Dajenu - Freiheit genug - Dorothea Lehmann - E-Book

Dajenu - Freiheit genug E-Book

Dorothea Lehmann

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Beschreibung

Das Dajenu-Lied, das in jeder jüdischen Familie zum Passahfest gesungen wird, erzählt von den 15 Schritten, die das Volk Israel aus ägyptischer Gefangenschaft ins verheißene Land gebracht haben. Die gleichen 15 Schritte geht Gott bis heute, um uns aus Gebundenheit zu retten und an sein Herz zu ziehen. Um uns frei zu machen von Unterdrückung, Not, Scham und Sünde und uns wiederherzustellen. Bis heute können wir diese 15 Schritte als Leitlinie in die Freiheit nutzen. Und bis heute zeigt sich Gott darin als die wahre Quelle vollkommener Sicherheit, unerschöpflicher Versorgung und ewiger Erfüllung.

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Seitenzahl: 246

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Widmung

Für meinen Vater, dessen Liebe zum Gott Israels und ebenso zu mir grundlegend mein Leben geprägt hat.

Inhalt

Widmung

Dajenu vorgestellt – ein Prolog

Dajenu offenbart

Wie sich eine Offenbarung anfühlt

Dajenu erzählt

Was ist Freiheit?

Warum Gott sich so viel Mühe macht

Wie macht Gott das?

Die 15 Schritte in vollkommene Freiheit

Befreiung Genug

Die fünf Verse des Weges aus der Sklaverei

Wenn er uns aus Ägypten geführt hätte

Wenn er Gericht über die Ägypter gebracht hätte

Wenn er Gericht über ihre Götter gebracht hätte

Wenn er die Erstgeborenen getötet hätte

Wenn er uns ihren Wohlstand gegeben hätte

Gottes vollkommene Befreiung

Versorgung Genug

Die fünf Verse der Wunder

Wenn er das Meer für uns geteilt hätte

Wenn er uns trockenen Fußes hindurchgeführt hätte

Wenn er unsere Unterdrücker ertränkt hätte

Wenn er 40 Jahre in der Wildnis für uns gesorgt hätte

Wenn er uns Manna zu essen gegeben hätte

Gottes vollkommene Versorgung

Erfüllung genug

Die fünf Verse der Nähe zu Gott

Wenn er uns den Schabbat gegeben hätte

Wenn er uns zum Berg Sinai geführt hätte

Wenn er uns seine Gebote gegeben hätte

Wenn er uns ins verheißene Land geführt hätte

Wenn er den Tempel für uns gebaut hätte

Gottes vollkommene Erfüllung

Dajenu erfüllt

Wahrhaft genug

Vollkommene Erfüllung durch vollkommenen Frieden

Wo bin ich also?

Ich aber und mein Haus

Dajenu angewendet – ein Epilog

Dajenu vorgestellt – ein Prolog

In diesem Buch geht es um Freiheit. Nicht um irgendwelche Freiheit, sondern um vollkommene, himmlische Freiheit. Ich hatte nie vor, ein Buch über dieses Thema zu schreiben. Ich habe nicht einmal besonders viel darüber nachgedacht, bis der Heilige Geist es mir quasi in den Schoß fallen ließ. Mit einer vergleichsweise kleinen Offenbarung am Esstisch meiner Eltern zeigte er mir eines von Gottes Grundprinzipien: Seinen Prozess der Befreiung, veranschaulicht in der Geschichte des Exodus. Der Heilige Geist zeigte mir die Schritte, die Gott unternimmt, um aus Sklaverei zu befreien und in vollkomme Freiheit, vollkommene Versorgung und vollkommene Erfüllung zu führen. Die Schritte, die er Israel aus Ägypten ins verheißene Land führte, sind dieselben, die er uns aus unserer Sünde in eine tiefe Beziehung mit ihm führt. Er zeigte mir, dass Gott der Selbe gestern, heute und morgen ist. Dass er also immer noch genauso arbeitet, sich genauso offenbart und mich genauso befreit, wie er es bei seinem Volk getan hat. Und dass die Prinzipien, die er mit einer ganzen Nation etabliert hat, ebenso im Kleinen gelten, auch wenn es nur ich bin, die er befreien möchte.

Weil diese erste Offenbarung und mein darauffolgendes Eintauchen in deren Bedeutung für mich ein sehr persönlicher Weg mit und auf Gott zu war, habe ich mich entschlossen, in diesem Buch auch hauptsächlich darauf einzugehen, was es für den individuellen Menschen und seinen Weg zu Gottes Herzen bedeutet. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass, wenn ich mit mir selbst anfange, mich auf Gott ausrichte, mich von ihm befreien lasse und danach strebe, ihn als den zu kennen, der er ist, es schon bald in meine Beziehungen, meine Familie, mein Umfeld und die Welt durchsickern wird. Und je mehr ich Gottes Prozess der Befreiung mit mir als Individuum verinnerliche, desto leichter ist es, dieselben Prinzipien auch im Allgemeinen und im großen Umfang zu erkennen: In Familien, Gemeinden, Nationen und sogar in der Geschichte.

Ich habe festgestellt, dass Gott, egal ob er die Welt, eine Gemeinde, eine Familie oder einfach nur mich in die Freiheit und zu ihm selbst führt, immer die gleiche Route nimmt. Es ist eine Route, die es zu studieren lohnt, und eine Reise, die es zu machen lohnt, weil das Ziel das ist, wofür wir bestimmt sind: eine tiefe, erfüllende Beziehung mit dem Gott, der uns liebt.

Dajenu offenbart

Alles, was in diesem Buch geschrieben steht, begann mit meinem Vater. Er würde es wahrscheinlich anders sehen, weil er nie viel auf sich selbst gegeben hat, aber es ist wahr. Und da er nicht mehr unter uns weilt, kann er auch nichts mehr gegen die Beachtung einwenden, die das hier vielleicht bringen könnte. Es begann alles mit ihm, weil sein Leben, weit mehr als seine Worte, stets von Gottes unfehlbarer, unveränderlicher Güte sprach. Als seinen Taufspruch, seinen Konfirmationsspruch und als Bibelzitat für seinen Nachruf hatte er denselben Bibelvers. Was ein Zufall zu seiner Konfirmation war, darauf bestand er für seine Beerdigung:

Die Befehle des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz. (Psalm 19, 9)1

Als meine Eltern sich gemeinsam auf sein bevorstehendes Ableben vorbereiteten, schlug meine Mutter vor, er könnte sich ja einen neuen Vers aussuchen, aber davon wollte mein Vater nichts wissen. Für ihn war es ein klares Wort Gottes, ein Segen, ein Credo, das sich nicht ändert, ebenso wie Gott sich im Laufe seines Lebens nie veränderte. Er lebte nach diesen Worten, erlebte die Freude, die es bringt, Gottes Befehlen zu folgen, und suchte immerfort nach einem tieferen Verständnis von Gottes vollkommener Güte. Ein Schritt, den er tat, um Gott tiefer zu begegnen, war, das Land der Bibel zu bereisen. Zuerst in seinen Zwanzigern und dann viele weitere Male in seinem Leben.

Dort erlebte er etwas Besonderes, etwas, worauf Jesus selbst in Lukas 19, 40 hinweist. Die Steine schrien und bezeugten Gottes unfehlbare, unveränderliche Treue zu seinem Volk. Ich habe die gleiche Erfahrung gemacht, diese Offenbarung, dass Gott bis zum heutigen Tag seinen Bund mit Israel hält. Ich hatte den gleichen Einblick in Gottes unveränderliche Liebe zu seinem Volk und damit auch zu uns als eingepfropften Ölzweig. Und ich verliebte mich einmal mehr in den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, genau wie mein Vater mehr als 30 Jahre zuvor.

Den Gott Israels zu lieben bedeutete für meinen Vater, Hebräisch zu lernen, um die Bibel im Original lesen und mit seinem Himmlischen Vater in der Sprache seiner Wahl sprechen zu können. Es bedeutete, Gottes Gebote zu kennen und ihnen zu folgen, und es bedeutete, die Rituale und Feiertage zu begehen, die Gott seinem Volk zu feiern geboten hat. Papas Liebe zu Gott, seinem Volk und seinen Geboten bedeutete also, dass ich quasi in einem beinahe jüdischen Haushalt aufgewachsen bin. Dass er nur beinahe jüdisch war, lag lediglich daran, dass unsere jüdischen Wurzeln zu weit zurück liegen, um heutzutage nachweisbar zu sein. Wäre mein Vater ein resoluterer Mensch gewesen, als der ruhige, unscheinbare Mann, der er war, hätten wir das „beinahe“ vielleicht schon vor langer Zeit weggelassen.

Ich bin unendlich dankbar für Papas Hingabe zum Gott Israels. Besonders deswegen, weil es in mir den Wunsch geprägt hat, Gott als den zu kennen und bekannt zu machen, der er wirklich ist. Seine Güte selbst in den schwierigen, herausfordernden Stellen seines Wortes zu suchen. Und ihm zu vertrauen, selbst wenn ich sein Handeln nicht verstehe. Das legte das Fundament meines Glaubens und bildet bis heute die Bausteine meiner Beziehung zu Gott. Ich weiß, im tiefsten Herzen, dass ich seiner Güte in allem vertrauen kann. Und wenn ich sie nicht sofort erkenne, kann ich den Heiligen Geist freimütig darum bitten, mir seine unfehlbare Liebe in allen seinen Taten zu offenbaren. Er wird jedes Mal gerne meine Bitte beantworten.

Wie sich eine Offenbarung anfühlt

Als ich aufwuchs, hatte mein Vater eine Druckerei. Riesige Maschinen, fast schon historisch anmutende Druckpressen und Berge von Papier. Ich habe immer noch den Geruch von trockener, papier-staubiger Luft und frischer Druckfarbe in der Nase. Für uns Kinder war es der aufregendste, wenngleich leicht gefährliche Indoor-Spielplatz, den wir uns vorstellen konnten.

Am tollsten fand ich die große Schneidemaschine. Sie nahm den halben Raum ein, machte beim Einstellen und Schneiden Geräusche wie aus Star Trek und war nicht ansatzweise mit den Schneidebrettern für Büroarbeit zu vergleichen. Für uns war sie absolut tabu, was sie natürlich unwiderstehlich machte. Mein Vater konnte die schmalsten Streifen von 500 Blätter starken Stapeln Papier mit perfekter Präzision abschneiden. Die so entstandenen Papierreste sahen für mich wie glitzerfreies Lametta aus, weshalb ich sie dann als Pferdeschweif oder wunderschöne Rapunzel-Haare benutzte oder was auch immer ich gerade zum Spielen brauchte.

Ich liebte es, meinem Vater beim Papierschneiden zuzuschauen. Ein Aspekt ist mir davon über die Jahre besonders im Gedächtnis geblieben. Nämlich der Anblick, wann immer mein Vater einen großen Stapel in der Mitte durch schnitt. Immer wenn diese schrecklich scharfe, fast futuristische Klinge ohne großen Widerstand durch das Papier glitt, wirkte es fast so, als hätte das Messer den Stapel gar nicht zerschnitten, sondern vielmehr einen bereits existierenden Schnitt geöffnet. Wie ein Buch, das genau in der Mitte aufgeschlagen wird.

Dieses Bild kommt mir jedes Mal in den Sinn, wann immer ich einen dieser Momente habe, wo der Heilige Geist mir die Bedeutung von bestimmten Bibelstellen offenbart. Das ist so, als würde er mit einem Schwert kommen und ein ganzes Buch Wahrheit in meinem Kopf aufschlagen, sodass ich denken muss: „Na klar! Warum habe ich das nicht schon früher gesehen? Das ist ja großartig!”

Das überwältigende Erlebnis dieser Art hatte ich eines Abends, als ich gerade zu Besuch bei meinen Eltern war. Es war Sederabend, der erste Abend des jüdischen Passahfestes. Mein Vater hatte, angetrieben von seinem Herzen für Gottes Volk, über die Jahre großes Wissen über jüdische Traditionen angesammelt. Deshalb hatten meine Eltern an diesem Abend ein paar Christen zu Besuch, um gemeinsam Passah zu feiern und den “Gojim”2 gleichzeitig alles zu erklären.

Ich war eigentlich nur dabei, um meiner Mutter in der Küche zu helfen, und erwartete nicht, irgendwas Neues zu lernen, da dies nicht meine erste Sederfeier war. Die hatte ich an meinem zehnten Geburtstag erlebt und jeder der weiß welch seltsame Speisen traditionell an diesem Abend serviert werden, wird verstehen können, warum ich damals nicht sonderlich begeistert war.

Deshalb saß ich dieses Mal also nur am Tisch, wie eine artige Tochter, machte alles mit, lehnte mich an, hob das Glas, tauchte Sachen in andere Sachen, und so weiter und so fort. Bis der Heilige Geist sein Schwert auf mich niedergehen ließ und dieses Buch Wahrheit in meinem Kopf öffnete.

Mein Vater hatte gerade begonnen, das Dajenu zu lesen, ein Gedicht, das alle Schritte von Israels Reise aus der Sklaverei ins verheißene Land aufführt. Es ist eine sehr komprimierte Erzählung von Geschichten, die sich normalerweise über die Bücher Exodus, Josua, Samuel und Könige erstreckt. Es besteht aus 15 Versen und nach jeder Zeile, die der Vater des Hauses vorliest, antwortet die Familie mit „Dajenu“, was so viel bedeutet wie „Das hätte schon gereicht“ oder „Das wäre genug gewesen“, womit ausgedrückt wird, dass schon einer dieser Schritte genug wäre, Gott für immer zu preisen.

Der Heilige Geist ließ sein Schwert niedergehen, indem er einfach sagte: „Kannst du sehen, wie das immer noch der Weg ist, wie ich dich rette? Diese 15 Schritte heraus aus der Sklaverei und ins verheißene Land sind immer noch die Schritte, die ich dich aus Sünde heraus und in meine vollkomme Freiheit führe, zurück in meine liebenden Arme.“

Mit jedem Vers trieb er diese Wahrheit tiefer und tiefer. Es war also ein ziemlich tiefer Schnitt, ein ziemlich dickes Buch Wahrheit, das sich da in meinem Kopf öffnete. Dieser Papierstapel war viel dicker als nur 500 Blätter, das stand fest.

Seit diesem Abend habe ich dieses spezielle Buch Wahrheit studiert, mit Leuten darüber gesprochen und aus ihren Reaktionen abgeleitet, wie nützlich diese Wahrheit sein kann. Sie kann ein Leitfaden durch den Prozess der Freiheit sein. Sie kann als Zeitstrahl genutzt werden und dir zeigen, wo du gerade stehst, die Schritte aufzeigen, die du bereits gegangen bist und dich auf zukünftige Schritte hinweisen. Sie zeigt dir, wie Gott arbeitet, um dich zu befreien. Wie er nichts unversucht lässt, um dich von Sünde, Gebundenheit und Verdammnis loszureißen. Sie offenbart dir Gottes Herz und lässt dich vielleicht seine Taten besser verstehen. Und ich hoffe zutiefst, dass sie dir den Mut geben wird, Gott zu vertrauen und ihm aus innerer Sklaverei heraus in dein verheißenes Land zu folgen.

Hier ist sie also, für alle Welt zu lesen, hoffentlich zu empfangen und vielleicht weiterzugeben: Die Wahrheit über ausreichende Freiheit, über Freiheit Genug.

1 Wenn nicht anders vermerkt, sind alle Bibelzitate der Lutherbibel von 2017 entnommen.

Dajenu erzählt

Was ist Freiheit?

Es ist schwierig über Freiheit zu schreiben, einfach weil das Wort so viele unterschiedliche Dinge für jeden von uns bedeuten kann. Die Bedeutung und unser Verständnis von Freiheit hängen üblicherweise davon ab, was uns gerade gefangen hält, was immer uns gerade am meisten beeinträchtigt, denn davon wollen wir gerade frei sein.

Freiheit ist uns sehr wichtig. Wir verankern das Recht auf Freiheit in den Verfassungen unserer Länder und als Grundlage unserer staatlichen Strukturen, und sind bereit zu kämpfen, wann immer unsere persönliche Freiheit gefährdet ist. Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und alle möglichen anderen Freiheiten, sie alle gehen auf die Entscheidungsfreiheit zurück.

Während ich das hier schreibe, zwingt die Covid-19-Pandemie die ganze Welt dazu, einen großen Teil Freiheit aufzugeben. Wenn Regierungen entscheiden, ob die Menschen reisen, zur Arbeit gehen, sich mit Freunden treffen und ihre Kinder zur Schule schicken dürfen, werden die Schreie nach Freiheit lauter. Egal wie sehr diese Einschränkungen im besten Sinne der Nation sein mögen. Wir fühlen uns unterdrückt, weil wir nicht tun können, was wir wollen. Wir können nicht selbst entscheiden.

Das ist es, was wir tatsächlich mit Freiheit meinen: Selbstbestimmung, Selbstregierung, Selbstdarstellung, Selbstverwirklichung, Selbstentfaltung. Das Recht, unser eigenes Schicksal zu bestimmen und von niemandem reingeredet zu bekommen. Damit wir mit unserem Leben tun können, was immer wir wollen.

Selbst in unseren Gemeinden leben wir zumeist nach dieser weltlichen Definition von Freiheit. Wir erwarten christliche Nächstenliebe, Annahme ohne Ansehen der Person, Gnade ohne Urteil, Unterstützung ohne Korrektur, Erbarmen ohne Umkehr. Denn wir sind doch befreit, oder? Wie können diese Schwestern und Brüder in Christus es wagen, uns zusätzlich zu belasten? Ihnen ist höchstens erlaubt, uns zu beraten, aber es bleibt unsere Entscheidung, mit diesem Rat zu tun, was uns richtig erscheint.

Gott, auf der anderen Seite, malt uns ein komplett anderes Bild von Freiheit. Er hat den Menschen als freies Wesen geschaffen, in seinem Bilde, als einen Freund, ein Gegenüber. Adam und Eva waren, als sie im Garten Eden lebten, vollständig frei. Frei von Schmerz, frei von Krankheit, frei von Leid, frei von Verfolgung, frei von Unterdrückung, frei von Gefahr, frei von Not, frei von Scham, frei von Lasten, frei von Sünde, frei von Tod. Nichts hielt sie. Nur Gott allein.

Die einzige Einschränkung, unter der Adam und Eva leben, ist, nicht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, weil sie sonst sterben würden. So findet sie die Schlange und zieht, mit nur einer Frage und eine sehr selektiven Sicht auf die Konsequenzen von Ungehorsam, Gottes Güte in Zweifel.

„Hat Gott wirklich gesagt ‚Ihr dürft von keinem Baum im Garten essen‘?“ fragt sie. „Nein, wir dürfen alle Früchte essen, nur nicht vom Baum in der Mitte des Gartens. Weil wir dann sterben würden,“ antwortet Eva. „Ihr werdet nicht sterben,“ antwortet die Schlange, „Gott weiß, dass eure Augen geöffnet werden, wenn ihr davon esst, sodass ihr wie Gott wärt und Gut von Böse unterscheiden könntet.“ (nach 1. Mose3, 1-5)

Indem sie geschickterweise vermeidet zu erwähnen, dass die Frucht zu essen bedeutet, von Gott, dem Geber allen Lebens, getrennt zu werden, stellt die Schlange es als begehrenswert dar. Damit impliziert sie, dass Gott bei seinem Verbot Hintergedanken hat. Sie deutet an, dass Adam und Eva mehr sein könnten, als sie sind, und dass Gott das anscheinend verhindern möchte. Das verändert etwas in Evas Herz. Verleitet von der Schönheit der Frucht, verführt vom Versprechen gottgleicher Weisheit und von Gott anscheinend hintergangen, isst sie die Frucht und gibt auch Adam etwas davon.

Eine kleine Übertreibung, eine kleine Verdrehung der Fakten war alles, was es brauchte, um Adam und Eva davon abzubringen, Gott zu vertrauen. Und so wie die gesamte Menschheit seither, fühlten sie sich nicht mehr frei, wenn sie nicht ihre eigenen Herren sein können. Sie begannen, sich danach zu sehnen, frei von Gott zu sein. Also aßen sie von der Frucht, und als Resultat wurden sie Sklaven. Wurden Sklaven von Arbeit, Sklaven von Geld, Sklaven von Selbstentfaltung, Sklaven von Lust, Sklaven von Sucht, Sklaven von Tod.

Die Unabhängigkeit von Gott hat alles verändert. Jetzt erleiden wir Schmerz, Krankheit, Verfolgung, Unterdrückung, Gefahr, Not, Scham, Lasten, Sünde und alle dazugehörigen Sorgen und Konsequenzen. Und unsere „Freiheit“ tun zu können, was wir wollen, kann uns von nichts davon befreien. Und das Schlimmste ist: Wir sind Sklaven davon, von Gott getrennt sein zu müssen.

Das ist etwas, was Gott nicht ertragen kann: Dass wir verdammt sein sollen, von ihm getrennt zu sein und in Sklaverei und Gebrochenheit leben zu müssen. Er wollte nie, dass wir von ihm fern seien, wollte nie, dass wir von unserer Sünde verkrüppelt seien. Nein, er ist entschlossen, uns zurück in seine wahre und ewige Freiheit zu bringen, und gibt alles, um uns einen Weg zurück in die Beziehung zu bereiten, für die wir gemacht sind. Wo wir frei von allem sein können und nur von ihm gehalten werden.

Das meint Gott, wenn er davon spricht, uns zu befreien. Er möchte uns zurückbringen in den Zustand der Freiheit, in dem Adam und Eva in Eden lebten. Frei zu sein von Sünde, Krankheit, Schmerz, Armut und Tod, und stattdessen in vollkommener Sicherheit, unerschöpflicher Versorgung und ewiger Erfüllung zu leben. Das ist die Freiheit, die wir mit dem Fall des Menschen verloren haben. Das ist die Freiheit, die wir für Unabhängigkeit und Selbstbestimmung eingetauscht haben, als wir vom Baum der Erkenntnis aßen. Und das ist die Freiheit, für die Gott großen Schmerz auf sich nimmt, um sie uns wieder verfügbar zu machen.

Warum Gott sich so viel Mühe macht

Dass der Mensch die Frucht aß, muss Gott das Herz gebrochen haben. Seine vollkommenen Geschöpfe, seine Gegenüber, die er geschaffen hatte, um mit ihnen die Schönheit der Welt zu teilen, kannten ihn bislang nur als den liebevollen Versorger von allem, was sie sich nur wünschen konnten. Jetzt verlangen sie danach, ihre eigenen Herren zu sein. Er weiß, was es für uns, die Welt und unsere Beziehung zu ihm bedeuten wird, wenn wir diesem Verlangen nachgehen: Heillose Zerstörung und Verzweiflung. Dennoch respektiert er diese Entscheidung. Sie überrascht ihn nicht einmal. Schließlich hat er den Baum der Erkenntnis selbst gepflanzt. Er hat ihn gerade dafür geschaffen, um uns die Wahl zu ermöglichen, ob wir in der liebevollen aber von ihm abhängigen Beziehung bleiben wollen oder nicht. Er wusste in welches Elend uns diese Entscheidung werfen würde, und was es ihn kosten würde, uns zu ihm zurückzubringen, aber er hat sie uns dennoch zur Verfügung gestellt. Die Frage ist nur, warum?

Ich habe Gott das einmal gefragt. Er muss gewusst haben, dass der Mensch fallen wird. Er muss gewusst haben, dass wir Sklaven von Sünde und Tod werden würden. Er muss gewusst haben, dass wir sein Eingreifen, seine Befreiung, sein Erbarmen und seine Gnade brauchen würden, falls wir jemals wieder in der Lage sein sollten, in seiner vollkommenen Freiheit zu leben. Er muss gewusst haben, dass es ihn seinen eingeborenen Sohn kosten würde, um das wiederherzustellen, was der Fall des Menschen zerstört hatte. Deshalb wollte ich verstehen, warum er sich diesen fürchterlichen Schmerz angetan hat, wenn er doch einfach hätte nicht den Baum pflanzen können.

Der Heilige Geist antwortete, wie er es üblicherweise tut, indem er sein Schwert der Wahrheit in meinem Kopf niedergehen ließ: „Weil ich euch liebe. Und weil ich wollte, dass ihr euch frei entscheiden könnt mich zu lieben.“

Er wollte uns als gleichgestellte Partner in dieser Beziehung. Aber damit wir dem allmächtigen Gott gleichgestellt sein können, musste er seine Macht beschneiden, indem er unseren Willen über den seinen stellte. Indem er sich entschloss, unsere Entscheidungen zu respektieren, selbst wenn er uns am liebsten die Konsequenzen ersparen würde. Damit wir die Wahl haben können, weil Liebe nie erzwungen werden kann. So sehr liebt er uns. Er verneint sich selbst, beschneidet seine Allmacht und nimmt entschlossen die schreckliche Konsequenz des Opfers seines eigenen Sohnes auf sich, nur um uns die Chance zu geben, zu ihm zurückzukehren. Dass Jesus ans Kreuz genagelt wurde, war nicht Plan B, war nicht die Lösung, die Gott eingefallen ist, nachdem Adam und Eva ihn mit ihrem Ungehorsam geschockt hatten. Er wusste schon, dass er dieses Opfer würde bringen müssen, als er den Baum pflanzte. Ich bin überzeugt, dass Gott in unsere Geschichte mit ihm von Anfang an aufs Ganze ging. Dass er bereit war, es bis zum Ende durchzuziehen, um uns einen Weg aus der Sklaverei unserer Unabhängigkeit zurück in seine vollkommene Freiheit zu bereiten. Und ich glaube, dass er schon, bevor er überhaupt mit der Erschaffung der Welt begann, entschlossen war, dass er Alles geben würde. Dass er uns rückhaltlos lieben und für uns buchstäblich bis zu seinem letzten Atemzug kämpfen würde. Er überschlug die Kosten und entschied: Uns als freie, gleichgestellte Partner zu haben, war die Sache wert.

In dieser Liebe lebten Adam und Eva im Garten Eden. Sie lebten in Gottes Hand, kannten nichts als vollkommene Sicherheit, unerschöpfliche Versorgung und ewige Erfüllung. Indem sie vom Baum der Erkenntnis aßen, wandte sich der Mensch von dieser Liebe ab. Warum um alles in der Welt taten sie das, könnte man fragen? Misstrauen. Sobald die Schlange ihnen Weisheit statt Tod versprach, hörten sie auf Gott zu vertrauen. In ihrer begrenzten Erfahrung hatten sie ihn noch nie für sie kämpfen sehen, ihn sich nie beweisen sehen. Sie kannten nichts als Zufriedenheit und Glücklichsein. Aber nun erzählt ihnen die Schlange, es gäbe etwas, was sie noch nie gesehen haben. Etwas, das Gott ihnen vorenthält. Wie kann er es wagen! Hat er sie nicht als Herren über die Schöpfung eingesetzt? Warum können sie dann nicht auch über diesen Baum herrschen? Ihr Verlangen nach Selbstbestimmung wächst und die Frucht wird unwiderstehlich. Weil sie nicht darauf vertrauen, dass es vielleicht besser wäre, das, was Gott ihnen vorenthält, nicht zu haben.

Vom Baum der Erkenntnis zu essen ist also des Menschens Misstrauensvotum an Gott. Obwohl wir geschaffen wurden, ihn zu lieben und von ihm geliebt zu werden, laufen wir vor der Beziehung davon, für die wir gemacht waren, weil wir ihm nicht vertrauen. Und Liebe ohne Vertrauen ist unmöglich. Aber oh, Gott will uns immer noch lieben und will immer noch, dass wir fähig seien, ihn zu lieben. Was soll er jetzt also tun? Wie kann er uns den Weg zurück zu ihm weisen, wo wir doch davongelaufen und unser eigener Untergang geworden sind? Er tut es, indem er sich uns offenbart. Indem er sich uns als die einzig wahre Quelle aller Sicherheit, Versorgung und Erfüllung zeigt, damit wir die wahre Bedeutung von Freiheit in ihm erfassen mögen.

Wie macht Gott das?

Mein Vater hat immer gesagt: „Du kannst deine Kinder erziehen, wie du willst, sie machen dir doch alles nach.“

Was nur wie einer dieser Sprüche schien als ich klein war, enthält ein ganzes Stück göttliches Prinzip. Wir lernen eher, indem wir unsere Eltern beobachten, als durch bloßes Zuhören. Denn Liebe redet nicht, predigt nicht und fordert nicht. Liebe tut. Also zeigt Gott sich, indem er ein aufwändiges, unbestreitbares Musterbeispiel gibt. Er inszeniert eine große Rettungsaktion und offenbart sich als unser Erlöser. Dem schließt er eine Reihe von Wundern an und offenbart sich als unser Versorger. Und dann, und das ist das Wunderbarste von allem, erschafft er einen Ort, wo wir ihm wieder nahe sein können, und offenbart sich als unsere Erfüllung.

Ich rede von der Geschichte des Exodus, Israels Befreiung aus Ägypten. Es ist DIE Geschichte von Freiheit, aber es ist auch eine große Offenbarung dessen wer Gott ist, wie sehr er uns liebt und wie unsere Beziehung zu ihm sein kann. Wenn wir die Geschichte aus Gottes Perspektive betrachten, sehen wir, dass sich Gott mit jedem Schritt aus der Sklaverei in das verheißene Land selbst präsentiert. Er musste erleiden, wie der Mensch sich voll Misstrauen von ihm abwandte, also möchte er sich uns zeigen, damit wir ihn kennenlernen. Er möchte wieder unser Gott sein, unsere einzige Quelle für Erlösung, Versorgung und Erfüllung. Um uns zu zeigen, was und wer er ist, gibt er uns ein großartiges Beispiel: Seine Geschichte mit Israel, seinem erwählten Volk.

Wenigstens werden sie das erwählte Volk genannt (unter anderem in 5. Mose 7,6). Wenn wir aber ein bisschen genauer hinsehen, wird schnell klar, dass sie eigentlich ein erschaffenes Volk sind. Das beginnt schon, als Gott sich Abraham in 1. Mose 12, 1-2 offenbart.

Der Herr sprach zu Abram: „Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde! Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein.“

Zu der Zeit von Abrahams erster Begegnung mit Gott ist er 75 und kinderlos. Also scheint Gottes Versprechen vielleicht nicht viel Sinn zu ergeben. Aber diese Begegnung verändert Abrahams Leben und er gehorcht sofort. Gott wiederholt sein Versprechen an Abraham mehrere Male, und über zwei Jahrzehnte später, allen Widrigkeiten und ihrem hohen Alter zum Trotz, bekommt seine Frau Sara endlich einen Sohn, Isaak. Es scheint seltsam, dass Gott eine unfruchtbare Familie wählt, um ein Volk daraus zu machen. Nicht nur Sara hat eine wundersame Schwangerschaft, auch Rebekka ist unfruchtbar, bis Isaak für sie betet, ebenso ist es bei Rahel. Es fühlt sich an, als wollte Gott von Anfang dieser Geschichte an seine Finger im Spiel haben. Gott erwählte nicht ein bestehendes Volk, er erschuf eines von Grund auf. Und warum? Um ihr Gott zu sein.

„Ich richte meinen Bund auf zwischen mir und dir und mit deinen Nachkommen nach dir, Generation um Generation, einen ewigen Bund: Für dich und deine Nachkommen nach dir werde ich Gott sein.“ (1. Mose 17,7)

Er möchte ein Volk, dem er sich als der allmächtige Gott offenbaren kann. Er schließt mit Abraham einen Bund und erzählt ihm auch von seinem Plan:

Er sprach zu Abram: „Du sollst wissen: Deine Nachkommen werden als Fremde in einem Land wohnen, das ihnen nicht gehört. Sie werden dort als Sklaven dienen und man wird sie vierhundert Jahre lang unterdrücken. Aber auch über das Volk, dem sie als Sklaven dienen, werde ich Gericht halten und nachher werden sie mit reicher Habe ausziehen.“ (1. Mose 15,13-14)

Gott hat diese ganze Geschichte mehrere hundert Jahre im Voraus geplant. Er hat geplant, dass Israel und seine Söhne sich in Ägypten ansiedeln und dass ihre Nachkommen Sklaven werden, denn er plante, sich ihnen als der Gott, der befreit, versorgt und erfüllt, zu offenbaren. Er setze seine große Befreiungsgeschichte in Gang, als er Abraham erwählte. Und er möchte, dass diese Geschichte Bestand hat und nie vergessen wird. Darum ordnet er in 2. Mose 12,1-20 an, in Erinnerung an seine großen Taten jedes Jahr das Passahfest zu feiern, und bis heute tut das sein Volk als wären sie damals selbst dabei gewesen. Es ist ihm so wichtig, dass er ihnen gebietet, etwas nun regelmäßig in Gedenken zu feiern, das gerade erst passiert. Und danach nennt er sich selbst „der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat“ (unter anderem in 2. Mose 20,2). So sehr identifiziert er sich mit dieser großartigen Geschichte. Sie muss einfach von bleibender Bedeutung sein.

Die 15 Schritte in vollkommene Freiheit

Es ist kein Wunder, dass Israel mehrere Jahre braucht, um aus der Sklaverei in Gottes vollkommene Freiheit zu kommen. Es ist ein ganz schön langer Weg. Wenn man die 15 Verse des Dajenus betrachtet, brauchen die Kinder Israels 15 individuelle Schritte aus der Sklaverei in das verheißene Land, jeder einzelne ein Wunder an sich.

So gedenken und feiern bis heute jüdische Familien die Israels erstaunliche Reise in Gottes Freiheit zum Passahfest, als hätten sie es selbst miterlebt:

Wenn Er uns aus Ägypten geführt hätte, aber nicht Gericht über die Ägypter gebracht hätte Dajenu, das hätte schon gereicht!

Wenn Er Gericht über die Ägypter gebracht hätte, aber nicht über ihre Götter Dajenu, das hätte schon gereicht! Wenn Er Gericht über ihre Götter gebracht hätte, aber nicht ihre Erstgeborenen getötet hätte Dajenu, das hätte schon gereicht! Wenn Er ihre Erstgeborenen getötet hätte, aber uns nicht ihren Wohlstand gegeben hätte Dajenu, das hätte schon gereicht! Wenn Er uns ihren Wohlstand gegeben hätte, aber nicht das Meer für uns geteilt hätte Dajenu, das hätte schon gereicht! Wenn Er das Meer für uns geteilt hätte, uns aber nicht trockenen Fußes hindurch geführt hätte Dajenu, das hätte schon gereicht! Wenn Er uns trockenen Fußes hindurchgeführt hätte, aber nicht unsere Unterdrücker ertränkt hätte Dajenu, das hätte schon gereicht! Wenn Er unsere Unterdrücker ertränkt hätte, aber nicht in der Wildnis 40 Jahre für uns gesorgt hätte Dajenu, das hätte schon gereicht! Wenn Er 40 Jahre in der Wildnis für uns gesorgt hätte, uns aber nicht Manna zu essen gegeben hätte Dajenu, das hätte schon gereicht! Wenn Er uns Manna zu essen gegeben hätte, uns aber nicht den Schabbat gegeben hätte Dajenu, das hätte schon gereicht!

Wenn Er uns den Schabbat gegeben hätte, uns aber nicht zum Berg Sinai geführt hätte Dajenu, das hätte schon gereicht! Wenn Er uns zum Berg Sinai geführt hätte, uns aber nicht seine Gebote gegeben hätte Dajenu, das hätte schon gereicht! Wenn Er uns seine Gebote gegeben hätte, uns aber nicht ins verheißene Land geführt hätte Dajenu, das hätte schon gereicht! Wenn Er uns ins verheißene Land geführt hätte, aber nicht den Tempel für uns gebaut hätte Dajenu, das hätte schon gereicht!