine besondere Ehre für eine nicht-britische Staatsbürgerin«, entgegnete Faraday, dabei hörte sie das Lachen aus seiner Stimme. »Als sie bei uns angefangen haben, hätten Sie es sich wohl nie erträumen lassen, jemals die Queen an Bord willkommen zu heißen.«

Wenn Konstanze ehrlich war, hatte sie auch nie darauf spekuliert. Plötzlich entkam ihr ein Kichern, als sie an ihre Mutter in München dachte. Die würde glatt ausrasten, erzählte sie ihr davon.

»Ich höre, Sie freuen sich. Wunderbar, Constance«, bemerkte Faraday amüsiert. »Packen Sie schon mal Ihren Bikini für den Stopover ein, anders als hier scheint auf Barbados die Sonne.«

Mit der Freude war es bald vorbei gewesen. Marjorie war ebenso ausgewählt worden wie sie. Das Paradies mit im Wind wogenden Palmen, sanften Passatwinden, blauem Himmel und einem warmen Meer hatte sich als der leerste Ort auf Erden erwiesen. Ohne Luft, ohne Schall und ohne Anthony. Konstanze war auf Distanz zu Marjorie geblieben, hatte einsilbig auf deren Fragen geantwortet und sich alleine an den Strand zurückgezogen. Dabei keimten längst Zweifel an den Gerüchten in ihr auf.

Am Fuß der Treppe hielt Konstanze inne. Die Brise, die über das Vorfeld strich, Fetzen von Marschmusik zu ihr wehte und die Flaggen auf dem Terminalgebäude bauschte, linderte die Schwüle kaum. Unangenehm klebten die hellblaue Bluse und die Uniformjacke an Konstanzes Körper und die schwarze Strumpfhose staute die Hitze. Am liebsten hätte sie ihre Beine von dem hermetischen Nylongemisch befreit aber das ließ die strenge Kleiderordnung nicht zu. Als Chefstewardess, die vor jedem Flug Make-up und Fingernägel ihrer Crew kontrollierte und prüfend die Uniformen auf etwaige Flecken oder Schweißgeruch untersuchte, sollte sie die Regeln kennen.

Bevor Konstanze die Kabine der Concorde betrat, presste sie ihren Hut fest auf den Kopf und duckte sich. Der Eingang war so niedrig, dass man aufpassen musste, sich nicht anzustoßen. Erfrischend fächelte ihr die klimatisierte Luft entgegen, vermischt mit dem Eigengeruch des Flugzeugs. Ihr Blick fiel auf den Arbeitstisch, für den die ersten Sitzreihen ausgebaut worden waren. Während sie reiste, wollte die Königin ihre Korrespondenz lesen und bearbeiten. Behutsam, damit sie ihre Frisur nicht ruinierte, nahm Konstanze den Hut herunter und zwängte sich in den Halbkreis, den die anderen Crewkollegen um Marjorie bildeten. Sie ging die Checkliste durch.

Kein Wunder, was Tony an ihr findet, dachte Konstanze bedrückt, als sie sie musterte. Haare, die wie die Spätsommersonne leuchten und Augen so grün wie das Moos, das den Waldboden bedeckt. Und dazu diese filigrane Figur ... In sich hineinseufzend presste Konstanze die Lippen zusammen.

»Konstanze, du bist für den hinteren Teil der Kabine zuständig, hilfst mir aber beim Service an Ihrer Majestät«, überfiel sie Marjorie gleich, wedelte mit der Checkliste hin und her und bedachte mit einem kühlen Blick. »Gehen wir nochmals das Protokoll durch. Königin Elizabeth und Prinz Philip werden in ...« Marjorie schob die Manschette ihrer Bluse zurück und linste auf ihre Armbanduhr, »... einer halben Stunde an Bord erwartet. Wir begrüßen sie gebührend. Anschließend führe ich mit Gladys die Sicherheitsanweisungen durch. Ihre Majestät würde es zu schätzen wissen, wenn wir ihr eine Schale Minzbonbons sowie einen Martini vor dem Essen reichen. Ansonsten wünscht sie während des Fluges nicht gestört zu werden.« Nachdrücklich blickte sie in die Runde, dann klatschte sie in die Hände. »Let’s go, jeder weiß, was er zu tun hat.«

Während sie vorwärts durch den Gang schwänzelte, verstaute Konstanze ihren Hut in der Garderobe. Sie tauschte die Pumps mit den höheren Absätzen gegen das flachere Paar für die Kabine. Sorgfältig kontrollierte sie mit Dennis die Bestände an Softdrinks, Champagner, Weinen sowie Hochprozentigem.

»Im Gefrierfach ist Eis zur Genüge vorhanden«, murmelte sie vieldeutig und schielte um die Ecke.

Gedämpft durch den Teppichboden vernahm sie zielstrebige Schritte. Der Captain lief den schmalen Gang entlang und deutete ein Nicken an. Er kontrollierte persönlich, ob die Gurte ordentlich auf den Sitzflächen gekreuzt waren und alles blitzsauber aussah.

Als er die Reihen inspiziert hatte, lief Konstanze hinter ihm her und spähte wie ein Luchs auf den Boden. Wo Marjorie zuvor gestanden hatte, schimmerte eine metallene Haarnadel. Sie war ihr wohl aus ihrer Hochsteckfrisur gerutscht. Konstanze sank in die Hocke und las die Klammer auf.

»Crew auf Position, die Königin ist angekommen«, rief Marjorie.

Hastig schob Konstanze die Haarklammer in ihre Rocktasche und eilte nach vorne. Ein leichter Anflug von Aufregung erfasste sie, aber sie fühlte sich merkwürdig abgestumpft. Anders als Gladys, Dennis oder gar Marjorie, die ihre Nervosität verbargen, während ein seltsamer Ausdruck ihre Gesichter verklärte. Konstanze richtete ihr Halstuch und zupfte am Kragen ihrer Bluse, der das Revers ihrer Jacke überlagerte. Sie faltete die Hände vor dem Schoß und straffte ihre Schultern. Durch die Tür erhaschte sie einen Blick auf das Vorfeld.

Neben dem Teppich parkte ein weißer Rolls Royce. Ihnen die Rücken zugekehrt verabschiedeten sich die Königin und Prinz Philip vom Botschafter und dessen Frau. Elizabeth trug ein kurzärmeliges kariertes Kleid, dazu einen duftigen Hut.

Konstanze neigte den Kopf, als die Royals die Treppe emporschritten. Sie wollte nicht wie eine Schaulustige wirken. Doch die Queen verblieb auf der Plattform und zeigte sich nochmals ihren Untertanen. Lächelnd trat sie ein, Philip an ihrer Seite. Wie sie es in ihrer Ausbildung gelernt hatte, machte Konstanze einen tadellosen Hofknicks. Elizabeth nahm sich die Zeit, jeden zu begrüßen.

»Eure Majestät, im Namen meiner Crew heiße ich Euch auf der Concorde willkommen«, begrüßte der Captain die Königin. »Darf ich Euch das Cockpit zeigen, Ma‘am?«

Ein Fotograf, der zur Entourage gehörte, schoss ein paar Fotos und folgte ihm und der Queen in die enge, mit Instrumenten vollgepfropfte Kanzel. Ihre hohe Stimme schwebte zu Konstanze, als sie interessiert ihre Fragen stellte.

Einmal hatte Konstanze sie aus der Ferne gesehen. Auf der Farnborough Air Show hatte Elizabeth die Concorde besichtigt. Sieben Jahre lag dieser Tag im September 1970 zurück und die Erinnerungen hüllten Konstanze ein. Damals war die Concorde noch das Flugzeug der Zukunft gewesen, das zahlreiche Testflüge und eine Welttournee absolvieren sollte, bis es ein neues Zeitalter eroberte. Auch die erste Begegnung mit Anthony lag so lange zurück. Mit einer vorlauten Bemerkung hatte er alles andere als einen guten Eindruck bei ihr hinterlassen. Wie hatte sie sich über diesen eingebildeten Schnösel geärgert, der für die British Overseas geflogen war? Jahre später, als die Concorde feierlich zu ihrem ersten Passagierflug abgehoben hatte, war Konstanze ihm erneut begegnet. Charmant, schneidig und mit diesem strahlenden Lächeln war er auf sie zugekommen und hatte an jenem kalten Januartag das Eis gebrochen. Auf ihrer ersten Reise nach Manama war er der Captain gewesen und beide hatten festgestellt, dass sie sich prächtig verstanden; und füreinander entbrannt waren. Welche Liebe war es zwischen ihr und Anthony, so frei, so stark und so unvergleichlich, wie sie sich nie mehr ereignen würde? Nur die Menschen hatten ihnen Neid und Missgunst entgegengebracht und sie zerstört. Wenn Konstanze länger darüber nachgrübelte, würde sie nur wieder traurig werden. Und wütend.

Abwesend verirrte sich ihr Blick von der Deckenverkleidung zur Queen, die sichtlich beeindruckt aus dem Cockpit herauskam und landete bei ihrem Fotografen. Mechanisch lächelte Konstanze zurück.

Als sie Marjorie dabei beobachtete, wie sie den Royals ihre Sitze zuwies, kam sie ihr vor wie eine Hofdame in einem Historienfilm. Anscheinend hatte sie ihre Rolle einstudiert.

»Bitte, Sir, nehmen Sie Platz«, kümmerte sich Konstanze um die Mitreisenden des königlichen Hofstaats. »Die Menükarte finden Sie vor sich. Zögern Sie bitte nicht, uns anzusprechen, falls Sie etwas benötigen.«

Ein letztes Mal überprüfte sie, ob die Sitzlehnen aufrecht standen und alle Klappen und Fächer geschlossen waren, dann begab sie sich zum Heck.

»Den Teil der Zeremonie hätten wir absolviert«, raunte ihr Dennis zu, als sie die Sitzfläche des Jump Seats herunterklappte.

Zustimmend nickte sie und schlüpfte auf den Sitz. »Ready for take-off.«

Dumpf schlug die Tür zu und das Geräusch, mit dem sich der Riegel schloss, fuhr tief in Konstanze hinein. Ihre Haut kribbelte und sie spürte ein Rumpeln in ihrem Bauch. Mit einem Brausen schalteten sich die mächtigen Nachbrenner-Triebwerke ein. Kein anderes Flugzeug klang so. Sie nannte es den Concorde-Sound. Gleich ging es los.

»Bist du aufgeregt, die Queen zu bedienen?«, fragte Dennis und hob seine Stimme leicht an, um gegen das anschwellende Crescendo anzukommen.

»Nicht besonders«, gestand Konstanze. Abgesehen von der korrekten Anrede und den Etiketteformen würde sie Ihre Majestät genauso fürsorglich behandeln wie jeden anderen Fluggast. Dass die sich wohlfühlten und auf der Concorde etwas Besonderes erlebten, lag ihr am Herzen. »Natürlich ist es ein Ereignis, an das wir uns zeitlebens erinnern werden, wenn sie unser Passagier ist. Wir leisten den besten Service und heute ist er ein wenig besser.«

Dennis lachte und schob seine Hände unter die Oberschenkel. »Aus diesem Grund sind wir wohl auf der Conc.«

Jenes Rumpeln, mit dem sich die Concorde in Bewegung setzte, erfasste Konstanze. Wie Kohlensäure, die verrauchte, verebbte auch die Vorfreude auf den Start. Zu sehr verband sie das Gefühl, in einer Rakete anstelle in einem Flugzeug zu sitzen, mit Anthony. Scheinbar mühelos, als rührte er nur den linken kleinen Finger, zog er die Concorde vom Boden hoch in die Sphären jenseits der Wolken. Er fehlte ihr.

Ihr Seufzer ging im Aufheulen der Triebwerke unter. Schneller als der Wind fegte die Concorde über die Startbahn und hob ab. Konstanze tat es Dennis gleich und setzte sich auf ihre Hände. Damit stabilisierte sie ihre Wirbelsäule beim Start. Während vor dem winzigen Fenster die Hangars und die Piste vorbeizogen, stieg das Flugzeug steil auf. Unter Konstanze verschwamm das üppige Grün der Insel und das Meer schillerte von klarem Türkis bis zu tiefem Azurblau.

Entgegen dem Lauf der Sonne preschte die Concorde über eine Schicht Cirruswolken hinweg, die oberhalb des Atlantiks trieben. Ein Gongton erscholl, das Zeichen, dass sie ihre Reiseflughöhe von 15 000 Metern erreicht hatte.

Konstanze löste den Sicherheitsgurt, doch sie blieb sitzen. Obwohl sie seit fast zwei Jahren auf der Concorde flog, beeindruckte sie der Ausblick aus dieser Höhe immer wieder aufs Neue. Sie sah auf die Erdkrümmung herab und gleichzeitig auf ein Viertel des Planeten. Schaute sie hinauf, erkannte sie die Grenze zum Universum, das sich in seiner geheimnisvollen, ewigen Schwärze über ihr ausdehnte. Ein ehrfürchtiger Schauer durchfuhr sie, als sie sich fragte, ob der Himmel irgendwo endete.

Jäh beendete das Auftreten von Schritten ihre Überlegungen. Sie ahnte, dass Marjorie in die Galley kam. Widerwillig erhob sich Konstanze und unterdrückte ein Schnauben.

»Ich brauche dich für den Service, Konstanze.«

»Selbstverständlich.« Mühsam schluckte sie an ihrem Zorn, strich über die Haarnadel in ihrer Rocktasche.

Marjorie holte die vorbereiteten Sandwiches aus dem Kühlschrank und drapierte sie sorgsam auf einem Teller. Die Kruste der Brote war abgeschnitten. Leise räusperte sich Konstanze und wandte sich an Gladys und Dennis.

»Würdet ihr euren Rundgang unternehmen und nachsehen, ob unsere Passagiere etwas benötigen?«, bat sie. »Es gäbe etwas unter vier Augen zu klären.«

Unterkühlt wie die Blicke, die sie auf sie abschoss, sah Marjorie sie an. Alles in Konstanze rebellierte, gleichzeitig wälzten sich ihre Fragen wie ein Wasserfall durch ihre Gedanken. Wenn sie Gewissheit haben wollte, musste sie über ihrem Stolz stehen. Selbst wenn der zutiefst gekränkt war.

»Würdest du den Martini für Ihre Majestät mischen?«, delegierte Marjorie an sie und strich hektisch mit den Händen ihren Hals entlang.

»Natürlich«, murmelte Konstanze eisig und holte mit einem Handgriff das kegelförmige Glas aus dem Fach.

Ihre Finger legten sich enger um den Messergriff, als sie energisch eine Zitrone in Scheiben säbelte und diese viertelte. Ein Schnitt galt Marjorie, die ihr Anthony gestohlen hatte. Und einer Bridget, die hämisch daneben gesessen haben musste, als die beiden herumgeknutscht hatten. Sie musste den Tratsch verbreitet haben. Wie tief steckte Konstanzes Erzfeindin in der Geschichte drin?

»Was möchtest du klären?«, fragte Marjorie.

Gegen das innere Flattern könnte Konstanze selbst einen Schluck Martini gebrauchen. Bevor sie die Flasche aufschraubte, zog sie die Haarnadel aus der Tasche und hielt sie Marjorie unter die Nase.

»Du hast etwas verloren.«

»Danke«, erwiderte diese, schnappte sie aus Konstanzes Fingern und schob sie in ihre Frisur.

Misstrauisch beäugten sie einander, dann brach aus Konstanze heraus: »Bist du jetzt glücklich, dass du Tony zurückerobert hast?« Schlagartig wurde ihr übel und sie füllte mit zitternden Fingern den Martini ins Glas. Dabei wunderte sie sich über sich selbst, wie sie die Menge genau bemessen konnte und keinen Tropfen verschüttet hatte.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Marjorie sie an. »Bitte?«, entfuhr ihr. »Wie kommst du auf solchen Bullshit?«, zischte sie mit gesenkter Stimme.

»Man hat mir erzählt, dass ihr neulich sehr eng in einem New Yorker Club gesehen wart«, erklärte Konstanze. Spürbar löste sich die Enge in ihrer Kehle.

»Das ist nicht wahr«, empörte sich Marjorie. »Deshalb behandelst du mich also, als hätte ich dir irgendwas getan? Trotzdem solltest du mir glauben.«

»Warum sollte ich?« Das Zittern ihrer Finger hatte nachgelassen, als sie das Glas am Stiel auf das kleine Silbertablett hob. Doch in ihren Sehnen staute sich viel Kraft an.

»Weil es Menschen gibt, die Freude daran haben, Lügen zu verbreiten«, antwortete Marjorie und sah sie ernsthaft an. »Meine Zeit mit Tony ist Jahre her. Ich habe einen anderen Partner und liebe ihn. Außerdem erzählte mir Tony an jenem Abend in New York, dass er sehr glücklich mit dir ist. Warum sollte er mich zurückhaben wollen? Und ich ihn?«

Allmählich legte sich der Sturm, der so jähzornig in Konstanze tobte. Beschämt darüber, dass sie Marjorie wie eine Verbrecherin behandelt und ihr gegenüber grausame Gedanken gehegt hatte, senkte sie die Lider. Sie ertrug es nicht mehr, ihr ins Gesicht zu sehen. Dafür entfesselte ein noch wütenderer Orkan seine Kräfte in Konstanze. Was sie gerade erfahren hatte, bestätigte ihre vage Vermutung. Hinter ihrem Rücken war eine Intrige gelaufen. Sie sollte wegen ihrer Beziehung mit Anthony von der British Airways gefeuert werden, damit eine Person freien Zugang zu ihm bekommen würde: Bridget. Mit Sicherheit hatte sie bei Helen Fowler gepetzt, dass sich Konstanze über die Vorschriften hinweggesetzt und öffentlich in Uniform Zärtlichkeiten mit Anthony ausgetauscht hätte. Wenn Bridget hinter den Gerüchten steckte, war sie sehr kreativ gewesen und hatte Gillian geschickt, um Konstanze die Wahrheit zu erzählen. Leise atmete sie durch und spürte, wie sich die Reue schwer in ihrer Brust senkte. Sie hätte an der Geschichte zweifeln und das falsche Spiel durchblicken müssen. Warum hatte sie sich dazu hinreißen lassen, Anthony zu ohrfeigen? Wenn sie schon nicht die Zeit zurückdrehen konnte, erflehte sie beim Schicksal eine zweite Chance.

»Ich serviere der Königin ihren Drink«, murmelte Konstanze und nahm das Tablett.

Über den Bordlautsprecher wandte sich der Captain offiziell an die Royals. Er kündigte an, dass er das zweite Paar der Nachbrenner zünden würde, um den Sprung durch die Schallmauer einzuleiten.

»Lass uns weiterreden, nachdem wir sie bedient haben«, bat Marjorie.

Wortlos nickte Konstanze und verrenkte ihre Mundwinkel zu einem Lächeln. Es entsprang nicht ihrem Inneren, sondern war nur Teil des Repertoires einer Stewardess.

Als sie am Arbeitstisch der Königin vorbeistreifte, vermied Konstanze, unmittelbar zu ihr zu blicken und verlagerte wie eine schleichende Katze ihr Körpergewicht in die Fußballen. Doch ihre Neugierde ließ sich nicht unterbinden. Aus dem Augenwinkel schielte sie zur Queen. Wie sie erwartet hatte, las Elizabeth eine der Zeitungen, die sie vom Stapel genommen hatte.

»Ma’am«, wandte sie sich mit gesenkter Stimme an die Königin. »Ihr Martini. Bitte.« Mit den Fingerspitzen hob Konstanze den Stiel an und setzte das Glas auf die Tischplatte. Ein Anflug von Nervosität erfasste sie, denn sie wollte die Queen nicht stören.

Elizabeth raschelte mit der Zeitung und blickte freundlich auf. »Danke.«

Darüber erleichtert, dass sie zumindest jetzt nichts verpatzt hatte, kehrte Konstanze in die Galley zurück. Unter ihren Füßen spürte sie einen leichten Stoß. Bereit, die Schallmauer zu überwinden, zündete der Captain die Nachbrenner. Auf dem Monitor las Konstanze die Geschwindigkeit ab. Sie bretterten mit 2,01 Mach durch den Himmel.

Marjorie kam ihr mit dem Tunfischsandwich entgegen und sie beschloss, einen Moment zu warten, bis sie nach ihr in die Galley zurückkehren konnte. Warum war ich nur so blöd, warf sich Konstanze vor und presste ihre Stirn gegen die Stahlfront eines Regals. Wir könnten noch immer ein Paar sein. Ihre Lippen bebten und so heiß wie das Metall gleich werden würde, brannten ihr die Tränen in den Augen. Trotzig schniefte sie, denn sie durfte nicht weinen. Erst recht nicht, wenn die Königin an Bord war.

»Alles in Ordnung mit dir?«

Erschrocken richtete sie sich auf und sah in Marjories mitfühlendes Gesicht. »Ja ...«, versicherte Konstanze mit belegter Stimme, aber glaubte nicht einmal sich selbst. »Sag mir, dass ich dir Unrecht getan habe und ich entschuldige mich bei dir«, sagte sie schon überzeugender. »In den letzten Tagen habe ich dich wirklich furchtbar behandelt.«

»Nichts für ungut«, beschwichtigte Marjorie sie. »Was ist mit dir und Tony? Habt ihr euch etwa getrennt?«

Beklommen starrte Konstanze auf ihre Finger, mit denen sie sich auf der Anrichte abstützte. Spürbar erwärmte sich der Stahl durch die Reibung. Aber Anthony hätte es ihr besser und ausführlicher erklären können. Physik war seine Stärke, wofür sie ihn stets bewundert wie beneidet hatte.

»Ich weiß es nicht«, flüsterte sie und blinzelte. Marjories Gestalt drohte vor ihr zu verschwimmen. »Ich war so verletzt und aufgewühlt, dass ich seine Version der Geschichte nicht hören wollte. Wir gerieten in Streit, er schrie mich an, ich ihn und ...« Sie presste die aufwallenden Tränen herunter, ehe sie fortfuhr: »Mir ist die Hand ausgerutscht. Ich hätte es niemals tun dürfen. Seitdem haben wir nicht mehr miteinander gesprochen. Er nimmt es mir noch immer übel.«

»Ich wüsste nicht, wie ich an deiner Stelle reagiert hätte«, räumte Marjorie ein, holte eine kleine Mineralwasserflasche aus dem Kühlschrank und füllte deren sprudelnden Inhalt in ein Glas. »Trink einen Schluck«, bot sie Konstanze an. »Ich war nicht lange genug mit Tony zusammen, um ihn so gut zu kennen wie du. Aber Männer tun sich schwer, ihre Gefühle zu zeigen.«

Damit gab sie Marjorie Recht. Manchmal hätte Konstanze zu gerne in seinen Kopf geschaut, insbesondere, was seine Andeutung übers Heiraten betraf ... Sie drehte das Glas in ihrer Hand und überlegte scharf.

»Mich würde interessieren, wer an diesem Abend im Club dabei war. Gillian? Bridget?«

Bestätigend nickte Marjorie und das Bild wurde für Konstanze endlich klar. Doch damit hatte sie Anthony längst nicht zurückgewonnen. Sie war entschlossen, um ihn zu kämpfen anstelle ihn in die Arme einer anderen zu treiben. Wie eng allerdings Marjorie und Bridget befreundet waren, wusste sie nicht. Darum hütete sich Konstanze, eine spitze Bemerkung fallen zu lassen.

Man verliert einen Menschen nur, wenn er einem nichts mehr bedeutet, klangen Anthonys Worte durch die Zeit zu ihr.

Nach einer Weile sagte sie: »Ich gehe zurück auf meine Position, Marjorie. Ruf mich, falls du mich brauchst.«

Knapp zwei Stunden verblieben bis zur Landung. Leise unterhielten sich Anne und Dennis in der hinteren Galley und die royalen Passagiere schienen zufrieden zu sein. Unbemerkt setzte sich Konstanze auf einen leeren Sitz in der letzten Reihe, um allein zu sein. Klar wie ihr Entschluss, Anthony einen Brief zu schreiben, formten sich die Worte in ihrem Kopf. Sie klappte den Tabletttisch herunter, legte das beigefarbene Briefpapier mit dem goldenen Schriftzug Concorde darauf und schnippte mit dem Kugelschreiber. Ihre eigene Aufregung erfasste sie wie ein Stoß und ihr Herz klopfte heftig. Dieses Vorhaben erschien ihr wie ihr letzter Trumpf, den sie noch ausspielen konnte. Wenn Anthony nicht mit ihr reden wollte, würde er vielleicht ihren Brief lesen.

Lieber Tony,

ich hoffe nicht, dass du diesen Brief gleich zerreißt und wegwirfst. Gib mir bitte die Möglichkeit, dir zu erklären, dass ich dir und Marjorie Unrecht getan habe. Anstelle dir zuzuhören, habe ich eine Lüge geglaubt und dich mehr verletzt als diese Gerüchte mich. Ich kann mit dem Wort Entschuldigung nichts wiedergutmachen aber ich würde es tausendmal sagen und dich bitten, mir zu verzeihen.

Du fehlst mir. Mit jedem Tag, der ohne dich vergeht, verliert meine Welt immer mehr an Farbe und an Freude. Ich funktioniere und sage, es gehe mir gut. Aber dem ist nicht so.

Konstanze hielt inne. Mit dem Ende des Kugelschreibers klopfte sie gegen ihre Zähne und starrte aus dem Fenster. Tatsächlich verlosch der Sonnenuntergang und die Schwärze jenseits der Nachtlinie verschluckte sein leuchtendes Orangerot. In der Kabine ging das Licht an und spendete eine seltsame Helligkeit. Tränen drängten aus Konstanzes Augen, doch sie biss sich auf die Unterlippe. Erneut setzte sie den Stift an und schrieb weiter:

Sprich bitte wieder mit mir. Nimm mich in die Arme. Vergib mir und lass uns neu beginnen.

Sie setzte ihren Namen darunter, faltete den Briefbogen und schob ihn in den Umschlag. Überlegend, wie sie nach der Landung am einfachsten zu Anthonys Wohnung in Richmond gelangte, starrte sie auf das C, das eine Krone umschloss. Würde sie ihn antreffen und ihm den Brief persönlich übergeben? Wie würde er reagieren?

Honey, es war nicht so gemeint. Komm her ...

Sie sicherte das Tablett an der Rückenlehne des vorderen Sitzes und verlor ihren Blick in der tiefen Schwärze des Universums.

London empfing seine Königinnen mit einem kühlen Herbstabend. Sein nebliger Hauch schlug Konstanze durch die offene Tür entgegen, als sie mit der Crew Spalier stand und Elizabeth und Philip gebührend verabschiedete. Während eine andächtige Stille die Kabine erfüllte, sah sie den beiden eine Weile nach, bis sie im Inneren der königlichen Limousine verschwanden.

»Diesen Flug hätten wir wunderbar gemeistert«, sagte Marjorie stolz und erleichtert. »Niemand ist gestolpert und hat Ihrer Majestät das Kleid mit Wein oder Sauce ruiniert und auch sonst ist alles reibungslos verlaufen. Ladies and Gentlemen, nehmen wir die Erinnerungen mit, bevor wir nach Hause gehen.«

Auf diese Ankündigung hin schnappte jeder sein Gepäck und die Mäntel, doch eilig schien es keiner von Konstanzes Kollegen zu haben. Stattdessen plauderten sie über ihre Eindrücke von der Queen. Ungeduldig bohrte Konstanze ihre Nägel in ihre zu einer Faust verkrallten Hand. Sie wollte nichts wie raus aus dem Flugzeug und zu Anthony. Innerlich zerbarst sie fast vor Herzklopfen und sie schwitzte kalt.

Schließlich stapften die Techniker die Treppe hinauf und traten ein. Marjorie begriff wohl deren drängende Blicke und schlüpfte in ihren Mantel. Ein Goodbye zu den beiden Männern in ihren Overalls murmelnd schlich sich Konstanze an ihnen vorbei und stieg die Stufen hinab. Unten auf dem Vorfeld wandte sich Marjorie nach ihr um.

»Wie kommst du nach Hause? Soll ich dich mit dem Auto mitnehmen?«, bot sie an.

»Das ist liebenswürdig von dir aber ich nehme die Underground«, lehnte Konstanze freundlich ab.

»Sicher?«

»Ja, sicher.«

Gemeinsam überquerten sie den Asphalt, auf dem sich die Flughafenbeleuchtung spiegelte. Das Kreischen und Dröhnen aufsteigender und landender Maschinen hallte in Konstanzes Ohren. Ein Mitarbeiter des British Airways Bodenpersonals hielt ihr, Marjorie und dem Rest der Crew eine Zugangstür auf, die normalerweise verschlossen blieb.

»Es hat mich gefreut, mit dir zusammenzuarbeiten, Konstanze«, erklärte Marjorie, als sie an der Passkontrolle anstanden. »Wir hatten noch nie das Vergnügen.«

»Schade eigentlich«, entgegnete Konstanze und zeigte dem Beamten der Border Police ihren Reisepass mit dem Bundesadler. »Bis wir uns wiedersehen wünsche ich dir safe flights and clear skies.«

»Danke, dir ebenfalls. Viel Glück mit Tony«, winkte ihr Marjorie zum Abschied zu und verschwand im Terminal.

Für diesen Brief nahm Konstanze einen beschwerlichen Umweg auf sich. An der Underground-Station Heathrow stieg sie in die Bahn nach Hounslow, da sie nicht auf dem direkten Weg nach Richmond gelangte. Dort stand sie an der Haltestelle und entzifferte im spärlichen Licht einer Straßenlaterne den Plan. Der nächste Bus würde in mehr als einer Viertelstunde abfahren. Konstanzes kribbelige Finger suchten in der Handtasche nach der Packung Silk Cut und berührten zufällig den Umschlag. Sie klemmte den Filter zwischen ihre Lippen und zündete die Zigarette an. In der vornehmen Haltung, die Konstanze in ihrer Stewardessenausbildung gelernt hatte, rauchte sie. Dabei warf sie entschlossen wie Carrie Fisher in Krieg der Sterne den Kopf zurück. Sie wartete und die Minuten kamen ihr wie endlose Stunden vor. Fest presste sie ihre Knie aneinander, damit ihr niemand anmerkte, dass sie trotz ihres Mantels fror. Abrupt war sie aus der lieblichen Wärme der Karibik in Europas unterkühltem Norden gelandet.

Eine Gruppe Punks versammelte sich an der Haltestelle. Einer von ihnen, dessen rotgefärbten Haare sie an einen Hahnenkamm erinnerten, drückte unentwegt eine Bierdose zusammen. Klick-knack. In einem steten Fluss rollten Autos an ihr vorbei. Ein knatterndes Motorrad zog eine schwere Benzinwolke nach. Aus dem Lichtermeer tauchten die Scheinwerfer des Routemaster-Busses auf. Konstanze reihte sich in die Warteschlange ein, die sich an der Station bildete. Nur die Punks schienen sich nicht an den stillen Konsens zu halten, dass man sich ordentlich anstellte. Der rote Doppeldecker hielt an. Mit jedem Schritt, die sich die Menschentraube vorwärtsbewegte, wurde sie nervöser. Verkrampft zog sie sich an der Haltestange hoch und stieg ein. Obwohl das untere Deck des Busses so voll war, dass die Fahrgäste im Gang standen, wollte sie nicht nach oben ausweichen und dort einen Platz suchen. Grölend und lachend schoben sich die Punks an ihr vorbei. Einer von ihnen rauchte unverhohlen seine Zigarette weiter.

»Ein Benehmen ist das!«, entrüstete sich eine Dame lautstark aber vergeblich.

»Madam, bitte sehr.« Ein Mann mittleren Alters erhob sich für Konstanze und klemmte seine Zeitung unter den Arm.

»Danke, Sir«, entgegnete sie und sank in den Sitz.

In den Fenstern der vorbeiziehenden Häuser brannte Licht, doch sie starrte in die dunkle Leere. Wie in einem Spiegel betrachtete sie sich in der Scheibe. Ein samtbraunes Augenpaar blickte müde und traurig zurück. Dieses eigensinnige Lodern darin schien verloschen zu sein. Damit war sie einst in die Welt hinausgetreten, egal, was sie kostete. Einen viel zu hohen Preis für ihre Unabhängigkeit und ihre Abenteuerlust. Dafür, auf der Concorde fliegen zu dürfen. Dafür, Elizabeth II zu begegnen. Ihr Hut rutschte Konstanze in die Schläfe, als sie sich gegen die Fensterscheibe lehnte. Jeder ihrer Atemzüge beschlug kurz das Glas, bevor er wieder verschwand. Die Straßenzüge wurden vertrauter.

Vielleicht ist er zu Hause, überschlugen sich die Gedanken in ihrem Kopf. Prinzessin Leias Courage verließ sie endgültig. Ich habe solche Angst. Wenn er mich fortschickt, ohne dass ich ihm den Brief geben kann ... Vielleicht ist er überrascht. Vielleicht bittet er mich herein ... Vielleicht ist er gar nicht da, weil er auf einen Flug eingeteilt ist ... Ach!

Wie unter Strom sprang Konstanze auf, als sie die Umgebung wiedererkannte, in der Anthonys Haus lag. Schwungvoll stieg sie aus dem Bus und lief den Gehsteig entlang. Schneller als ihr Herzschlag klapperten nur ihre Absätze auf dem Pflaster, als sie in die Seitenstraße einbog, in der er wohnte. Ihr Blick flackerte zwischen den parkenden Autos und der Hausfassade. Im Erdgeschoss leuchtete ein Lichtstreifen hinter zugezogenen Vorhangbahnen, doch in Anthonys Wohnung war es dunkel. Sein Rover P6 stand nirgends am Straßenrand. Wie Konstanze vermutet hatte, war er wohl in New York.

Enttäuscht senkte sie ihre Schultern. Dennoch lief sie unbeirrt die Stufen zur Haustür hoch und stemmte sich dagegen. Sie ertastete den Lichtschalter und die mit einem abgetretenen Teppich belegte Treppe schien sie aufzufordern lauf hoch und gib den Brief ab. Erinnerungen überschwemmten Konstanze. Ein leichter Geruch von Borax und altem Gemäuer stieg ihr in die Nase. Aus der Erdgeschosswohnung scholl klassische Musik. Anthonys Stimme echote von den Wänden. Ein wenig rau und von einem tiefen Schmelz überzogen, was sie in der innigsten Verbundenheit zweier Menschen teilten, sanft klingen ließ. Wie die meisten Engländer aus dem Süden sprach er das O wie ein dunkles A aus und das O noch voller. Flüsternd hallte Konstanze das Lachen vergangener Abende entgegen, während sie die knarzenden Stiegen erklomm. Betrübt presste sie die Zunge gegen den Gaumen, als sie sich und Anthony an dieser Tür sah, einander begehrend und ungeduldig küssend, bis sie sich wie von Zauberhand öffnete.

Jetzt stand sie vor seiner verschlossenen Tür. Der Brief zitterte in ihrer Hand. Hoffentlich liest er meine Zeilen, bangte sie und schob ihn durch den Briefschlitz, oh bitte, lass alles wieder sein wie vorher.

Völlig geschafft von der langen Reise dieses Tages schleppte sich Konstanze zu ihrer Wohnung. Inzwischen zerrte ihre Tasche, in der sie ihre Kleidung und Schuhe transportierte, schwer an ihrer Schulter. Auf dem halben Weg hielt sie sich am Treppengeländer fest und sah hoch. Noch ein Stockwerk, und plötzlich kamen ihr die Stufen unbezwingbar wie der Himalaya vor.

»Miss Constance?«

Konstanze wandte ihren Kopf um und erkannte Mrs Guptas zierliche Gestalt in der offenstehenden Wohnungstür. Um ihren Unterarm hatte sie die himmelblaue Hose und die dazu passende Uniformjacke gewickelt, mit der anderen Hand griff sie nach den Blusen, die sie an der Garderobe aufgehängt hatte.

»Guten Abend, Mrs Gupta.« Konstanze lief die paar Stufen herunter und nahm ihrer Nachbarin die Uniform und die Blusen ab. »Vielen Dank, dass Sie meine Uniform so schnell gereinigt haben.«

»Keine Ursache«, erwiderte sie, richtete den smaragdgrünen Sari über ihrem graumelierten Haar und reichte Konstanze zwei Hemden mit Schulterklappen. »Frisch gewaschen und gebügelt für den Captain.«

»Oh ...«, entfuhr ihr. Beinahe hatte sie verdrängt, dass Anthony ihr seine Hemden hiergelassen hatte, damit sie diese in die Reinigung des indischen Ehepaars brachte. »Was bekommen Sie von mir?« Umständlich beugte Konstanze ihren Oberkörper zur Seite und fasste mit einer Hand nach ihrem Portemonnaie.

»Zwei Pfund«, antwortete Mrs Gupta.

In Konstanzes Münzfach hatten sich amerikanisches Kleingeld und ein paar Barbados-Dollar verirrt. Sie fischte die Pfundstücke heraus und legte sie in Mrs Guptas Handfläche.

»Danke, Miss Constance. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend«, sagte sie und verbeugte sich leicht.

Dass Konstanze den restlichen Stunden alles andere als erfreut entgegensah und den nett gemeinten Wunsch wie eine Ironie empfand, konnte sie nicht ahnen. Was sollte sie mit Anthonys Hemden machen? Sie einstweilen in ihren Schrank hängen und abwarten, ob er sich melden würde? Wenn er sich überhaupt auf ihren Brief meldete? Nicht nur ihre Tasche und die Kleidung erschwerten Konstanze jede Bewegung, als sie die Tür zu ihrer Wohnung aufsperrte.

An dem Paar Schuhe im Flur und dem dunkelblauen Stewardessenmantel, der neben dem Spiegel hing, erkannte sie, dass Sheila zu Hause sein musste. Erstmal lief Konstanze an der verschlossenen Zimmertür ihrer Mitbewohnerin vorbei und legte ihr Gepäck auf ihrem Bett ab. Sie überlegte, ob es höflicher wäre, Hallo zu Sheila zu sagen, bevor sie sich bequemer anzog. Dabei schweifte Konstanzes Blick auf den Tisch unter dem Fenster. Neben der Nähmaschine lag das Bündel schwarzer Lurexstoff, den sie für einen Overall gekauft hatte. Wie nach dem Schnitt aus der Vogue Patterns sollte er im Nacken geknotet und bis tief unter das Brustbein ausgeschnitten sein. Aber bisher hatte sie keinen Antrieb gehabt, mit dem Nähen zu beginnen. Seufzend legte Konstanze ihren Hut ab und klopfte an Sheilas Tür.

»Hey, wieder da?«

Lässig in T-Shirt, Kimonojacke und einer weiten Hose lehnte Sheila im Türrahmen, ein buntes Tuch bändigte ihr offenes dunkelbraunes Haar. Im Hintergrund lief kraftvolle, von schroffen E-Gitarrenriffs und rhythmischen Bässen dominierte Musik.

»Wie war es auf Barbados? Wie ist die Königin so drauf?«, fragte sie mit einem schelmischen Grinsen und schüttelte ihre Finger, damit der roséfarbene Nagellack trocknete.

»Viel hatte ich nicht mit ihr zu tun, außer mich um ein paar kleine bescheidene Wünsche zu kümmern. Die meiste Zeit hat sie ihre Korrespondenz bearbeitet und Zeitung gelesen«, antwortete Konstanze. »Auf Barbados war es natürlich wärmer und sonniger als hier ...« Anstelle den Gedanken auszusprechen senkte sie ihren Blick und starrte auf ihre rotlackierten Zehennägel, die durch die Strumpfhose blitzten.

»Es wäre schöner mit Tony gewesen, nicht wahr?«, erriet Sheila.

»Ja. Hat er in der Zwischenzeit angerufen?«, fragte Konstanze erwartungsvoll.

Doch Sheila wogte ihren Kopf. Damit zerschmetterte sie ihre vorsichtige Hoffnung.

»Du hättest niemals seine Ehre und Integrität infragestellen und ihn schlagen dürfen«, erinnerte Sheila.

»Dafür büße ich heute«, schnaubte Konstanze. »Während des Fluges hatte ich ein äußerst aufschlussreiches Gespräch mit seiner Ex.«

Gebannt weiteten sich Sheilas Augen. »Man höre.«

»Tonys angebliche Affäre mit ihr war rein erfunden«, sprudelte es aus Konstanze heraus. Endlich konnte sie sich jemandem anvertrauen.

»Ich hatte dich damals gewarnt, dass die meisten dieser Weiber falsch sind und keine Ruhe geben, bis sie dich zu Fall bringen. Sie gönnen dir nicht, dass du hübsch und erfolgreich bist und mit einem der Conc-Captains gehst«, sagte Sheila, begutachtete ihre Fingernägel und stützte den Ellenbogen an den Türrahmen. »An deiner Stelle würde ich meine Sachen packen und nach Deutschland zurückkehren. Dort findest du leichter einen neuen Job. Anders als bei uns mit unserer schlechten Wirtschaft und der Arbeitslosigkeit.«

»Mich zieht es nicht nach Deutschland zurück«, entgegnete Konstanze. »Außerdem ... Mir gefällt es hier. Ich würde meine Freunde vermissen. Außerdem ist es ein Privileg, auf der Conc zu fliegen.«

Mitleidig verkrampfte Sheila ihre Mundwinkel. »Wie du meinst«, sagte sie. »Ich bin seit drei Jahren bei der Brit Airways und habe die Schnauze voll. Immer hübsch aussehen, immer lächeln, auch wenn dich die Purserin wegen Kleinigkeiten zusammenstaucht oder dir eine Lady erklärt, sie habe anstelle von Hühnchen Roastbeef bestellt und welch dumme Person du wärst, ihr das Hühnchen vorzusetzen. Oder wenn dir sogenannte Gentlemen mittleren Alters eine Menge Geld für eine Nacht anbieten.« Angewidert zog sie die Nase kraus. »Mir reicht es auch von den hinterlistigen Nattern, die hinter meinem Rücken lästern. Ich habe einiges dafür getan, um in ihrer Gunst zu stehen, wofür ich heute nicht mehr bereit wäre. Denke ich daran, dass ich morgen wieder mit ihnen in ein Flugzeug steigen muss, bekomme ich Magenschmerzen. Nein, Constance, ich denke daran zu kündigen.«

»Wirklich?«, fragte Konstanze überrascht. »Hast du dir überlegt, wie es danach weitergeht?«

Sheila schüttelte den Kopf. »Ich werde nach Leeds in mein Elternhaus zurückkehren und erstmal von der Stütze leben, bis ich was Neues gefunden habe.« Verlegen drehte sie eine Strähne ein. »Lassen wir Tony und die Conc mal beiseite. Würdest du noch länger in England bleiben wollen? Die Zeiten werden nicht besser.«

»Nichts für ungut, Sheila.« Versöhnlich lächelte Konstanze und wandte sich um. »Aufgeben war noch nie meine Stärke«, versicherte sie.

Plötzlich wich ihre Zuversicht und sie zweifelte, ob es richtig gewesen war, Anthony diesen Brief zu schreiben. Wofür hatte sie den Umweg auf sich genommen? Lief sie ihm vergeblich hinterher? Täte sie nicht besser daran, über ihn hinwegzukommen, so stark ihre Liebe zu ihm war? Mit gesenktem Kopf schlurfte Konstanze in ihr Zimmer und verschob das Nachdenken auf einen anderen Tag.

2.Knowing Me Knowing You

London – New York

Auf nordwestlichem Kurs steuerte Anthony dem Morgenlicht entgegen. Über der Erdkrümmung erhob sich rotgolden die Sonne, als wäre es eine ganze Weile acht Uhr. Die Nase der Concorde glitt über zerfallende Nachtwolken hinweg und der Nordatlantik lag wie ein Spiegel tief unter ihm. Obwohl Anthony die Route kannte, faszinierte ihn die Tatsache, dass er die Zeit überholte genauso wie die Sonnenaufgänge, die ihn begleiteten.

»Immer wieder schön, nicht wahr?«, sprach Copilot James Reynolds aus, was er dachte und beugte sich über die Anzeigen.

»Hm«, machte Anthony einsilbig und blinzelte hinter den Gläsern seiner Sonnenbrille. Sobald die Sonnenstrahlen die weiße Hülle streiften, fielen sie grell zurück. Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Instrumente. »Wir sind weit genug von bewohntem Land entfernt. Einleiten von Schallgeschwindigkeit und Vorbereitung von Mach 2.«

»Wird erledigt«, bestätigte James und Flight Engineer Simon Anderson erwiderte hinter ihm: »Vorbereitungen werden getroffen, Sir.«

Rechtzeitig bevor Anthony das erste Paar Nachbrenner hochfuhr, klopfte es an der Cockpittür. Widerstrebend kroch sein heimlicher Wunsch auf, dass Konstanze hereinschneite und vor dem Überschallsprung der Cockpitcrew den Kaffee servierte. Was waren sie für eine eingeschworene Gemeinschaft. Zwischen den Instrumenten und dem Glasvisier schien Konstanzes helles Lachen zu schweben. Doch es verklang abrupt.

»Hat jemand von euch Jungs Kaffee geordert?« Bridgets schmeichelnde Stimme erfüllte das enge Cockpit.

Der Duft frischen Kaffees überlagerte den Geruch von Metall und heißem Plastik. Anthony musste sich nicht umdrehen, so dicht stand Bridget hinter seinem Sitz.

»Schwarz und mit Zucker für den Captain und mit Milch und Zucker für den First Officer«, bot sie an. »Ungeschickterweise habe ich den Flight Engineer zuerst bedient. Ich bitte um Verzeihung.«

»Dieses Mal drücken wir mal ein Auge zu«, lachte James, dem Bridgets Kokettieren gefiel.

Kurz wandte Anthony den Blick vom Himmel zu ihr ab. Mit ihrem goldblonden Haar, dem herzförmigen Gesicht, strahlend blauen Augen, einer Stupsnase und dem einen Ticken zu breiten Mund erfüllte sie das Bild einer Frau, die sich ihrer Wirkung vollkommen bewusst war. Als frischgebackene Purserin schwoll ihre Brust vor Wichtigkeit an und sie reckte ihr Kinn ein wenig höher empor.

»Danke«, sagte er und nahm behutsam mit der einen Hand die Tasse vom Tablett. Zwar führte der Autopilot die Systeme, trotzdem behielt er seine Linke am Steuer. In einem Schluck trank er die Hälfte des Kaffees und zwängte ihn die Kehle hinunter. »Wie läuft dein erster Tag als Purserin? Wie macht sich der neue Steward?«

»Seamus?«, entgegnete Bridget und spitzte ihre vollen Lippen. »Aw, ganz passabel. Ich muss ihm einiges beibringen, etwa, wie man die Serviette auf dem Schoß der Passagiere ausbreitet. Ansonsten lässt er seinen irischen Charme eindrucksvoll spielen«, erzählte sie. »Interessanterweise kenne ich ihn seit dem Trainingskurs bei der BEA. Er, Constance und ich wurden gleichzeitig eingestellt.«

Konstanze ... Anthonys Herz wurde schwer vor Sehnsucht nach ihr. Seit dem Morgen hatte er sich dazu gezwungen, sie weder zu vermissen noch an sie zu denken. Er musste sich auf seine Berechnungen, die Wetterdaten und die Funktionen der Triebwerke und Instrumente konzentrieren. Er musste sich verdammt nochmal aufs Fliegen konzentrieren. Die Sphäre von Mach 2, in die er gleich vorstoßen würde, verzieh keine Fehler.

Würde ihm Konstanze verzeihen, dass er sie abgewiesen hatte? Sein Stolz hatte ihm nicht gestattet, sie in die Arme zu schließen und ihr zu sagen, wir sind wieder gut. Zu sehr hatte sein Zorn gegrollt, weil sie die Beherrschung verloren und ihn geschlagen hatte, anstelle ihn ausreden zu lassen. Dabei wusste er, dass er nie wieder eine Frau so aufrichtig und aus tiefstem Herzen lieben würde. Einer wie Konstanze würde er nicht mehr begegnen. Und sie schien vor ihm zu flüchten, indem sie mit Kolleginnen die Flüge tauschte, auf denen sie mit ihm eingeteilt war. Wie sollte er ihr – ihnen beiden – eine zweite Chance geben können?

»Eine eingespielte Crew zeichnet die Conc aus. Nicht wahr?«, wandte sich Anthony an seinen Copiloten und an Simon. Er leerte die Tasse und stellte sie auf das Tablett zurück. »Sieh nach, was der Neue treibt, Bridget. Ich schalte jetzt das zweite Nachbrennerpaar ein, dann springen wir durch die Schallmauer.«

»Alright, Captain. Falls ihr etwas wünscht, bin ich gleich zur Stelle.«

Sachte klappte hinter ihr die Cockpittür zu und James wie Simon schienen den Atem anzuhalten.

»Bridget?«, rief Anthony ihr hinterher. »Lass die Tür bitte offen. Im Cockpit wird es nämlich sauheiß.«

Fast geräuschlos bewegte sie sich hinaus. Zwar lief im Flight Deck die Klimaanlage am eifrigsten, damit die Instrumente gekühlt blieben aber auf Überschall erreichte die Temperatur an der Nase der Concorde 152 Grad Celsius. Anthony beobachtete die Geschwindigkeitsanzeige, die auf 1,6 Mach stand. Seine Fingerspitze berührte den Schalter für Triebwerk 3.

»Was?«, entgegnete er auf Simons bohrende Blicke, die er im Nacken spürte.

»Bridget ist süß aber mir fehlt unsere Concorde-Constance, unsere Miss Blitz«, erklärte er. »Hängt bei euch noch immer der Haussegen schief? Letztes Mal war es nicht zu übersehen.«

»Darauf muss ich jetzt nicht antworten«, wies Anthony ihn zurecht und prüfte auf der Anzeige, dass Triebwerk 3 hochfuhr. Danach zündete er Nummer 4.

»Das wird wieder«, fuhr Simon unbeeindruckt fort. »Triebwerke 3 und 4 positiv ... Überrasche sie mit einem Besuch, wenn du zurück bist ... Geschwindigkeit bei 1,9 Mach, steigend ... Gib ihr einen Kuss und hab Sex mit ihr. Guter Sex hat vieles wieder eingerenkt ... Mach 2 erreicht.«

Dass Simon damit recht hatte, wusste Anthony aus eigener Erfahrung. Bis zu jenem Streit hatte es jedoch keinen Anlass gegeben, sich mit Konstanze zwischen den Laken zu versöhnen. Bei Florence, seiner Exfrau, hatte selbst der beste Versöhnungssex die Risse in ihrer Ehe nicht mehr kitten können. Sie war nicht damit zurechtgekommen, dass Anthony unregelmäßig zu Hause war und während seiner Schulung als Concorde-Testpilot die Wochenenden über für die schriftlichen und praktischen Tests am Simulator lernen musste. Schließlich hatte er Florence mit seinem besten Freund im Bett überrascht und den Schlussstrich gezogen.

»Vielen Dank für die Lebensberatung, Doctor Anderson. Aber kannst du etwas leiser sprechen?«, versetzte Anthony und umschloss das Steuer mit beiden Händen. Als die Concorde die Schallmauer durchbrach, packte ihn der unbändige Schub der Fliehkraft und presste seinen Rücken in die Sitzlehne. »Kurs auf drei-null backbord«, kündigte er an und lenkte das Steuer nach links. »Neigung 30 Grad, Höhe halten.«

Kaum merklich spürte er die Reaktion der Maschine unter seiner Führung. Wie zu einer Einheit aus Mensch und Technik verschmolzen gehorchte ihm die Concorde. Und sie beherrschte ihn.

Nun gab es auch Unwägbarkeiten, die unterschwellig in Anthonys Hinterkopf herumschwirrten. Was, wenn ein Triebwerk ausfiel? Mit dreien könnte er zwar weiterfliegen, jedoch müsste er auf die normale Flughöhe absinken und vermeiden, dass er in der Luft mit einem Jet kollidierte. Um Treibstoff zu sparen, könnte er lediglich auf einer Geschwindigkeit unterhalb des Schalls fliegen. Wie weit war der nächste Flughafen entfernt, den er ansteuern könnte? Mitten auf dem Atlantik umzukehren und zu versuchen, es zurück nach England zu schaffen, war riskant. Neufundland wäre näher in Reichweite.

Würde ihn Lady Speedbird heute im Stich lassen? Als hätte sie eine Seele, strich Anthony über die Leiste oberhalb der Geschwindigkeitsmesser. Folge einfach nur meinen Befehlen und bring uns alle sicher nach New York.

Gleißend brach die aufgehende Sonne durch das Visier und flutete das Cockpit, als Anthony das Flugzeug neigte. Er blickte auf die Erde herunter, die von dieser Höhe aus nichts weiter als Ozean und Wolken war. Kurz betrachtete er das Viertel der Erdoberfläche, dann gab er seinen Befehl durch: »Leveln auf null Grad, Kurs halten, Geschwindigkeit Mach 2.«

Langsam senkte Anthony die Nase der Concorde ab und peilte die Landebahn auf dem JFK-Flughafen an. Bald schwebte er gleichauf mit Manhattans Wolkenkratzern, die sich an den Hudson River schmiegten. Die grün patinierte Freiheitsstatue schien ihn zu begrüßen. Makellos blau zeigte sich der Himmel, aber die Novembersonne täuschte nicht darüber hinweg, dass es klirrend kalt war.

»JFK Tower, Speedbird Concorde-004 im Landeanflug«, meldete er durch den Funk. Trotz der Hektik der Vorbereitungen blieb seine Stimme ruhig. »Bitte um Erlaubnis, auf Runway 2L landen zu dürfen.«

»Runway 2L ist freigegeben, Speedbird Concorde-004.«

»Verstanden und bestätigt, JFK Tower.«

Je näher der Flughafen mit seinem Netz aus Rollbahnen und Gebäuden kam, umso angespannter wurde die Stille im Cockpit. Lediglich Anthonys Befehle und das Klicken der Schalter unterbrachen sie. Erneut öffnete sich eine Büchse an Sorgen, die mitflogen wie blinde Passagiere.

Was würde er tun, wenn bei einem Flugzeug, das vor ihm gelandet war, der Reifen platzte? Würde er die Concorde abbremsen können? Würde es der Pilot rechtzeitig auf die Taxiposition schaffen oder Anthony zwar mit gedrosselter Geschwindigkeit zur Landung ansetzen, aber den Zusammenstoß nicht mehr verhindern können? Falls die Anzeige für das Fahrwerk einen Fehler meldete, weil es blockierte, wie würde er die Concorde auf dem Asphalt aufsetzen ohne zu zerschellen? Vermutlich würden Simon und James in die Kabine gehen und unter den stutzenden Blicken der Passagiere den Boden herausreißen, um das Fahrwerk zu lösen. Dank seines Gewichts würde es von selbst herausfallen.

Surrend fuhr das Fahrwerk aus und der Wind streifte unter die Landeklappen. Der Ruck, mit dem die Reifen auf dem Beton aufsetzten, erfasste Anthony und er trat auf die Bremspedale. Geschmeidig rollte die Concorde über die Landebahn und an den behäbigen Jumbos der TWA und British Airways vorbei. Innerlich atmete er auf. Nichts von dem, was er befürchtete, war geschehen.

»Null-neun-zwei-acht«, gab James die Zeit durch, die er von seiner Armbanduhr ablas. »Wir sind zwei Minuten früher als planmäßig angekommen.«

»Jede Sekunde darüber würde meine Ehre kränken«, entgegnete Anthony, die Zunge in der Wange und manövrierte zum Terminal. »Lady Speedbird hat heute ihren Job getan.« Er atmete durch und stellte die Triebwerke ab.

Bevor die Anschnallzeichen verloschen, erhob er sich und nahm das Logbuch. Simon machte Platz und Anthony trug sorgfältig die Flugdaten ein. Die Geräuschkulisse jenseits der Cockpittür störte ihn wenig. Der Applaus gebührte ihm. Als er die letzten Werte notiert hatte, streckte er seine Beine aus und stand auf. Er öffnete die Tür und sah über Bridgets und Seamus‘ Schultern, wie die Passagiere das Flugzeug verließen. In seiner hellblauen Uniform und der Fliege sah er aus wie der Oberkellner eines Nobelrestaurants. Anthony erwiderte Abschiedsgrüße und genoss die bewundernden Blicke der Frauen und den staunenden Ausdruck in den Augen der Männer, als sie ihn wie einen Star um Autogramme baten.

»Hier ist dein Mantel, Ace.« Zuvorkommend reichte ihm Bridget den dunkelblauen Uniformmantel und die Schirmmütze und trat hinter ihn. »Ich spüre schon jetzt, dass es heute Nacht gefroren hat.«

»Sehr aufmerksam, Bridget«, bedankte sich Anthony, als sie ihm den Mantel anbot.

Durch die Stoffschichten hindurch spürte er den zarten Druck ihrer Hände. Doch er reagierte nicht darauf, sondern strebte zum Ausgang. Tatsächlich wehte ein frostiger Hauch in den schmalen Spalt zwischen Passagierbrücke und Flugzeug.

Er wartete auf seine Cockpitcrew und auf den Neuen. Seamus Banks hieß er und stammte aus Belfast. An seinen runden Gesichtszügen hatte Anthony gleich dessen irische Herkunft erkannt. Seine geschmeidige Art zu reden und seine Blicke bestätigten ihm, dass Seamus wohl nicht nach weiblichen Bekanntschaften Ausschau hielt. Was die Crewmitglieder privat machten und wen sie liebten, war Anthony gleichgültig, so lange ihre Arbeit nicht darunter litt. Nun war er im Moment derjenige, der die meiste Disziplin beweisen musste.

»Mister Banks, nun gehören Sie zur Concorde-Familie dazu. Wie war Ihr erster Tag?«, erkundigte er sich nach Seamus.

Befangen schielte dieser zu Anthony, während er neben ihm in Richtung Passkontrolle lief. »Der Service läuft anders ab als auf den Langstreckenflügen und die Passagiere wissen zu schätzen, dass sie wie VIPs bedient werden«, antwortete er. »Ich muss gestehen, dass ich aufgeregt war, Sir.«

»So geht es allen.«

»Als Sie abgehoben sind, ich meine beim Take Off, fühlte ich mich wie in einer Rakete«, berichtete Seamus. »Wie schnell waren wir unterwegs, als Sie auf der Startbahn Anlauf genommen haben?«

»500 Meilen in der Stunde«, erklärte Anthony abwinkend. »Hatten Sie Angst?«

»Nein, Sir, ich habe es genossen.«

»Sie werden sich daran gewöhnen, aber immer wieder einen besonderen Kick davon kriegen. Erst recht, wenn Sie auf Mach 2 beschleunigen.«

»Sagen Sie, Captain.«

»Manchmal kann es sein, dass ein Ruck durch die Kabine fährt, wenn ich die Schallmauer durchbreche. Haben Sie etwas bemerkt?«, fragte Anthony, blieb hinter der Lufthansa-Crew stehen und holte seinen Pass aus der Jackentasche. »In der Durchsage bereite ich die Passagiere darauf vor, dass sie ihn spüren könnten, sobald ich das zweite Triebwerkpaar zünde.«

Deutsche Wortfetzen drangen zu ihm und erinnerten ihn nur wieder an Konstanze. Kurz spähte er über seine Schulter. Zügigen Schrittes bewegten sich Bridget, Gillian und der Rest seiner Crew zum Ende der Schlange.

»Geht schon mal vor«, winkte er sie herbei.

»Oh, danke, Ace!«, trällerte Bridget.

»Nichts, Sir«, beantwortete Seamus die vorherige Frage. »Sie ist geschmeidig dahingeflogen. Nur die Anzeige auf dem Monitor hat die magischen Mach 2 geknackt.«

»Davon werden Sie noch lange erzählen«, versicherte ihm Anthony.

Vor ihnen verstummten die Lufthansa-Stewardessen, als sie dem Grenzpolizisten ihre Dokumente zeigten. Nachdem er sie durchgewunken hatte, schnatterten sie lebhaft weiter und schlossen zu den beiden Piloten auf. Anthony legte seinen Pass auf den Schalter. Überheblich beäugte ihn der Grenzpolizist, glich das Bild mit Anthonys Gesicht ab und blätterte durch die Seiten.

»Okay, Mister Carter Fulton«, knarrte er in seinem Yankee-Englisch und reckte ihm den Pass entgegen.

Hinter der Kontrolle warteten seine Mädels. Beschwingt lief Bridget auf ihn und Seamus zu. Ihr Lächeln schien niemals zu erlöschen und weitete ihr Gesicht.

»Habt ihr bereits Pläne für heute Nachmittag, Leute?«, zwitscherte sie ausgelassen und vollführte auf ihren hohen Hacken eine halbe Umdrehung. Mit vorgereckter Brust und einem galanten Hüftschwung durchquerte sie die Ankunftshalle. »Ich würde vorschlagen, wir besuchen das World Trade Center. Von der Aussichtsterrasse des Südturms aus muss der Blick auf New York gigantisch sein.«

»Wir sind gerade erst gelandet«, bremste Gillian ihren Tatendrang ein.

»Ich meinte später«, protestierte Bridget und trippelte an Anthonys Seite. Wie Vertiefungen in Samtstoff zeichneten sich niedliche Grübchen in ihren Wangen ab. »Was spricht der Captain? Wäre es nicht gut für die Crew, einen gemeinsamen Ausflug zu unternehmen?«

Ihre Direktheit verblüffte ihn. Er schürzte die Lippen. »Ausgezeichneter Vorschlag«, befand er und wandte sich an James und Simon: »Was meint ihr dazu?«

»Heute war ich weit genug oben, um eine unvergleichliche Aussicht auf die Erdkugel zu bekommen«, erklärte Simon.

»Ist es nicht ein wenig frisch?«, bedachte James, als er aus dem Terminal ins Freie trat.

Im Schatten des Gebäudes war es frostig. Anthony ortete die Sonne, die sich ihren Weg zum Zenit bahnte.

»Wir haben klare Sicht. Bedauerlicherweise war ich bisher noch nicht auf den Türmen«, befand er und widmete Bridget ein knappes Nicken. »Wird Zeit, das zu ändern.«

Zielstrebig lief er auf eines der gelben Taxis zu, die in einer Reihe warteten und nannte dem Fahrer die Adresse des Hotels.

Seit dem letzten Stopover hatten sich die Baumkronen im Central Park gelichtet. Anthony stand am Fenster und blickte aus elf Etagen auf die weit angelegten Grünflächen, künstliche Teiche und Seen und Wege, die sich durch den Park schlängelten. Gedankenverloren löste er die Krawatte aus dem Hemdkragen und wickelte sie um seine Hand. Wie das Laub, das ein Windhauch von den Ästen riss, prasselten die Erinnerungen an Konstanze auf ihn ein.

Keinen Monat lag es zurück, als er ihr im Ruderboot auf dem Pond versichert hatte, sie zu heiraten. Auch heute würde Anthony ihr sein Wort darauf geben. Seine Gefühle für sie hatten sich nicht geändert. Jetzt lehnte er am Fenster dieses Hotels, in dem sie die eine oder andere Nacht verbracht hatten und die Ungewissheit, ob sie ihm noch zuhören wollte, rieb ihn auf.

Sein Blick schweifte zum Telefon auf dem Beistelltisch. Verlockend schien es ihm zuzugrinsen, komm schon, ruf sie an. Das hast du sonst auch jedes Mal getan, als du gelandet bist. Es wäre so einfach. Eine Nummer, ein paar Töne und er könnte ihre Stimme hören. Vielleicht das Hello, mit dem sie sich leicht überrascht meldete, selbst wenn sie seinen Anruf erwartete. Doch was sollte er sagen? Wie begann man ein Gespräch, nachdem man sich nur angeschwiegen hatte?

»Konstanze, Liebling«, murmelte Anthony leise, unbeantwortet wie in einem luftleeren Raum.

In seiner Brust spürte er ein Brennen. Als könnte er sein Verlangen nach ihr niederringen, quetschte er das Band aus Kunstseide mit den Fingern zusammen. Er lockerte seinen Griff und erkannte, dass es idiotisch war. Verdrossen warf er die Krawatte auf den Beistelltisch und nahm einen großen Schluck von der Budweiser-Flasche, die er aus der Zimmerbar genommen hatte.

In London wäre es jetzt halb sechs am späten Nachmittag. Falls sie zu Hause wäre, verdiente sie mehr als einen unpersönlichen Anruf. Früher war es ihm so leicht gefallen ... For fuck’s sake!

»Wenn man am Fuß der beiden Türme steht, wird einem bewusst, wie hoch 1368 Fuß wirklich sind«, bemerkte Simon, während Anthonys Blicke an der Fassade des World Trade Centers hinaufglitten. »Verglichen mit den Gefilden, in denen wir unterwegs sind, ist es lächerlich wenig.«

»Alles eine Frage der Perspektive.« Anthony legte den Kopf in den Nacken. Von seinem Standpunkt beim Brunnen konnte er die Antenne auf dem Nordturm nicht mehr erkennen.

Lachend und angeregt plaudernd posierten die Mädels vor dem Springbrunnen, während Seamus sie mit ihren jeweiligen Kameras knipste. Dafür, dass er die Taschen ums Handgelenk trug, stellte er sich ziemlich geschickt an.

»Hey, Ace, Simon!«, rief Bridget, die sich in die Mitte der Gruppe gequetscht hatte. Auffordernd rutschte sie ein Stück zur Seite und klopfte auf den Rand des Bassins. »Wollt ihr nicht mit aufs Foto?«

Augenverdrehend schielte Simon zu Anthony herüber und strich eine rotblonde Strähne aus der Stirn, die der lebhafte Wind zerzaust hatte. »Ich überlasse dem jungen Mann gerne meinen Platz. So schön bin ich heute nicht«, murmelte er und rief Seamus zu: »Gesell dich zu den Mädels, ich mache die Fotos.«

»Jetzt muss der Captain in die Mitte«, bestimmte Bridget und die Gruppe schob sich für Anthony auseinander.

Allerdings verharrte sie auf ihrem Platz, überkreuzte ihre in hohen Stiefeln steckenden Beine und warf den Saum ihres taubengrauen Mantels zur Seite. Sie rückte näher an Anthonys Schulter heran und strahlte mit der Sonne um die Wette. Mühevoll rang er sich ein Lächeln ab. Nichts war anstrengender als so lange in der gleichen Pose verharren zu müssen, bis jemand den Auslöser drückte.

»Danke, Ladies and Gentlemen«, rief Simon, als er mit allen Kameras ein Foto geschossen hatte. »Möchte sonst jemand ein Bild von sich allein mit dem Brunnen und dem World Trade Center im Hintergrund?«

Erleichtert erhob sich Anthony, während Bridget am Bassin sitzen blieb. Wie ein Modell für eine Modezeitung tauchte sie ihre Hand ins Wasser und ließ es durch die Finger gleiten.

»Wer fährt eigentlich alles hoch auf den Südturm?«, rief Simon in die Runde und klang nicht danach, als wäre er mit Begeisterung dabei.

»Ich würde schon«, antwortete Seamus und wickelte den Wollschal enger um seinen Hals.

»Auf jeden Fall«, bestand Bridget und schritt auf ihn und Anthony zu.

»Wenn mir hier schon kalt ist, werde ich oben erfrieren«, erklärte Gillian und schloss sich Simon und dem Rest an. »Das Windows of the World ist nicht ganz so hoch, aber man hat bei einer Tasse Tee oder einem Gläschen Wein auch eine schöne Aussicht.«

»Wie du meinst«, zuckte Bridget mit den Schultern und raunte vertraulich: »Fahren wir eben zu dritt auf die Plattform.«

Gesagt, getan. Gefolgt von ihr und Seamus trat er durch die riesigen Glastüren des Südturms und sah sich beeindruckt um. Hoch aufragende Spitzbögen spannten sich über das Foyer. Amerikas Flagge hing an einem der Pfeiler und die Fächer einer imposanten Zierpflanze rahmten sie ein. Die Halle erinnerte Anthony an die Kathedrale von Winchester, nur ohne Verzierungen.

»Es ist wie ein Tempel des Kapitalismus, nicht wahr?«, bemerkte er spöttisch, während Bridget ihren Blick über die Struktur gleiten ließ. Seine Schwester Cassie, die als Abgeordnete der Labour-Party im Unterhaus saß, hätte es nicht trefflicher formulieren können.

»Und wir sind nur die Pilger«, meinte Seamus mit einem schelmischen Grinsen.

Anthony konnte sich nicht entscheiden, ob er fasziniert oder eingeschüchtert sein sollte, als er auf die Fahrstühle zuging. Männer in Anzügen eilten an ihm vorbei, begleitet vom hektischen Stakkato ihrer Absätze trugen Sekretärinnen Ordner und Unterschriftsmappen vor sich her und Geschäftsleute führten leise Gespräche.

»Madam, wie kommen wir bitte zur Besucherplattform?«, fragte Anthony eine Angestellte.

»Fahren Sie bis zur Sky Lobby in der 78. Etage«, antwortete die Frau freundlich. »Dort steigen Sie in den zweiten Lift um, der Sie zur 107. bringt.«

Die Etagennummern auf der digitalen Anzeige verschwammen fast, als der Aufzug hochraste. Stumm lächelte ihm Bridget zu. In der Sky Lobby angekommen wechselten sie in den Fahrstuhl, der sie direkt ins 107. Stockwerk brachte. Auf der Aussichtsplattform pfiff der Wind schneidend in Anthonys Gesicht. Hier oben war er deutlich stärker.

»Oooh, ist das kalt!«, stieß Bridget aus, kniff die Augen zusammen und hob schützend die Hand vor ihrem Kopf. Ihr Mantelsaum bauschte sich.

Offenbar bezweifelte ihre Idee, an einem klaren, zapfigen Novembertag den Südturm des World Trade Centers hochzufahren und die Aussicht zu genießen. Unbeirrt strahlte sie und ihr breites Lächeln hob ihre Wangenknochen an.

»Nicht wahr?«, versetzte Anthony und schritt auf das von hohen Glaswänden umsäumte Geländer zu. »Warst du schon einmal hier, Seamus?«