Dame schlägt König - Günter Dönges - E-Book

Dame schlägt König E-Book

Günter Dönges

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Beschreibung

Exzellent – das ist er im wahrsten Sinne des Wortes: einzigartig, schlagfertig und natürlich auch unangenehm schlagfähig. Wer ihn unterschätzt, hat schon verloren. Sein Regenschirm ist nicht nur sein Markenzeichen, sondern auch die beste Waffe der Welt. Seinem Charisma, Witz und Charme kann keiner widerstehen. Der exzellente Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! »Ich sehe mich leider gezwungen, Ihr Betragen rügen zu müssen«, sagte Butler Parker mißbilligend. »Als ich seinerzeit die Ehre hatte, Haushofmeister des Lord of Battlemore zu sein, pflegten seine Lordschaft immer zu sagen, daß auf einen groben Klotz auch ein grober Keil gehöre …!« Der breitschultrige Mann mit dem groben Gesicht, der in der geöffneten Haustür stand, glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Er schaute auf Butler Parker herunter, der in untadeliger Kleidung vor ihm stand und nun sanft und vorwurfsvoll den Kopf bewegte. Der grobe Klotz hob seinen gezückten Revolver um einige Millimeter höher und drängte Butler Parker zurück in den Korridor des kleinen Hauses, das knapp am See lag. »Was war das …?« fragte er dann noch einmal und sah Butler Parker wie ein Weltwunder an. »Hier wohnt doch Anwalt Mike Rander, oder?« »Gewiß, doch, mein Herr«, antwortete Parker und nickte bejahend, »darf ich Sie aber darauf aufmerksam machen, daß mein Herr es gar nicht schätzt, wenn sein Besuch mit einer gezogenen Waffe erscheint …« »Du bist wohl noch von gestern, wie?« fragte der Kerl und grinste. Er nahm den Butler nicht ernst. Er hielt ihn für einen jener antiquierten Haushofmeister, wie man sie hin und wieder bei reichen Amerikanern findet. Zudem machte Butler Parker auch wirklich nicht den Eindruck, als könne er einer Fliege etwas zuleide tun. Der grobe Kerl hatte sich inzwischen orientiert und ging auf eine Tür zu, an der die Aufschrift »Studio« zu lesen war. Butler Parker hatte sich währenddessen der Lehre seines damaligen Herrn erinnert. Der Kerl, der zu seinem Pech den Butler nicht ernst genommen hatte, schrie plötzlich auf, als ihm die Waffe aus der Hand flog.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Der exzellente Butler Parker – 68 –Dame schlägt König

Günter Dönges

»Ich sehe mich leider gezwungen, Ihr Betragen rügen zu müssen«, sagte Butler Parker mißbilligend. »Als ich seinerzeit die Ehre hatte, Haushofmeister des Lord of Battlemore zu sein, pflegten seine Lordschaft immer zu sagen, daß auf einen groben Klotz auch ein grober Keil gehöre …!«

Der breitschultrige Mann mit dem groben Gesicht, der in der geöffneten Haustür stand, glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Er schaute auf Butler Parker herunter, der in untadeliger Kleidung vor ihm stand und nun sanft und vorwurfsvoll den Kopf bewegte. Der grobe Klotz hob seinen gezückten Revolver um einige Millimeter höher und drängte Butler Parker zurück in den Korridor des kleinen Hauses, das knapp am See lag.

»Was war das …?« fragte er dann noch einmal und sah Butler Parker wie ein Weltwunder an. »Hier wohnt doch Anwalt Mike Rander, oder?«

»Gewiß, doch, mein Herr«, antwortete Parker und nickte bejahend, »darf ich Sie aber darauf aufmerksam machen, daß mein Herr es gar nicht schätzt, wenn sein Besuch mit einer gezogenen Waffe erscheint …«

»Du bist wohl noch von gestern, wie?« fragte der Kerl und grinste. Er nahm den Butler nicht ernst. Er hielt ihn für einen jener antiquierten Haushofmeister, wie man sie hin und wieder bei reichen Amerikanern findet. Zudem machte Butler Parker auch wirklich nicht den Eindruck, als könne er einer Fliege etwas zuleide tun. Der grobe Kerl hatte sich inzwischen orientiert und ging auf eine Tür zu, an der die Aufschrift »Studio« zu lesen war.

Butler Parker hatte sich währenddessen der Lehre seines damaligen Herrn erinnert.

Der Kerl, der zu seinem Pech den Butler nicht ernst genommen hatte, schrie plötzlich auf, als ihm die Waffe aus der Hand flog. Als er sich auf Parker stürzen wollte, erlebte er sein zweites Wunder. Butler Parker blieb festgemauert in der Erden stehen, aber die rechte Hand schoß nach vorn. Seine Handkante schien sich in ein mittelalterliches Schwert zu verwandeln. Der Besucher kam nicht mehr dazu, Erstaunen zu zeigen. Er verlor das Gleichgewicht und fiel gegen die Wand. Sanft, wie Butler Parker sich immer zeigte, fing er den Betäubten auf und schleppte ihn mit erstaunlicher Kraft in das Arbeitszimmer Randers.

Mike Rander, ein vielbeschäftigter Strafverteidiger, etwa 35 Jahre alt, mittelgroß und mit einem sehr sympathischen Gesicht ausgestattet, richtete seine braunen Augen auf Parker. Erstaunen war nicht zu erkennen. Rander kannte Parker.

»Wollten Sie nicht den Tee servieren?« fragte Mike Rander, der von seinem Butler gelernt hatte, wie man sich zu beherrschen hatte.

»Ich bitte um Vergebung«, erwiderte Butler Parker und verbeugte sich steif, »unvorhergesehene Gründe zwangen mich, diesem Herrn hier den Vorrang zu geben … Er hatte die Absicht, Ihnen seine Waffe zu zeigen, übrigens ein Fabrikat aus Belgien, wenn ich bemerken darf, Kaliber 7,65 mit Schalldämpfer.«

»Haben Sie ihn zu Wort kommen lassen?« fragte Rander weiter.

»Man könnte ihm gleich diese Chance verschaffen«, antwortete Butler Parker. Er hatte den noch immer Betäubten auf eine Couch gelegt und durchsuchte ihn mit der Geschicklichkeit eines berufsmäßigen Taschendiebes.

Mike Rander hatte keine Ahnung, wer dieser Mann auf der Couch war. Durch seine Tätigkeit als Strafverteidiger kannte er viele Gauner und Gangster aus Chikago, doch dieser Mann hatte sich ihm bisher noch nicht vorgestellt.

»Darf ich zur Sache kommen?« erkundigte sich Butler Parker. Er hatte mit spitzen Fingern einige zerfledderte Papiere aus den Taschen des Betäubten gezogen und schnüffelte vorsichtig daran herum. Mike Rander, der die mehr als skurrile Art seines herrschaftlichen Dieners kannte, nickte nur.

»Er heißt diesen Papieren zufolge Walter Renner und stammt aus Wech-Lake, er ist 28 Jahre alt und Amerikaner … Einen Waffenschein besitzt er nicht … Aber dafür eine Fahrkarte der Nord-Pazifik-Bahn, die gestern erst abgestempelt worden ist.«

»Kennen wir einen Walter Renner?« fragte Mike Rander.

»Wir hatten noch nicht das mehr als zweifelhafte Vergnügen«, antwortete Butler Parker. »Auf welche Art und Weise soll ich ihn in die Gegenwart zurückbringen?«

»Seien Sie höflich, Parker …!«

Butler Parker tätschelte die Wangen des Betäubten, der unter dem Eindruck dieser Ohrfeigen schnell wieder zu sich kam. Er fuhr sofort hoch, als sei er von einer Tarantel gebissen worden, doch als er Butler Parker vor sich sah, flackerten seine Augen. Er war etwas vorsichtig geworden.

»Darf ich mich erkundigen, was Sie zu Mister Rander führt?« begann Butler Parker freundlich.

»Zum Teufel …!«

»Bei Mister Rander wird nie oder nur selten geflucht«, korrigierte ihn Parker tadelnd. »Wünschen Sie sich nicht, daß ich Ihnen eine Nachhilfestunde in Takt und Höflichkeit geben muß …«

»Was wollten Sie von mir?« mischte sich Mike Rander wesentlich sachlicher und direkter ein.

Butler Parker zog ein beleidigtes Gesicht und stellte sich an das Kopfende der Couch. Er war mit den Methoden seines Herrn durchaus nicht einverstanden. Butler Parker hielt sehr auf Formen und bedauerte es mehr als oft, daß Mike Rander seine amerikanischen, etwas direkten Manieren nicht ablegen wollte oder konnte.

»Sind Sie Mike Rander, der Strafverteidiger?« fragte der grobe Mann und richtete sich vorsichtig auf. Er schaute scheu zu Parker herüber, dessen Gesicht aber ausdruckslos blieb.

»Ich bin Mike Rander«, sagte der junge, so erfolgreiche Strafverteidiger. »Kommen Sie in eigener Sache …?«

»Kann man nicht ’n Schluck Whisky haben?« fragte Renner. »Mir ist dieser Kerl da«, er wies mit dem Daumen über seine Schulter auf Parker, »auf den Magen geschlagen.«

»Parker, zwei Whisky«, sagte Rander.

Butler Parker ging mehr als langsam zur Hausbar hinüber, die in der Nähe der Fenster stand. Er füllte den Whisky ab und bedauerte es, daß dieses Subjekt dieses gute Getränk bekommen sollte. Aber Mike Rander hatte seiner Meinung nach leider immer noch diese Anwandlungen von gutartiger Dummheit.

Deshalb war Parker auch nicht sonderlich erstaunt, als er plötzlich ein höhnisches Auflachen hörte. Er wußte im voraus, was sich ereignet hatte. Der grobe Kerl hatte das Heft wieder an sich gerissen.

»Nimm schnell die Fingerchen hoch«, hörte er den Mann sagen. »Los, ich verplempere nie meine Zeit …!«

»Na schön«, sagte Rander, »und was kommt jetzt?«

Butler Parker war mit diesem Rollentausch nicht einverstanden. – Diesmal war er erheblich schneller als bei dem Whiskyabfüllen. Er wirbelte herum und benutzte die Flasche als Wurfgeschoß. Sie segelte in einem eleganten Bogen auf den groben Kerl zu, der auch prompt und voll getroffen wurde.

Ein Schuß peitschte auf, aber das Geschoß pfiff wirkungslos in die Wandvertäfelung. Bevor Butler Parker noch eine zweite Flasche schleudern konnte, hatte sich der Besuch bereits empfohlen. Man hörte seine hastig laufenden Schritte im Korridor, dann fiel die Haustür krachend ins Schloß.

»Mister Rander, die Lady of Yainesbrought war immer der Meinung, daß man …«

»Lassen Sie mich bloß mit dieser alten Schachtel zufrieden«, sagte Mike Rander ärgerlich. Er stürzte zur Tür, aber der Besucher hatte sich längst empfohlen. Er war nicht mehr zu sehen.

Butler Parker ging zurück zur Hausbar und empfing dort Mike Rander mit einem doppelten Whisky.

»Genau das brauche ich jetzt auch«, meinte Mike Rander nachdenklich. – »Parker, lassen Sie die Flasche erst mal auf dem Boden liegen … Ich möchte wissen, was dieser Kerl von mir gewollt hat … Ich zergrübele mir den Kopf darüber, ob ich den Namen Walter Renner schon einmal gehört habe.«

»Wir haben ihn noch nie gehört«, antwortete Butler Parker. »Darf ich Ihnen noch einen Doppelstöckigen einschenken?«

»Auch mit Wech-Lake haben wir noch nie etwas zu tun gehabt«, rätselte Mike Rander weiter an seinem Besucher herum. »Wo mag das Kaff überhaupt liegen?«

Seine Frage kam viel zu spät.

Butler Parker stand schon gebeugt über einen Atlas und suchte nach Wech-Lake. Konzentriert blätterte er herum, bis er den Ort endlich gefunden hatte.

»Wech-Lake«, las er vor, »Bahnstation an der Strecke Chikago-Minneapolis-Grafton … Schnellexpreß hält nur auf besonderen Wunsch … liegt etwa dreißig Meilen von der Grenze entfernt …«

Mike Rander war aufgestanden und wanderte in seinem Studio auf und ab. Daß dieser Kerl nicht aus Spaß gekommen war, lag auf der Hand. Er hatte bestimmt die Absicht gehabt, Gebrauch von der Waffe zu machen. – Aber aus welch einem Grund wohl? War er von örtlichen Gangstern angeheuert worden?

Mike Rander hob den Kopf, als geklingelt wurde.

Butler Parker stolzierte sofort in den Korridor und öffnete eine kleine Klappe. Durch ein raffiniertes System von Spiegeln konnte er den Besucher erkennen, der vor der Haustür stand. Dieser Mann trug eine brandneue Aktentasche und schien es sehr eilig zu haben. Er schaute sich wiederholt zur Straße um und trat von einem Fuß auf den anderen.

Butler Parker bediente den elektrischen Türöffner und trat vorsichtshalber zur Seite. Gewarnt durch den Besuch an diesem Morgen, war er nicht erpicht darauf, angeschossen zu werden.

Alles weitere spielte sich dann mit der Schnelligkeit eines Zeitraffers ab.

Zweimal gab es ein dumpfes »Plop«.

Der Mann, der in der geöffneten Haustür stand, sackte getroffen in sich zusammen. Zwei maskierte Männer erschienen auf der Treppe und entrissen dem Mann die Aktentasche. Wie durch Zauberei waren sie dann wieder in dem Vorgarten verschwunden, als seien sie vom Erdboden verschluckt worden.

Butler Parker hörte zwar das Aufheulen eines Motors, aber er kümmerte sich erst einmal um den Mann, der halb im Korridor lag. Als er ihn umdrehte, sah er in ein schmales, gebräuntes Gesicht, dessen Oberlippe mit einem kleinen Bart versehen war.

Parker brauchte nicht lange zu untersuchen, er sah auch so, daß der Mann bereits tot war. Die beiden Schüsse hatten ihn voll getroffen.

Mike Rander, der Anwalt, der in den Korridor gekommen war, kniete neben dem Toten nieder. Er stellte keine Fragen, er wußte auch so, was sich da vor einigen Sekunden abgespielt hatte.

Butler Parker rief von der Diele aus die nächste Polizeistation an.

»Die Mordkommission wird in spätestens zehn Minuten hier sein«, berichtete er Mike Rander, als er zu dem Toten zurückgekommen war. Der Anwalt hatte die Brieftasche des Opfers hervorgezogen, ohne die Lage des Toten aber zu verändern.

»Ich habe eine Überraschung für Sie, Parker«, sagte er, als er einen Blick auf die Papiere geworfen hatte.

»Ich weiß, der Tote stammt aus Wech-Lake, nicht wahr?«

»Allerdings«, erwiderte Mike Rander und stand auf. Er blätterte weiter in den Papieren herum. »Der Tote ist ein gewisser Hardy Flander … Er stammt aus Wech-Lake und arbeitete dort als Landarzt …«

»Wenn ich mir den Vorschlag erlauben darf, so halte ich es für durchaus angebracht, diesem Wech-Lake einen kleinen Besuch abzustatten«, schlug Butler Parker vor. »Die Lösung des Mordes dürfte nur dort zu finden sein.«

»Reservieren Sie uns zwei Schlafwagenkarten«, sagte Mike Rander.

»Das wird sofort geschehen«, antwortete Butler Parker, »darf ich mich erkundigen, welche Waffen ich bereitstellen soll?«

*

Als der Expreß in Wech-Lake hielt, kletterte nur ein einziger Fahrgast auf den behelfsmäßigen Bahnsteig.

Dieser Fahrgast trug eine steife und schwarze Melone, einen schwarzen Covercoat und schwarze Handschuhe, von den schwarzen Schuhen ganz zu schweigen. Nur der mitgeführte Koffer wich etwas von dieser Regel ab. Sein Schwarz wurde durch ein graues Lederschildchen gemildert, das am Griffbügel befestigt war.

Butler Parker, der als Vorkommando nach Wech-Lake gefahren war und hier Quartier machen sollte, ging ohne Zögern auf das Holzhaus zu, das den Bahnsteig begrenzte. Er kümmerte sich nicht um die mehr als erstaunten Blicke, die ihm folgten. Er war es gewohnt, daß man sich nach ihm umdrehte.

»Darf ich mir die Freiheit nehmen, mich nach einem Hotel zu erkundigen?« fragte er den Bahnbeamten, der aus dem Holzhaus gekommen war.

»Wie bitte?« erwiderte der Mann und legte die geöffnete Hand hinter sein Ohr. »Sie suchen hier in Wech-Lake ein Hotel?«

»Gewissermaßen«, entgegnete Butler Parker würdevoll.

»Dann sind Sie aber mächtig auf dem Holzweg«, sagte der Beamte auflachend. »Sehen Sie sich Wech-Lake an. Was Sie dort hinten am Fluß sehen, das ist Wech-Lake … Ich wußte sofort, daß Sie falsch ausgestiegen sind.«

»Mitnichten«, erwiderte Butler Parker und setzte den Koffer ab, »Wech-Lake ist mein Ziel … Darf ich mir gestatten, Ihnen eine Zigarre anzubieten?«

Der Bahnbeamte kannte weder Butler Parker noch dessen Zigarren. – Daher griff er auch arglos in das bereitgehaltene Etui und wählte sich einen schwarzen Torpedo aus, den er kurzerhand und ohne viel Umstände in Brand setzte.

Auch Butler Parker hatte sich inzwischen bedient, seine Brandvorbereitungen dauerten allerdings erheblich länger. Der Bahnbeamte paffte genießerisch drauflos, doch schon nach den ersten Zügen bekam er einen schrecklichen Hustenanfall. Völlig entgeistert starrte er dann auf die schwarze Zigarre.

»Nicht wahr, ein kräftiges, vollmundiges Aroma?« meinte Butler Parker und sog genießerisch an seinem Torpedo herum. Der Bahnbeamte nickte ohne Begeisterung und hütete sich, noch einmal an der Zigarre zu ziehen. Er hustete noch immer.

»Wir waren bei der Frage nach einem Hotel stehengeblieben«, sagte Butler Parker zielstrebig.

»So etwas Ähnliches gibt es allerdings, aber viel Komfort dürfen Sie nicht erwarten.«

»Habe ich da weit zu gehen?«

»Sehen Sie dahinten den Steinbau, hart am Fluß …? Das ist Stimsons Restaurant … Er vermietet an Prospektoren, Viehtreiber und Sportangler … Sie werden dort bestimmt ein Zimmer bekommen. Wollen Sie auch angeln?«

»Allerdings«, sagte Butler Parker, »ich las vor einiger Zeit ein Buch, das den Angelsport empfahl …«

»Stimson wird Ihnen sicherlich Angelzeug ausleihen«, erklärte der Bahnbeamte. Er wollte automatisch die Zigarre zum Mund führen, erinnerte sich aber in letzter Sekunde der aufwühlenden Gewalt des schwarzen Torpedos. Er legte die Zigarre vorsichtig auf die Fensterbank und gönnte ihr keinen Blick mehr.

Butler Parker hatte den Koffer hochgenommen und machte sich auf den Weg. Nach wenigen Schritten aber blieb er stehen und wendete sich noch einmal zu dem Bahnbeamten um, der die Zigarre gerade unter seinen Absätzen zermalmte.

»Ich irre mich doch nicht in der Annahme, daß Doktor Flander hier in Wech-Lake wohnt, nein?«

»Doc Flander …?«

Der Bahnbeamte sah auf den Boden, als habe er dort Geld gefunden. Er schien dabei zu sein, sich seine Antwort zu überlegen. Butler Parker wartete geduldig auf die Antwort.

»Meinten Sie Doc Flander?« vergewisserte sich der Beamte noch einmal.

»Ein alter Freund und Bekannter von mir … Er schrieb mit vor einigen Tagen.«

»Dann müssen Sie doch wissen, ob er noch hier wohnt.«

»Das war eine logische Beweisführung«, lobte Butler Parker den Bahnbeamten. Er ließ den leicht verdutzten Mann stehen und marschierte mit seinen typischen Trippelschritten auf Wech-Lake zu.

Der Bahnbeamte kratzte sich nachdenklich das Kinn und starrte gedankenverloren auf die zertrümmerten Reste der Zigarre. Dann sah er dem schwarzgekleideten Mann nach, der ihm unheimlich vorkam. Unheimlich schon deshalb, weil ihm die Zigarre nichts ausgemacht hatte. Der Beamte war zu einem Entschluß gekommen. Er kratzte sich nicht weiter am Kinn herum, sondern betrat seinen Bretterverschlag und hängte sich ans Telefon. Er sprach lange und beinahe etwas aufgeregt. Erstaunlicher war es, daß der Name des ermordeten Doktor Flanders einige Male genannt wurde.

Butler Parker schritt unterdessen zielstrebig weiter. Die sengende Hitze, die über dem Land lag, machte ihm nichts aus. Er schwitzte nicht einmal, obwohl er doch den schwarzen Covercoat trug. Er hielt schwitzen für unfein und leistete sich deshalb diesen Luxus auch nicht.

Er hatte sich inzwischen längst mit Wech-Lake vertraut gemacht. Der Ort bestand aus einer Anhäufung von unregelmäßig hingesetzten Holzhäusern, durch die sich eine breite Straße schlängelte. Dort, wo der Bach sich in den Wech-Lake ergoß, standen einige Steinbauten. Östlich des Sees erhoben sich bereits die ersten Hügel, die später in die rauhe Bergwelt übergingen. Das Gelände war mit Tannen und Kiefern bewachsen, zwischen dem tonnenschweren Steingeröll wucherten Büsche und Sträucher, die übermannshoch waren.

Butler Parker hörte hinter sich das schrille Hupen eines Wagens. Er dachte aber nicht daran, in den Staub seitlich der Straße zu springen. Er marschierte weiter, als habe er nichts gehört.

Das Hupen hinter ihm wurde lauter und nervöser, aber Butler Parker erinnerte an einen Schwerhörigen, der seinen Verstärker ausgeschaltet hatte. Und Parker zuckte auch mit keiner Wimper, als der Jeep dicht und hart an ihm vorbeizischte. Der Fahrer des Wagens, ein junger Bursche von vielleicht zweiundzwanzig Jahren, drehte sich herum und grinste Parker an. Es war kein gutes Grinsen.

Freundlich winkte Parker zurück, als habe er überhaupt nichts gemerkt. Der Fahrer des Jeeps gab Gas und verschwand bald in einer dichten Staubwolke. Butler Parker sog nachdenklich an seiner Zigarre und machte sich so seine Gedanken.

Er war übrigens tatsächlich allein nach Wech-Lake gekommen. Mike Rander hatte einen dringenden Fall zu verhandeln und konnte vorerst nicht abkommen. Butler Parker hatte den Auftrag erhalten, sich um den Mordfall Flander zu kümmern, der von der Polizei in Chikago an die Ortsbehörden von Wech-Lake zur Ermittlung zurückgegeben worden war. Mike Rander war der Meinung, daß man ohne Bürokratie schneller zum Ziel kommen würde. Daher Parkers Fahrt nach Wech-Lake. Mike Rander, der Strafverteidiger und Amateurdetektiv aus Leidenschaft, wollte so schnell wie möglich nachkommen.

Butler Parker arbeitete nicht zum erstenmal auf eigene Faust. Er hatte schon manchen Fall aufklären können. Parker drängte sich förmlich danach, solche Aufgaben übertragen zu bekommen.

Stimsons Restaurant war übrigens nicht zu übersehen. Der Steinbau lag hart an dem kleinen Fluß und machte einen etwas verschlafenen und ungepflegten Eindruck. Die Sonnenblenden waren durchweg heruntergelassen worden, in der Eingangstür stak ein Holzrahmen, der mit Fliegendraht bespannt war.

Butler Parker stieg über die ausgetretenen Stufen nach oben und zog den Rahmen zur Seite. Von innen brachte er den Fliegenschutz wieder vor und stellte sich vor die Theke der Anmeldung.

Als sich nichts in der Halle rührte, hüstelte Parker einige Male. Er besorgte das mit aller Diskretion, doch das Hüsteln war trotzdem nicht zu überhören. Es dröhnte durch das Haus. Und wirklich, wenige Sekunden später erschien ein etwa fünfzigjähriger Mann, der Parker mürrisch anschaute.

»Man empfahl mir Ihr Haus«, sagte Parker geziert.

»Wenn Sie ’n Zimmer haben wollen, dann kommen Sie gerade richtig«, sagte Stimson. »Wollen Sie im ersten oder zweiten Stock schlafen?«

»In dieser Hinsicht entwickle ich keine Wünsche«, entgegnete Butler Parker höflich.

»Wollen Sie angeln?«

»Ich möchte etwas für meine angegriffenen Nerven tun«, antwortete Parker. »Ich bin Haushofmeister in Chikago … Wie Sie gleich meinen Eintragungen entnehmen können.«

Stimson drehte das Tablett, auf dem das Eintragungsbuch lag, zu Parker herum, der in zierlich gestochener Schrift die erforderlichen Angaben in das Meldebuch eintrug. Stimson reichte ihm einen Schlüssel und knurrte ihm zu, daß er das Zimmer acht im ersten Stock habe.

»Ich werde Ihre Freundlichkeit überall zu rühmen wissen«, sagte Butler Parker, griff nach seinem Koffer und ging über die Holztreppe nach oben.

Das gemietete Zimmer war keine Offenbarung, aber Butler Parker machte sich nichts daraus. Hauptsache, es war alles sauber. Er stellte den Koffer auf den dafür vorhandenen Bock und zog sich den schwarzen Mantel aus.