Crazy about Christmas - Rhiana Corbin - E-Book

Crazy about Christmas E-Book

Rhiana Corbin

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Beschreibung

Delaney Hill erbt den Wollladen ihrer Tante Gracy, der seit Jahren keinen Gewinn mehr abwirft. Ihn zu schließen, bringt sie allerdings nicht übers Herz, da er der Treffpunkt von Maggie, Bella und Perdita ist. Die drei betagten Frauen unterstützen Delaney mit guten Ratschlägen und einer Menge Strickerfahrung, besonders als Jesse Mansfield sich in ihr Geschäft verirrt. Der sexy Bauarbeiter erregt nicht nur die Aufmerksamkeit der drei Damen, auch Delaneys Herz schlägt plötzlich höher. Um das Geschäft in der Wonder Lane wieder zum Laufen zu bringen, ist vor Weihnachten ein Umbau vonnöten. Ein Glück, dass Delaney immer wieder auf Jesse trifft, der seine Hilfe anbietet. Dies ist so lange eine gute Idee, bis Delaney seine wahre Identität aufdeckt ...

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Seitenzahl: 187

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Beliebtheit




Crazy about Christmas

Liebe in der Wonder Lane

Rhiana Corbin

Inhalt

Playlist

1. Crazy

2. Black Velvet

3. Wherever you will go

4. Natural

5. More than words

6. Promise

7. My Baby just cares for me

8. Vision of Love

9. Soulmate

10. High

11. There’s nothing holdin‘ me back

12. Señorita

13. Bad liar

14. New Rules

15. You’re not the only one

16. Jeepster

17. Dusk till dawn

18. Judgement Day

19. Hero

20. Because I love you

21. Crawl

22. Sound of a woman

23. You are the reason

24. Piano - Dusk till dawn

25. All I want for

Danke

Leseprobe Harry Christmas

Leseprobe Weihnachten mit Mr. Darcy

Deutsche Erstausgabe

Copyright © 2018, Rhiana Corbin

Alle Rechte vorbehalten

Nachdruck, auch auszugsweise,

nur mit Genehmigung

1. Auflage

Covergestaltung: Marie Wölk

http://www.wolkenart.com/

Unter Verwendung folgender Fotos:

© Olexander Kozak by shutterstock.com

© Slidezero by bigstock.com

Kajsa Arnold Edition

www.kajsa-arnold.de

Erstellt mit Vellum

Playlist

Crazy – AerosmithBlack Velvet – Alannah MylesWherever you will go – The CallingNatural – Imagine DragonsMore than words – ExtremePromise – Lukas GrahamMy Baby just cares for me – Jeff GoldblumVision of Love –Mariah CareySoulmate – Natasha BedingfieldHigh – Whethan & Dua LipaThere’s nothing holdin’ me back – Shawn MendesSenorita – Justin TimberlakeBad liar – Imagine DragonsNew Rules – Dua LipaYou’re not the only one – Lukas GrahamJeepster – Hollywood VampiresDusk till dawn – ZAYN feat. SiaJudgement Day – StealthHero – Mariah CareyBecause I love you – YirumaCrawl – Joseph J. JonesSound of a woman – KieszaYou are the reason – Calum ScottPiano Dusk till dawn – Costantino CarraraAll I want for Christmas is you – Justin Bieber & Mariah Carey

Die Playlist ist unter folgendem Link bei iTunes abrufbar:

https://itunes.apple.com/de/playlist/crazy-about-christmas-rhiana-corbin/pl.u-55D6677cg8pZbW

Crazy

»Wie konnte das nur so plötzlich geschehen?« Ich schniefte ein wenig hilflos und blickte in die Runde. Die älteren Damen am Tisch nickten mitfühlend, wobei sie nicht weinten. Aber es war ja auch nicht ihre Tante, die wir heute beerdigt hatten, sondern meine. Wenn ich jedoch genau darüber nachdachte, Gracy war ihre beste Freundin gewesen. Die Damen waren gefasst, so, als würde das Leben einen darauf vorbereiten, dass es jeden Augenblick zu Ende gehen könnte. Je länger man lebte, desto gelassener wurde man, wenn jemand das Zeitliche segnete. So kam es mir zumindest vor, wenn ich die Gesichter der drei Damen richtig las.

Maggie nickte mir zu und klapperte unaufhörlich mit den Stricknadeln. »Es war eine sehr schöne Beerdigung. Ich kenne mich aus, schließlich habe ich schon eine Menge Freunde und Verwandte überlebt und unter die Erde gebracht«, erklärte die Achtzigjährige mit wissendem Blick.

»Mein Gott, Maggie. Du hörst dich an, als wärst du der Totengräber persönlich«, fand Bella und schüttelte heftig den Kopf, dass ihre lila gefärbten Haare nur so wippten.

»Schau sie dir doch an. Maggie sieht doch aus wie der Tod auf zwei Beinen.« Perdita lachte auf und alle anderen, selbst Maggie, stimmten mit ein.

Ich liebte diese Runde. Die besten Freundinnen meiner Tante Gracy Hill. Sie war vor einigen Tagen plötzlich verstorben, obwohl sie erst fünfundsechzig gewesen war. Nie war sie ernstlich krank, außer den üblichen wetterfühligen Wehwehchen gab es nichts zu beklagen und gerade deshalb hatte mich ihr Tod so umgehauen. Bella hatte mir erzählt, dass Gracy an Herzproblemen gelitten hatte, aber das war für mich kein Grund, dass man so plötzlich starb. Gracy betrieb bis zu ihrem Tod ein Wollgeschäft, in dem sich Maggie, Bella und Perdita jeden Nachmittag trafen, strickten und Tee tranken. Nur so zum Hobby, immerhin waren die Frauen alle Witwen und mussten sich irgendwie die Zeit vertreiben.

Ein Blick in die Bücher am frühen Morgen hatte mir gezeigt, dass der Laden schon lange keinen Gewinn mehr abwarf. Zum Glück hatte ich einen Master in Betriebswirtschaft, und fand mich im Nu in der Buchhaltung zurecht. Ihr Vermieter hatte ihr einen bösen Brief geschrieben, in dem er andeutete, den Mietvertrag des Ladenlokals nicht zu verlängern. Vermutlich hatte das Gracy so zugesetzt. Ich wollte, ich hätte vor ihrem Tod noch mit ihr sprechen können, aber ich war vor einer Woche erst aus Spanien zurückgekehrt, um die Urne beizusetzen. Zum Glück hatte Maggie sich um die Formalitäten gekümmert.

»Was hast du jetzt mit dem Laden vor?«, fragte Bella und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Obwohl sie schon siebenundsiebzig war, trug sie einen modernen Haarschnitt, in einer modernen Farbe, wenn lila wieder in Mode kam.

»Der Laden steht kurz vor dem Ruin. Er wirft keinen Gewinn ab, die Bilanzen sind eine Katastrophe, ich denke nicht, dass ich einen Käufer finden werde.« Ich blickte die Frauen traurig an und trank einen Schluck Tee, den Perdita zubereitet hatte. Wie sehr ich diese dünnen Tassen des Teeservices liebte. Es war, seit ich denken konnte, in Gracys Besitz. Gegen alles gibt es ein gutes Mittel, nämlich eine heiße Tasse Tee, war ihr tröstender Satz, wenn meine Welt mal wieder aus den Fugen geriet und das war in letzter Zeit häufig der Fall gewesen. In Zukunft gab es nun niemanden mehr, der mich über meinen Liebeskummer hinwegtrösten würde. Erneut stiegen mir die Tränen in die Augen.

»Ach Kindchen! Das wird schon. Aber du kannst unmöglich den Laden aufgeben. Wo sollen wir uns denn sonst treffen? Wo soll ich meine Wolle herbekommen?«, meinte Bella ein wenig hilflos.

»Na, aus dem Internet natürlich«, erklärte Maggie und zog ihre Augenbrauen hoch.

»Hast du etwa einen dieser Computer?«, fragte Bella und sah Maggie entgeistert an.

»Nein, natürlich nicht. Als wenn ich mit so einem Teufelsgerät umgehen könnte, aber Delaney kann es.«

»Das ist es, warum Gracy keinen Gewinn mehr machte. Sie hatte keinen Computer.« Perdita sah mich traurig an.

»Vermutlich«, stimmte ich leise zu.

»Ach, so ein Quatsch«, fiel mir Maggie ins Wort, »als ob ein Computer dir ein kompliziertes Strickmuster erklären könnte, oder die Qualität der besten Wolle aus Peru testen kann. Ich bin achtzig Jahre ohne dieses Ding zurechtgekommen und wir werden alles dafür tun, dass Gracys Woolland nicht schließen muss.« Ich sah einen Kampfeswillen in ihrem Blick aufleuchten, um den ich sie nur beneiden konnte, denn ihre Zuversicht teilte ich leider nicht.

Die Türglocke läutete und gab einen hellen fröhlichen Klang von sich. Mist! Ich hatte wohl vergessen, die Ladentür hinter mir abzuschließen. Schnell erhob ich mich und wollte erklären, dass heute geschlossen war, nein, dass wohl wegen Geschäftsaufgabe für immer geschlossen sein würde, als mir die Worte im Hals stecken blieben. Ich starrte zur Tür, und der Stille nach zu urteilen, taten es Maggie, Bella und Perdita ebenfalls.

»Guten Tag«, grüßte eine tiefe männliche Stimme, die zu einem großen, noch männlicher wirkenden Mann gehörte. Er trug einen weißen Bauhelm in der Hand. Seine scheinbar durchtrainierten Beine steckten in einer schwarzen Arbeitshose mit einer Menge Taschen und mit einem Gürtel, an dem eine Menge Werkzeuge hingen. Er trug ein schwarz-weiß kariertes Hemd, darunter kam am Kragen ein weißes Shirt zum Vorschein. Um den Hals trug er ein Tuch geknotet, das für diese Jahreszeit viel zu dünn wirkte. Schwere Bauarbeiterstiefel hinterließen einen dumpfen Klang, als er nähertrat. Er blickte mich aufmerksam an, bis mir klar wurde, dass ich die Begrüßung erwidern sollte.

»Guten Tag«, erwiderte ich und meine Stimme klang heiser. Ich räusperte mich und fühlte mich unter seinem intensiven Blick unwohl.

»Ich hoffe, Sie können mir helfen.« Diese dunkle Stimme machte etwas mit mir, so dass ich einen leichten Schauder spürte.

»Und ob wir das können«, hörte ich hinter mir eine laute Stimme. Wer das genau gesagt hatte, konnte ich noch nicht mal bestimmen.

Sein Blick ging an mir vorbei und er grinste. »Guten Tag, Ladys«, begrüßte er das Trio, die ihre Handarbeiten bei dem Anblick seiner imposanten Erscheinung zu vergessen schienen. Die Damen verwandelten sich innerhalb von Sekunden in junge Frauen. Starrten ihn an, als wollten sie ihn bei lebendigem Leib verspeisen. Es fehlte nur noch, dass sie anfingen, die Frisuren zu richten und die Blusen einen Knopf weiter zu öffnen.

Vermutlich war er solch ein Verhalten des weiblichen Geschlechts durchaus gewöhnt, denn er intensivierte sein Lächeln. Er hielt einen Umschlag in der Hand, den er aber schnell in die hintere Tasche seiner Hose steckte. »Ich brauche einen Bündel Wolle«, richtete er seine Worte wieder an mich.

»Wir haben geschlossen«, erklärte ich knapp.

»Haben wir nicht«, rief Maggie laut. »Wir sind hier, also ist der Laden geöffnet.«

Ich verdrehte innerlich die Augen.

»Du kannst doch jetzt jeden Penny gebrauchen«, haute Bella in die gleiche Kerbe.

»Was genau brauchen Sie denn? Zum Stricken oder Häkeln?«, fragte ich daher, bevor das Trio infernale noch auf die Idee kam, ihn selbst zu bedienen.

Er kratzte sich am Kopf. »Ähm, also um die Wahrheit zu sagen, ich habe keine Ahnung. Es soll ein Geschenk für meine Mutter sein.« Er sah mich verlegen an.

»Benutzt sie eine oder zwei Nadeln?«, half ich ihm.

»Zwei.« Er nickte zuversichtlich.

»Okay. Welche Art von Wolle wünschen Sie denn?«

Hilflos sah er zu den überfüllten Regalen hinüber, die an den Wänden standen.

»Sie strickt mir immer diese hässlichen Pullover, die ich dann zu Weihnachten tragen muss, Sie wissen schon.«

Ich nickte verstehend. Der arme Kerl.

»Gracy hat doch diese wundervolle Wolle in Dunkelblau bestellt«, rief Perdita mir zu, »aus Babyalpaka. Die ist so angenehm warm und weich auf der Haut.«

»Sind Sie Gracy?«, fragte er an mich gewandt.

»Nein, das ist Delaney«, erklärte Maggie und ließ sich meinen Namen auf der Zunge zergehen, als handele es sich um ein cremiges Sahneteilchen.

»Delaney Hill«, stellte ich mich kurz vor.

»Gracy ist gestorben«, rief Bella zu uns herüber.

Sein Blick glitt an meinem Körper hinunter und nickte. »Daher die schwarze Nonnentracht.«

Was? »Ja, ich hatte noch keine Gelegenheit, mich umzuziehen.« Warum erklärte ich mich hier gerade?

»Die Wolle steht noch auf der Theke. Gracy hatte keine Gelegenheit mehr, sie wegzuräumen.« Maggie wollte sich erheben und ich hob die Hand. »Ich schaffe das schon.«

Mit wenigen Schritten ging ich hinter die Theke und hob den Deckel des Kartons ab, der als einziger dort stand.

»Dunkelblau. Babyalpaka. Ganz weich.« Ich nahm einen Knäuel in die Hand und hielt sie ihm entgegen.

Als hätte die Wolle eine ansteckende Krankheit, strich er nur mit einem Finger vorsichtig darüber und nickte. »Gut, packen Sie sie mir ein.«

»Wie viele Knäuel?«

»Alle«, erklärte er knapp. Er schien sich zwischen all der Wolle und den Frauen unwohl zu fühlen, was ich ihm nicht verdenken konnte. Als Bauarbeiter war das nicht wirklich sein Gewerbe.

»Das sind zwanzig Knäuel«, entfuhr es mir.

»Vierundzwanzig«, verbesserte mich Bella.

»Vierundzwanzig«, wiederholte ich und er nickte mir zu.

»Packen Sie den ganzen Karton ein.«

Schnell schob ich den Karton in eine der Papiertüten, die den Werbeaufdruck von Gracys Woolland trug, nahm das Geld entgegen und reichte ihm die Tüte.

»Vielen Dank.« Er nickte mir zu und als er die Tüte entgegennahm, berührten sich kurz unsere Finger. Ich glaubte sogar, ein Knistern zu hören. Schnell zog ich meine Hand weg und erntete ein kleines Lächeln, das sein Gesicht sehr sympathisch machte.

»Kommen Sie bald wieder, junger Mann«, rief Maggie ihm zu und winkte vergnügt.

»Nur, wenn Sie etwas zu bauen haben«, erwiderte er ihre Aufforderung und verließ mit einem Lächeln den Laden.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, atmete ich merklich aus. Es war, als hätte er jedes Sauerstoffteilchen für sich beansprucht, mir nur einen kleinen Teil übriggelassen.

»Wie heißt er denn?«, fragte Bella neugierig, als ich mich wieder an den Tisch setzte, der im hinteren Bereich des Ladens stand.

»Keine Ahnung«, gab ich zu.

»Aber warum hast du ihn denn nicht gefragt?« Maggie schüttelte missbilligend den Kopf.

»Ich kann doch nicht jeden Kunden nach seinem Namen fragen.«

»Du sollst ja auch nicht jeden Kunden fragen, aber ihn hättest du ruhig fragen können. Er wäre genau der richtige Mann für dich.« Perdita nickte wissend, während sie eifrig mit den Stricknadeln klapperte.

»Aber ich suche doch gar keinen Mann«, gab ich überrascht von mir.

»Ach, papperlapapp, jeder sucht einen Partner und so lange du noch jung und hübsch bist, solltest du dich auf die Suche machen. Männer leben ohnehin nicht so lange wie wir Frauen.« Maggie sah ihre Freundinnen der Reihe nach an und erntete nur zustimmendes Kopfnicken.

Das waren ja tolle Aussichten.

Black Velvet

Zwei Häuser weiter betrieb Lou Palmer einen Pub. Als ich den großen Schankraum betrat, blickte ich mich verwundert um. »Was ist denn hier los?«, rief ich Lou über die Theke hinweg zu. Laute Musik plärrte aus den Boxen, dazu schiefer Gesang, aber eine Band war nicht in Sicht.

»Weihnachtsfeier der Firma, die das Gebäude auf der anderen Straßenseite renoviert. Sie haben einen Karaoke Abend gebucht«, erklärte Lou mit einem Lächeln auf den Lippen und nickte zur Bühne.

Lauter Applaus ertönte und Rufe waren zu hören.

»Ich brauche dringend etwas zu trinken«, erklärte ich und ließ mich auf einem der Barhocker nieder. Neben den Gästen der Weihnachtsfeier waren nur wenige Stammgäste anwesend.

»Kommt sofort.« Lou nickte mir wissend zu, sie gehörte zu den Menschen, die am Morgen Gracy zu Grabe getragen hatten. Sie stellte mir ein Glas und eine Flasche Tequila nebst einigen Zitronenschnitzen hin. »Geht aufs Haus.«

»Sehe ich so scheiße aus?«, fragte ich mit einem Lächeln auf den Lippen.

»Ja, aber trotzdem immer noch wunderschön, mit deinen blonden Locken und den grünen Augen, bringst du doch jeden Mann um den Verstand«, gab Lou zurück und zwinkerte mir zu.

Ich war vor über einem Jahr in die Wonder Lane gezogen, seitdem war Lou zu einer guten Freundin geworden. Da ich aber einige Monate durch Europa gereist war, nachdem ich meinen Abschluss in der Tasche hatte, waren wir uns auf der Beerdigung erst wiederbegegnet. Lou hatte Gracy oft besucht und einen Tee mit ihr getrunken. Lou war ein wenig älter als ich, und ich beneidete sie, dass sie mit achtundzwanzig schon ihre Erfüllung gefunden hatte. Eine eigene Bar zu führen, zeugte von Durchsetzungsvermögen und Willenskraft, die mir wohl noch fehlte.

Ein neues Lied erklang und ich horchte neugierig in Richtung der kleinen Bühne, dem Standort der Karaoke Anlage. Die ersten Töne von Crazy erklangen. Eines meiner Lieblingslieder und ich war gespannt, wer sich das Lied ausgesucht hatte, denn Steven Tyler zu interpretieren schien mir nicht so einfach.

Das »Come here, Baby …« klang so kraftvoll, dass ich mich abrupt zur Bühne umdrehte, und mich mit den Ellenbogen auf der Theke abstützte. Ein Glück, denn ich traute meinen Augen nicht. Mit wohlklingender Stimme gab der Bauarbeiter, der vorhin noch in meinem Laden gestanden hatte, eine Darbietung zum Besten, die Aerosmith begeistert hätte. Unter dem Jubel der anderen Männer sang er den Text fehlerfrei, und die mindestens zehn harten Kerle stimmten in den Refrain mit ein. Selbst die hohen Oktaven schaffte er stimmgewaltig. Ich war echt beeindruckt. Wow! Was für eine Stimme und vor allem, was für ein Kerl. Als das Lied ausklang, jubelte das ganze Lokal.

»Er ist richtig gut«, rief Lou hinter mir und ich drehte mich zu ihr um.

»Ja, kaum zu glauben.«

»Besonders, wenn man bedenkt, dass er nicht einmal auf den Teleprompter geschaut, sondern die ganze Zeit dich angestarrt hat.« Lou grinste mich vielsagend an.

»Vermutlich ein echter Steven Tyler Fan.«

»Vermutlich ein echter Fan von dir«, verbesserte mich Lou und grinste breit.

Sie hatte recht, jetzt wo sie es sagte, fiel es mir wieder ein. Er hatte die ganze Zeit Augenkontakt mit mir gehalten, so dass ich ihn nur gebannt anstarren konnte, was mir jetzt echt peinlich war. Vielleicht sollte ich schnell etwas trinken und dann verschwinden.

»Auf Gracy.«

Ich sah Lou an, die mir ein Shot Glas in die Hand drückte. Wir kippten gemeinsam den Drink und ich schüttelte mich. Der erste Drink war immer der schlimmste.

»Lou, machst du uns noch ein Runde?«

»Klar, kommt sofort, Raiden.«

»Wer ist denn diese nette Lady?«, fragte Raiden, der sich auf den Barhocker zu meiner Linken setzte, an Lou gewandt.

»Das ist Delaney aus dem Wollgeschäft gegenüber«, erklärte eine mittlerweile vertraute Stimme zu meiner Rechten.

»Ihr kennt euch?«, fragte Lou überrascht.

Ich nickte.

»Ich habe bei Delaney ein Geschenk gekauft«, erklärte der Bauarbeiter, dessen Namen ich immer noch nicht kannte.

»Aber du kannst doch gar nicht stricken«, meinte Lou überrascht und sah mich an.

»Jesse hat ja auch Wolle gekauft«, erklärte Raiden vielsagend.

Jesse war also sein Name. Wirklich ein schöner Name und er passte gut zu dem Mann mit den lohfarbenen Haaren und den intensiven blauen Augen, der mit seinen breiten Schultern und seiner Größe alle Blicke auf sich zog.

»Sie können gar nicht stricken?«, fragte er mich überrascht und hob eine Augenbraue.

»Nein, nicht wirklich.«

»Es tut mir wirklich leid um Ihre Tante«, sagte er leise und griff nach dem Bierglas, das Lou ihm reichte.

»Die anderen kommen sofort«, rief Lou.

»Willst du mich der Lady nicht vorstellen?«, fragte Raiden an Jesse gewandt.

»Klar. Raiden, das ist Delaney … Delaney, Raiden. Ich arbeite mit ihm zusammen«, stellte er uns einander vor. »Ich bin übrigens Jesse.« Er hielt mir die Hand entgegen.

»Jesse«, sagte ich leise und ließ mir den Namen auf der Zunge zergehen. Als ich seine Finger berührte, war da wieder dieses Kribbeln, das ich schon im Laden gespürt hatte. Er spürte es auch, denn diesmal zog er schnell seine Hand weg, was ich mit einem Lächeln quittierte.

»Eure Bestellung, Jungs.« Lou stellte ein Tablett mit mehr als zehn Gläsern ab.

»Danke, Lou.« Raiden grinste sie schräg an und mir kam es so vor, als würden die beiden miteinander flirten.

»Setz es auf die Rechnung«, erklärte Jesse und an mich gewandt fragte er: »Bist du noch länger hier?«

Er duzte mich einfach, und ich wollte schon Einwand erheben, doch ich musste zugeben, dass es mir gefiel, also beließ ich es dabei. »Klar, ich habe heute nichts mehr vor, der Tag war stressig genug.«

Er nickte, nahm sein Bierglas und kehrte mit Raiden zurück zu der Truppe, die laut die nächste Runde Bier begrüßte.

»Was hast du jetzt mit dem Laden vor?« Lou lehnte sich zwei Stunden später entspannt gegen die Theke und verschränkte die Arme vor der Brust. Die letzten Stammgäste hatten mittlerweile bezahlt und waren gegangen.

Ich hob müde die Schultern. »Keine Ahnung. Ich wollte ihn eigentlich schließen, doch was machen dann Maggie, Bella und Perdita? Ich kann sie nicht einfach vor die Tür setzen. Das kann und will ich den alten Ladys nicht antun. Der Wollladen ist ihr Leben. Sie haben doch sonst nichts mehr.« Ich seufzte traurig.

»Und du auch nicht. Was ist, wenn du ihn weiterführst?«, fragte Lou vorsichtig.

»Daran habe ich auch schon gedacht. Ich meine, ich müsste mir jetzt nach dem Studium ohnehin eine Stelle suchen, warum also nicht gleich selbstständig machen? Wofür habe ich einen Master in Betriebswirtschaft, wenn ich ihn nicht einsetze? Ich hoffe nur, dass ich diesen miesen Vermieter des Ladens davon überzeugen kann, dass er den Mietvertrag verlängert. Er läuft Ende Dezember aus und er will ihn wohl kündigen, weil das Gebäude saniert werden soll. Gracy hatte schon mit allen Mitteln versucht, ihn zu überzeugen, doch er schien ziemlich unnachgiebig. Das hatte sie mir zumindest in einem Telefonat erzählt.«

»Vielleicht solltest du mal persönlich mit ihm sprechen und ihn davon überzeugen, dass dein Geschäft gute Gewinne abwirft und du deshalb den Standort nicht wechseln kannst.« Lou füllte erneut die Shot Gläser.

»Dazu müsste ich aber erst einmal Gewinne einfahren. Gracy war eine wundervolle Frau, doch vom Geschäft verstand sie leider nicht so viel. Ich muss mir einige Strategien überlegen, damit ich den Laden wieder auf Vordermann bringe. Wir brauchen eine Website und vielleicht sollte ich es mit einem Onlinehandel probieren. Ich habe eine Menge Ideen.« Plötzlich spürte ich neuen Elan in mir aufsteigen.

»Prost! Trinken wir auf deinen Erfolg.« Lou stieß mit mir an und ich merkte bereits den Alkohol in meinem Blut. Ich vertrug nicht viel, es wurde Zeit, dass ich nach Hause kam. Es war ein langer Tag und dazu kein guter, ich sehnte mich nach meinem Bett und einer Mütze Schlaf.

»Was bin ich dir schuldig?«, fragte ich Lou und nahm meine Handtasche.

»Nichts, deine Drinks gehen heute aufs Haus.« Sie sah mich mitfühlend an. »Für Gracy. Ich hoffe, du entscheidest dich für den Laden, ich will keine neuen Nachbarn in dieser Straße.«

»Du willst doch wohl nicht gehen, bevor wir noch etwas zusammen getrunken haben?«

Ich drehte mich um und sah in Raidens graue Augen, die mich herausfordernd anblickten. »Vielleicht hast du ja Lust, eine Runde Karaoke zu singen.«

»Delaney ist eine tolle Sängerin«, kam von Lou und ich funkelte sie böse an. Nach Singen war mir heute wirklich nicht zumute. Ich wollte doch nach Hause.

»Komm, ein Lied. Die Jungs brechen gerade auf. Nur Jesse und ich sind noch hier.« Raiden ließ nicht locker.

»Komm, Delaney, zeig den Jungs, was du draufhast«, forderte auch Lou, »sonst muss ich am Ende noch singen. Und du weißt, was das zu bedeuten hat.«

Oh ja, das wusste ich. Lou war eine tolle Gastwirtin, aber sie konnte keinen geraden Ton singen. Das konnte ich den beiden wirklich nicht zumuten. »Okay, ein Lied«, stimmte ich zu.

Ich begab mich zur Karaoke Anlage und wählte ein Lied aus. Jesse reichte mir das Mikro und sah mich aufmerksam an. Als die ersten Takte erklangen, unterbrach ich den Blickkontakt und wandte mich dem Teleprompter zu.

Der dunkle Bass ertönte und ich sang zu Black Velvet von Alannah Myles, mit kratzig, rauchiger Stimme. Raiden pfiff auf den Fingern und Jesse ließ sich rittlings auf einem Stuhl nieder, legte seine Arme auf die Rückenlehne. Er beobachtete mich aufmerksam, doch ich versuchte es auszublenden, konzentrierte mich ganz auf den Text. Ich sang von schwarzem Samt und den Südstaaten. Als der Song endete, erntete ich nicht nur Beifall von den Jungs, auch Lou klatschte begeistert.

»Machst du das etwa beruflich?«, fragte Raiden begeistert. Lachend schüttelte ich den Kopf und ging zum Tresen zurück.

»Was trinkst du?«, wollte Jesse wissen, der mir mit Raiden gefolgt war.

»Ein Wasser, ich hatte schon mehr als genug.«

Raiden verzog das Gesicht. »Das ist nicht dein Ernst. Wir feiern doch Weihnachten.«