8,99 €
Dreißig Jahre "Danach" Ein kosmisches Ereignis hat die Denk- und Lebensweise der Menschen positiv verändert. Alternative, die Gemeinschaft fördernde Wohn- und Lebensmodelle entstehen. In Deutschland bildet sich ein neuer Staat, dessen Bürger sich hauptsächlich an immateriellen Werten orientieren. Das Licht scheint endgültig gesiegt zu haben. Doch noch immer sind im Verborgenen satanische Kräfte aktiv. Die Schwarzmagierin Milena will in die Vergangenheit zurückreisen, um das Wunder, das einst die Herzen der Menschen für die Liebe geöffnet hat, zu verhindern. Dazu benötigt sie die Hilfe Lennys. Dieser ist schon einmal in Atlantis ihren Verführungen erlegen und muss nun beweisen, dass er nicht erneut der dunklen Macht verfällt. Auch Surya wird mit karmischen Verstrickungen konfrontiert. Sie begibt sich auf den Weg des Tantra, der sie zu tiefer innerer Weisheit führt. Der spannende Roman ist eine wunderbare Inspiration für alle, die sich auf ein freies Leben in einem zukünftigen spirituellen Zeitalter freuen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 409
Veröffentlichungsjahr: 2022
Susanne Ehlert
* * *
DANACH
Die Entfaltung einer neuen Welt
© 2022 Susanne Ehlert
Lektorat: Heike Susanne Przybilla (https://lektorat-wortlust.de)
Coverdesign von: Rinnel Nicolaisen (www.blackazia.com)
Covergrafik von „iStock.com/egal.“
ISBN Softcover: 978-3-347-77631-9
ISBN Hardcover: 978-3-347-77632-6
ISBN E-Book: 978-3-347-77633-3
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für
die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre
Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im
Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung
"Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg,
Deutschland.
Einleitung
Eine geniale Erfindung
Staatsgründung
Die Ausstellung
Veränderungen
Das Heilige ehren
Beris Geheimnis
Das Opfer
Mandala
Stadt der Zukunft
Gemeinschaft
Sharing
Trugbilder
Der schwarze Papst
Zwei Seelen
Familienleben
Tabuzone
Nachforschungen
Maras Kinder
Sara und Mia
Der magische Garten
Geheime Papiere
In der Schweiz
Spirituelle Kultur
Neue Tierarten
Die Insel
Milenas Plan
Böser Zauber
Zeitfenster
Der Ferenza
Kummer
Karma
Refugium
Die Flagge
Tantra
Schnee
Freiheit
Die Rückkehr
Erster im Staat
Davor
Eine neue Generation
Einleitung
Im einst so wohlhabenden Deutschland hatten Finanzcrash, Missernten und Naturkatastrophen zu einer weitgehenden Verarmung der Bürger geführt. Immer öfter wurden Lügen aufgedeckt, die dem Volk vor Augen führten, dass es von den Politikern seit langem nach Strich und Faden betrogen worden war. Es kam zu Unruhen und in den Großstädten sogar zu Straßenkämpfen. Als dann noch ein Krieg aufflammte, der Europa in Angst und Schrecken versetzte, beteten viele Menschen verzweifelt zu Gott und flehten um Hilfe.
Plötzlich, an einem lauen Spätherbstabend, bereitete ein Geschehen, das später nur als „Das Ereignis“ bezeichnet wurde, dem grausamen Krieg und der Verderbtheit der Menschen ein Ende. Ein Meteoritenhagel verursachte auf der ganzen Welt Tsunamis, Erdbeben und Vulkanausbrüche. Auch Teile Deutschlands versanken im Meer. Zugleich kam es zu einer gewaltigen Sonneneruption. Bewusstseinserweiternde Partikel regneten auf die Erde herab und für eine kurze Zeit war die Intensität der Sonneneinstrahlung immens hoch. Beides führte dazu, dass die Menschen in aller Deutlichkeit ihre Schattenseiten, aber zugleich auch ihren göttlichen Kern erkannten.
Auch nach dem kosmischen Ereignis hielt die herzöffnende Wirkung der Sonne an. Ein ganz neues Lebensgefühl entstand. Man begegnete seinen Mitmenschen fortan mit Liebe und Achtsamkeit. Das einstige egoistische Verhalten war einem Gefühl des „Wir“ gewichen. Zudem aktivierte die erhöhte Sonneneinstrahlung bei einigen Menschen die Zirbeldrüse. Kinder mit paranormalen Fähigkeiten wurden geboren, zu denen auch Surya, Lenny und Leon gehörten.
Nach vielen Jahren intensiver Arbeit, in denen alle Bürger mit viel Engagement und Freude am Wiederaufbau des Landes mit angepackt hatten, blühte das Leben in Deutschland langsam wieder auf.
Doch im Osten Deutschlands, nahe Oberhofen, hatten abgeschirmt in einem Bunker, etwa zweihundert Menschen von dem kosmischen Wunder und seinen positiven Konsequenzen nichts mitbekommen. Sie lebten weiterhin im alten egoistischen Bewusstsein inmitten einer Tabuzone. Seit der Katastrophe hatte diese niemand mehr betreten, denn ein scheinbar unüberwindbarer Giftstreifen, ausgelöst durch einen Biowaffenabwurf im Krieg, schnitt sie von dem Rest der Zivilisation ab.
Eines Tages jedoch entdeckte einer von ihnen durch Zufall eine Möglichkeit, die trennende Barriere zu überwinden. Dadurch ergab sich für ein paar Skrupellose die Gelegenheit, in die umliegenden Dörfer vorzudringen und Raubüberfälle zu begehen. Dabei schreckten sie sogar vor Morden nicht zurück.
Surya, die zu dieser Zeit in Karlsruhe Raum- und Landschaftsplanung studierte, erfuhr auf telepathische Weise von den besorgniserregenden Vorfällen. Zusammen mit ihren Kommilitonen Lenny und Leon schmiedete sie einen Plan, die Situation ohne Gewalt zu lösen. Die drei ahnten nicht, auf was für ein gewagtes Unterfangen sie sich eingelassen hatten, denn ein schwarzmagischer Bann umgab die Bunkeranlage. Doch mit Hilfe ihrer Psi-Kräfte gelang es ihnen schließlich, ihr Vorhaben zu einem guten Ende zu führen.
Eine geniale Erfindung
Surya hatte sich noch nicht ganz von der gefährlichen Aktion in Oberhofen erholt, als die Einladung zu einer Ratssitzung ins Haus flatterte. Sie fühlte sich schwach und ausgelaugt, wie immer, wenn sie ihre paranormalen Fähigkeiten über die Gebühr in Anspruch genommen hatte. Ihr empfindsamer Körper brauchte Ruhe und ihr aufgewühlter Geist Entspannung, doch der Rat der Länder war schon für den übernächsten Abend zu einer Sondersitzung einberufen worden. Einige Ratsmitglieder hatten den dringenden Wunsch geäußert, mehr Informationen zur aktuellen Lage in der Tabuzone zu erhalten, obwohl Lenny bereits einen ausführlichen Bericht darüber abgegeben hatte.
Trotz ihres angeschlagenen Gesundheitszustands wollte Surya keinesfalls die Sitzung versäumen, denn ihr war beim Erhalt des Schreibens eine Idee gekommen, wie sie die Ratsmitglieder am besten vom Frieden in Oberhofen überzeugen konnte. Nach einem großen Schluck einer speziell für sie angefertigten flüssigen Aufbaunahrung fühlte sie sich soweit gestärkt, dass sie telepathisch mit Lenny und Leon, die auch eingeladen worden waren, in Kontakt treten konnte. Sie schlug vor, sich eine Stunde später im Gemeinschaftsraum ihrer Studentenwohngemeinschaft zu treffen.
Lenny, den sie seit gut einem Jahr innig liebte, stammte aus den östlichen Ländern, während sie in Karlsruhe geboren war. Ihre Eltern gehörten zu den Pionieren, die hier nach dem Zusammenbruch der alten Systeme neue Formen des Gemeinschaftslebens erprobten und maßgeblich am Wiederaufbau der Stadt beteiligt waren. Mit Leon hingegen war sie schon seit frühester Jugend befreundet. Er hatte genau wie sie die Sommerschule für Kinder mit Psi-Begabungen in Schliersee besucht. Sie bewunderte seine ausgeglichene Art und fühlte sich stets wohl in seiner Nähe. Auf ihr lebhaftes, quirliges Wesen hatte er immer einen besänftigenden Einfluss.
Als Surya am Nachmittag bei einer großen Tasse Kräutertee Lenny und Leon ihren Vorschlag unterbreitete, war Lenny sofort begeistert, doch Leon hatte Bedenken.
„Die neue Technik ist nicht wirklich ausgereift, kann gut sein, dass es schiefgeht“, meinte er. „Am besten machen wir gleich einen Probedurchlauf, dann werden wir ja sehen, ob es funktioniert.“
Zwei Tage später, am Augustabend des Jahres 30 DA, radelten die drei Studenten zum neuen Rathaus der Stadt. Als Surya ihr Rad abstellte, musste sie sich erst den Schweiß von der Stirn wischen, denn draußen herrschte immer noch eine große Hitze und seit Tagen wehte schon kein Wind mehr, der sonst vom nahen Meer her Erfrischung brachte. Als sie jedoch den Sitzungssaal betrat, umgab sie eine wohltuende Kühle. Im ganzen Raum verteilt wuchsen großblätterige Pflanzen, teils bis unter die Decke, und auf einer Seite der Wand floss Wasser langsam und gleichmäßig in ein Becken aus hellem Sandstein. Aber nicht nur die angenehme Temperatur überraschte sie, der Raum selbst strahlte eine Lebendigkeit aus, die ihrem Körper sofort neue Energie verlieh.
Surya interessierte sich sehr für Innenarchitektur und ihre Wirkung auf das Wohlbefinden der Menschen. Schon als Kind stellte sie alle Naselang die Möbel in ihrem Kinderzimmer um und bekniete ihren Vater, die Wände immer wieder in neuen Farben zu streichen. Mit Erstaunen beobachtete sie, wie sich dadurch die Atmosphäre im Raum veränderte. Überdies besaß sie einen ausgeprägten Schönheitssinn, mit dem sie so manches Mal ihre Eltern zur Verzweiflung gebracht hatte. Alles, was sie als hässlich oder störend empfand, ließ sie einfach mit ihrer Gabe der Dematerialisation verschwinden. Ein bewunderndes Lächeln umspielte deshalb ihre Lippen, als sie sich weiter im Raum umsah, denn alles machte auf sie einen harmonischen und wohlgestalteten Eindruck.
Für die Ratsmitglieder standen mit weichem gelbem Polster versehene Sessel mit Holzlehnen zur Verfügung. Sie waren halbkreisförmig um ein Rednerpult herum angeordnet. Weitere Sitzgelegenheiten mit Tischchen entdeckte Surya vor raumhohen Fenstern, von denen aus man die Aussicht auf den Hafen von Karlsruhe genießen konnte. Als sie sich gerade mit Lenny und Leon dort niederlassen wollte, erschien eine junge Frau und bat sie, die reservierten Plätze neben Frau Lehmann, der Ratsvorsitzenden, einzunehmen.
Wie üblich begann die Versammlung mit fünf Minuten meditativen Schweigens. Surya jedoch konnte sich nicht recht konzentrieren, denn sie war immer noch in die Einzelheiten der Einrichtung vertieft. Als aber die Ratsvorsitzende neben ihr ihre Rede begann, hörte sie der sehr selbstsicher wirkenden Frau um die Vierzig aufmerksam zu. Direkt im Anschluss an eine kurze Begrüßung kam diese ohne Umschweife zur Sache:
„Nach all den harten, entbehrungsreichen Jahren des Wiederaufbaus hatten wir bei der letzten Sitzung einstimmig beschlossen, endlich einen neuen Staat zu gründen, wobei wir uns auf ein Mindestmaß an Gesetzen für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung beschränken wollten. Bis vor kurzem schien das durchaus machbar zu sein. Dabei sind wir natürlich davon ausgegangen, dass nach dem großen Wunder alle Bürger bemüht sein würden, aus der steten Erfahrung tiefer Nächstenliebe heraus ausschließlich gewaltfrei zu handeln. Nun mussten wir zu unserem Bedauern feststellen, dass in der Wildnis nahe Oberhofen noch Menschen im alten Bewusstsein der Trennung und Zwietracht leben, die vor Mord und Überfällen nicht zurückschrecken. Sie ziehen sich angeblich tagsüber in einen ehemaligen Bunker zurück.
Laut Ihrem Bericht, Herr von Breda“, Frau Lehmann wandte sich nun an Lenny, „haben Sie und Ihre Kommilitonen durch Ihr beherztes Eingreifen dafür gesorgt, dass dieser Bunker nicht mehr, oder nur noch teilweise besteht und von den Menschen dort keine Gefahr mehr ausgeht. Doch einige der Anwesenden können das nicht recht glauben. Sie möchten Ihnen gern ein paar Fragen dazu stellen.“
Surya bemerkte, wie ein älterer Mann das Wort ergreifen wollte, doch sie kam ihm zuvor. „Frau Lehmann, bevor wir hier lange reden, habe ich einen anderen Vorschlag. Wir haben Ihnen etwas mitgebracht, womit wir Sie vielleicht besser überzeugen können. Es gibt da eine geniale Erfindung, die unsere ‚Forschungsgruppe für paranormale Fähigkeiten‘ entwickelt hat. Eine Minikamera, mit der man eine Szene dreidimensional einfangen kann. Und das Besondere daran ist: Sie vermittelt dem Zuschauer sogar die Atmosphäre vor Ort! Die Forschungsgruppe hatte sie Leon zur Erprobung mitgegeben, und wir haben damit in Oberhofen erste Aufnahmen gemacht. Es mag sein, dass das Hologramm ein wenig unscharf ist, denn wir stehen noch ganz am Anfang mit dieser neuen Technik.“
Surya gab Lenny einen Wink. „Um den Film anschauen zu können, brauchen wir dieses Gerät hier.“
Die Ratsmitglieder reckten interessiert die Köpfe, als Lenny einen kleinen quadratischen Kasten so in die Luft hob, dass ihn alle sehen konnten.
„Bei Berührung dieses Mediums werden die Aufnahmen aktiviert und stehen dem Betrachter als wirklichkeitsgetreues Hologramm zur Verfügung“, fuhr sie fort. „Sie werden also gleich den Eindruck haben, selbst in der Wildnis zu sein.“
Ein überraschtes Murmeln ging durch die Zuhörermenge, als Surya konzentriert ihre Hand auf den Kasten legte. Im Nu meinte jeder, sich mitten in einer urwüchsigen Landschaft zu befinden. Die Sonne stand hoch am Himmel und ihre Sonnenstrahlen waren wärmend auf der Haut zu spüren. Es lag eine leichte, fast fröhliche Stimmung in der Luft, die sich schlagartig veränderte, als die Kamera auf eine riesige Anlage aus Beton schwenkte, die sich etwa mannshoch ein Stück weit entfernt aus dem Waldboden erhob. Große Stücke ihrer fast zwei Meter starken Betondecke waren herausgebrochen und Teile der dicken Außenwände fehlten, sodass man ungehindert einen Blick ins völlig zerstörte Innere richten konnte. Der Bunker schien sich über mehrere Stockwerke unterirdisch erstreckt zu haben, doch seine einstige Konstruktion konnte man jetzt nur noch schwer nachvollziehen. Von diesem demolierten Gebäude ging eine äußerst unangenehme Energie aus, die alle frösteln ließ. Surya stöhnte und fühlte ihre neugewonnen Kräfte schwinden. Rasch löste sie ihre Hand von dem Gerät. Das Hologramm verschwand.
Lenny, der mitbekommen hatte, dass es seiner Freundin nicht gut ging, fuhr fort, die Sachlage zu erklären. „Sie haben nun den jetzigen Zustand der Anlage gesehen. Hier wohnten bis vor kurzem etwa dreißig Personen, die dort die große Katastrophe überlebt haben. In dem Bewusstsein dieser Menschen war noch sehr viel Negativität, die sie weiterhin ausleben wollten. Die starke, herzensöffnende Strahlung der Sonne, so wie sie für uns seit dem Ereignis normal ist, bereitete ihnen unsagbare Schmerzen. Deshalb blieben sie tagsüber im Bunker und kamen nur nachts heraus, um ihr Unwesen in Oberhofen zu treiben. Da wir die Anlage aber teilweise dematerialisiert haben, konnten diese Personen dem Licht der Sonne nicht mehr ausweichen.“ Lenny machte eine Pause und wartete auf etwaige Reaktionen seitens der Ratsmitglieder.
„Ja und dann?“ fragte schließlich Frau Lehmann etwas ungeduldig.
„Sie wären wahrscheinlich bei lebendigem Leibe verbrannt, wenn Leon sie nicht auf eine niedriger schwingende Daseinsebene geleitet hätte. Da passen sie viel besser hin und können bei uns keinen Schaden mehr anrichten.“
Surya bemerkte, wie die Ratsvorsitzende Leon bei Lennys Worten eindringlich musterte. Obwohl er nur Jeans und ein einfaches weißes Hemd trug, war er mit seinem klaren, feingeschnittenen Gesicht und den kurzen, nach hinten gekämmten Haaren eine Erscheinung, die Eindruck hinterließ. Jeder hier im Saal wusste von den ungewöhnlichen Fähigkeiten der Trues, und schließlich war Leon Markwardt der Bekannteste von ihnen.
„Das heißt also, sie sind für immer von der Bildfläche verschwunden! Und die anderen? Sie erwähnten, dass in dem Bunker noch viel mehr Personen überlebt haben. Ihrer Schätzung nach etwa zweihundert?“
„Richtig. Die sind aber bereits vor vielen Jahren aus dem Schutzraum ausgezogen und wohnen längst oberirdisch in selbstgezimmerten Hütten. Sie haben sich langsam an die intensive Sonnenstrahlung gewöhnt. Diese Menschen begegneten uns freundlich und wir glauben, dass sie vollkommen friedfertig sind. Sie haben sich sicher nicht an den Gräueltaten beteiligt. Es wird allerdings noch lange dauern, bis wir sie problemlos in unsere Gesellschaft integrieren können. Sie würden sich mit ihrem jetzigen Entwicklungsstand bei uns überhaupt nicht wohl fühlen. Deshalb schlagen wir vor, alles so zu lassen, wie es ist. Doch überzeugen Sie sich selbst!“
Surya legte ihre Hand wieder auf das Gerät.
Nun entstand ein Hologramm, das einen freien Platz zeigte, an dessen Rändern sich ein paar Hütten befanden, die nicht so aussahen, als ob sie sehr fachmännisch erbaut worden wären. Mehrere Menschen in abgerissenen Kleidern saßen auf rohen Holzstämmen in der Sonne und bereiteten allem Anschein nach gemeinsam eine Mahlzeit vor. Sie lachten viel dabei. Ein paar sangen oder pfiffen sogar, Kinder unterschiedlichen Alters spielten lauthals schreiend miteinander Fangen. All das war genauso deutlich zu hören wie das Zwitschern der Vögel. Die Atmosphäre, die mit dieser Szene einherging, war heiter und friedlich. Ein älterer, ziemlich wüst aussehender Mann, der der Chef der Gemeinschaft zu sein schien, ging auf Lenny zu. Seine Augen strahlten voller Liebe. Doch von ihm ging auch ein strenger säuerlicher Geruch aus, der plötzlich den Sitzungssaal durchströmte.
Surya schmunzelte, als sie sah, wie Frau Lehmann die Nase rümpfte und ein Fenster öffnete.
„Dieser neuartige Film ist ja fantastisch, aber man muss doch nicht alles miterleben!“ Frau Lehmann schüttelte den Kopf.
„Ist aber doch eine tolle Erfindung, nicht wahr?“, meinte Surya grinsend.
„Ja, allerdings!“ Die Anwesenden klatschten laut Beifall. „Wirklich super“, rief eine junge Frau aus, „so sehen die Filme der Zukunft aus!“
„Also, ich bin der Meinung, wir sollten uns dem Vorschlag der Studenten anschließen und die Menschen in der Tabuzone unbehelligt wohnen lassen. Sie machen wirklich einen harmlosen Eindruck“, bestätigte Frau Lemann. „Wer ist denn dieser Mann neben Herrn von Breda? Er riecht zwar furchtbar, strahlt aber viel Liebe und eine gewisse Vertrauenswürdigkeit aus.“
„Das ist Sven, mein Großvater“, antwortete Lenny. „Es würde jetzt zu weit führen, zu erklären, was ihn in die Wildnis verschlagen hat, aber man kann mit Sicherheit sagen, dass er bereits dauerhaft im neuen Bewusstsein lebt und handelt. Ich möchte gern mit ihm in Kontakt bleiben. Vielleicht könnte ich ihn ja in regelmäßigen Abständen in der Tabuzone besuchen.“
„Deinen Vorschlag finde ich echt gut“, stimmte ihm Leon zu. „Sven würde bestimmt dafür sorgen, dass die kleine Gruppe in Frieden an ihrem Ort bleibt. Er fungiert nicht nur als ihr Chef, er ist auch so etwas wie ihr spiritueller Lehrer.“
Die Ratsmitglieder waren sofort einverstanden. Man sprach noch ein wenig über die Lebensumstände in der Wildnis und darüber, wie man den Menschen in Zukunft möglicherweise helfen könnte.
„Sie hausen ja fast so wie die Menschen im Mittelalter“, meinte die Vorsitzende stirnrunzelnd. „Was wird Ihrer Meinung nach dort am meisten gebraucht?“
„Es fehlt eigentlich an allem, es gibt keine Medikamente und wie Sie deutlich gemerkt haben, keinerlei Hygieneartikel. Falls Lenny ab und zu die Menschen besucht, könnte man überlegen, ob er nicht zuerst ein paar medizinische Hilfsgüter mitnimmt“, schlug Surya vor.
„Über diese Anregung stimmen wir bei unserer nächsten Versammlung ab. Ich denke, dies ließe sich leicht bewerkstelligen“, meinte Frau Lehmann. „Doch nun beantworten Sie uns bitte noch die Frage, die hier einige Ratsmitglieder bewegt. Warum war das Dematerialisieren der Anlage so schwierig und gelang nur teilweise? Ich glaube, Herr von Breda möchte sich dazu äußern.“
„Es lag daran, dass ein magischer Bann großräumig um die Anlage herum gelegt wurde. Deshalb konnte sie auch erst nicht aufgefunden werden“, erläuterte Lenny. „Wir haben eine Zeitlang gebraucht, bis wir diesen Bann durchbrechen konnten, und dann war der Bunker selbst noch mit einer energetischen Schutzschicht versehen, die sich einfach nicht entfernen ließ. Aber Surya, also Frau Gundlach, hat schließlich einige Schwachstellen darin gefunden. Auf die hat sie dann ganz gezielt ihre Gabe der Dematerialisation gerichtet.“
Surya nickte und hoffte insgeheim, dass die Sitzung nun langsam zu Ende ging, doch dann sprach Lenny noch unaufgefordert über die Zeit in Davor, als die Reichen und Mächtigen diesen Bunker gebaut hatten. Er meinte, es wären die gleichen Personen gewesen, die damals auf globaler Ebene versucht hätten, ihre Mitmenschen zu kontrollieren und zu manipulieren und sogar vor magischen und satanischen Ritualen nicht zurückschreckten. Ausführlich beschrieb er ein paar dieser Praktiken, von denen er vermutete, dass sie damals beim Bau der Bunkeranlage angewandt worden waren.
Er muss sich Literatur zu dem Thema verschafft haben, wunderte sich Surya. Woher sonst weiß er auf einmal so viel über Magie?!
„Nicht erst in Davor, bereits in uralten Zeiten, etwa in Atlantis, gab es schwarze Magier, die eine große Macht besaßen und diese für finstere Zwecke missbrauchten. Hoffen wir, dass der Bewusstseinswandel die Menschen so nachhaltig verändert hat, dass etwas Derartiges nie wieder passiert“, schloss Lenny seine Rede.
„Ja, das war aber wirklich sehr weitreichend erklärt“, meinte die Ratsvorsitzende, „aber durchaus interessant. Nun, da jetzt auch in den östlichen Wäldern niemand mehr wohnt, der gewaltbereit ist, steht der baldigen Gründung unseres neuen Staates nichts mehr im Wege. Da kann man ja wirklich von einer gelungenen Mission sprechen!“
Die Ratsvorsitzende bedankte sich mit einem Handschlag bei den Studenten für ihren mutigen Einsatz und überreichte Surya bei der Verabschiedung einen großen bunten Blumenstrauß.
Surya freute sich, einen wichtigen Beitrag zum Frieden im Land geleistet zu haben und meinte gut gelaunt zu Lenny und Leon: „Ist doch bestens gelaufen! Mein Gott, was war ich anfangs nervös! Schließlich war es ja nicht ganz klar, ob wir das mit dem Film wirklich hinkriegen. Bei der Probe sah alles so verschwommen aus und die Spezialeffekte klappten gar nicht. Dafür diesmal aber umso besser.“ Sie konnte plötzlich nicht mehr aufhören zu kichern. „Habt ihr auch das Gesicht von der Lehmann gesehen, als es so brutal anfing zu stinken?“
„Na und ob.“ Lenny lachte. „Der Geruch hat sicher einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen. Komm, Schatzi, wir lassen das Rad stehen und gehen noch ein wenig zu unserer Lieblingsbank, da sind wir ungestört!“
„Und was mache ich mit dem Blumenstrauß? Der muss schnell ins Wasser!“
„Den nimmt sicher Leon mit.“
Leon schaute nicht gerade begeistert, doch bevor er sich versah, hatte Lenny ihm das Gebinde schon in die Hand gedrückt und lief engumschlungen mit Surya in Richtung Schlosspark.
Staatsgründung
Ein Jahr nach der Ratssitzung wurde endlich das Gründungsdatum des neuen Staats bekanntgegeben. Als Termin hatten die Ratsmitglieder den Vollmond nach Lichtmess, der Wiederkehr des Lichts, gewählt. Der Vollmond fiel in dem Jahr auf den 3.2. 32 DA, einen Sonntag.
DA war inzwischen die gängige Abkürzung für „Danach“, also die Zeit nach dem Ereignis, das die Welt verändert hatte. Numerologisch gesehen erschien dieses Datum sehr günstig zu sein, denn die 32 war in der Zahlenmystik eine glückliche, eine Schöpfungszahl, und die Quersumme des 3.2.32, also eine „1“, zeigte die Gründung als einen kompletten Neubeginn an. Außerdem fand sich die Zahl 32 auch im Grundriss der Bundeshauptstadt Karlsruhe wieder.
Karlsruhe, in dessen Zentrum sich ein ehemaliges Schloss befand, war schon länger Regierungssitz. Von der Schlossanlage, deren Umrisse einer Sonne ähnelten, führten 32 Straßen wie lange Sonnenstrahlen in alle Himmelsrichtungen. Diese Symbolik erinnerte die Menschen stets an das Sonnenwunder bei dem Ereignis, doch auf eine Änderung des Namens in „Sonnenstadt“, wie viele vorschlugen, konnte man sich nicht einigen. Letztendlich entschied ein Volksentscheid, die Sonne zumindest mit ins Staatswappen aufzunehmen.
Der Rat der vereinigten vier Länder, der sich während der Übergangszeit bewährt hatte, war als Regierungsform beibehalten, doch von 12 auf 32 Mitglieder erweitert worden. Immer noch hatte das südliche Bergland die wenigsten Bewohner und war deshalb nur mit drei Räten vertreten, die östlichen Wälder hingegen mit sechs, die nördlichen Inseln schickten neun Abgeordnete und VEM, die vereinigte Mitte, das Land mit den meisten Bewohnern, besaß zwölf Politiker im Rat. Hinzugezogen wurden jeweils zwei „Trues“, die aus jedem Bundesland stammen konnten. Die Politiker wurden von den Bürgern gewählt, hingen aber keinerlei Partei an. Das alte Parteiensystem war nach dem Ereignis schnell abgeschafft worden, weil die Gefahr zu groß war, dass man wie früher mehr gegeneinander statt miteinander arbeitete. Man sah dieses System als ein Relikt aus den Zeiten der in Gesinnungsgruppen spaltenden Dualität an und wählte stattdessen direkt Neutralität wahrende Menschen, die sich durch Aufrichtigkeit und Güte auszeichneten. In der Regel kam es im Rat immer zu einstimmigen Entscheidungen oder zumindest zu einer Zweidrittelmehrheit, aber es gab auch eine Entscheidungshoheit, dies war ein auf fünf Jahre gewähltes Ratsmitglied, dem einer der zwei Weisen zur Seite gestellt war. Wenn es die Umstände erforderten, wurden auch noch Fachexperten zur Hilfe geholt, die völlig unabhängig von eigenen Interessen Beistand leisteten.
Man war sich einig, dass im neuen Staat vorrangig die spirituelle Entwicklung seiner Bewohner gefördert werden und dieser eine Vorbildfunktion für andere Nationen haben sollte. Bei der Namensgebung suchte man lange nach einer passenden Bezeichnung, die diesen Wunsch zum Ausdruck bringen könnte. Es gab verschiedene Vorschläge aus allen Ländern. Eine Zeitlang favorisierten die Menschen den Namen Luccanien, bei einer Bürgerbefragung fand dann aber Swarganien die meiste Zustimmung, denn Swarga, ein altes Sanskritwort, bedeutete übersetzt so viel wie „zum Licht“. Dieser Name wurde seit einem Jahr im Volksmund verwendet, sollte aber bei der Staatsgründung offiziell werden.
Schon mehrere Monate vor Beginn des dreitägigen Gründungsfests liefen die Vorbereitungen dafür auf Hochtouren. Viele Gebäude der Stadt wurden neu gestrichen, und der teilweise noch recht unansehnliche Strand mit Palmen und viel Sand aus dem Norden bestückt. Für die Feier, die im ganzen Land auf großen Bildschirmen übertragen werden sollte, erwartete man mehr als 20.000 Menschen. Besucher aus dem Inland, aber auch Staatsoberhäupter und Gäste aus dem Ausland.
*
An diesem Festtag wollte Surya erst ihr dünnes, eng geschnittenes blaues Kleid tragen, das ihre schlanke Figur wunderbar betonte, doch letztlich entschied sie sich für eine helle Leinenhose mit lachsfarbenem, langarmigem Shirt, über das sie eine warme Jacke zog. Ihre dunkelblonden, schulterlangen Haare hatte sie entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit mit Kämmchen hochgesteckt, sodass ihr schmales apartes Gesicht, in dem große, fast schwarze Augen unter kräftig geschwungenen Augenbrauen blitzen, besonders gut zur Geltung kam.
Um einen Platz möglichst nahe an der Bühne zu ergattern, hatte sie extra den Wecker gestellt und Lenny überredet, sich bereits im Morgengrauen mit ihr auf den Weg zu machen. Wenn Surya sich etwas in den Kopf setzte, konnte sie beharrlich auf ihr Anliegen bestehen. Ihr Freund kannte ihre Eigenart und kam ihr in den meisten Fällen entgegen.
Lenny war zwei Jahre älter als Surya. Er besaß eine drahtige, schlanke Figur und trug am liebsten seine schwarzen, langen Haare als Zopf zusammengebunden. Mit seinem kantigen Kinn und seinem selbstbewussten Auftreten wirkte er sehr attraktiv, sodass sich viele Frauen nach ihm umdrehten.
Noch etwas schlaftrunken fanden die zwei unter einer Buche nur noch einen kleinen Platz, von dem aus man eine gute Sicht zur Bühne hatte, denn es waren bereits mehr als hundert Teilnehmer zu den Gründungsfeierlichkeiten in den Schlosspark gekommen. An diesem Frühlingsmorgen herrschten noch sehr kühle Temperaturen, sodass die meisten in dicke Decken eingehüllt auf ihren mitgebrachten Kissen saßen.
Surya gähnte laut und Lenny konnte es sich nicht verkneifen, sie ein wenig zu necken: „Wer wollte denn unbedingt so früh aufstehen, Schätzchen“, fragte er grinsend und streichelte dabei seine fröstelnde Freundin. „Wir könnten jetzt noch im warmen Bett liegen, kuscheln und später einen heißen Kaffee trinken!“
Doch Surya schüttelte energisch den Kopf. „Später hätten wir überhaupt keinen gescheiten Platz mehr bekommen. Du weißt doch, wie sehr ich mich auf das Fest gefreut habe! Schließlich erlebt man ja eine Staatsgründung nicht alle Tage. Aber erzähl mir bloß nicht noch einmal etwas von einem heißen Kaffee, den könnte ich jetzt echt gut gebrauchen.“
„Überraschung, meine Süße“, Lenny kramte in seinem Rucksack und holte eine Thermoskanne heraus. „Ich habe vorhin noch extra einen Kaffee für dich aufgebrüht.“ Bei seinen Worten goss Lenny das heiße Getränk in eine Tasse und überreichte sie lächelnd seiner Freundin.
Surya trank schweigend, bewegt von der einfühlsamen Art, mit der sich Lenny stets um sie kümmerte. Vor ihm hatte sie nur eine einzige Beziehung gehabt, zu Justin, dem Bruder ihrer Freundin Mara. Auch jetzt noch verstand sie sich gut mit ihm, aber Liebe war es für sie nie gewesen. Lenny aber berührte sie in den Tiefen ihrer Seele. Manchmal konnte sie es gar nicht fassen, dass sie wirklich ein Paar waren, und es überfiel sie eine unerklärliche Angst, ihn eines Tages zu verlieren.
Gegen zehn Uhr kam Unruhe in die schweigende Menge, die inzwischen auf der großen Rasenfläche rund um das Schloss zu einer unüberschaubaren Größe herangewachsen war. Jemand hatte gesehen, wie neben der Bühne vor dem Schloss lautlos einer der wenigen Gleiter, die nicht über festgelegte Bahnen schweben mussten, landete. Diese Sorte Gleiter bewegte sich frei im Luftraum und wurde nur bei besonderen Gelegenheiten eingesetzt.
„Jetzt kommen wahrscheinlich der Erste und Naila“, meinte Surya, die ihre Glieder streckte und ein paar Yogaübungen machte, um wieder beweglich zu werden. „Wenn die beiden eintreffen, sind sicher bald alle Ratsmitglieder da und wahrscheinlich auch die Staatsgäste. Ja, genau, sieh mal, da stellen doch ein paar Leute total bequem aussehende Stühle vor der Bühne auf, die sind bestimmt für die Oberhäupter bestimmt.“
Die beiden reckten die Hälse und beobachteten neugierig das Geschehen auf der Bühne.
„Ein Glück, dass inzwischen die Sonne scheint“, nahm Surya, die immer noch kalte Hände hatte, nach einer Weile das Gespräch wieder auf. „Ich bin mal gespannt, ob Naila auch bei diesem Wetter wieder barfuß geht oder diesmal zu Ehren des Festes ihre goldenen Sandalen trägt.“
Aus dem Gleiter stiegen tatsächlich Naila, der Erste und zwei Ratsmitglieder aus. Die Entscheidungshoheit im Staat, Herr Hartmann, meist nur kurz als der „Erste“ bezeichnet, war ein weit über achtzigjähriger, stattlicher Mann, der schon in Davor ein bekannter Politiker gewesen war. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Politikern in Davor ließ er sich nie korrumpieren und hatte durch seine Integrität und seinen unermüdlichen Einsatz für die wahren Bedürfnisse der Menschen großes Ansehen im Volk erworben.
Der Erste trat wie in alten Zeiten sehr formell in Anzug und Krawatte auf. Immer noch war er ein dynamisch wirkender Mann, der mit seinem sehr kurz geschnittenen, noch vollen grauen Haar viel jünger aussah. Er war in Begleitung von Naila, einer jungen Frau, die seine Enkelin hätte sein können.
Die zierliche Naila, die Herrn Hartmann als weise Frau unterstützend zur Seite stand, hatte einen schwebenden leichten Gang und wirkte auf den ersten Blick fast zerbrechlich, doch der Eindruck täuschte. Wenn sie sprach, war ihre Stimme laut und eindringlich, und mit ihren blauen Augen konnte sie tief in die Seele eines Menschen hineinschauen. Sie erfasste es sofort, wenn jemand nicht die Wahrheit sprach, wies ihn aber nie direkt darauf hin. Ihr Blick allerdings ließ verstehen, dass sie alle Lügen und alle Unechtheit durchschaute. Naila war eine recht hübsche Frau mit halblangen dunkelblonden Haaren, die aber weder an Kleidung noch an Schmuck Interesse hatte und sich auch nicht schminkte.
Sie gehörte zu den wenigen Trues, die mit „goldenen Sandalen“ geboren wurde, so nannte man in Swarganien diejenigen, die bewusst und im vollen Gewahrsein zur Welt kamen und diese Bewusstheit auch nicht nach den ersten Lebensjahren verloren. Die meisten anderen Trues erreichten erst später, oft nach vielen Jahren der Selbstbeobachtung und Meditation diesen Erleuchtungszustand. Meistens trug Naila eine Jeans, ein weißes T-Shirt und lief barfuß. Doch als sie in den Rat gewählt wurde, schenkte man ihr vergoldete Sandalen, die sie nun ab und zu bei Staatsempfängen trug.
„Sie hat die Sandalen an und dazu ein wunderschönes langes Kleid aus weißgelber Seide. Ich glaube, auf dem Rücken ist eine Sonne eingestickt“, rief Surya begeistert aus, als sie Naila erblickte, doch ihren Freund interessierte das im Moment wenig.
Lennys Aufmerksamkeit galt mehr den Ratsmitgliedern, die in einem Halbkreis um die beiden Führungspersönlichkeiten Platz nahmen. Er hatte unter den sechzehn Frauen und vierzehn Männern Herrn Seebauer entdeckt, einen Mann, den er aus seiner Heimat her kannte. Für sein Studium der Politik- und Wirtschaftswissenschaften hatte Lenny einst ein Referat über „Demokratie versus Monarchie“ halten müssen und Herrn Seebauer dazu interviewt, da dieser über beide Regierungsformen gut Bescheid wusste. Der Politiker war mit über neunzig Jahren der älteste im Rat, aber er bewegte sich behände und schien seit den Tagen, in denen Lenny ihn das erste Mal in der Werkstatt seines Vaters gesehen hatte, kaum gealtert zu sein. Auf Lenny hatte er bei dem Interview einen starken Eindruck hinterlassen und er überlegte gerade, nach der Veranstaltung zu ihm zu gehen, um nochmals über Politik zu sprechen.
Als Surya bemerkte, dass Lenny mit seinen Gedanken ganz woanders war, knuffte sie ihren Freund in die Seite. „Nun schau doch endlich mal zu Naila hin“, forderte sie ihn auf. „Ich glaube, sie signalisiert gerade den anderen Trues, dass die Zeremonie beginnen soll. Was die sich wohl alles ausgedacht haben!“
Surya war ganz aufgeregt. Sie wusste, dass die Staatsgründung ein ganz besonderer spiritueller Akt werden sollte und freute sich auf dieses Erlebnis.
Entgegen früherer Feierlichkeiten in Davor gab es an diesem herrlichen Sonntagmorgen keinen Staatsakt mit rotem Teppich und formellen Empfängen. Stattdessen begrüßten Naila und der Erste die zehn anderen Staatsoberhäupter mit herzlichen Umarmungen und sie schauten einander lange in die Augen. Dieser Eye-to-Eye-Kontakt schuf eine Begegnung von Essenz zu Essenz oder wie andere sagten von Gott zu Gott, beziehungsweise zum göttlichen Kern. Während dieser Begrüßungen war es ganz still. Die etwa fünfzig Trues und viele der anwesenden Besucher meditierten und tauchten ein in die intensive feierliche Atmosphäre.
Nach einer Weile begann der Erste mit seiner Rede. Er erzählte von den Problemen, die es gegeben hatte, als in den östlichen Wäldern plötzlich Menschen auftauchten, die im alten Bewusstsein des Kampfes und der trennenden Dualität lebten. Nun aber seien alle Schwierigkeiten beseitigt worden und man könnte einen Staat fast ohne bindende Gesetze gründen.
„Swarganien“, die Augen des Ersten leuchteten bei seinen Worten, „wird ein Staat des Lichts und der Wahrheit werden. Lasst uns darum beten, dass sich jetzt, in diesem Moment, die irdischen mit den kosmischen Energien zu einer mächtigen Lichtsäule vereinen, die unserem neuen Staat Kraft und Stärke verleiht.“
Nach einigen Minuten im stillen Gebet begannen einige aufgeregt zu flüstern. Sie spürten mehr, als dass sie es sahen, wie eine mächtige Energiewolke sich vom Himmel herabsenkte und die Erde berührte. Ekstase ergriff die Menschen. Einige schrien laut auf.
„Es ist so weit. Alles steht unter einem guten Stern!“ Der Erste erhob sich und machte eine Armbewegung zur Glocke des Schlossturms hin. Es war das
Zeichen, dass jetzt im ganzen Land zehn Minuten lang die Glocken geläutet wurden.
Als wieder Ruhe einkehrte, wurde an dem Fahnenmast neben dem Schloss langsam die neue weiße Fahne hochgezogen, auf der eine große goldene Sonne prangte. An den vier Eckpunkten der Flagge konnte man die Symbole der vier vereinigten Länder erkennen. Links oben zu sehen waren blaue Wellenlinien für die nördlichen Inseln, rechts oben ein stilisierter grüner Baum für die östlichen Wälder, rechts unten eine Andeutung von braunen Berggipfeln, Sinnbild der südlichen Bergregion und unten links das Zeichen der vereinigten Mitte VEM, zwei ineinander verschlungene violette Ringe.
Eine Zeitlang spielte danach das Orchester der Stadt Karlsruhe noch ein paar Musikstücke, dann ging der Erste wieder zum Rednerpult und las die Statuten des neuen Staats vor, die anschließend der Rat öffentlich beurkundete. Im Prinzip entsprachen sie den Vorschlägen, die von der Politikstudenten-Gruppe, zu der auch Lenny gehörte, mit erarbeitet worden waren.
Die Bewahrung einer intakten Umwelt, eine freie undogmatische spirituelle Entwicklung, das Fördern des persönlichen Glücks durch eine bedingungslose Grundversorgung und die Achtung und Gleichberechtigung aller Lebewesen standen dabei im Vordergrund.
„Ein neues Zeitalter ist angebrochen, immaterielle Werte sind erstrebenswerter als materielle geworden.“ Naila war hervorgetreten und löste den Ersten am Rednerpult ab. Sie sprach noch ein wenig über Ethik und wie leicht das Leben ist, wenn sich jeder an den Leitsatz hält, der bei den Statuten an erster Stelle stand.
„Was Du nicht willst, was man Dir tut, das füg auch keinem anderen zu.“
Zum Schluss spielte die Musikkapelle noch einige Melodien aus dem alten Musical Hair, um zu betonen, dass nun tatsächlich das Wassermannzeitalter der Liebe und des Friedens angebrochen sei, das darin besungen wurde.
Einige Menschen begannen zu tanzen und zu singen. Eine fröhliche Stimmung breitete sich aus, die auch Surya und Lenny ergriff. Sie fassten sich an den Händen und drehten sich viele Male im Kreis, bis sie sich schließlich atemlos auf ihrer Decke niederließen.
Nach und nach packten nun überall Menschen ihr Essen aus. Jeder bot dem anderen etwas von seinem Proviant an. Auch Suryas Eltern, die bisher auf der anderen Seite der Bühne der Zeremonie beigewohnt hatten, gesellten sich dazu. Laura, Suryas Mutter, hatte einen Riesenkorb mit leckeren Salaten und Broten mitgebracht und Jan schleppte mehrere Flaschen selbstgemachten Obstsaft heran, der auf großen Anklang stieß und schnell leergetrunken war.
„Genauso war das früher bei den Hippies! Da hat man auch gesungen, getanzt und alles in Liebe miteinander geteilt, meinte eine mollige Frau, die in der Nähe saß.
„Na, so alt bist du nun auch wieder nicht, Renate, du warst doch damals gar nicht dabei“, ein dünner Mann mit schütterem Haar lachte laut. „Woher willst du das denn wissen?“
„Hat mir meine Großmutter erzählt“, Renate war etwas erbost, dass ihr Partner derart ungläubig war. „Sie war in Davor eine echte Hippiefrau, langer Rock, Blumen im Haar und so. Ich habe mal ein Foto von ihr gesehen. Die Hippies meditierten damals schon genau wie wir und dachten, auf diese Weise das Wassermannzeitalter einläuten zu können. Vielleicht hast du ja vorhin den Text von dem Musical verstanden. Aber sie scheiterten. Leider!“
„Warum eigentlich, was ist da schief gegangen?“
„Weiß ich auch nicht genau. Oma vermutet, dass der CIA, der damalige amerikanische Geheimdienst, die Bewegung unterwandert hat. Die friedlichen Menschen wurden anscheinend zum harten Drogenkonsum verführt! Da fehlte ihnen plötzlich die Power und alles wurde im Keim erstickt.“
„Schon traurig, wie damals die Menschen manipuliert wurden“, meinte Suryas Vater Jan der alles mit angehört hatte. „Ich habe ja auch noch als Kind die Davor-Zeiten erlebt, aber wenig Erinnerung daran.“
Eine Weile blieben Surya und Lenny noch in der geselligen Runde sitzen und jeder gab zum Besten, was er alles über die alten Zeiten wusste. Auch Surya erzählte von ihrer Zeitreise nach Davor, die sie vor einem Jahr gemacht hatte.
„Ich fand es in Davor einfach schrecklich“, sie schüttelte sich vor Grausen bei ihren Worten, „die Menschen liefen irgendwie so mechanisch und unbewusst umher und glotzten ewig auf dieses Smartphone! Auch die Natur wirkte anders, gar nicht magisch. Tiere habe ich fast gar keine gesehen. Und vor allem fehlte die Liebe, die uns alle hier verbindet.“
„Genau, das meinte meine Großmutter auch“, bejahte Renate, die gerade ihr Geschirr einpackte. Unachtsamerweise ließ sie dabei ein paar Teller fallen. „So was Dummes!“ Renate machte ein ärgerliches Gesicht und wollte die Teller schon in den nächsten Abfallkorb werfen.
Doch Surya kam ihr zuvor. „Kann ich die Dinger haben?“, fragte sie, „ich brauche für die Ausstellung noch Material, an dem ich meine Gabe der Dematerialisation demonstrieren kann.“
In Schlossnähe hatte man vor dem Gründungsfest zahlreiche Zelte aufgebaut, die sowohl Platz für Übernachtungen als auch Raum für Ausstellungen, Konzerte und Essensausgabe bieten sollten. In einem der kleineren Zelte war eine Ausstellung über die Ergebnisse der „Forschungsgruppe für paranormale Fähigkeiten“ geplant.
Jans Vater, der selbst keine PSI-Kräfte besaß, interessierte sich sehr für die Anwendungsmöglichkeiten dieser Kräfte und wollte wissen, ob Mara auch dabei sein würde. Er kannte Mara, die Freundin seiner Tochter, eine Volltelepathin wie Surya, gut. Mara hatte ebenfalls die Sommerschule besucht und als die beiden noch jünger waren, verbrachten sie stets die Ferien miteinander. Mal besuchte Surya ihre Busenfreundin in Eifels, der großen Insel im Norden, mal kam Mara nach Karlsruhe. Jetzt wohnten sie zusammen in der Studenten-WG. Mara war eine sportliche, hochgewachsene Frau mit großen Füßen, deren langgezogenes Gesicht immer etwas ernst wirkte. Sie studierte im zweiten Semester Pädagogik.
„Nein, Mara wird im Festzelt nicht mitmachen.“ Surya schüttelte bedauernd den Kopf. „Sie hat sich entschlossen, die Kinderbetreuung zu übernehmen. Mit den vielen spannenden und lustige Geschichten, die sie kennt, wird es den Kleinen sicher nicht langweilig werden.“
„Und du, Lenny“, fragte Suryas Mutter. „Zeigst du den Menschen deine Psi-Kräfte?“ Laura wusste, dass Lenny bisher nur in der Forschungsgruppe Gegenstände aus dem Nichts materialisierte hatte.
„Nein“, Lenny druckste ein wenig herum. „Ich habe mich als Guide für die Ausstellungsbesucher zur Verfügung gestellt.“
Surya stellte fest, dass sich Lennys Gesicht bei Lauras Frage zusehends verdüsterte. Immer, wenn es um seine paranormale Gabe ging, beschlich sie das Gefühl, dass sie ihm lästig war. Oder hatte er vielleicht Angst davor? Befürchtete er etwas zu tun, das nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte?
Sie wusste es nicht.
Die Ausstellung
In den vereinigten Ländern von Swarganien war man seit Jahrzehnten mit den immensen Aufräumarbeiten beschäftigt, die die vielen Naturkatastrohen mit sich brachten. Nicht überall machte man aber so schnelle Fortschritte wie in Karlsruhe, der Hauptstadt, die seit dem Ereignis an einem Meeresarm lag.
Hier hatte man mittlerweile alle Gebäudeschäden beheben können und nicht mehr benötigte Gewerbeeinheiten beseitigt, wobei Suryas Gabe der Dematerialisation eine große Hilfe war. Da es Autos wie früher nicht mehr gab, wurden Parkflächen zu Blumenwiesen oder Gärten. Einen größeren Parkplatz hatte man allerdings am Rande des Stadtkerns für die gebundenen Gleiter belassen.
Diese Art der Gleiter, von denen es hauptsächlich Zweisitzer gab, stand jedermann zur Verfügung. Sie glitten lautlos in etwa drei Meter Höhe auf festgelegten Bahnen dahin. Der Erdboden darunter musste nicht versiegelt werden, nur die 32 „Sonnenstraßen“ und ein paar Zufahrtsstraßen hatte man im alten asphaltierten Zustand belassen. Diese konnte man mit den E-free-Modellen befahren, das waren auto- oder fahrradähnliche Fahrzeuge, die mit freier Energie betrieben wurden.
Auch in der Umgebung von Karlsruhe hatte sich einiges verändert. Die vielen sich hoch auftürmenden Schrotthaufen der Industrieanlagen waren inzwischen vollkommen mit Gras und kleinen Büschen bedeckt, sodass entlang der Ufer der Meeresbucht grüne Hügel entstanden, die ganz natürlich aussahen.
Jahr für Jahr strömten viele Menschen nach Karlsruhe, um dort zu leben, denn die Stadt war für ihre innovativen Zukunftsmodelle insbesondere hinsichtlich alternativer Technik bekannt. In den Ausstellungszelten rund um das Schloss wollte man einige dieser Erfindungen wie auch die neuartige Hologramm- Filmtechnik vorstellen, aber auch zeigen, was für Fortschritte das „EPI-Team“ gemacht hatte. So nannten die Studenten ihre Forschungsgruppe für paranormale Fähigkeiten, die aus mehr als zwanzig aktiven Teilnehmern bestand.
EPI, Abkürzung für Epiphyse, auch Zirbeldrüse genannt, war das Organ, welches für die Ausbildung des sechsten Sinns sorgte und durch das Ereignis derart angeregt wurde, dass es danach einige Menschen mit bemerkenswerten paranormalen Fähigkeiten gab.
*
Surya war nicht nur Mitglied dieser Gruppe, sie gehörte auch einer Vereinigung von Volltelepathen aus dem In- und Ausland an. Einige davon, die sie noch nie gesehen hatte, wollten das Gründungsfest besuchen und Surya freute sich darauf, diese endlich mal „live“ kennenzulernen.
Am Morgen des Ausstellungstags, als Surya sich gerade im Bad ihre langen, dunkelblonden Haare kämmte, bemerkte sie plötzlich, dass einer der Volltelepathen Kontakt mit ihr aufnahm.
„Wir sitzen auf den Bänken vor dem EPI-Zelt“, teilte er ihr mit, „komm doch gleich her, wir haben etwas Gutes zum Frühstück mitgebracht.“
Rasch verabschiedete sich Surya von Lenny und machte sich neugierig auf den Weg. Schon von weitem erblickte sie sechs Menschen, die ihr zuwinkten. Surya begrüßte sie herzlich mit vielen Küsschen und langen Umarmungen. Alle waren ihr auf Anhieb sympathisch.
Beim Frühstücken stellte Surya fest, dass auch eine Frau aus dem ehemaligen Italien dabei war, die wie sie dematerialisieren konnte. Die beiden tauschten sich lange über ihre Gabe aus und jede erklärte der anderen ihre Methoden zur Ausgleichung des Energiedefizits, dass nach der Ausübung einer solchen Tätigkeit meistens entstand.
Telepathen sprachen im direkten Kontakt ganz normal miteinander und nutzten ihre Fähigkeit nur, wenn sie über Entfernungen kommunizieren wollten.
Das interessante Gespräch mit der Italienerin ließ Surya die Zeit vergessen. Als dann aber ein lauter Gong den Beginn der Ausstellung verkündete, verabschiedete sie sich rasch, um ihren Platz im hinteren Teil des Ausstellungszelts einzunehmen.
Ihr Kommilitone Barlo, ein Medizinstudent, der genau wie seine Freundin Derya mit in ihrer Studenten-WG wohnte, hatte seinen Stand äußerst günstig ganz in der Nähe des Eingangs platziert. Hier wollte er der Öffentlichkeit seinen Aura-Scanner präsentieren, an dem er Jahre getüftelt hatte. Natürlich konnte sich auch jeder gleich damit untersuchen lassen. Barlo hoffte, so Interessenten zu finden, die in Zukunft weitere Modelle dieses medizinischen Vorsorgegeräts in Serie herstellen würden.
Schon kurz nach der Eröffnung bildete sich vor seinem Stand eine riesige Menschentraube. Jeder hoffte Aufschlüsse über seine Aura zu gewinnen und wollte natürlich wissen, wie mögliche Irritationen am besten auszugleichen seien.
Derya, mit der Barlo seit mehreren Jahren liiert war, hatte ihren Platz vor dem Zelt. Sie studierte Landwirtschaft und Gartenbau und hatte viel Arbeit in verschiedene Schaugärten gesteckt. Derya konnte auf mediale Art mit Pflanzen kommunizieren und sah sie als den Menschen gleichberechtigte Lebewesen an. Sie spürte stets, was sie brauchten, um gut zu gedeihen. In den Gärten rund um die Zelte gediehen Blumen in üppiger Vielfalt, die wunderbar dufteten, aber auch Gemüse, das erntereif war und zum direkten Verzehr verlockte. Derya setzte bei ihren Züchtungen Musik ein und hatte einen kleinen Film gedreht, mit dem sie den Einfluss der verschiedenen Musikrichtungen auf das Wachstum der Pflanzen demonstrierte. Während beispielsweise Gurken Bach liebten und dabei regelrecht in die Höhe schossen, blieben Tomaten bei diesen Klängen klein und bildeten wenig schmackhafte Früchte aus. Sie gediehen aber umso besser zu den Klängen von Vivaldi oder Schubert.
Derya bot aber auch an ihrem Tisch einige Delikatessen aus Meeresgemüse an, das sie in der nördlichen Bucht in Becken heranzog. Diese fanden reißenden Absatz und man war einhellig der Meinung, dass sie durchaus ein adäquater Ersatz für Fisch seien.
Leons Arbeitsgruppe, die sich mit der Aufhebung der Schwerkraft beschäftigte, war ebenfalls im Zelt vertreten. Die Ergebnisse dieser Gruppe stießen insbesondere bei Baufachleuten auf große Resonanz. Man zeigte dort, wie sich ein tonnenschwerer Stein allein durch die Beschallung mit bestimmten Frequenzen in die Höhe heben ließ. Leon selbst war dort aber nicht anzutreffen, denn der Mathematik- und Physikstudent gehörte mit zum Kreis der Trues, die dafür sorgten, eine hohe Energieschwingung während des Festes aufrechtzuerhalten.
Es dauerte ein wenig, bis bei Surya die ersten Besucher eintrafen.
„Bei dir ist ja alles kaputt“, kreischte schrill ein kleines Mädchen, als es Suryas Sammlung von defekten Gegenständen sah. „Was willst du denn mit den ganzen Dingern machen?“
„Das“, meinte Surya lächelnd und tat so, als ob sie über einer grünen Vase mit Sprung einen Zauberstab schwenken würde. „Hokuspokus Fidibus und weg.“ Das Kind staunte nicht schlecht, als die Vase plötzlich im Nichts verschwand und fragte neugierig, wie das möglich sei. Surya erklärte, dass sie nicht zaubern könne, aber die Gabe besäße, durch Willenskraft ihre Zirbeldrüse zu aktivieren. Surya deutete auf ihren Hinterkopf. „Dort sitzt sie, die Drüse“, erklärte sie. „Hier wird die Energie erzeugt, die dann am Rücken wie eine Schlange hochsteigt und mir die Kraft gibt, feste Materie in ihre Urbausteine aufzulösen“, und zu den Erwachsenen gewandt fügte sie hinzu: „Mehr Erklärungen über die Funktionsweise der Epiphyse finden Sie auf einer Schautafel am Eingang des Zelts. Dort ist auch eine Abbildung der Drüse zu sehen.“
Am Nachmittag, als an Suryas Stand nichts mehr los war, beschloss sie, ein wenig durch die anderen Ausstellungsräume zu bummeln. Als sie das Zelt betrat, in dem die neue Hologramm-Filmtechnik präsentiert wurde, lief gerade der dreidimensionale Film über die Geschehnisse in Oberhofen. Die vielen Besucher staunten nicht schlecht über das unmittelbare Erleben der gezeigten Situation und waren fasziniert von der neuen Technik, die ihnen Robert, ein älterer Student, geduldig erklärte.
Nach einer Weile trat aus der Menschenmenge eine schöne blonde Frau unbestimmten Alters hervor. Sie wollte wissen, ob man herausgefunden habe, welche Art von dunkler Magie man damals verwendet hätte, um den Bunker zu schützen. Zu Suryas Erstaunen beantwortete die Frage aber Lenny, den sie inmitten der Gäste gar nicht gesehen hatte.
„Wenn Sie noch mehr wissen wollen“, hörte sie ihn abschließend sagen, „ich stehe Ihnen gern zur Verfügung.“
Anscheinend wollte die Blonde tatsächlich mehr erfahren, denn sie hakte sich unaufgefordert bei Lenny ein und zog ihn zur Seite. Die beiden fingen ein Gespräch an und Surya konnte nicht umhin, zu lauschen. Es ging hauptsächlich um Magie und die Zeit in Davor. Gerade, als sie sich bei Lenny bemerkbar machen wollte, hörte sie ihn sagen: „Meine Freundin hat sogar schon mal eine Zeitreise nach Davor unternommen. Sie fand es dort ganz schrecklich.“
Surya fiel auf, dass die Augen der Frau bei seinen Worten merkwürdig glitzerten. Plötzlich hatte sie ein unangenehmes Gefühl im Magen. Mit der Frau stimmte irgendetwas nicht!
Die Blonde, unter deren beigen Mantel sich ein Kleidungsstück mit einem dicken, unförmigen Gürtel abzeichnete, erkundigte sich noch, ob die Freundin bei der Zeitreise im physischen Körper unterwegs gewesen war, und als Lenny dies verneinte, fragte sie ihn mit einem seltsamen Unterton in der Stimme: „Man hat mir gesagt, dass Sie die Gabe der Materialisation beherrschen, stimmt das?“
Lennys Antwort hörte Surya nicht mehr.
Am Abend, als sie sich mit Lenny zum Essen traf, wirkte dieser ungewöhnlich distanziert. Surya war beunruhigt.
Ob diese mysteriöse Frau etwas damit zu tun hatte?
Veränderungen
Im Sommer des Jahres 35 DA schloss Barlo seine Doktorarbeit zu dem Thema „Neues Gesundheitskonzept auf der Basis von Vorsorgemaßnahmen“ ab. Er hatte bei der Ausstellung damals eine Firma gefunden, die bereit war, eine größere Anzahl an Aurascannern mit den entsprechenden Kameras herzustellen und an interessierte Ärzte zu Testzwecken abzugeben. Dazu wurde noch auf Grund von Barlos Angaben eine Software entwickelt, mit der die Aura hinsichtlich der vorhandenen Farben und Größe der Ausdehnung beurteilt werden konnte. Stellte das Programm Irritationen fest, die auf eine mögliche spätere Krankheit hinwiesen, hatte der Arzt Zeit, entsprechende Maßnahmen einzuleiten, um einen Ausbruch im Vorfeld zu verhindern.
Barlo arbeitete in diesem Fall am liebsten mit Farben und Klängen. Sah er in der Aura beispielsweise eine Eintrübung im Bereich der Leber, so beschallte er das Organ mit der Schwingungsfrequenz einer gesunden Leber und bestrahlte den Patienten zusätzlich im entsprechenden Körperbereich mit grünem Licht.
Seine Erfahrungen und die der Ärzte, die sein Gerät getestet hatten, dokumentierte er sorgfältig in seiner Dissertation. Er ging aber auch noch auf andere Möglichkeiten der Gesundheitsvorsorge ein, die er beim Studium der chinesischen Medizin kennengelernt hatte. So regte er an, frühzeitig damit zu beginnen, Bewegungsformen wie Tai Qi oder Qi Gong zu praktizieren, um den Energiefluss im Körper zu harmonisieren. Ferner empfahl er eine auf den jeweiligen Menschentyp abgestimmte Ernährung sowie Atem- und Meditationsübungen.
Barlo war der festen Überzeugung, jeglichen Krankheitsausbruch vermeiden zu können. Doch er wies darauf hin, dass der Mensch unbedingt konsequente Selbstbeobachtung praktizieren müsse, damit seine vorgestellten Maßnahmen auch Erfolg hätten. Negative Gefühle und Gedanken seien zwar in der Aura zu erkennen und bildeten oft die Vorstufe zu einem physischen Leiden, aber diese aufzuspüren und aufzulösen sei eigentlich Sache des Patienten.
In seiner Arbeit wies Barlo auch auf Maras Petition an die Pädagogikprofessoren hin, die er sehr begrüßte. Mara hatte vorgeschlagen, bereits in der Schule zusätzlich zum Fach Ethik das Fach „Selfin“, die Abkürzung von Self Inquiry, Selbsterforschung einzuführen. Für ihn ein wichtiger Schritt zur psychischen und physischen Gesunderhaltung.
Die Uni hätte ihn gern als Dozent behalten, um angehende Ärzte mehr zur Vorsorge als zur Behandlung von Leiden anzuregen, doch gerade, als er überlegte, ein entsprechendes Angebot anzunehmen, erhielt er eine Nachricht von seinem Vater, die er am Abend seinen fünf Mitbewohnern vorlas:
„Es tut mir leid, dir mitteilen zu müssen, dass es mir nicht gut geht. Mein Arzt meint, dass ich in Zukunft nicht mehr so hart arbeiten darf. Aber wer soll sich dann um die Tiere und den Hof kümmern? Deine Mutter allein schafft das nicht“, Barlo machte ein betroffenes Gesicht und schwieg eine Weile, bevor er fortfuhr: „Wie wäre es, wenn du und deine Freundin Derya hierherziehen würdet? Platz genug haben wir ja.“
Barlo, ein kräftig gebauter Mann mit kleinem Bart war zusammen mit zwei Schwestern auf einem alten Bauernhof in VEM nahe Veitskirchen aufgewachsen, den auch Derya kannte, denn sie stammte aus der gleichen Gegend und hatte mit achtzehn Jahren ihren sozialen Dienst auf dem Hof abgeleistet. Derya mochte Barlos Familie, doch sie hatte nie daran gedacht, zu ihnen aufs Land zu ziehen. In zwei Monaten würde sie zwar auch ihren Abschluss machen, aber genaue Pläne für die Zukunft hatten weder sie noch Barlo. Allerdings stand eine Veränderung ins Haus, denn eigentlich durften nur Studierende in dem der Uni angeschlossenen Wohnviertel bleiben und das auch höchstens für zehn Jahre. Sie mussten also über kurz oder lang ausziehen und eine Alternative zur Studentenwohngemeinschaft finden.