19,99 €
Spannende Einblicke in die (Un-)Tiefen der menschlichen Persönlichkeit
Was haben Menschen gemeinsam, die zu Diebstahl, Hassreden, Lügen oder Mobbing neigen? Über 10 Jahre internationaler Forschung zeigen: Böse Neigungen gehen auf eine einzige Persönlichkeitseigenschaft zurück, den Dark Factor. Er steckt, mehr oder weniger ausgeprägt, in uns allen und ist messbar. Basierend auf Daten von mehr als 2 Millionen Menschen gibt dieses Buch erstmals umfassende Antworten auf Fragen wie: Was macht uns böse und was haben alle bösen Eigenschaften wie Narzissmus, Psychopathie oder Sadismus gemeinsam? Wie hängt der Dark Factor mit Geschlecht, Alter oder Bildung zusammen? Welche Auswirkungen hat er auf unsere Beziehungen, Berufswahl oder politischen Einstellungen? Führt er zu mehr Erfolg und macht er glücklich oder doch eher einsam oder gar krank? Und ändert sich der Dark Factor oder gilt: einmal böse, immer böse?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2025
Was haben Menschen gemeinsam, die zu Diebstahl, Hassreden, Lügen oder Mobbing neigen? Über 10 Jahre internationaler Forschung der drei Autoren zeigen Erstaunliches: Böse Neigungen gehen auf eine einzige Persönlichkeitseigenschaft zurück, den Dark Factor. Er steckt, mehr oder weniger ausgeprägt, in uns allen und ist messbar. Basierend auf Daten von mehr als 2 Millionen Menschen gibt dieses Buch erstmals umfassende Antworten auf Fragen wie: Was macht uns böse und was haben alle bösen Eigenschaften wie Narzissmus, Psychopathie oder Sadismus gemeinsam? Wie hängt der Dark Factor mit Geschlecht, Alter oder Bildung zusammen? Welche Auswirkungen hat er auf unsere Beziehungen, Berufswahl oder politischen Einstellungen? Führt er zu mehr Erfolg und macht er glücklich oder doch eher einsam oder gar krank? Und ändert sich der Dark Factor oder gilt: einmal böse, immer böse?
Über die Autoren
Prof. Benjamin E. Hilbig, PhD, hat an der Universität Bonn Psychologie studiert und 2009 an der Universität Mannheim promoviert. Danach war er Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Gemeinschaftsgüter und später Juniorprofessor für Urteils- und Entscheidungsforschung an der Universität Mannheim. Seit 2014 hat er eine Professur im Fachbereich Psychologie an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität (RPTU) in Landau inne und leitet dort die Arbeitseinheit Experimentelle Psychologie und Persönlichkeitsforschung. Schwerpunkte seiner Forschungstätigkeit sind ethische und soziale Entscheidungen, Persönlichkeitseigenschaften und Forschungsmethoden.
Prof. Dr. Morten Moshagen hat an der Universität Münster Psychologie studiert und 2008 an der Universität Düsseldorf promoviert. Nach seiner Post-Doc-Zeit an der Universität Mannheim war er von 2014 – 2016 Professor für Psychologie mit Schwerpunkt Forschungsmethoden an der Universität Kassel. Im Anschluss an einen Aufenthalt als Gastwissenschaftler an der Universität Kopenhagen ist er seit 2016 Professor im Fachbereich Psychologie an der Universität Ulm und leitet dort die Abteilung für Psychologische Forschungsmethoden. Seine Forschungstätigkeit umfasst schwerpunktmäßig mathematische Modellierung und sozial problematische Persönlichkeitseigenschaften.
Prof. Dr. Ingo Zettler ist Professor für Persönlichkeit und Verhalten am Institut für Psychologie sowie am Copenhagen Center for Social Data Science (SODAS) der Universität Kopenhagen. Vor seiner Zeit in Dänemark studierte er Psychologie an der Universität Bonn und arbeitete an der RWTH Aachen (an der er 2009 promovierte) sowie der Universität Tübingen (bis 2014). Er forscht insbesondere zu Persönlichkeitseigenschaften und deren Bedeutung in verschiedenen Bereichen, darunter antisoziales und prosoziales Verhalten, Verhalten am Arbeitsplatz sowie umweltbezogenes Verhalten.
Benjamin E. Hilbig, Morten Moshagen, Ingo Zettler
Dark Factor– Die Essenz des Bösen in uns
Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Copyright © 2025 by Ariston, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
www.penguin.de/verlage/ariston
Alle Rechte vorbehalten.
Redaktion: Jordan Wegberg
Umschlaggestaltung: wilhelm typo grafisch
unter Verwendung eines Motivs von shutterstock.com (Ray Bond)
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-641-33534-2V001
Inhalt
Vorwort
Kapitel 1: Was ist böses Verhalten?
Die drei Merkmale bösen Verhaltens
Wie häufig und wie schlimm ist böses Verhalten wirklich?
Warum verhalten sich Menschen böse?
Auch in der gleichen Situation handeln nicht alle Menschen gleich (böse)
Menschen unterscheiden sich in ihrer Tendenz, böses Verhalten zu zeigen
Kapitel 2: Menschen unterscheiden sich: Persönlichkeitseigenschaften
Persönlichkeitseigenschaften sind relativ stabil
Mehr oder weniger statt ganz oder gar nicht
Verhalten ist das Zusammenspiel von Person und Situation
Unterschiedlich starke Zusammenhänge
Kapitel 3: Der Kern böser Persönlichkeitseigenschaften: der D-Faktor
Einheit in der Vielfalt: der D-Faktor
Nutzenmaximierung auf Kosten anderer
Überzeugungen und Rechtfertigungen
Der D-Faktor und einzelne böse Persönlichkeitseigenschaften
Fazit
Kapitel 4: Wie der D-Faktor gemessen wird
In den Kopf schauen und andere Tricks: bio-physiologische Messungen
Böse ist, wer sich böse verhält
Böse ist, wer bewusst oder unbewusst Böses denkt
Vielleicht einfach nachfragen?
Wie gut funktioniert der D-Fragebogen?
Kapitel 5: Wer hat einen ausgeprägten D-Faktor?
Geschlecht
Alter
Intelligenz, Bildung, Denken
Finanzieller und gesellschaftlicher Erfolg
Fazit
Kapitel 6: Was bestimmt den D-Faktor? Gene, Umwelt und gesellschaftliche Einflüsse
Wie lassen sich Unterschiede zwischen Menschen auf Gene zurückführen?
Ist der D-Faktor (auch) erblich?
Soziale und gesellschaftliche Einflüsse auf den D-Faktor
Fazit
Kapitel 7: Werte und Moral
Welche Werte haben bösere Menschen?
Ethik und der D-Faktor
Intuitives moralisches Urteilen
Fazit
Kapitel 8: Was den D-Faktor mit politischen Einstellungen verbindet
Der D-Faktor und die politische Links-rechts-Orientierung
Gesellschaftspolitische Einstellungen
Sozioökonomische Einstellungen
Warum bösere Menschen eher zum politischen Extremismus neigen
Misstrauen als Bindeglied zwischen D-Faktor, Populismus und Verschwörungsglaube
Fazit
Kapitel 9: Nach mir die Sintflut: Der D-Faktor, Umwelt und Klima
Wenn es viele hart zu treffen droht: Allgemeingüter
Wenn alle in einem Boot sitzen, aber zu wenige rudern: soziale Dilemmata
Soziale Dilemmata und der D-Faktor
Der D-Faktor, Natur und Umwelt
Wie bösere Menschen zu Klimawandel und Klimaschutz stehen
Bösere Gesellschaft, weniger Umwelt- und Klimaschutz
Fazit
Kapitel 10: Der D-Faktor in der Arbeitswelt
Der D-Faktor und berufliche Interessen
Sind bösere Menschen bessere oder schlechtere Mitarbeitende?
Macht der D-Faktor beruflich erfolgreich?
Der D-Faktor von Führungskräften
Fazit
Kapitel 11: Augen auf bei der Partnerwahl
Der D-Faktor sucht … das Beste aus allen Beziehungsmodellen
Wie kriegt man, was oder wen man will?
Freiheit für mich, Überwachung für dich: der D-Faktor in Beziehungen
Was vorbei ist, ist nicht vorbei
Fazit
Kapitel 12: Macht der D-Faktor glücklich (oder eher krank)?
Wie (un)glücklich sind bösere Menschen?
Der D-Faktor und psychische Störungen
Fazit
Epilog
Danksagung
Für Anouk, Ida, Marla, Nairo und Simon – unsere allerbesten Gründe, auf eine weniger böse Welt zu setzen.
Vorwort
Dark Factor – Die Essenz des Bösen in uns. Warum dieses Buch, und warum von uns? Ein großartiges Vorwort würde wahrscheinlich damit beginnen, dass wir alle Tatort-Folgen kennen, ohne (oder wegen?) True-Crime-Podcasts nicht einschlafen können und seit Jahren die Biografien besonders böser Menschen verschlingen. Wir wären vielleicht Kriminalbeamte, Forensiker oder Strafverteidiger. Vielleicht wären wir selbst einmal im Gefängnis gewesen, Aussteiger aus einer extremistischen Terrorgruppe oder Whistleblower in einem milliardenschweren Wirtschaftsskandal.
Aber nichts davon ist wahr. Wir sind Wissenschaftler. Bitte legen Sie das Buch trotzdem noch nicht weg.
Das Böse ist viel mehr als der Extrembereich von Mord und Totschlag. Und auch mehr, als im Strafgesetzbuch steht. Es betrifft uns alle und fängt bei durchaus gängigem, teils alltäglichem Verhalten an – bei Fremdgehen, Hasskommentaren, Lügen oder Schummeln. Dazu – und zu vielem mehr – sind Menschen offensichtlich imstande. In uns allen steckt, mehr oder weniger ausgeprägt, das Potenzial zu bösem Verhalten und somit das, worum es in diesem Buch geht: die Essenz böser Neigungen.
Menschliche Neigungen sind ganz allgemein Gegenstand eines Teilbereichs der Psychologie, nämlich der Persönlichkeitsforschung. Diese Disziplin beschäftigt sich mit der Frage, in welchen Eigenschaften sich Menschen – und zwar alle Menschen – generell unterscheiden. Manche sind ängstlicher als andere, intelligenter, toleranter, ungeduldiger und so weiter. Aber warum? Warum mögen nicht alle die Begrüßungsrede der neuen Chefin, warum bringen nicht alle ein gefundenes Portemonnaie ins Fundbüro, und warum schütteln manche Leute so viel müheloser die besten Schulnoten aus dem Ärmel? Und ja: Warum sind manche böser als andere, und wie wirkt sich das auf die verschiedenen Bereiche unseres Lebens aus?
Inzwischen forschen wir gemeinsam seit mehr als 15 Jahren zu Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltensunterschieden zwischen Menschen. Dabei haben uns insbesondere drei(einhalb) Tatsachen sehr geholfen:
1. Wir sind und waren nicht allein.
Wissenschaft ist, zumindest in weiten Teilen der Psychologie, ein Teamsport. Wir haben am Karriereanfang von der inhaltlichen Freiheit und enormen Unterstützung profitiert, die uns zuteilwurde. Außerdem haben wir das große Glück, mit vielen exzellenten Kolleginnen und Kollegen kooperieren und junge Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler betreuen zu dürfen, die unsere Arbeit inspirieren, mit vorantreiben und oft ganz wesentlich verbessern. Ohne diese Voraussetzungen hätte es die Forschung, die diesem Buch zugrunde liegt, vermutlich nie gegeben – zumindest nicht in diesem Umfang.
2. Wir sind nicht nur keine Kriminalbeamten oder Strafverteidiger, unsere Forschung begann auch nicht einmal in der Persönlichkeitspsychologie.
Ursprünglich haben wir vor allem in den Bereichen Urteils- und Entscheidungsforschung, Methoden und Statistik sowie Arbeits- und Organisationspsychologie geforscht. Wir kamen also gewissermaßen als Quereinsteiger zur Persönlichkeitsforschung. Das war ein Vorteil, weil wir so ohne eine bestimmte Schule (lies: meinungsstarke ältere Wissenschaftler) im Rücken (lies: Nacken) recht unvoreingenommen forschen konnten. Wir konnten auch mal den weitverbreiteten Konsens der Disziplin infrage stellen, ohne von unseren Mentoren oder Vorgesetzten zurückgepfiffen zu werden.
3. Unsere unterschiedlichen inhaltlichen Hintergründe haben sich, gerade für die Erforschung böser Persönlichkeit, sehr gut ergänzt.
Ben hatte sich mit ethischen und sozialen Entscheidungen befasst; also zum Beispiel, in welchen Situationen Menschen andere eher ausnutzen, statt mit ihnen zu kooperieren, oder eher lügen, statt die Wahrheit zu sagen.
Morten hatte sich mit statistischen Messungen und Analysemethoden beschäftigt, mit denen man auch über problematische Verhaltensweisen (die niemand gern zugeben möchte, zum Beispiel sexuelle Untreue) verlässliche Schätzungen erhalten kann.
Und Ingo hatte über problematische Verhaltensweisen am Arbeitsplatz geforscht, zum Beispiel Diebstahl von Organisationsmaterialien oder Mobbing, und in welchen Arbeitsumfeldern welche Menschen eher dazu neigen. So konnten wir in der gemeinsamen Erforschung böser Persönlichkeit unterschiedliche Perspektiven zusammenführen, die einander gut ergänzten.
3½. Wir sind uns überhaupt über den Weg gelaufen.
Kommissar Zufall eben. Ben und Ingo haben zusammen studiert (Gruß nach Bonn), Ben und Morten haben als Postdoktoranden in derselben Abteilung gearbeitet (Gruß nach Mannheim). Klar, man möchte nicht unbedingt mit allen Mitstudierenden oder mit allen Kolleginnen und Kollegen gemeinsam forschen, insofern dürfte auch die persönliche Chemie eine Rolle gespielt haben. Dass wir nun gemeinsam ein Buch geschrieben haben, legt zumindest nahe, dass wir uns nicht total unsympathisch sind.
Drei Psychologen kurz nach ihren Doktorarbeiten, zufällig zusammengetroffen, mit ergänzenden Fertigkeiten und einem geteilten Interesse, böses Verhalten zu verstehen – was tun? Wir haben erst einmal das gemacht, womit Forschende in aller Regel beginnen: möglichst viel von dem lesen, was andere Forschende bereits zu dem Thema geschrieben haben. Viele Psychologinnen und Psychologen hatten in der Tat eine ganze Reihe sogenannter »dunkler« Persönlichkeitseigenschaften identifiziert, die Unterschiede zwischen Menschen beschreiben und für böses Verhalten mitverantwortlich sein sollen. Bekannte Beispiele sind Habgier, Narzissmus, Psychopathie oder Sadismus.
Aber je mehr wir darüber lasen und auf Fachkonferenzen darüber hörten und je genauer wir uns diese Eigenschaften anschauten, desto klarer wurde für uns: Im Kern, in ihren wesentlichen Merkmalen, unterscheiden sich diese ganzen dunklen Persönlichkeitseigenschaften nur geringfügig. Man kann sich das wie verschiedene Automodelle vorstellen. Die sehen alle unterschiedlich aus, haben verschiedene Ausstattungen, Motoren und so weiter. Im Wesentlichen bestehen aber alle Automodelle aus den gleichen Merkmalen – Fahrgestell, Lenkrad, Motor, Räder – und haben dieselbe Grundfunktion: Personen von A nach B zu bringen. Ja, manche dienen vielleicht noch anderen Zwecken (zum Beispiel Reichtum oder ökologische Verantwortung zu signalisieren), aber im Kern beziehungsweise ihren wesentlichen Funktionen sind alle Autos gleich.
So ähnlich verhält es sich mit dem Kern aller dunklen, bösen Persönlichkeitseigenschaften, den unser Buch beschreibt: mit dem Dark Factor of Personality, der Essenz böser Persönlichkeit. Der D-Faktor, wie wir ihn in diesem Buch nennen, bestimmt, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand böses Verhalten zeigt – jegliche Art bösen Verhaltens. Und da niemand Opfer bösen Verhaltens werden möchte, ergibt es umso mehr Sinn, sich mit dem D-Faktor zu beschäftigen.
Auch wenn man selbst nicht sonderlich böse ist, versteht man doch einiges in der Welt und im privaten oder beruflichen Alltag viel besser, wenn man sich klarmacht, dass alle bösen Persönlichkeitseigenschaften durch ihren gemeinsamen Kern verbunden sind. Denn die Tatsache, dass sie einen gemeinsamen Kern haben, bedeutet auch: Eine böse Persönlichkeitseigenschaft kommt selten allein, und wer zu einem bestimmten bösen Verhalten neigt (zum Beispiel zu lügen), neigt auch zu vielen anderen (zum Beispiel das Vertrauen anderer Menschen zu missbrauchen, sich Vorteile zu erschleichen oder fiese Gerüchte über andere zu verbreiten). Selbst wenn das auf Sie persönlich nicht zutrifft, kennen Sie es bestimmt von anderen.
Wir waren natürlich nicht die Ersten, die sich mit der Idee eines gemeinsamen Kerns dunkler Persönlichkeitseigenschaften beschäftigt haben. We all stand on the shoulders of giants. Aber wir glauben schreiben zu dürfen: Kaum jemand hat diesen Kern so intensiv erforscht wie wir. Seit 2012 arbeiten wir an der Idee des D-Faktors, 2018 haben wir die zentrale Theorie und die ersten wesentlichen wissenschaftlichen Studien dazu veröffentlicht. Und wir glauben auch schreiben zu dürfen: Kaum jemand hat eine so umfangreiche Datengrundlage zum gemeinsamen Kern dunkler Persönlichkeitseigenschaften gesammelt. Insgesamt haben rund 2,5 Millionen Menschen aus beinahe allen Ländern der Welt an unseren Studien zum D-Faktor teilgenommen.
So ziemlich alles, was wir über den D-Faktor wissen, haben wir in dieses Buch gepackt. Zunächst wird es darum gehen, was genau der gemeinsame Kern aller bösen Persönlichkeitseigenschaften ist, wie sich der D-Faktor jedes Menschen messen und mit dem D-Faktor anderer Menschen vergleichen lässt, wie er mit anderen Eigenschaften zusammenhängt – zum Beispiel Geschlecht, Bildungshintergrund oder Intelligenz –, ob und warum sich der D-Faktor mit dem Älterwerden verändert und ob er erblich ist und wie die Gesellschaft ihn mitformt.
Danach wird es um die Auswirkungen des D-Faktors gehen: Was hat er mit Werten und Moral, mit politischen Einstellungen oder sogar mit dem Umwelt- und Klimaschutz ganzer Länder zu tun? Wie zeigt sich ein hoher D-Faktor bei einer Führungskraft, und was macht er mit unseren Partnerschaften? Zahlt sich Bösesein eigentlich aus – macht es letztlich glücklich und zufrieden oder vielleicht doch einsam und krank? Unser Ziel ist es, das gesammelte Wissen zum D-Faktor und seinen Auswirkungen anschaulich zu beschreiben.
Anschaulich heißt auch: Wir werden die oft komplexe Realität, die methodischen Feinheiten, die statistische Evidenz und das Klein-Klein jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit übervereinfachen und verallgemeinern. Das ist Absicht. Wir wollen schließlich auf rund 250 Seiten möglichst vielen Interessierten einen Einstieg in das Thema und Einblick in den aktuellen Stand der Wissenschaft bieten. Aber es gibt natürlich trotzdem die bis ins kleinste Detail abgewogene, in Fachjargon formulierte, mit komplexen mathematisch-statistischen Modellen unterfütterte, bis auf die dritte Nachkommastelle genau berichtete und von anderen Forschenden unabhängig geprüfte Forschung. Für besonders interessierte Lesende nennen wir am Ende eines jeden Kapitels eine kleine Auswahl solcher Fachveröffentlichungen, in denen Theorien, Methoden und Ergebnisse akademisch detailliert dargestellt sind.
Neben diesen Fachveröffentlichungen bilden noch jede Menge weiterer Daten die Grundlage für dieses Buch. Wenn wir im Folgenden eine konkrete Aussage über den D-Faktor oder über mehr oder weniger böse Menschen machen, dann immer und ausnahmslos auf Basis vorliegender, meist umfangreicher Daten – selbst wenn diese noch nicht in Fachveröffentlichungen nachzulesen sind.
Wir möchten mit diesem Buch aber nicht nur unsere Forschungserkenntnisse zum D-Faktor teilen. Vielleicht gewinnen Sie auch Anregungen, wie und woran Sie Menschen mit einem hohen D-Faktor erkennen können (zum Beispiel, um ihnen aus dem Weg zu gehen). Vielleicht hinterfragen Sie sich und manche Ihrer Überzeugungen oder lernen, das Verhalten anderer besser einzuordnen und zu verstehen. Vielleicht nehmen Sie mit, welche Bedingungen wir abschaffen oder schaffen sollten, um bösem Verhalten weniger Nährboden zu bieten – im Büro, im Verein, in Organisationen oder gar in ganzen Gesellschaften.
Wenn wir mit diesem Buch und den vielen Jahren Forschung, die ihm zugrunde liegen, ein klein wenig dazu beitragen können, dass Sie persönlich, die Menschen in Ihrem Leben, wir alle und vielleicht sogar zukünftige Generationen »besser« zusammenleben, dann hat es sich mehr als gelohnt. Und ganz klar: Nur weil wir den D-Faktor erforschen, sind wir keinesfalls dagegen immun und haben auch nicht den niedrigsten D-Faktor aller Menschen. Aber die Beschäftigung mit dem Thema hat uns auch persönlich sehr dabei geholfen, unser eigenes Verhalten und das anderer Menschen besser einordnen zu können. Dasselbe wünschen wir Ihnen!
Um den D-Faktor genau zu verstehen, müssen wir jedoch erst einmal klären, was eigentlich bösesVerhalten ist. Denn der D-Faktor ist ja für jegliche Form bösen Verhaltens mitverantwortlich. Wir beginnen daher mit den wesentlichen Merkmalen bösen Verhaltens und den grundlegenden Erkenntnissen, die uns zum Erklärungsansatz der Persönlichkeitspsychologie führen.
Bevor Sie alles über den D-Faktor lernen, ist die Gelegenheit günstig, Ihren eigenen D-Faktor ganz unvoreingenommen zu bestimmen. Besuchen Sie hierzu: https://qst.darkfactor.org/
Viel Spaß beim Lesen!
Ben, Morten und Ingo
Kapitel 1
Was ist böses Verhalten?
Den meisten Menschen fallen wahrscheinlich ohne große Mühe Verhaltensbeispiele ein, die sie als »böse« bezeichnen würden: Betrug, Diebstahl, Hassrede, Korruption, Missbrauch, Mobbing, Mord, Steuerhinterziehung, Untreue, Vandalismus … Aber was genau ist böses Verhalten?
Auf den ersten Blick scheint es leicht, böses Verhalten als solches zu erkennen. Jemanden zu schlagen ist böses Verhalten. Was aber, wenn eine Person aus Notwehr handelt, weil sie angegriffen wird? Hier ist eine Einschätzung schon schwieriger. Und was ist wiederum, wenn jemand beim Preisboxen zuschlägt? Hier würden wohl nur die wenigsten von bösem Verhalten sprechen. Zudem gibt es noch kulturelle Unterschiede. Zum Beispiel ist es in einigen Gesellschaften sozial akzeptiert, Kinder »aus erzieherischen Gründen« zu schlagen, in anderen gilt es als böse. Insofern stellt sich die Frage: Was genau ist in diesem Buch damit gemeint, wenn von bösem Verhalten gesprochen wird?
Um kein eigenes Buch darüber (schreiben und) lesen zu müssen, hier drei wesentliche Merkmale bösen Verhaltens auf den Punkt gebracht:
Es fügt anderen Schaden zu,es ist nicht einvernehmlich, undes lässt sich aus Sicht der Gesellschaft ethisch-moralisch nicht rechtfertigen.Die drei Merkmale bösen Verhaltens
Erstens, böses Verhalten schadet anderen Menschen, der Gesellschaft und/oder unzähligen Menschen bis hin zur gesamten Menschheit. Bekannte Beispiele sind Gewalttaten gegenüber anderen, Steuerbetrug (schadet der Gesellschaft), Umweltzerstörung (schadet unzähligen Menschen) oder der Einsatz von Massenvernichtungswaffen (bedroht die Menschheit insgesamt).
Zweitens, böses Verhalten schadet anderen gegen ihren Willen, also nicht einvernehmlich. Das heißt, geschädigte Personen oder Gruppen haben nicht zugestimmt oder eingewilligt, sich schädigen zu lassen. Natürlich nicht, mag man nun denken, wer will sich schon schädigen lassen? Aber es gibt Situationen, in denen jemandem Schaden zugefügt wird, ohne dass wir von bösem Verhalten sprechen.
So fügt beispielsweise eine Boxerin beim Preisboxen ihrer Gegnerin körperlichen Schaden zu. Allerdings haben sich die beiden Boxerinnen vorab darauf geeinigt, sich im Rahmen des Boxkampfes und innerhalb bestimmter Regeln gegenseitig schlagen zu dürfen; somit wäre auch ein heftiger Schlag ins Gesicht, den wir auf offener Straße oder abends in einer Bar gemeinhin als böses Verhalten einstufen würden, im Rahmen des Boxkampfes durch die Einvernehmlichkeit sozusagen gedeckt und somit nicht böse. Dagegen wäre es selbst im Rahmen des Boxkampfes böse, der Gegnerin ins Ohr zu beißen, denn dies ist von den einvernehmlich vereinbarten Regeln nicht gedeckt.
Drittens, böses Verhalten lässt sich aus Sicht der Gesellschaft ethisch-moralisch nicht rechtfertigen.1 Dies ist ein wichtiges, aber gar nicht so leicht zu beurteilendes Merkmal. Daher müssen wir etwas genauer betrachten, warum es wichtig ist und worin genau die Schwierigkeiten bestehen.
Ethik und Moral aus Sicht der Gesellschaft
Warum ist es überhaupt wichtig, in einer Gesellschaft vorherrschende Ethik- und Moralvorstellungen zu berücksichtigen? Der Grund ist, dass es Verhaltensweisen gibt, die Personen nicht einvernehmlich schaden, die wir aber als Gesellschaft dulden oder sogar befürworten – also nicht als böse einstufen.
Dies lässt sich gut am Beispiel des Strafvollzuges veranschaulichen. Eine Gefängnisstrafe schadet der verurteilten Person und erfolgt praktisch nie einvernehmlich. Die verurteilte Person ist in der Regel nicht damit einverstanden, ins Gefängnis zu müssen. Wäre es also für die Beurteilung von Verhalten als böse nur relevant, ob jemand nicht einvernehmlich zu Schaden kommt, dann wäre entsprechendes Verhalten von zum Beispiel Richterinnen oder Vollzugsbeamten böse.
Aber wir als Gesellschaft beurteilen es nicht als böse, weil wir eine Gefängnisstrafe unter bestimmten Voraussetzungen für gerechtfertigt halten. Anders gesagt: Bestimmte Ziele – im Falle von Freiheitsstrafen speziell Abschreckung, Schutz anderer Menschen, Wiedergutmachung – rechtfertigen es aus gesellschaftlicher Sicht, einer Person gegen ihren Willen und somit nicht einvernehmlich zu schaden. Eine Gefängnisstrafe auszusprechen und zu vollstrecken ist also deswegen nicht böse, weil dies durch gesellschaftlich geteilte Ethik- und Moralvorstellungen gedeckt ist.
Andere Verhaltensweisen dagegen sind von den gesellschaftlich geteilten Ethik- und Moralvorstellungen eindeutig nicht gedeckt. Sie lassen sich also aus kollektiver Sicht kaum oder nie moralisch rechtfertigen. Gemäß einer zwischen 2017 und 2023 durchgeführten weltweiten Umfrage mit knapp 100000 Teilnehmenden aus 66 Ländern findet eine Mehrheit von 73 Prozent, dass Diebstahl niemals zu rechtfertigen ist (siehe Abbildung 1). Unter den rund 1500 deutschen Befragten waren es sogar 90 Prozent. Und von den anderen Befragten gaben die allermeisten an, dass Diebstahl fast nie zu rechtfertigen ist. Es gibt also einen starken gesellschaftlichen Konsens: Diebstahl ist durch die vorherrschenden Ethik- und Moralvorstellungen in der Regel nicht gedeckt.
Abbildung 1. Ergebnisse einer Umfrage unter knapp 100000 Befragten aus 66 Ländern, ob Diebstahl zu rechtfertigen ist. Die gezeigten Prozentwerte sind gerundete Werte.
Diebstahl ist somit ein gutes Beispiel für böses Verhalten: (1) Es schadet anderen Menschen, nämlich den Bestohlenen. (2) Diese haben nicht zugestimmt, bestohlen zu werden. Und (3) jemandem etwas zu stehlen steht offensichtlich im Widerspruch zu dem, was Menschen generell ethisch-moralisch gerechtfertigt finden. So weit, so gut.
Aber: Sag niemals nie!
Ist Diebstahl wirklich niemals zu rechtfertigen? Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Zwar kommen verschiedene ethisch-moralische Prinzipien meist zu einer ähnlichen Bewertung, aber es gibt auch Sonderfälle, in denen das nicht der Fall ist und bestimmte Prinzipien miteinander in Konflikt stehen. Man spricht dann von einem moralischen Dilemma. Bekannt ist das sogenannte Heinz-Dilemma, das dies eingängig illustriert:
Heinz’ Ehefrau liegt im Sterben. Es gibt ein Medikament, mit dem sie gerettet werden kann. Das Medikament hat ein Apotheker entwickelt, und nur er kann das Medikament herstellen. Der Apotheker bezahlt 200 Euro für die nötigen Inhaltsstoffe und verlangt 2000 Euro für eine kleine Dosis des Medikaments. Die Versicherung zahlt nicht für das Medikament, und Heinz hat nur etwa 1000 Euro zur Verfügung. Er sagt dem Apotheker, dass seine Frau im Sterben liegt, und bittet ihn, das Medikament billiger zu verkaufen oder ihn den Rest später bezahlen zu lassen. Aber der Apotheker sagt: »Nein, ich habe das Medikament entwickelt und möchte damit Geld verdienen.«
Soll Heinz in die Apotheke einbrechen, um das Medikament für seine Frau zu stehlen? Ist ein solcher Diebstahl gerechtfertigt oder böses Verhalten? Was würden Sie an Heinz’ Stelle tun?
Wie das Heinz-Dilemma zeigt, kann es manchmal schwierig sein, einzuschätzen, inwiefern ein bestimmtes schädigendes und nicht einvernehmlich gezeigtes Verhalten als böse zu bewerten ist, weil verschiedene ethisch-moralische Prinzipien zu unterschiedlichen Bewertungen führen können. Wir betrachten solche moralischen Dilemmata in Kapitel 7 noch einmal genauer. Für den Moment genügt es, sich bewusst zu machen, dass nicht immer eindeutig beurteilt werden kann, ob ein Verhalten ethisch-moralisch zu rechtfertigen ist.
Trotzdem ist es oft ein guter Anhaltspunkt, die in einer Gesellschaft mehrheitlich geteilten ethisch-moralischen Überzeugungen zu betrachten. In sehr vielen Situationen fallen solche Bewertungen nämlich eindeutig aus, wie beispielsweise beim Freiheitsentzug oder eben bei Diebstahl. Das gilt umso mehr, weil selbst in komplizierteren Grenzfällen wie dem Heinz-Dilemma oft einigermaßen Konsens besteht.
So finden Befragte hier mehrheitlich, der Diebstahl des Medikaments sei ausnahmsweise gerechtfertigt. Das liegt in erster Linie daran, dass der dadurch geschädigte Apotheker selbst als böse beurteilt wird beziehungsweise sein Verhalten als noch böser beurteilt wird als ein Einbruch, um das Medikament zu stehlen. Oder etwas philosophischer ausgedrückt: Dem Recht auf Eigentum wird gemeinhin ein geringeres Gewicht zugemessen als dem Recht auf Leben. Dasselbe Prinzip, dass ein an sich böses Verhalten gerechtfertigt sein kann, weil es noch böseres Verhalten verhindert oder sich gegen besonders böse Personen richtet, greift auch bei gängigen moralischen Beurteilungen von anderen Menschen und fiktionalen Figuren wie Katniss Everdeen oder Robin Hood.
Wir können also, zumindest in vielen Fällen, Verhalten auch anhand dessen beurteilen, ob es kollektiv als ethisch-moralisch gerechtfertigt angesehen wird. Natürlich ist dies nur ein Anhaltspunkt, weil verschiedene Gesellschaften zu verschiedenen Zeitpunkten ziemlich unterschiedliche Vorstellungen davon haben können, was vertretbar oder gar wünschenswert ist. Wie eingangs erwähnt, unterscheiden sich Gesellschaften aktuell darin, ob die körperliche Bestrafung von Kindern zu Erziehungszwecken legal und verbreitet oder verboten und geächtet ist. Aber selbst bei letzteren Gesellschaften war körperliche Bestrafung oftmals bis vor einiger Zeit noch erlaubt (in Deutschland bis 2001). Allgemein geteilte ethisch-moralische Vorstellungen können sich also zwischen Gesellschaften unterscheiden und sich über die Zeit verändern.
Genau das lässt sich an der bereits erwähnten internationalen Befragung ebenfalls gut erkennen: Während in Deutschland etwa 96 Prozent der Befragten angeben, es sei niemals zu rechtfertigen, wenn ein Mann seine Frau schlägt,2 sind es in Bolivien rund 75 Prozent und in Hongkong nur gut 60 Prozent. Und weniger als zehn Jahre zuvor gaben auf dieselbe Frage keine 80 Prozent der befragten Deutschen an, es sei niemals zu rechtfertigen, wenn ein Mann seine Frau schlägt.
Wenn wir also davon sprechen, Verhalten sei auch deswegen böse, weil es nicht durch die in einer Gesellschaft mehrheitlich geteilten ethisch-moralischen Überzeugungen gedeckt ist, muss auch immer klar sein: Dieses Urteil könnte in einer anderen Gesellschaft oder zu einer anderen Zeit durchaus anders ausfallen.
Wie häufig und wie schlimm ist böses Verhalten wirklich?
Böse Verhaltensweisen sind also Handlungen, die anderen schaden, nicht einvernehmlich sind und gegen allgemein geteilte Ethik- und Moralvorstellungen verstoßen. Aber wie häufig kommt böses Verhalten überhaupt vor und welchen Schaden richtet es an? Hier ein paar Zahlen, zunächst aus dem strafrechtlich relevanten Bereich, da zu diesem recht verlässliche Zahlen vorliegen – natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Eine sehr offensichtliche Form bösen Verhaltens sind körperliche Angriffe gegen andere. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden mehr als 400000 Menschen jährlich ermordet und mehrere Millionen körperlich angegriffen. In Deutschland zählte die Polizeiliche Kriminalstatistik in nur einem Jahr (2024) 217277 Fälle von Gewaltkriminalität, darunter Geiselnahme, Körperverletzung und Totschlag. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass etwa 30 Prozent aller Frauen (das sind mehr als 1 Milliarde Menschen!) mindestens einmal in ihrem Leben physische oder sexuelle Gewalt erleiden müssen. Allein für Deutschland berichtet die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2024 mehr als 13000 polizeilich erfasste Vergewaltigungen, sexuelle Nötigungen und schwere sexuelle Übergriffe sowie mehr als 16000 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern. Von den polizeilich gar nicht erfassten Fällen ganz zu schweigen.
Aber selbst jenseits der durch Gewalttaten verursachten körperlichen und oft auch psychischen Schäden können andere Formen bösen Verhaltens viel Leid nach sich ziehen. So schätzen verschiedene Studien, dass zwischen 25 Prozent und 50 Prozent aller Jugendlichen schon einmal Opfer von Cyber- oder Online-Mobbing wurden und mehr als 10 Prozent aller Erwachsenen mindestens einmal Erfahrungen mit Mobbing oder Belästigung am Arbeitsplatz gemacht haben – wobei Schätzungen für bestimmte Länder und Branchen Zahlen von mehr als 80 Prozent berichten. Opfer von Mobbing entwickeln starke psychische Folgeprobleme, einschließlich eines erhöhten Risikos für Selbsttötungsgedanken und -versuche.
Schließlich noch ein paar Zahlen zu bösem Verhalten, das sich nicht in erster Linie gegen die psychische oder körperliche Unversehrtheit von anderen Personen richtet, aber Einzelnen oder ganzen Gesellschaften großen Schaden zufügt. So wurden in der EU 2022 etwa 5,1 Millionen Diebstähle und etwa 1,2 Millionen Einbrüche polizeilich erfasst. Ein anderes Beispiel: Laut Europol sind etwa 5 Prozent der importierten Waren in die EU gefälschte Waren und Produktpiraterie (hinzu kommen natürlich noch Produktfälschungen innerhalb der EU), wobei der weltweite Schaden durch Produktfälschungen und Piraterie auf mehr als 450 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt wird.
Oder mit Blick auf die Finanzierung des Gemeinwesens: Selbst wenn genaue Zahlen wegen nicht entdeckter Taten schwierig zu beziffern sind, deuten verschiedene Schätzungen (unter anderem der Hans-Böckler-Stiftung) darauf hin, dass dem deutschen Staat mindestens 100 Milliarden Euro jährlich durch Schwarzarbeit, Betrug und andere Arten der Steuerhinterziehung entgehen. Das entspricht ungefähr dem Etat der bundesdeutschen Ministerien für Verteidigung, Bildung/Forschung, Gesundheit sowie Wirtschaft und Klimaschutz für das Jahr 2024 zusammen.
Und es geht noch größer: Die jährlichen Schäden durch Umweltkriminalität wurden 2018 in einer Untersuchung im Auftrag der Vereinten Nationen und von Interpol auf bis zu 259 Milliarden US-Dollar geschätzt, und eine Untersuchung der Weltbank schätzte 2019 den Wert von illegalem Holzeinschlag, Fischerei und Handel mit Wildtieren auf 1 Billion US-Dollar und mehr pro Jahr.
Neben solchem strafrechtlich relevanten Verhalten gibt es noch viel mehr böses Verhalten. Zum Beispiel wird die Wahrscheinlichkeit, mindestens einmal im Leben von einem Partner oder einer Partnerin in einer monogamen Beziehung betrogen zu werden, auf ganze 80 Prozent geschätzt! Auch solche Verhaltensweisen haben selbstverständlich negative Konsequenzen, die aber schwerer in Statistiken und Zahlen zu fassen sind.
Wie man es auch dreht und wendet: Böses Verhalten richtet körperlichen, psychischen, zwischenmenschlichen und finanziellen Schaden an. Insofern ist es wichtig, Ursachen bösen Verhaltens zu verstehen. Im besten Fall lassen sich hieraus Maßnahmen entwickeln, um die Häufigkeit oder Schwere bösen Verhaltens zu reduzieren.
Warum verhalten sich Menschen böse?
Böses Verhalten gibt es seit Beginn des menschlichen Zusammenlebens. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass sich schon viele gefragt haben, warum oder in welchen Situationen Menschen eigentlich böse handeln. Neben den persönlichen Einschätzungen haben unterschiedliche Wissenschaften wie die Biologie, die Kriminologie, die Philosophie, die Rechtswissenschaft, die Religionswissenschaft, die Soziologie oder die Wirtschaftswissenschaft wichtige Erklärungen dazu geliefert.
Es kann hier nicht darum gehen, all diese Erklärungen umfassend zu beschreiben und miteinander zu vergleichen. Stattdessen schauen wir uns einige besonders bekannte Erklärungen in vereinfachter Form an, um daraufhin zu verstehen, inwiefern die Persönlichkeitspsychologie und speziell der D-Faktor eine davon zunächst einmal unabhängige Erklärung bösen Verhaltens bieten.
Eine schon alte Erklärung bösen Verhaltens geht zurück auf Origenes (ein christlicher Gelehrter, etwa 185 – 254) sowie auf Augustinus (ein römischer Bischof, etwa 354 – 430). Aus deren Sicht zeigen Menschen böses Verhalten, weil sie den ihnen gegebenen freien Willen für egoistisches Verhalten nutzen – und egoistisches Verhalten eben oft damit einhergeht, anderen zu schaden. Da wir also einen freien Willen haben, wie wir uns verhalten wollen, führt sehr selbstbezogenes Verhalten oft zum Schädigen anderer.
Eine ebenfalls schon traditionelle Erklärung für böses Verhalten greift die Idee auf, dass Menschen selbst – und zwar mitunter ganz bewusst – entscheiden, böses Verhalten zu zeigen. Dabei betont dieser Ansatz, dass Menschen die Vorteile oder den Nutzen von bösem Verhalten höher einschätzen als die Nachteile oder die potenziellen Kosten. Diese Idee ist recht einfach: Menschen überlegen, böses Verhalten zu zeigen, zum Beispiel einen Diebstahl zu begehen. Dann kalkulieren sie, was sie davon voraussichtlich hätten. Also etwa, wie viel Geld sie stehlen können. Außerdem schätzen sie ein, wie aufwendig das Ganze wäre. Also, wie viel Zeit die Planung, Durchführung und möglichst gute Vertuschung des Diebstahls beansprucht. Und sie überlegen, wie wahrscheinlich es ist, erwischt zu werden, und wie gravierend die Nachteile dann wohl wären.
Die Idee, dass eine solche Kosten-Nutzen-Abwägung böses Verhalten mitverursacht, ist sehr einflussreich. Dies lässt sich gut daran erkennen, dass durch eine Gesellschaft verhängte Strafen auch als Abschreckung dienen sollen. Und tatsächlich haben Strafen durchaus eine verhaltenssteuernde Wirkung, wie Bußgelder für Geschwindigkeitsüberschreitungen verdeutlichen. Wenn Rasen gar nicht, nur selten oder nur sehr »billig« geahndet wird, haben Rasende einen geringen Anreiz, sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten.
Wenn es stimmt, dass Menschen die zu erwartenden Nutzen und Kosten bösen Verhaltens abwägen, sollten härtere Strafen also gut als Abschreckung funktionieren. Eine solche Idee findet sich schon in den ältesten bekannten Sammlungen von Gesetzestexten und Rechtssprüchen wie zum Beispiel im Codex Ur-Nammu (verfasst in sumerischer Sprache etwa 2100 v.Chr.) oder im Codex Hammurapi (verfasst in altbabylonischer Sprache etwa 1800 v.Chr.). Abwandlungen der Idee, dass harte Strafen unerwünschtes Verhalten eindämmen können, finden sich in nahezu allen bekannten Zivilisationen bis heute. In den Rechtswissenschaften ist die Idee als »Theorie der Abschreckung« und in der Wirtschaftswissenschaft als Kosten-Nutzen-Ansatz bekannt.
Tatsächlich funktioniert das im Prinzip auch gut, denn die Androhung und Durchsetzung von Strafen machen böses Verhalten unwahrscheinlicher. Aber interessanterweise ist längst klar, dass immer härtere Strafen bestimmte Verhaltensweisen nicht unbedingt effektiver verhindern. So gibt es zum Beispiel in einigen Ländern nach wie vor die Todesstrafe, eine offensichtlich sehr harte Form der Bestrafung, ohne dass die entsprechenden Taten dort statistisch deutlich seltener wären als beispielsweise in Mitteleuropa.
Eine verbreitete Erklärung für böses Verhalten ist also, dass Menschen den Vorteil höher einschätzen als die zu erwartenden Nachteile oder Kosten. Dabei können Kosten für eine Person übrigens nicht nur durch die Strafverfolgung oder den Staat im Allgemeinen entstehen, sondern auch durch Organisationen, lose Gruppierungen oder sogar Freunde. Vielleicht wird man nicht zur nächsten Gartenparty oder zum Vereinsfest eingeladen, wenn alle wissen, dass man Steuern hinterzieht. Auch eine absehbar ausbleibende Einladung kann ein Nachteil sein.
Für eine Kosten-Nutzen-Abwägung ist natürlich ganz entscheidend, welche Konsequenzen jemand erwartet. Dies führt uns zu einer weiteren Erklärung bösen Verhaltens, die stark mit dem kanadischen Psychologen Albert Bandura verknüpft ist. Diese Erklärung besagt, dass Menschen böses Verhalten zeigen, weil sie andere – und vor allem aus ihrer Sicht mächtige und wichtige – Personen dabei beobachten, wie diese sich böse verhalten. Menschen imitieren demnach andere Menschen, die böses Verhalten zeigen und mutmaßlich davon profitieren. Hier könnte man zum Beispiel an das Einnehmen von Dopingmitteln als Spitzensportler denken, wenn man sieht, dass andere Sportler damit erfolgreich sind. Die Theorie von Bandura ist als Beobachtungs- oder Modelllernen bekannt. Und tatsächlich: Es ist unstrittig, dass Menschen, speziell Kinder, durch Beobachtung lernen. Die gute Nachricht dabei ist, dass Menschen sich nicht nur böses Verhalten, sondern auch positive Verhaltensweisen von anderen abschauen.
Ähnlich wie bei der Theorie Banduras, in der die Vorbildfunktion von mächtigen und wichtigen Personen betont wird, gibt es in der Philosophie und politischen Soziologie eine Theorie zur Erklärung bösen Verhaltens, die »einfache« Menschen mit mächtigen und wichtigen Personen in Beziehung setzt. Sehr verkürzt dargestellt besagt die Theorie der autoritären Persönlichkeit von Theodor W. Adorno, dass einige Menschen böses Verhalten zeigen, weil sie besonders anfällig für autoritäre Einflüsse sind. Sie sind gehorsam gegenüber Autoritäten und können so zu bösen Handlungen verleitet oder genötigt werden. Hier befehlen oder suggerieren also als Autoritäten verstandene Persönlichkeiten (zum Beispiel Politikschaffende oder ein Capo) das böse Verhalten, und einige Menschen folgen ihnen.
Aber auch ein Mangel an Autorität im weiteren Sinne kann nach manchen Theorien zum Grund für böses Verhalten werden. Dabei geht es speziell um die indirekte Autorität sozialer Institutionen und gesellschaftlicher Normen. So besagt die Theorie der sozialen Desorganisation aus der Kriminologie, dass Menschen böses Verhalten zeigen, weil soziale Institutionen wie Familien, Schulen oder Nachbarschaften einen Mangel an sozialer Kontrolle und Unterstützung einzelner Personen aufweisen. Auch Theorien aus der Soziologie betonen, dass sich Menschen eigentlich an gesellschaftliche Normen und Regeln halten, aber bei außergewöhnlichem Druck oder Stress extremes und mitunter böses Verhalten zeigen.
Ganz klar: Diese und andere Erklärungen bösen Verhaltens schließen sich nicht gegenseitig aus, sie ergänzen und überschneiden sich. So können bei Kosten-Nutzen-Abwägungen zum Beispiel Überlegungen dazu wichtig sein, wie hoch der eigene Ansehensverlust ist, wenn man sich nicht an gesellschaftliche Normen und Regeln hält. Also zum Beispiel, ob und wie stark jemand im Bekanntenkreis geächtet wird, wenn er seine Partnerin schlägt.
Doch während all diese Erklärungen einen Beitrag zum Verständnis bösen Verhaltens leisten, steht eine sehr offensichtliche Tatsache kaum oder gar nicht in ihrem Fokus: Menschen unterscheiden sich in ihrer Neigung, böses Verhalten zu zeigen. Auch in genau der gleichen Situation, in der genau dieselben Normen gelten, derselbe Nutzen entsteht und dieselben Strafen drohen, handeln nicht alle Menschen gleich.
Auch in der gleichen Situation handeln nicht alle Menschen gleich (böse)
Wir alle kennen den Spruch »Gelegenheit macht Diebe«. Die Idee dahinter ist klar: Wenn Menschen in einer Situation sind, in der sie leicht und ohne Angst vor Konsequenzen etwas für sie Begehrenswertes stehlen können, dann tun sie dies. Wir können den Spruch direkt mit einigen gerade beschriebenen Erklärungen bösen Verhaltens in Verbindung bringen.
Im Sinne einer Kosten-Nutzen-Abwägung sind die Kosten dann geringer, wenn ein Diebstahl nicht entdeckt werden kann. Ist also die Gelegenheit günstig und übersteigt der Nutzen eindeutig die zu erwartenden Nachteile, dann sollten praktisch alle zu Dieben werden.
Die weite Verbreitung des Spruchs »Gelegenheit macht Diebe« könnte sogar so interpretiert werden, dass es ethisch-moralisch akzeptabel ist, zu stehlen, wenn die Gelegenheit günstig ist – oder geradezu naiv, es nicht zu tun. Aber macht Gelegenheit wirklich alle zu Dieben? Um das herauszufinden, eignet sich eine einfache Untersuchungsmethode.
