Daß du ewig denkst an mich - Mary Higgins Clark - E-Book

Daß du ewig denkst an mich E-Book

Mary Higgins Clark

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Beschreibung

Spannung, Nervenkitzel, schockierende Überraschungen - ein neues Meisterwerk des sanften Schreckens.
Alles an Laurie Kenyon ist mysteriös. Ein Schock hat eine Persönlichkeitsspaltung ausgelöst. Und eine dieser Persönlichkeiten begeht einen Mord. "Eine professionell aufgebaute Handlung, deren Ende überrascht."PUBLISHERS WEEKLY

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Seitenzahl: 387

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Das Buch

»Ein wunderbarer, packender Spannungsroman. Wenn es et was zu bedauern gibt, dann nur, daß man das Buch so schnell zu Ende gelesen hat«, schrieb Associated Press über diesen Psychothriller. Meisterhaft versteht es Mary Higgins Clark, die Atmosphäre hintergründig aufzuladen und die Leser in weiten Spannungsbögen in ihren Bann zu ziehen. Daß du ewig denkst an mich ist die Geschichte von Laurie Kenyon, die wegen Mordes aus Eifersucht vor Gericht steht und von ihrer Schwester Sarah, einer geschickten Anwältin, verteidigt wird. Alles an Laurie ist mysteriös. Als Kind wird sie entführt und taucht nach zwei Jahren plötzlich wieder auf. Ihre Erinnerungen an die furchtbaren Geschehnisse der Entführung sind vollkommen ausgelöscht. Unter dem Druck der Ereignisse spaltet sich Lauries Persönlichkeit  – und eine dieser vier verschiedenen Persönlichkeiten begeht den Mord. Sarah kämpft mit allen Mitteln um die Schwester, gegen den Widerstand und die hinterhältigen Intrigen einiger Personen, die sich Lauries Zustand zunutze machen wollen.

Die Autorin

Mary Higgins Clark wurde 1928 geboren. Mit ihren Spannungsromanen hat sie weltweit Millionen von Leserinnen und Lesern gewonnen, und mit jedem neuen Roman erobert sie die Bestsellerlisten. Beinamen wie »Königin der Spannung« und »Meisterin des sanften Schreckens« zeugen von ihrer großen Popularität. Die Autorin lebt in Saddle River, New Jersey.

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDie AutorinERSTER TEIL
1 - Juni 1974 Ridgewood, New JerseyKapitel 23 - 1974–1976 Bethlehem, PennsylvaniaKapitel 4Kapitel 56 - Juni 1976 Ridgewood, New JerseyKapitel 7Kapitel 8Kapitel 9
ZWEITER TEIL
10 - 12. September 1991 Ridgewood, New JerseyKapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Kapitel 17 Kapitel 18 Kapitel 19 Kapitel 20 Kapitel 21 Kapitel 22 Kapitel 23 Kapitel 24 Kapitel 25 Kapitel 26 Kapitel 27 Kapitel 28 Kapitel 29 Kapitel 30 Kapitel 31 Kapitel 32 Kapitel 33 Kapitel 34 Kapitel 35 Kapitel 36 Kapitel 37 Kapitel 38 Kapitel 39 Kapitel 40 Kapitel 41
DRITTER TEIL
Kapitel 42 Kapitel 43 Kapitel 44 Kapitel 45 Kapitel 46 Kapitel 47 Kapitel 48 Kapitel 49 Kapitel 50 Kapitel 51 Kapitel 52 Kapitel 53 Kapitel 54 Kapitel 55 Kapitel 56 Kapitel 57 Kapitel 58 Kapitel 59 Kapitel 60 Kapitel 61 Kapitel 62 Kapitel 63 Kapitel 64 Kapitel 65
VIERTER TEIL
Kapitel 66 Kapitel 67 Kapitel 68 Kapitel 69 Kapitel 70 Kapitel 71 Kapitel 72 Kapitel 73 Kapitel 74 Kapitel 75 Kapitel 76 Kapitel 77 Kapitel 78 Kapitel 79 Kapitel 80 Kapitel 81 Kapitel 82 Kapitel 83 Kapitel 84 Kapitel 85 Kapitel 86 Kapitel 87 Kapitel 88 Kapitel 89 Kapitel 90 Kapitel 91 Kapitel 92 Kapitel 93 Kapitel 94 Kapitel 95 Kapitel 96 Kapitel 97 Kapitel 98 Kapitel 99 Kapitel 100 Kapitel 101 Kapitel 102 Kapitel 103 Kapitel 104 Kapitel 105 Kapitel 106 Kapitel 107 Kapitel 108 Kapitel 109 Kapitel 110 Kapitel 111 Kapitel 112 Kapitel 113
Copyright

ERSTER TEIL

1

Juni 1974 Ridgewood, New Jersey

Zehn Minuten bevor es passierte, saß die vierjährige Laurie Kenyon im Schneidersitz auf dem Boden des Kinderzimmers und verstellte die Möbel in ihrem Puppenhaus. Sie hatte keine Lust mehr, allein zu spielen, und wollte in den Swimmingpool. Aus dem Eßzimmer hörte sie die Stimmen von Mama und ihren ehemaligen Schulfreundinnen aus New York. Sie redeten und lachten, während sie zu Mittag aßen.

Mama hatte gesagt, Beth, die manchmal abends auf sie aufpaßte, würde herüberkommen, um mit ihr zu schwimmen, weil Sarah, ihre große Schwester, auf einer Geburtstagsparty war. Aber kaum war Beth eingetroffen, hatte sie auch schon angefangen zu telefonieren.

Laurie strich sich das lange blonde Haar aus dem Gesicht; ihr war warm. Sie war schon vor längerer Zeit ins Obergeschoß gegangen und hatte ihren neuen rosa Badeanzug angezogen. Sollte sie Beth vielleicht noch einmal erinnern?

Beth hatte sich auf der Couch eingerollt und sich das Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt. Laurie zupfte sie am Arm. »Ich habe schon meinen Badeanzug an.«

Beth fertigte sie ärgerlich ab. »Gleich«, sagte sie. »Ich führe ein sehr wichtiges Gespräch.« Laurie hörte, wie sie ins Telefon seufzte. »Babysitten ist einfach widerlich.«

Laurie ging ans Fenster. Eine lange Limousine fuhr langsam am Haus vorbei. Dahinter kam ein offener, mit Blumen beladener Wagen und dann eine ganze Menge weiterer Autos, die alle die Lichter eingeschaltet hatten. Immer wenn sie solche Autos sah, pflegte Laurie zu sagen, daß eine Parade anrücke, aber Mama sagte, nein, das seien Leichenzüge auf dem Weg zu Beerdigungen auf dem Friedhof. Trotzdem dachte Laurie immer an eine Parade, und es machte ihr Freude, die Einfahrt hinunterzulaufen und den Leuten in den Autos zuzuwinken. Manchmal winkten sie zurück.

Beth legte den Hörer auf. Laurie wollte sie gerade fragen, ob sie miteinander hinausgehen und sich die restlichen Autos ansehen könnten, aber da hatte Beth schon eine neue Nummer gewählt.

Beth war wirklich gemein. Laurie ging auf Zehenspitzen hinaus und spähte ins Eßzimmer. Mama und ihre Freundinnen redeten und lachten immer noch. Mama sagte gerade: »Kannst du dir vorstellen, daß es schon zweiunddreißig Jahre her ist, seit wir unsere Abschlußprüfung gemacht haben?«

Die Frau, die neben ihr saß, sagte: »Nun, Marie, bei dir könnte man das schon vergessen. Du hast eine vierjährige Tochter. Ich habe eine vierjährige Enkeltochter!«

»Ach was, wir sehen immer noch verdammt gut aus«, sagte eine andere, und dann lachten sie alle wieder schallend.

Sie bemerkten sie nicht einmal, als Laurie ins Zimmer kam. Sie waren auch gemein. Die hübsche Spieldose, die Mamas Freundin ihr gebracht hatte, stand auf dem Tisch. Laurie nahm sie. Bis zur Gittertür waren es nur ein paar Schritte. Sie öffnete sie lautlos, rannte über die Veranda und die Einfahrt hinunter zur Straße. Dort fuhren immer noch Autos vorbei. Sie winkte.

Sie sah zu, bis die Kolonne verschwunden war, und seufzte. Hoffentlich ging der Besuch endlich. Sie zog die Spieldose auf und hörte Klavierklimpern und Singstimmen: »Osten, Westen...«

»Hallo, Kleine.«

Laurie hatte gar nicht gemerkt, daß jemand an den Randstein gefahren war und angehalten hatte. Eine Frau saß am Steuer. Der Mann neben ihr stieg aus, hob Laurie hoch, und ehe sie wußte, wie ihr geschah, saß sie eingezwängt zwischen den beiden auf dem Vordersitz. Laurie war zu überrascht, um etwas zu sagen. Der Mann lächelte sie an, aber es war kein nettes Lächeln. Der Frau hing das Haar ins Gesicht, und sie trug keinen Lippenstift. Der Mann hatte einen Bart und eine Menge gekräuselter Haare auf den Armen.

Der Wagen begann sich in Bewegung zu setzen. Laurie preßte die Spieldose an sich. Jetzt sangen die Stimmen: »In der ganzen Stadt herum... Jungs und Mädels zusammen...«

»Wo fahren wir hin?« fragte sie. Ihr war eingefallen, daß sie nicht allein auf die Straße hinausdurfte. Mama würde böse sein. Tränen stiegen ihr in die Augen.

Die Frau blickte finster. Der Mann sagte: »In der ganzen Stadt herum, meine Kleine. In der ganzen Stadt herum.«

2

Vorsichtig ein Stück Geburtstagskuchen auf einem Pappteller balancierend, eilte Sarah die Straße entlang. Laurie liebte Schokoladenfüllung, und Sarah wollte bei ihr gutmachen, daß sie nicht mit ihr gespielt hatte, als Mama Besuch hatte.

Sie war ein knochiges, langbeiniges zwölfjähriges Mädchen mit großen grauen Augen, karottenrotem Haar, das sich bei feuchtem Wetter kräuselte, Haut so weiß wie Milch und einem Spritzer Sommersprossen quer über die Nase. Sie sah weder ihrer Mutter noch ihrem Vater ähnlich – ihre Mutter war zierlich, blond und blauäugig, das graue Haar ihres Vaters war ursprünglich dunkelbraun gewesen.

Sarah beunruhigte es, daß John und Marie Kenyon so viel älter waren als die Eltern anderer Kinder. Sie hatte immer Angst, sie könnten sterben, ehe sie herangewachsen war. Ihre Mutter hatte ihr einmal erklärt: »Wir waren schon fünfzehn Jahre verheiratet, und ich hatte die Hoffnung aufgegeben, je ein Baby zu bekommen. Als ich siebenunddreißig war, wußte ich, daß du unterwegs warst. Wie ein Geschenk. Und als dann acht Jahre später Laurie auf die Welt kam – oh, Sarah, das war ein Wunder!«

Sarah erinnerte sich, wie sie in der zweiten Klasse Schwester Catherine gefragt hatte, was besser sei, ein Geschenk oder ein Wunder.

»Ein Wunder ist das größte Geschenk, das ein Mensch bekommen kann«, hatte Schwester Catherine gesagt. Als Sarah darauf mitten in der Klasse zu weinen anfing, flunkerte sie und sagte, sie hätte Magenschmerzen.

Obwohl sie wußte, daß Laurie der Liebling war, liebte Sarah ihre Eltern über alles. Als sie zehn Jahre war, hatte sie einen Handel mit dem lieben Gott abgeschlossen. Wenn Er nicht zuließ, daß Papa und Mama starben, ehe sie erwachsen war, würde sie jeden Abend die Küche saubermachen, helfen, sich um Laurie zu kümmern, und nie wieder Kaugummi kauen. Sie hielt ihren Teil des Handels ein, und bis zur Stunde hatte der liebe Gott sich auch an die Abmachung gehalten.

Ohne daß sie es bemerkte, spielte ein kleines Lächeln um ihre Lippen, als sie um die Ecke der Twin Oaks Road bog. Sie erstarrte. Zwei Polizeiwagen mit zuckendem Blaulicht standen in der Einfahrt. Eine Menge Nachbarn hatten sich versammelt, selbst die neuen Leute zwei Häuser weiter unten an der Straße standen dabei. Alle sahen aufgeregt und verängstigt aus und hielten ihre Kinder fest an der Hand.

Sarah fing zu rennen an. Vielleicht war Mama oder Papa krank. Richie Johnson stand auf dem Rasen. Er ging in ihre Klasse in Mount Carmel. Sarah fragte Richie, was los sei.

Er sah sie traurig an. Laurie sei verschwunden, sagte er. Die alte Mrs. Whelan hatte gesehen, wie ein Mann sie in einen Wagen zog, hatte aber nicht begriffen, daß Laurie gerade entführt wurde.

3

1974–1976 Bethlehem, Pennsylvania

Sie fuhren lange Zeit bis zu einem schmutzigen Haus irgendwo draußen im Wald. Wenn sie weinte, schlugen sie sie. Der Mann hob sie immer wieder auf und drückte sie an sich. Dann trug er sie nach oben. Sie versuchte sich zu wehren, aber er lachte sie nur aus. Sie nannten sie Lee. Selbst hießen sie Bic und Opal. Nach einer Weile fand sie Mittel und Wege, ihnen zu entwischen, in ihren Gedanken. Manchmal schwebte sie einfach an der Decke und beobachtete, was mit dem kleinen Mädchen mit dem langen blonden Haar geschah. Manchmal bedauerte sie das kleine Mädchen. Und dann machte sie sich wieder über das Mädchen lustig. Manchmal, wenn sie sie allein schlafen ließen, träumte sie von anderen Leuten, von Mama und Papa und Sarah. Aber dann mußte sie wieder weinen, und sie schlugen sie; also zwang sie sich, Mama und Papa und Sarah zu vergessen. Das ist gut, sagte eine Stimme in ihrem Kopf. Vergiß sie ganz.

4

Zuerst kam die Polizei jeden Tag ins Haus, und Lauries Bild war auf den Titelseiten der Zeitungen von New Jersey und New York. Sarah konnte nicht mehr weinen, wenn sie ihre Mutter und ihren Vater im Fernsehen in ›Guten Morgen, Amerika‹ sah, wo sie die Leute, die Laurie mitgenommen hatten, anflehten, sie doch wieder zurückzubringen.

Dutzende von Leuten riefen an und sagten, sie hätten Laurie gesehen, aber keiner der Hinweise führte weiter. Die Polizei hatte gehofft, daß eine Lösegeldforderung kommen würde, aber es geschah nichts.

Der Sommer schleppte sich dahin. Sarah bemerkte, wie das Gesicht ihrer Mutter immer verhärmter wurde und ihr Vater ständig irgendwelche Pillen schluckte. Jeden Morgen gingen sie in die 7-Uhr-Messe und beteten zu Gott, er möge Laurie nach Hause zurückbringen. Sarah wachte nachts häufig auf und hörte das Schluchzen ihrer Mutter und die verzweifelten Versuche ihres Vaters, sie zu beruhigen. »Es ist ein Wunder, daß Laurie geboren wurde. Wir müssen jetzt auf das Wunder hoffen, daß sie uns zurückgebracht wird«, hörte sie ihn sagen.

Die Schule fing wieder an. Sarah war immer eine gute Schülerin gewesen. Jetzt flüchtete sie sich geradezu ins Lernen, um ihren Kummer zu vergessen. Sie begann Golf-und Tennisstunden zu nehmen. Aber ihre kleine Schwester fehlte ihr so sehr, und sie litt darunter. Sie fragte sich, ob der liebe Gott sie damit für all die Male strafte, wo sie eifersüchtig auf Laurie gewesen war. Sie machte sich bittere Vorwürfe, daß sie an jenem Tag zu der Geburtstagsparty gegangen war. Wenn der liebe Gott ihnen Laurie zurückgeben würde, würde sie sich immer, immer um sie kümmern, versprach sie.

5

Der Sommer verstrich. Ein kalter Wind wehte durch die Ritzen des Hauses. Laurie fror die ganze Zeit. Eines Tages kam Opal mit langärmeligen Hemden und Overalls und einer Winterjacke zurück. Sie war nicht so hübsch wie die, die Laurie zu Hause getragen hatte. Als es wieder warm wurde, gaben sie ihr andere Kleider, Shorts, Hemden und Sandalen. Ein weiterer Winter verstrich. Laurie sah, wie die Blätter auf dem großen alten Baum vor dem Haus zu knospen begannen und sich öffneten.

Bic hatte eine alte Schreibmaschine im Schlafzimmer. Sie klapperte so laut, daß Laurie es hören konnte, wenn sie in der Küche saubermachte oder vor dem Fernseher saß. Sie mochte das Klappern. Es bedeutete, daß Bic sie in Ruhe lassen würde.

Nach einer Weile pflegte er dann aus dem Schlafzimmer zu kommen, ein Bündel Papiere in der Hand, aus denen er Laurie und Opal laut vorlas. Er schrie dabei immer und schloß immer mit denselben Worten: »Halleluja. Amen!« Dann pflegten er und Opal gemeinsam zu singen. Üben nannten sie das. Lieder über Gott und die Rückkehr nach Hause.

Nach Hause. Ihre Stimmen sagten Laurie, daß das ein Wort war, an das sie nicht mehr denken sollte.

Sonst bekam Laurie niemanden zu sehen, nur Bic und Opal. Und wenn sie ausgingen, schlossen sie sie im Keller ein. Das passierte häufig. Das Fenster dort war fast an der Decke und mit Brettern vernagelt. Der Keller war unheimlich und voller Schatten, die sich zu bewegen schienen. Laurie versuchte jedesmal, sofort auf der Matratze einzuschlafen, die sie ihr auf den Boden gelegt hatten.

Besuch kam fast nie. Und wenn jemand kam, wurde Laurie in den Keller gebracht und mit einem Bein an ein Leitungsrohr gekettet, damit sie nicht die Treppe hinaufgehen und an die Tür klopfen konnte. »Und daß du ja nicht nach uns rufst«, warnte Bic sie. »Du würdest großen Ärger bekommen, und wir könnten dich ohnehin nicht hören.«

Unter ihrer Aufsicht durfte sie in den Garten hinter dem Haus. Sie brachten ihr bei, wie man den Gemüsegarten jätet und Eier aus dem Hühnerverschlag einsammelt. Es gab ein frischgeschlüpftes Küken, und sie durfte es behalten. Im Garten spielte sie mit dem Küken, und manchmal, wenn sie im Keller eingesperrt wurde, erlaubten sie ihr, es mitzunehmen.

Bis zu jenem schrecklichen Tag, an dem Bic das Huhn tötete.

Eines Morgens packten sie ihre Kleider und den Fernseher und Bics Schreibmaschine ins Auto und fuhren los. Bic und Opal lachten übermütig und sangen »Ha-le-luu-ja«.

»Ein Fünfzehntausend-Watt-Sender in Ohio!« schrie Bic. »Bibelland, hier kommen wir!«

Sie waren ungefähr zwei Stunden unterwegs. Laurie hörte vom Rücksitz aus, wo sie sich an die zerbeulten alten Koffer drückte, wie Opal sagte: »Laß uns an einem Schnellimbiß halten und etwas Anständiges essen. Niemand wird auf sie achten. Warum auch?«

»Du hast recht«, sagte Bic. Dann blickte er über die Schulter zu Laurie. »Opal wird ein Sandwich und Milch für dich bestellen. Daß du mir ja mit niemandem redest, hörst du?«

Sie betraten einen Raum mit einer langen Theke und Tischen und Stühlen. Laurie war so hungrig, daß sie den Speck, der in der Pfanne brutzelte und dessen Duft in der Luft hing, schon fast auf der Zunge spürte. Aber da war noch etwas. Sie erinnerte sich daran, daß sie mit der anderen Familie auch einmal an einem solchen Ort gewesen war. Ein Schluchzen, das sie nicht unterdrücken konnte, stieg ihr in die Kehle. Bic stieß sie an, und sie begann zu weinen, so heftig, daß sie keine Luft mehr kriegte. Sie konnte sehen, wie die Frau an der Registrierkasse sie anstarrte. Bic packte sie und zerrte sie auf den Parkplatz hinaus, und Opal folgte ihnen.

Bic warf sie auf den Rücksitz des Wagens, und er und Opal beeilten sich, vorn einzusteigen. Während Opal das Gaspedal niedertrat, griff er nach ihr. Sie versuchte sich wegzuducken, als die haarige Hand ihr links und rechts ins Gesicht klatschte. Aber nach dem ersten Schlag fühlte sie keinen Schmerz mehr. Ihr tat nur das kleine Mädchen leid, das so heftig weinte.

6

Juni 1976 Ridgewood, New Jersey

Sarah saß mit ihren Eltern vor dem Fernseher und sah sich das Programm über verschwundene Kinder an. Der letzte Teil befaßte sich mit Laurie. Bilder von ihr, die unmittelbar vor ihrem Verschwinden aufgenommen worden waren. Ein Phantombild zeigte, wie sie wahrscheinlich heute aussehen würde, zwei Jahre nach ihrer Entführung.

Als das Programm zu Ende war, rannte Marie Kenyon aus dem Zimmer und schrie: »Ich will mein Baby! Ich will mein Baby!«

Tränenüberströmt hörte Sarah, wie ihr Vater sich bemühte, ihre Mutter zu beruhigen. »Vielleicht geschieht das Wunder jetzt nach dieser Sendung«, sagte er. Aber es klang nicht so, als würde er selbst daran glauben.

Eine Stunde später nahm Sarah das Telefon ab, als es klingelte. Bill Conners, der Polizeichef von Ridgewood, hatte Sarah immer als Erwachsene behandelt. »Deine Eltern sind wohl von der Sendung noch ziemlich aufgewühlt, was?« fragte er.

»Ja.«

»Ich weiß nicht, ob ich ihnen Hoffnung machen soll, aber da war ein Anruf, der vielleicht etwas verspricht. Eine Kassiererin in einem Schnellimbiß in Harrisburg in Pennsylvania ist fest überzeugt, sie hätte Laurie heute nachmittag gesehen.«

»Heute nachmittag!« Sarahs Atem stockte.

»Die Kassiererin hat Verdacht geschöpft, weil das kleine Mädchen plötzlich hysterisch wurde. Es sei aber kein plötzlicher Wutanfall gewesen. Sie wäre vor Tränen fast erstickt. Die Polizei von Harrisburg hat Lauries Phantombild.«

»Wer war bei ihr?«

»Ein Mann und eine Frau. Hippietypen. Die Kassiererin hat nur auf das Kind geachtet, deshalb ist die Beschreibung der beiden sehr vage.«

Er überließ Sarah die Entscheidung, ob sie es ihren Eltern sagen und ihnen Hoffnung machen wollte. Sie ging einen weiteren Handel mit dem lieben Gott ein. »Laß das ihr Wunder sein. Laß die Polizei von Harrisburg Laurie finden, dann werde ich mich immer um Laurie kümmern.«

Sie rannte die Treppe hinauf, um ihrer Mutter und ihrem Vater von dem Anruf zu erzählen.

7

Kurz nachdem sie den Schnellimbiß verlassen hatten, machte der Wagen Probleme. Jedesmal, wenn sie langsamer wurden, stotterte der Motor und starb dann ab. Als es das dritte Mal passierte, sagte Opal: »Wenn er ganz den Geist aufgibt und ein Bulle kommt, mußt du vorsichtig sein. Er könnte ihretwegen Fragen stellen.« Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf Laurie.

Bic forderte sie auf, eine Autowerkstatt zu suchen und von der Straße abzubiegen. Als sie eine fanden, befahl er Laurie, sich auf den Boden zu legen, und häufte Abfallsäcke, die mit alten Kleidern gefüllt waren, über sie.

An dem Wagen mußte eine größere Reparatur vorgenommen werden; er würde erst am nächsten Tag fertig sein. Neben der Werkstatt war ein Motel.

Sie fuhren hinüber. Bic ging hinein und kam mit dem Schlüssel zurück. Laurie wurde hastig ins Zimmer geschoben, und Bic fuhr den Wagen zur Werkstatt zurück. Anschließend saßen sie den Rest des Nachmittags vor dem Fernseher. Bic brachte zum Abendessen Hamburger. Laurie war eingeschlafen, als das Programm über die vermißten Kinder kam. Sie wachte auf und hörte Bic fluchen. Laß die Augen lieber zu! warnte sie eine Stimme. Sonst wird er es dich büßen lassen.

»Die Kassiererin hat sie gesehen«, hörte sie Opal noch sagen. »Wir müssen sie loswerden.«

Am nächsten Nachmittag ging Bic den Wagen holen. Als er zurückkam, setzte er Laurie auf das Bett und preßte ihr die Arme an den Leib. »Wie heiße ich?« fragte er sie.

»Bic.«

Er deutete mit einer Kopfbewegung auf Opal. »Und sie?«

»Opal.«

»Ich möchte, daß du das vergißt. Ich möchte, daß du uns vergißt. Du darfst nie über uns reden. Verstehst du das, Lee?«

Laurie verstand nicht. Sag ja, flüsterte eine Stimme ungeduldig. Nicke mit dem Kopf und sag ja.

»Ja«, sagte sie leise und spürte, wie ihr Kopf nickte.

»Erinnerst du dich, wie ich dem Huhn den Kopf abgeschnitten habe?« fragte Bic.

Sie schloß die Augen. Das Huhn war im Garten herumgetaumelt, und das Blut war ihm aus dem Hals geströmt. Dann war es ihr auf die Füße gefallen. Sie hatte zu schreien versucht, als das Blut über sie spritzte, aber es war kein Laut herausgekommen. Danach war sie nie wieder in die Nähe der Hühner gegangen. Manchmal träumte sie, daß das kopflose Huhn hinter ihr herrannte.

»Erinnerst du dich?« fragte Bic und preßte ihr die Arme noch fester an den Leib.

»Ja.«

»Wir müssen weggehen. Wir werden dich an einer Stelle zurücklassen, wo man dich finden wird. Wenn du je irgend jemandem meinen Namen oder Opals Namen oder den Namen, den wir dir gegeben haben, sagst oder wo wir gewohnt haben oder irgend etwas, was wir miteinander getan haben, dann komme ich mit dem Hühnermesser und schneide dir den Kopf ab. Verstehst du das?«

Das Messer. Lang und scharf und mit Hühnerblut beschmiert.

»Versprich mir, daß du niemandem etwas sagen wirst«, verlangte Bic.

»Ich verspreche es«, murmelte sie verzweifelt.

Sie stiegen in den Wagen. Wieder zwangen sie sie, sich auf den Boden zu legen. Es war so heiß. Die Mülltüten klebten an ihrer Haut.

Als es dunkel war, hielten sie vor einem großen Gebäude an. Bic zog sie aus dem Wagen. »Das ist eine Schule«, sagte er. »Morgen früh werden eine Menge Leute kommen und Kinder, mit denen du spielen kannst. Bleib hier und warte auf sie.«

Sie zuckte vor seinem Kuß und seiner heftigen Umarmung zurück. »Ich bin ganz verrückt nach dir«, sagte er, »aber denk daran, wenn du ein Wort über uns sagst...« Er hob den Arm, schloß die Faust, als würde er ein Messer halten, und machte eine Bewegung, als wollte er ihr den Hals abschneiden.

»Ich verspreche es«, schluchzte sie, »ganz bestimmt.«

Opal gab ihr eine Tüte mit Keksen und eine Cola. Laurie sah ihnen nach, wie sie wegfuhren. Sie wußte, daß sie zurückkommen und ihr weh tun würden, wenn sie nicht hierblieb. Es war so finster. Im nahegelegenen Wäldchen konnte sie Tiere umherhuschen hören.

Laurie drückte sich an die Tür des Gebäudes und schlang sich die Arme fest um den Leib. Den ganzen Tag über war ihr heiß gewesen, aber jetzt fror sie, und sie hatte solche Angst. Vielleicht rannte dort draußen das kopflose Huhn herum. Sie fing zu zittern an.

Sieh dir das ängstliche Kätzchen an. Sie glitt davon, wurde ein Teil der höhnischen Stimme und lachte über die kleine Gestalt, die sich verängstigt an die Mauer schmiegte.

8

Polizeichef Conners rief am Morgen wieder an. Der Hinweis schien doch vielversprechend, sagte er. Der Hausmeister einer Schule in der Nähe von Pittsburgh hatte ein Mädchen, auf das Lauries Beschreibung paßte, gefunden. Sie würden, so schnell es ging, Lauries Fingerabdrücke hinschicken.

Eine Stunde später rief er zurück. Die Fingerabdrücke stimmten überein. Laurie würde nach Hause kommen.

9

John und Marie Kenyon flogen nach Pittsburgh. Man hatte Laurie in ein Krankenhaus gebracht, um sie gründlich zu untersuchen. Am nächsten Tag sah Sarah in den Mittagsnachrichten im Fernsehen, wie ihre Mutter und ihr Vater aus dem Krankenhaus kamen, Laurie in der Mitte. Sarah kauerte vor dem Fernseher und hielt ihn mit beiden Händen fest. Laurie war größer geworden. Ihr langes blondes Haar wirkte struppig. Sie war sehr dünn. Aber da war noch etwas. Laurie war immer so freundlich gewesen. Obwohl sie den Kopf gesenkt hielt, irrten ihre Augen umher, als suchte sie nach etwas, vor dem sie Angst hatte.

Die Reporter bombardierten die Eltern mit Fragen, John Kenyons Stimme klang angespannt und müde, als er sagte: »Die Ärzte haben uns gesagt, Lauries Gesundheitszustand sei gut, wenn sie auch ein wenig Untergewicht habe. Aber sie ist natürlich verwirrt und verängstigt.«

»Hat sie etwas über die Entführer gesagt?«

»Sie hat über gar nichts gesprochen. Bitte, wir sind Ihnen für Ihr Interesse und Ihre Sorge sehr dankbar, aber es wäre wirklich sehr freundlich, wenn Sie es uns ermöglichten, in Ruhe wieder zueinanderzufinden.« Die Stimme ihres Vaters klang fast flehend.

»Gibt es irgendwelche Anzeichen, daß sie mißbraucht worden ist?«

Sarah sah den Schock im Gesicht ihrer Mutter. »Absolut nicht!« sagte ihre Mutter. Ihre Stimme klang entsetzt. »Wir glauben, daß die Leute, die Laurie entführt haben, ein Kind haben wollten. Wir hoffen nur, daß sie jetzt nicht einer anderen Familie diesen Alptraum bereiten werden.«

Sarah mußte irgendwie die hektische Energie loswerden, die sich in ihr aufgebaut hatte. Sie bezog Lauries Bett mit dem bunten Laken mit den Märchenfiguren, das Laurie so gern mochte. Sie arrangierte Lauries Lieblingsspielsachen in deren Zimmer, die Zwillingspuppen in ihrem Wägelchen, das Puppenhaus, die Bären, ihre Peter-Rabbit-Bücher. Schließlich legte sie Lauries Kuscheldecke auf das Kissen.

Dann fuhr Sarah mit dem Rad zum Laden, um Käse, Pasta und Hackfleisch zu kaufen. Laurie liebte Lasagne. Während Sarah sie vorbereitete, klingelte das Telefon andauernd. Es gelang ihr, alle Anrufer davon zu überzeugen, in den nächsten paar Tagen von Besuchen abzusehen.

Um sechs Uhr sollten sie nach Hause kommen. Um halb sechs stand die Lasagne in der Bratröhre, der Salat im Kühlschrank, und der Tisch war wieder für vier gedeckt. Sarah ging nach oben, um sich umzuziehen. Sie betrachtete sich im Spiegel. Ob Laurie sie noch kennen würde? In den vergangenen zwei Jahren war sie acht Zentimeter gewachsen. Ihr Haar, das sie früher schulterlang getragen hatte, war jetzt kurz. Jetzt, mit vierzehn, begannen ihre Brüste voller zu werden. Und an Stelle einer Brille trug sie Kontaktlinsen.

Fernsehkameras surrten in der Einfahrt, als der Wagen hielt. Nachbarn und Freunde warteten im Hintergrund. Alle fingen zu jubeln an, als die Wagentür sich öffnete und John und Marie Kenyon Laurie aus dem Wagen halfen.

Sarah rannte zu ihrer kleinen Schwester und ging auf die Knie. »Laurie«, flüsterte sie und streckte die Arme aus. Aber Laurie schlug erschreckt beide Hände vors Gesicht. Sie hat Angst, ich könnte sie schlagen, dachte Sarah.

Sie nahm Laurie hoch und trug sie ins Haus, während ihre Eltern mit den Reportern sprachen.

Laurie ließ durch nichts erkennen, daß sie sich an das Haus erinnerte. Sie sprach kein Wort. Beim Abendessen saß sie stumm da, die Augen auf den Teller gesenkt. Als sie fertig war, stand sie auf, trug ihren Teller zum Spülbecken und begann den Tisch abzuräumen.

Marie stand auf. »Liebling, du brauchst doch nicht...«

»Laß sie, Mama«, flüsterte Sarah. Sie half Laurie beim Abräumen und redete auf sie ein, sagte, was für ein großes Mädchen sie jetzt sei und daß Laurie ihr ja immer beim Abräumen geholfen hätte. Erinnerte sie sich nicht?

Nachher gingen sie ins Wohnzimmer, und Sarah schaltete den Fernseher ein. Laurie fuhr zitternd zurück, als Marie und John sie aufforderten, sich zwischen sie zu setzen. »Sie hat Angst«, warnte Sarah. »Tut so, als wäre sie nicht da.«

Die Augen ihrer Mutter füllten sich mit Tränen, aber sie tat so, als würde sie sich ganz auf das Programm konzentrieren. Laurie saß im Schneidersitz auf dem Boden und hatte sich eine Stelle ausgewählt, wo sie den Bildschirm im Blick hatte, selbst aber nicht gesehen werden konnte.

Als Marie ihr um neun Uhr vorschlug, ein warmes Bad zu nehmen und zu Bett zu gehen, geriet Laurie in Panik. Sie preßte die Knie an die Brust und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Sarah und ihr Vater tauschten Blicke.

»Mein armes kleines Mädchen«, sagte er. »Du brauchst noch nicht ins Bett zu gehen.« Sarah sah denselben Blick in seinen Augen, den sie vorher bei ihrer Mutter gesehen hatte. »Dir ist noch alles so fremd hier, nicht wahr?«

Marie versuchte sich nicht anmerken zu lassen, daß sie weinte. »Sie hat Angst vor uns«, murmelte sie.

Nein, dachte Sarah, sie hat Angst, ins Bett zu gehen. Warum?

Sie ließen den Fernseher eingeschaltet. Um Viertel vor zehn streckte Laurie sich auf dem Fußboden aus und schlief ein. Sarah trug sie ins Kinderzimmer, zog sie aus und legte sie ins Bett.

Laurie schlief lange und bis spät in den Morgen hinein. Sarah schlich sich an ihr Bett und genoß das friedliche Bild, den Anblick der kleinen Gestalt mit der Kuscheldecke unter dem Kinn und dem langen Haar, das sich über das Gesicht gekräuselt hatte. Sie wiederholte das Versprechen, das sie dem lieben Gott gegeben hatte: »Ich werde mich immer um sie kümmern.«

Ihre Mutter und ihr Vater waren bereits auf. Beide wirkten erschöpft, strahlten aber vor Freude. »Wir haben immer wieder nachgesehen, ob sie wirklich da ist«, sagte Marie. »Sarah, wir haben gerade von dir gesprochen und daß wir diese zwei Jahre ohne dich wohl nicht geschafft hätten.«

Sarah half ihrer Mutter, Lauries Lieblingsfrühstück zu bereiten, Pfannkuchen und Speck. Ein paar Minuten später trippelte Laurie ins Zimmer. Sie kletterte Marie auf den Schoß. »Mama«, sagte sie, und ihre Stimme klang ganz wie früher. »Gestern wollte ich zum Swimmingpool, und Beth hat die ganze Zeit telefoniert.«

ZWEITER TEIL

10

12. September 1991 Ridgewood, New Jersey

Während der Messe sah Sarah immer wieder zu Laurie hinüber. Der Anblick der beiden Särge auf den Stufen der Aussegnungshalle hatte sie offenbar in geradezu hypnotischen Bann gezogen. Sie schien weder die Musik noch die Gebete oder die Leichenrede wahrzunehmen. Sarah mußte Laurie mit der Hand am Ellbogen daran erinnern, daß sie aufstehen oder niederknien mußte.

Am Ende der Messe, als Monsignore Fisher die Särge segnete, flüsterte Laurie: »Mama, Papa, es tut mir so leid. Ich gehe ganz bestimmt nicht wieder allein auf die Straße.«

»Laurie«, flüsterte Sarah.

Laurie sah sie mit Augen an, die nichts sahen, drehte sich dann um und blickte verwirrt in die überfüllte Kirche. »So viele Leute.« Ihre Stimme klang verängstigt und jung.

Als letzte Hymne wurde ›Amazing Grace‹ gesungen.

Ein Paar im hinteren Teil der Kirche schloß sich dem Gesang der Gemeinde an, zuerst leise, dann lauter, weil er es gewöhnt war, vorzusingen. Wie jedesmal geriet er in Fahrt, und sein klarer Bariton erhob sich über die anderen Stimmen, schwoll an und übertönte die dünnere Stimme des Solosängers. Die Leute drehten sich bewundernd um.

»Einmal war ich verloren, aber jetzt hat der Herr mich gefunden...«

Bei all dem Schmerz und dem Leid verspürte Laurie eisigen Schrecken. Die Stimme erfüllte ihr ganzes Wesen.

Ich bin verloren, jammerte sie stumm. Ich bin verloren.

Jetzt bewegten sie die Särge. Die Räder der Totenbahre, auf der der Sarg ihrer Mutter stand, quietschten.

Dann das Klappern der Schreibmaschine.

Sie hörte die gemessenen Schritte der Leichenträger.

»›... war ich blind, doch nun sehe ich.‹«

»Nein! Nein!« schrie Laurie und versank in barmherzige Finsternis.

Viele von Lauries Klassenkameradinnen vom Clinton College und einige Lehrkräfte hatten der Messe beigewohnt. Allan Grant, Professor für englische Sprache, war auch dabei und sah erschreckt, wie Laurie zusammenbrach.

Grant war einer der beliebtesten Lehrer in Clinton. Er war gerade vierzig geworden und hatte dichtes, etwas widerspenstiges braunes Haar mit zahlreichen grauen Strähnen. Die großen dunkelbraunen Augen, die Humor und Intelligenz verrieten, ließen das etwas langgeratene Gesicht vergessen. Sein schlaksiger Körper und seine legere Kleidung verliehen ihm ein Aussehen, das viele seiner Studentinnen unwiderstehlich fanden.

Grant interessierte sich wirklich für seine Studenten. Laurie war seit ihrem Eintritt in Clinton jedes Jahr in einer seiner Klassen gewesen. Er kannte ihre Vorgeschichte und war neugierig gewesen, ob es irgendwelche erkennbaren Nachwirkungen ihrer Entführung gab. Das einzige Mal, daß ihm etwas in dieser Hinsicht aufgefallen war, war in seinem Kurs für kreatives Schreiben gewesen. Laurie war nicht imstande, eine persönliche Erinnerung zu schreiben. Wenn sie dagegen Bücher, Autoren und Theaterstücke zu kritisieren hatte, zeigte sie durchaus Einfühlungsvermögen und eigenständiges Denken.

Vor drei Tagen hatte man sie während seinem Unterricht ins Büro gerufen. Das war am Ende der Unterrichtsstunde gewesen, und weil ihm Unheil schwante, hatte er sie begleitet. Als sie über den Campus eilten, hatte sie ihm gesagt, daß ihre Mutter und ihr Vater zu ihr unterwegs seien, um die Autos zu tauschen. Sie hatte vergessen, ihr Cabrio zur Inspektion zu bringen, und war deshalb mit der Limousine ihrer Mutter ins College zurückgekehrt. »Wahrscheinlich verspäten sie sich bloß«, hatte sie gesagt, sichtlich, um sich selbst zu beruhigen. »Meine Mutter sagt, ich mache mir viel zu viele Sorgen um sie. Aber sie hat sich in letzter Zeit nicht besonders wohl gefühlt, und Vater ist fast zweiundsiebzig.«

Dann hatte ihnen der Dekan mit ernster Stimme mitgeteilt, daß es auf der Route 78 eine Massenkarambolage gegeben habe.

Allan Grant fuhr Laurie ins Krankenhaus. Ihre Schwester Sarah war bereits dort. Grant war Sarah auf einigen College-Veranstaltungen begegnet und war immer wieder von der Fürsorge beeindruckt gewesen, die die junge Staatsanwältin Laurie gegenüber zeigte.

Ein Blick auf das Gesicht ihrer Schwester reichte aus, um Laurie klarzumachen, daß ihre Eltern tot waren. »Meine Schuld, meine Schuld«, klagte sie immer wieder und schien gar nicht zu hören, wie Sarah sie unter Tränen eindringlich zu überzeugen versuchte, daß sie sich nicht die Schuld geben dürfe.

Besorgt sah Grant zu, wie ein Kirchendiener Laurie aus der Kirche trug, Sarah neben ihm. Der Organist begann die Schlußhymne zu spielen. Die Leichenträger schritten langsam, von dem Monsignore geführt, den Mittelgang hinunter. Grant sah, wie sich in der Reihe vor ihm ein Mann aus der Kirchenbank drängte. »Bitte, entschuldigen Sie. Ich bin Arzt«, sagte er mit leiser, aber gebieterischer Stimme.

Irgendein Instinkt veranlaßte Allan Grant dazu, ihm in den kleinen Raum neben der Vorhalle zu folgen, in den man Laurie gebracht hatte. Sie lag auf zwei aneinandergeschobenen Stühlen. Sarah beugte sich mit kreidebleichem Gesicht über sie.

»Lassen Sie mich...« Der Arzt tippte Sarah an den Arm.

Laurie regte sich und wimmerte leise.

Der Arzt schob ihre Augenlider hoch, fühlte den Puls. »Sie kommt jetzt zu sich, aber man sollte sie nach Hause bringen. In ihrem Zustand kann sie auf keinen Fall auf den Friedhof gehen.«

»Ich weiß.«

Allan sah, wie verzweifelt Sarah sich bemühte, Haltung zu bewahren. »Sarah«, sagte er. Sie drehte sich zu ihm herum und schien ihn allem Anschein nach zum erstenmal zu bemerken. »Sarah, lassen Sie mich mit Laurie zu Ihrem Haus zurückfahren. Ich kümmere mich um sie.«

»Oh, würden Sie das tun?« Einen Augenblick lang veränderte sich ihr Ausdruck, Dankbarkeit trat an die Stelle von Leid und Sorge. »Ein paar von den Nachbarn sind dort und richten etwas zu essen, aber Laurie hat großes Vertrauen zu Ihnen. Sie würden mir einen großen Gefallen tun.«

»›Einst war ich verloren, doch jetzt hat der Herr mich gefunden ...‹«

Eine Hand bewegte sich auf sie zu, sie hielt das Messer, das Messer, von dem Blut tropfte, es durchschnitt die Luft. Ihr Hemd und ihr Overall waren blutbefleckt. Sie konnte die klebrige Wärme im Gesicht spüren. Etwas zappelte hilflos zu ihren Füßen. Das Messer kam...

Laurie schlug die Augen auf. Sie lag im Bett in ihrem Zimmer. Es war dunkel. Was war passiert?

Sie erinnerte sich. Die Kirche. Die Särge. Der Gesang.

»Sarah!« rief sie mit schriller Stimme. »Sarah, wo bist du?«

11

Sie wohnten im Wyndham Hotel an der Achtundfünfzigsten Straße in Manhattan. »Ein ausgezeichnetes Hotel«, hatte er ihr gesagt. »Eine Menge Leute aus dem Showbusineß wohnen dort. Der richtige Ort, um Verbindungen herzustellen.«

Auf der Fahrt vom Begräbnis nach New York blieb er stumm. Zum Mittagessen waren sie mit Reverend Rutland Garrison, Pastor der ›Welle Gottes‹, und dem geschäftsführenden Produzenten der Fernsehstation verabredet. Garrison wollte in den Ruhestand gehen und suchte einen Nachfolger. Jede Woche wurde ein Gastprediger eingeladen, um mit ihm zusammen das Programm zu moderieren.

Sie sah ihm zu, wie er nacheinander drei verschiedene Anzüge probierte, ehe er sich schließlich für einen mitternachtsblauen Anzug, ein weißes Hemd und eine blaugraue Krawatte entschied. »Sie wollen einen Prediger. Und den sollen sie auch bekommen. Wie sehe ich aus?«

»Perfekt«, versicherte sie ihm. Und das traf auch zu. Sein Haar war jetzt silbern, obwohl er erst fünfundvierzig war. Er achtete sorgfältig auf sein Gewicht und hatte sich angewöhnt, sehr aufrecht zu stehen, so daß er immer über die Leute hinauszuragen schien, selbst über größere Männer. Er hatte es sich angewöhnt, seine Predigten mit weitaufgerissenen Augen zu donnern, bis das schließlich sein üblicher Gesichtsausdruck geworden war.

Gegen das rot-weiß karierte Kleid, das ihre erste Wahl gewesen war, hatte er sein Veto eingelegt. »Nicht elegant genug für diese Besprechung.«

Sie hielt ihm ein schmales schwarzes Leinenkleid mit dazupassendem Jäckchen hin. »Wie wär’s damit?«

Er nickte stumm. »Ja, das geht.« Dann runzelte er die Stirn. »Und denk daran...«

»Ich werde dich nie vor anderen Leuten mit Bic ansprechen«, ergänzte sie begütigend. »Habe ich doch seit Jahren nicht mehr getan.«

Seine Augen glänzten fiebrig. Opal kannte und fürchtete diesen Blick. Drei Jahre waren vergangen, seit ihn zum letztenmal die Polizei zum Verhör abgeholt hatte, weil sich irgendein kleines blondes Mädchen bei ihrer Mutter über ihn beklagt hatte. Er hatte es immer geschafft, solche Klagen durch selbstbewußtes Auftreten in gestammelte Entschuldigungen zu verwandeln, aber trotzdem war es in zu vielen Städten zu häufig vorgekommen. Und dieser Blick bedeutete, daß er wieder einmal im Begriff war, die Kontrolle über sich zu verlieren.

Lee war das einzige Kind gewesen, das er je behalten hatte. Von dem Augenblick an, wo er sie das erstemal mit ihrer Mutter im Einkaufszentrum entdeckt hatte, war er von ihr förmlich besessen gewesen. An jenem ersten Tag war er hinter ihrem Wagen hergefahren und danach mehrmals an ihrem Haus vorbeigerollt, in der Hoffnung, einen Blick auf das Kind erhaschen zu können. Er und Opal hatten damals in einem schmuddeligen Nachtclub in New Jersey ein zweiwöchiges Engagement gehabt, Gitarre und Gesang, und in einem Motel zwanzig Minuten vom Haus der Kenyons entfernt gewohnt. Das war das letztemal gewesen, daß sie in einem Nachtclub aufgetreten waren. Bic hatte dann angefangen, bei Erweckungsversammlungen Gospels zu singen und später im nördlichen Teil des Staates New York zu predigen. Der Besitzer einer Radiostation in Bethlehem, Pennsylvania, hörte ihn und forderte ihn auf, auf seiner kleinen Station ein religiöses Programm zu übernehmen.

Titel der Originalausgabe ALL AROUND THE TOWN erschienen bei Simon & Schuster, New York

22. Auflage

Copyright © 1992 by Mary Higgins Clark

Copyright © 1992 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH die Hardcover-Ausgabe ist im Scherz Verlag erschienen

Umschlagillustration: Picture Press/Fred Dott, Hamburg Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design,München Satz: Schaber Datentechnik Wels

eISBN 978-3-641-10047-6

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