Das Trugbild - Kjell Westö - E-Book

Das Trugbild E-Book

Kjell Westö

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Beschreibung

Helsinki zur Zeit des Dritten Reiches: eine unmögliche Liebe und ein ungeheurer Verrat.

Als Rechtsanwalt Claes Thune an diesem Morgen zur Arbeit erscheint, ist er zunächst verärgert. Er fragt sich, wo seine Sekretärin bleibt, die stets zuverlässige Matilda Wiik – sein Anker in schwierigen Zeiten, die Frau, die er lieben könnte, hätte er den Mumm, sich über Standesdünkel und Konventionen hinwegzusetzen. Er selbst sieht die Ereignisse rund um das Dritte Reich mit Besorgnis, doch damit vertritt er in der finnischen Gesellschaft zunehmend eine Minderheitenposition. Ein wenig Rückhalt findet er im sogenannten »Mittwochsclub«, einer Gruppe von Männern, die sich regelmäßig zum Gedankenaustausch trifft. Dass einer davon ein dunkles Geheimnis hütet, kann Thune nicht wissen. Es ist Matilda Wiik, die davon betroffen ist und die Sache schließlich in die Hand nimmt ...

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Seitenzahl: 512

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KJELL WESTÖ

Das Trugbild

ROMAN

Aus dem Finnlandschwedischenvon Paul Berf

Die schwedische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel »Hägring 38« bei Albert Bonniers, Stockholm.

Die Übersetzung wurde gefördert von Fili, Finnish Literature Exchange, Helsinki. Der Verlag bedankt sich dafür

Anmerkung des Übersetzers

Finnland ist ein zweisprachiges Land, in dem neben Finnisch auch Schwedisch gesprochen wird. Da der vorliegende Roman in schwedischer Sprache verfasst wurde, sind in der Übersetzung die schwedischen Ortsbezeichnungen beibehalten worden, zum Beispiel Helsingfors statt Helsinki, Tammerfors statt Tampere.

1. AuflageCopyright © der Originalausgabe 2013 by Kjell WestöCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014 by btb Verlagin der Verlagsgruppe Random House GmbH, MünchenSatz: Uhl + Massoust, AalenISBN 978-3-641-13963-6

www.btb-verlag.de

(Mittwoch, der 16. November)

ALS FRAU WIIK an diesem Morgen nicht zur Arbeit erschien, reagierte er zunächst gereizt.

Möglicherweise hing seine Gereiztheit aber auch noch ein wenig mit seiner misslungenen Fahrt nach Kopparbäck am Vorabend zusammen. Um Jary nicht zu verletzen, hatte er seine Gedanken für sich behalten und anschließend die ganze Nacht grübelnd wach gelegen. Schließlich war er zwei Stunden früher als üblich in die Kanzlei gegangen.

Er war schlichtweg übermüdet. Das Clubtreffen am Abend empfand er als Bürde, und auf seinem Schreibtisch türmte sich die Arbeit. Drei neue Klienten innerhalb von zwei Wochen, ein komplizierter Fall vor dem Amtsgericht, unbezahlte Rechnungen, unklare Formalitäten bezüglich Rolles Ausscheiden, Briefe, die diktiert und ins Reine geschrieben und versandt werden mussten: Ohne Frau Wiik kam er nicht weiter.

Er war bereits um halb acht ins Büro gekommen. Sonst war er nur selten vor neun da, weil er lieber bis in den späten Abend hinein arbeitete. Dennoch wusste er, dass Frau Wiik stets um Punkt acht eintraf, auch samstags.

Sein Ärger hielt sich, während er darauf wartete, dass sie auftauchte, und rumorte selbst dann noch in ihm, als es halb neun wurde und ihm der Gedanke kam, dass er sie vielleicht anrufen und sich erkundigen sollte, ob sie sich das Bein gebrochen oder eine Mandelentzündung zugezogen und ihre Stimme verloren hatte oder etwas in der Art.

Als er ihre Nummer das erste Mal wählte, war er unkonzentriert. Während er darauf wartete, dass sie an den Apparat ging, dachte er an das abendliche Treffen und an Dinge, die er mit den anderen hinter verschlossenen Türen besprechen wollte. So würde er Arelius bitten, es künftig zu unterlassen, seine politischen Ansichten in Gegenwart seiner Mutter Esther zu kritisieren. Aber vor allem musste er mit Lindemark über Jogi Jary sprechen: Es musste doch irgendetwas geben, was sie tun konnten.

Als Frau Wiik sich nicht meldete, dachte er, dass sie sicher auf dem Weg ins Büro war. Jeden Moment würde er ihre Schritte auf der Treppe und ihren Schlüssel im Schloss hören.

Doch sie kam nicht. Und als er drei Mal angerufen hatte und sie nicht an den Apparat gegangen war, machte er sich allmählich Sorgen.

Sie war die Pünktlichkeit in Person. Und wenn sie ihre Mittagspause verlängern oder morgens etwas später kommen wollte, bat sie ihn stets um Erlaubnis.

Es war noch nicht einmal neun Uhr, aber er beschloss dennoch, hinüber nach Tölö zu fahren und bei ihr zu klingeln. Als er sich einmal entschieden hatte, handelte er schnell. Er zog seinen Ulster und die Handschuhe an, nahm seinen Hut von der Ablage, stieg die Treppen hinunter und eilte im Laufschritt zur Straßenbahnhaltestelle.

Erst als er schon in der Bahn saß, wurde ihm bewusst, wie dumm er gewesen war. Das Auto stand doch am Kaserntorget. Warum hatte er sich nicht hineingesetzt und war auf direktem Weg in die Mechelingatan gefahren? Das wäre schneller gewesen.

1(acht Monate vorher, Mittwoch, der 16. März)

ES WAR EINER dieser schläfrigen Vormittage, trübe und nass.

Wie eine schlaffe Leine, dachte das Fräulein Milja, ein schmutzig graues Seil, nachlässig zwischen dem sterbenden Winter und einem noch fernen Frühjahr gespannt.

Viel später sollte sie sich daran erinnern, dass sie sich dem Tagtraum hingegeben hatte, früher nach Hause zu gehen, und einen genauen Plan dafür skizziert hatte, wie ihr Tag weitergehen würde.

Der Traum: um drei Uhr das Büro zu verlassen und die wenigen Häuserblocks bis zur Akademischen Buchhandlung im dunkelglänzenden Gebäude des Kaufhauses Stockmann zu gehen. Eine Zeitschrift zu kaufen, am liebsten die letzte Nummer der Filmillustrierten Elokuva-Aitta, die mit Rolf Wanka auf dem Titelbild. Danach zu versuchen, bei Frau Tuomisto im Salon Roma eine Maniküre zu bekommen, obwohl sie keinen Termin vereinbart hatte.

Die erste Maniküre ihres Lebens hatte sie sich im letzten Sommer gegönnt, im Juli, als die Firma Hoffman & Laurén ihr zwei Wochen Urlaub bei vollem Lohn bewilligt hatte. Inzwischen waren ihre Hände wieder ramponiert, die Nägel grau und uneben, was am vielen Räumen mit den Akten und Ordnern bei Thune und an der Hausarbeit daheim lag. Aber warum lügen: Wenn es dem Fräulein Milja schlecht ging und keiner hinsah, dann kaute sie darauf herum, und das führte zu hässlichen Nägeln, und anschließend war es die propere Frau Wiik, die sich schämen und die Verunstaltungen verbergen musste, so gut es eben ging.

An späten Abenden, wenn die Vorhänge für die Nacht zugezogen waren, kaute das Fräulein Milja auch auf den Fingerkuppen herum. Dann verlor sie sich manchmal so sehr in einem Buch oder in Milja-Gedanken, dass sie es gar nicht merkte, wenn sie gedankenverloren begann, die äußerste Hautschicht der Kuppen zu malträtieren und mit den Zähnen abzuziehen. Die Haut löste sich in kleinen Fetzen ab, aber das Fräulein Milja hatte mit den Jahren großes Geschick darin entwickelt und wusste genau, wann es nicht mehr ziehen durfte. Kurz bevor die Fingerkuppe anfing zu bluten, biss sie den Hautfetzen ab und spuckte ihn auf den Fußboden oder so, dass er neben ihr im Bett landete.

Inzwischen hatte sie sich diesem Laster schon eine ganze Weile nicht mehr hingegeben. Ihre Fingernägel wuchsen zwar ungleichmäßig, aber ansonsten waren ihre Hände gepflegt und unbeschadet: Mit ihnen würde sie bereits im Salon ihre Filmillustrierte lesen, während ihr Frau Toimisto erst die eine, dann die andere Hand manikürte, mit der freien Hand ließ sich problemlos umblättern. Sie würde einen Artikel als Lektüre auswählen, zum Beispiel die internationale Spalte mit Klatsch und Tratsch aus Hollywood und den UFA-Ateliers in Berlin. Sie würde Porträtaufnahmen von Leslie Howard und Cary Grant betrachten und es einfach genießen.

In ihrem Portemonnaie lag ein vergilbtes, ausgeschnittenes Foto von Grant und Randolph Scott in Badehosen, es war drei Jahre alt, und sie hatte es noch nie jemandem gezeigt. Sie schämte sich. Sie war fast siebenunddreißig, aber das Fräulein Milja schwärmte immer noch für amerikanische Schauspieler mit pomadigen Haaren, weißen Zähnen und einem perfekten Grübchen mitten im Kinn. I am a very great lover of your art and I should be the luckiest. Das Fräulein Milja wollte Grant und Scott und Howard und den anderen schreiben und sie um Autogrammkarten bitten. Auch Rolf Wanka – Ich bin eine große Verehrerin – wollte sie schreiben. Bislang hatte sie allerdings noch keinem von ihnen geschrieben.

Im Übrigen hatte Santeri Soihtu ein ebenso perfektes Kinngrübchen wie Cary Grant und Rolf Wanka. Trotzdem war es nicht das Gleiche. Santeri Soihtu wohnte in keinem Palast in einer fernen und sagenumwobenen Filmstadt, sondern zusammen mit seiner Frau in einer Wohnung im Stadtteil Tölö. In Helsingfors konnte er einem tagtäglich über den Weg laufen, man konnte ihn dabei beobachten, wie er in eine Bank lief oder im Kämp oder Monte Carlo oder einem der anderen vornehmeren Restaurants der Stadt essen ging. Auf der Leinwand spielte Soihtu einen mutigen Aktivisten, der im Jahre 1902 gegen die russische Unterdrückung Finnlands kämpfte, oder einen rechtschaffenen Jagdoffizier im Winter 1918, im wahren Leben war er dagegen nicht sonderlich interessant.

Oder etwa doch? Elokuva-Aitta hatte geschrieben, Santeri Soihtu sei ein Künstlername und dass der Star geheim halten wolle, wie er wirklich hieß. Um seine Ruhe zu haben, hatte es geheißen. Und an diesem Punkt kam die Sturheit des Fräulein Milja ins Spiel, für die es nicht die geringste Rolle gespielt hätte, wenn ihr zu Ohren gekommen wäre, dass Cary Grant in Wahrheit nicht Archibald Leach, sondern Bronimir Mankulowskij hieß oder dass Leslie Howard als Yoram Kardaschian geboren worden war und nicht als Leslie Steiner. Hier in Helsingfors wollte das Fräulein Milja jedoch wissen, woher die Leute wirklich kamen. Wenn keiner Santeri Soihtus richtigen Namen kannte, konnte auch niemand wissen, was er vor zwanzig Jahren angestellt hatte. Damals war er zwar mit Sicherheit noch ein Junge gewesen, aber was war, wenn er sich trotzdem in einem der Lager aufgehalten hatte? Sich dort vielleicht als Laufbursche nützlich gemacht oder die Stiefel der Soldaten geputzt hatte, um Geld für Lebensmittel zu beschaffen? Damals herrschte Chaos, es regierten Not und Angst, man tat Dinge, über die man hinterher schwieg.

Wenn die Maniküre beendet war und sie Frau Tuomisto bezahlt hatte, würde sie als Nächstes einen Kolonialwarenhandel aufsuchen. Einen der exklusiven, Klimscheffskys oder Marstios. Sie würde sich für den Abend etwas Wohlschmeckendes gönnen, eine Dose Pfirsiche in Zuckersaft oder eine Spitztüte mit gemischten Bonbons. Oder vielleicht ein paar Da-Capo-Konfekte, sie liebte das sonnengelbe Papier und die dunkle Schokolade darin.

Anschließend würde sie die Straßenbahn nach Tölö nehmen.

Der Geruch rostigen Eisens, nasser Kleider und ungewaschener Körper auf der Fahrt.

Sie würde im Feinkostgeschäft in der Caloniusgatan einkaufen gehen. Ihr Abendessen zubereiten, essen und spülen. Warten, bis im Radio das Abendkonzert begann, den Ton etwas leiser stellen, die Leselampe einschalten, sich in den roten Sessel mit den hellen Lehnen setzen, sich in ihre Decke hüllen und, das Schokoladenkonfekt oder den Teller mit den Pfirsichhälften in Griffweite, lesen.

Sie würde sich fortträumen. Nach Brentwood und Beverly Hills, zu Villen mit zwanzig Zimmern und offenen Luxusautos und Swimmingpools, zu einer Welt aus gepflegten Gärten mit Palmen und Akazien und Bougainvilleen, mit Chauffeuren in knöchellangen Livreemänteln und üppigen Negerhaushälterinnen, die stets eine scharfzüngige, aber tröstende Bemerkung auf den Lippen hatten.

In eine andere Welt als ihre schroffe, grausame, graue.

Sie würde völlig in den Artikel versinken und erst aufschrecken, wenn die Nationalhymne erklang. Sendeschluss, zurück in die Wirklichkeit. Das Radio abdrehen, die Leselampe ausschalten, ihre Abendtoilette machen und kontrollieren, dass der Gasherd aus war. Sie fürchtete sich davor, bei einem Brand umzukommen, Gasexplosionen waren an der Tagesordnung und die Feuersbrünste verheerend, jedes Mal, wenn sie ausging, und jeden Abend, bevor sie zu Bett ging, überprüfte sie den Herd.

In ihrem Schlafzimmer würde es kühl sein, denn ihre kleine Zweizimmerwohnung blieb bis weit in den Mai hinein zugig und kalt. Wie immer, seit Hannes sie verlassen hatte, einfach genug gehabt hatte und ohne ein Wort gegangen war, würde ihr Bett leer sein. Sie würde die Wolldecke ausbreiten, unter die Bettdecke schlüpfen, sich auf die Seite legen, die Beine anziehen, sich wie ein Embryo zusammenkauern, eventuell zwischen Decke und Nachthemd eine Hand auf den Bauch legen, um sich zu wärmen.

Sie würde ihre Einsamkeit spüren, natürlich, sie würde sie bis ins Mark hinein spüren.

Aber sie würde es auch genießen.

Dass sie trotz allem ihren Weg gegangen war. Fort von allem, was niemand, vor allem Rechtsanwalt Claes Thune und seine vornehme Klientel nicht ahnen konnten, wenn sie ihre (wie sie sich einbildeten!) verstohlenen Blicke auf ihr schlichtes, aber schön geschnittenes Kostüm und ihre glänzenden Haare und die schlanken Fesseln warfen, die aus hochhackigen Schuhen lugten.

Und ab morgen: auf ihre manikürten Hände, ihre glattgefeilten und rot lackierten Fingernägel.

Ja. Heute Abend würde eine dieser frisch gepflegten Hände für mehr Wärme sorgend auf ihrem Bauch ruhen und das Fräulein Milja brav schweigen und Matilda ruhig und schnell einschlafen und weiterträumen. Von etwas Besserem. Etwas noch Besserem als dem, was sie schon hatte.

2

EINE HALBE STUNDE nach der Mittagspause hatte sie die ausgehende Korrespondenz ins Reine geschrieben, eingetütet und frankiert. Matilda blickte auf und schaute auf den Kaserntorget hinaus: Der Nebel war dichter geworden, das Rundfunkgebäude auf der anderen Seite des Platzes ließ sich nur noch schemenhaft erkennen.

Sie stand von ihrem Stuhl auf, wollte an die Tür des Anwalts klopfen und ihn fragen, ob sie schon um drei gehen dürfe. Thune hatte im Laufe des Vormittags Besuch von mehreren Klienten erhalten, sie hatte die Männer in sein Büro geschleust, ihn ansonsten aber kaum gesehen, er hatte ihr zwei Briefe diktiert, das war alles. Die Briefe waren im Ton knapp und distanziert, fast schon unfreundlich gewesen. Thune hatte sein Mittagessen im Büro zu sich genommen, ein paar belegte Brote mit Leberwurst und Essiggurken, nachlässig in Butterbrotpapier eingeschlagen, sie hatte gesehen, dass er sie schon am Morgen aus seiner Aktentasche geholt hatte. Die Brote hatten trocken und schrumpelig ausgesehen, und sie hatte sich insgeheim gefragt, was er wohl zu ihnen trank. Dünnbier vielleicht, denn in der Wand neben dem Fenster gab es einen Kühlschrank, in dem sie braune Flaschen gesehen hatte. Sie wusste, dass Thune seit Kurzem geschieden war: Er schien sich in seinem neuen Leben noch nicht ganz zurechtgefunden zu haben.

Die Tür glitt auf, und der länglich schmale, fast kahle Kopf des Anwalts tauchte in der Öffnung auf. Matilda setzte sich schnell wieder auf ihren Stuhl und wartete darauf, dass er sie ansprechen würde. Thune hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Komiker Stan Laurel, das war ihr schon bei ihrem Vorstellungsgespräch aufgefallen. Jetzt lehnte er sich mit der Schulter an den Türpfosten und hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt, seine schlaksige Gestalt sah fast schlangenhaft aus. Dieses Schlangengleiche war eine optische Täuschung, dachte Matilda, ein Milja-Gedanke, ein Trugbild in ihrem Kopf. Thunes Anzug saß wie immer schlecht, an diesem Tag war er blau und hatte Knitterfalten.

Sie mochte Thune recht gern. Gelegentlich war er hochnäsig, ohne es selbst zu merken, außerdem kleidete er sich nachlässig und sagte manchmal seltsame Dinge. Andererseits war er auch freundlich und schien gerecht zu sein. Intelligent und nett, das war wahrlich keine selbstverständliche Kombination. Jedenfalls nicht bei den Klienten, die Thunes Kanzlei besuchten. Laut und von oberflächlicher Freundlichkeit, war Matildas Eindruck. Für manche war sie Luft, als existierte sie überhaupt nicht, andere warfen ihr dagegen unverschämte Blicke zu.

»Frau Leimu leidet an einer hartnäckigen Erkältung«, ergriff Thune nun das Wort, und als er weitersprach, klang er gehetzt: »Sie hütet zu Hause das Bett. In ein paar Minuten habe ich einen Termin mit Grönroos, und heute Abend trifft sich der Mittwochsclub hier im Büro. Wäre es Frau Wiik eventuell möglich, zur Markthalle zu gehen und auf meine Kosten die letzten Dinge für das Treffen zu besorgen?«

Frau Leimu war seit der Scheidung Thunes Haushälterin und Mädchen für alles, ohne sie hätten ihn die Alltagsgeschäfte überrollt. Leopold Grönroos war ein Mitglied des Mittwochsclubs, vermutlich der vermögendste Mann der Runde. Vermieter, Rentier, Spekulant, Geizhals, Lebemann, all diese Bezeichnungen waren Matilda schon auf Grönroos gemünzt zu Ohren gekommen, obwohl sie erst seit anderthalb Monaten für Thune arbeitete.

Grönroos: Jede Woche pünktlich um dieselbe Uhrzeit, Mittwochnachmittag, halb drei. Wahrscheinlich würden er und Thune wieder im hinteren Zimmer zusammenhocken, dem sogenannten Kabinett, und lange und ausführlich über Grönroos’ Geldgeschäfte sprechen. Von Zeit zu Zeit würde Grönroos gereizte Gesten machen, und seine fleischigen Finger würden nervös auf dem Tisch trommeln. Sobald Thune mit ruhiger Stimme auf ein Risiko sinkender Rendite hinwies, würde Grönroos unweigerlich die Nase rümpfen. Wenn die Besprechung etwa eine Stunde andauerte, würde Thune nach Matilda rufen und sie bitten, aus dem Barschrank in seinem Büro Portwein, Whisky und die dazu passenden Gläser zu holen. Er würde »ein kleines Tröpfchen« vorschlagen und Grönroos daraufhin zunächst dankend ablehnen und auf seine Gicht verweisen, die von Jahr zu Jahr schlimmer wurde. Anschließend würde Grönroos es sich dann jedoch anders überlegen, woraufhin Thune und er schon bald beim zweiten und auch dritten Tröpfchen zusammensitzen würden. Zu diesem Zeitpunkt sprachen sie dann nicht mehr über Geld, sondern hatten sich Langstreckenläufern und Symphonikern zugewandt, und mit der Zeit, beim vierten oder fünften Tröpfchen, würden sie bereits angetrunken sein. All das hatte Matilda gesehen, wenn sie ihnen Aktenordner und Bücher brachte und Getränke servierte. Dort hinten im Kabinett war es dauerhaft dunkel, im Kachelofen brannte ein Feuer, nur eine kleine Schirmlampe spendete Licht, Thune wollte es so. Doch selbst wenn es heller gewesen wäre, hätte sie die beiden unbemerkt beobachten können, sie waren so in ihre Diskussionen vertieft, dass sie es kaum merkten, wenn sie kam oder ging.

Sie war enttäuscht über die Wendung, die der Tag genommen hatte, verbarg ihre Gefühle jedoch, so gut es ging. Der Mittwochsclub war Thunes Herrenrunde, die sich an jedem dritten Mittwoch im Monat bei einem der Mitglieder versammelte. Das war so ziemlich alles, was Matilda über den Club wusste, aber ihr war klar, wenn Frau Leimu krank war und das Treffen im März in der Kanzlei stattfinden sollte, würde sie nicht früher nach Hause gehen können.

»Was darf ich in Ihrem Auftrag in der Markthalle besorgen?«, fragte sie.

»Eine Bauernpastete, gerne eine kräftige«, antwortete Thune. »Ein paar Stücke Käse, gereifte. Salzgebäck, nehmen Sie das britische. Und grüne Oliven, ohne Kerne. Kaufen Sie die italienischen, nicht die spanischen. Nehmen Sie zwei Dosen.«

Thune zog seine Brille auf die Nasenspitze herunter und sah sie freundlich an: »Außerdem habe ich Ihnen doch gesagt, dass Sie mich nicht ständig so förmlich ansprechen müssen. Es geht auch etwas formloser.«

Er fischte seine Geldbörse aus der Innentasche seines zerknitterten Jacketts, blätterte in den Geldscheinen und zog einen Fünfzig-Mark-Schein heraus. Überlegte es sich anders, steckte den Fünfziger wieder zurück und zupfte stattdessen einen Hundert-Mark-Schein heraus:

»Könnten Sie bitte auch im Alkoholladen vorbeischauen? Zwei Flaschen Portwein und zwei Flaschen Whisky. Fragen Sie nach Lehtonen, dem Filialleiter. Er hat die Bestellung entgegengenommen, sie hatten die Ware nicht vorrätig.«

Matilda nahm den Geldschein in Empfang und warf einen kurzen Blick darauf. Im Vordergrund war eine Gruppe nackter und athletischer Menschen abgebildet, im Hintergrund stießen Fabrikschornsteine dicke Rauchsäulen aus. Hatte Thune gesehen, dass die Frau vorne links einen wohl geformten Po besaß? Das hatte er bestimmt, beantwortete Matilda stumm ihre eigene Frage.

Später sollte sie sich erinnern, dass der graue Dunst an diesem Tag eine rauchige, fast freundliche Qualität besessen hatte. Nicht dieses alltägliche Märzgrau, das karge und schroffe, mit Eisschollen und kleinen Eisblöcken, die in den inneren Hafenbecken vor sich hin dümpelten, in denen das Wasser noch vollkommen schwarz war. Stattdessen ein laues Grau, eine Decke, in die man sich hüllte. Wie im September, wenn die Hitzewellen vorüber und die letzten Gewitter abgezogen waren.

Eine unwirkliche Stimmung ruhte über der Stadt. Das Leben ein Traum, ein konturloses Trugbild. Da war es wieder, dieses Wort, und sie fragte sich, warum es ihr ständig in den Sinn kam. Dann fiel ihr Konni ein. Er hatte ihr im Februar geschrieben, aus Åbo, wo er wohnte und sein Tanzorchester Arizona den ganzen Winter über im Tanzlokal Hamburger Börs engagiert gewesen war. Er hatte ihr von den neuen Stücken erzählt, die er komponiert hatte, unter anderem von einem Lied, das tatsächlich Trugbild hieß.

Konni hatte ihr geschrieben, er wolle Trugbild mit Arizona aufnehmen, sei jedoch knapp bei Kasse und überlege deshalb, den Titel an Dallapé oder an die Ramblers zu verkaufen. Er hatte auch früher schon Lieder abgegeben, wenn sich die Platten seines eigenen Tanzorchesters nicht verkaufen wollten. Ihr geliebter kleiner Bruder Konni. Seit fast einem Jahr hatten sie sich nicht mehr gesehen, und Matilda vermisste ihn. Viele Jahre hatten sie an verschiedenen Orten gelebt, ohne zu wissen, wie es dem anderen erging, das war zu jener Zeit gewesen, als Matilda erwachsen wurde, während Konni noch ein Kind war. Trotzdem standen sie sich nahe und wechselten Briefe, wenn sie sich nicht sehen konnten. Konni brachte allerdings nur selten etwas über seine Gefühle oder tiefschürfende Gedanken zu Papier. Er und Tuulikki hatten im November ein weiteres Kind bekommen, es war schon ihr drittes, und sie waren von Anfang an in Geldnot gewesen. Manchmal fragte sich Matilda, wie es Konni wirklich ging.

Sie schob die Gedanken an ihren Bruder beiseite und führte mechanisch ihre Erledigungen durch. Sie grämte sich nicht, weil sie ihre Pläne hatte aufgeben müssen. So war das im Leben, es kam nur selten, wie man es sich gedacht hatte. Sie war daran gewöhnt, sich nach anderen zu richten, was einer der Gründe dafür war, dass sie ihre Arbeit so gut machte. Außerdem wäre der Abend ohnehin kaum so festlich verlaufen, wie sie geplant hatte. Als sie über die Kaserngatan eilte, regte sich in ihrem Unterleib und der Leistengegend bereits ein dumpfer Schmerz. Sie würde in Kürze ihre Regel bekommen, wahrscheinlich schon an diesem Abend, und während des gesamten ersten Tages quälten sie regelmäßig Unterleibsschmerzen.

Es begann zu regnen, und auf einmal bildeten sich überall Schlangen, so dass ihre Einkäufe mehr Zeit in Anspruch nahmen als erwartet, und als sie schließlich ins Büro zurückkehrte, waren Thune und Grönroos nicht mehr allein. Der Mittwochsclub war eingetroffen, sie hörte die aufgekratzten Männerstimmen seiner Mitglieder schon, als sie die Treppe heraufkam, es war ein lebhaftes Stimmengewirr. Das Haus war Anfang des Jahrhunderts erbaut worden und besaß keinen Aufzug, und so kämpfte sie sich mit Frau Leimus Strohkorb in der einen Hand und dem Einkaufsnetz voller Flaschen in der anderen nach oben. Inzwischen hörte sie die Stimmen deutlicher, wahrscheinlich standen die Männer dichtgedrängt im Eingang, und die Tür zum Treppenhaus war offen. Sie hörte Thunes Stimme und die von Grönroos und mehrere unbekannte Stimmen: Sie unterhielten sich so lautstark und übertrieben gutmütig, wie Männer es immer taten, wenn sie sich längere Zeit nicht gesehen hatten.

Sie erstarrte.

Unter diesen unbekannten Stimmen gab es eine, die sie kannte. Anfangs wollte es ihr nicht gelingen, sie einzuordnen, aber ihr Klang erfüllte sie sofort mit Unbehagen, und kurz darauf ahnte sie, wessen Stimme das war. Und als sie den Mann eine heitere Bemerkung machen – ihr erschloss sich nicht, worum es ging oder an wen er sich wandte – und anschließend über seine eigenen Worte lachen hörte, wusste sie Bescheid. Die Stimme mochte ein wenig tiefer geworden sein, aber sein Lachen hatte sich nicht verändert.

Die Männerstimmen hallten im Treppenhaus wider und wälzten sich wie eine unaufhaltsame Flut zu ihr herab. Sie wurde in eine andere Zeit versetzt. Ein offenes Fenster. Sommer. Hinter dem Fenster ein sandiger Platz, ein weitgestrecktes, sonnendurchtränktes, staubiges Exerziergelände. Nur eine einsame und hochgewachsene Kiefer sowie eine alte Fichte durchbrachen die Einförmigkeit des freien Feldes. Sie hatte gehört, dass sie das Feld Sahara genannt hatten. Ihr war schlecht, und sie sehnte sich hinaus. Sehnte sich dort hinaus, obwohl sie wusste, dass bei der täglichen Arbeit immer irgendwer an Hunger und Schwäche starb. Sie hörte Stimmen, sie befanden sich im selben Raum wie sie, sie redeten in mehreren Sprachen. Der Blick, der stur zum Fenster hinausging, der Sitz, der an ihren Oberschenkeln klebte, ihre nackten, kalten Füße.

Sie stand unten im Treppenhaus und hörte schnelle Schritte, unmittelbar danach wurde über ihr die Tür geschlossen. Die Stimmen schrumpften zu einem leisen Murmeln und wurden anschließend noch schwächer, als die Männer das Vorzimmer verließen und zu Thune hineingingen. Matilda rührte sich nicht von der Stelle, und dumpf und donnernd senkte sich die Stille herab. Kälte breitete sich in ihrem ganzen Körper aus, und ihre Beine waren so zittrig und schwach, als würden ihre Glieder sie nie wieder tragen können.

Dann riss sie sich zusammen, hielt das Einkaufsnetz und den Korb mit den Käsen und allem anderen fest umklammert und ging nach oben.

3

FÜR EINIGE KURZE Momente, ehe er sie angesprochen oder sich ihr gezeigt hatte, als er gerade die Tür einen Spaltbreit geöffnet hatte und sie unschlüssig vor ihrem Schreibtisch im Vorzimmer warten sah, während er selbst noch im Halbdunkel des Zimmers verborgen stand, erinnerte sich Thune an ihre reservierten Antworten beim Vorstellungsgespräch. Frau Matilda Wiik hatte einen intelligenten, aber auch rätselhaften Eindruck auf ihn gemacht. Ihre maschinengeschriebene Bewerbung war nicht sonderlich aussagekräftig gewesen. Sie war sechsunddreißig Jahre alt, und Thune, der erst kürzlich vierzig geworden war, hatte eigentlich eine jüngere Frau einstellen wollen. Und eine schönere, obgleich es ihm schwerfiel, sich das einzugestehen: Für die Stelle einer Kontoristin war das Aussehen schließlich irrelevant.

Frau Wiik war keineswegs abstoßend. Sie hatte klare Gesichtszüge, kleidete sich schlicht, aber gepflegt, hatte eine hübsche Figur, sah jünger aus, als sie war. Außerdem waren ihre Qualifikationen tadellos: Examen an der Höheren Handelsschule, exzellente Beherrschung von Stenographie und Zehnfingersystem, ausgezeichnete Sprachkenntnisse des Schwedischen und Finnischen, passable Deutschkenntnisse und befriedigende Englischkenntnisse, eine langfristige Anstellung bei der renommierten Speditionsfirma Hoffman & Laurén. Dennoch hatte sie etwas Sperriges, Eisiges an sich, was Thune während ihres Gesprächs vorsichtig und auf der Hut bleiben ließ.

Er: »Sie heißen Milja Matilda Aleksandra Wiik?«

Sie: »Ja.«

»Aber Sie verwenden Matilda als Rufname?«

»Ja, wenn möglich.«

»Und warum?«

»Keine Ahnung. Es hat sich so ergeben. Matilda ist ein schönerer Name.«

»Und Ihre Muttersprache ist Schwedisch?«

»Mein Vater sprach Schwedisch. Meine Mutter nur Finnisch und Russisch.«

»Sprechen Sie Russisch?«

»Nein, leider nicht. Ich verstehe vielleicht hundert Wörter. Aber verstehen ist nicht das Gleiche wie sprechen.«

Er hatte sie angelächelt und gesagt: »Und über ein Thema zu sprechen ist nicht das Gleiche, wie es zu verstehen.«

Nur ein klitzekleines Zucken in ihren Mundwinkeln, als sie erwiderte: »Nein, das ist es natürlich nicht.«

Er: »Und was machen Ihre Eltern heute?«

Sie: »Sie leben nicht mehr.«

Er hatte eine Fortsetzung erwartet, die jedoch nicht kam. Daraufhin hatte er seiner Neugier nachgegeben:

»Was ist mit ihnen passiert? Wenn man fragen darf?«

»Sie sind früh gestorben. An Krankheiten. Ich bin bei … Verwandten aufgewachsen. Ist das wichtig?«

Ihre offenherzige Gegenfrage hatte Thune überrumpelt. Er hatte versucht, seinen Mangel an Feingefühl zu überspielen, und sich erkundigt:

»Warum haben Sie Hoffman & Laurén verlassen?«

»Darüber möchte ich lieber nicht sprechen.«

»Aber die Firma hat Ihnen ein glänzendes Zeugnis ausgestellt. Wenn man so große Stücke auf sie hielt, warum …?«

Sie hatte ihn mit der Miene eines Menschen angesehen, der einem trotzigen und nicht sonderlich intelligenten Kind zuhört.

Und geantwortet: »Können Sie sich nicht einfach dazu durchringen zu glauben, dass alles, was in meinem Zeugnis steht, der Wahrheit entspricht?«

Er hatte sie gesehen: die Einsamkeit, die sie umgab. Aber ihre kurzen und präzisen Antworten hatten auch etwas Anziehendes gehabt. Er war das Risiko eingegangen und hatte sie eingestellt, und sie hatte ihn nicht enttäuscht. Sie machte ihre Arbeit tadellos, in den vergangenen sieben Wochen hatte er kein einziges Mal Grund gehabt, ihre Kompetenz in Zweifel zu ziehen.

An jenem Mittwoch empfing Thune bereits vor dem Mittagessen drei Klienten. Er bat Frau Wiik, einige Auslandstelefonate anzumelden, eines von ihnen mit der finnischen Botschaft in der Stankevitjstraße in Moskau, ein anderes mit einer Bank in Stockholm. Außerdem diktierte er ihr zwei Briefe. Sie waren im Ton sehr formal gehalten, und bei einer besonders scharfen Formulierung sah er, dass Frau Wiik die linke Augenbraue ein wenig hob. Ansonsten war alles wie gehabt. Er nahm ihre Dienstleistungen in Anspruch, ohne sich irgendwelche Gedanken darüber zu machen, wer sie war und was sich in ihrem Inneren regte.

Sie hatte einen schnellen Kopf.

Sie war tüchtig.

Dennoch blieb sie eine Bedienstete. Sie stand Thune zur Verfügung, sie erledigte in seinem Auftrag Dinge, nur darum ging es.

Als er in der Tür stand und einen Hundert-Mark-Schein herauszog und Frau Wiik zur Markthalle und zum Alkoholladen schickte, dachte Thune auch nicht an seine eigenen Arbeitsaufgaben. Es waren simple Routineerledigungen, die er im Schlaf beherrschte.

Er dachte daran, dass hinten, im Kabinett, in wenigen Stunden der Mittwochsclub tagen würde.

Und daran, dass er vorher wieder einmal Pelle Grönroos würde beruhigen müssen, den die manische Angst umtrieb, sein Vermögen könnte aufhören, sich zu vermehren. Wenn Thune nicht so unglaublich wütend auf Robert Lindemark gewesen wäre, hätte er Grönroos schon vor langer Zeit zu Robi geschickt. Grönroos brauchte einen Nervenarzt, keinen Finanzberater.

Der deutsche Einmarsch in ein jubelndes Österreich würde das große Gesprächsthema des Abends werden, davon war er überzeugt. Er lag inzwischen zwar schon einige Tage zurück, war aber immer noch in aller Munde. Thune selbst hatte in seinem trostlosen Schlafzimmer am Fenster gestanden, an Gabi gedacht und den Kirchenglocken gelauscht, die zur Sonntagsmesse läuteten, während ein Sprecher der Finnischen Nachrichtenagentur Hitlers triumphierende Worte im Radio wiedergegeben hatte. Großdeutschland, Erbe des römischen Kaiserreichs, das Weltreich, vor dem tausend goldene Jahre lagen. Es war in Mode, so zu reden: Thune kannte Kollegen, die sich ein Groß-Finnland ausmalten, dessen Ostgrenze hinter dem Ural lag, wenn sie sich nach den Sitzungen des Anwaltsverbands beim anschließenden Bankett betranken.

Thune war dabei, sein Leben neu auszurichten. Manchmal, wie in diesem Moment, dachte er an die sechs jungen Männer, die einst den Mittwochsclub gegründet hatten, und an die sechs Männer mittleren Alters, die übriggeblieben waren. Die ersten sechs waren mit letzteren nicht identisch, zwei waren im Laufe der Jahre ausgeschieden und zwei neue hinzugekommen.

Sie hatten den Club im Herbst siebenundzwanzig gegründet, nur wenige Monate, nachdem Thune seine Gabi geheiratet hatte, mitten in der Phase der Hochkonjunktur, als die Stadt voller neu eröffneter Jazzkneipen war und die Tänzerin Ida Bedrich im Lido in der Fabiansgatan so gut wie nackt auftrat. Sie hatten damals Abschied vom Studentenleben genommen – alle außer dem faulen Guido Röman – und Stellen in soliden Unternehmen und Institutionen angenommen. In den Statuten des Mittwochsclubs hieß es, dieser habe es sich zum Ziel gesetzt, »in der Stadt Helsingfors einen Beitrag zur Erhaltung und Vertiefung des politischen und kulturellen Dialogs in schwedischer Sprache zu leisten«, aber der eigentliche Sinn und Zweck des Ganzen bestand darin, den Mitgliedern eine Gelegenheit zum Trinken zu geben. Bis Anfang 1933 war man sehr aktiv gewesen, danach hatten sie den Club auf Sparflamme weitergeführt, während Thune bei den Gesandtschaften in Stockholm und Moskau postiert war, aber nun war der Club erneut aktiv geworden.

Thune war niemand, der sich aufspielte. Er beharrte niemals auf seinem Standpunkt, war bei ihren Diskussionen selten die treibende Kraft und spielte seine Rolle Außenstehenden gegenüber gerne herunter. Trotzdem wusste er, dass er für den Mittwochsclub wichtig war.

Der unglückselige Bertel Ringwald war schon im Sommer einunddreißig ein Opfer der tückischen Vidskärsbucht in den Schären vor Åbo geworden, wo er bei hohem Seegang das Großsegel einholen wollte, dabei jedoch über Bord ging und ertrank. Ein Jahr später heiratete Hugo Ekblad-Schmidt eine Pariserin und bekam den Posten eines stellvertretenden Direktors in der Agentur seines Schwiegervaters mit Geschäftssitz in einer Nebenstraße im Marais.

Von den Gründungsmitgliedern geblieben waren der Psychiater Robert Lindemark, der Journalist Guido Röman, der Dichter und Schauspieler Joachim »Jogi« Jary sowie Thune.

Der Geschäftsmann Leopold Grönroos und der Arzt Lorens »Zorro« Arelius waren später in ihren Zirkel aufgenommen worden. Arelius sogar erst 1936.

Eine bunt gemischte Gesellschaft, die jedoch durch starke Bande miteinander verbunden war.

Sie würden auch diesmal nicht vollzählig tagen.

Robi Lindemark würde wieder hinzustoßen, zum ersten Mal seit der Sache mit Gabi. Pro forma war Lindemark auch zu den letzten Treffen eingeladen worden, hatte jedoch stets abgesagt. Keiner wusste, ob er aus Rücksicht auf Thune oder aus Angst oder Scham verzichtet hatte, aber dass seine Absagen mit Gabi zusammenhingen, war zumindest sicher.

Gabi und Robi. Gabi und Robi und der dumme, nette, blinde Klasi. In Thunes Innerem blitzte die Eifersucht noch immer auf wie ein stählern glänzendes Messer, dazu kam es mindestens einmal in der Woche. Aber er hatte sich entschieden. Die Zeit war reif für Großmut. Deshalb hatte er Lindemark angerufen und ihn persönlich eingeladen. Ihre Unterhaltung war zäh verlaufen, aber Thune war hartnäckig geblieben, und ein verlegener Robi hatte seine Einladung schließlich angenommen.

Während ein Clubmitglied wieder zu ihrem Zirkel stieß, blieb ein anderes fort. Joachim Jary hatte mitgeteilt, er sei verhindert. Besser gesagt: Während ihres Telefonats hatte Oberarzt Lindemark Thune davon unterrichtet, dass Jary verhindert sein würde. Jary hatte erneut einen Nervenzusammenbruch erlitten und war ein weiteres Mal in die Klinik in Kopparbäck nördlich der Stadt aufgenommen worden.

Thune dachte an seine und Robi Lindemarks Freundschaft, er konnte nicht anders.

Wie sie als Gymnasiasten im Brunnspark und am Seehafen vorbei zur Bucht Sandviken hinunterspaziert waren, durch das weiße Licht des Frühjahrs und die langen, dunklen Abende des Herbstes flanierten und über Philosophie und Literatur diskutierten. Bergson und Barbusse, Kipling und Tolstoi, Aho und Schildt. Thune so groß, schlank und blond, wie Lindemark untersetzt, kräftig gebaut und dunkelhaarig war. Der Rabe und der Geier, Pech und Schwefel, Max und Moritz: Was hatten sich die kühneren Jünglinge, die im Winter Ski sprangen und im Sommer zur Insel Rönnskär hinausschwammen, nicht alles für Spitznamen für die beiden ausgedacht. Aber Robi und Klasi hatten ihrem Spott keine Beachtung geschenkt. Sie waren seit Kindertagen befreundet, wohnten beide in der Parkgatan und achteten darauf, dass sie im Lyzeum Jahr um Jahr nebeneinandersaßen. Sie waren beste Freunde, ja, mehr als das, sie waren Blutsbrüder. Als sie zwölf waren, hatten sie im Sommer das Ritual vollzogen, sich mit einem Taschenmesser feierlich in den Daumen geschnitten und ihr Blut vermischt.

Einen Pakt geschlossen.

Doch das war lange her.

Thune rief sich den stürmischen Freitag vor anderthalb Jahren ins Gedächtnis, und wie operettenhaft ihm alles vorgekommen war.

Oktober sechsunddreißig. Ein paar Monate, nachdem Thune und Gabi aus Stockholm zurückgekehrt waren, ein paar Wochen bevor Thune nach Moskau umziehen würde. Gabi hatte ihm bereits mitgeteilt, dass sie in Helsingfors bleiben wolle, sie ertrage es nicht mehr, im Ausland zu leben. Außerdem traue sie den Bolschewiken nicht, erklärte sie, erst recht keinem wie diesem Stalin.

Ein gutes Jahr zuvor hatte Thune rein zufällig das Versteck gefunden, in dem Gabi ihr Tagebuch verwahrte. Und die Erzählungen, an denen sie ohne sein Wissen schrieb.

Bei der Lektüre war ihm schlecht geworden, trotzdem hatte er beschlossen, fürs Erste keinen Verdacht zu schöpfen.

Unmittelbar nach ihrer Rückkehr nach Helsingfors und dem Einzug in die Wohnung in der Högbergsgatan hatte er sich vergewissert, dass sie das Tagebuch und die Schreibhefte immer noch an derselben Stelle verbarg. Und jedes Mal, wenn sich ihm die Gelegenheit dazu bot, hatte er weitergelesen.

An einem Donnerstag im Oktober hatte er den Büroangestellten mitgeteilt, dass er am nächsten Tag nicht ins Ministerium kommen werde: Er wolle zu Hause arbeiten und nicht durch Telefonate gestört werden.

Am Freitagvormittag hatte er sich um elf Uhr vor der Broberg’schen Schule mit Lindemark getroffen. Thune war in den metallgrauen Opel des Nervenarztes gestiegen, und sie waren zu Lindemarks ganzem Stolz gefahren, der neuen und modernen Nervenheilanstalt in Kopparbäck.

Während der Fahrt hatten sie kaum miteinander gesprochen. Wütende Windböen hatten das kleine, stählerne Auto geschüttelt und Lindemark gezwungen, das Lenkrad fest zu packen und sich aufs Fahren zu konzentrieren. Das Wenige, was sie sagten, hatte dafür umso schwerer gewogen. Als sie Tusby hinter sich gelassen hatten und sich aus südlicher Richtung kommend bereits Kopparbäck näherten, hatte Thune einen resignierten Seufzer von sich gegeben und, ohne den Kopf zu drehen oder seinen Freund anzusehen, bemerkt:

»Gabi ist kurz davor, mich zu verlassen. Sie hat offensichtlich eine ernstzunehmende Affäre.«

Lindemark hatte eine mitfühlende Miene aufgesetzt, den Blick jedoch weiter auf die Straße gerichtet. Gut so, hatte Thune gedacht, denn der Olympia wankte bedenklich im Wind.

»Das kling dramatisch, Klasi. Und unwahrscheinlich. Mit wem?«

»Mit dir, Robi«, hatte Thune ihm mit ruhiger Stimme geantwortet. Im selben Moment hatte er sich gefragt, warum er sich nicht einfach nach links hinüberlehnte und heftig am Lenkrad riss, es wäre so leicht gewesen, und angesichts einer Geschwindigkeit von 75 bis 80 Stundenkilometern wären die Folgen sicher verheerend gewesen.

Stattdessen hatte er lediglich hinzugefügt: »Das war es doch sicher, was du mir bei unserem Essen erzählen wolltest, habe ich recht?«

Ein Außenstehender hätte es sicher einigermaßen komisch gefunden, dass sie an ihrem gemeinsamen Mittagessen festhielten. Das Essen war eine Idee, auf die sie verfallen waren, als das Leben begann, sie in verschiedene Richtungen zu führen, und aus der sie eine Tradition gemacht hatten: Ein Mal im Jahr würde Lindemark Thune zu einem Mittagessen einladen, und ein Mal dieser ihn. Als Lindemark Oberarzt in Kopparbäck wurde, ging er dazu über, Thune dorthin einzuladen. Wenn Thune an der Reihe war, reservierte er in der Regel einen Tisch in einem der Restaurants im Zentrum von Helsingfors, im Kämp, Royal oder Monte Carlo.

Die Umstände ließen die Mahlzeit für beide naturgemäß zu einer Tortur werden. Sie fanden keinen Weg, sich dem Thema des Tages in konstruktiver Weise zu nähern. Also saßen sie da und schwiegen. Das Essen war vorzüglich – eine Pilzsuppe, gedünsteter Zander, Vanillepudding, Kaffee mit Cognac –, wurde jedoch nur vom Klirren des Bestecks und von den diskreten, aber schnellen Schritten der beiden Kellner zwischen dem Servierzimmer der Dienstwohnung und dem Salon, in dem die beiden Männer saßen, unterbrochen.

Einmal, sie hatten gerade begonnen, die Suppe zu löffeln, erhob Robi sein Glas und platzte mit einem »Prost! Trotz allem herzlich willkommen!« heraus. Thune erhob als Antwort das seine. Anschließend leerten sie ihre Gläser in einem Zug, führten sie zur Höhe des dritten Jackettknopfs von oben und gaben ein vernehmliches »Ahhh!« von sich. Gleichzeitig fragte er sich, warum Robi und er sich auf einmal wie zwei Anwärter aus der Kadettenschule in Munksnäs benahmen. Keiner von ihnen war militärisch veranlagt, das waren sie nicht einmal gewesen, als sie zwanzig gewesen waren und sich das Land in ein Inferno verwandelte, in dem jeder jedem misstraute.

Hinter dem Fenster des Esszimmers schien die Sonne, aber der Nordwind wehte unverändert kräftig, und in der Stille, die dem Trinkspruch folgte, war sein Heulen deutlich vernehmbar. Thune lauschte dem Geräusch und träumte von einem altmodischen Pistolenduell. Dann wurde ihm bewusst, wie lächerlich der Gedanke war. Er schoss doch gar nicht in seiner Freizeit, weder mit Pistole noch Gewehr, er gehörte ja nicht einmal dem Schutzcorps an, und wenn ihn nicht alles täuschte, galt für Robi das Gleiche.

Später, als sie sich den Pudding einverleibten, der weiß und fest war, konnte Thune sich jedoch nicht des Gedankens erwehren, wie sich Robis haariger Po kolbenartig über Gabi bewegte, zwischen ihren gespreizten Beinen, vielleicht war sie nackt, vielleicht hatte sie aber auch nur das Nachthemd unter den Pobacken und bis zum Bauch hochgezogen, wie sie es bei Thune immer tat. Während er nach seinem Dessertlöffel griff, stellte er sich vor, wie er mit einem riesigen Tranchiermesser immer und immer wieder auf das nackte Hinterteil seines früheren Kameraden einstach. Doch als Lindemark Thune in die Augen sah und das kleine Glas mit süßer Spätlese bis zum dritten Jackettknopf hob, ließ Thune sich nichts anmerken, bedankte sich für das Essen und bemerkte mit fester Stimme, der Zander sei wirklich ganz vorzüglich gewesen. Er wollte Lindemark fragen, woran dieser dachte – a penny for your thoughts –, da er annahm, dass sein Gastgeber auch da und dort, in diesem scheinbar so ruhigen und banalen Augenblick an Gabi dachte. War Gabi übrigens dort gewesen, waren Lindemark und sie auch in dieser Dienstwohnung zusammen gewesen? Mit Sicherheit. Aber Thune stellte keine Fragen, und Lindemark zog es seinerseits vor, aus dem Fenster zu schauen, während er seinen Pudding löffelte – sein Blick war auf den großen Ahornbaum vor der Klinik gerichtet, der bereits anfing, rot und gelb zu lodern, und aus seiner Miene ließ sich nichts herauslesen.

Und nun war es ein trübgrauer Mittwoch im März, und seit jenem Tag waren eineinhalb Jahre vergangen. Gabi hatte eine Zweizimmerwohnung am hinteren Ende der Albertsgatan gemietet, verbrachte jedoch wesentlich mehr Zeit in Robis geräumiger Wohnung in der Villagatan, und Thunes und Gabis Scheidung nahm ihren Lauf.

Thune hatte sich geweigert, die Scheidung auf Grund von Untreue einzureichen, weshalb Gabi und er zwei Jahre an verschiedenen Wohnsitzen verbringen mussten, ehe ihre Scheidung rechtskräftig wurde.

»Ich bin ein moderner Mensch und ein moderner Jurist«, hatte Thune Gabi angefaucht, »ich habe nun wirklich nicht die Absicht, mich auf etwas derart Alttestamentarisches wie Hurerei zu berufen.«

Gegen halb vier, als Erster aus dem Mittwochsclub (abgesehen von Grönroos, der bereits recht angeheitert war), klingelte dann der Mann, der Thune die Frau abspenstig gemacht hatte, an der Tür. Thune musste ihm selbst öffnen, Frau Wiik war noch nicht zurückgekehrt.

»Lieber Robi, herzlich willkommen«, sagte Thune kurz und wich ein paar Schritte zurück, damit Lindemark eintreten konnte.

»Klasi, lange nicht gesehen, herzlichen Dank für deine Einladung«, erwiderte Lindemark. Thune fand, dass seine Worte einstudiert wirkten. Lindemarks Gesicht strahlte sanguinisches Wohlwollen und große Ruhe aus, aber in seinen Handbewegungen lag eine ungewöhnliche Fahrigkeit, als er die Nässe aus seinem Schirm schüttelte und ihn zum Trocknen ins Treppenhaus stellte.

Frau Wiik war erst nach vier mit den Delikatessen und den Flaschen zurück gewesen. Zu diesem Zeitpunkt waren auch Röman und Arelius eingetroffen. Frau Wiik war vom Schneeregen überrascht worden, ihr Mantel war nass, und es schien sie verlegen zu machen, wie ihre Haare aussahen. Thune wusste, dass die zusätzlichen Flaschen einen Notfallexzess bildeten. Er hatte schon vorher genug Wein und Spirituosen besorgt, wollte jedoch nicht das geringste Risiko eingehen – das Schlimmste, was ihnen passieren könnte, wäre sicherlich, wenn ihnen der Alkohol ausginge.

Thune stellte ihr außer Grönroos der Reihe nach alle Clubmitglieder vor. Robert Lindemark präsentierte er mit seinem Titel Oberarzt, konnte sich aber nicht verkneifen, »und Lebemann« hinzuzufügen. Thunes Tonfall war bei diesen Worten leicht ironisch. Die anderen Männer, die Bescheid wussten, merkten es und wechselten diskrete Blicke. Lindemark ließ sich nichts anmerken, und Frau Wiik schien nichts aufgefallen zu sein.

Anschließend stellte er sie nicht ohne Stolz den anderen Männern vor: »Unser vortrefflicher Neuzugang in unserem Büro. Frau Wiik ist erst seit sieben Wochen bei uns, hat sich aber schon jetzt unersetzlich gemacht.«

Guido Röman lachte kurz auf und sagte: »Warum redest du von uns, Klasi? Wir wissen doch alle, dass es hier nur sie und dich gibt.«

»Vorübergehend, mein lieber Guido. Im Sommer kommt Rolle zurück.«

Thunes Neffe Rolf-Åke Hansell hatte die Kanzlei in den Jahren geleitet, in denen Thune für das Ministerium gearbeitet hatte. Trotz seines jugendlichen Alters – 28 Jahre – war Rolle Hansell bereits ein besserer Jurist und Finanzberater als sein Onkel. Rolle stand kurz vor seiner Promotion im schwedischen Uppsala. Thune, der sich in beruflichen Fragen niemals selbst belog, konnte es kaum noch erwarten, dass sein Neffe in die Kanzlei zurückkehrte.

Er warf einen Blick auf Frau Wiik, die während des Dialogs keine Miene verzogen hatte. Sie hatte Arelius, Lindemark und Röman höflich, aber zurückhaltend gegrüßt und ein wenig mit den Knien geknickst. Thune fand, dass sie blass und müde aussah. Lag es am Nebel, an diesem schweren und grauen Tag? Oder setzte er sie zu sehr unter Druck, sollte er sie an einem der nächsten Tage vielleicht etwas früher nach Hause gehen lassen?

4

ALS DIE ANDEREN gegangen waren, blieb Thune noch ein wenig.

Es wurde langsam kalt im Zimmer, weshalb er nach einigen Holzscheiten griff, die Luken des Kachelofens öffnete und das Feuer erneut anfachte.

Vor dem Fenster hing dichter und triefend feuchter Nebel. Der Kaserntorget lag verwaist, eine stille Unterwasserwelt: die Lichtrondelle der Straßenlaternen mit vagen Konturen wie bleiche Quallen.

Thune kam sich vor wie ein Idiot.

Der Clubabend hatte ihn unter Druck gesetzt, und es hatte ihn größte Mühe gekostet, das Wohlwollen aufzubringen, das er, wie er sich vorgenommen hatte, trotz seiner Einsamkeit und Verbitterung Robi Lindemark gegenüber zeigen wollte.

Jetzt war er schwermütig gestimmt und fühlte sich so unfrei, als hätte jemand ein Metallband um seinen Kopf gespannt.

Ihre Gespräche hatten um Europa und die große Politik gekreist, was sich nicht sonderlich angenehm gestaltet hatte. Das Essen, mit dem die Wirkung des Alkohols gedämpft werden sollte, hatten sie schon innerhalb der ersten Stunde verschlungen. Danach lief die Zecherei aus dem Ruder, was allerdings nicht ihre alte Kameradschaft neu befeuert hatte, wie Thune es sich erhofft hatte. Stattdessen hatte der Rausch Zwistigkeiten angefacht, die seit langem untergründig schwelten.

Thune hatte Robi Lindemark gegenübergesessen und war verlegen gewesen. Er hatte versucht, möglichst nicht an Gabi zu denken.

Natürlich hatte er an Gabi gedacht.

Den ganzen Abend hatte er an Gabi gedacht.

Mehrmals hatten ihn seine unpräzisen Beiträge zur brandaktuellen Deutschlandfrage unüberhörbar verraten. Erstmals in der zehnjährigen Geschichte des Mittwochsclubs tauchten so tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten auf, dass der gegenseitige Respekt der Mitglieder auf eine harte Probe gestellt wurde. Zum ersten Mal ahnten die versammelten Männer, dass selbst der verschworenste Freundeskreis Gefahr läuft, auseinandergerissen zu werden, wenn aus Politik Krieg wird. Und was machte der Lizentiat der Jurisprudenz Claes Thune in dieser Situation?

Sitzt am Tisch und ist zwar körperlich anwesend, aber nicht mit dem Herzen.

Sitzt da und ist in Gedanken versunken, die um seine frühere Gattin kreisen, in Grübeleien vertieft, in denen es um ihre Vorlieben und Gelüste geht.

Er hatte sich an ihren letzten gemeinsamen Sommer in Schweden erinnert.

Juli sechsunddreißig.

Gabi war mit einigen schwedischen Freundinnen an die schwedische Westküste gereist. Zwei Wochen der Flucht. Segeln vor der Insel Marstrand, Strandleben und Meerbad in Tylösand, Thune wusste es nicht so genau. Er selbst war in Stockholm geblieben, musste einige Berichte schreiben. Danach würde er seinen Urlaub nehmen, und Gabi und er würden nach Finnland reisen, zur Villa von Gabis Familienclan auf den Sommerinseln in den Schären vor Esbo.

Thune hatte ihrer Haushälterin Elsa frei gegeben, im Sturehof und im Anglais gegessen, in der sommerlich leeren Botschaftskanzlei am Strandvägen den laufenden Betrieb aufrechterhalten, im Säcken mit ein paar Journalisten Bier getrunken, hatte sich sicher und zufrieden gefühlt, weil es ihm gut ging, wo er war, und Gabi dort, wo sie war. Die meiste Zeit hatte er jedoch in der warmen und engen Wohnung nahe der Johannes-Kirche verbracht, die Schreibmaschine hatte auf dem Tisch im kleinen Esszimmer gestanden, er war in seiner Tennishose und mit hochgeschlagenen Hemdsärmeln barfuß umhergelaufen, hatte zerstreut an seinen Berichten gearbeitet, die Blumen gegossen, nach der hektischen Arbeitsphase des Frühjahrs und Sommers seine Unterlagen geordnet. Als er zu einer Verabredung im Restaurant Bellmansro hinausfahren wollte, hatte er nach einem verlegten Leinenjackett gesucht und dabei gedankenverloren statt seiner eigenen Gabis Kleidertruhe geöffnet.

Gabi war in praktischen Belangen genauso schlampig wie Thune: Diesmal hatte sie vergessen, ihre Truhe abzuschließen. Als Thune seinen Irrtum erkannte, wühlte er bereits in ihren Kleidungsstücken. Dann lagen das Tagebuch und die Arbeitshefte offen vor ihm. Und er befand sich in einer Wohnung, in die kein anderer als er selbst seinen Fuß setzen würde, bis am kommenden Montag Elsa vorbeikam, um sie zu putzen.

Die Versuchung hatte sich als übermächtig erwiesen.

Vielleicht war es mangelndes Selbstbewusstsein, vielleicht auch ganz gewöhnliche, simple Eifersucht. Selbst nach drei Jahren in Stockholm fühlte sich Thune in dieser Stadt immer noch unsicher. Gabi hingegen fiel es wesentlich leichter, Freunde zu finden, die Menschen erlagen scharenweise ihrem Witz und Charme.

Das verzehrende Gefühl, das bei der Lektüre in ihm aufwallte, die Kraftlosigkeit, die sich in seinem Körper ausbreitete, die körperliche Schwäche, durch die er sich fühlte, als würde er nie mehr seine Glieder heben, nie mehr einen raschen Schritt machen, nie entschlossen die Hand um den Hals einer Frau legen und sie auf den Mund küssen, nie das Kribbeln verspüren können, wenn das Geschlecht begann, sich in der Unterhose zu strecken.

Ihm war plötzlich eingefallen, dass er im Viertel des schwedischen Schriftstellers Hjalmar Söderberg wohnte. In dem Kirchpark dort hatte Söderbergs gemarterter Held Arvid Stjärnblom gestanden und zu Lydia Stillers Fenster hinaufgestarrt.

Ernste Spiele: Schon bei seiner ersten Lektüre war Thune auf eine lange Tagebuchnotiz über die Spannung gestoßen, die während ihres Finnlandaufenthalts im Vorsommer bei einem Gartenfest draußen in Grankulla entstanden war. Der Mann, der Gabis Interesse geweckt hatte, wurde R. genannt, und sie schrieb, dass er charmant sei, eine sanfte Art habe und ein guter Zuhörer sei. R. wurde in diesem Jahr nur noch einmal und ganz beiläufig im Zusammenhang mit einem größeren Novemberbankett im Hause des Ministers Erich erwähnt.

Es gab keine leidenschaftlichen Briefe. Es gab überhaupt keine Briefe. Es gab nichts, was Verdächtigungen gerechtfertigt hätte. Dennoch erinnerte sich Thune, dass Robi Lindemark damals im November beim Botschafter mit am Tisch gesessen hatte, Robi hatte ausgerechnet in dieser Woche an einem Ärztekongress in Stockholm teilgenommen.

Als Gabi von ihrer Sommerreise nach Westschweden heimkehrte, war Thune wie ausgewechselt gewesen. Er war launisch gewesen. Er hatte sich über Gabis Verschwendungssucht und die Wohnung beklagt, in der sie wohnten. Er war voller spontaner, nervöser Einfälle gewesen, die ihm selbst unverständlich blieben.

Elsa hatte die Möbel mit Laken abgedeckt, und Thune und Gabi hatten das Flugzeug nach Helsingfors genommen. Dort waren sie auf der Bucht Kronbergsfjärden vor der Halbinsel Skatudden gelandet und zu den Sommerinseln weitergereist, zu jener dielenknarrenden, reich verzierten Holzvilla, in der Patriarch Boris Fahlcrantz residierte und Gabriella Borisdotter und ihre Geschwister Befehlen gehorchten und erneut zu kleinen Kindern wurden.

In diesem Familienparadies hatte ein immer missmutigerer Thune im Ehebett neue Forderungen gestellt. Eine davon hatte einen weißen Spitzenhandschuh einbezogen, aber Gabi hatte sich geweigert. Die Forderungen rührten daher, dass Thune heimlich ihre Erzählung »Das Seidenkissen« gelesen hatte, was Gabi natürlich nicht wissen konnte.

Die Büroräume der Rechtsanwaltskanzlei Claes Thune in der vierten Etage, ihr hinterstes Zimmer, genannt »Das Kabinett«, an diesem Mittwoch im März 1938, während der Abend in die Nacht überging: Unfrieden, erregte Kommentare, harte Worte. Dennoch schweifte Thunes Blick in die Ferne, zu verlorenen Sommern und zu Gabi. Was gesprochen wurde, drang nur bruchstückhaft in sein Bewusstsein, seine eigenen Wortmeldungen blieben vage und unverbindlich. Der Abend war bereits weit fortgeschritten, als Lorens Arelius eine Frage an ihn richtete:

»Habe ich nicht recht, Klasi? Du kennst dich aus in Berlin, war es damals nicht so, wie ich sage, habe ich nicht recht?«

Thune schaute sich um und befand sich für einen kurzen Moment in Gallen Kallelas Gemälde Symposion. Die Augen der anderen waren genauso finster und glotzend wie die Augen von Sibelius und Kajanus auf dem berühmten Bild. Zorro Arelius hatte ein ansprechendes Äußeres, das seine Patienten Vertrauen zu ihm fassen ließ, aber nun waren seine Gesichtszüge vom Alkohol aufgelöst, sein Blick war unstet und wüst, sein Mund kräuselte sich zu einem selbstgefälligen und arroganten Lächeln. Arelius war ein Jahr älter als Thune, und seinen Spitznamen hatte er im Studium bekommen: Als junger Mann hatte er Douglas Fairbanks geähnelt, der auf der Leinwand Don Diego de la Vega alias Zorro, der Rächer, verkörpert hatte. In diesem Augenblick sah er eher aus wie ein Wesen aus dem Kabinett des Doktor Caligari, wie jemand, dem man gerne um den Bart ging, damit er keinen Ärger machte, und Thune antwortete überrumpelt:

»Nun ja, ich weiß nicht … kann sein.«

Auf dem Stuhl neben Arelius schüttelte ein ebenso betrunkener Robi Lindemark wütend den Kopf und platzte heraus:

»Aber Klasi, verdammt noch mal, das kann doch nicht dein Ernst sein! Würdest du das auch sagen, wenn Jogi hier auf diesem Stuhl säße?«

Als Joachim Jarys Name genannt wurde, versetzte es Thune einen Stich, so sehr vermisste er ihn. In den letzten Jahren war Jary immer wieder in Lindemarks Klinik aufgenommen worden, er war immer empfindsamer geworden. Jary war schon immer eine nervöse Person gewesen, ein Träumer und Fantast, dessen Bogen so gespannt war, dass täglich ein, zwei Saiten rissen. Jary hatte seit seiner Jugend unter Lampenfieber gelitten, und vor ein paar Jahren war es so groß geworden, dass er seine Arbeit am Theater hatte aufgeben müssen. Zur selben Zeit hatte sich auch seine sonstige Überspanntheit gesteigert. Er begann, selbst in ganz alltäglichen Situationen, Judenhass zu wittern, wo doch nur unschuldige Scherze gemacht wurden, wie man sie sich mit jeder Rasse oder Nationalität erlaubte.

Und noch etwas versetzte Thune einen Stich: sein schlechtes Gewissen, weil er Arelius’ Frage so gehorsam beantwortet hatte, obwohl er überhaupt nicht gewusst hatte, worum es ging. Er begriff, dass er Gefahr lief, oberflächlich und dumm zu wirken, und durchforstete daraufhin intensiv sein Gedächtnis.

Sie hatten sich den ganzen Abend lang über Deutschland, Österreich und Hitler gestritten. Lindemark hatte einen langen Monolog über die gegenwärtig dominierenden Ideologien gehalten, über das Manipulative in ihrem Quasiklassizismus und ihrer Vorliebe für große Inszenierungen und verblendende Fassaden gesprochen. Er hatte den Nationalsozialismus als die Ideologie mit dem bösartigsten Kern von allen hervorgehoben: »Es ist viele Jahre her, dass wir das wilde Tier freiließen, und jetzt bekommt es keiner mehr in den Käfig zurück, es lacht nur über den Bändiger, lacht ebenso über den Köder wie über die Peitsche.«

Arelius und Grönroos, die wussten, dass Lindemark bei den letzten Wahlen für die Sozialdemokraten und nicht für die schwedische Partei gestimmt hatte, protestierten. Arelius hatte Lindemark vorgeworfen, sich billiger Rhetorik zu bedienen, und ihn gefragt, ob er tatsächlich bereit sei, einen mordlüsternen Intriganten wie Stalin freizusprechen und gleichzeitig den deutschen Führer zu verurteilen, der möglicherweise mit eiserner Faust regiere, sein Land jedoch nachweislich wieder auf die Beine gebracht habe.

Thune hatte den Eindruck, bei Arelius den heißen Wunsch zu spüren, den Willen, Lindemark noch schärfer anzugreifen und eine ganz andere Sichtweise auf die Gegenwart zu propagieren – eine prodeutsche.

Und Lindemark war genauso hitzköpfig aufgetreten wie sein Kontrahent. Die Österreicher sollten über den Anschluss an das Deutsche Reich abstimmen, und den Wortlaut des Wahlzettels hatte man in den Zeitungen nachlesen können. Lindemark schäumte vor Wut:

»Bist Du mit der am 13. März vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich einverstanden, und stimmst Du für die Liste unseres Führers Adolf Hitler? Was für ein verdammter Stimmzettel ist denn das! Wo bleibt die freie Wahl, wenn die Frage so gestellt wird?«

»Die freie Wahl besteht ja wohl darin, dass du mit Nein abstimmen kannst«, hatte Arelius mit trockener Stimme entgegnet.

Lindemark: »Ich darf mit Nein abstimmen! Und zu welchem Preis, Zorro? Dass jemand ein großes, schwarzes Nein auf meine Hauswand malt? Dass ich unter der freundlichen Aufsicht des Herrn Loritz ein Jahr im Konzentrationslager Dachau verbringen darf?«

Guido Röman hatte versucht, die Diskussion zu entschärfen:

»Warum regt ihr euch eigentlich so auf? Seht ihr nicht, dass Hitler ein kleiner Fisch ist? Schon bald wird dieser Kaiser ganz erbärmlich ohne Kleider dastehen, da helfen ihm dann keine militärischen Einmärsche und auch keine nächtlichen Spektakel in Nürnberg mehr.«

Arelius, jetzt mit schneidender Stimme: »Es ist ja auch nicht so, dass ich mich von ihren Paraden blenden lassen würde. Aber seht euch mal die Arbeitslosigkeit an – sie ist fast verschwunden!«

»Und die Zahlen für die Schwerindustrie sind schon fast unglaublich«, hatte Polle Grönroos ihm sekundiert.

»Wie könnt ihr den Nationalsozialismus nur auf eine rein wirtschaftliche Frage reduzieren!«, hatte Lindemark mit einer Stimme ausgerufen, die vor Zorn bebte. Er hatte sich geräuspert und so geschluckt, dass sein Adamsapfel hüpfte – es sah aus, als schluckte er seinen Ärger buchstäblich hinunter –, und weitergesprochen:

»Was die Nationalsozialisten tun, nutzt einzig und allein der Industrie und der Partei. Die Bürger bekommen Margarine statt Butter. Ersatz statt richtigen Wohlstand!«

Grönroos hatte ein wenig schief gelächelt und gesagt:

»Sollte es dich nicht trotz allem erfreuen, dass die Menschen Arbeit haben, Robi? Hast du die schlechten Jahre wirklich schon vergessen? Als in jedem Land Millionen junger Männer hungrig und ohne Beschäftigung waren, was war da leichter für ihre politischen Führer, als sie in den Krieg zu schicken? Seit Hitler an die Macht gekommen ist, hat sich die Kriegsgefahr verringert.«

Wieder hatte Lindemark den Kopf geschüttelt:

»Wenn es doch nur so wäre! Aber es sind gewaltige Kräfte im Einsatz. Der Trieb, anzubeten, und der Trieb, zu hassen, gehören beide zu den stärksten, die wir haben.«

»Ich verteidige die Verfolgungen nicht!«, war Arelius ihm ins Wort gefallen. »Und ich habe auch nichts gegen die Juden. Sie sind arrogant, aber dazu haben sie auch guten Grund. Schon unser lieber Jogi ist der schlagende Beweis dafür, dass sie ein exzentrisches, aber talentiertes Volk sind. Als junger Mann habe ich jedoch in Berlin praktiziert, wo jeder zweite Arzt und jeder zweite Anwalt ein Jude war. Ganz zu schweigen davon, wie es auf den Universitäten aussah.«

Und das war der Moment gewesen, in dem Arelius sich an den träumenden Thune gewandt und ihm seine Frage gestellt hatte. Und nach Thunes Antwort und Lindemarks Protest hatte Polle Grönroos es übernommen, Arelius zu verteidigen:

»Ihr seid unserem lieben Lorens gegenüber ungerecht. Im Grunde sagt er doch nur, dass die Juden anderen Völkern ins Auge stechen, weil sie eine erfolgreiche Rasse sind. Sie sind besser als wir anderen, das ist die Wahrheit. Schaut euch die Philosophie an, schaut euch die Wissenschaft an, schaut euch die schönen Künste und das Geschäftsleben an. Überall diese Juden! Nur im Sport werden sie noch halbwegs klein gehalten.«

Danach mündete die Diskussion in ein alkoholgeschwängertes Gejohle, in dem verschiedenen Nationalitäten und Denkschulen – Russen, Deutsche, Juden, Fennomanen, Schwedomanen – durch den Kakao gezogen und kritisiert wurden. Schließlich war dann doch jemand, Thune meinte sich zu erinnern, dass es Lindemark gewesen war, aufgestanden und hatte mitgeteilt, morgen sei auch noch ein Tag, und es sei wohl das Beste, den Heimweg anzutreten. Kurz darauf hatten sie ihre Paletots angezogen und sich zum Schutz vor dem feuchtkalten Nebel ihre Schals umgeworfen und waren die Treppen hinunter und auf die Straße hinaus und zur Droschkenstation auf dem Platz getorkelt.

Doch bevor sie so weit gekommen waren, während sich die anderen schnaufend und fluchend ihre Galoschen anzogen, war Robi Lindemark zu Thune gekommen, hatte trotz seines Rauschs verlegen gewirkt und gesagt:

»Folgendes, in ein paar Wochen wird Gabis Buch erscheinen. Im Schildts Verlag.«

Thune hatte ihn kalt angesehen.

»Aha? Und was hat das mit mir zu tun?«

Lindemark hatte sich nervös geräuspert.

»Nun … es ist ja so, dass man seinen nom de plume frei wählen kann. Und Gabi hat sich für, tja, für Linde entschieden.«

Thune hatte die rechte Augenbraue gehoben.

»Ihren nom de guerre, meinst du wohl. Denn das bedeutet doch sicher, dass ihr vorhabt, schnellstmöglich zu heiraten? Sie fühlt sozusagen vor?«

»Nein, nein, wir haben nichts in der Art geplant«, hatte Lindemark daraufhin gemurmelt, und sein Blick war nervös aufgeflackert. »Ehrlich gesagt hat Gabi mich gebeten, es dir zu erzählen. Sie dachte … hm, dass du es vielleicht wissen möchtest.«

»Als ob mich das interessieren würde.«

Thune hatte die Worte leise vor sich hin gemurmelt, aber Lindemark hatte sie gehört und war voller Eifer gewesen, die Dinge ins rechte Licht zu rücken:

»Klasi … Ich kann nichts dafür. Ich habe mich verliebt. Ich habe mein Herz verloren. So einfach ist das, aber deine Freundschaft ist mir immer von unschätzbarem Wert gewesen. Ich hoffe wirklich, dass du eines Tages …«

Die lateinischen Worte hatten sich von irgendwoher eingefunden, vielleicht von ihren weit zurückliegenden Schulstunden im Lyzeum bei dem nach Staub riechenden und sozialistisch angehauchten Magister Grandell, und Thune hatte ihn verbittert unterbrochen:

»Amor vincit omnia, meinst du. Ausgerechnet für dich sollen alle so viel Liebe empfinden, dass dir alles verziehen wird?«

Lindemark hatte unglücklich und überrumpelt ausgesehen, ähnlich wie ein kurzbeiniger Hund, dem gerade ein Apport misslungen war. Er hatte sich hastig verabschiedet und war etwas früher als die anderen zur Tür hinaus- und die Treppe hinabgeeilt.

Thune blieb noch lange in seinem Büro sitzen.

Das Feuer war erloschen. Alle Lampen außer der kleinen mit dem grünen Schirm auf seinem Schreibtisch waren aus.

Ein letzter kleiner Whisky im Halbdunkel.

Er überlegte, ob er eine Platte hören sollte. Vielleicht etwas von Mozart? Oder etwas Modernes. Strawinski? Ravel, der kürzlich verstorbene?

Die Nachbarn konnten wach werden und erbost reagieren. Er wählte die Stille.

Saß da und blickte stattdessen auf den Hinterhof.

Alle Fenster dunkel, die Vorhänge zugezogen. Die schmelzenden Schneehaufen unter ihm auf dem rechteckigen Hof. Der dichte Nebel.

Helsingfors im März. Eine von der Welt vergessene Stadt.

Thune begann Bilder zu sehen. Von Gabi im Jahr ihrer Hochzeit. Von Robi Lindemark und ihm selbst als Kind. Von Jogi Jary als jungem und vielversprechendem Tausendsassa Anfang der zwanziger Jahre, vor mehr als fünfzehn Jahren. Von Zorro Arelius, als er noch Douglas Fairbanks ähnelte. Von Guido Röman, als er seine erste Aushilfsstelle in der Sportredaktion der Tageszeitung Hufvudstadsbladet bekam. Von Polle Grönroos während der Jazzjahre, als er das Nachtleben von Helsingfors dominierte, ungehobelt, blass und hässlich, aber dennoch immer von schönen und abenteuerlustigen Frauen umgeben.

All diese Leben.

Dann, plötzlich, ein neues Bild. Von einer Person, die er noch nie zuvor vor seinem inneren Auge gesehen hatte.

Frau Wiik, wie sie vorhin das Einkaufsnetz und den Korb abgestellt hatte. Frau Wiik mit regennassen Haaren, in einem Mantel, der schwach nach Mottenkugeln roch, als sie die Mitglieder des Mittwochsclubs begrüßt hatte. Ihr freundlich neutrales Gesicht, aber auch eine oder zwei Sekunden, in denen Thune etwas völlig anderes in ihren Augen zu sehen gemeint hatte, eine Willenskraft, die aufflammte, um im nächsten Moment wieder zu erlöschen ‒ oder löschte sie diese Kraft willentlich?

Aber das hatte er sich bestimmt nur eingebildet.

Denn saß Frau Wiik nicht während der ersten zwei Stunden des Clubtreffens gehorsam an ihrem Schreibtisch im Vorzimmer?

»Nein, es macht mir wirklich nichts aus, noch etwas länger zu bleiben, hier ist jede Menge Arbeit, die ich erledigen kann!«