11,99 €
Bahman Shahozaini ist Deutscher, auch wenn sein Name und Aussehen dies nicht unbedingt nahelegen. Lange mühte er sich vergeblich, dazuzugehören: »Ich dachte und sprach Deutsch, aber das schien nicht zu reichen.« Wie es ihm schließlich gelang, erfahren wir in seinem Buch, das uns augenzwinkernd den Spiegel vorhält. Amüsante und tragische Geschichten von Gutmenschen und Rassisten, aber auch Begegnungen mit großartigen Menschen, für die Herkunft keine Rolle spielt. Sein Buch ist eine furiose Liebeserklärung an Deutschland, ebenso sarkastisch wie nachdenklich stimmend. Eine erfrischende neue Stimme in der deutschen Migrantenliteratur!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2021
Bahman Shahozaini
Bahman Shahozaini
Von unser aller Glück, hier zu sein
Ein »Kanake« erzählt
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Wichtiger Hinweis
Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.
1. Auflage 2021
© 2021 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlaggestaltung: Tobias Prießner
Umschlagabbildung: Miriam Weissert
Layout und Satz: ZeroSoft, Timisoara
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-7423-1646-2
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-0768-9
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-0769-6
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.rivaverlag.de
Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de
Prolog
Kapitel 1 »Wir sind Ausländer«
Ein stilles Baby
Reise ins gelobte Land
Persische Gemütlichkeit und deutsche Präzision
Schwarze Katze, weißer Hase
Wie ich einmal den Nikolaus enttäuschte
»Mama, sind wir arm?«
Kapitel 2 Eine Kindheit in Deutschland
Torschusspanik – gescheiterte Integration durch Fußball
Vor der Bürokratie sind wir alle gleich wertlos
Deutsch als Schlüsselqualifikation
Deutsch für Ausländer
Integration? – Alles Käse!
Am Zaun der Gesellschaft
»Männer weinen nicht!«
Kapitel 3 »Sie werden der Klügste sein!« – Bildung in Deutschland
Wo sind meine Erdbeeren?
Sanskrit-Studien mit ungeahnten Konsequenzen
Et situs vilate inisse tabernit – auf dem Gymnasium
»Was macht dein Papa?«
Fördern und Fordern
»Ausländer sagen wir hier nicht«
Nachtflugverbot
»Schreib uns, warum du hier arbeiten willst«
Sinus B3 entlarvt Statistiklüge
Die Wissenschaft von der Kommunikation
Kapitel 4 Deutschland, deine Arbeitswelt
Die erfolglose Abwendung niederer Tätigkeiten
Struktureller Rassismus
Im Reich der lüsternen Omis
Gutmenschen und gut Gemeintes
Thekenpsychologische Gutachten
»Murat am Apparat, hätten Sie kurz ... Hallo?«
Draußen vor der Tür oder Wie komme ich in Clubs rein?
Kommunikationstraining für Choleriker
»There’s No Business Like Show Business«
Der Empfang oder die Kunst, Dankbarkeit zu empfangen
Kapitel 5 »Isch gib dir gleisch Salam Aleikum!« – Freizeit in Deutschland
Ein Rundumschlag vorweg
Ein Italiener beim Chinesen
Champagner im Beethovenpark
»Da sind zu viele Schwarze«
Karneval der Offenbarungen
Nicht alle sind Bastarde
Ayran im Dackelverein
Tanzen fül weiße Flau
Das Geheimnis des Singulars
Kapitel 6 »Mein Vater wird dich nie akzeptieren« – Liebe in Deutschland
Deutscher Boden oder Wie schön ist’s doch zu Hause!
What is Love? Baby don’t hurt me!
Die Deutschen und die Deutschen
Die Deutschen und die anderen
»Nur für Flüchtlinge«
Politik kann hart sein
Es geht nicht um Rassismus
Kapitel 7 »Du bist Deutschland«
»Schwarzkoooopf!!!«
»David, wir kriegen dich!«
Es gibt keinen Rassismus
Ubi bene – ibi patria
Kapitel 8 Danke, Deutschland
»Das System – Alles verstehen heißt alles verzeihen«
Das deutsche Streben nach Glück
Unglück im Glück
Dankbarkeit
Empathie, Mitgefühl und Achtsamkeit
Heilen statt keilen
Danke, Deutschland
Die ganze Welt will deutsch sein, nur die Deutschen schämen sich dafür. Dieses Buch ist all jenen gewidmet, die Deutschland lieben und wertschätzen, all jenen, die keine Labels wie »Deutscher« oder »Ausländer« brauchen.
Ich mag Rassisten. Nein, um Gottes willen ... natürlich nicht alle. Nur jene, die auch den Mut haben, zuzugeben, dass sie es sind. Die anderen, die sich wie Rassisten benehmen, aber von sich selbst glauben, sie seien keine, machen mich mürbe. Sehr wahrscheinlich sind Sie so einer. Vielleicht irre ich mich aber auch. Entscheiden Sie selbst.
Markus war groß und kräftig gebaut. Braun gebrannt, kurze blondierte Locken, er trug gern Gold. Ich mochte ihn sehr, sein Style war der einzig wahre: Achtzigerjahre-Schick. Mit ihm an meiner Seite fühlte ich mich wie Modern Talking. Blond und schwarz, Yin und Yang. Markus und ich besuchten eine Aufbau-Realschule. Eine Schulform für Gestrandete, die zu doof für das Gymnasium, aber zu smart für die Hauptschule oder die gewöhnliche Realschule waren. Hier sollten Typen wie er und ich mit einem neuen Anlauf für die akademische Rennstrecke fit gemacht werden. Dieses Unterfangen erwies sich als recht hoffnungslos, weil Markus und ich unsere eigenen Vorstellungen hatten: Wir wollten Frauen, Autos und Geld. Wie Dieter Bohlen und Thomas Anders eben. Der bloße Gedanke an ein piefiges Akademikerdasein löste in uns beiden Lachkrämpfe aus.
Markus war kein gewöhnlicher Deutscher. Die meisten Schwarzköpfe respektierten ihn. Und das hieß schon was. Auf einem Gymnasium buhlt man als Deutscher bestenfalls um den Respekt der Lehrer. Aber auf einer Schule mit einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund (Verzeihung, bitte gewöhnen Sie sich nicht an die politisch korrekte Formulierung – schon bald werde ich Sie in meine Sprache einführen) ist Respekt die einzig wahre Währung. Das begreifen nur Menschen, die niedere soziale Schichten kennen und verstehen. Markus war soziologisch betrachtet ein Connaisseur.
Als wir das erste Mal feiern gingen, sollte ich bei ihm übernachten. In den frühen Morgenstunden auf dem Weg ins Kölner Villenviertel Marienburg – hier residierten in der jungen Bonner Republik einst die meisten Botschaften – informierte er mich kurz und knapp: »Nur, dass du Bescheid weißt: Meine Eltern hassen Ausländer.«
Ich weiß noch genau, wie ich mir schulterzuckend dachte: »Okay, das kann ihnen nun wirklich keiner verübeln.« Und dabei hoffte ich, dass es zu keiner Begegnung kommen würde.
Es war das erste Mal, dass ich ein Haus in dieser Größenordnung betrat. Jugendstil, sehr gut erhalten, zwei Etagen, ein Pool. Alles war weiß, mit Gold veredelt, alles roch so sauber, frisch und gut. Es war exakt so, wie ich mir das Reichsein vorstellte. Der Kühlschrank war zwei Meter groß und es mangelte an nichts. Ein Porsche 930 zierte die Einfahrt und ich fragte, wer den Wagen fuhr.
»Mein Bruder. Er wird Anwalt werden.«
Ich war begeistert. Futur 1, und er fuhr schon Porsche. So viel Zuversicht und Selbstsicherheit lagen jenseits meiner Vorstellungskraft.
Markus’ Mutter war bereits wach und bereitete das sonntägliche Frühstück vor. Wir setzten uns an den Tisch und warteten auf den Herrn des Hauses, der nach etwa zwanzig Minuten die Treppe herunterkam. Am Frühstückstisch angekommen, strich der Vater sein grau meliertes Haar mit seinen Arbeiterhänden zurecht, bevor er sich wortlos setzte. Seine runde Statur und die zusammengekniffenen Clint-Eastwood-Augen machten unmissverständlich klar, dass jetzt der Löwe da war. Das Rudel schwieg ehrfürchtig. Er trug einen dunkelblauen Merinopullover mit V-Ausschnitt und darunter ein weiß-blau gestreiftes Hemd.
Es dauerte nicht lange, bis er eine erste Frage an mich richtete und damit die etwas bedrückende Stille durchbrach, die entstanden war, nachdem er sich die erste Brotscheibe genommen und angefangen hatte, diese mit Butter zu beschmieren. Ohne mir in die Augen zu schauen, begann er zuerst ganz harmlos: »Ständig werden Deutsche von Ausländern verprügelt. Jetzt haben da ein paar Deutsche mal einem Ausländer eins auf die Mütze gegeben, und da machen die gleich so ein Theater daraus.« Dann raunzte er mich sichtlich erbost an: »Wie findest du das denn?«
Eine Begebenheit, die sich Ende der 1990er-Jahre ereignet hatte: Eine Handvoll Bundeswehrsoldaten hatten ordentlich getankt und dann einen Ausländer niedergemäht. Der Fall geriet an die Öffentlichkeit und die Presse stürzte sich darauf. Ich spürte die Animosität und Verärgerung im Raum. Markus und seine Mutter schauten gebannt in meine Richtung. Die Spannung war zum Greifen. Vor einem Löwen oder einem Elefantenbullen, der seinen Standpunkt klarmacht, kann man nicht mehr wegrennen. Dafür ist es dann zu spät. Also dachte ich kurz nach und erwiderte so entspannt wie möglich: »Das waren blöderweise Soldaten in Uniform. Das schadet dem Ansehen der Bundeswehr.«
Stille.
Markus stierte gebannt zu seinem Vater hinüber und dieser erwiderte lapidar: »Da hast du recht. Markus, reich mir mal bitte die Kaffeesahne.«
Von einem auf den anderen Moment atmete der Raum wieder, die Mutter begann zu plaudern, als wäre nie etwas gewesen, und alle sprachen freundlich miteinander.
Und ich? Ich war kein Fremdkörper mehr, sondern ein Gast, und ich wurde auch so behandelt. Respektvoll.
»Das habe ich noch nie zuvor erlebt. Meine Eltern können Ausländer und vor allem Schwarzköppe nicht leiden, aber dich mögen sie. Du kannst uns jederzeit wieder besuchen, hat meine Mama gesagt.«
Als ich das nächste Mal bei Markus zu Hause ankam, reichte die Mutter mir einen Becher mit Zahnbürste, Zahnpasta und weiteren Utensilien, wie man sie im Hotel bekommt. Meine Mutter arbeitete als Reinigungskraft in einem großen Hotel, von daher kannte ich diese Dinger. Ich fühlte mich respektiert und geehrt. Eigentlich hätten die Eltern von Markus mit ihren Vorurteilen und Voreinstellungen allen Grund gehabt, mich mit Argwohn zu behandeln, so als wollte ich sie ausrauben. Wenn ich an deren Stelle gewesen wäre, hätte ich mich nicht anders verhalten. Aber diese beiden Menschen taten schließlich das, was sie auch ihrem lieben Sohn Markus beibrachten: Menschen individuell zu beurteilen, mit gesunder Intuition und Bauchgefühl, und dann locker durch die Hose zu atmen.
Markus verriet mir später, dass die Nachbarschaft keinen sonderlich großen Respekt für seine Familie und ihre Anwesenheit hegte. Warum auch? Sie waren Aufsteiger. Sie waren umzingelt von Akademikern und altem Geld. Das heißt, sie wussten aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, diskriminiert zu werden.
Es war pochend heiß. Zu heiß für den Mai in Teheran. Über den Straßen waberte die Hitze und Farah presste ihr neugeborenes Baby fest an ihren Körper, als könnte es sonst auf den glühenden Asphalt fallen. Sie hetzte durch die Straßen und wunderte sich weniger über die Hitze als über die ungewöhnliche Stille. Seit 1980 waren die mal fernen, mal nahen Bombenangriffe von Saddam Husseins Truppen zu hören. Doch nicht heute. Das machte Farah skeptisch. Sie beschlich ein mulmiges Gefühl, das tief von der Magengegend herrührte und langsam, aber sicher in ihren Brustkorb kroch. Ihr Herz schlug schneller. Sie verstand nicht, warum sie sich so fühlte. Sie hatte nur eine Ahnung und spürte jetzt das Kribbeln in den Händen. Die ersten Schweißperlen rollten ihr aus den Achselhöhlen.
Sie war erst einundzwanzig Jahre alt, äußerst empfindsam und stammte aus einfachen Verhältnissen. Die Gefühle und Absichten der Menschen erkannte sie meist, bevor diese zum Ausdruck kamen. Und sie hatte inzwischen einen sensibles Radar für den Tod. Drei Jahre zuvor hatte sie ihre erste große Liebe in den Wirren der Revolution von 1979 verloren. Schüsse fielen, er starb blutend auf der Straße in ihren Armen. Sie presste ihn fest an sich, wünschte sich eine andere Zeit, eine andere Welt, ein anderes Leben. Ein Leben in Freiheit, das nicht bezahlt werden musste.
»Komm Farah, steh auf! Er ist tot!«, ein bekanntes Gesicht schrie auf sie ein, es fiepte in ihren Ohren. Sie schaute ihn ungläubig an. Wild rannten Menschen umher, in alle Richtungen dem Tränengas weichend. Das Geschrei war ohrenbetäubend, weitere Schüsse fielen. Die Blutlache unter Farah wurde größer.
»Wir müssen weg! Jetzt!!!«, schrie die Stimme ein letztes Mal und riss sie weg. Der leblose Körper sackte auf den Boden, bevor andere Demonstranten die Leiche zu viert wegtrugen. Mit einem Schulterblick verabschiedete sie sich von ihm. Sie rannte. Dann war sie daheim. Stille.
Dieses Mal war es anders. Es war das Jahr 1982. Farah fürchtete keine Schüsse auf den Straßen oder nächtliche Entführungen, sondern staatlich regulierte, gesetzliche Maßnahmen. Verhaftungen und Verhöre nach islamischem Recht. Alles, was die neue Ordnung bedrohte, wurde rigoros bestraft. Nach außen wurde Saddam Hussein bekämpft, nach innen die letzten Querulanten, die sich der neuen Wirklichkeit verweigerten und noch immer glaubten, dass die Revolution mehr Freiheit gebracht haben müsste. So wie Farah.
Sie klopfte an die Tür ihres Elternhauses und ihre Mutter öffnete nur einen Spalt. »Du kannst nicht rein. Sie waren hier und haben das ganze Haus durchsucht. Sie haben Dinge beschlagnahmt.« Die Mutter zögerte. »Geh zu Babaks Haus, dort wartet jemand auf dich. Alles ist vorbereitet. Du wirst jetzt das Land verlassen.«
Farah hatte gewusst, dass es irgendwann so kommen würde. Theoretisch zumindest. »Lass mich bitte rein, damit ich ein paar Kleidungsstücke für uns einpacken kann.«
Die Mutter schnaufte erbost. »Was ist los mit dir? Die wollen dich und dein Baby! Verschwinde jetzt! Na los.« Sie knallte die Tür zu und Farah lief los. Die Mutter weinte hinter der Tür.
Das Kind schrie nicht. Es war ein ruhiges Baby.
Farah erreichte das Haus ihres Cousins Babak, es wurde bereits dunkel. Zwei weitere Freunde und ein Unbekannter empfingen sie. Jetzt wurde sie ängstlich.
»Hier sind deine Papiere, für die nächsten zwölf Stunden hörst du auf den Namen Aresu und bist neunzehn Jahre alt. Du bist die Cousine von Majid. Er wird dich in den kommenden Tagen heiraten. Ich werde euch fahren. Wenn wir unterwegs kontrolliert werden, sagst du nichts, ich werde für euch sprechen. Zieh dir deine Vollverschleierung über. Du bist jetzt strenggläubig, verhalte dich auch so.«
Sie wusste genau, was das hieß. Beschämt Augenkontakt vermeiden und sich unterwürfig verhalten. Alles, was sie nicht wollte und zu verhindern versuchte, sollte sie jetzt retten. Ihr Glaube an die Rettung war in Schwarz gehüllt, damit sie in der Finsternis der Nacht in eine unbekannte Zukunft verschwinden konnte.
Sie wechselte ihrem Kind im Nebenzimmer die Windeln. Die Männer murmelten nebenan.
»Aresu!«, rief der Unbekannte.
Farah reagierte nicht.
»Aresu, dein Mann hat dich gerufen. Antworte und schäme dich, Weib!«, witzelte ihr Cousin. Er versuchte, die Situation aufzulockern.
Farah lächelte müde und schaute ihrem kleinen Sohn in die Augen. Er quiekte, lachte sie glücklich an. Sie begann zu weinen.
Der Wagen war klein und unbequem. Zu viert stiegen sie ein, fuhren los in Richtung Aserbaidschan. Sieben Stunden würden sie unterwegs sein. Das Kind saß auf dem Schoß von Babak auf dem Beifahrersitz. Sie gerieten in eine Straßenkontrolle. Die Wächter waren alle Anfang zwanzig und sahen gelangweilt aus. Babak und der Fahrer atmeten auf.
»Wo wollt ihr hin und wem gehört das Baby?«, fragte einer der Wächter keck, während er sich am Wagen mit beiden Händen abstützte.
Babak sprach überzogen ehrfürchtig zum neuen Staatsdiener. »Die Eltern von dem Kleinen sind gestern bei einem Autounfall verstorben. Tragische Sache. Die beiden wollen heiraten und übernehmen das Kind. Man darf nie die Hoffnung verlieren, nicht wahr? Wir fahren zum Vater meiner Cousine, damit der Antrag persönlich und nach islamischem Recht stattfindet.«
Der Junge musterte skeptisch die hinteren Fahrgäste und sah zwei traurige Gestalten.
»Der Islam ist in Gefahr und wir brauchen Soldaten wie euch. Danke, dass ihr das macht! Der Kleine hier wird euch auch eines Tages unterstützen, nicht wahr?«, sagte Babak und grinste dabei das Baby an.
Der Wächter war sichtlich genervt und holte seine Zigaretten aus der Tasche. »Fahrt weiter!«
Es war kalt geworden. Weit in der Ferne blitzten gelegentlich Leuchtkörper auf. Der Iran-Irak-Krieg erzeugte wie jeder andere Krieg auch malerische Momente. Die Gebirgsketten im Nordwesten des Iran waren eine raue Naturlandschaft. Es gab ungenutzte, unbewohnbare Landstriche, wo für gewöhnlich kein Mensch vorbeikam. Es sei denn, er oder sie wollte in die Sowjetunion fliehen.
Sie erreichten das Ende einer Landstraße. Farah stieg aus und bekam ihr Baby zurück. Der Wind pfiff durch die Nacht, es wurde eisig. Ein US-amerikanischer Pick-up rollte an und sie erkannte den Dienstwagen ihres Vaters, auf dem Ambulance stand. Sie wunderte sich, warum er sein Auto für eine solche Fahrt zur Verfügung stellte, dann traute sie ihren Augen nicht, als er selbst ausstieg. Wieder kamen ihr die Tränen, sie fiel ihm in die Arme.
»Hör auf zu weinen, mein Schatz, du beunruhigst sonst den Kleinen.«
»Papa, verzeih mir, bitte, verzeih mir! Ich dachte, ich sehe dich nie wieder. Es tut mir so leid.«
Sie liebte ihn. Ihr wurde klar, dass sie auch diese Liebe loslassen musste. Heute, in dieser Nacht.
Er beruhigte sie und brachte sie zum Beifahrersitz des Pick-ups. »Ich fahre euch zur letzten Station. Setz dich rein und dreh die Heizung auf.«
Er hielt ihr zwar die Tür des kolossalen Fahrzeugs auf, aber half ihr nicht beim Einsteigen. Er behandelte die Frauen auf Augenhöhe. Niemals wäre es ihm eingefallen, seine Tochter zu tadeln, weil sie sich unmuslimisch verhielt. Er war es, der ihre Flucht organisiert hatte. Sie hatte ja keine Ahnung gehabt, dass er im Geheimen selbst so aktiv war. Von seinen Parteiaktivitäten wusste sie nichts. Auch nicht, dass er für den Ernstfall Granaten und Anti-Panzer-Minen zu Hause versteckt hielt. Das waren die »Dinge«, die bei der Hausdurchsuchung beschlagnahmt wurden.
Während des Zweiten Weltkriegs hatten die Russen und Engländer Persien besetzt und einen 14-Jährigen auf dem Thron installiert. Dass der Schah über Jahrzehnte hinweg eine Marionette des Westens blieb, ärgerte nicht wenige im Land. Die Sympathie des Vaters galt aus pragmatischen Gründen den Russen. Er stammte aus Aserbaidschan, einem Teil der Sowjetunion, sprach fließend Russisch. »An einem Scheideweg zwischen Wolf und Hund, entscheide dich für den Hund«, sagte er oft zu Farah. Das Sowjet-Regime war für ihn der Hund, der einen verletzen konnte, aber nicht bestialisch tötete.
Sie fuhren seit zwei Stunden über einen Weg, der sich nicht mehr Straße nennen ließ. Das Auto ruckelte, Farah war mit ihren Kräften am Ende, sie kämpfte gegen die Müdigkeit. Ihr Vater reichte ihr wortlos zwei Tabletten. Aufputschmittel. Als Sanitäter hatten ihn immer schon die Psychopharmaka interessiert. Während seines Militärdienstes lernte er, dass alle großen Kriege mit Hilfsmitteln bestritten werden. »Nimm eine jetzt und heb die andere für später auf. Denk daran, zu trinken.«
Das Baby meldete sich zu Wort. Es hatte das Gepolter satt und hörte nicht auf zu schreien. Farah verzweifelte, aber ihr Vater wusste auch in dieser Situation weiter. Er reichte ihr eine Valium. Aber der Kleine hörte nicht auf zu weinen. Nach zehn Minuten hatte der Vater das Gejaule satt und bremste ab. Er nahm das Balg auf den Schoß und stopfte ihm eine zweite Valium-Tablette in den Mund. »Jetzt reiß dich zusammen, mehr gibt es heute nicht!«
Das Baby fiel in den Schlaf.
Den letzten und gefährlichsten Teil der Flucht musste Farah in der Kälte der Nacht allein bewältigen. Eine Strecke von fünf Kilometern würde sie zu Fuß gehen müssen. Mit dem Baby im Arm. Es war dunkel. Der Wind pfiff, die Grenzregion war felsig und karg.
Der Vater verabschiedete sie mit den Worten: »Hab keine Angst. Es ist bereits geschehen, du bist schon drüben. Du musst nur noch deinen Körper und den deines Kindes dorthin bringen.«
Mitten in der Wüste stand nun dieses gigantische US-amerikanische Fahrzeug und die Scheinwerfer beleuchteten das Nichts, in das ein Vater seine Tochter entließ. Sie umarmten sich ein letztes Mal, ehe sie im Schatten der Nacht verschwand. Der Vater machte die Schweinwerfer aus und wartete geduldig eine weitere Stunde, ehe er aufbrach. Er wünschte sich eine andere Zeit, eine andere Welt, ein anderes Leben. Eines, in dem er seine Tochter und seinen Enkel sehen durfte. Sie floh in eine neue vergebliche Hoffnung, er verblieb im Glauben an ein Wiedersehen.
Ich war vier Monate alt, als meine Mutter mit mir den Iran verließ.
Wir betraten den Bahnhof in Minsk, und der Zug fuhr ein. Dampf trat aus und sprühte den Bahnsteig an. Imposant. Unfassbar groß. Russische Züge sahen so majestätisch aus. So prunkvoll. Es ratterte und polterte. Innen war es zum Teil dunkel, weil das Licht an manchen Stellen nicht funktionierte. Meine Eltern stritten sich kurz. Dann schwiegen sie wieder, sie wollten unter keinen Umständen auffallen. Es hatte eine Weile gedauert, bis die Familie in Weißrussland wieder zusammengefunden hatte. Ich hatte eine Zeit lang bei einem russischen »Onkel« und einer »Tante« gewohnt, dann hatte es eine Unterkunft gegeben, in der ich mit meinem Vater und meiner Mutter wohnte. Den Kindergarten hatte ich hinter mich gebracht und jetzt war es anscheinend an der Zeit, in das nächste Land zu ziehen.
Ich genoss das Abteil, die gemütliche Stoffverkleidung, und ich sah gern aus dem Fenster. Das leichte und gleichmäßige Klackern der monströsen Zugräder hatte etwas Musikalisches, auch das gefiel mir. Meine Ruhe wurde jäh unterbrochen, als der Schaffner die Tür zum Abteil aufriss und uns anraunzte: »Fahrscheine! Na los, herzeigen!«
Meine Eltern fürchteten sich. Sie waren verängstigt. Ich wandte mich für einen kurzen Augenblick wieder dem Fenster zu, bevor ich mich doch entschied, Zivilcourage zu zeigen. Ich fragte den Schaffner auf Russisch, denn das hatte ich in den vergangenen Jahren gelernt: »Warum sprechen Sie böse?«
Er verstummte und übergab beschämten Blickes meinen Eltern ihre Fahrscheine.
Nach etwa einem Tag kamen wir in Berlin an. Meine Eltern stritten sich am Bahngleis. Ich hielt mich an meiner Mutter fest. Die S-Bahn rollte heran. Meine Mutter stieg mit mir ein. Ich stellte fest, wie gleichmäßig hell beleuchtet alles war. So modern, so kalt und ruhig. Kein Klackern. Nichts. Die Bahn rollte los, nein, sie schwebte davon. Ich musste vor Begeisterung lachen, hielt mir aber unverzüglich aus Scham die Hand vor den Mund, weil Mama noch erbost war vom Streit. Ich konnte es nicht fassen, wie leichtfüßig die Bahn davonsauste.
Zwei Wochen verbrachten wir in Berlin, bevor das Amt uns in die Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber nach Bayern verlegte. Wir waren ständig unterwegs. Andauernd wurden wir von Polizisten und anderen fremden Menschen kontrolliert. Stets hatte ich das Gefühl, dass meine Eltern und ich etwas falsch machten. Ich vermisste Weißrussland. In Deutschland sprachen sie anders. Alles war zwar farbiger, lebendiger, bunter und lauter als in Russland. Aber ich mochte es nicht. Die Deutschen waren zu niemandem nett, außer zu ihren Hunden. Aber nicht zu Kindern. Auch nicht zu sich selbst.
»Mama, warum sind die Deutschen so böse?«, fragte ich sie auf Russisch, weil mir das lieber war als Persisch.
»Was habe ich dir gesagt?«
Ich schämte mich, schaute zu Boden und erwiderte: »Nicht mehr Russisch sprechen.«
In ihrer Hast und ihrem Stress verboten meine Eltern mir die russische Sprache, weil sie fürchteten, dass sie benachteiligt würden, wenn sie eine Nähe zu Russland oder dem Iran zur Schau stellten. Alle Spuren sollten verwischt werden.
Menschen handeln in vielerlei Hinsicht irrational – vor allem, wenn sie in Angst leben. Meine Eltern waren nach ihren traumatischen Erlebnissen in einen permanenten Zustand der Angst geraten. Man muss begreifen, wie Menschen, die zu derart irrationalem Verhalten neigen, täglich ihr Unglück schmieden und an ihre Kinder weitergeben. Das ist die deutsche Wirklichkeit für die allermeisten Ausländer; hinzu kommt die zum Teil archaische Kommunikationskultur, die linke Ideologen in Deutschland gern als bunte, lustige Multikulti-Party auslegen möchten.
Ausländer per se als Bereicherung für Deutschland zu bezeichnen, bekommt fast eine kriminelle Note, wenn man bedenkt, dass schwer traumatisierte Menschen, die wie unter Hypnose durch dieses Land torkeln, für sich und andere durchaus zur Gefahr werden können. Anstatt diese Menschen psychologisch aufzufangen, mental und emotional abzuholen und mittels vernünftiger Rahmenbedingungen einzugliedern, freut man sich, dass sie einfach da sind?
Diese naive und passive Haltung konnte ich lange Zeit nicht verstehen. Heute verstehe ich die politische, soziologische und gesellschaftliche Dimension des Phänomens. Ich verstehe auch die Radikalisierung von jungen Ausländern und Deutschen immer besser. Sie eint die Wut auf die kalte, menschenverachtende Bürokratie eines bevormundenden Staates, der vergessen hat, seinem Volk zu dienen, Hilfesuchende zu unterstützen und Feinde abzuwehren.
Das Paradoxon ist den meisten Ausländern bekannt: Nach außen wirbt der Staat mit gezielter Pressearbeit für mehr Gastfreundschaft, um den Tourismus zu fördern oder Arbeitskräfte anzulocken – nach innen wird eine eindimensionale und diskriminierende Politik aufrechterhalten. Ich nehme das nicht mehr persönlich. Ich weiß, dass diese Politik nicht nur mir, uns, »den Ausländern« gilt. Auch die Deutschen werden von dieser Haltung nicht verschont. Dazu später mehr.
Wir befanden uns nun im bayerischen Zirndorf, in der »Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber«. Es waren sehr kleine Baracken, heute würde ich sagen: Es war eine alte, ehemalige Militärwohnanlage. Ausländer aus den verschiedensten Teilen der Welt lebten dort. Türken weniger, eher Araber aus dem Irak, dem Libanon und Palästina, ein paar Afrikaner, Polen, Russen, Sinti und Roma sowie Perser. Also die idealen Statisten für ein Parteifest der Grünen oder Linken, zusammengepfercht und umzäunt. Es stank, der Müll war allgegenwärtig. Es war ein Bild des Grauens, das ich noch nicht einmal aus dem Land kannte, das wir gerade verlassen hatten, aus jenem Staat also, der zu dieser Zeit gerade zerbrach – die Sowjetunion. Wie absurd war das? Sogar in seiner Armut und am Ende seiner Tage konnte das Sowjet-Regime seine Ausländer besser beisammenhalten als das reiche Deutschland. Wie konnte das sein? Als Kind spürte ich das Entsetzen der Erwachsenen, die das Elend scheinbar belustigt auf die leichte Schulter nahmen. Alle gaben sich trotz allem irgendwie happy. Ausländer halt.
Einmal wurden wir auf der Straße von drei Polizisten angehalten. Sie raunzten meine Eltern an, als wären sie stinksauer, dass wir dort waren. Sie sprachen in einem komischen Dialekt. Die Unfreundlichkeit dieser bayerischen Polizisten übertraf alles, was ich bisher kannte. Später fragte ich meine Mutter, ob die vielleicht sauer waren, weil wir unsere Wohnung in der Unterkunft verlassen hatten. Meine Frage blieb zähneknirschend unbeantwortet.
Die Zeit im bayerischen Asylantenheim war schrecklich. Selbst wir Kinder wussten nun, dass wir Menschen zweiter Klasse waren. Wir wussten, dass wir arm waren, wussten, dass wir immer still und brav sein mussten. Unsere Eltern auch. Wie in einer toxischen Beziehung reichte nichts aus. Egal was man tat, nichts war je genug. Dann kam der Tag X, der sich in meine Knochen einbrannte.
Ich saß in unserer 7m2-Küche, meine Eltern kochten gerade etwas, als ein furchtbares Geschrei losging. Ein kollektives Geschrei und Geheule von erwachsenen Menschen aus allen Baracken, wie man es sich kaum vorstellen kann. Es brach ein Chaos aus. Mein Vater packte mich und zerrte mich in das WC.
»Aber ich muss gar nicht«, protestierte ich, und er wurde richtig wütend.
»Halt’s Maul! Du bleibst hier drin und kommst nicht raus, egal, was du hörst!«
Ich begriff den Ernst der Lage und dachte an das Geschrei und die panischen Blicke meiner Eltern. Kaum hatte ich es mir auf dem Topf gemütlich gemacht, hämmerte es an der Tür.
»Aufmachen!«
Es dauerte keine Sekunde und jemand riss die WC-Tür auf. Es standen zwei Polizisten in Uniform links und rechts im Türrahmen, in der Mitte ein Mann mit einem beigen Mantel, obwohl wir eine warme Jahreszeit hatten. Er war schlank und groß, hatte eine Halbglatze und musterte mich durch seine kreisrunde Brille. Ich fürchtete mich vor ihm, er wirkte kalt und unbeteiligt. Für einen Moment glaubte ich, dass er mir etwas Böses antun wollte. Wieso hätte sonst jemand die WC-Tür ohne Erlaubnis öffnen sollen?
Der Mann sagte etwas zu seinen beiden Freunden in Uniform und verschwand. Meine Neugierde trieb mich, entgegen der Anweisung meines Vaters und trotz meiner Angst, aus dem WC. In der Küche wurden meine Eltern von fünf breitschultrigen, riesigen Polizisten umzingelt. Sie sollten am Tisch sitzen bleiben, sich nicht bewegen. Ich hörte das Geschrei und Geheule der Erwachsenen draußen. Meine Eltern schwiegen und schauten mich entsetzt an, während ich wie eine unbeteiligte Katze den Raum verließ. Vor der Tür blieb ich fassungslos stehen. Überall Polizisten, auf dem gesamten Gelände, vor einigen Baracken sah ich Männer und Frauen, auf den Knien und in Handschellen. Kinder standen neben ihren Eltern und weinten. Väter schwiegen. Mütter weinten. Ich drehte mich um, rannte zu meiner Mutter, hielt sie fest. Sie hielt mich auch fest und ich nahm etwas bei ihr wahr, das ich nicht kannte: Panik.
»Werden diese Männer uns etwas tun?«
Meine Frage blieb unbeantwortet. Ich dachte, meine Eltern bekämen jetzt richtig Ärger, weil sie ohne Erlaubnis rausgegangen sind. Und deshalb stünde die Polizei hier, damit sie nicht nochmal unerlaubt ihre Wohnung verlassen. Ich nutzte die Gunst der Stunde und fragte meine Mutter, ob wir gebratene Wurst essen könnten. Sie weinte. Ich sagte ihr schnell, dass wir auch einfach Brot essen könnten. Aber sie hörte nicht auf zu weinen. Sie weinte ohne Geräusche. Mein Vater saß immer noch regungslos am Tisch. Ich fragte mich, warum es so schwer ist, in diesem Land eine gebratene Wurst zu bekommen.
Nach drei Monaten erhielten meine Eltern und ich schließlich die Aufenthaltserlaubnis im gelobten Land der Freiheit und Sicherheit. Meine Mutter reagierte vor lauter Schock zunächst gar nicht, als der freundliche Mann in der Behörde sie anschaute und sagte: »Es ist okay. Sie dürfen bleiben.«
Stattdessen stierte sie ihn fassungslos an. Dann begann sie zu weinen. Ich weinte mit.
Als Kind in Deutschland erlebte ich einen Kulturschock nach dem anderen. Insgesamt waren die traumatischen Erlebnisse damals eher ein aufregendes Abenteuer und keine empfundene, geschweige denn reflektierte Tragik. In puncto Resilienz sind Kinder wahre Meister und den Erwachsenen weit voraus. Ihre von Grund auf positive Geisteshaltung ist bemerkenswert.
Dazu kamen gewisse Eigenheiten der persischen Mentalität. Viele Perser haben sich eine Grundfröhlichkeit bewahrt, die der kindlichen sehr nahekommt und an den Besuchsabenden mit Freunden ausgetanzt werden muss. Tanzen gehört quasi zum Pflichtprogramm, genauso wie das Lachen und Klatschen, die Knabbereien, viel Obst und Tee. Es wird ausgiebig und festlich gespeist, so wie es Deutsche für gewöhnlich nur an Weihnachten tun. Perser sind also recht gemütliche Zeitgenossen. Das hat kulturhistorische und traditionelle Gründe. Gastfreundschaft ist fester Bestandteil der persischen DNA.
Das deutsche Leben kollidiert nun definitiv mit der persischen Gemütlichkeit. Es sind zwei gegensätzliche Pole – ein Klischee, das einfach stimmt. Wenn Deutsche Gemütlichkeit, Gesang, Tänze und ausgiebige Speisen wollen, dann fliegen sie nach Mallorca oder Italien. Davon hörte ich bereits damals, und ich konnte nicht verstehen, warum man nicht einfach an seinem Wohnort Spaß haben kann. Heute glaube ich, den Unterschied zu verstehen. Es ist wie mit dem Homeoffice – das funktioniert auch nicht für jeden. Einige Menschen verlieren die Kontrolle über ihr Leben, wenn sie die Möglichkeit haben, sich im Schlafanzug an den häuslichen Arbeitsplatz zu setzen. Es ist die glasklare Trennung, die Distinktion der Lebensbereiche, die die berühmte deutsche Ordnung schafft. Arbeit. Leben. Feiern. Alles zu seiner Zeit und bestimmt nicht nach Lust und Laune wild durcheinander.
Jetzt erklären Sie aber mal einem Perser, dass er seine Kultur und Lebensweise über Bord werfen oder zeitweise aussetzen soll, also, dass Arbeit, Leben und Feiern säuberlich voneinander getrennt werden müssen. Viel Spaß!
Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Bekannte meiner Eltern lebten in der Nähe von Köln, weshalb deren Wohnung als unsere erste feste Anlaufstelle nach dem Asylbewerberlager mehr oder weniger gesetzt war. Allerdings endete deren Geduld und Gastfreundschaft bereits nach einer Woche und sie halfen uns, schleunigst eine eigene Wohnung zu finden. Ich mochte diese Menschen nicht und war gespannt auf die nächste Station unserer Reise. In der Rückschau erscheint es mir, als hätten unsere Bekannten die deutsche Ordnung und Präzision bereits verinnerlicht. Aber das ist natürlich Quatsch. Sie mochten uns einfach nicht mehr dahaben.
Über den Kölner Stadtteil Meschenich sind bereits diverse Dokumentationen gedreht worden. Am Kölnberg zum Beispiel, ein prämierter Film von Laurentia Genske und Robin Humboldt. Googlen Sie, Sie werden begeistert sein. Die ausgiebigen Reportagen von Spiegel TV entstanden allerdings erst, nachdem die Polizei sich überhaupt hintraute. Als wir dort lebten, war die Polizei selten bis gar nicht zu sehen. Es musste schon mindestens eine Schießerei stattfinden oder ein Mord geschehen, damit die Herren, damals noch in Grün, erschienen. Jahrzehnte nach unserem Auszug erfuhr ich, dass der berüchtigte Häuserblock weit weg von den Toren Kölns seine ureigene Polizeistation eröffnet hatte. Nach diversen Brandanschlägen auf die Station entschied die Staatsgewalt sich schließlich, dauerhaft Präsenz zu zeigen. Sie wurden sesshaft, um Spritkosten zu sparen.
Das sehr illustre Ghetto Am Kölnberg zierte inmitten von Agrarflächen drei große Häuserblöcke, von denen der größte in der Mitte stand. Es gab einen gigantischen Hof, der als Spielplatz diente. Auf diesem Spielplatz landete jede Menge Müll, mal eine Waschmaschine oder – mein kuriosester Fund – ein echter weißer Hase, der offenbar nicht fliegen konnte. Aber vielleicht starb dieser arme Albino auch nur eines natürlichen Todes und wurde zu meiner nachhaltigen Begeisterung kurzerhand über den Balkon entsorgt. Spielt es eine Rolle? Ein weißer Hase – wie bei Alice im Wunderland. Hätte ich die Geschichte von Lewis Carroll damals schon gekannt, hätte ich die Verbindung direkt hergestellt.
Ich steckte längst im Kaninchenbau. Es war ein gefährliches Abenteuer, dort zu spielen, weil unzählbare Nationalitäten und Kulturen aufeinandertrafen. Konflikte und Konfrontationen waren die Norm. Die meisten Kinder waren häusliche Gewalt gewohnt. Zu Hause wurden sie brutal verprügelt, draußen wurden die Karten neu gemischt. Also zog ich es als Knirps irgendwann vor, dieses hochgradig interessante Geschehen nur noch vom Fenster aus dem sechsten Stock zu studieren. Meine Bitte um ein Fernglas wurde mit großem Unverständnis abgelehnt. Mit der Zeit lernte ich aber, dass man nicht unbedingt seine Augen braucht, um Gefahren zu erkennen.
Ich entwickelte ein deutliches Gespür dafür, wann es wirklich etwas zu sehen gab und wann es sich nur um eine Kabbelei handelte, die schnell wieder enden würde. Das Geheimnis lag in der Frequenz. Man hörte sehr deutlich, wann sich eine echte Bedrohung auftat. Schließlich kannte ich mich mit Angst, Panik und den dazugehörigen Schreien mittlerweile gut aus. Ich konnte Fernsehen schauen oder mit meinem Bruder spielen und wusste trotzdem sofort, wenn auf dem »Spielfeld« etwas Ernsthaftes geschah.
Eines Tages hörte ich besonders schrille Schreie. Ich sprang auf zum Fenster und taxierte die Situation. Ein Tumult von dreißig Jungs, die wie verrückt hin und her sprangen. Es war eine chaotische Situation, ich konnte das Opfer zunächst nicht identifizieren. Wen jagten die da? Die Stimmung war bedrohlich, geradezu elektrisch aufgeladen. Die Körper bewegten sich aggressiv hin und her. Erst als sie einen Halbkreis an der Wand bildeten, konnte ich erkennen, was verfolgt wurde. Dort im Zentrum des Halbkreises, an die Wand gepfercht, stand eine schwarze Katze. Die Jungs begannen, Stöcke und Steine nach ihr zu werfen.
Das ging mir zu weit. Wie von der Tarantel gestochen sprang ich auf, zog mir die Schuhe an und rannte los, um die Katze zu retten. Unten angekommen sah ich jedoch nur noch, wie die Katze immer größere Steine an den Schädel bekam und schließlich blutend zusammenbrach. Völlig schockiert schaute ich mich um und entdeckte ein mir bekanntes Gesicht. Ich packte den Jungen am Kragen und schüttelte ihn: »Warum habt ihr das gemacht? Warum?«
Der Junge schaute mich entsetzt an und verteidigte sich damit, dass die Katze bereits mehrere Menschen gekratzt habe. Fassungslos ließ ich ihn stehen und lief weinend nach Hause. Ich war Zeuge eines Lynchmordes geworden. Ich beschloss, den Vorfall zu vergessen. Aber es gelang mir nicht. Ich fühlte mich schuldig.
Wie schön war dagegen die Schule. Sie war für mich ein Ort der Ordnung. Die Dinge ergaben dort einen Sinn und hatten eine Nachvollziehbarkeit, obwohl sie eigentlich langweilig waren im Vergleich zu meinem sonstigen Alltagsgeschehen. In der Schule war ich sicher, es war sauber, wir lernten viel. Es wurde geschrieben, gemalt, gerechnet. Es herrschte Ordnung, die Erwachsenen hatten alles im Griff. Sich selbst, aber auch diese Illusionen aus Zahlen und Wörtern, die ich als genauso faszinierend empfand wie andere die Hinrichtung einer Katze oder die Obduktion eines weißen Hasen. Vor allem mochte ich, dass in der Schule Menschen waren, die freundlich mit Kindern sprachen. Die liebevoll mit uns umgingen. Empathisch.
Eine Lehrerin war ganz besonders nett. Ihr verdanke ich sehr viel. Sie gab mir nie das Gefühl, ein Ausländer zu sein. Bei ihr fühlte ich mich wie ein Mensch. Ich dachte nicht an meine Herkunft oder meinen chaotischen Lebenslauf, wenn sie mit mir sprach. Sie eröffnete mir eine andere Welt, eine Kultur des Herzens und des einfühlsamen Umgangs. Dieser Umgang, so nahm ich an, war der Standard unter Deutschen. Und ich wünschte mir, mehr von dieser Kultur zu lernen.
Zum Nikolaustag im dritten Schuljahr hatte eine andere Lehrerin, die ich nicht so sehr mochte, im dritten Schuljahr einen Ausflug geplant. Am Morgen strahlten etliche Jungs bis über beide Ohren – wegen der Spielkonsolen, die der Nikolaus ihnen gebracht hatte. Andere wiederum hatten die komplette Burg von He-Man bekommen. Ich kannte diese Spielzeuge aus dem Fernsehen und wunderte mich, dass der Nikolaus anscheinend jedem etwas gebracht hatte – nur mir nicht!
