Dämmerung des Herzens - Christine Feehan - E-Book

Dämmerung des Herzens E-Book

Christine Feehan

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Beschreibung

Die Königin der Romantic Mystery!

Nach längerer Abwesenheit kommt Sarah nach Sea Haven zurück. Der menschenscheue Damon, der erst vor Kurzem in den kleinen kalifornischen Küstenort gezogen ist, fühlt eine seltsame Anziehungskraft und möchte Sarah unbedingt kennenlernen. Ihr Haus öffnet sich ihm bereitwillig, und auch Sarah fühlt sich zu dem rätselhaften Fremden hingezogen. Doch kann sie Damon, der von schwer bewaffneten Männern verfolgt wird, trauen?

Inzwischen trifft auch Sarahs Schwester Kate, eine erfolgreiche Schriftstellerin, in Sea Haven ein und sucht einen ruhigen Platz zum Schreiben. Sie kauft die alte Mühle des Ortes, und ihr Jugendfreund Matt, der sie seit Jahren verehrt, bietet ihr seine Hilfe beim Umbau an. Da erschüttert ein Erdbeben die Küste und legt eine gefährliche Gruft unter der Mühle frei.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 611




HEYNE‹

Das Buch

Die sieben Drake-Schwestern Sarah, Kate, Abigail, Libby, Hannah, Joley und Elle stehen sich sehr nahe und helfen einander mit ihren magischen Fähigkeiten aus jeder Notlage. Sarah kann die Zukunft voraussehen, während Kate den Menschen durch ihre Stimme Frieden und innere Ruhe zu bringen vermag.

Nach längerer Abwesenheit kommt Sarah nach Sea Haven zurück. Der menschenscheue Damon, der erst vor Kurzem in den kleinen kalifornischen Küstenort gezogen ist, fühlt eine seltsame Anziehungskraft und möchte Sarah unbedingt kennenlernen. Ihr Haus öffnet sich ihm bereitwillig, und auch Sarah fühlt sich zu dem rätselhaften Fremden hingezogen. Doch kann sie Damon, der von schwer bewaffneten Männern verfolgt wird, trauen?

Inzwischen trifft auch Sarahs Schwester Kate, eine erfolgreiche Schriftstellerin, in Sea Haven ein und sucht einen ruhigen Platz zum Schreiben. Sie kauft die alte Mühle des Ortes, und ihr Jugendfreund Matt, der sie seit Jahren verehrt, bietet ihr seine Hilfe beim Umbau an. Da erschüttert ein Erdbeben die Küste und legt eine gefährliche Gruft unter der Mühle frei.

»Christine Feehan ist die Königin des übersinnlichen Liebesromans.«

Publishers Weekly

Die Autorin

Christine Feehan, die selbst in einer großen Familie mit zehn Schwestern aufgewachsen ist, lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Kalifornien. Sie hat bereits eine Reihe von Romanen veröffentlicht und wurde in den USA mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Ihre Bücher sind auf den amerikanischen Bestsellerlisten ganz oben vertreten und sie hat bisher über fünf Millionen Exemplare weltweit verkauft.

Mehr Informationen über die Autorin und ihre Bücher finden Sie unter: www.christinefeehan.com

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDie AutorinSarah
1.2.3.
Copyright

Sarah

Für meine Schwestern …Ich danke euch für die Magie und die Liebe, die es zu jederZeit meines Lebens gegeben hat.

1.

Sarah ist wieder da. Sarah ist nach Hause gekommen.« Das übertrieben laute Flüstern war überall zu hören und darin schwang etwas mit, das an Furcht grenzte. Oder an Respekt. Damon Wilder konnte sich nicht recht entscheiden, was es war. Schon seit Stunden hörte er, wie die ganze Kleinstadt darüber tuschelte, und jeder, der diese Mitteilung weitergab, sprach mit gesenkter Stimme. Seine Neugier war geweckt, auch wenn er es sich ungern eingestand und gar nicht daran dachte, sich zu Fragen herabzulassen. Schließlich hatte er seit seiner Ankunft im vergangenen Monat die Abgeschiedenheit gesucht und im notwendigen Umgang mit anderen strikt darauf beharrt, seine Privatsphäre zu wahren.

Als er über den schmalen pittoresken Gehsteig aus hölzernen Planken lief, schien selbst der Wind zu flüstern: »Sarah ist wieder da.« Er hörte es, als er an der Tankstelle vorbeikam und der stämmige Jeff Dockins ihm zuwinkte. Er hörte es, als er unnötig lange in der kleinen Bäckerei herumstand. Sarah. Der Name hätte nicht geheimnisvoll klingen sollen, doch er tat es.

Er hatte keine Ahnung, wer Sarah war, aber sie nötigte den Einwohnern des Städtchens so viel Interesse und Ehrfurcht ab, dass er gegen seinen Willen restlos fasziniert war. Dabei wusste er aus Erfahrung, dass sich die Leute in dem verschlafenen kleinen Küstenort nicht so leicht beeindrucken ließen. Mit Geld, Ruhm und Titeln erwarb man sich hier keine Achtung. Alle wurden gleich behandelt, von den Ärmsten bis hin zu den Reichsten, und Vorurteile gegen bestimmte Religionen oder sonstige Vorlieben schien es hier nicht zu geben. Gerade deshalb hatte er sich diese Kleinstadt ausgesucht. Hier konnte man sein, wer man wollte, und keiner störte sich daran.

Den ganzen Tag nun hatte er die Menschen miteinander flüstern hören. Und nicht ein einziges Mal hatte er die mysteriöse Sarah auch nur flüchtig zu sehen bekommen, aber er hatte gehört, sie sei einmal an einer der Steilklippen über dem Meer hinaufgeklettert, um einen Hund zu retten. Eine undurchführbare Aufgabe. Er hatte diese abbröckelnden Klippen gesehen. Dort konnte niemand hinaufklettern. Die Vorstellung, jemand könnte sich an einem derart aussichtslosen Kunststück probieren, entlockte ihm ein Lächeln, obwohl es so gut wie nichts gab, was ihn amüsierte. Oder gar faszinierte.

Das einzige Lebensmittelgeschäft weit und breit befand sich im Zentrum der Kleinstadt. Dort wurden die meisten Gerüchte in Umlauf gesetzt und breiteten sich dann wie ein Lauffeuer aus. Damon beschloss, er bräuchte noch ein paar Kleinigkeiten, bevor er sich wieder auf den Heimweg machte. Er war noch keine zwei Minuten in dem Laden, als er auch dort hörte: »Sarah ist wieder da.« Die üblichen gesenkten Stimmen, in denen sich dieselbe Ehrfurcht und derselbe Respekt ausdrückten.

Inez Nelson, die Besitzerin des Lebensmittelladens, hielt Hof und plauderte, wie sie es sonst auch tat, die neuesten Nachrichten aus, statt die Preise der Lebensmittel in die Registrierkasse einzutippen. Normalerweise machte es ihn verrückt, wenn er warten musste, aber diesmal ließ er sich Zeit und trieb sich länger als nötig am Brotregal herum, weil er hoffte, er würde mehr über die geheimnisvolle Sarah erfahren.

»Bist du ganz sicher, Inez?«, fragte Trudy Garret und zog ihren vierjährigen Sohn so eng an sich, dass sie das arme Kind mit ihrer Umarmung fast erwürgte. »Sind ihre Schwestern auch da?«

»Ja, gewiss. Sie ist gleich in den Laden gekommen, in voller Lebensgröße, und hat eine Menge Lebensmittel eingekauft. Sie hat gesagt, sie wohnt wieder im Haus auf der Klippe. Die anderen hat sie mit keinem Wort erwähnt, aber wenn eine von ihnen auftaucht, dann lassen die anderen nie lange auf sich warten.«

Trudy Garret sah sich um und senkte erneut die Stimme. »War sie immer noch … Sarah?«

Damon verdrehte die Augen. Er konnte seine Mitmenschen nicht ausstehen, weil sie ihn ständig bis aufs Blut reizten. Er hatte sich eingebildet, der Umzug in eine Kleinstadt würde es ihm ermöglichen, in einem gewissen Maß mit den Leuten auszukommen, aber die meisten Menschen waren nun mal nichts anderes als Vollidioten. Natürlich war Sarah noch Sarah. Wer zum Teufel hätte sie denn sonst sein sollen? Sarah war vermutlich im Umkreis von fünfzig Meilen die einzige Person, die Verstand besaß, und daher hielten alle sie für etwas ganz Besonderes.

»Was könnte das zu bedeuten haben?«, fragte Trudy. »Sarah kommt doch nur zurück, wenn Gefahr droht.«

»Ich habe sie gefragt, ob alles in Ordnung ist, und sie hat lächelnd ja gesagt. Du kennst ja dieses Lächeln, das so typisch für sie ist. Aber du erwartest doch gewiss nicht von mir, dass ich meine Nase in Sarahs Angelegenheiten stecke, oder, meine Liebe?«, sagte Inez scheinheilig.

Damon schnaubte entrüstet. Inez hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, ihre Nase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken. Weshalb hätte sie da bei der besagten Sarah eine Ausnahme machen sollen?

»Als sie das letzte Mal hier war, wäre Dockins beinah gestorben, erinnerst du dich noch?«, fragte Trudy. »Er ist vom Dach seines Hauses gefallen und Sarah kam zufällig gerade vorbei und hat …« Sie ließ ihren Satz abreißen, sah sich im Laden um und senkte ihre Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. »Der alte Mars, der den Obststand betreibt, hat gesagt, Penny hätte ihm erzählt, dass Sarah …«

»Trudy, meine Liebe, du weißt doch, dass auf die Dinge, die Mars sagt, nicht der geringste Verlass ist. Er ist ein netter und gutmütiger Kerl, aber manchmal geht seine Phantasie mit ihm durch.«

Der alte Mars war mürrisch und konnte ziemlich fies sein. Und er war dafür bekannt, dass er mit Obst nach Autos warf, wenn er schlecht genug aufgelegt war. Damon wartete darauf, dass ein Blitz aus heiterem Himmel Inez treffen würde, um sie für diese offenkundige Lüge zu bestrafen, aber nichts passierte. Das Schlimmste war jedoch, dass Damon wissen wollte, was der alte Mars über Sarah gesagt hatte, selbst wenn es eine offenkundige Lüge war. Und das war es, was ihn wirklich erboste – seine eigene Neugier.

Trudy beugte sich noch weiter zu Inez vor und sah melodramatisch nach rechts und nach links, ohne seine Anwesenheit auch nur zu bemerken. Damon seufzte tief und hätte die Frau am liebsten an den Schultern gepackt und sie geschüttelt. »Erinnerst du dich noch daran, wie der kleine Paul Baily damals in dieses Loch im Eis gefallen ist, in dem die Wale Luft holen?«

»Jetzt, wo du es sagst, fällt es mir wieder ein. Er war hoffnungslos eingekeilt und so tief runtergerutscht, dass keiner an ihn rankommen konnte. Und die Flut war am Einlaufen.«

»Ich war da, Inez, ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sie ihn rausgeholt hat.« Trudy richtete sich auf. »Penny hat gesagt, sie hätte von ihrer Friseurin gehört, dass Sarah für einen Geheimdienst arbeitet, und die haben sie als Geheimagentin ins Ausland geschickt, in irgendein fernes Land, damit sie dort den Anführer einer Terroristengruppe ermordet.«

»Oh, nein, Trudy, das glaube ich nicht. Sarah könnte nichts und niemanden töten.« Die Ladenbesitzerin schlug sich ihre zitternden Finger auf die Kehle. »Das kann ich mir einfach nicht vorstellen.«

Damon reichte es von dem dummen Geschwätz. Wenn diese Frauen ohnehin nichts Hörenswertes sagten, war es wohl das Beste, wenn er fluchtartig von hier verschwand, bevor Inez ihn in die Mangel nehmen konnte. Er knallte seine Lebensmittel auf die Theke und gab sich so gelangweilt wie möglich. »Ich habe es eilig, Inez«, sagte er in der Hoffnung, sich das Leben zu erleichtern. Vielleicht gelang es ihm ausnahmsweise, sich ihren Versuchen zu entziehen, ihn routinemäßig zu verkuppeln.

»Na, so was, Damon Wilder! Wie schön, Sie zu sehen. Haben Sie schon die Bekanntschaft von Trudy Garret gemacht? Trudy ist eine wunderbare Frau. Sie ist hier geboren und arbeitet im Grillroom der Salt Bar. Waren Sie da schon mal zum Essen? Der Lachs ist sehr empfehlenswert.«

»Ja, das habe ich schon gehört«, murmelte er und würdigte Trudy kaum eines Blickes, obwohl sie ihm gerade vorgestellt worden war. Aber das änderte auch nichts. Sie hatten alle längst eine vorgefasste Meinung über ihn und ihm eine Vorgeschichte angedichtet, da er sich weigerte, ihnen Anhaltspunkte zu geben. Er verspürte einen Anflug von Mitleid mit dieser gerade erst zurückgekehrten Sarah. Auch ihr dichteten sie Dinge an. »Vielleicht könnten Sie mir etwas über dieses wunderschöne alte Haus auf der Klippe erzählen«, sagte er zu seinem eigenen Entsetzen. Wie konnte ihm so etwas passieren? Er war schockiert. Inez war ebenfalls schockiert. Er hatte noch nie jemandem Gelegenheit gegeben, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er wollte in Ruhe gelassen werden. Der Teufel sollte diese verfluchte Sarah holen, und sei es auch nur, weil sie derart mysteriös war.

Inez sah aus, als würde sie jeden Moment ohnmächtig, und sie war ausnahmsweise sprachlos.

»Sie wissen doch bestimmt, von welchem Haus ich rede«, hakte Damon gegen seinen Willen nach. »Dreistöckig, überall Balkone, ein runder Turm. Um das Haus herum ist alles wüst überwuchert, aber es gibt einen Pfad, der von dem Grundstück zum alten Leuchtturm führt. Ich bin dort oben herumgelaufen, und da alles so verwildert ist, habe ich damit gerechnet, das Haus in einem schlechten Zustand vorzufinden, baufällig wie die meisten leer stehenden Häuser in dieser Gegend. Aber es war wunderbar erhalten. Ich wüsste gern, welch besonderes Baumaterial oder welche Farbe man hier verwendet hat.«

»Das Grundstück ist Privateigentum, Mr. Wilder«, sagte Inez. »Das Haus ist seit weit mehr als hundert Jahren im Besitz derselben Familie. Ich weiß nicht, welche Zusätze sie der Farbe beigeben, aber sie ist wetterfest. Und niemand lungert in der Nähe dieses Hauses herum.« Inez erteilte ihm eindeutig eine Rüge.

»Ich lungere keinesfalls dort herum, Inez«, sagte er aufgebracht. »Wie Sie selbst sehr gut wissen, setzt die salzige Meeresluft der Farbe und dem Holz der Häuser zu. Dieses Haus ist in einem auffällig guten Zustand. Es sieht tatsächlich aus, als sei es gerade erst gebaut worden. Da fragt man sich natürlich, womit sich das erreichen lässt. Ich würde mein Haus gern mit demselben Mittel schützen.« Er strengte sich an, einen vernünftigen Eindruck zu erwecken und sich seine Gereiztheit nicht allzu sehr anmerken zu lassen. »Ich verstehe selbst etwas von Chemie und ich komme nicht dahinter, wie man ein Haus über so viele Jahre in einem neuwertigen Zustand erhalten kann. Es gibt keinerlei Anzeichen für Schäden durch das Meer oder Abnutzungserscheinungen durch das Alter des Hauses. Noch nicht einmal für Schäden, die durch Insekten verursacht worden sind. Das ist ganz bemerkenswert.«

Inez schürzte ihre Lippen. Das war immer ein schlechtes Zeichen. »Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich keine Ahnung habe.« Ihre Stimme klang so steif, als hätte er sie grob beleidigt. Sie tippte die Preise seiner Lebensmittel mit beachtlicher Geschwindigkeit in die Kasse, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.

Damon nahm die Tüten in einen Arm und bedeutete Inez mit seinem Gesichtsausdruck, sie solle sich unterstehen, ihn zu fragen, ob er Hilfe bräuchte. Er stützte sich schwer auf seinen Gehstock und wandte sich an Trudy. »Der Mann, der den Hund der Friseurin ausführt, hat dem Straßenkehrer erzählt, er hätte gesehen, wie Sarah übers Wasser gegangen sei.«

Trudys Augen weiteten sich schockiert, doch ihrem Gesicht war deutlich anzusehen, dass sie ihm glaubte. Inez gab ein Geräusch von sich, das er nicht einordnen konnte. Damon machte angewidert auf dem Absatz kehrt und ging steifbeinig zur Tür. Seit er das erste Mal gehört hatte, wie die Leute Sarahs Namen flüsterten, war er alarmiert. Verstört. Aufgewühlt. Ein Gefühl, das ihm gänzlich unvertraut war, regte sich in ihm und wurde immer stärker. Vorfreude? Aufregung? Es war einfach lachhaft. Tonlos verfluchte er die abwesende Sarah.

Er wollte in Ruhe gelassen werden, oder etwa nicht? Er hatte nicht das geringste Interesse an der Frau, über die sämtliche Einwohner der Kleinstadt tuschelten. Zwar glaubte er nicht, dass Sarah übers Wasser laufen konnte, aber ihr Haus war ihm ein Rätsel. Es sprach doch sicher nichts dagegen, ihr einen gutnachbarlichen Besuch abzustatten, um sich zu erkundigen, mit welchen Konservierungsmitteln das Haus behandelt worden war, denn das erzielte Ergebnis war einfach unglaublich.

Damon Wilder war ein Mann, der an den Rand des Wahnsinns getrieben worden war. Der Umzug in diesen kleinen Küstenort war seine letzte Anstrengung gewesen, sich an das Leben zu klammern. Er hatte keine Ahnung, wie er das anstellen würde oder warum er sich ausgerechnet diesen ganz bestimmten Ort mit all den Spinnern ausgesucht hatte, die sich hier angesiedelt hatten, aber diese Kleinstadt hatte ihn magnetisch angezogen. Nichts anderes kam in Frage. Als er zum ersten Mal den fruchtbaren Boden dieses Ortes unter seinen Füßen gespürt hatte, war ihm klar gewesen, dass er in Zukunft entweder hier zu Hause sein oder überhaupt kein Zuhause mehr haben würde. Es war verteufelt schwer, sich hier einzuleben, aber das Meer besänftigte ihn und die langen Spaziergänge über Millionen von Jahren alte Felsen und Klippen lenkten ihn ab.

Damon ließ sich Zeit damit, die Lebensmittel wegzuräumen. Die Gewissheit, dass dieser Ort seine letzte Chance war, war so stark gewesen, dass er tatsächlich ein Haus hier gekauft hatte. Sein Haus zählte zu den wenigen Dingen, die ihm Freude bereiteten, und mit Begeisterung nahm er die Umbauarbeiten daran vor. Er liebte das Holz, aus dem es gebaut war. Er konnte restlos darin aufgehen, die Räume kunstvoll so umzugestalten, dass sie exakt auf seine Bedürfnisse zugeschnitten waren. Stundenlang nahm ihn die Arbeit an dem Haus so vollständig in Anspruch, dass nichts anderes in sein Gehirn vordringen konnte und er eine Zeit lang Frieden fand.

Aus seinem großen Erkerfenster sah er aufs Meer hinaus. Es war das einzige Fenster, das einen ungehinderten Ausblick auf das Haus auf der Klippe bot. Damon hatte mehr Stunden, als er sich selbst eingestehen wollte, damit verbracht, zu den dunklen Fenstern, hinter denen sich nichts regte, den Balkonen und den Zinnen aufzublicken. Es war ein einzigartiges Haus aus einem anderen Jahrhundert, das nicht in diese Zeit und nicht an diesen Ort gehörte. Jetzt brannten zum ersten Mal Lichter. Die Fenster leuchteten hell und einladend.

Sein Bein tat teuflisch weh. Er musste sich dringend hinsetzen und sich ausruhen. Es kam überhaupt nicht in Frage, dass er jetzt durch die Gegend latschte. Damon starrte das Haus an und fühlte sich von seiner Wärme angelockt. Es erschien ihm fast wie ein Lebewesen, das ihn anflehte, näher zu kommen. Er trat auf die Veranda hinaus, denn er hatte die Absicht, sich dort auf den Stuhl zu setzen und den Meerblick zu genießen. Stattdessen humpelte er unbeirrbar den Pfad zu den Klippen hinauf. Der Drang war unwiderstehlich. Der schmale Fußweg führte steil bergauf und war stellenweise steinig, kaum mehr als ein Trampelpfad und noch dazu überwuchert. Sein Stock glitt auf dem Kies aus und zweimal wäre er beinah hingefallen. Als er die Grenze des privaten Grundstücks erreicht hatte, fluchte er schon seit einer Weile leise vor sich hin.

Plötzlich blieb er schockiert stehen und starrte den Anblick an, der sich ihm bot. Es waren noch keine zwei Tage vergangen, seit Damon das letzte Mal hier gewesen und um das Grundstück, auf dem das Haus stand, herumgelaufen war. Es war wüst überwuchert gewesen, die Büsche in die Höhe geschossen und allseits von Unkraut umgeben, die Sträucher und Bäume unter ihrem winterlich dunklen Laub gebeugt. Aber so richtig schaurig und gespenstisch hatte der Ort vor allem durch seine auffällige Stille gewirkt. Kein Laut war zu hören gewesen. Jetzt aber blühten Blumen, die reinste Farbenpracht schlug ihm entgegen und unter seinen Füßen fühlte er einen dichten Teppich aus Gras. Er konnte die Insekten surren und Frösche munter quaken hören, als hätte von einem Moment zum anderen der Frühling Einzug gehalten.

Das Tor, das bisher fest verschlossen gewesen war, stand einladend offen. Alles schien ihn willkommen zu heißen. Ein Gefühl von Frieden begann sich in sein Herz einzuschleichen. Am liebsten hätte er sich auf eine der verlockenden Bänke gesetzt und die Atmosphäre tief in sich eingesogen.

An den Spalieren zogen sich Kletterrosen hinauf und überall blühten üppige Rhododendren, die wie ganze Wälder wirkten. Nie hatte er derart hohe Rhododendren gesehen. Als er sich auf den Weg zum Haus machte, fiel Damon auf, dass nirgends eine Spur von Unkraut zu sehen war. In jeden der Trittsteine auf dem Fußpfad war ein anderes Symbol eingemeißelt. Es musste große Mühe darauf verwandt worden sein, das jeweilige Symbol so tief in den Stein einzuritzen. Damon beugte sich hinunter und bewunderte die Kunstfertigkeit, mit der hier bis ins kleinste Detail gearbeitet worden war. Die Kunsthandwerker in dieser Kleinstadt schienen sich alle durch handwerkliche Geschicklichkeit und Präzision auszuzeichnen, ein Charakterzug, vor dem er große Achtung hatte.

Als er sich dem Haus näherte, kam über dem Meer eine Brise auf, die kleine Tröpfchen Gischt und eine liebliche Melodie mit sich zu tragen schien. »Sarah ist wieder da. Sarah ist nach Hause gekommen.« Freudig erklangen diese Worte nah und fern. Erst jetzt hörte er die Vögel und sah sich um. Sie waren überall, zahllose Vogelarten, deren Flügel über seinem Kopf flatterten, während sie von einem Baum zum anderen flitzten. Eichhörnchen plapperten und huschten von Ast zu Ast. Über dem Meer ging die Sonne unter und der Himmel verfärbte sich und nahm leuchtende Rosa-, Orange- und Rottöne an. Am fernen Horizont traf Nebel auf das Meer und vermittelte den Eindruck einer Insel in den Wolken. Einen so schönen Anblick hatte Damon noch nie erlebt. Er stand einfach nur da, stützte sich auf seinen Stock und starrte voller Erstaunen die Verwandlung an, die sich um ihn herum vollzogen hatte.

Stimmen wurden aus dem Haus zu ihm getragen. Eine war sanft und melodisch. Er konnte die Worte nicht verstehen, doch der Tonfall ging ihm unter die Haut und bis ins Mark. Er trat näher, da der Klang ihn anlockte, und im nächsten Moment sah er zwei Hunde auf der Veranda vor dem Haus. Beide beobachteten ihn wachsam. Ihre Köpfe waren gesenkt, ihr Fell gesträubt, und keiner von beiden gab einen Laut von sich.

Damon blieb wie erstarrt stehen. Die Stimmen waren weiterhin zu vernehmen. Eine Frau weinte. Die melodische Stimme beschwichtigte sie. Damon verlagerte sein Gewicht und packte seinen Gehstock mit beiden Händen. Falls er ihn als Waffe einsetzen musste, konnte er mit zwei Händen besser zuschlagen. Obwohl ihm die Hunde Sorgen bereiteten, galt sein Interesse vor allem der Stimme. Er spitzte die Ohren, um zu lauschen.

»Bitte, Sarah, Sie müssen doch etwas dagegen tun können. Ich weiß, dass Sie es können. Bitte, sagen Sie, dass Sie mir helfen werden. Ich halte das einfach nicht aus«, sagte die weinende Stimme.

Der Kummer dieser Frau war so groß, dass Damon mit ihr litt. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal das Leid eines anderen Menschen nachempfunden hatte. Beide Hunde schnupperten wie Spürhunde und wedelten dann, als hätten sie ihn erkannt, zur Begrüßung mit dem Schwanz. Sie setzten sich hin, und sowie ihr gesträubtes Fell sich geglättet hatte, machten sie einen weitaus freundlicheren Eindruck. Er behielt die Hunde trotzdem im Auge und strengte sich an, einige der Worte aufzuschnappen, die in diesem sanften, melodischen Tonfall vorgebracht wurden.

»Ich weiß, wie schwer es für Sie ist, Irene, aber es ist ja schließlich nicht so, als klebte man ein Pflaster auf ein verschrammtes Knie. Was sagen die Ärzte?«

Wieder war Schluchzen zu hören. Diese Laute erschütterten ihn, sie bereiteten ihm Schmerzen, und ein entsetzliches Gewicht drückte schwer auf seine Brust. Damon vergaß die Hunde vollständig und presste sich eine Hand aufs Herz. Irene Madison. Jetzt erkannte er die Stimme. Von Inez im Lebensmittelgeschäft wusste er, dass Irenes fünfzehnjähriger Sohn Drew todkrank war.

»Es besteht keine Hoffnung, Sarah. Sie haben gesagt, ich soll ihn nach Hause holen und dafür sorgen, dass er so wenig Beschwerden wie möglich hat. Aber Sie können etwas für ihn tun, das wissen Sie selbst. Bitte, tun Sie mir diesen einen Gefallen. Tun Sie es für uns. Für mich.«

Damon rückte ganz langsam näher zu dem Haus vor und fragte sich, was zum Teufel Irene von Sarah erwartete. Traute sie ihr etwa zu, dass sie ein Wunder vollbrachte? Für ein Weilchen herrschte Schweigen. Das Fenster stand offen und der Wind ließ die weißen Spitzengardinen flattern. Damon wartete mit angehaltenem Atem. Er wartete auf Sarahs Antwort, auf den Klang ihrer Stimme.

»Irene, Sie wissen doch, dass das nicht geht. Ich bin gerade erst zurückgekommen. Ich habe noch nicht mal ausgepackt. Und Sie verlangen von mir …«

»Sarah, ich flehe Sie an. Ich tue alles, was Sie wollen, Sie können alles von mir haben. Ich gehe vor Ihnen auf die Knie …« Der Schmerz der Frau war derart intensiv, dass Damon glaubte, daran zu ersticken.

»Stehen Sie sofort auf, Irene! Was soll das alles? Schluss damit!«

»Sie müssen mir versprechen, dass Sie zu uns kommen und ihn sich ansehen. Bitte, Sarah. Unsere Mütter waren eng miteinander befreundet. Wenn Sie es schon nicht für mich tun, dann tun Sie es wenigstens für meine Mutter.«

»Ich komme vorbei, Irene. Versprechen kann ich Ihnen gar nichts, aber ich werde ihn mir ansehen.« Resignation schwang in der sanften Stimme mit. Ermattung. »In ein oder zwei Tagen werden meine Schwestern hier sein, und sobald wir uns alle ausgeruht haben, schauen wir bei Ihnen rein und sehen, was wir für ihn tun können.«

»Ich weiß, dass Sie glauben, ich würde ein Wunder von Ihnen verlangen, aber das ist gar nicht der Fall. Ich möchte nur noch etwas mehr Zeit mit ihm. Kommen Sie, wenn Sie sich ausgeruht haben. Wenn alle anderen da sind und mithelfen können.« Die Erleichterung, die Irene verspürte, griff auf Damon über. Er hatte keine Ahnung, wie das sein konnte. Er wusste nur, dass sich das niederdrückende Gewicht von seiner Brust hob und sein Herz sich einen Moment lang emporschwang.

»Ich werde sehen, was ich tun kann.«

Die Stimmen kamen auf ihn zu. Damon wartete mit pochendem Herzen. Er hatte keinen Schimmer, was jetzt passieren würde. Er wusste noch nicht einmal, was er sich selber wünschte, aber alles in seinem Innern kam zum Verstummen.

Die Tür ging auf und zwei Frauen traten hinaus und blieben im Schatten der großen Veranda mit den hohen Säulen stehen. »Ich danke Ihnen, Sarah. Ich bin Ihnen ja so dankbar«, sagte Irene und drückte Sarahs Hände. »Ich wusste, dass Sie kommen würden.« Sie eilte die Stufen hinunter und lief schnurstracks an den Hunden vorbei, die an die Seite ihrer Herrin geeilt waren. Irene rang sich ein mattes Lächeln ab, als sie an Damon vorüberkam. Ihre Augen waren verweint und strahlten doch voller Hoffnung.

Damon stützte sich auf seinen Stock und blickte zu Sarah auf.

2.

Sarah stand auf der Veranda. Ihr Körper war im Schatten der Säulen verborgen. Damon konnte sich keine Vorstellung davon machen, wie alt sie war. Ihr Gesicht war von unbestimmbarem Alter. In ihren Augen spiegelten sich Intelligenz und Autorität. Ihre Haut war glatt und makellos und erweckte einen ungeheuer jugendlichen Anschein, der im krassen Widerspruch zu der Lebenserfahrung in ihren Augen stand, die ihn jetzt ganz direkt anblickten. Sie blieb still stehen und heftete ihre unglaublichen Augen fest auf ihn.

»Wie sind Sie durch das Tor gekommen?«

Darauf war er nicht gefasst. Damon sah sich nach dem schmiedeeisernen Meisterwerk um. Das Tor war gut einen Meter achtzig hoch und wies ein kompliziertes Muster auf, eine herausragende künstlerische Leistung. Er hatte es bei mehr als einer Gelegenheit eingehend gemustert und ihm waren die Symbole und die Darstellungen diverser Tiere, Sterne und Monde aufgefallen. Eine Collage aus Geschöpfen mit unbändiger Kraft und universellen Symbolen für Erde, Wasser, Feuer und Wind. Bisher war das Tor jedes Mal, wenn er hierher gekommen war, um das Haus und das Grundstück aus der Nähe zu betrachten, geschlossen und verriegelt gewesen.

»Es war offen«, erwiderte er schlicht und einfach.

Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe und ihr Blick glitt von ihm zu dem Tor und wieder zu ihm zurück. Ihr Interesse schien geweckt zu sein. »Und die Hunde?« Sie ließ ihre Hand auf einen der großen Köpfe sinken und kraulte dem Tier geistesabwesend die Ohren.

»Sie haben mich flüchtig gemustert und mich für wohlwollend befunden«, antwortete er. Ein leichtes Stirnrunzeln huschte über ihr Gesicht und war im nächsten Moment wieder verschwunden. »Ach ja? Sie kommen wohl gut mit Tieren aus.«

»Ich komme mit nichts und niemandem gut aus«, entfuhr es ihm, bevor er die Worte zurückhalten konnte. Dieses unerwartete Eingeständnis schockierte ihn und brachte ihn in so große Verlegenheit, dass er nicht mit einem barschen Lachen darüber hinweggehen konnte. Folglich blieben die Worte zwischen ihnen stehen.

Sarah musterte lange Zeit wortlos sein Gesicht. Ihr direkter Blick schien seine äußere Erscheinung zu durchdringen und geradewegs in seine Seele einzutauchen. Damon war unbehaglich zumute und er fühlte sich beschämt. »Sie sollten besser reinkommen und sich ein Weilchen setzen«, sagte sie. »Ihre Aura ist von Schwärze umgeben. Ich kann erkennen, dass Sie etwas quält, obwohl ich noch gar nicht weiß, warum Sie hergekommen sind.« Sie wandte sich ab und ging ins Haus, und sie erwartete offensichtlich, dass er ihr folgen würde. Beide Hunde eilten hinter ihr her und blieben ihr dicht auf den Fersen.

Damon stand, auf seinen Stock gestützt, da und fragte sich, was in ihn gefahren war. Jetzt hatte er sie gesehen, die sagenumwobene Sarah. Sie war nichts weiter als eine Frau mit unglaublichen Augen. Aber das war auch schon alles. Sie konnte weder übers Wasser gehen noch Berge versetzen. Auch konnte sie keine unbezwingbaren Steilklippen erklimmen noch Anführer terroristischer Organisationen ermorden. Sie war nichts weiter als eine Frau. Und höchstwahrscheinlich komplett durchgeknallt. Seine Aura war schwarz? Was zum Teufel sollte das heißen? Bestimmt gab es in ihrem Haus Voodoo-Puppen und tote Hühner.

Er starrte die offene Tür an. Sie kam nicht zurück und sah auch nicht nach, ob er ihr folgte. Das Haus hatte sie geschluckt. Die mysteriöse Sarah. Damon blickte in die hereinbrechende Dunkelheit und zu den ersten Sternen und den dünnen Wolkenfetzen auf, die rasch vorübertrieben. Er wusste ganz genau, dass er ihr ins Haus folgen würde, wie ihre verdammten Hunde. Und eben dieses Wissen erboste ihn.

Damon tröstete sich mit dem Umstand, dass er nur daran interessiert war, wie man Holz und Farbe wetterfest machte und ein Haus unter den gegebenen klimatischen Bedingungen über Jahrzehnte in einem so glänzenden Zustand erhielt. Schon lange vor Sarahs Rückkehr in die Stadt hatte er sich für ihr Haus interessiert. Eine solch günstige Gelegenheit, das Haus aus der Nähe zu betrachten, konnte er sich nicht entgehen lassen. Selbst wenn das bedeutete, dass er versuchen musste, mit einer übergeschnappten Fremden höfliche Konversation zu betreiben. Er fuhr mit einer Hand durch sein dunkles Haar und warf einen erzürnten Blick auf die offene Tür. Als er eintrat und seiner Gastgeberin folgte, so gut das mit dem Gehstock, seiner defekten Hüfte und dem kaputten Bein eben möglich war, murmelte er tonlos Flüche vor sich hin.

Die Stufen, die zur Veranda führten, waren stabil und robust. Die Veranda war breit und einladend und zog sich auf allen Seiten um das Haus herum. Sie verlockte dazu, im Schatten zu sitzen und den grandiosen Ausblick auf das tosende Meer zu genießen. Hier wäre Damon gern länger geblieben, um weiterhin den Frieden auszukosten, den Sarahs Haus ausstrahlte, doch stattdessen trat er ein. Die Luft erschien ihm kühl und wohlriechend. Es duftete nach etwas, was ihn an Wälder und an Blumen erinnerte. Die Eingangshalle war geräumig und in die Bodenfliesen war ein Mosaik eingelegt. Von dort aus gelangte man in ein riesiges Zimmer.

Ehrfurcht ergriff Damon, als er das Kunstwerk auf dem Fußboden betrachtete. Während er es ansah, hatte er das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen. Das tiefe Blau des Meeres war in Wirklichkeit der Ozean des Himmels. Sterne explodierten und erwachten flackernd zum Leben. Der Mond war eine schimmernde silberne Kugel. Er stand wie versteinert da und hätte sich am liebsten hingekniet, um sich jeden Quadratzentimeter des Mosaiks ganz genau anzusehen. »Dieser Mosaikboden gefällt mir. Es ist ein Jammer, darüber zu laufen und ihn mit Schritten abzunutzen«, sagte er laut.

»Es freut mich, dass er Ihnen gefällt. Ich finde ihn wunderschön«, sagte sie. Ihre Stimme war so weich wie Samt und doch so tragend, dass er meinte, sie durch das ganze Haus hören zu können. »Meine Großmutter und ihre Schwestern haben dieses Mosaik gemeinsam erschaffen. Es hat sie sehr viel Zeit gekostet, alles genau richtig hinzukriegen. Sagen Sie mir, was Sie sehen, wenn Sie in den mitternächtlichen Himmel des Mosaiks blicken.«

Er zögerte, doch das Mosaik reizte ihn so sehr, dass er nicht widerstehen konnte. Er untersuchte es gründlich. »In den Wolken vor dem Mond sind dunkle Schatten. Und hinter den Wolken ist der Mond von einem roten Ring umgeben. Die Sterne stehen miteinander in Verbindung und bilden ein bizarres Muster. Die Leiche eines Mannes schwebt auf dem Wolkenmeer. Etwas hat sein Herz durchbohrt.« Er blickte zu ihr auf und sah sie herausfordernd an.

Sarah lächelte ihn an. »Ich wollte gerade Tee kochen. Mögen Sie vielleicht eine Tasse?« Sie entfernte sich von ihm und verschwand in der Küche, die in die Eingangshalle und ins Wohnzimmer überging.

Damon konnte das Geräusch von fließendem Wasser hören, als sie den Teekessel füllte. »Ja, gern, das klingt gut.« Das Verrückte war, dass es tatsächlich gut klang, obwohl er grundsätzlich keinen Tee trank. Normalerweise hätte er das Zeug nicht angerührt, nicht einmal eine einzige Tasse. Es sah ganz so aus, als sei er dabei, den Verstand zu verlieren.

»Die Bilder von meiner Großmutter und ihren Schwestern sind gleich links neben Ihnen, falls Sie Lust haben, sie sich anzusehen.«

Er hatte es immer für absolut lachhaft gehalten, sich Bilder von Leuten anzusehen, die er nicht kannte, aber er konnte nicht widerstehen, einen Blick auf die Fotos der Frauen zu werfen, denen es gelungen war, auf einem gefliesten Boden eine solche Schönheit entstehen zu lassen. Er schlenderte zu der Wand mit den Erinnerungsstücken. Dort hingen viele Fotografien von Frauen, manche in Schwarzweiß, andere in Farbe. Einige der Bilder waren offensichtlich sehr alt, aber er konnte mühelos die Ähnlichkeit erkennen, die diese Frauen miteinander aufwiesen. Damon räusperte sich. Er zog die Stirn in Falten, als ihm auffiel, dass sämtliche Gruppenporträts eine seltsame Gemeinsamkeit besaßen. »Warum sind auf jedem Familienfoto sieben Frauen abgebildet?«

»In unserer Familie scheint es ein eigentümliches Phänomen zu geben«, antwortete Sarah bereitwillig. »In jeder Generation bekommt eine Person sieben Töchter.«

Damon stützte sich verblüfft auf seinen Stock und musterte die Gesichter auf jedem Gruppenbildnis. »Eines von den sieben Mädchen hat immer sieben Töchter geboren? Mit Absicht?«

Sarah lachte und kam um die Ecke, um sich vor der Wand mit den Fotos neben ihn zu stellen. »In jeder einzelnen Generation.«

Er wandte den Blick von ihr ab und sah sich die Gesichter ihrer Schwestern auf einem Bild an, das unter den Fotos an dieser Wand einen zentralen Platz einnahm. »Welche trägt die Erbanlage zu diesem Wahnsinn in sich?«

»Eine gute Frage. Auf die ist bisher noch keiner gekommen. Meine Schwester Elle ist die siebente Tochter, und daher ist die Bürde der Verantwortung auf sie übergegangen. Oder der Wahnsinn, wenn Ihnen das lieber ist.« Sarah deutete auf ein Mädchen mit einem jungen Gesicht, lebhaften grünen Augen und einer üppigen roten Haarpracht, die achtlos zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war.

»Und wo steckt die arme Elle im Moment?«, fragte Damon.

Sarah atmete tief ein, und als sie den Atem langsam wieder ausstieß, senkten sich ihre langen Wimpern flatternd. Ihr Gesicht entspannte sich augenblicklich. Sie wirkte heiter und gelassen und strahlend schön. Ihr Anblick richtete etwas ganz Eigenartiges mit Damons Herz an. Er hatte das seltsame Gefühl, es sei am Schmelzen, und das jagte ihm einen unglaublichen Schrecken ein. Trotzdem konnte er seinen faszinierten Blick nicht von ihr losreißen. Für einen flüchtigen Moment bestürmte ihn das Gefühl, Sarah, die neben ihm stand, sei nicht mehr im selben Zimmer. Als hätte sich ihr Körper von ihrem Geist gelöst und diesem gestattet, durch Raum und Zeit zu reisen. Damon schüttelte sich und versuchte, diesen verrückten Eindruck loszuwerden. Er war kein phantasievoller Mensch und doch war er sicher, dass Sarah irgendwie Kontakt zu ihrer Schwester Elle aufgenommen hatte.

»Elle ist in einer Höhle voller Edelsteine tief unter der Erdoberfläche. Dort kann sie den Herzschlag der Erde hören.« Sarah schlug die Augen auf und sah ihn an. »Ich bin Sarah Drake.«

»Damon Wilder.« Er wies in die Richtung seines Hauses. »Ihr neuer Nachbar.« Er starrte sie an und sog ihren Anblick in sich ein. Er verstand nicht, was hier vorging. Er war ganz sicher, dass sie nicht die schönste Frau auf Erden war, doch sein Herz und seine Lunge beharrten darauf, sie sei es. Sarah war mittelgroß und hatte eine sehr weibliche Figur. Sie trug ausgebleichte, abgetragene Bluejeans und ein kariertes Flanellhemd. Sie war keine umwerfende Schönheit und doch brannte seine Lunge, weil er keine Luft bekam, und sein Herzschlag hatte sich beschleunigt. Sein Körper reagierte mit schmerzhaftem Verlangen auf sie, obwohl sie überhaupt nicht versuchte, sexy zu sein oder sich gar als eine verführerische Sirene zu geben. Sie stand einfach nur in ihren bequemen alten Kleidungsstücken da, ihre üppige dunkle Mähne aus dem blassen Gesicht zurückgebunden. Es war wirklich der Gipfel! Er hatte doch schon genug Pech gehabt. Warum konnte ihm diese ungeheuer ärgerliche und demütigende Erfahrung nicht erspart bleiben?

»Dann haben Sie also das alte Hanover-Haus gekauft. Die Aussicht ist phantastisch. Was hat Sie ausgerechnet in unsere Kleinstadt verschlagen? Die findet so schnell keiner.« Ihre kühlen blauen Augen musterten ihn viel zu kritisch. Ihr direkter Blick war durchdringend und taxierend. »Auf mich wirken Sie wie ein Mann, der sich in einer Großstadt wesentlich wohler fühlen würde.«

Damons Hände ballten sich um den Knauf seines Stocks herum zu Fäusten. Sarah konnte sehen, dass seine Knöchel weiß wurden. »Ich habe den Ort auf einer Landkarte entdeckt und wusste ganz genau, dass ich dort und nirgends anders leben möchte, wenn ich mich zur Ruhe setze.« Sie musterte sein Gesicht, das von Leid gezeichnet war. Die Falten hatten sich tief eingegraben und seine Augen wirkten alt und müde. Das Mal des Todes umgab ihn und er hatte aus dem mitternächtlichen Himmel im Mosaikboden der Eingangshalle den Tod herausgelesen. Dennoch fühlte sie sich auf eigentümliche Weise zu ihm hingezogen.

Ihre Augenbrauen wölbten sich zu vollendeten Bögen. »Ich hätte gedacht, Sie seien noch zu jung, um sich zur Ruhe zu setzen. Hier geht es nicht gerade besonders spannend zu.«

»In dem Punkt muss ich Ihnen widersprechen. Haben Sie sich in der letzten Zeit mal in der Nähe des Lebensmittelladens rumgetrieben? Inez sorgt für ganz erstaunliche Unterhaltung.« In seiner Stimme traf triefender Sarkasmus mit Verachtung zusammen.

Sarah wandte sich von ihm ab, zog die Schultern hoch und nahm sichtlich eine steife Haltung ein. »Was wissen Sie tatsächlich über Inez, wenn es Ihnen schon innerhalb eines Monats gelungen ist, sich eine Meinung über sie zu bilden?« Ihre Stimme klang lieblich und interessiert, doch er hatte das Gefühl, ihr gerade fest auf die Zehen getreten zu sein.

Damon humpelte hinter ihr her wie ein Welpe und bemühte sich, keine abscheulichen Flüche vor sich hin zu murmeln. Ihn hatte noch nie interessiert, was andere Leute dachten. Jeder hatte seine Meinung und manche Menschen hatten sogar sehr fundierte Ansichten. Warum zum Teufel war es ihm wichtig, was Sarah von ihm hielt? Und warum musste sie ihre Hüften so auffordernd wiegen, dass er seinen Blick nicht davon losreißen konnte?

Die Küche war in demselben Mitternachtsblau gekachelt, das im Mosaik den Himmel bildete. Eine lange Fensterreihe bot einen Ausblick auf einen Blumen- und Kräutergarten, in dessen Mitte ein dreistufiger Brunnen stand. Sarah bedeutete ihm, sich an den langen Tisch zu setzen, während sie den Tee überbrühte. Damon konnte nirgendwo im Haus eine Staubflocke oder Schmutz sehen. »Wann sind Sie hier eingetroffen?«

»Gestern am späten Abend. Es ist ein wunderbares Gefühl, wieder zu Hause zu sein. Seit meinem letzten Besuch sind schon zwei Jahre vergangen. Meine Eltern halten sich derzeit in Europa auf. Sie besitzen mehrere Häuser und sie lieben Italien. Meine Großmutter ist bei ihnen, und daher hat das Haus hier lange leer gestanden.«

»Dann ist das also das Haus Ihrer Eltern?« Als sie mit einer Spur ihres geheimnisvollen Lächelns den Kopf schüttelte, fragte er: »Gehört dieses Haus Ihnen?«

»Gemeinsam mit meinen Schwestern. Unsere Mutter hat es uns vermacht.« Sie brachte einen dampfenden Becher Tee und stellte ihn neben seiner Hand auf dem Tisch ab. »Ich glaube, den werden Sie mögen. Er ist beruhigend und wird gegen die Schmerzen helfen.«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich Schmerzen habe.« Damon hätte sich selbst in den Hintern treten können. Sogar in seinen eigenen Ohren hörten sich seine Worte albern an, ein trotziges Kind, das die Wahrheit abstreitet. »Danke«, murmelte er mit Mühe und versuchte an dem Tee zu riechen, ohne sie mit seinem Gesichtsausdruck zu beleidigen.

Sarah setzte sich ihm gegenüber und schlang beide Hände um ihre Teetasse. »Womit kann ich Ihnen behilflich sein, Mr. Wilder?«

»Nennen Sie mich Damon«, sagte er.

»Also gut, Damon«, sagte sie mit einem kleinen Lächeln. »Ich bin einfach nur Sarah.«

Damon konnte ihren durchdringenden Blick fühlen. »Ich habe mich von Anfang an für dieses Haus interessiert, Sarah. Die Farbe ist nicht ausgeblichen und sie blättert auch nicht ab, noch nicht einmal in der salzigen Luft. Ich hatte gehofft, du würdest mir sagen, welches Konservierungsmittel du verwendet hast.«

Sarah lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und führte die Teetasse an ihre Lippen. Sie hatten einen wunderschönen Mund. Volle, sinnliche Lippen, die so geschwungen waren, als lachte sie ständig. Oder als wollte sie ständig geküsst werden. Dieser Gedanke stellte sich ungebeten ein, als er ihren Mund anstarrte. Die reinste Versuchung. Unter der Intensität ihres Blickes spürte er, wie sein Nacken sich rötete.

»Ich verstehe. Du bist also spät abends aus dem Haus gegangen, obwohl du starke Schmerzen hattest, weil du unbedingt wissen wolltest, mit welchem Konservierungsmittel ich mein Haus so gut erhalte. Das leuchtet mir absolut ein.«

Aus ihrer Stimme war keine Belustigung herauszuhören und es schwang noch nicht einmal eine Spur Sarkasmus mit, und doch stieg die Röte weiter in sein Gesicht auf. Ihre Augen sahen zu viel. Sie blickten dort in ihn hinein, wo er nicht gesehen werden wollte, wo er es sich nicht leisten konnte, gesehen zu werden. Er hätte gern den Blick abgewendet, aber es schien, als könnte er seine Augen nicht von ihr losreißen.

»Sag mir den wahren Grund, aus dem du hier bist.« Ihre Stimme war sanft und ermutigte zu vertraulichen Mitteilungen.

Er fuhr sich frustriert mit beiden Händen durch das Haar. »Ich weiß es wirklich nicht. Es tut mir leid, dass ich in deine Privatsphäre eingedrungen bin.« Aber es tat ihm überhaupt nicht leid. Das war eine glatte Lüge und beide wussten es.

Sie trank wieder einen Schluck von ihrem Tee und deutete auf seinen Becher. »Trink das. Es ist eine ganz spezielle Mischung, die ich selbst zusammenstelle. Ich glaube, du wirst den Tee mögen, und ich weiß, dass er dir guttun wird.« Sie grinste ihn an. »Ich kann dir versprechen, dass keine Kröten und auch keine Spinnen drin sind.«

Sarahs Lächeln verschlug ihm augenblicklich den Atem. Mit nichts weiter als einem Lächeln versetzte sie ihm einen solchen Hieb in die Magengrube, dass ihm die Luft wegblieb. Er wartete, bis er sich wieder so weit gefasst hatte, dass er sprechen konnte. »Weshalb glaubst du, ich bräuchte etwas, was mir guttut?«, fragte er und rang um Ungezwungenheit.

»Um das zu erkennen, braucht man keine Wahrsagerin zu sein, Damon. Du humpelst. Um deinen Mund herum haben sich tiefe weiße Furchen in dein Gesicht eingegraben und dein Bein zittert.«

Damon hob die Tasse an seine Lippen und trank vorsichtig einen Schluck von dem Aufguss. Der Geschmack war einzigartig. »Ich bin vor einer Weile angegriffen worden.« Die Worte waren ihm über die Lippen gekommen, bevor er sie zurückhalten konnte. Voller Entsetzen starrte er in den Teebecher, denn er fürchtete, sie könnte ihm ein Wahrheitsserum einflößen.

Sarah stellte ihre Teetasse behutsam auf den Tisch. »Du bist von einem anderen Menschen angegriffen worden?«

»Nun ja, ein Außerirdischer war es nicht.« Er trank einen großen Schluck Tee. Sofort spürte er, wie sich Wärme in seinem Körper ausbreitete und an wunde, schmerzende Stellen gelangte.

»Weshalb sollte ein Mensch einen anderen töten wollen?«, sagte Sarah versonnen. »Das habe ich nie verstanden. Geld ist doch eigentlich ein blödsinniger Grund.«

»Die meisten Leute sind nicht dieser Meinung.« Er rieb sich den Kopf, als schmerzte er, aber vielleicht ließ ihn auch nur eine Erinnerung seinen Kopf reiben. »Menschen töten aus vielen verschiedenen Gründen, Sarah.«

»Das muss ja furchtbar für dich gewesen sein. Ich hoffe, derjenige ist geschnappt worden.«

Ehe er sich selbst daran hindern konnte, schüttelte Damon den Kopf. Ihre lebhaften Augen hefteten sich auf sein Gesicht und sahen wieder so tief in ihn hinein, dass er am liebsten lauthals geflucht hätte. »Ich konnte entkommen, aber mein Assistent …« Er unterbrach sich und verbesserte sich dann. »Mein Freund hatte weniger Glück.«

»O Damon, es tut mir ja so leid für dich.«

»Ich will nicht daran denken.« Er konnte es nicht. Das Ganze war noch viel zu nah, noch viel zu schmerzhaft. Es tauchte immer noch in seinen Alpträumen auf, und er trug es immer noch in seinem Herzen und in seiner Seele. Er konnte die Echos der Schreie hören. Er konnte den flehentlichen Blick in Dan Treadways Augen sehen. Dieses Bild würde er bis zu seinem Tode mit sich herumtragen. Es hatte sich unauslöschlich in sein Gehirn eingeprägt. Plötzlich war der Schmerz nahezu unerträglich. Innerlich weinte er. Seine Brust brannte und Kummer schnürte ihm die Seele zu.

Sarah streckte eine Hand über den Tisch, um ihre Fingerspitzen auf seinen Kopf zu legen. Die Geste wirkte ganz natürlich und ungezwungen, und ihre Berührung war so zart, dass er sie kaum spürte. Und doch war die Wirkung überwältigend. Es kam ihm vor, als sausten Sternschnuppen durch sein Gehirn. Winzige elektrische Impulse, die das entsetzliche Pochen in seinen Schläfen und in seinem Nacken gezielt bombardierten und es zersprengten.

Er packte ihre Handgelenke und zog ihre Hände von seinem Kopf. Er zitterte und sie konnte es fühlen. »Lass das sein. Tu das nicht.« Er ließ sie sofort wieder los.

»Tut mir leid, ich hätte dich vorher um Erlaubnis bitten sollen«, sagte Sarah. »Ich wollte nur versuchen, dir zu helfen. Möchtest du, dass ich dich nach Hause bringe? Draußen ist es schon dunkel, und es wäre nicht ungefährlich, wenn du versuchst, den Hügel ohne ausreichendes Licht hinunterzusteigen.«

»Dann ist das Konservierungsmittel in der Farbe also ein großes Geheimnis, das in der Familie bleiben muss«, sagte Damon in seinem Bemühen, die Situation aufzulockern. »Und dein Angebot, mich nach Hause zu fahren, nehme ich gern an.« Es tat seinem Selbstwertgefühl Abbruch, aber er war schließlich kein Vollidiot, obwohl er sich so idiotisch benommen hatte, dass sie ihn längst dafür halten musste.

Sarahs leises Lachen verblüffte ihn. »Ich weiß tatsächlich nicht, ob das Konservierungsmittel ein Familiengeheimnis ist oder nicht. Ich werde mich wohl mal mit dem Thema befassen müssen. Anschließend hörst du von mir.«

Damon lächelte unwillkürlich, als er sie lächeln sah. Sarahs Lachen hatte etwas Ansteckendes und ihre Persönlichkeit machte süchtig. »Wusstest du überhaupt schon, dass der Wind bei deiner Heimkehr tatsächlich geflüstert hat: ›Sarah ist wieder da. Sarah ist nach Hause gekommen‹? Ich habe es selbst gehört.« Die Worte rutschten ihm heraus, nahezu eine Huldigung.

Er hatte erwartet, dass sie lachen würde, aber sie tat es nicht. Sie schien erfreut zu sein. »Wie schön du das gesagt hast. Danke, Damon«, sagte sie aufrichtig. »Stand das Tor wirklich offen? Das Eingangstor mit den kunstvollen Verzierungen? Oder war es die kleine Seitentür im Zaun?«

»Ja, es stand weit offen und hat mich willkommen geheißen. So habe ich es zumindest empfunden.«

Ihre meerblauen Augen glitten über sein Gesicht und nahmen jede Kleinigkeit wahr. Er wusste, dass sein Anblick nicht gerade berauschend war. Ein Mann in seinen Vierzigern, vom Leben lädiert und vernarbt. Die Narben waren ihm äußerlich nicht anzusehen, aber sie gingen tief, und Sarah konnte eindeutig den gepeinigten Mann sehen, der sich unter seinem Äußeren verbarg. »Das ist ja hochinteressant. Ich glaube, es ist uns bestimmt, Freunde zu werden, Damon.« Ihre Stimme hüllte ihn in Seide und Glut ein.

Damon verstand jetzt, warum die Bewohner der Kleinstadt ihren Namen mit solcher Ehrfurcht aussprachen. Mit Respekt. Die geheimnisvolle Sarah. Sie schien so offen zu sein und doch schienen ihre Augen Tausende von Geheimnissen zu bergen. Ihre Stimme war Musik und ihre Hände besaßen heilende Kräfte. »Ich bin froh, dass du nach Hause gekommen bist, Sarah«, sagte er und hoffte nur, er würde sich mit dieser Bemerkung nicht noch mehr blamieren.

»Ich auch«, antwortete sie.

3.

Sarah!« Hannah Drake warf sich ihrer Schwester in die Arme. »Es ist ja so schön, dich zu sehen. Du hast mir sehr gefehlt.« Sie trat zurück und hielt Sarah auf Armeslänge von sich, um sie genauer zu betrachten. »Sarah, du siehst aus wie ein Fassadenkletterer, der sich gerade auf den Weg macht, um das örtliche Museum auszurauben. Ich wusste noch gar nicht, dass Frank Warners Gemälde inzwischen wertvoll sind.« Sie lachte fröhlich über ihren eigenen Scherz.

Sarah fiel in ihr Gelächter ein. »Ich hätte mir ja denken können, dass du dich um zwei Uhr nachts klammheimlich ins Haus schleichst. Das ist mal wieder typisch für dich, Hannah. Wo warst du diesmal?«

»In Ägypten. Es ist kaum zu fassen, wie schön dieses Land ist.« Hannah ließ sich matt auf die Schaukel sinken, die auf der Veranda hing. »Aber ich bin total erledigt. Die Rückreise hat ewig gedauert.« Sie betrachtete Sarahs hautengen schwarzen Overall mit einem Stirnrunzeln. »Wirklich sehr interessant, dieses Spezialwerkzeug, mit dem du dich ausgerüstet hast, Schwesterchen. Ich werde doch keine Kaution hinterlegen müssen, damit sie dich aus dem Gefängnis freilassen, oder? Ich bin nämlich wirklich müde, und falls die Polizei sich melden sollte, könnte es passieren, dass ich vom Klingeln nicht wach werde.«

Sarah rückte ohne jede Spur von Verlegenheit den Gürtel mit den Spezialwerkzeugen zurecht, den sie sich um die Hüften geschnallt hatte. »Wenn ich es nicht schaffe, einen Polizeibeamten zu becircen und ihm auszureden, dass er mich für einen kleinen Einbruch einbuchtet, dann habe ich den Namen Drake nicht verdient. Geh ins Haus, Hannah, und leg dich schlafen. Ich mache mir Sorgen um unseren Nachbarn und ich glaube, ich werde mich mal kurz umsehen, damit ich sicher sein kann, dass ihm nichts zustößt.«

Hannah zog eine Augenbraue hoch. »Um Himmels willen, Sarah. Ein Mann? Es gibt einen leibhaftigen Mann in deinem Leben? Wo ist er? Ich komme mit.« Sie rieb sich die Hände und strahlte über das ganze Gesicht. »Ich kann es kaum erwarten, den anderen von ihm zu erzählen. Die legendäre Sarah hat es erwischt!«

»Mich hat es nicht erwischt – fang bloß nicht mit diesem Blödsinn an, Hannah. Ich habe lediglich eine meiner Ahnungen, einen leisen Verdacht, nichts weiter, und dem werde ich nachgehen. Mit Damon hat das nicht das Geringste zu tun.«

»Oh, das wird ja immer interessanter. Damon, so, so. Du erinnerst dich also an seinen Namen. Wie hast du ihn kennengelernt? Jetzt leg schon los, Sarah. Ich will alles ganz genau wissen, bis in die kleinste Einzelheit.«

»Es gibt nichts zu erzählen. Er tauchte hier auf und hat sich erkundigt, welche Farbe und welches Holzschutzmittel wir verwenden.« Sarahs Tonfall war distanziert und zurückhaltend.

»Du willst mir doch nicht etwa erzählen, er sei als ungeladener Gast auf unser Grundstück spaziert? Du musst ihn eingeladen haben. Andernfalls wäre er gar nicht bis zum Haus gekommen.«

»Nein, eben nicht«, stritt Sarah ab. »Das Tor stand tatsächlich offen und die Hunde haben ihn reingelassen.«

»Das Tor hat sich von selbst geöffnet?«, fragte Hannah ungläubig. Sie sprang auf. »Ich komme mit dir, so viel steht schon mal fest.«

»Nein, das wirst du nicht tun. Du bist restlos erschöpft, oder hast du das schon wieder vergessen?«

»Warte nur, bis ich den anderen erzähle, dass sich das Tor für ihn geöffnet hat.« Hannah hob ihre Arme zum Himmel und den Sternen. »Das Tor öffnet sich nur für den Richtigen, so ist es doch, oder nicht? ›Schwingt beim Nahen eines Gastes freudig auf das Tor, steht für der Schwestern Älteste der Richtige davor‹. Du hast die Liebe deines Lebens gefunden!«

»Ich glaube nicht an diesen Unsinn. Das weißt du doch.« Sarah bemühte sich, finster zu schauen, aber sie musste gegen ihren Willen lachen. »Ich fasse es nicht, dass dir dazu sofort diese alte Prophezeiung einfällt.«

»Als ob sie dir nicht selbst sofort wieder eingefallen wäre«, sagte Hannah spöttisch. »Aber nein, du ziehst einfach nur mitten in der Nacht los und kundschaftest die Umgebung seines Hauses aus, wie es jeder gute Nachbar täte. Wenn du das sagst, glaube ich dir natürlich. Ist dieses Fernrohr oben auf der Brüstung zufällig auf sein Schlafzimmer gerichtet?«

»Wage dich bloß nicht zu nah an das Fernrohr heran«, drohte Sarah.

Hannah sah ihr lange ins Gesicht. »Du lachst, aber das Lachen erreicht deine Augen nicht. Was ist los, Sarah? Hier stimmt doch etwas nicht.« Sie legte ihrer Schwester eine Hand auf die Schulter. »Sag es mir.«

Sarah zog die Stirn in Falten. »Er trägt das Mal des Todes. Ich konnte es deutlich erkennen. Und er hat ihn in dem Mosaik gesehen. Ich weiß nicht, wessen Tod, aber ich fühle mich zu ihm hingezogen. Sein Herz ist gebrochen und durchbohrt und die Last des Todes drückt ihn nieder. Mit der Zeit wird ihn diese schwere Bürde zermalmen. Er hat einen roten Ring um den Mond herum gesehen.«

»Er ist also von Gewalttätigkeit und Tod umgeben«, sagte Hannah leise. »Warum gehst du allein zu ihm?«

»Ich muss es tun. Das ist kein Job wie alle anderen, Hannah. Es geht um ihn.«

»Er könnte gefährlich sein.«

»Er ist von Gefahren umzingelt, aber falls er mir gefährlich werden sollte, dann nicht so, wie du dir das vorstellst.«

»Ach du meine Güte, du magst diesen Kerl wirklich. Du findest ihn scharf. Das werde ich den anderen erzählen. Und jetzt gehe ich auf die Aussichtsplattform, um mir selbst ein Bild von ihm zu machen.« Hannah wandte sich um, flitzte ins Haus und knallte das Fliegengitter hinter sich zu, damit Sarah ihr nicht gleich folgen konnte.

Sarah warf ihrer Schwester lachend eine Kusshand zu und stieg die Stufen hinunter. Hannah war groß und braun gebrannt und wunderschön. Wie immer sah sie blendend aus, sogar nach einem Transatlantik-Flug. Wenn ihr welliges Haar zerzaust war, bot sie einen todschicken Anblick. Andere Frauen blätterten ein Vermögen dafür hin, sich den lässigen Look zuzulegen, den Hannah von Natur aus hatte. Sarah war schon immer ungewöhnlich stolz auf Hannahs angeborene Eleganz gewesen. Ihr Temperament war überschäumend und ihr Geist funkelte so hell wie die Sterne am Himmel. Sie war für alles aufgeschlossen und sehnte sich nach grenzenloser Weite und den Wundern, die die Welt zu bieten hatte. Sie beherrschte mehrere Sprachen fließend und unternahm ausgedehnte Reisen. Es konnte leicht passieren, dass sie gemeinsam mit dem Jetset auf den Seiten einer Zeitschrift abgebildet war, doch schon im nächsten Monat fand man sie auf einer archäologischen Ausgrabungsstätte in Kairo. Sie war groß und schlank und aufgrund ihrer eleganten Haltung und ihres Auftretens sehr gefragt. Dazu kam noch ihr unglaublich schönes Gesicht, das sie für jede Zeitschrift und für jeden Modedesigner unwiderstehlich machte. Aber vor allem fühlten sich die Menschen zu ihr hingezogen, weil ihre Ausstrahlung so sanftmütig war. Sarah war sehr froh darüber, dass Hannah nach Hause gekommen war.

Sarah bewegte sich nahezu geräuschlos über den schmalen Wildpfad, der sich durch ihr Grundstück zog und auch durch Damon Wilders Grundstück führte. Sie kannte jeden Quadratmeter ihres und seines Landes in- und auswendig. Ihr Haar war zu einem straffen Zopf geflochten, damit es nicht an tiefen Ästen oder dornigem Gestrüpp hängen blieb. Ihre leichten Schuhe hatten weiche Sohlen, durch die sie den kleinsten Zweig und dürres Laub fühlen konnte, als sie sich vorantastete. Sie dachte nicht an Damons breite Schultern und auch nicht an seine gequälten dunklen Augen. Und sie glaubte auch nicht an Romanzen. Für sie kam das nicht in Frage. Das war etwas für die elegante Hannah oder die schöne Joley. Nun ja, vielleicht nicht gerade für die schöne, sondern vielmehr wilde Joley, aber ganz entschieden für die meisten ihrer Schwestern. Nur war es eben nichts für Sarah.

Damon Wilder steckte in Schwierigkeiten, doch er ahnte nicht, wie viele zusätzliche Komplikationen er sich eingehandelt hatte. Sarah mochte keine Komplikationen. Prophezeiungen aus uralter Zeit, breite Schultern und eine dunkle Aura stellten ganz eindeutig Komplikationen dar. Der Mondschein fiel schimmernd auf das Meer, als sie dem schmalen Pfad über den Klippen folgte, der sich nach einer Weile zur Grundstücksgrenze hinabschlängelte. Die Brandung rollte tosend an und die Wellen wurden immer höher, bevor sie das Land überspülten, sich brachen und schäumende Gischt aufsprühen ließen. Sarah empfand die Geräusche des Meeres als beruhigend, selbst dann, wenn ein Sturm aufkam und die Wogen tobten und wüteten. Sie gehörte hierher, genauso wie vor ihr frühere Generationen ihrer Familie. Sie fürchtete weder das Meer noch entlegene Gegenden, und doch pochte ihr Herz von einem Moment auf den nächsten vor Sorge. Ihre hundertprozentige Gewissheit ließ es noch heftiger schlagen.

Sie wusste ganz genau, dass sie nicht die Einzige war, die durch die Nacht schlich. Sie war hier draußen nicht allein. Instinktiv kauerte sie sich zusammen, um sich nicht als Silhouette gegen den Horizont abzuzeichnen. Sie bewegte sich mit größerer Sorgfalt voran, verschmolz mit den Schatten und benutzte das Laub als Deckung. Verstohlen schlich sie näher. Sie war an heimliche Manöver gewöhnt und verstand es, sich zu tarnen, denn schließlich war sie ein Profi und hatte eine glänzende Ausbildung absolviert. Kein Laut war zu vernehmen, wenn die Zweige über ihren engmaschigen Overall glitten und ihre Schuhe mit den Kreppsohlen lautlos über den Boden schlichen.

Sarah arbeitete sich bis dicht an das Haus vor. Sie wusste alles über Damon Wilder. Er war einer der klügsten Männer auf dem ganzen Planeten. Von unschätzbarem Wert für die Regierung. Er hatte im Alleingang eines der innovativsten Verteidigungssysteme ausgeklügelt, die jemals ersonnen worden waren. Seine Ideen waren schlichtweg genial und seiner Zeit weit voraus. Er war nüchtern und zuverlässig, besaß einen glasklaren Verstand und enorme Konzentration, und er verlor sein Ziel nicht aus den Augen. Ein Perfektionist, der nie auch nur das kleinste Detail übersehen hätte.

Als die Regierung mit dem Ansinnen an sie herangetreten war, seine Überwachung zu übernehmen, hatte sie seine Akte gelesen, bevor sie den Auftrag angenommen hatte. Mehr als alles andere an dieser Lektüre hatten sie seine ungeheure Verlässlichkeit und seine Charakterstärke beeindruckt. Nachdem sie ihm jetzt persönlich begegnet war, litt sie mit dem Mann und konnte nachvollziehen, wie entsetzlich es für ihn gewesen sein musste, die Dinge durchzumachen, die er durchgemacht hatte. Sie achtete stets darauf, ihre Arbeit fein säuberlich von ihrem Privatleben zu trennen, und doch

Die Originalausgaben MAGIC IN THE WIND und THE TWILIGHT BEFORE CHRISTMAS erschienen bei The Berkley Publishing Group, Penguin Group (USA) Inc., New York

Vollständige deutsche Erstausgabe 04/2008

Copyright © 2003, 2005 by Christine Feehan Copyright © 2008 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlagfoto: © Ron & Patty Thomas/Photographer’s Choice/ Getty Images Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

eISBN 978-3-641-10162-6

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