21,99 €
Zwei Liebende im finnisch-russischen Winterkrieg Helsinki, 1940/41. Für die junge Schauspielerin Molly fällt das Trauma des Krieges mit einer Krise ihrer künstlerischen Identität zusammen. Der Journalist Henry leidet unter den psychischen Folgen seines Einsatzes als Kriegsreporter und unter dem Konflikt mit der Redaktion, die seine ungeschönten Berichte nicht drucken will. Die fragile, oft dramatische Beziehung der beiden festigt sich in der Zeit des »Zwischenfriedens« – bis Finnland in den Zweiten Weltkrieg gezogen wird. Eine elegische Liebesgeschichte vor der Kulisse einer Hauptstadt im Ausnahmezustand, fesselnd und erkenntnisreich. »Kjell Westö gelingt ein vollkommen überzeugendes Porträt einer Gesellschaft im Krieg; in großem Maße bewundernswert ist sein Vermögen, eine Vielzahl von Figuren und damit verbundenen Charakteren zusammenzuhalten und -zuführen.« FAZ »Kjell Westö hat einen unverschämt guten Roman geschrieben, der direkt auf unsere Gegenwart verweist.« Kristeligt Dagblad »›Dämmerung‹ ist einer der besten Romane Kjell Westös, und die Fragen, die er stellt, sind gerade jetzt in höchstem Maße relevant.« Svenska Dagbladet »Eine berührende und erschütternde Erzählung über das, was Kriege und zufügen, als Individuen und als Gesellschaft.« Yleisradio
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2026
Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:www.piper.de/literatur
Übersetzung aus dem Schwedischen von Kristina Maidt-Zinke
Die Übersetzung wurde gefördert von
© Kjell Westö 2023, Published by agreement with Copenhagen Literary Agency ApS, Copenhagen
Titel der schwedischen Originalausgabe:
»Skymning 41«, Albert Bonniers förlag, Stockholm 2023 und Förlaget M, Helsinki 2023
© Piper Verlag GmbH, München 2026
Covergestaltung: United Archives / Getty Images und FinePic®, München
Coverabbildung: United Archives / Getty Images und FinePic®, München
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.
Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.
Cover & Impressum
I – Molly, im Winter
1
2
3
4
5
6
7
8
II – Henry, im Frühling
1
2
3
4
5
6
7
8
III – Molly, im Sommer
1
2
3
4
5
6
IV – Henry, im zweiten Winter
1
2
3
4
5
6
V – Molly, im zweiten Frühling
1
2
3
4
5
6
VI – Henry, im zweiten Sommer
Epilog Molly
Nachschrift
Nachwort der Übersetzerin
Anmerkungen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Der Zug rollte langsam aus dem Bahnhof von Helsingfors, um zwanzig Minuten vor Mitternacht an einem bitterkalten Donnerstag im Januar. Der Krieg dauerte schon fünfzig Tage, und Molly Timm beugte sich vor, in der Hoffnung, etwas zu sehen; Menschen, die zum Abschied lächelten, winkende Hände, einen Lichtstreifen, was auch immer. Aber der Bahnsteig war verdunkelt, wie die ganze Stadt ringsum, und alles, was sie sah, war ihr Gesicht, das sich im Fenster spiegelte, bleich und mit Augen, die ihr so sorgenvoll entgegenschauten, dass Molly sich zusammennehmen musste, um nicht wegzusehen.
Sie verzog den Mund, machte ihre Augen schmal und gab dem Spiegelbild einen neuen, anderen Blick. Einen fragenden und amüsiert ironischen Ausdruck, geradezu spöttisch. Und dann fügte sie noch ein kleines bisschen Mystik hinzu, etwas Geheimnisvolles und Verletzliches. In den guten Jahren hatten die Regisseure der Filmgesellschaften und die Werbeleute vom »Timm-Blick« gesprochen, der jeden Widerstand dahinschmelzen ließ und Männer und Frauen gleichermaßen verhexte. Doch jetzt war das Gesicht nackt und ängstlich, so als würde es um mehr Puder und Schminke betteln, und als ihr Gegenpart war es furchterregend und kannte sie in- und auswendig. Jedes Mal, wenn sie ihr Mienenspiel veränderte, zahlte es ihr die dunkle Doppelgängerin hinter dem Glas mit gleicher Münze zurück. Aber Molly gab nicht auf. Zuerst warf sie einen verstohlenen Blick über ihre Schulter ins Abteil; da saß Asta Heikel mit geschlossenen Augen, den Mantel bis zum Hals zugeknöpft, und schien zu schlafen. Molly lehnte sich wieder vor, so nahe ans Fenster, dass ihre Lippen die eisige Scheibe berührten. Als sie die Worte flüsterte, beschlug das Glas, aber sie konnte sehen, wie die Lippen der Doppelgängerin sich bewegten:
Ich. Bin. Molly. Timm.
I. Am. Undeniably. Molly. Timm.
Wieder begegnete sie dem Blick im Spiegel, er war müde und hart geworden. Dann wiederholte sie die Worte auf Schwedisch und auf Englisch. Das machte sie manchmal, dass sie sich diesen einen Satz immer und immer wieder vorsagte.
Denn es gab so viele, die nicht so hießen, wie sie behaupteten.
Und die nicht waren, was sie zu sein vorgaben.
Und zu Letzteren gehörte sie selbst, auch wenn sie es sich nur ungern eingestand.
Sie streckte ihrer Doppelgängerin die Zunge heraus, zog die schwarze Verdunkelungsgardine zu und spürte, wie der Druck der Räder auf die Schienen zunahm, wie der stampfende Rhythmus in ihren Körper eindrang, als der Zug sich beschleunigte, um nach Fredriksborg, Åggelby und weiter gen Norden zu fahren. Draußen in der Dunkelheit herrschten minus fünfundzwanzig Grad, die Kälte kroch unbarmherzig in das zugige Abteil, und sie zog den Ulster enger um ihre Schultern. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie davon träumte, dass aus Molly Timm die neue Hanna Taini[1] werden und der hässliche Ulster sich in einen Chinchillapelz verwandeln würde: Das war die Zeit, als sie angefangen hatte, Englischunterricht zu nehmen bei Mr. Theodor Kossloffsky, einem schlaksigen Amerikaner, der in den Zwanzigerjahren als Jazzmusiker nach Helsingfors gekommen und geblieben war.
Aber jetzt war Molly fast zweiunddreißig, und die Tagträumereien hatten sich erledigt. Sie warf noch einen Blick auf Asta, die ihre Position verändert hatte und nun mit der Wange an der Abteilwand lehnte, die linke Gesichtshälfte zusammengedrückt, einen Speichelfaden im Mundwinkel. Etwas an der schlummernden Asta, vielleicht die Fäuste, die sie sogar noch im Schlaf wie zum Kampf ballte, ließ Molly an Henry denken, und das wollte sie nicht, deshalb öffnete sie die Gardine einen Spaltbreit, und trotz der Dunkelheit erahnte sie die Umrisse des Bahnhofsgebäudes, als der Zug durch Fredriksberg fuhr. Jäh überfielen sie Unruhe und Rauchlust, beides kam gleichzeitig, und ungeduldig stand sie auf, öffnete die Abteiltür und trat in den Gang hinaus. Dort schwankte alles, es klopfte und klirrte, und als sie die Tür zum Nachbarabteil aufriss, musste sie ihre Stimme erheben: Hast du was zu rauchen?
Walter Venho stand in Hose und Unterhemd vor seinem Bett und antwortete trocken: Wie wär’s mit »Entschuldige die Störung«? Findest du es gut, wenn Leute bei dir reinstürmen, ohne anzuklopfen, wenn du dich gerade ausziehst?
Was hast du gesagt?, schrie Molly, obwohl sie alles gehört hatte, und als Venho seine Worte wiederholte, warf sie ihm ein »Oh, Verzeihung« hin, ohne Bedauern in ihre Stimme zu legen.
Sie blieb draußen im Gang stehen, während sie weiterredete:
Mir ist einfach so langweilig, dass ich eine Zigarette brauche. Jetzt sofort!
Langweilig?, sagte Venho und hob eine wohlgepflegte Augenbraue. Was fehlt dir, ein Bombenangriff?
Molly verzog den Mund zu einem säuerlichen Lächeln und schüttelte den Kopf: Ich muss auch den Hunger betäuben. Hab es den ganzen Tag nicht geschafft, was zu essen. Nicht, dass ich was in der Speisekammer gehabt hätte.
Und ich hab keine Zigaretten, sagte Venho mitleidlos. Hab vergessen, welche zu kaufen.
Die offene Abteiltür schwang in den Kurven vor und zurück und verdeckte immer wieder die Sicht, und Venhos Schlafabteil war ebenso schwach beleuchtet wie das von Molly und Asta. Aber Molly sah, dass er seinen Gürtel geöffnet und das Hemd hochgezogen hatte, als sei er im Begriff gewesen, die Kleidung gegen den Pyjama zu tauschen. Trotz der Dunkelheit zeichneten sich die Muskelstränge auf seinem Bauch deutlich ab, und Molly ärgerte sich. Walter Venho war sowohl schamlos als auch selbstverliebt, und er konnte es sich leisten, denn er war en vogue. Noch nicht mal dreißig, noch zwei Jahre darunter – wenn das angegebene Alter denn stimmte –, und schon so verehrt wie ein Santeri Soihtu[2] oder ein Kullervo Kalske[3]. Im Herbst, gleich nachdem die finnische Armee mobilisiert worden war, hatte er als Sänger und Komödiant die zukünftigen Frontsoldaten unterhalten. Und kürzlich war er von einem Gastspiel in der Nähe der Front zurückgekehrt, mit dem neuen Star Kirsti Pera[4] hatte er Duette für die Kämpfer gesungen. Takolander hatte das Ensemble in zwei Hälften geteilt: Die eine sollte nach Osten fahren, wann immer es möglich war, und die ruhenden Kompanien aus den schwedischsprachigen Regimentern mit Schwänken und Gesang unterhalten, die andere sollte in Schweden herumreisen, Stücke aufführen und Geld für Finnlands Sieg einsammeln. Molly fragte sich, warum Venho sich der Schwedentruppe angeschlossen hatte, obwohl er als einer der Ersten dort im Osten aufgetreten war. Vielleicht hatte der Theaterdirektor sich mit einem Stabsoffizier oder Beamten beraten, und vielleicht benutzten sie Venho als lebenden Köder, der reiche Damen und Witwen in ganz Schweden dazu bringen sollte, ihre Brieftasche zu öffnen.
Hast du gar nichts? Molly versuchte es noch einmal. Ich nehme alles, auch Machorka[5].
Ihr war bewusst, dass sie quengelte und ihre Stimme noch dunkler machte, als sie von Natur aus war. Sie kam sich vor wie die Karikatur einer Sirene in Wollpullover und Skistiefeln. Aber Not kannte kein Gebot.
Nitschewo, sagte Venho. Ich habe absolut gar nichts.
Molly liebte es, mit russischen Wörtern zu spielen, aber jetzt ließ Venhos nitschewo sie schaudern. Seit mehreren Wochen war kein Brief von Henry gekommen, sie wusste nicht, wo er sich befand und warum er so schweigsam war. Die Sorge um ihn war heftig und hartnäckig, und das erstaunte sie; sie hatte sich für eine unbeugsame Natur gehalten, und nach den chaotischen Jahren mit Mitja Wendelin hatte sie sich geschworen, dass in ihrem Leben kein neuer Mann mehr wichtig werden dürfe. Aber nun dachte sie jeden Tag an Henry, und die Ungewissheit zehrte und nagte an ihr. Wohin hatte es ihn verschlagen, war er überhaupt noch am Leben? Und wie hatte er es fertiggebracht, sich so tief in ihrer Seele einzunisten? Indem er möglichst viel verschwieg und sich so benahm, dass sie nie richtig wusste, woran sie mit ihm war? War es so einfach, war sie wirklich so leicht zu erobern?
Wie auch immer: Sie hatte ihm am Morgen geschrieben, nachdem sie ihre Reisetasche und den großen Koffer gepackt hatte, und dann war sie hinausgegangen in die beißende Kälte der stillen Stadt, um den Brief abzuschicken. Noch einen Brief, obwohl da so eine quälende Ahnung war, dass Henrys Feldpostadresse nicht mehr funktionierte, dass er sich inzwischen woanders aufhielt. Sein letzter Brief war kurz und knapp gewesen. Er hatte geschrieben, er hoffe, dass Molly gesund und bei guter Stimmung sei, und er hatte Irene und Lilly grüßen lassen und ganz besonders innig Asta. Er hatte die Nachricht erhalten, dass Edwin Heikel gefallen war, und er wünschte Asta viel Kraft, um die Trauer zu ertragen. Natürlich sei das Leben von Grund auf ungerecht, hatte er geschrieben, und das müsse man akzeptieren, aber in diesem Fall sei die Ungerechtigkeit himmelschreiend. Asta und Eddie waren gerade einmal drei Monate verheiratet gewesen. Er selbst befinde sich »hier irgendwo« auf einem ruhigen Stützpunkt, aber den Heiligen Abend habe er »in der Heißluftzone« verbracht, wo ununterbrochen russische Bomben fielen, als Reaktion auf die finnische Gegenoffensive am Tag zuvor. Und da wolle er wieder hin, schrieb er, er wolle wieder nahe an den Frontkämpfen sein, denn dort seien die Männer und die Geschichten.
Der Brief war gleich nach Neujahr angekommen, und kurz darauf verschwanden Henrys Reportagen aus der Zeitung. Nach zehn Tagen rief Molly in der Redaktion an, um zu fragen, ob sie etwas von ihm wüssten. Der Mann, der das Gespräch annahm, hieß Forss und behauptete, die Zeitung habe keinerlei Informationen über Henrys aktuellen Aufenthaltsort. Molly hatte das Gefühl, dass Forss log, und nach dem Gespräch begann der Verdacht, dass Henry tot sei, ihr schlaflose Nächte zu bereiten. Schlecht geschlafen hatte sie schon seit Anfang des Krieges, auch weil die Bilder des ersten Kriegstages sie nachts heimsuchten. Wenn sie ungeschminkt vor dem Spiegel stand, sah sie, dass die Ringe unter ihren Augen immer dunkler wurden und dass sie abgemagert war.
Trotzdem schaffte sie es nicht, von Walter Venho unbeeindruckt zu bleiben, auch diesmal nicht, sogar mitten in der Kriegshölle wirkte er trotz seiner Unausstehlichkeit anziehend. Er war schlank, aber breitschultrig, im Theater stand er gern halb angekleidet vor seiner Garderobe, unterhielt sich mit männlichen Kollegen und tat, als würde er die Frauen nicht bemerken, die sich in dem engen Korridor an ihm vorbeidrängten. Auf der Bühne bewegte er sich geschmeidig wie eine Wildkatze – sie hatte in der Zeitschrift Helsingfors Journalen gelesen, dass er ein ehemaliger Hochspringer, ein extrem reaktionsschneller Fußballer sowie Meister im Überschlag und Salto mortale war –, und sein dunkles Haar war auf attraktive Art widerspenstig, und seine Gesichtszüge waren so scharf und klar gezeichnet, dass es schon fast komisch wirkte.
Takolander hat gesagt, bis zur Grenze dauert es mindestens dreißig Stunden, sagte Molly, um den Gedanken an Zigaretten und andere Dinge zu verjagen. Glaubst du, wir könnten unterwegs von Molotowbombern beschossen werden?
Die haben sicher Wichtigeres zu tun, sagte Venho träge. Natürlich nur, wenn sie uns nicht als Truppentransport betrachten.
Sind wir das? Befinden sich denn Soldaten im Zug?
Ich glaube nicht. Am Bahnhof habe ich keine gesehen.
Venho heftete seinen Blick auf einen Punkt knapp über Mollys Kopf und fing an, von sich selbst zu reden, was er oft tat.
Ich bin gestern in der Henriksgatan ausgerutscht. Bin auf den Rücken geknallt, und jetzt tut mir die Schulter weh. Wenn wir in Schweden sind, gehe ich zu einer Masseurin. Und dann kaufe ich mir Lucky Strike. Zehn Schachteln. Und ich trinke Mokka von der besten Sorte, viele Kannen. Und esse Garnelen und trinke Wein!
Wo zum Teufel willst du Garnelen herkriegen?, fragte Molly. Wenn die Frachtschiffe im Kattegat festfrieren und die Leute bis runter nach Italien im Schneesturm bibbern?
Venho machte eine wegwerfende Handbewegung: Dieser Winter ist mörderisch, aber er soll uns nicht dran hindern, eine Prise Luxus zu ergattern. Welchen Sinn sollte eine Tournee sonst haben? Und sei nicht so vulgär, durch Fluchen leidet Frauenschönheit sehr.
Wie gut du reimen kannst, sagte Molly höhnisch. Aber es geht mir hinten vorbei, ob du findest, dass meine Schönheit leidet.
Sie schloss die Tür mit Nachdruck, blieb eine Weile in dem schlingernden Korridor stehen und starrte hinaus in die Finsternis. Während sie dort stand, kam es ihr so vor, als würde der Duft von Zigarettenrauch aus dem Abteil dringen. Aber drinnen war es dunkel, und sie widerstand der Versuchung, die Tür noch einmal zu öffnen und ihn zu ertappen.
Stattdessen ging sie in ihr eigenes Abteil zurück und stand einen Augenblick vor dem Bettrand, bevor sie sich zum Schlafen hinlegte. In ihr kochte es, sie hatte so viele Gründe, sich über Walter Venho aufzuregen. Er war vom Kriegsdienst befreit, aber keiner der anderen Schauspieler kannte den Grund dafür. Nur Takolander wusste es, aber als Molly ihn danach fragte, hatte er eine abweisende Miene aufgesetzt und auf seine Verantwortung als Direktor hingewiesen. »Wie Sie sicher wissen, Fräulein Timm, unterliege ich in solchen Dingen der Schweigepflicht.« Aber warum durfte Venho hier in seinem Privatcoupé sitzen, ein Privileg, das er seinem Ruhm verdankte, und über amerikanische Zigaretten und Garnelen und Wein reden, während er eigentlich an der Front seine Gesundheit und sein Leben riskieren sollte, wie alle anderen arbeitsfähigen Männer in seinem Alter? Oder wie Henry, der schon dreiundvierzig war, aber dort draußen sein wollte, um über den Mut und die Zuversicht der Soldaten zu schreiben, statt sich zu Hause in der Redaktion zu verstecken.
Inzwischen war Asta in das obere Bett geklettert, sie jammerte leise im Schlaf. Sie schlief fast ununterbrochen, so war es schon seit Neujahr; als sie während der Dreikönigswoche im Theater probten, hatte sie über Erschöpfung und Kopfschmerzen geklagt und sich oft in ihre Garderobe zurückgezogen. Alle hatten Verständnis dafür, niemand machte ihr Vorwürfe; allerdings hatte es Verwunderung ausgelöst, als sie mitteilte, dass sie trotz allem mit auf die Tournee gehen würde. Astas Trauer war so diskret wie beharrlich und verzehrte sie von innen, sie weinte nicht und sprach nie über Edwin, nicht einmal mit Molly. Sie redete und reagierte überhaupt kaum, und Molly fragte sich, wie sie eine lange und anspruchsvolle Tournee durchstehen wollte.
Vor der Reise hatte Asta sich ausgiebig mit Takolander beraten, und bevor sie sich in ihr Schweigen zurückzog, hatte sie Molly erzählt, dass auch ihre Schwiegereltern, der Anwalt Ture Heikel und seine Frau Amelie, ihr zur Mitfahrt geraten hätten. Sie hatten Eddies sterbliche Überreste zurückerhalten und für ihn in der neuen Kapelle von Sandudd ein einfaches Begräbnis arrangiert. Das war längst nicht allen vergönnt: Im Chaos des Krieges gab es keine klaren Regeln, und nur das 2. Armeekorps, in dem Eddie gedient hatte, sorgte dafür, dass die Gefallenen von der Front weggebracht und in ihrer Heimat beerdigt wurden. Wichtig sei einzig und allein, hatte Ture Heikel zu Asta gesagt, dass sie in angemessener Form von Eddie Abschied nehmen könnten. Die anstehenden juristischen Formalitäten würden die Eltern auf sich nehmen, darum müsse Asta sich nicht kümmern und auch nicht um die Wohnung in der Minervagatan, denn Ture und Amelie wussten, dass Eddie Asta geliebt hatte und sie ihn, und sie würden Asta niemals betrügen oder ihr etwas verweigern, weder jetzt, in der schwärzesten Trauer, noch in Zukunft.
Molly legte sich in das untere Bett. Es war nicht größer als eine Pritsche, hart und höckrig, und sie befürchtete eine durchwachte Nacht. Aber sie schlief rasch ein und wurde auch nicht von Albträumen heimgesucht, sondern hatte einen Traum, in dem es wieder Herbst war und sie mit Henry in Max Espings Sommerhaus draußen in Korsnäs wohnte. Sie ging in langen Hosen den Waldweg entlang zum Wendeplatz, wo Henry ankommen würde, der Himmel war hoch und klar, der Wind frisch, und die Laubbäume versprühten Oktobergold. In diesem Traum war der Krieg vorbei, es hatte in Wirklichkeit gar keinen Krieg gegeben, er war bloß ein böser Traum gewesen, nichts weiter. So fühlte es sich an, als sie über die Baumwurzeln tänzelte und den Geruch des feuchten Laubs einatmete, der verrottenden Pilze und der Blumen, mit denen der Waldboden dicht bewachsen war. Dann aber, gegen ihren Willen, begann eine Ahnung sich durch den Schlaf hindurch heranzuschleichen, sie kam näher und näher, wuchs zu einer Gewissheit an und füllte ihr Bewusstsein immer mehr aus. Du betrügst dich selbst, sagte diese Gewissheit, es sind der Waldweg und dieser Herbsttag und deine großen Erwartungen, die unwirklich sind, in der wahren Wirklichkeit ist Henry tot und verschwunden. Sie versuchte sich der Erkenntnis zu widersetzen, versuchte die dumpfe Bedrückung von sich abzuwehren, sie wollte es bis zum Waldrand schaffen und auf den Wendeplatz hinaustreten. Dort würde Henry neben ihrem geliehenen grünen Auto stehen, und sie würden sich wiedersehen. Aber es wurde immer schwerer, die Illusion aufrechtzuerhalten, die Sekunden des Traums dauerten jetzt eine Ewigkeit, zugleich waren sie dünn und brüchig, sie konnten jeden Augenblick zersplittern und sich in dunkle, bleischwere Kriegszeit verwandeln. Und als sie widerwillig erwachte, verblasste und verschwand der Traum genau innerhalb einer Sekunde, das Abteil war eiskalt, und zu ihrer Überraschung stand der Zug still.
Asta, schläfst du?, fragte sie geradewegs in die Dunkelheit hinein, aber als Antwort erhielt sie nur schwere Atemzüge. Sie setzte sich im Bett auf und schwang die Beine so hastig über die Kante, dass sie den Koffer umwarf, der auf dem Fußboden stand. Asta schlief trotz des Krachs weiter, und Molly hockte sich bibbernd auf die Knie, tastete nach den verkratzten Schlössern und öffnete sie. Sie durchsuchte den Koffer, zog sich ein paar Wollsocken über und eine grob gestrickte Jacke mit großen Knöpfen, ein Weihnachtsgeschenk von ihrer Mutter. Dann öffnete sie die Gardine und ließ den Mond durch das halb vereiste Fenster hereinscheinen, die Wolkendecke war während der Nacht aufgerissen. Sie betrachtete die schlafende Asta, die auf dem Rücken lag und einen so traurigen Gesichtsausdruck hatte, dass Molly ihr in einer plötzlichen Anwandlung über die Wange streichelte. Doch sie zog ihre Hand sofort zurück, erschrocken über ihre Kühnheit, obwohl Asta weiterschlief und nur leise aufseufzte.
Statt wieder ins Bett zu kriechen, drückte Molly ihre Wange gegen die Fensterscheibe und sah, dass sie an der Station Toijala hielten. Die Bahnhofsuhr zeigte halb fünf, und das Mondlicht fiel so schön auf das Empfangsgebäude, dass sie sich minutenlang nicht von dem Anblick losreißen konnte und patriotische Gefühle verspürte. Dann lag sie unter sämtlichen Wolldecken, die sie hatte auftreiben können, und versuchte wieder einzuschlafen, aber es gelang ihr nicht. Sie fürchtete, dass sie gezwungen sein würde, Henry zu vergessen, so wie sie Mitja hatte vergessen müssen, die Stimme des Geliebten und den Duft seiner Haut und das Leuchten in seinen Augen, wenn er sie ansah. Sie schob den Gedanken weg und fragte sich, warum sie hier so lange hielten und warum es im Abteil so furchtbar kalt war. Sie wusste, dass sie in wenigen Tagen ihre Periode bekommen würde, sie spürte schon den ziehenden Schmerz im Bauch und die graue Verstimmung, sie mussten es unbedingt vorher bis Norrköping schaffen, denn sie brauchte Binden, sie hatte nur ein paar Stoffstreifen, die sie zu Hause in aller Eile von einem aussortierten Kissenbezug abgerissen hatte, und mitten in ihrem Gedankenwirrwarr klopfte es, die Coupétür öffnete sich, und da stand Takolander in seinem schwarzen Pelzmantel, blinzelte ins Abteil und flüsterte in Souffleurlautstärke: Fräulein Timm? Witwe Heikel? Sind Sie wach?
Ja, ich bin wach, sagte Molly. Aber die Antwort hätten Sie ruhig abwarten können, bevor Sie die Tür aufmachten, es ist erst fünf Uhr.
Sie sagte das in lockerem Ton, um die Schärfe ihrer Worte abzumildern. Sie wollte Takolander nicht zeigen, wie sehr er ihr auf die Nerven ging, es hatte keinen Zweck, sich mit seinem Chef zu überwerfen. Sie ärgerte sich über sein Herumscharwenzeln, aber noch schlimmer war seine altertümelnde, gezierte Art. Zum Beispiel, dass er Asta neuerdings mit »Witwe« anredete; es war gedankenlos und betonte genau das, was alle anderen zu vergessen suchten.
Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Fräulein Timm, entgegnete Takolander, und seine Stimme klang hochnäsig. Ich wollte nur berichten, dass ich beim Zugführer war und mich erkundigt habe. Wir warten auf einen Sanitätszug mit Verwundeten. Er wird uns jeden Moment passieren, dann ist das Gleis für uns frei.
Oh, sagte Molly. Ich dachte schon, wir hätten keinen Brennstoff mehr.
Danach habe ich auch gefragt, sagte Takolander. Mit Holz sind wir versorgt, aber leider nicht mit dem besten …
Er brach ab und horchte, und auch Molly hörte das Geräusch. Zuerst entfernt, dann immer lauter, und nach einer knappen Minute fuhr der Krankentransport auf dem Gleis neben ihnen vorbei. Der Lärm war stark und durchdringend, der Zug jedoch nur als dunkle Silhouette zu erahnen: Er hatte sich nicht durch einen Lichtkegel angekündigt, denn die Scheinwerfer der Lok waren abgedeckt, bis auf einen Schlitz ganz unten. Der war für den Lokführer, damit er direkt vor sich genug sehen konnte, während der Zug bei seiner Fahrt durch die Nacht fast unsichtbar blieb. Mitten in dem Radau machte Takolander eine zufriedene Geste, denn ihr Zug setzte sich nach einem Ruck langsam in Bewegung. Davon wurde Asta wach und setzte sich verwirrt in ihrem Bett auf:
Was ist los?
Nichts, antwortete Molly, als der andere Zug vorbei war und wieder Stille einkehrte, schlaf nur weiter, es ist immer noch Nacht.
In der Morgendämmerung erreichten sie Tammerfors, hinter einem der Fenster des Bahnhofsgebäudes sah man einen schwachen, flackernden Lichtschein. Die Lok gab ein schweres, drachenartiges Fauchen von sich, und dann stand der Zug still. Molly zog ihre Stiefel und ihren Ulster an und begab sich auf den eisigen Bahnsteig. Sie hatte richtig vermutet, das Bahnhofscafé war geöffnet, und sie kaufte Piroggen für sich und Asta. Am Tresen trank sie eine Tasse Kaffee, der abgestanden war und übel schmeckte, und sie war so müde, dass sie fast im Stehen eingeschlafen wäre. Als sie halb im Laufschritt zum Waggon zurückkehrte, wurde ihr Atem in der Kälte zu Dampf, und nur Sekunden, nachdem sie wieder eingestiegen war, setzte sich der Zug in Bewegung. Sie hatte Fruchtsirup vom vorigen Jahr in einer Flasche mit Patentverschluss dabei, und während sie den Bahnhof verließen, aß sie eine der trockenen Piroggen, trank etwas und stupste Asta vorsichtig an, um sie zu wecken.
Der Morgen war sonnig und knisternd kalt, und bald saß Asta neben Molly und betrachtete ebenfalls die Aussicht. Aber sie war so verschlossen und schweigsam wie immer, bibberte in der Zugluft, die vom Fenster kam, antwortete einsilbig oder gar nicht, und es dauerte nicht lange, bis Molly es leid war, das Gespräch in Gang zu halten, und stattdessen einen Roman aufschlug. Korståget, Der Kreuzzug, verfasst von einem jungen Autor namens Tito Colliander[6]. Ernsthaft und leidenschaftlich erzählte er davon, wie im Innern des jungen Protagonisten Thomas widersprüchliche Kräfte um die Herrschaft rangen, wie er von den Frauen in seinem Leben mal verhext und mal angeekelt war, und wie sein Streben nach seelischer Reinheit mit der Fleischeslust und anderen sinnlichen Begierden im Streit lag.
Die jungen Männer schrieben gern über so etwas, sie benutzten große Worte und dichteten mit Feuer und Pathos, als ob sie Dostojewski nacheifern wollten, aber manchmal hatten ihre Gedanken für Molly etwas Einschläferndes, und sie hätte lieber etwas von Jascha Golowanjuk[7] oder Gabriella Linde[8] gelesen. Sie kämpfte bis weit in den Vormittag hinein mit dem Roman, aber dann legte sie das Buch weg und aß die beiden hart gekochten Eier, die Irene ihr mit auf die Reise gegeben hatte, trank von dem Sirup und fand, dass er nach Sommer und Frieden schmeckte. Aber an dem Tag, als sie die Himbeeren pflückten, hatten sie schon geahnt, dass es Krieg geben würde, denn Irene hatte gesagt, wenn die »Frauenzimmerwoche« (die Woche vom 18. bis 24. Juli mit lauter weiblichen Namenstagen) so warm und schön sei, dann würde bald die Hölle losbrechen, so sei es auch im Sommer 1914 gewesen, wisst ihr noch, Molly und Lilly, ihr wart damals erst sechs und vier, aber könnt ihr euch noch erinnern?
Es ging auf zwölf, und sie waren in den Wäldern hinter Orivesi, auf einer flachen, aber langen Steigung, wo der Zug allmählich so langsam wurde, dass Molly zu hören glaubte, wie die Lok schnaufte und ächzte, während sie vor ihrer Aufgabe kapitulierte. Dann hielten sie plötzlich auf der Anhöhe, Asta setzte sich wieder neben Molly und sah hinaus, sie saßen stumm da und schauten auf die schneebedeckten Fichten und die Sonnenstrahlen, die in den Lichtungen zwischen den dunklen Baumstämmen spielten. Nach einer Weile steckte Takolander den Kopf herein und verkündete, dass er sich noch einmal mit dem Zugpersonal beraten werde, und als er wieder gegangen war, fing Molly Astas Blick auf, zog sarkastisch die Augenbrauen hoch und lächelte. Zum ersten Mal seit vielen Wochen lächelte Asta zurück, für einige Sekunden vermochte das Lächerliche an Takolanders Aufgeblasenheit die dicke Schicht ihrer Trauer zu durchdringen.
Als Takolander zurückkam, sagte er, dass das Holz zu nass gewesen sei und nicht brennen wollte, dass aber trockenes Holz per Schlitten aus Juupajoki unterwegs sei und dass sie in ungefähr einer Stunde die Reise fortsetzen würden.
Ich weiß nicht, ob ich das noch länger aushalte, sagte Asta tonlos, als der Theaterdirektor die Abteiltür hinter sich geschlossen hatte und verschwunden war, ich weiß nicht, ob ich die Tournee und diesen widerwärtigen Krieg und das alles durchstehe.
Du musst, antwortete Molly, wir müssen alle durchhalten, wir haben keine Wahl.
Der Luftalarm kam spätnachmittags, als der Zug in Richtung Westen fuhr und die Schatten auf der weiten Ebene schon lang und blau waren. Ein Schaffner eilte durch den Waggon und trommelte an alle Abteiltüren, während der Lokführer so heftig bremste, dass es sich anfühlte, als würde der Wagen umkippen: Bombenflugzeuge näherten sich von Süden, und alle sollten ihre weißen Schutzanzüge überstreifen und sofort den Zug verlassen.
In den Wald!, schrie der Schaffner, lauft in den Wald und versteckt euch hinter einem Baum oder einem Stein, und rührt euch nicht!
Molly presste die Wange an die Fensterscheibe und versuchte, den Wald zu erspähen, den der Schaffner meinte. Aber ihr Wagen war der letzte, und alles, was sie sah, war eine ausgedehnte weiße Ebene mit spärlich darüber verstreuten Höfen und Scheunen, sie befanden sich schon in Österbotten, und das Licht über der Ebene war rötlich, bald würde es dunkel werden. Sie zog ihren Ulster an und fragte sich, warum sie nicht mehr Angst verspürte, dann den Schutzanzug darüber, der hatte Schmutzflecken, fühlte sich an wie grobes Papier und knisterte, wenn sie sich bewegte.
Als sie fertig war, sah sie, dass Asta draußen im Gang stand, wie zu Eis gefroren, ihre Arme hingen hilflos an den Seiten herunter, und die linke Hand umklammerte den Schutzanzug mit krampfhaftem Griff. Ihr Haar war struppig, und ihre Fingerknöchel waren rot und aufgesprungen, Tränen liefen ihr über die Wangen, und als Molly in den Gang hinaustrat, hörte sie, dass Asta ihre Worte vom Vormittag wiederholte: Ich schaffe es nicht mehr, ich halte das nicht mehr aus.
Zum Teufel mit dir!, schrie Molly und riss ihr den Anzug aus der Hand, wir können doch nicht hierbleiben, wenn sie Bomben werfen, verbrennen wir hier drin!
Sie stieß die Freundin, die wie paralysiert wirkte, in das Coupé und drückte sie gewaltsam auf die Sitzbank. Ohne recht zu wissen, wie sie es anstellte, schaffte sie es, sie in den Anzug zu zwängen, und dann fasste sie Astas Hand, und sie stolperten aus dem Abteil und rannten durch den Gang bis zur Tür. Molly versuchte den schweren Griff zu bewegen, während der Zug mit einem durchdringenden Quietschen zum Stehen kam, aber die Tür klemmte, und für einige Sekunden glaubte Molly, sie sei zugefroren, denn draußen hatte es dreißig Grad minus. Sie spürte, wie Panik sie überflutete, aber dann ging die Tür endlich auf, und im selben Moment wurde ihr klar, dass es schon viel zu spät war, den Waggon zu verlassen, denn sie hörte ein dumpfes, aber deutliches Grollen hinter dem Zug und oben am Himmel. Sie rutschten auf den vereisten Treppenstufen aus und fielen vornüber in den Tiefschnee, und als sie wieder auf die Füße gekommen waren, ergriff Molly Astas Hand und stapfte los, weg vom Gleis, hin zum Wald, den sie nun in der Ferne erkennen konnte.
Während sie durch den Schnee stiefelten und das Grollen hinter ihnen zunahm, sah sie vor ihrem inneren Auge, wie die Flugzeuge sich gegen den Himmel abzeichneten: sie wusste, wie sie aussahen, sie hatte sie schon am ersten Kriegstag gesehen. Da war sie nachmittags, wenige Minuten vor drei Uhr, aus dem Haus gegangen, sie wollte zum Hutgeschäft Le Chapeau in der Glogatan, um sich ein Paar hübsche Handschuhe für den Winter zu kaufen, sie kannte den Besitzer und hatte ihn vorher angerufen, und obwohl seit dem Morgen Krieg herrschte, hatte er versprochen, extra für sie das Geschäft zu öffnen. Aber bevor sie es bis dorthin schaffte, kamen die Flugzeuge über den Finnischen Meerbusen, schwarze Vögel vor dem grauweißen Novemberhimmel, es war schon der dritte Angriff an diesem Tag. Sie befand sich mitten im Stadtzentrum, als die ersten Bomben fielen, nach einigen Minuten hatte sie den Laden erreicht, aber bis dahin war sie nur durch ein gnädiges Schicksal vor einem Treffer bewahrt worden. Andere hatten weniger Glück gehabt, fast hundert Menschen starben, in fast jedem Stadtbezirk brannte es, und der schwarze Rauch stieg zum Himmel, vor allem unten am Westhafen. Als der Angriff vorüber war und Molly durch das Zentrum in Richtung Tölö lief, sah sie einen verkohlten Mann in einem ausgebrannten Auto, sein Kopf war nur noch ein rußiger Totenschädel, das Bild hatte sie seitdem in den Nächten verfolgt. Und ein paar Häuserblocks von ihrem Wohnhaus entfernt, in der Arkadiagatan, war sie an einem kleinen Mädchen vorbeigelaufen, das furchtbar weinte und an der Fahrbahn entlang stolperte, und sie hatte die Kleine auf Finnisch gefragt, wo sie wohne und wo ihre Mutter sei, und das Mädchen hatte schniefend geantwortet, Apollonkadulla, in der Apollogatan, und sie wisse es nicht. Da hatte Molly sie hochgehoben und auf den Arm genommen und war so durch die letzten Häuserblocks bis zur Apollogatan gerannt, und das Kind hatte seine Ärmchen so fest um Mollys Hals geschlungen, als gelte es das Leben, und so war es ja auch. Als sie das Haus erreicht hatten, war die Mutter des Mädchens zum Glück daheim und nicht in irgendeinem Luftschutzbunker, eine hoch aufgeschossene, ausgemergelte Frau mit tief liegenden Augen, die wie schwarze Edelsteine in ihren Höhlen saßen, und Molly übergab ihr das Kind, ohne zu fragen, warum sie während des Bombenangriffs getrennt gewesen waren, sie ließ das Mädchen los, ohne mehr zu sagen als viekää hänet turvaan, »bring sie in Sicherheit«. Dann lief sie nach Hause, so schnell sie konnte; hier, im vorderen Tölö, waren keine Bomben gefallen, soweit sie feststellen konnte.
Jetzt heftete sie ihren Blick auf den Wald da vorn und verstärkte den Griff um Astas Hand, hielt sie so fest, wie sie in Helsingfors das kleine Mädchen festgehalten hatte, während sie rannte, aber Asta widersetzte sich, sie war außer sich vor Angst und wollte anhalten und einfach dort stehen bleiben und schreien und weinen. Sie schwankte und fiel hin und versuchte ihre Hand loszureißen, aber Molly zerrte sie jedes Mal wieder hoch und griff noch etwas härter zu, sie würde nicht zulassen, dass Asta auf der Strecke blieb wie ein Beutetier, Molly würde sie beide in Sicherheit bringen, auch wenn Asta sich benahm, als ob sie sterben wollte. Bis zum Wald waren es an den Schienen entlang vielleicht noch zweihundert Meter, dunkel und kompakt stand er im blauenden Nachmittag, und ein Stück vor ihnen stapften Takolander und Walter Venho. Keiner der beiden hatte den Schutzanzug übergezogen, Takolander trug seinen fast bodenlangen Pelz und Venho nur eine wattierte, aber kurze Sportjacke, trotz der strengen Kälte, die sich in jede unbedeckte Hautpartie geradezu einbrannte. Noch etwas weiter vorn sah Molly andere Passagiere, Theaterkollegen und Fremde, sie stapften und stolperten, standen aber jedes Mal wieder auf, schwankende Insekten, die um ihr Leben kämpften, und die Schnellsten waren schon am Ziel und tauchten im Schutz der Bäume unter. Das Grollen war ununterbrochen stärker geworden und ging jetzt in ein Brüllen über, und Molly begriff, dass Asta und sie es nicht schaffen würden, und Takolander und Venho auch nicht. Sie hatten sich im Zug zu viel Zeit gelassen, und die Teufel waren jetzt genau über ihnen, sie konnten sich nur noch zu Boden werfen und dort auf der Ebene flach liegen bleiben. Genau das tat Molly, sie warf sich hin und schubste gleichzeitig Asta um und ließ ihre Hand los, um beide Hände schützend über den eigenen Kopf zu legen. Aber gerade, als sie ihr Gesicht im Schnee vergraben und ihr Schicksal der Hand jenes Gottes überantworten wollte, an den sie nicht glaubte, sah sie, dass Asta, der schniefende Angsthase, wieder aufgestanden war und weiterlief. »Nicht rennen, du Idiotin!«, schrie Molly, »zur Hölle mit dir, nicht rennen, schmeiß dich hin und lieg still!« Die Freundin hörte sie nicht, denn das Brüllen war ohrenbetäubend und Asta wie von Sinnen vor Angst, aber zum Glück fiel sie wieder hin, vielleicht aus purer Erschöpfung, und blieb einige Meter vor Molly liegen. Noch weiter vorn hatten Takolander und Venho sich ebenfalls in den Schnee geworfen, sie waren vom Weiß fast bedeckt, nur ihre Mützen und Stiefel schauten hervor. Molly blieb regungslos liegen, während die Bomber über sie hinwegflogen, und als das Geräusch leiser wurde, hob sie den Kopf, um zu sehen, was mit den anderen war. Asta hatte keine Kontrolle mehr über sich, sie schrie und zitterte, und Molly wusste keinen anderen Rat, als zu ihr zu kriechen, um zu helfen und zu trösten. Aber es war zu früh, denn der Motorenlärm nahm wieder zu, und als sie den Blick zum Himmel richtete, sah sie, dass die Flieger auf dem Rückweg waren, sie hatten nur gewendet und näherten sich nun von Norden und flogen noch tiefer als beim vorigen Mal. Sie warf sich neben Asta in den Schnee und legte den Arm über ihren Rücken, und dann lagen sie wieder still, während die Bomber über sie hinwegflogen und sich entfernten und noch ein drittes Mal zurückkamen, als wollten sie ihnen den Verstand rauben. Das Brüllen und Donnern schien kein Ende zu nehmen, und Molly fühlte, wie die Kälte des Bodenfrostes sich in sie hineinzufressen begann, sie sickerte von unten her ein und war noch eisiger als der Schnee, sie fraß sich in Mark und Bein und bis in ihre Seele, und gleichzeitig wartete sie auf die ersten Explosionen und Bodenerschütterungen, obwohl sie davon vielleicht gar nichts mehr hören oder fühlen würde, denn schon die erste Bombe wäre ein Treffer und Asta und sie im Bruchteil einer Sekunde tot, oder vielleicht wäre es stattdessen ein MG-Schütze, vielleicht saß in einem der Flugzeuge so einer, der die Waffe senkrecht nach unten richtete und Kugeln auf die Ebene pfefferte, sodass ganze Schwärme davon auf Asta und sie und Takolander und Venho niedergehen würden, und einer von ihnen würde vielleicht schnell und gnädig sterben, während ein anderer unglücklich getroffen würde und furchtbare Schmerzen erleiden müsste, bis zu dem Augenblick, wo die Polarkälte ihren Griff lockerte und in ein trügerisches Gefühl der Wärme und Taubheit überging, während die Bewusstlosigkeit eintrat und danach der Tod.
Aber während sie dort lag und auf das Ende wartete, geschah etwas Merkwürdiges: Die Panik verschwand, und stattdessen trat ein Zustand der Ruhe und Stille ein. Das war, als die Flieger sich zum dritten Mal näherten, der Überflug dauerte jedes Mal länger, und das Brüllen dort oben zerriss ihr beinahe die Trommelfelle, aber dann war das Geräusch von einer Sekunde zur anderen nicht mehr hörbar, in ihrem Innern war es ganz still geworden, und sie beschloss, dass ihre letzten Gedanken um etwas Schönes kreisen sollten. Sie sah den Abend vor sich, den sie im Runden Saal des Restaurants Fiskartorpet und draußen im Garten verbracht hatten, einen der ersten Abende im August, im Saal spielte das Swingorchester, und die Musik kam gedämpft bei ihr an, die weiche Sommerwärme und die samtige Dunkelheit umhüllten sie, alles Herbe und Bittere war nun fort, all die schneidenden und pochenden Schmerzen, die den ganzen Winter lang in ihrem Körper gehaust hatten, und stattdessen waren da das Zirpen der Grillen und die schweren Aromen der Rosen und die Sanftheit der Abendbrise, die vom Meer kam. Und Henry war da. Henrys Duft nach Tabak und Eau de Cologne – und ja, nach Cognac und Whiskey, aber auch Molly hatte an jenem Abend unbekümmert getrunken – und das Spiel seiner Muskeln unter dem dünnen Stoff des Hemdes, als sie seinen Arm festhielt und sich an ihn lehnte, während sie da unten am Strand beobachteten, wie die Nacht über die Bucht herangeschlichen kam.
Das war erst ein halbes Jahr her, es war vor dem verdammten Krieg gewesen; es war der Abend, bevor sie die Straßenbahn nach Brändö nahm, um einige Tage bei ihrer Mutter Irene zu wohnen. An diesem Abend war es ihr ausnahmsweise einmal gelungen, den scheuen Henry auf ein Fest zu locken. Sie feierten den Abschluss der Dreharbeiten von Mokka und Satin, und alle wichtigen Leute waren da, auch die Hauptdarsteller Santeri Soihtu und Kirsti Pera. Die Stimmung war ausgelassen an der Grenze zur Wildheit, und genau deshalb hatten Molly und Henry sich hinausgeschlichen: Anders als die meisten Männer, die sie kannte, fand Henry kein Gefallen an lärmendem Frohsinn. Aber es war nicht nur Henrys wegen. Mollys Rolle in Mokka und Satin war unbedeutend, sie fühlte sich überflüssig und ausgegrenzt. Der Film handelte von reichen Menschen, die zehn Jahre jünger waren als sie, er erzählte vom sorglosen Leben der schönen, blutjungen Bewohner von Helsingfors, und Molly huschte nur manchmal durchs Bild als eine schon leicht ramponierte Frau von zweifelhaftem Lebenswandel. Es waren solche Rollen, die sie seit einigen Jahren spielen musste, nachdem sie Direktor Dringmann auf dem Premierenfest von Unsere schöne Cousine Adèle eine Abfuhr erteilt hatte. Aber Henry war an jenem Abend im Fiskis heiter gewesen, nicht verschlossen und in düsterer Stimmung, wie sonst so oft, wenn er gezwungenermaßen an einer Feier teilnahm und dort Menschen traf, die er oberflächlich und dumm fand. Er hatte Wein getrunken und sogar mit Molly einen Foxtrott getanzt, aber als das Orchester sich schwerfällig am One O’Clock Jump versuchte, hatte er ihr einen Korb gegeben und lächelnd ihre Hand gedrückt. Ach, tanzen zu dürfen! Schon im Herbst war es offiziell verboten worden, und seitdem standen Mollys Abendschuhe in ihrer Wohnung in der Museigatan in einer eiskalten Abstellkammer, während sie in Schnürstiefeln und Galoschen der derbsten und tristesten Sorte herumlief und ausrutschte und hinfiel, wenn sie versuchte, sich an den Wällen aus Eis und gefrorenem Schnee entlang vorwärtszubewegen, die überall in der verdunkelten Stadt die Straßen und Bürgersteige säumten.
Und jetzt würde sie sterben, es war so lächerlich, die Schauspielerin Molly Timm, Sie wissen schon, die mit dem Blick und der heiseren Stimme, lag da in einem hässlichen Schutzanzug, ihre Erinnerungen hatten sie nur für einige Sekunden weggetragen, und nun hörte sie das Brüllen wieder, lauter als je zuvor, ihr Körper spannte sich wie eine Violinsaite, vor Schreck trocknete ihr Hals aus und schmerzte. Wie ein kleiner Fliegendreck lag sie auf der Schneefläche, bereit, unter dem Daumen Gottes zerquetscht zu werden, und neben ihr lag Asta und zitterte und weinte, und jeden Augenblick konnten die Explosionen beginnen, mit glühenden Splittern und Flammen, die sie verzehren würden. Sie dachte wieder an Henry, an seinen starken, sehnigen Körper, an den sie sich gelehnt hatte, und wie er sich heruntergebeugt und ihr Haar geküsst hatte, und sie dachte, dass auch Henry bestimmt schon tot war, wie so viele andere, dass er von Granatsplittern getroffen worden oder auf eine Mine getreten war, und nur Sekunden später hatten einzelne Teile von ihm in den Zweigen der Bäume gehangen, während andere sich in einen blutigen Matsch auf dem erbarmungslos weißen Schnee verwandelt hatten. Sie ahnte, dass solche Dinge geschahen, obwohl weder Henry noch die anderen Männer je darüber schrieben, sei es in den Zeitungsreportagen oder in ihren Briefen in die Heimat, und sie war nahe daran, sich zu übergeben, denn jetzt blieb das Bild des zerfetzten Henry hartnäckig vor ihrem inneren Auge, er war kein Mensch mehr, sondern nur noch Materie ohne Bedeutung, Blutlachen und Fleischstücke und Gedärm und Knochen. Sie fragte sich, ob Henry in seinen letzten Augenblicken genauso viel Angst gehabt hatte wie sie jetzt, aber während sie den Kopf hob und sich zwang, ihre Arme und Beine zu bewegen, während sie fühlte, dass ihre Zehen und Finger schmerzten und ihre Wangen vom Frost allmählich taub wurden – während also jene Bilder durch ihren Kopf taumelten und gleichzeitig eine strenge Stimme zu ihr sprach und sagte, du darfst nicht still liegen bleiben, sonst erfrierst du, drang auch eine neue Erkenntnis in ihr Bewusstsein: Es waren keine Bomben gefallen. Kein MG-Schütze hatte Kugeln auf die Schneefläche gepfeffert. Nach der dritten Runde waren die Flugzeuge in Richtung Norden abgebogen. Man vernahm nur noch ein fernes, allmählich ersterbendes Grollen, bald hörte es ganz auf, und nun war die Stille nicht mehr in ihrem Innern, sondern draußen, um sie herum. Sie war nicht tot. Sie lebte. Und dicht neben ihr lag Asta und schluchzte leise, aber Molly hätte in diesem Moment nicht sagen können, ob vor Erleichterung oder vor Enttäuschung.
Das Spiel, das die Kampfpiloten mit ihrer Hilflosigkeit und Angst getrieben hatten, beschäftigte sie alle noch während der Fahrt bis Torneå und weiter durch Schweden. Immer wieder kamen sie auf die Ereignisse zurück, alle außer Asta Heikel, die völlig verstummt war: Mehrere Tage lang konnte Molly ihr kein einziges Wort entlocken. Walter Venho und Direktor Engelbrekt Takolander waren dafür umso gesprächiger. Sie spekulierten darüber, ob die Molotow-Flieger den Auftrag gehabt hätten, Vasa oder vielleicht Uleåborg zu bombardieren, aber noch mehr redeten sie über sich selbst. Venho hatte ein taubes Gefühl in den Zehen und zeigte immer wieder seinen nackten, bleichen rechten Fuß her, den Molly für so ein schönes Mannsbild erstaunlich abstoßend fand. Und Takolander erzählte von seinem Widerstandskampf mit einem bürgerlichen Freikorps vor Helsingfors im Februar 1918.
Auch damals mussten wir im Schnee ausharren, sagte er pathetisch, aber wir haben gekämpft, wir hatten Waffen, um unsere Freiheit zu verteidigen, wir waren viel zu wenige, aber wir haben Widerstand geleistet, so gut wir konnten.
Aber Sie haben doch aufgegeben, sagte Molly, sind nicht alle Freischärler festgenommen worden?
Ja, räumte Takolander widerwillig ein, wir mussten den Hof verlassen, auf dem wir uns versammelt hatten, und auf das zugefrorene Meer hinaus, und dort waren die roten Teufel in der Überzahl.
Der Zug ratterte schon durch Mittelnorrland, als Takolander von seinen kriegerischen Heldentaten berichtete, er wollte damit den jungen Venho beeindrucken, und Molly hatte bald genug davon und hörte nicht mehr zu. Stattdessen dachte sie darüber nach, wie zeitraubend die Reise gewesen war: Aus den dreißig Stunden, die Takolander von Helsingfors bis zur schwedischen Grenze veranschlagt hatte, waren fünfzig geworden, und in Torneå-Haparanda hatte sich eine weitere Verzögerung ergeben. Als die Theatertruppe vom finnischen in den schwedischen Zug umsteigen wollte, wurden dreiundneunzig Gepäckstücke gezählt, viele davon waren schwer und unhandlich, was vor allem den Kostümen und Requisiten geschuldet war. Die finnischen Grenzschützer hatten zum Abschied mürrisch genickt, und Molly hatte sich an Tante Thelmas Erzählungen über dieselbe Grenzstation vor zweiundzwanzig Jahren erinnert. Thelma war die Jüngste der vier Timm-Geschwister und mit einem russischen Geschäftsmann namens Valerij Bogdanov verheiratet, und nach den Streiks und Ermordungen im November 1917 hatte das Ehepaar beschlossen, von Finnland nach Schweden umzuziehen. Es gab damals noch keine Brücke über den Torneälven, sie waren mit dem Schlitten über den zugefrorenen Fluss gefahren und hatten in der finsteren Nacht gleichzeitig Schusswechsel und Wolfsgeheul gehört. Von diesem Abenteuer erzählte Thelma mit Vorliebe, als Molly und ihre Schwester Lilly noch Kinder waren. Thelma besuchte jeden Sommer ihre alte Heimat ohne ihren Gatten Valerij und trug die Torneå-Geschichte stets auf die gleiche theatralische Weise vor, mit hoher Stimme und einem gluckernden Lachen, wenn sie bei einer Pointe ankam, die sie lustig fand.
Aber es gab auch noch eine andere Geschichte, und die hatte sie nur ein einziges Mal erzählt, als Molly und Lilly schon erwachsen waren. Mit starr zu Boden gerichtetem Blick hatte Thelma sich daran erinnert, wie sie gezwungen worden war, sich auszuziehen, und dann nackt und vor Kälte bibbernd vor den russischen Grenzsoldaten gestanden hatte. Eine Krankenschwester war hinzugerufen worden, und man hatte Thelmas Vagina und Anus untersucht, denn es käme vor, hatten die Wachen behauptet, dass Spionagenachrichten auf diesem Weg über die Grenze gelangten. Molly fand es vollkommen daneben, dass Tante Thelma flüsterte und den Blick gesenkt hielt, als sie berichtete, was ihr passiert war; es war ja nicht sie, die sich schämen musste, sondern der Offizier, der den Befehl gegeben hatte. Das sagte sie auch zu Thelma, die sie daraufhin mit einem seltsamen Ausdruck ansah, spöttisch und traurig zugleich, und antwortete: Es war Krieg. Und wir leben nicht in einer Welt, in der diejenigen, die sich schämen sollten, die Scham ertragen müssen.
Molly tat nicht mehr so, als würde sie den Roman Der Kreuzzug lesen, stattdessen schaute sie aus dem Fenster. Hier war die Landschaft ganz anders als zu Hause, unwegsam und spektakulär, mit hohen, von Nadelwäldern bedeckten Hügelkuppen, wuchtigen Brücken über zahlreiche Flüsse und Stromschnellen. Aber die schönen Anblicke halfen nichts. Ihr Körper schmerzte. Er schmerzte von der langen Reise in der Kälte, von ihrer Periode, die in Torneå eingesetzt hatte, von den langen Winterstunden im Dunkel der Schutzräume, zusammen mit fremden Menschen, die Gerüche und Dünste absonderten, von Wochen und Wochen, in denen sie auf den eisglatten Bürgersteigen und notdürftig freigeschaufelten Wegen der menschenleeren Stadt entlanggerutscht war. Er schmerzte vor Sehnsucht nach Henry und vor Angst, dass ihm etwas passiert sei, und er schmerzte vor Sorge um Max, ihren Großcousin, und um alle anderen, die dort draußen zusammengekauert an der Front lagen, während um sie herum das russische Artilleriefeuer donnerte und krachte.
In der Morgendämmerung hielt der Zug in einer Kleinstadt, wo es so sanft schneite, dass die Flocken den Boden kaum zu berühren schienen. Molly schlich sich hinaus und kaufte sich ein belegtes Brot, trank eine Tasse Kaffee und stellte fest: Sie befand sich in einem Land, in dem der Kaffee noch gut war und die Brote mit Leberpastete knusprig und in dem kein Krieg herrschte, obwohl der Bahnhofswartesaal voller Bereitschaftssoldaten war. Ein Zittern durchfuhr sie, wie ein allmählich nachlassender Krampf, und in den Abendstunden zog sie sich zurück, ging in den Korridoren der Waggons auf und ab und hörte, wie die anderen Schauspieler in den Schlafabteilen ihre Dialoge übten. Dann saß sie im geschlossenen Restaurant, kritzelte gedankenverloren mit dem Bleistift in einem Schreibblock herum und träumte sich fort. Um ihre Gedanken an Henry und den Krieg zu verdrängen, rief sie sich die Jahre ihrer Erfolge ins Gedächtnis: Wie Lilly sie heimlich zu einem Schönheitswettbewerb angemeldet hatte, als sie schon sechsundzwanzig war, eine reife Frau im Vergleich zu den mageren Mädchen, die sich im Mikado oder im Börs drängelten; wie sie zu Verhandlungen – eigentlich waren es Audienzen – bei Filmmagnaten wie dem Produktionsdirektor Dringmann und den Regisseuren Kaltio und Haarla eingeladen wurde; wie sie in Die Reise nach Jerusalem debütierte und dann größere Rollen bekam, und wie zwei Jahre später der Gipfel erreicht war, als sie für die Hauptrolle in Unsere schöne Cousine Adèle gefeiert wurde. Sie hatte sich vorgestellt, dass dieser Triumph der erste von vielen sein würde, sie hatte große Träume gehabt, obwohl sie schon auf die dreißig zuging. Für die Dreharbeiten zu Adèle hatte der Chefkameramann Koskimaa einen neuen Filter aus Paris mitgebracht, der Mollys Augen glänzen und schimmern ließ wie ferne Sterne, sodass Koskimaa und die anderen bei der Produktionsgesellschaft »Taika-Filmi« vom Timm-Blick sprachen, der dem Blick der Dietrich oder der Garbo in nichts nachstand.
Kurz vor der Premiere von Adèle fing sie an, Englischstunden bei Mr. Kossloffsky zu nehmen. Lilly neckte sie damit, wie es nur Schwestern können, und sagte, dass Molly von Natur aus vornehm sei und davon träumte, in einem Bungalow in Bel-Air oder Brentwood zu wohnen, die Träume von der UFA und Babelsberg reichten ihr jetzt nicht mehr. Molly hatte geantwortet, dass Lilly Blödsinn redete: Es machte Spaß, neue Sprachen zu lernen, nichts weiter, und von der UFA und Babelsberg hatte sie nie geträumt, denn Berlin hatte schon seinen Charme verloren, als Lola Lola[9] nach Amerika ging, und war vollends uninteressant geworden, seit Korporal Pinsel[10] und seine Horden die Macht übernommen hatten.
Sie schauderte, als sie sich an diese Worte erinnerte, die sie auf einem Liegestuhl im Garten der Villa Hamberg geäußert hatte; bestimmt wäre jetzt, da Krieg war und Hitler und Stalin Europa unter sich aufteilen wollten, eine derart höhnische Bemerkung lebensgefährlich gewesen.
Oh, da waren sie schon wieder, die Gedanken an den Krieg! Sie schüttelte sich wie ein nasser Hund und dachte stattdessen an Mr. Kossloffsky. Ihr ehemaliger Englischlehrer war ein gescheiterter Musiker, der bei seinem ersten Aufenthalt in Helsingfors eine Einheimische geheiratet, sich dann aber von ihr hatte scheiden lassen und seitdem ständig damit drohte, in seine Heimat zurückzukehren. Während der Großen Depression hatte er seine Drohungen wahr gemacht und war in sein geliebtes Chicago gezogen, aber einige Jahre später war er wieder da, und manche, die ihn schon lange kannten, sagten, dass seine Klagelieder über die Trostlosigkeit Finnlands ihm so ans Herz gewachsen seien, dass er ohne sie nicht mehr leben könne. Mr. Kossloffsky selbst meinte, die Frauen von Helsingfors seien ihm zum Schicksal geworden; er hatte während seiner Zeit in Chicago mit einer gewissen Aino aus Gardesstaden korrespondiert, und sie war es, die ihn dazu überredet hatte, eine Fahrkarte für den Atlantikdampfer Majestic zu kaufen und zurückzukommen. Aber Aino hatte bald genug von ihm, und danach hatte Mr. Kossloffsky in seiner kleinen Mietwohnung in der Berggatan gesessen und Sprach- und Musikunterricht gegeben und war als Klarinettist in kurzlebigen Tanzorchestern überall in der Stadt eingesprungen. Molly gegenüber verhielt er sich am Anfang ausgesucht freundlich, »please, don’t you mister me, Miss Molly: for you, I’m Theo.« Aber nur solange er glaubte, sie würde sich verführen lassen – sie, ein gefeierter Filmstar, und er, ein abgetakelter Musikant! –, und als sie ihn abgewiesen hatte, verlor er das Interesse an ihr und dem Unterricht und nahm seine Klagelieder wieder auf. »This awful climate, this awful people, all this coldness and awkwardness – it’s downright impossible to live here!« Molly hatte der Versuchung widerstanden, ihn zu fragen, »then why are you still here«, stattdessen hatte sie die Lektionen abgebrochen, aber weiterhin alle erreichbaren englischsprachigen Zeitschriften gekauft, und in Ermangelung anderer Übungsmöglichkeiten hatte sie angefangen, mit ihrem Spiegelbild Englisch zu sprechen, und das hatte sie über mehrere Jahre beibehalten. Bei der Erinnerung an Mr. Kossloffsky musste sie lächeln, und sie fragte sich, ob er wohl immer noch in der Berggatan wohnte, ob er in seinem Bau hockte wie alle anderen, die in der Stadt geblieben waren, mit angespanntem Körper und ständig bereit, beim Heulen des Fliegeralarms in den nächstgelegenen Schutzraum zu rennen. Oder hatte er es geschafft, an einen sichereren Ort zu flüchten, vielleicht nach Stockholm oder Kopenhagen? Aber wie lange waren diese Städte noch sicher, wie lange würde irgendein Ort in Europa verschont bleiben, wenn die Diktatoren immer gieriger wurden?
Wie viele Jahre waren vergangen seit ihrem letzten Sommer mit Mitja Wendelin, dem Sommer, in dem Mitja sich anfangs noch gegen seine Dämonen zur Wehr gesetzt und sie für eine Weile besiegt hatte? Nur etwas mehr als drei. Und doch fühlte sich jene Zeit so weit entfernt an wie eine kolorierte Ansichtskarte von anno dazumal, obwohl sie, wenn sie wollte, immer noch die Düfte von damals riechen und die Ereignisse in bewegten Bildern vor sich sehen konnte. Manche Erinnerungen an jenen Sommer würde sie Henry nie mitteilen, sie kannte ihn nicht gut genug, um sicher zu sein, dass er Verständnis dafür haben würde. Und sie war nicht einmal sicher, ob sie selbst alles verstand, sie war nur erleichtert, dass niemand diese Augenblicke im Bild festgehalten hatte. Die drei Wochen in Korsnäs am westlichen Schärengarten. Das Sommerhaus ihres Großcousins Max und die neu erbaute kleine Gästehütte und das Zelt, das sie im Garten aufgebaut hatten. Die sengende Sonne, tagein, tagaus. Die Touren mit dem Motorboot und die Paddeltouren zu den Sommerinseln mit dem Zweierkajak, das Max angeschafft hatte, weißer Sand unter den Fußsohlen und kristallklares Wasser in den Buchten. Die Abende mit Cocktails und Wein und Gesang, die Momente um Mitternacht mit verstohlenen Blicken und dem Glühen auf der Haut nach dem Tag in der Sonne, die kurzen Nächte mit warmer Luft und einem fast weißen Himmel. Da waren Mitja und sie, Max und seine neue Geliebte Lu Lilliehjelm, und da war Adrienne von Wendt mit ihrem neuen »Freund« Paul Manelius. Sie waren wie Geschwister in jenem Sommer, außer Mitja, der sich zurückzog und anfing zu trinken, sie waren freie, wilde Fünflinge, und sie alle empfanden es als die größte Tragödie, dass so viele Menschen sich jetzt für Misstrauen und Hass entschieden statt für Vertrauen und Liebe, die sich doch so leicht herstellen ließen, wenn nur der Wille stark genug war. Aber eines Tages würde die Menschheit wieder die richtige Wahl treffen, und dann würden die Völker sich erheben und den Diktatoren und Kriegsherren begreiflich machen, dass sie falschlagen, wenn sie glaubten, mit Kriegen und Invasionen irgendetwas Gutes zu bewirken. Denn ein solches Denken war ja vollkommen unsinnig, der Mensch war nicht dafür gemacht, in Angst und Zwietracht zu leben, er war geschaffen für ein Dasein in Harmonie und Freude!
In der Nacht blieb der Zug wieder einige Stunden lang stehen, und Molly lag in ihrem Abteil wach. Im anderen Bett murmelte Asta Heikel im Schlaf, schrie sogar manchmal auf, und Molly spürte Angst und musste an die Figuren denken, die sie in ihren Notizblock gezeichnet hatte, als sie in dem geschlossenen Zugrestaurant saß. Sie hatte sie skizziert, ohne nachzudenken: eigentümlich lange und schmale Gestalten mit dünnen Armen und Beinen, die verdreht und in unnatürlichen Positionen fixiert worden waren. Es war etwas Bedrohliches an diesen nachlässig hingeworfenen Figuren, sie waren eher Monster als Menschen, sie glichen lebenden Skeletten, und um dem unbehaglichen Gefühl zu entkommen, lenkte sie ihre Gedanken zurück zu jenem Sommer der Lebensbejahung. Sie sah ihn in völliger Klarheit und Intensität vor sich, inklusive der Glücksgefühle und auch einiger Erinnerungen, für die sie sich schämte. Sonne, o warme Sonne, zu was für Dingen kannst du ein Menschenkind verleiten! Aber das Glück war stärker als die Scham, und die Erinnerungen an den Sommer 1936 ließen sie liebevoll an all die Freundschaften denken, die ihr zuteilgeworden waren. Es zuckte in ihrem Innern, sie fühlte, wie das Blut durch ihre Adern brauste, und wenn sie sich die Ohren zuhielt, konnte sie hören, wie es dadrinnen rauschte. Aber das neu erwachte Gefühl der Lebendigkeit ließ sie auch wieder an Henry denken, die beständige Sorge um ihn grundierte alles wie ein dunkler, mahlender Klang. In der Finsternis des Abteils war er ihr näher als je zuvor, sie vermisste ihn so sehr, dass ein schneidender Schmerz durch ihren Körper ging.
Der Tag brach an, stürmisch und grau, draußen löste sich der Schnee in großen Fetzen von den schwankenden Bäumen, und die Fahrt nach Stockholm war lang und trist. Als sie ankamen, war es schon Nachmittag, und ihr Gepäck wurde sofort auf Lastkarren geladen – sie mussten am selben Abend weiter nach Norrköping, es blieben nur noch zwei Tage bis zur Premiere von Daniel Hjort. Eine Journalistin von Dagens Nyheter interviewte Takolander und die Superstars Gun Wideman und Erik Landgren auf dem Bahnsteig des Hauptbahnhofs, und Molly stand zufällig in Hörweite. Sie waren vier Tage unterwegs gewesen, und sie war so müde, dass alle Geräusche wie aus der Ferne widerhallten, als würde sie auf dem Grund eines Brunnens stehen. Sie hatte den Arm um Asta Heikels magere Schultern gelegt und hörte, wie Wideman und Landgren das Tourneerepertoire beschrieben und wie Takolander von den russischen Bombenfliegern erzählte. Er redete laut, und mitunter war er so ergriffen, dass seine Stimme brach. Die Journalistin, eine Frau in den Dreißigern mit Kurzhaarschnitt, hörte aufmerksam zu, warf aber gleichzeitig neugierige Blicke zu Molly und der wachsbleichen Asta hinüber. Molly tat so, als bemerkte sie nichts davon, ruhig rückte sie ihren Rucksack zurecht und den von Asta, und dann nahm sie die Freundin beim Arm und schob sie vorsichtig zur Treppe, die zum Gleis für den Zug nach Norrköping führte.
Sie kamen um Mitternacht an, der Theaterdirektor und der Bürgermeister des Ortes warteten auf dem Bahnsteig, und die Stimme des Bürgermeisters hörte sich an wie Donnerhall, als er sein dröhnendes »Willkommen, liebe Brüder und Schwestern aus dem Osten!« ertönen ließ. Aber als sie zum Hotel gingen, lag der Fluss Motala stumm und zugefroren da, und kein Mensch war zu sehen. Das Hotel hieß Splendid, erinnerte jedoch eher an eine Wanderherberge, und als sie sich bei einem mürrischen Nachtportier anmeldeten, entschied Molly, dass es besser sei, weiterhin auf Asta aufzupassen. Sie ergatterte mit Überredungskunst ein großes Doppelzimmer, und eine Viertelstunde später hatte sie Asta ins Bett befördert, strich ihr hastig übers Haar und sagte Gute Nacht. Sie schaffte es nicht mehr, ihr Nachthemd und ihr Reisenecessaire hervorzusuchen, schlich sich stattdessen im Unterrock hinaus in den Korridor und in eines der Badezimmer, beugte sich über das gesprungene Waschbecken und spülte ihr Gesicht mit dem kalten Leitungswasser ab, das anders schmeckte als zu Hause. Dann machte sie ihre Abendtoilette, so gut es ging, kehrte ins Zimmer zurück, drehte den Schlüssel um und legte sich in dem schmalen Bett auf den Rücken. Sie streckte ihre Arme und Beine, sie wollte die Steifheit loswerden, die sich während des Winters in sie hineingefressen hatte und jede Woche tiefer eingedrungen war wie eine schleichende Krankheit. Als das Bett ein lautes Knarren von sich gab, sah sie besorgt zu Asta in dem anderen Bett hinüber, aber Asta schlief schon mit offenem Mund, und Molly streckte noch einmal ihre Gliedmaßen und schaute gleichzeitig aus dem Fenster auf eine kopfstehende Welt, über der eine Mondsichel verkehrt herum am schwarzen Himmel hing. Sie ließ die Hände unter die Decke gleiten und über den schmerzenden Bauch, und ausnahmsweise weigerte sie sich, an Henry zu denken oder an Max und die anderen Frontsoldaten oder an den verkohlten Mann in dem ausgebrannten Auto oder das kleine weinende Mädchen, das sich so eng an ihre Brust geschmiegt hatte. Sie dachte auch nicht an Asta oder Takolander oder jemand anderen in der Theatertruppe, sie verdrängte alle Menschen, um die sie sich sorgen oder über die sie sich ärgern musste, sie unterdrückte alle Furcht vor dem, was die nächsten Tage mit sich bringen würden, und langsam, langsam wichen Spannung und Angst, und das Wunder geschah: Ihr Körper wurde weich, und die Muskeln entspannten sich.
In der ersten Nacht im Hotel Splendid
