Dalmore Jazz - Mara Laue - E-Book

Dalmore Jazz E-Book

Mara Laue

4,7

  • Herausgeber: Dryas Verlag
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2014
Beschreibung

Eine gestohlene Whiskyflasche, eine Leiche und ein dunkles Geheimnis. Der Edinburgher Jazzband »Dalmore Jazz" wurde ihr Glücksbringer gestohlen, eine alte Flasche Dalmore-Whisky. Der Verdacht fällt auf Kyle Saunders, ein besessener Fan aus Amerika. Da die Polizei ihm nichts beweisen kann, engagiert die Band die Privatermittlerin Rowan Lockhart, um die Flasche zu finden. Kurz darauf wird Kyle Saunders ermordet. Rowan, die längst festgestellt hat, dass die ganze Band etwas verbirgt, gräbt tiefer in deren Vergangenheit und kommt damit jemandem in die Quere, der unter allen Umständen verhindern muss, dass sein Geheimnis entdeckt wird.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 377

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
4,7 (18 Bewertungen)
14
2
2
0
0



DALMORE JAZZ

Ein Edinburgh-Krimi mit Rowan Lockhart

von Mara Laue

Vorbemerkung: Alle im Roman genannten Orte sind authentisch. Sofern es sich um die Adressen von nichtöffentlichen Gebäuden handelt, wurden jedoch die Hausnummern aus rechtlichen Gründen frei erfunden. Alle Handlungen und Personen sind fiktiv, ebenso die Band Dalmore Jazz. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen und Ereignissen wären Zufall.

Ein Glossar

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nachbemerkung

Glossar

Danksagung

Reiseführer

Impressum

EINS

Dienstag, 4. Dezember 2012

„Zehntausend Pfund!“ Kyle Saunders blickte Matt Ramsey, den Leadsänger der Edinburgher Band Dalmore Jazz, eindringlich an.

Der grinste und klopfte ihm väterlich auf die Schulter. „Keine Chance, Junge. Und zu dem lächerlichen Preis schon mal gar nicht.“ Er beugte sich vor und sah Kyle in die Augen. „Man hat uns schon Millionen für das Schätzchen geboten. Aber sie ist unverkäuflich. Sie ist ein Teil von uns, unsere Glücksfee und unser Herz. Die geben wir nicht her.“

Liebevoll tätschelte er die langhalsige Flasche, die er wie ein Baby im Arm hielt. Auf ihrer Vorderseite klebte ein Plastik-Hirschkopf mit einem zwölfendigen Geweih in Metalloptik. Das an einer Ecke abgerissene Etikett wies den früheren Inhalt der Flasche als Dalmore Single Malt Whisky aus. Doch statt des Whiskys, den die Band schon vor dreißig Jahren restlos ausgetrunken hatte, enthielt die gut verkorkte und versiegelte Flasche ein besonderes Accessoire: An einem Band, das an das untere Ende des Korkens geklebt war, baumelten Haarlocken in unterschiedlichen Längen und Farben. Einige von ihnen waren zu Zöpfchen geflochten, die anderen lediglich mit verschiedenfarbigen Fäden umwickelt, um sie zusammenzuhalten. An jede Locke war ein kleines Namensschild gebunden.

Die Flasche war eine Legende und für die Band fast schon ein Heiligtum, ihr „Herz“, wie Matt Ramsey gesagt hatte. Denn als am 4. Dezember dreißig Jahre zuvor ein paar jazzbegeisterte Freunde und Hobbymusiker zusammengesessen und Musik gemacht hatten, war beim Austrinken eben dieser Flasche Dalmore die Idee entstanden, eine eigene Jazzband zu gründen. Dem Whisky zu Ehren, aus dem die Bandidee geboren worden war, hatten sie sich „Dalmore Jazz“ genannt und eine Locke vom Haar eines jeden Gründungsmitglieds in der Flasche versiegelt. Schon deshalb war diese Flasche bei den Fans der Band heiß begehrt.

„Bitte, Mr Ramsey.“ Kyle lächelte gewinnend. „Ich ...“

„Junge, wir geben dir alles andere, was dein Herz begehrt. Von mir kannst du sogar meine Frau haben. Die hat sich sowieso gerade von mir scheiden lassen.“ Er lachte über seinen Witz, doch dann wurde er ernst und bedachte Kyle mit einem drohenden Blick. „Aber diese Flasche ist und bleibt unverkäuflich. Also trink einen Dalmore auf unser und dein Wohl, mach ein Foto von der Flasche zur Erinnerung, genieß unsere Musik, und dann geh zurück nach Amerika! Unsere Flasche wird uns niemals verlassen. Klar?“

Kyle nickte, da ihm sowieso nichts anderes übrig blieb. Er machte ein paar Fotos von der Gründungsflasche in Ramseys Arm und zog sich zurück, als sich zwei Leute von der Security auf Ramseys Wink näherten. Einer von ihnen machte eine auffordernde Geste von der Bühne weg, vor der Kyle mit Ramsey stand, zu den Tischen hin. Kyle lächelte gezwungen, setzte sich auf seinen Platz, bestellte einen Dalmore und überlegte, wie er an die Flasche herankommen konnte. Er musste sie einfach haben.

Dass das nicht leicht werden würde, war ihm von Anfang an klar gewesen. Aber er hatte geglaubt – gehofft –, dass sein Angebot von zehntausend Pfund ausreichen würde, um die Band zumindest in Versuchung zu führen. Er hätte es besser wissen müssen. Schließlich hatte er jeden Schnipsel an Informationen über Dalmore Jazz gesammelt, dessen er hatte habhaft werden können. Darunter befand sich auch ein Zeitungsbericht aus der „New York Times“, in dem es hieß, dass ein New Yorker Milliardär, der wohl wegen seiner schottischen Wurzeln und seiner Vorliebe für Jazz und den Dalmore ein Fan von Dalmore Jazz war, der Band eine Million Dollar für ihre Gründungsflasche geboten hatte. Nach deren hartnäckiger Ablehnung hatte er das Angebot noch mehrfach erhöht, schließlich sogar auf drei Millionen Dollar. Die Antwort von Dalmore Jazz war sogar wörtlich zitiert worden: „Solange unsere Band besteht, werden wir die Flasche niemals verkaufen. Nicht für alles Geld der Welt. Amen!“

Trotzdem hatte Kyle sein Glück versuchen müssen. Schließlich war schon manche andere und sogar berühmtere Band im Laufe der Jahre auseinandergegangen. Außerdem war der Stern von Dalmore Jazz im Sinken, wenn man den Gerüchten aus der Branche Glauben schenken durfte. Das bedeutete, dass die Mitglieder Geld brauchten. Aber so, wie es aussah, war die Gründungsflasche das Letzte, was sie jemals verkaufen würden.

Matt Ramsey ging auf die Bühne zurück und stellte die Flasche auf ihren Thron, einen mit royalblauem Samt ausgekleideten ehemaligen Autokindersitz, neben dem ein muskelbepackter Security-Mann Wache schob, der Kyle nicht aus den Augen ließ. Die übrigen vier Musiker fanden sich ebenfalls wieder auf der Bühne ein, um die Darbietung nach der Pause fortzusetzen.

Kyle kannte sie alle, obwohl er ihnen an diesem Abend zum ersten Mal live begegnet war: Matt Ramsey war der Sänger und zweite Saxofonist der Band und komponierte und textete alle Songs. Tom Maxwell spielte den Bass und die Gitarre, Charlie Grant das Schlagzeug. Rob Leask saß an der Hammondorgel; Drew Stirling war der Zauberer mit dem Saxofon und spielte auch Oboe. Sein Spiel wurde oft mit dem von John Coltrane verglichen. Kyle fand sogar, dass Stirling besser war; zumindest gefiel ihm dessen Stil besser.

Dalmore Jazz hatte in den dreißig Jahren ihrer Existenz über dreihundert Songs und Instrumentalstücke produziert, von denen etliche sehr erfolgreich gewesen waren und die Bandmitglieder reich gemacht hatten, sehr reich. Aber dieser Reichtum interessierte Kyle nicht. Er wollte die Gründungsflasche haben. Zum Glück gab es noch andere Möglichkeiten, an sie heranzukommen, als zu versuchen, sie zu kaufen. Doch diese Möglichkeiten wollten gut überlegt sein.

„Ich bin erledigt.“ Tom ließ sich in Matts Wohnzimmer in einen Sessel fallen, streckte die Beine aus, ließ die Arme hängen und legte den Kopf auf die Rückenlehne. „Ich glaube, ich werde langsam alt.“

„Rate, wer noch!“ Drew warf sich in einen anderen Sessel und imitierte Toms Haltung. „Mann, wann haben wir zuletzt so einen Marathonauftritt hingelegt?“

„Noch nie.“ Charlie fläzte sich auf die Couch, auf der auch Rob Platz nahm. „Bei unseren bisherigen Auftritten hatten wir nur zwei Stunden lang mit einer ausreichenden Pause zwischendurch zu spielen, oder wir sind bei einem Jazzfestival aufgetreten, wo wir nicht die einzige Band waren und deshalb auch nicht länger spielen mussten. Aber einen ganzen Tag lang das Programm allein schmeißen, das war echt neu.“

„Tröstet euch“, sagte Keith Nicholson, der Manager der Band, und setzte sich neben Rob. „Das nächste derartige Ereignis inszenieren wir erst wieder, wenn ihr euer fünfzigjähriges Bestehen feiert. Falls ihr dann noch dazu in der Lage seid und nicht schon im Altenheim dahinvegetiert.“ Lautstarker fünfstimmiger Protest war die Antwort, aber Keith ignorierte ihn. „Hey, Matt! Wo bleibt der Dalmore?“

„Ihr wisst doch, wo er steht. Bedient euch.“ Matt stand neben dem Kamin, hatte den gerahmten Kunstdruck von Bonnie Prince Charlie zur Seite geklappt und öffnete den dahinter verborgenen Safe. Feierlich stellte er die Gründungsflasche hinein und schloss den Safe danach sorgfältig. Als er einen Blick zum Fenster warf, fluchte er. Draußen stand Kyle Saunders und starrte herein.

Entschlossen ging Matt zur Haustür und riss sie auf. Kyle Saunders stand bereits davor, den Mantelkragen hochgeschlagen wegen des Schneegestöbers, das eine halbe Stunde zuvor eingesetzt hatte, und lächelte Matt an.

„Mr Ramsey ...“

„Pass mal auf, Jungchen!“, fuhr Matt ihm über den Mund. „Ich sag es nur noch ein einziges Mal: Unsere Flasche ist un-ver-käuf-lich.“ Er betonte jede einzelne Silbe. „Also verschwinde, oder ich rufe die Polizei. Und wenn ich dich noch mal auf meinem Grundstück erwische, prügele ich dich runter. Du wärst nicht der erste besessene Fan, der meinen Zorn zu spüren bekommt, weil er uns belästigt hat.“

Kyle Saunders verließ zwar rückwärts gehend das Grundstück, blieb aber davor stehen, zumindest dort, wo er glaubte, dass sich der Bürgersteig befand. Das war nicht eindeutig zu erkennen, denn der Winter hatte Schottland derart heftig in seinem eisigen Griff wie selten zuvor. Der Schnee lag teilweise so hoch, dass niedrige Grundstückszäune und sogar Autos komplett unter der weißen Masse begraben waren.

„Mr Ramsey ...“

„Hau ab!“, brüllte Matt so laut er konnte. „Und lass dich hier nie wieder blicken!“ Er griff sich einen Haufen Schnee von der Hecke neben dem Eingang, presste ihn zu einem Klumpen und schleuderte ihn auf Saunders.

Der versuchte auszuweichen, schaffte es aber nicht. Stattdessen rutschte er aus und fiel hin, als ihn der Schneeklumpen ins Gesicht traf. Matt wartete nicht ab, bis Saunders sich wieder aufgerappelt hatte, sondern knallte die Tür zu und ging zurück ins Wohnzimmer. Dort zog er alle Vorhänge der Fenster zur Straße hin zu. Er wusste zwar nicht, wie lange Kyle Saunders vor dem Fenster gestanden hatte, aber mit Sicherheit lange genug, um gesehen zu haben, wo sich der Safe befand, in dem die Gründungsflasche stand. Mist!

Die Mitglieder der Band waren schon mehrfach geschlossen oder einzeln von hartnäckigen Fans verfolgt worden. Meistens wollten diese nur Autogramme. Ein paar weibliche Fans hatten es auch darauf abgesehen, einen der Dalmore Jazzers ins Bett zu bekommen. Aber Kyle Saunders trieb es auf die Spitze. Er hatte an diesem Tag nicht zum ersten Mal versucht, an die Gründungsflasche heranzukommen. Falls seine Behauptung der Wahrheit entsprach, was Matt bezweifelte, arbeitete er als Künstler in New York. Er hatte zunächst darum gebeten, sich die Flasche für einen Tag ausleihen zu dürfen, um sie in verschiedenen Settings zu fotografieren und zu malen. Natürlich hatten die Dalmore Jazzers das abgelehnt, nicht nur, weil sie die Flasche nie aus der Hand gaben und erst recht nicht aus den Augen ließen, wenn sie sich nicht im Safe befand. Schon so mancher Fan und Sammler hatte versucht, sie zu stehlen. Einmal hatten sie bei einem Konzert sogar jemanden bei dem Versuch erwischt, die Flasche gegen eine halbwegs gut gemachte Fälschung auszutauschen.

Kyle Saunders hatte garantiert Ähnliches im Sinn. Da er sie sich nicht ausleihen konnte – um sie gegen eine Kopie auszutauschen und mit dem Original zu verschwinden, kein Zweifel –, wollte er sie nun kaufen und verstand offenbar kein Nein. Matt hoffte, dass der Schneeball ins Gesicht Saunders klargemacht hatte, dass er die Flasche nie bekommen würde. Matt würde nachher die Alarmanlage einschalten, bevor er sich schlafen legen würde, nur für alle Fälle. So sehr er die Aufmerksamkeit der Fans auch genoss, wenn sie sich auf die Musik bezog und sich durch Jubel bei Live-Auftritten, Autogrammwünsche und den Kauf möglichst vieler CDs ausdrückte; wenn sie ihn und die anderen bis nach Hause verfolgten, hörte der Spaß auf.

Keith hatte inzwischen den Dalmore und Gläser geholt und schenkte allen großzügig ein. Matt setzte sich in den letzten noch freien Sessel, nahm sein Glas und schaute in die goldschimmernde Flüssigkeit. Die Band hatte dem Dalmore viel zu verdanken, nicht nur ihren Namen. Ihren besten Songs lag eine ordentliche Portion zuvor genossenen Dalmores zugrunde, besonders in den ersten Jahren, als...

Er verbot sich den Gedanken energisch. „Was schätzt du, Keith, wie viel hat unser Jubiläum uns heute eingebracht?“, fragte er, um sich abzulenken.

Der Jubiläumsauftritt hatte in der Cromdale Hall des Edinburgh International Conference Centre stattgefunden. Der Saal war für zwölfhundert Gäste konzipiert, aber nicht ausverkauft gewesen wie in früheren Zeiten, als noch... Nun gut, das hatte vielleicht auch daran gelegen, dass eine Eintrittskarte dreißig Pfund gekostet hatte. Wer kein Fan war oder vielleicht ein Tourist, der den Jubiläumsauftritt als interessantes Event in seine Liste der „abzuarbeitenden Sehenswürdigkeiten“ aufgenommen hatte, dem war das sicherlich zu teuer gewesen. Dalmore Jazz hatte ihren Zenit schon lange überschritten. Das Schneechaos hatte ein Übriges dazu getan, dass die Halle halb leer gewesen war. Etliche Leute, die ihre Karten im Vorverkauf erworben hatten, waren wegen des Wetters zu Hause geblieben. Und Touristen kamen sowieso eher selten im Dezember nach Edinburgh.

Keith schüttelte den Kopf. „Schwer zu schätzen. Kann ich erst nach dem Kassensturz sagen. Wie ich aber mitbekommen habe, sind fast alle CDs verkauft worden. Dazu noch ein paar Fanartikel. Und euer erstes handgeschriebenes Songbook ging bei der Versteigerung für fünftausend weg. Alles in allem stehen wir nicht so schlecht da.“

Matt hörte an Keiths Tonfall, dass „nicht so schlecht“ in Wahrheit „fast ein Flop“ hieß. Immerhin musste von den Einnahmen die Miete für den Saal bezahlt werden, dazu das Catering, die Löhne für die Techniker und alle anderen, die an der Organisation beteiligt waren. Zwar waren neben dem Songbook noch einige weitere bei den Fans begehrte Artikel versteigert worden, doch falls dabei nicht ordentlich etwas reingekommen war, blieb unterm Strich für jedes Bandmitglied nicht allzu viel übrig. Aber es war unter anderem Keiths Aufgabe als Bandmanager, Optimismus zu verbreiten.

Keith hob sein Glas. „Ich trinke auf den Erfolg! Und auf weitere Erfolge. Cheers!“

„Auf den Erfolg!“, toasteten auch die anderen und stießen miteinander an.

Matt leerte sein Glas in einem Zug. Er fühlte die Wärme, die der Alkohol in seinem Magen verbreitete, und wünschte sich vergeblich, sie würde auch auf seine Seele übergreifen. Doch darin spürte er eine Kälte, gegen die ihm der Winter draußen wie ein laues Lüftchen vorkam.

Rob hob sein Glas. „Und auf Seymour, ohne den wir nie so erfolgreich geworden wären.“

Matt starrte ihn an und hatte das Gefühl, als hätte man ihm ein Schwert in den Leib gerammt. Seine Hände begannen zu zittern.

Rob, der im selben Moment begriff, was er gesagt hatte, wurde rot. „Sorry, ich...“ Er schluckte. „Tut mir leid, ich wollte nicht...“

Matt stellte sein Glas auf den Tisch, stand auf und ging aus dem Zimmer.

„Ganz große Klasse, Rob“, hörte er Keith sagen. „Wann wirst du endlich mal lernen, deine Klappe zu halten, wenn du was getrunken hast?“

„Außerdem waren wir uns darüber einig, den Namen nie wieder zu erwähnen“, rügte Drew. „Du bist so ein Idiot, Rob!“

ZWEI

Freitag, 7. Dezember 2012

Rowan Lockhart betrat die Anwaltskanzlei Napier, Ogilvy & MacGregor im ersten Stock des Hauses 17D George IV Bridge. Die alteingesessene Kanzlei residierte in diesem Haus bereits seit über hundert Jahren. Das Innere war zwar modernisiert worden und vermittelte ein geschäftsmäßiges Ambiente der gehobenen Klasse, doch hatten sich die Anwälte bisher geweigert, mit der Tradition zu brechen und in ein moderneres Gebäude in der New Town von Edinburgh zu ziehen. Das lag nicht zuletzt daran, dass das Caffè Lucano nur ein paar Schritte entfernt war, ein Café und Restaurant, in dem es hervorragende italienische Kaffees und leckere Snacks gab, weshalb die Hälfte der Angestellten der Kanzlei dort Stammgäste waren.

Rowan schlug die gefütterte Kapuze ihres Wintermantels zurück und zog die Handschuhe aus. Draußen war es lausig kalt. Der Winter hatte das Land in diesem Jahr in einem mörderischen Griff und die Schneefälle hörten einfach nicht auf. In der Innenstadt waren die Straßen halbwegs geräumt, aber in den Außenbezirken war es schwierig. Rowan hatte zwei Stunden lang die Garage und den Weg zur Straße freischaufeln müssen, ehe sie hatte losfahren können. Und für den Weg von ihrem Haus in der Blackford Avenue bis zur Kanzlei, der normalerweise maximal eine Viertelstunde dauerte, hatte sie über eine Stunde gebraucht.

Im Vorraum der Kanzlei war es angenehm warm. Vier Sekretärinnen widmeten sich an ihren Tischen ihrer Arbeit. Alle grüßten Rowan freundlich.

„Guten Tag, Ms Lockhart.“ Jenny Anderson erhob sich und half Rowan, den Mantel auszuziehen. Anschließend hängte sie ihn an die Garderobe. „Mr MacGregor erwartet Sie. Gehen Sie einfach hinein.“

„Danke.“ Rowan ging an ihrem Tisch vorbei, klopfte an Michael MacGregors Tür und trat nach seiner Aufforderung ein. „Hi Michael.“

„Hallo Rowan.“ Er erhob sich und deutete auf den Sessel vor seinem Schreibtisch. „Nimm Platz. Tee? Oder etwas Stärkeres?“

„Tee bitte. Das Stärkere nehme ich heute Abend, wenn das Tagwerk getan ist.“ Sie setzte sich, während Michael über die Gegensprechanlage bei Jenny Anderson Tee orderte. „Entschuldige bitte meine Verspätung, aber ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich zu Fuß schneller hier gewesen wäre als mit dem Auto.“

Er lachte. „Furchtbare Kälte, nicht wahr?“, begann er mit der Diskussion über das Wetter, die in Schottland jede Unterhaltung einleitete. „In den Nachrichten haben sie heute Morgen gesagt, dass weiter im Norden der Verkehr vollkommen zum Erliegen gekommen ist.“

„Ja, in den ländlichen Gebieten sind sie eingeschneit.“

Sie plauderten, bis Jenny Anderson den Tee gebracht und sie beide ihren ersten Schluck getrunken hatten. Danach zog Rowan einen dicken Briefumschlag aus ihrer ledernen Umhängetasche, die in ihrer Form einem sporran nachempfunden war, der zum Kilt gehörenden Tasche, die vor dem Unterleib getragen wurde. Rowans Tasche war nur erheblich größer und hatte ihr schon in ihrer Collegezeit beste Dienste geleistet. Eigentlich wäre sie längst reif für die Mülltonne gewesen, aber „Smitty“ Macmillan, ein Scottish Traveller und Oberhaupt eines Clans fahrender Handwerker, den Rowan ab und zu für diverse Arbeiten einspannte, hatte sie ein paar Wochen zuvor runderneuert. Er hatte nicht nur alle dünnen und brüchigen Stellen verstärkt oder ausgetauscht, sondern die Tasche auch mit Applikationen versehen, die zwei einander an der Nase berührende Pferdeköpfe darstellten.

Michael nahm den Umschlag und blickte Rowan hoffnungsvoll an. „Du hast sie gefunden?“

„Nein, das ist der detaillierte Bericht über alle meine Fehlversuche und die Rechnung dafür.“ Sie winkte ab. „Ja, ich habe sie gefunden. Sie heißt heute Janice Williams und lebt in Cleveland, Ohio. In dem Umschlag befinden sich Kopien aller einschlägigen Dokumente, die lückenlos belegen, dass Janice Williams die leibliche Tochter eures Klienten ist. Eine endgültige Bestätigung muss natürlich ein DNA-Abgleich bringen, aber ich versichere dir, dass ein Irrtum zu achtundneunzig Prozent ausgeschlossen ist.“

Michael lächelte zufrieden. „Rowan, ich könnte dich küssen.“

Sie hob abwehrend die Hände. „Du willst meine Schwester heiraten, nicht mich.“

„Werde ich, keine Sorge. Aber ein schwägerlicher Kuss in Ehren...“ Angesichts ihres warnenden Blickes verzichtete er lieber doch darauf. Er zog die Papiere aus dem Umschlag und überflog sie, ehe er den Kopf schüttelte. „Wie hast du das nur geschafft?“

„Indem ich herumtelefoniert und gefaxt und gesimst und im Internet gesucht habe, bis ich ein paar Leute fand, die jemanden kannten, der wiederum jemanden kannte, der jemanden zu kennen glaubte, der...“

Michaels Lachen unterbrach sie. „Wie dem auch sei, unser Klient wird entzückt sein, dass seine verlorene Tochter gefunden wurde. Ich denke, er wird sich nicht lumpen lassen und dir einen Bonus zahlen.“

Rowan lächelte und deutete auf die letzte Seite, die Michael in der Hand hielt. „Für einen Scheck über die aufgeführte Rechnungssumme wäre ich dir schon sehr dankbar.“

Er lächelte ebenfalls. „Ich habe mir doch gedacht, dass du nicht nur zu einem kleinen Plausch unter künftigen Verwandten vorbeigekommen bist. Wie viel brauchst du?“

„Nur den Rechnungsbetrag. Ich muss ein paar Handwerker bezahlen. Zum Glück geht meine Detektei immer besser, auch dank dir.“

Noch drei Monate zuvor hatte das anders ausgesehen. Rowan hatte zehn Jahre lang in Japan gelebt, wo sie mit Hidoro Nobushi, der Liebe ihres Lebens, verheiratet gewesen war. Sie hatte sich ihr Leben dort eingerichtet, ein florierendes Security-Unternehmen mit hervorragendem Ruf und achtzehn Angestellten aufgebaut, obwohl sie eine gaijin war, eine Ausländerin, und nicht geplant, jemals nach Schottland zurückzukehren. Doch dann hatte sich das Reaktorunglück in Fukushima ereignet. Yamagata, die Stadt, in der die Nobushis wohnten, war nur gute dreißig Meilen von Fukushima entfernt. Während Doro es als seine Pflicht ansah, bei der Eindämmung der Schäden vor Ort zu helfen, hatte Rowan sich entschieden, vorübergehend in die Zentrale ihres Unternehmens nach Tokio zu ziehen, und Doro und ihre Schwiegereltern gebeten mitzukommen.

Dass Yoshio und Akiko das Heim nicht aufgeben wollten, in dem ihre Familie seit Jahrhunderten lebte, konnte sie verstehen. Sie verstand sogar, dass Doro seine Pflicht gegenüber seinem Land höher bewertete als die Liebe zu seiner Frau, auch wenn ihr das unglaublich wehtat. Und obwohl er seinerseits ihre Entscheidung verstand, hatte er deswegen die Scheidung eingereicht – trotz der Liebe, die sie beide immer noch füreinander empfanden, und der Tatsache, dass Rowan nur vorübergehend nach Tokio hatte ziehen wollen, bis die Gefahr der langfristig tödlichen Verstrahlung in Yamagata nicht mehr so unausweichlich gewesen wäre.

Ohne Doro an ihrer Seite hatte sie nicht mehr in Japan leben können und wollen. Deshalb war sie zurückgekehrt in ein Land, das sie in ihrer Seele so liebte wie früher, in dem sie sich aber nach inzwischen fast zwei Jahren immer noch fremd fühlte. Natürlich war es nicht leicht gewesen, aus dem Nichts heraus völlig neu anzufangen. Von dem Geld, das sie gespart hatte und das aus dem Verkauf ihres Security-Unternehmens stammte, hatte sie sich ein Haus kaufen und das erste Jahr überbrücken können. Doch trotz ihrer Ausbildung am Scottish Police College, dessen Urkunde in ihrem Büro gut sichtbar gegenüber der Tür hing, war ihr Detektivbüro zunächst wenig erfolgreich gewesen. Ebenso die Kampfkunstschule, die sie im Keller eingerichtet hatte, da der Unterricht zu oft ausgefallen war, weil sie Observierungen nicht mittendrin hatte abbrechen können, um den Unterricht zu erteilen.

Deshalb hatte Rowan das Obergeschoss ihres Hauses an Rory Lennox vermietet. Der Ex-Söldner hatte sich in mehr als einer Hinsicht als Glücksfall erwiesen, obwohl er eine Menge Probleme mit sich herumschleppte, unter anderem eine posttraumatische Belastungsstörung. Er hatte sich eine eigene Kampfkunstschule aufbauen wollen. Doch da Rowan bereits eine besaß und er ohnehin in ihrem Haus wohnte, hatte er sich als Partner in ihre Schule eingekauft. Nach ein paar Um- und Anbauten, um die Räume ansprechend wirken zu lassen und genug Platz für viele Schüler zu bieten, begann sie ebenfalls zu florieren.

Rowan musste allerdings noch ihren Teil der letzten Handwerkerrechnungen begleichen. Dafür brauchte sie den Scheck, den Michael ausschrieb und ihr anschließend reichte.

„Eileen lässt dich übrigens grüßen“, sagte er beiläufig.

Rowan runzelte finster die Stirn. „Michael, bitte. Ich kenne meine Schwester und vor allem ihre Einstellung zu mir. Das Letzte, was sie jemals täte, wäre, dir Grüße für mich aufzutragen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich finde es nett, dass du versuchst, als Vermittler zu fungieren, aber tu das bitte nicht mit solchen Lügen. Weder Eileen noch der Rest meiner lieben Familie legt Wert darauf, etwas mit mir zu tun zu haben. Im Gegenteil: Du weißt ganz genau, dass sie mich am liebsten totschweigen würden. Besonders nach meinem Erscheinen auf eurer Verlobungsfeier, wo sie mich rausgeworfen hätten, wenn das Ganze nicht im Haus deiner Eltern stattgefunden hätte. Ich nehme an, du erinnerst dich noch, was deine liebe Verlobte – meine Schwester – mir an den Kopf geworfen hat.“

Deren Unmut und der ihrer Eltern hatte sich an Rowans Kleidung entzündet, vielmehr an dem, was sie enthüllte: den Nobushi-Drachen, der sich in Rot, Schwarz und Grün von ihrer linken Schulter schlangenartig über ihren Rücken bis zu ihrer rechten Hüfte wand. Seine ausgefahrenen Krallen schienen den Betrachter zerreißen zu wollen, sein auf den ersten Blick grimmiger Gesichtsausdruck drückte auf den zweiten den unbändigen Stolz aus, den Rowan jedes Mal empfand, wenn sie ihn im Spiegel betrachtete. Diesen Stolz hatte sie auch gefühlt, als er ihr tätowiert worden war: Stolz darüber, nach nur acht Jahren Großmeisterin in der von Doros Familie seit Jahrhunderten praktizierten Kampfkunst des Togakure-ryu geworden zu sein, denn die meisten Menschen brauchten dafür erheblich länger. Als Anerkennung hatte man ihr gemäß der Familientradition der Nobushis den Drachen auf den Rücken tätowiert. Sie würde ihn mit ungebrochenem Stolz tragen bis an ihr Lebensende, weil er der sichtbare Beweis dafür war, dass sie etwas geleistet hatte, was nur wenigen Menschen gelang.

Aus diesem Stolz heraus hatte sie zu Eileens und Michaels Verlobung ein rückenfreies Neckholder-Shirt getragen, damit jeder den Nobushi-Drachen und die beiden schwarzen Schlangen auf ihren Armen sehen konnte. Sie hatte das nicht getan, um irgendjemanden damit zu provozieren, obwohl ihre Familie ihr das natürlich unterstellt hatte. Die Tattoos waren ein wichtiger Teil von ihr und hatten für sie denselben Stellenwert wie der Distelorden für einen Schotten. Sie würde sie niemals verstecken, nur weil irgendjemand daran Anstoß nehmen könnte.

Eileen war beim Anblick des Drachen in Tränen ausgebrochen und hatte Rowan beschuldigt, ihr mit dessen Zurschaustellung absichtlich die Verlobung verderben zu wollen. Ihre Mutter hatte sie mit verächtlich verzogenem Mund angewidert angesehen und ihr zugezischt, sie müsse sich in Grund und Boden schämen, nicht nur dafür, dass sie dieses „heidnische Abbild des Teufels“ überhaupt zu zeigen wagte, sondern vor allem dafür, dass sie sich derart hatte „verstümmeln“ lassen. Dem war natürlich die größte Befürchtung ihrer Mutter gefolgt, nämlich dass Rowan mit ihrem „Hottentotten-Aussehen“ nie einen guten schottischen Mann finden und nicht nur deshalb die Schande der Familie bleiben würde. Rowans Vater hatte wie so oft gar nichts gesagt.

Michaels zwei Neffen und seine Nichte, die Kinder seines älteren Bruders Brian, hatten eine tätowierte Tante dagegen cool gefunden und jede Schuppe des Drachen mit ihren Fingern inspiziert; sie hatten gelacht, wenn Rowan die Muskeln spielen gelassen und dadurch dem Drachen Leben eingehaucht hatte.

„Der passt zu dir“, hatte Michael gemeint.

Und sein Vater, Richter Gavin MacGregor, hatte gesagt: „Steht dir gut. Tattoos sind ja schon lange gesellschaftsfähig.“

Dieser Meinung hatte sich auch Michaels Mutter Janet angeschlossen: „Ist das in Japan nicht sowieso normal?“

Rowans Familie sah das anders. Aber niemand, erst recht nicht ihre Familie, würde ihren Stolz auf das dämpfen können, was sie in ihrem Leben aus eigener Kraft erreicht hatte. Der Drache auf ihrem Rücken zeugte unter anderem davon. Und ein potenzieller Partner, egal ob Ehemann oder nicht, der das nicht ebenso sah und die Schönheit des Tattoos zu würdigen wusste, hatte bei ihr sowieso keine Chance.

Michaels Räuspern riss sie aus ihren Gedanken. Er sah ihr in die Augen und sagte ernst: „Ich lege Wert auf dich, Rowan. Und meine Eltern auch. Das weißt du. Ich erlebe dich mindestens zweimal im Monat als äußerst kompetente Detektivin, die für ihre Klienten nichts unversucht lässt.“ Er tippte auf die Unterlagen, die sie ihm gebracht hatte. „Ich mag dich gern, und ich liebe Eileen. Deshalb wünsche ich mir nichts mehr, als dass ihr euch irgendwann versöhnt.“

„Sag das Eileen, nicht mir.“

„Ihr sage ich das auch oft genug, in der Hoffnung, dass bei euch beiden eines Tages der stete Tropfen den Stein genug gehöhlt hat.“

Sie blickte ihn finster an. „Michael, wenn wir Freunde bleiben wollen, dann lass es. Ich kann es nicht leiden, wenn man sich in meine Angelegenheiten mischt.“

„Das habe ich nicht vor. Aber du gehörst zu meiner Familie, spätestens nach meiner Hochzeit mit Eileen. Deshalb bist du auch meine Angelegenheit.“

Das Klingeln ihres Smartphones enthob sie einer Antwort. Michael deutete wortlos auf eine Tür, die in sein persönliches Pausenzimmer führte, in das er sich für seine Zwischenmahlzeiten zurückzog. Es machte schließlich keinen guten Eindruck, wenn ein namensgebender Anwalt von Napier, Ogilvy & MacGregor ein halb gegessenes und unter Umständen geruchsintensives Sandwich auf seinem Schreibtisch neben wichtigen Dokumenten liegen hatte. Von der Gefahr, dass dadurch ein Fleck auf einem davon entstand, ganz zu schweigen.

Rowan ging in den Raum hinüber und nahm das Gespräch an. „Rowan Lockhart, Privatermittlungen.“

„Guten Tag, Ms Lockhart. Mein Name ist Matt Ramsey. Ich bin der Leadsänger von Dalmore Jazz. Uns wurde unsere Gründungsflasche gestohlen. Unter Fans ist sie Tausende von Pfund wert, aber die Polizei kann sie nicht finden. Ein Reporter vom ‚Scotsman‘, der uns zu dem Diebstahl interviewt hat, riet uns, Sie zu engagieren. Wären Sie bereit, den Fall zu übernehmen?“

Es gab nur einen Reporter beim „Scotsman“, der sie einem Verbrechensopfer empfehlen würde: Alan Cunningham.

„Ja, Sir, bin ich“, antwortete Rowan. Zwar hatte sie noch zwei weitere Fälle in Arbeit – eine Überprüfung der Referenzen eines potenziellen neuen Mitarbeiters einer Bank und den Nachweis eines möglichen Versicherungsbetruges –, aber die konnte sie nebenher erledigen. Sie sah auf die Uhr. „Ich könnte unter Berücksichtigung der Verkehrsverhältnisse in ungefähr einer Stunde bei Ihnen sein, wenn Sie mir sagen, wo wir uns treffen wollen. Am besten sehe ich mir den Ort an, von dem die Flasche verschwunden ist, um mir ein Bild zu machen.“

„Das wäre uns sehr lieb. Ich wohne 11A Belford Gardens. Wir erwarten Sie, Ms Lockhart. Und wir hoffen, dass Sie so gut sind, wie dieser Schmierfink gesagt hat.“

„Ich gebe mir Mühe. Bis dann also.“ Sie unterbrach die Verbindung und ging in Michaels Büro zurück. „Ein neuer Auftrag“, erklärte sie, nahm den Scheck und steckte ihn ein. „Danke, Michael.“

„Ich habe zu danken, und vor allem unser Klient. Sollte er sich zu einem Bonus entschließen, leite ich den umgehend an dich weiter.“

„Danke. Bis bald!“

Er ließ es sich nicht nehmen, zur Tür vorauszueilen und sie für Rowan aufzuhalten. An diese Höflichkeit gewöhnte sie sich langsam wieder. In Japan trugen die Frauen den Männern das Gepäck und hielten ihnen die Türen auf.

Sie verließ die Kanzlei und fuhr zu der Adresse, die Matt Ramsey angegeben hatte, indem sie einem Schneepflug folgte, der die Straßen bis zur Queensferry Terrace freiräumte. Dort parkte sie und stapfte den Rest des Weges durch den Schnee die Belford Gardens hoch bis zum Haus mit der Nummer 11A.

Dass der berühmten Edinburgher Band Dalmore Jazz ihre Gründungsflasche gestohlen worden war, hatte bereits am Vortag im „Scotsman“ gestanden. Alan Cunningham, seines Zeichens Crime Reporter, hatte seinen Artikel „Mysteriöses Verschwinden einer legendären Flasche“ betitelt. Wie alle seine Artikel war auch dieser sachlich, warf aber die Frage auf, wie die Flasche aus einem verschlossenen Safe hatte entwendet werden können, noch dazu aus einem Haus, in das laut Polizeibericht nicht eingebrochen worden war. Vor allem aber hinterfragte der Artikel, wie der von der Band verdächtigte Fan aus den USA das Kunststück fertiggebracht haben sollte, die Flasche zu stehlen, ohne Spuren zu hinterlassen.

„Man darf zu Recht auf die Lösung dieses Rätsels gespannt sein, das eine Band betrifft, deren aktueller Erfolg nicht mehr an die Erfolge ihrer Vergangenheit anknüpft“, lautete der letzte Satz des Artikels. Man musste nicht besonders gut zwischen den Zeilen lesen können, um das als Hinweis zu interpretieren, dass die Band die Flasche möglicherweise aus Geldnöten hatte verschwinden lassen, um die Versicherungssumme zu kassieren. Da für die Flasche sogar schon einmal drei Millionen Dollar geboten worden waren, hatte sie einen recht hohen Versicherungswert.

Als Rowan an Matt Ramseys Tür klingelte, wurde ihr augenblicklich geöffnet. Offenbar hatte man sie kommen sehen.

„Ms Lockhart? Schön, dass Sie kommen konnten. Ich bin Matt Ramsey. Treten Sie ein.“

Rowan folgte ihm ins Wohnzimmer, wo fünf weitere Männer saßen, alle ungefähr Mitte fünfzig. Sie hatten Whiskygläser vor sich und eine halbvolle Flasche Dalmore stand auf dem Tisch. Die Stimmung war düster und Rowan spürte eine gewisse Aggression. Sie konzentrierte sich auf die Ausstrahlung der Männer, die sie mit ihrer geschärften Wahrnehmung erkennen konnte. Stimmungen zu erspüren und korrekt zu interpretieren, gehörte zur Grundausbildung des Togakure-ryu. Gedanken, besonders wenn sie mit intensiven Gefühlen einhergingen, erzeugten eine bestimmte Energie in Form von neuro-muskulären Entladungen. Sie bei anderen Menschen zu fühlen, war eine erlernbare Kunst, auch wenn es jahre- oder sogar jahrzehntelanges Training erforderte, bis man sie beherrschte. Dann aber war sie gerade für Leute, die im Sicherheitsbereich oder als Ermittler tätig waren, eine unschätzbare Hilfe.

Rowan spürte bei den Dalmore Jazzern Zorn, aber auch Misstrauen, und bei Matt Ramsey tiefe Schuldgefühle. Das konnte viel oder nichts bedeuten.

„Sie sind also die Privatschnüfflerin, die der Schmierfink uns empfohlen hat“, sagte ein vollbärtiger Hüne. „Haben Sie gelesen, was Ihr sauberer Freund über uns geschrieben hat?“

„Drew, bitte!“, mahnte Matt Ramsey. „Sehen Sie es uns bitte nach, Ms Lockhart.“ Er rückte ihr einen Sessel zurecht und forderte sie mit einer Handbewegung auf, Platz zu nehmen. „Der Diebstahl der Flasche geht uns an die Nieren. Sie ist ein Teil von uns, nicht nur, weil von jedem von uns eine Haarsträhne darin hängt aus der Zeit, als unser Haar noch nicht grau war.“ Er strich sich über den Kopf.

Rowan setzte sich und lächelte. „Die jetzige Farbe steht Ihnen aber sehr gut. Ihnen allen.“

Die Männer lächelten geschmeichelt und stellten sich ihr vor.

Tom Maxwell hob die Whiskyflasche. „Trinken Sie einen Dalmore mit uns, Miss?“

„Gerne“, stimmte Rowan zu. Sie bevorzugte zwar Singleton, wenn sie Whisky trank, aber der Dalmore war auch nicht zu verachten.

Matt Ramsey holte ihr ein Glas, Tom Maxwell schenkte ihr ein und den anderen nach, schließlich prosteten alle ihr zu.

„Auf dass Sie unsere Flasche finden“, wünschte Tom Maxwell.

„Unversehrt“, ergänzte Matt Ramsey. „Cheers!“

„Cheers“, prostete Rowan den Männern zu und leerte ihr Glas zur Hälfte. Der Dalmore schmeckte süßlich, da er zu den Whiskys gehörte, die in Sherryfässern gelagert wurden: ein bisschen wie Honig, ein bisschen nach Karamell, ein winziger Hauch von Schokolade und ein intensives Fruchtaroma, bei dem die Orangennote hervorstach, unter der sich ein Hauch von Apfel verbarg. Dieser komplexe Geschmack lud dazu ein, dem ersten Schluck nicht nur einen weiteren folgen zu lassen. Rowan leerte ihr Glas, was die Männer zu anerkennenden Blicken veranlasste und Tom Maxwell dazu, ihr nachzuschenken.

„Ich werde mir die größte Mühe geben, Ihre Flasche zu finden, Gentlemen. Das heißt, falls Sie mich tatsächlich engagieren wollen. Mein Preis ist hundert Pfund pro Tag plus Spesen.“ Sie blickte in die Runde.

„Engagiert“, entschied Matt Ramsey. „Und wenn ich das aus eigener Tasche bezahlen muss.“

„Dafür steht die Band gerade“, versicherte Keith Nicholson, der Manager. „Wir alle wollen die Flasche wiederhaben.“

„Dann bringe ich nächstes Mal den Vertrag mit, damit alles seine Richtigkeit hat.“ Rowan lächelte Drew Stirling zu. „Und seien Sie unbesorgt: Ich pflege völlig neutral an meine Fälle heranzugehen. Ich weiß nicht, ob Mr Cunningham erwähnt hat, dass ich eine abgeschlossene Ausbildung vom Scottish Police College habe sowie zehn Jahre Erfahrung als Objekt- und Personenschützerin. Voreilige Schlüsse zu ziehen, gehört nicht zu meinen Methoden.“ Sie blickte von einem zum anderen. „Wenn Sie mir bitte sagen würden, wann Sie die Flasche zuletzt gesehen haben.“

„Wir haben am Dienstag das dreißigjährige Bestehen unserer Band gefeiert“, sagte Matt Ramsey. „Und an diesem Abend war die Flasche noch da. Ich habe sie selbst in den Safe gestellt, als wir kurz vor Mitternacht nach Hause gekommen sind. Am Mittwochabend brauchte ich ein paar Unterlagen aus dem Safe, und da war die Flasche weg. Es muss dieser Amerikaner gewesen sein – Kyle Saunders. Der war nicht erst seit Dienstag hinter ihr her. Hat uns bis vor die Tür verfolgt. Ich musste ihn mit Gewalt vom Grundstück jagen. Garantiert hat er sich in der Nacht Zutritt zum Haus verschafft und die Flasche gestohlen.“

„Weil du die Alarmanlage nicht eingeschaltet hast“, warf Drew Stirling ihm vor.

„Weil der Letzte von euch, der mein Haus verlassen hat, mir nicht Bescheid gesagt hat“, verteidigte sich Matt Ramsey.

„Wie denn auch?“, knurrte Charlie Grant. „Du hast ja geschlafen wie ein Stein und geschnarcht wie ein ganzes Sägewerk. Da wundert es mich nicht, dass deine Frau sich hat scheiden lassen.“

„Du ...“, fuhr Ramsey auf.

Rob Leask unterbrach ihn: „Richtig, deine Scheidung. Wer sagt uns denn, dass du die Flasche nicht verkauft hast? Schließlich jammerst du uns ja oft genug vor, dass Jane dich mit ihren Unterhaltsforderungen ruiniert und du mit den Zahlungen nicht mehr nachkommst. Immerhin hat die Polizei keine Einbruchspuren festgestellt. Wie also soll Saunders ins Haus gekommen sein?“

„Weil der letzte Idiot beim Weggehen die Tür nicht richtig zugemacht hat. Außerdem hat der Kerl doch gesehen, wo der Safe ist. Und die Amerikaner sind im Safeknacken ja Weltmeister.“

„Gentlemen, bitte!“, mischte Rowan sich ein. „Der Reihe nach.“ Aus ihrer Umhängetasche holte sie einen Stift und ihr Notizbuch und schlug es auf. „Wenn ich das richtig verstanden habe, dann haben Sie alle am Dienstagabend hier gefeiert. Und Sie, Mr Ramsey, sind irgendwann während der Feier eingeschlafen.“ Wieder spürte sie bei ihm eine Aufwallung starker Schuldgefühle.

Er nickte. „Ich... Mir war nicht gut. Deshalb bin ich ins Schlafzimmer gegangen und habe mich hingelegt.“

Nun empfanden auch die anderen Schuldgefühle, was nicht nur an ihrer Ausstrahlung zu spüren, sondern auch an ihrer Mimik und Körperhaltung abzulesen war. Das gab Rowan den Hinweis, warum es Matt Ramsey „nicht gut“ gegangen war.

„Sie haben sich gestritten.“

Die Männer starrten sie verblüfft an.

„Wie kommen Sie darauf?“, wollte Keith Nicholson wissen.

Rowan lächelte. „Das verraten mir Ihre subtilen Reaktionen auf gewisse Stichworte.“

Tom Maxwell stieß einen Pfiff aus und nickte. „Sie sind wirklich gut.“ Er hob sein Glas und hielt es ihr hin, um mit ihr anzustoßen. „Cheers.“

Rowan stieß mit ihm an und trank diesmal nur einen sehr kleinen Schluck, ehe sie den Faden wieder aufnahm. „Also, Sie hatten Streit, und Sie, Mr Ramsey, haben sich zurückgezogen.“

Matt nickte. „Dann bin ich eingeschlafen.“

„Worum ging es bei dem Streit, wenn ich fragen darf?“

Alle schüttelten den Kopf.

„Was Persönliches“, antwortete Rob Leask.

Rowan war sich sicher, dass der Grund des Streits, falls es wirklich etwas Persönliches gewesen war, die ganze Band betraf und nicht nur zwei oder drei von den Männern. Aber sie ließ das Ganze erst einmal auf sich beruhen.

„Und während Sie schliefen, Mr Ramsey, haben die anderen weitergefeiert.“

Alle nickten.

„Bis ungefähr drei Uhr morgens“, sagte Keith Nicholson. „Dann sind wir alle gegangen. Da wir mit dem Bandbus hergekommen waren, habe ich alle nach Hause gefahren.“

Rowan notierte das, obwohl sie die Informationen im Kopf speicherte und keine Notizen brauchte. Auch die Ausbildung eines überdurchschnittlich guten Gedächtnisses gehörte zum Togakure-Training. Da man aber von einer seriösen Privatermittlerin erwartete, dass sie sich Notizen machte, tat sie das. Außerdem war selbst das besttrainierte Gedächtnis kein Garant dafür, dass sie nicht doch einmal ein Detail vergaß.

„Und wer hat das Haus als Letzter verlassen?“

„Ich“, sagte Charlie Grant und nickte heftig. „Und ich habe die Tür, verdammt noch mal, richtig zugemacht. Ich habe sogar noch dagegengedrückt, um mich zu vergewissern. Das Ding war zu.“

„Offene Fenster?“

„Bei den Temperaturen draußen?“ Tom Maxwell sah sie an, als hätte sie nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Rowan lächelte liebenswürdig. „Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man Kälte nicht so intensiv spürt, wenn man ein gewisses Quantum Whisky genossen hat.“ Sie zwinkerte ihm zu und er grinste. „Außerdem passiert es dann schon mal, dass man kurz lüftet, aber das Fenster aus Versehen nicht wieder richtig schließt. Und ein kleiner Spalt oder ein nicht eingerasteter Riegel genügen Einbrechern schon, um ins Haus zu kommen.“

Matt Ramsey schüttelte den Kopf. „Als ich am nächsten Tag ins Wohnzimmer kam, waren alle Fenster und Türen geschlossen. Aber das will ja nichts heißen.“

Da hatte er recht.

„Sie erwähnten einen Amerikaner, Kyle Saunders.“

Allgemeines Stöhnen, Seufzen und Kopfschütteln folgte, ehe Matt Ramsey sagte: „Ein extrem hartnäckiger Fan, der extra aus den USA zum Jubiläumskonzert gekommen ist. Vielmehr schon eine Woche früher. Angeblich ein Künstler. Erst wollte er die Flasche ausleihen, um sie zu fotografieren und zu malen, dann wollte er sie kaufen. Am Dienstagabend ist er uns bis hierher gefolgt.“ Wieder empfand er spürbar Schuldgefühle. „Ich hatte die Vorhänge nicht zugezogen. Er stand draußen vorm Fenster und hat gesehen, wie ich die Flasche in den Safe gestellt habe. Er hat also genau gewusst, wo sie ist. Vielleicht hat er auch erkennen können, welche Kombination ich eingegeben habe. Ich habe ihn zwar verscheucht, aber...“ Er zuckte mit den Schultern und trank sein Glas in einem Zug aus.

„Die Polizei hat ihn überprüft“, ergänzte Keith Nicholson. „Er hat die Flasche angeblich nicht. Falls er sie doch hat, bewahrt er sie nicht in seinem Hotelzimmer auf. Oder er hat sie schon verkauft.“

„Dann wäre er wohl kaum noch hier“, gab Charlie Grant zu bedenken. „Und die Polizei hat auch festgestellt, dass nicht ins Haus eingebrochen wurde.“ Er blickte Ramsey anklagend an. „Matt, wenn du die Flasche vertickt hast...“

„Das habe ich nicht, verdammt!“ Ramsey sprang auf. „Und selbst wenn ich es getan hätte, wäre das juristisch gesehen mein gutes Recht gewesen. Wie ihr euch vielleicht erinnert, habe ich die Flasche damals gekauft.“ Er blickte Rowan an. „Und das kann ich auch beweisen. Ich habe die Quittung aufgehoben, aus Sentimentalität.“ Er ging in einen Nebenraum, kramte eine Weile hörbar herum und kam mit einem vergilbten Stück Papier zurück, das er Rowan reichte.

Sie besah es sich eingehend. Es handelte sich um die Quittung eines Ladens in der Raeburn Place, Lennox Grocery.

„Das bestätigt den Kauf einer Flasche Dalmore-Whisky am 4.Dezember 1982 sowie einer Packung Oatcakes und Zigaretten.“ Rowan gab Ramsey das Papier zurück. „Da Sie die Quittung wohl kaum aufgehoben hätten, wenn Sie die Sachen nicht bezahlt hätten, gehe ich davon aus, dass Sie tatsächlich der juristische Eigentümer der Flasche sind. Womit Sie auch das Recht haben, sie zu verkaufen.“

„Was ich nicht getan habe“, betonte Ramsey noch einmal nachdrücklich.

Rowan blickte in die Runde und sah, ebenso wie sie spürte, dass seine Kumpels ihm nicht glaubten. „Gentlemen, ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, aber was Mr Cunningham hinsichtlich des sinkenden Erfolgs Ihrer Band geschrieben hat – ist da was dran?“

„Nein!“, versicherte die Hälfte der Anwesenden nachdrücklich.

„Ja“, gestanden zwei andere gleichzeitig, und Keith Nicholson schwieg.

Rowan wartete auf eine Erklärung, die jedoch ausblieb. Also ergriff sie das Wort. „Gentlemen, Sie haben mich beauftragt, Ihre Flasche zu finden. Dann müssen Sie mir aber auch helfen, indem Sie mir alle notwendigen Informationen geben. Wenn nicht, finde ich sie auch so heraus, darauf gebe ich Ihnen Brief und Siegel. Aber mit Ihrer Hilfe geht es natürlich erheblich schneller. Das spart mir Zeit und Ihnen entsprechend Geld.“

Die Männer sahen einander an.

„Ja, okay“, gab Tom Maxwell schließlich zu, „wir hinken unserem früheren Erfolg hinterher. Aber keiner von uns ist so klamm, dass wir unsere Gründungsflasche verkaufen würden. Außer Matt, wegen seiner Scheidung.“

„Pass auf, was du sagst, Tom!“ Ramsey sprang auf und hob drohend die Faust.

„Gentlemen, bitte! Gegenseitige Beschuldigungen führen zu nichts“, beschwichtigte Rowan.

Zumindest auf Matt Ramsey, der neben ihr stand, verfehlte das seine Wirkung nicht. Er ging wieder ins Nebenzimmer, kramte erneut darin herum und kam mit drei dicken Aktenordnern zurück, die er vor Rowan auf den Tisch stellte.

„Bitte sehr!“ Er deutete darauf. „Meine gesamten Bankunterlagen der letzten fünf Jahre. Überzeugen Sie sich selbst davon, dass ich zumindest nicht so knapp bei Kasse bin, dass ich das Herz unserer Band verkaufen würde, das Symbol, das uns zusammengeschweißt hat – unsere Seele.“ Er blickte seine Freunde auffordernd an. „Ich erwarte von jedem von euch, dass er Ms Lockhart ebenfalls seine Unterlagen überlässt, damit sie als neutrale Person prüfen kann, ob einer von uns einen Grund gehabt hätte, die Flasche zu verkaufen – uns alle zu verraten.“ Er nickte dem Manager zu. „Und du, Keith, gibst ihr alle unsere Buchungsunterlagen, Bilanzen und so weiter.“

„Ich ...“

Keith Nicholson wollte protestieren, aber Rowan unterbrach ihn: „Das würde mir sehr helfen. Und da ich gut mit Alan Cunningham bekannt bin, könnte meine Prüfung, deren Ergebnis ich ihm mit Ihrer Erlaubnis mitteilen würde, den Verdacht des Versicherungsbetrugs ausräumen.“

„Ist uns recht, sehr sogar“, versicherte Matt Ramsey, bevor Keith Nicholson etwas sagen konnte. Die anderen nickten, wenn auch teilweise zögernd.

„Gut.“ Rowan stand auf. „Ich würde mir gern die Fenster und Türen ansehen, wenn Sie gestatten.“

„Ja, natürlich“, stimmte Matt Ramsey zu.

„Die Polizei hat keine Einbruchspuren gefunden“, betonte Drew Stirling und blickte Ramsey scharf an, doch der ignorierte ihn.

„Die Polizei sieht nicht immer alles.“ Rowan lächelte in die Runde. „Ich habe meine eigenen Methoden.“

Allerdings war sie sich sicher, dass die Tatortermittler ihre Arbeit gründlich gemacht hatten. Rowan kannte die Vorgehensweise bei solchen Ermittlungen aus ihrer Polizeiausbildung. Natürlich konnte tatsächlich einmal etwas übersehen werden, aber wenn, wie in diesem Fall, auf den ersten Blick keine Spur eines Einbruchs zu erkennen war, machte das die Ermittler misstrauisch, sodass sie alles noch einmal besonders gründlich überprüften. So war es zumindest zwölf Jahre zuvor gewesen, als Rowan ihre Ausbildung abgeschlossen hatte. Sie glaubte nicht, dass sich daran in der Zwischenzeit etwas geändert hatte.

Trotzdem wollte sie sich ein eigenes Bild machen, denn Fenster und Türen waren nicht die einzige Möglichkeit, in ein Haus einzudringen. Und zumindest durch die Tür konnte niemand gekommen sein. Das konnte sie ausschließen, weil die mit einem Spezialschloss versehen war, das man nicht mit einem Dietrich oder gar mit einer Kreditkarte öffnen konnte, wie es in Filmen häufig gezeigt wurde. Sobald die Tür ins Schloss gezogen war, schob sich ein Balkenriegel zusätzlich in Position und verhinderte, dass man sie von außen aufdrückte, selbst wenn man sie ohne Schlüssel hätte öffnen können. Wenn Charlie Grant, der das Haus als Letzter verlassen hatte, die Tür also tatsächlich ins Schloss gezogen und sich dessen auch vergewissert hatte, hätte niemand auf diesem Wege eindringen können.