Dark Nights - Gefährliche Liebe - Sylvia Day - E-Book

Dark Nights - Gefährliche Liebe E-Book

Sylvia Day

4,4
8,99 €

Beschreibung

Packende Spannung und die ganz großen Gefühle

Elijah Reynolds ist ein Werwolf, wie er im Buche steht: dominant, aggressiv und loyal. Schon lange kämpft er zusammen mit den Seraphim gegen die Vampire, ohne jemals Fragen zu stellen. Doch als der Kampf zwischen Engeln und Vampiren immer heftiger tobt, wird Elijahs Loyalität auf eine harte Probe gestellt: Er begegnet Vashti, der mächtigsten Vampirin der Welt, deren Schönheit und Anmut ihn von der ersten Sekunde in ihren Bann ziehen, und der einst so mächtige Werwolf wird verzehrt vom Feuer der Leidenschaft – einem Feuer, das alles verschlingt, was Elijah einmal wichtig war ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 430




DASBUCH

Elijah Reynolds ist ein Alpha-Werwolf wie er im Buche steht: dominant, aggressiv und loyal. Seit Jahren schon kämpft er mit seinem Rudel an der Seite von Adrian Mitchell und dessen Eliteeinheit von Seraphim-Kriegern gegen die Vampire, ohne jemals Fragen zu stellen. Elijahs Treue wird jedoch auf eine harte Probe gestellt, als er eines Tages der atemberaubend schönen Vampirin Vashti begegnet. Von der ersten Sekunde an erliegt Elijah ihrer Anmut, und er wird verzehrt von einem Feuer der Leidenschaft – einem Feuer, das alles verschlingt, was ihm einst wichtig war. Doch als der Kampf zwischen Vampiren und Seraphim immer heftiger wird, muss er sich entscheiden, wohin er gehört: Zu seinen Gefährten oder zu der Frau, die er liebt – auch wenn die seine größte Feindin ist …

»Ein mitreißendes, düster-glitzerndes Lesevergnügen!«

Romantic Times

DIEAUTORIN

Die Nummer-1-Bestsellerautorin Sylvia Day stand mit ihrem Werk an der Spitze derNew York Times-Bestsellerliste sowie 28 internationaler Listen. Sie hat über 20 preisgekrönte Romane geschrieben, die in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurden. Weltweit werden ihre Romane millionenfach verkauft, Lionsgate plant derzeit eineTV-Verfilmung vonCROSSFIRE. Sylvia Day wurde nominiert für den Goodreads Choice Award in der Kategorie bester Autor.

Besuchen Sie die Autorin unter:

www.sylviaday.com

facebook.com/authorsylviadayund

twitter.com/sylday

Sylvia Day

DARK

NIGHTS

Gefährliche Liebe

Roman

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe

A HUNGER SO WILD – RENEGADE’S ANGELS 2

Deutsche Übersetzung von Sabine Schilasky

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstausgabe 03/2016

Redaktion: Uta Dahnke

Copyright © 2012 by Sylvia Day

Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-16498-0V003

www.heyne.de

Für all jene Leser, die den ersten Band

so begeistert angenommen haben.

Eure Unterstützung und Begeisterung bedeuten mir alles.

Danke!

Geh, verkünde den Wächtern des Himmels, die den hohen Himmel, die heilige ewige Stätte verlassen, mit den Weibern sich verderbt, wie die Menschenkinder tun, getan, sich Weiber genommen und sich in großes Verderben auf der Erde gestürzt haben: Sie werden keinen Frieden noch Vergebung finden. So oft sie sich über ihre Kinder freuen, werden sie die Ermordung ihrer geliebten Söhne sehen und über den Untergang ihrer Kinder seufzen; sie werden immerdar bitten, aber weder Barmherzigkeit noch Frieden erlangen.

BUCHHENOCH, 12, 5-7

Prolog

Fingerspitzen, die über ihr Rückgrat glitten, weckten Vashti aus ihrem Schlummer. Wohlig schnurrend bog sie sich der vertrauten Berührung entgegen, und ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, als sie richtig wach wurde.

»Neshama«, murmelte ihr Gefährte.

Meine Seele. Genau wie er ihre Seele war.

Ohne die Augen zu öffnen, rollte sie sich auf den Rücken, streckte sich und hob Charron ihre nackten Brüste entgegen.

Als seine Zunge samtig über ihre Brustwarze fuhr, erschauderte sie, sodass sie nach Luft schnappte und auf die Matratze zurücksank. Sie öffnete gerade rechtzeitig die Augen, um zu sehen, wie sich seine schönen Lippen um die harte Brustspitze schlossen und sich seine Wangen beim festen Saugen nach innen wölbten. Ihr Körper reagierte sofort auf den Mann, für den Vashti atmete, und sie stöhnte.

Sie wollte seinen goldblonden Kopf fester an ihre Brust drücken, doch er richtete sich auf. Erst jetzt bemerkte sie, dass er neben dem Bett stand, nicht in ihm lag.

Er beugte sich über ihren ausgestreckten, entblößten Leib und sah sie mit glühenden Augen an. Bei seinem verwegenen Lächeln waren seine Reißzähne zu sehen, was Vashti verriet, dass auch er erregt war, weil er sie so geweckt hatte.

Bei diesem Lächeln raste Vashtis Herz. Ihre Brust schmerzte von den Gefühlen, die er in ihr wachrief. Sie hatte alles verloren; manchmal spürte sie noch das Reißen an ihrem Rücken, wo ihr die Flügel abgetrennt worden waren, aber Char hatte die Leere in ihr gefüllt. Jetzt war er ihr ein und alles, der Grund, warum sie jeden Tag aufstand.

»Merk dir, wo wir stehen geblieben waren«, raunte er mit seiner tiefen Stimme. »Ich stille deinen Hunger, wenn ich zurück bin.«

Vash stützte sich auf die Ellbogen auf. »Wo willst du hin?«

Er schnallte sich die Katanas über Kreuz auf den Rücken. »Wir haben eine Streife, die sich nicht zurückgemeldet hat.«

»Ice?«

»Fang gar nicht erst an.«

Sie seufzte. Ihr war klar, wie viel Zeit Char in die Ausbildung seines Neulings gesteckt hatte, aber der Junge schien keine Befehle befolgen zu können.

Char blickte zu ihr, bevor er das Waffenhalfter an seinem Oberschenkel befestigte. »Ich weiß, dass du denkst, er hätte bisher nicht genügend Verantwortungsbewusstsein gezeigt.«

Sie schwang die Beine über die Bettkante. »Das denke ich nicht bloß. Er hat es bewiesen. Mehrmals.«

»Er will dich beeindrucken, Vashti. Er ist ehrgeizig, und er verlässt seinen Posten nicht, um zu spielen. Er geht, weil er glaubt, dass er anderswo nützlicher sein kann. Wenn sich eine Gelegenheit bietet, Eindruck auf dich zu machen, versucht er es. Wahrscheinlich verfolgt er jetzt gerade einen Wahnsinnigen oder bemüht sich, Lykaner zu belauschen.«

»Ich wäre beeindruckt, würde er gehorsam seine Befehle befolgen.« Vash stand auf, streckte sich erneut und seufzte, als ihr Gefährte zu ihr kam und seine Händen seitlich an ihrem Oberkörper entlanggleiten ließ. »Und er reißt dich aus unserem Bett. Mal wieder.«

»Neshama, jemand muss mich da rausreißen, sonst würde ich es nie verlassen.«

Sie schlang die Arme um ihn und presste das Gesicht an die Lederweste, die seine harte Brust verhüllte. Während sie seinen Geruch einatmete, dachte sie wieder, dass er es wert war, dass sie für ihn gefallen war. Wäre sie noch einmal vor die Wahl zwischen ihren Flügeln und ihrer Liebe zu Charron gestellt, würde sie ohne jeden Zweifel und ohne zu zögern ihren »Fehler« wiederholen. Der Fluch des Vampirismus war ein geringer Preis für ihn. »Ich komme mit dir.«

Er neigte den Kopf zur Seite und schmiegte seine Wange an ihr Haar. »Torque hat Nein gesagt.«

»Darüber bestimmt nicht er.« Sie wich zurück und sah ihn skeptisch an. Torque war Syres Sohn, aber sie war die führende Offizierin des Gefallenen. Wenn es um Gefallene und ihre Minions ging, nahm sie einzig von Syre Befehle entgegen. Selbst Char musste ihr gehorchen, was er recht gefasst tat für einen Mann, der von Natur aus andere kommandierte.

»Er hat ein Dämonenproblem.«

»Verdammt. Das sollte er in den Griff bekommen können.« Ja, Dämonen zu jagen, die es auf Vampire abgesehen hatten, war ihr Job. Keiner war besser darin als sie, aber sie konnte nicht überall gleichzeitig sein.

»Sie ist noch eine von Asmodeus.«

»War ja logisch. Verdammt! Dreimal innerhalb von zwei Wochen? Der verarscht uns.« Damit veränderte sich alles. Einen Dämon aus der direkten Linie eines Höllenkönigs zur Strecke zu bringen, war eine politische Angelegenheit. Vash war so etwas wie Syres Joker, denn sie konnte sich ins Gefecht stürzen, ohne auch nur den Hauch eines Schattens auf ihn und seine Nachkommen zu werfen. Und nun war sie genervt genug, um sich selbst um die Angelegenheit kümmern zu wollen. Sie mochten gefallen sein, aber sie waren keine leichten Ziele.

Char drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und ließ sie los. »Ich bin vor Einbruch der Dunkelheit zurück.«

»Vor Einbruch der Dunkelheit …?« Sie blickte zum Schlafzimmerfenster und begriff. »Der Morgen dämmert gerade.«

»Ja.« Seine Miene war so ernst wie ihre wohl auch.

Ice war keiner von den Gefallenen, wie Charron und sie es waren. Er war ein Sterblicher, der verwandelt wurde, was bedeutete, dass er lichtempfindlich war. Auch ohne seine Neigung zum Übereifer hätte er sich vor Sonnenaufgang zurückmelden müssen. Nun würde er sich bis zur Abenddämmerung oder zumindest bis Char ihn fand irgendwo verkriechen müssen. – Schon einige Schlucke von Chars mächtigem Gefallenenblut würden ihn vorübergehend gegen das Sonnenlicht immun machen, sodass sie ihn auch tagsüber würden nach Hause schaffen können.

»Hast du bedacht«, begann sie und trat eine Schritt zurück, »dass es klüger sein könnte, ihn schmoren zu lassen? Wie soll er jemals dazulernen, wenn er nie die Folgen seines Ungehorsams zu spüren bekommt?«

»Ice ist kein Kind.«

Vash sah ihn ungläubig an. Ice mochte beinahe so groß und kräftig sein wie ihr Gefährte, aber ihm mangelte es an Chars eiserner Selbstbeherrschung, was ihn so impulsiv wie ein Kind machte. »Ich denke, du projizierst Wesenszüge auf ihn, die er nicht besitzt.«

»Und ich denke, es wird Zeit, dass du meinem Urteil vertraust.« Sein Blick war herausfordernd.

Solch einen Blick würde kein anderer ihr gegenüber riskieren, und das nicht allein wegen ihres Rangs. Und obwohl er ihren Trotz provozierte, schätzte sie die Bereitschaft ihres Partners, ihr Kontra zu geben, wenn er von etwas überzeugt war. Es bewies seine Fähigkeit, zwischen seinem Verhalten ihr gegenüber als Lieutenant und ihr gegenüber als Frau zu unterscheiden; als die Frau, in der er erstmals tiefere Gefühle geweckt hatte, zu einer Zeit, in der die Menschheit, die zu bewachen sie gesandt worden war, sie allmählich angesteckt hatte.

Sie konnte nicht sagen, wann genau es angefangen hatte. Ehedem war Charron nur ein Engel und Wächter wie sie gewesen, einer der Seraphim, die zur Erde geschickt wurden, um dem Schöpfer vom Fortschritt der Menschen zu berichten. Und dann geschah es auf einmal, dass sein Lächeln ihr den Atem raubte und der Anblick seines starken schönen Körpers dafür sorgte, dass sich etwas tief in Vashs Bauch zusammenzog. Seine goldene Schönheit – die goldenen und cremeweißen Flügel, die goldblonden Haare und der gebräunte Teint, die durchdringenden, flammenblauen Augen – hatten sich von einem bloßen Zeugnis der Kunst ihres Schöpfers zu einer unwiderstehlichen Verlockung für ihr neu erwachtes weibliches Begehren gewandelt.

Es war eine Qual gewesen, sich die Anziehung nicht anmerken zu lassen, die Charron auf sie ausübte. Dennoch hatte sie es eine Weile lang getan. Sie hatte sich für ihre Schwäche geschämt und ihn nicht damit beschmutzen wollen. Als es ihm gelang, sie in die Enge zu treiben und zu verführen, tat er es mit glühender Entschlossenheit, und sie war im vollen Bewusstsein der Konsequenzen vor Gott in Ungnade und in Charrons Arme gefallen. Sie hatte keine einzige Träne vergossen, keinen Laut von sich gegeben, als die Hüter ihr die Flügel aus dem Rücken rissen und sie zu der blutsaugenden Gefallenen machten, die sie heute war. Allerdings hatte sie um Gnade für Charron gebettelt und gefleht, und es hatte ihr das Herz gebrochen, als sie auch ihm seine fantastischen Flügel nahmen.

Seine Berührung an ihrer Wange holte Vash aus ihren Erinnerungen zurück in die Gegenwart und zu dem Mann, dessen Augen inzwischen den Bernsteinglanz derer eines seelenlosen Vampirs aufwiesen. »Wohin driftest du ab«, fragte er leise, »wenn du auf einmal so weggetreten bist?«

Sie verzog den Mund. »Ich habe mir nur gesagt, wie blöd es ist, mich über dein Mitgefühl und deinen Wunsch zu ärgern, andere auszubilden, wo es doch unter anderem genau diese Züge waren, in die ich mich einst verliebt habe.«

Char vergrub eine Hand in ihrem langen Haar und hob die roten Strähnen an seine Lippen. »Ich erinnere mich an dich, wie du geflogen bist, Vashti. Wenn ich meine Augen schließe, kann ich bis heute sehen, wie die Sonne auf deinen Rücken scheint und ihr Licht von deinen smaragdgrünen Federn reflektiert wird. Für mich warst du ein Schmuckstück mit deinem rubinroten Haar und deinen saphirblauen Augen. Ich begehrte dich, wann immer ich dich sah. Das Verlangen, dich zu berühren, zu schmecken und in dir zu versinken, war ein physischer Schmerz.«

»Poesie, mein Liebster?«, neckte sie ihn, auch wenn man ihr ihre Gefühle deutlich anhörte. Er kannte sie so gut, las ihre Gedanken so leicht. Er war ihre andere Hälfte, in vielem besser als sie. Während sie launisch und unberechenbar war, war er vernünftig und verlässlich. Während sie ungeduldig und reizbar war, war er ruhig und vorausschauend.

»Du bist mir heute sehr viel kostbarer und erscheinst mir noch begehrenswerter, als du es damals warst«, sagte er und lehnte seine Stirn an ihre. »Weil du jetzt mein bist, ganz und gar. So wie ich dein bin, mit all meinen Fehlern und Eigenheiten, die dich nerven.«

Sie legte ihm ihre Hand in den Nacken, zog ihn an sich und küsste ihn so leidenschaftlich, dass sich ihre Zehen krümmten und ihr Atem schneller ging.

»Ich liebe dich.« Die Worte sprach sie an seinen Lippen und umklammerte ihn mit der Kraft der unbändigen Freude, die in ihr war. Manchmal war es zu viel, sodass ihr Freudentränen kamen und sich ihr die Kehle zuschnürte. Die Intensität ihrer Gefühle für ihren Partner war schon beinahe beschämend. Er war immerzu in ihren Gedanken, ob sie wach war oder schlief.

»Ich liebe dich, teuerste Vashti.« Er drückte ihren nackten Körper an sich. »Ich weiß, dass du mir, was Ice angeht, eine Menge Freiheit gelassen hast, und das, obwohl du nicht meiner Meinung warst. Es ist wohl an der Zeit, dass ich es dir vergelte, indem ich deinen Rat befolge und ihn zügele.«

Auch das bewunderte sie an ihm: seinen Sinn für Fairness und die Bereitschaft, sich zu beugen, wenn es angebracht war. »Kümmere du dich um ihn, ich nehme mich Torques Problem an, und heute Abend werden wir uns für ein paar Tage zurückziehen. Wir haben beide sehr viel gearbeitet in letzter Zeit. Wir haben eine Pause verdient.«

Er legte seine Hand sanft an ihren Hals und lächelte. Seine Augen leuchteten vor Zuneigung und sinnlichem Versprechen, als er murmelte: »Bei solch einer Aussicht werde ich mir verdammt große Mühe geben, früh wieder zu Hause zu sein.«

»Warten wir ab, wie kooperativ Ice ist. Er könnte sich in dem abgeschiedensten Winkel versteckt haben, um seinen Arsch zu retten.«

Char hob eine Braue. »Nichts wird mich aufhalten.«

»Das will ich hoffen.« Sie drehte sich weg und wackelte mit ihrem Hintern. »Ihr wollt beide nicht, dass ich euch suchen komme …«

Am Mittag schlenderte Vashti mit einem Andenken von ihrer jüngsten Jagd in der Hand in Syres Büro. Der Anführer der Vampire war nicht allein, doch Vashti hatte keinerlei Skrupel, ihn zu stören. Die Frau bei ihm war eine von zahllosen Menschenfrauen, die Syres flüchtige Aufmerksamkeit erregten. Es war egal, ob sie vorgewarnt waren oder nicht; sie glaubten sowieso nie, dass er unerreichbar war, bis sie am eigenen Leib erlebten, wie er sie einfach fallen ließ. Syre war ein leidenschaftlicher Mann, doch seine körperliche Zuneigung war keineswegs ein Indiz für tiefe Empfindungen. Syre hatte seine Flügel für die Liebe verloren, und dann verlor er die Frau, für die er sie aufgegeben hatte.

»Syre.«

Er sah sie mit jenem halb verschleierten Blick an, der Frauen wahnsinnig machte. Mit verschränkten Armen, eine Hüfte an das niedrige Bücherregal hinter seinem Schreibtisch gelehnt, stand er da. Zu seiner maßgeschneiderten schwarzen Hose trug er ein blütenweißes Hemd und eine schwarze Seidenkrawatte, was ihn ebenso elegant wie umwerfend attraktiv machte. Sein pechschwarzes Haar und seine karamellbraune Haut ließen ihn auf eine Weise exotisch erscheinen, die sich unmöglich einem Land zuordnen ließ. Syre war einst vom Schöpfer bevorzugt und sehr geliebt worden. Deshalb, glaubte Vashti, wurde sein Fall so hart bestraft – schließlich stürzte er von einem sehr hohen Podest.

»Vashti«, begrüßte er sie. Seine Stimme war kehlig und warm wie Whiskey. »Läuft alles gut?«

»Natürlich.«

Die Blondine, die seine Gastfreundschaft offenbar schon überstrapaziert hatte, schoss Vashti tödliche Blicke zu. Das taten die meisten seiner Geliebten. Sie verstanden die Beziehung zwischen ihr und ihrem obersten Vorgesetzten falsch und hielten sie für weit mehr, als sie tatsächlich war. Ihr Verhältnis war persönlich und von unschätzbarem Wert, jedoch weder intim noch romantisch. Vash würde, ohne zu zögern, ihr Leben für ihn geben, doch die Liebe, die sie für ihn empfand, entsprang einzig ihrer Hochachtung, ihrer Loyalität und dem Wissen, dass er ebenso bereitwillig für sie sterben würde.

Sie warf der Frau ein mitfühlendes Lächeln zu, sagte allerdings so unverblümt wie eh und je: »Ruf ihn nicht an; er ruft dich an.«

»Vashti«, schalt Syre warnend. Er war viel zu sehr Gentleman, um klare Schnitte zu machen, die ihm einiges an lästigen Konfrontationen ersparen würden.

Derlei Hemmungen plagten Vash nicht. »Er wollte dich, er hatte dich, und du hast deinen Spaß gehabt. Mehr gibt es nicht.«

»Was bist du?«, konterte die reizende Blondine. »Seine Zuhälterin?«

»Nein. Eher würde ich von dir als seiner Hure sprechen.«

»Das reicht, Vashti.« Syres Stimme war wie ein Peitschenknall.

»Du bist ja nur eifersüchtig«, fauchte die Blondine, deren vollkommene Züge sich vor Wut und Gekränktheit verzerrten. Ihr emotionaler Ausbruch stand in scharfem Gegensatz zu ihrer perfekten Erscheinung. Der glatte Chignon, der modische Pillbox-Hut und das feminine Kostüm passten nicht zu ihrer hitzigen Reaktion. »Du hältst es nicht aus, dass er mit mir zusammen ist.«

Weiter hätte sie kaum danebenliegen können. Vash würde alles bis auf Charron aufgeben, um ihren Anführer wieder glücklich zu sehen. Würde sie sich irgendwas davon versprechen, hätte sie sofort gesagt, was für ein umwerfendes Paar die beiden abgaben – die majestätische Blonde und der höfliche dunkle Prinz. Doch das Herz, das Syres sterbliche Frau in ihm zum Leben erweckt hatte, war mit ihr gestorben.

»Ich versuche dich nur vor wochenlanger Selbsterniedrigung zu bewahren.«

»Fick dich.«

»Diane«, sagte Syre streng, richtete sich auf und ging zu ihr, um ihren Ellbogen zu umfassen. »Es tut mir leid, dass ich unsere angenehme Zusammenkunft so abrupt beenden muss, aber ich erlaube nicht, dass jemand so mit Vashti spricht.«

Dianes kornblumenblaue Augen weiteten sich, und ihr geschminkter Mund stand vor Erstaunen offen. Sie stolperte neben ihm her, als er sie aus dem Raum führte. »Aber du erlaubst ihr, dass sie so mit mir redet? Wie kannst du nur?«

Als Syre allein zurückkehrte, sah er Vashti finster an. »Du hast heute miserable Laune.«

»Ich habe dich soeben vor einer Woche oder mehr Betteln und Flehen bewahrt. Gern geschehen. Und du brauchst eine Mätresse.«

»Meine sexuellen Neigungen gehen dich nichts an.«

»Deine geistige Gesundheit aber sehr wohl«, konterte sie. »Such dir eine, deren Gesellschaft du genießt, und halte sie dir warm. Lass sie sich ein bisschen um dich kümmern.«

»Ich brauche keine Komplikationen.«

»Es muss nicht kompliziert sein.« Sie sank auf einen der Stühle vor seinem Schreibtisch und strich ihre enge Baumwollhose glatt. »Ich spreche von einem geschäftlichen Arrangement. Auch wenn ich es selbst nicht verstehe, gibt es einige Frauen, die Sex nur um des Vergnügens willen haben können. Kauf einer von denen eine nette Wohnung und zahl ihr den Lebensunterhalt.«

Syre schüttelte den Kopf. »Du wirst tatsächlich für mich zur Kupplerin.«

»Vielleicht brauchst du eine.«

»Allein die Vorstellung, eine Frau zu vögeln, weil sie sich verpflichtet fühlt, sich mir zu fügen, empfinde ich als Beleidigung.«

Vashti sah ihn fragend an. »Es gibt keine einzige Frau, die es als Belastung sehen würde.« Nicht einmal Vashti, die glücklich mit der Liebe ihres Lebens vereint war, konnte sich als immun gegen Syres Sexappeal bezeichnen. Er war ein Mann, der jede Frau dahinschmelzen ließ: sinnlich, verführerisch, hypnotisierend.

»Du wirst aufhören, mich darauf anzusprechen.«

»Nein, werde ich nicht. Du brauchst jemanden, dem du etwas bedeutest, Samyaza.«

Dass sie seinen Engelsnamen benutzte, signalisierte ihm, wie ernst es ihr war. Sein Blick wurde stechend, und seine Augen verengten sich, als er auf den Stuhl hinter seinem Schreibtisch sank. »Nein.«

»Ich rede nicht von einer Frau, die dich liebt. Sie muss dich nur mögen und dir morgens deinen Kaffee so kochen, wie du ihn brauchst, mit dir Wiederholungen von Serien im Fernsehen angucken, solche Sachen. – Einfach jemand, der da ist, dich kennt und sich wünscht, dass es dir gut geht.«

Er ließ sich gegen die Rückenlehne sinken, stützte die Ellbogen auf die Armlehnen und legte die Fingerspitzen zusammen. »Manchmal werde ich gebeten zu erklären, was du für mich bist. Bisher ist mir die richtige Antwort noch nicht eingefallen. Du bist meine direkte Untergebene, aber zugleich mehr als nur eine untergeordnete Offizierin. Wir sind mehr als Freunde, und dennoch sehe ich dich nicht als Schwester. Ich liebe dich, bin aber nicht in dich verliebt. Ich bin mir deiner Schönheit bewusst, wie es jeder Mann wäre, doch habe ich kein Interesse daran, mit dir zu schlafen. Du bist die wichtigste Frau in meinem Leben, ohne dich wäre ich komplett verloren, und trotzdem würde ich nie mit dir zusammenleben wollen. Was bist du für mich, Vashti? Was gibt dir das Recht, solche persönlichen Angelegenheiten mit mir zu besprechen?«

Sie runzelte die Stirn. Noch nie hatte sie zu definieren versucht, was sie einander waren. Für sie war ihre Beziehung … einfach das: ihre Beziehung. Sie war auf so vielfältige Weise sein verlängerter Arm.

»Ich bin deine rechte Hand«, entschied sie und warf ihm zu, was sie mitgebracht hatte.

Er fing den Gegenstand mühelos auf, denn seine Reflexe waren verteufelt gut. »Was ist das?«

»Die Hälfte eines Amuletts, das ich einer aus Asmodeus’ Gefolge abnahm. Die andere Hälfte ließ ich auf dem Aschehaufen zurück, zu dem sie wurde, als ich sie tötete. Als es noch ganz war, trug es Asmodeus’ Emblem.«

»Du forderst ihn heraus.«

Vash schüttelte den Kopf. »Drei in zwei Wochen? Das ist kein Zufall. Er erlaubt seinen Untergebenen, mit uns zu spielen, ermuntert sie womöglich dazu. Wir sind wie Freiwild – Engel, die wie Unrat weggeworfen wurden.«

»Wir haben schon so genug Feinde.«

»Nein, wir haben Kerkermeister – die Hüter und ihre Lykaner. Die Dämonen werden nur dann zu Feinden, wenn wir sie nicht in ihre Schranken verweisen. Wir müssen klar Position beziehen.«

»So möchte ich es nicht geregelt haben.«

»Doch, möchtest du. Deshalb hast du es mir übertragen, mich um das Dämonenproblem zu kümmern.« Sie schlug ihre Beine übereinander. »Einen Waffenstillstand kannst du jederzeit mit der anderen Hand besiegeln. Ich bin die Hand, die sie bekämpft.«

Geräusche draußen am Eingang ließen Vashti schnell auf die Füße kommen. Mit übernatürlicher Geschwindigkeit war sie an der offenen Tür, nur eine Millisekunde vor Syre.

Angesichts dessen, was sie sah, gefror ihr das Blut in den Adern.

Raze und Salem trugen jemanden allzu Vertrauten ins Haus, brachten ihn ins Esszimmer und legten ihn auf den langen ovalen Tisch.

»Was zur Hölle ist passiert?«, fragte Vashti, als sie den Raum betrat, und starrte Ice’ regungslose Gestalt an. Die Haut des Minions war stellenweise schwarz verbrannt und überall voller Blasen. Blut tränkte sein T-Shirt und die Jeans bis zu den Knien, und die Risse in seiner Kleidung stammten eindeutig von Wolfskrallen.

Blitzschnell griff seine Hand nach Vashtis Handgelenk. Er öffnete die blutunterlaufenen Augen. »Char… Hilf…«

Einen Moment lang drehte sich ihr der Raum vor Augen, dann nahm alles eine entsetzliche Klarheit an. »Wo?«

»Alte Mühle. Lykaner … Hilf ihm …«

Vash riss eine von Raze’ Waffen aus der Scheide auf seinem Rücken, machte auf dem Absatz kehrt und war schon auf dem Weg.

1

Elijah Reynolds stand nackt auf einem Felsen in dem Wald, der das Gelände des Navajo-Lake-Rudels umgab, und beobachtete, wie seine Träume zusammen mit dem Außenposten dort unten von den Flammen verschlungen wurden. Beißender schwarzer Rauch stieg in dicken Säulen auf, die über Meilen zu sehen sein dürften.

Die Engel würden von dem Aufstand erfahren, lange bevor sie die Ruinen erreichten.

Um ihn herum kläfften die Lykaner freudig, doch Elijah empfand keinerlei Freude. Er war innerlich kalt und tot, das Leben, das er gekannt hatte, verbrannte dort unten mit seinem ehemaligen Zuhause. Elijah war nur in einem gut: Vampire zu jagen. Und er hatte es tun können, indem er für die Hüter arbeitete – die elitärsten aller Kriegerengel. Ihnen zu dienen mochte aufreibend gewesen sein, aber dafür durfte er machen, was er gern tat. Leider dachten nur sehr wenige Lykaner so, und deshalb war es hierzu gekommen. Alles, was Elijah etwas bedeutete, würde bald in Schutt und Asche liegen, und übrig blieb ein Kampf um Unabhängigkeit, den er nicht mit dem Herzen führte.

Aber es war passiert und ließ sich nicht mehr ungeschehen machen. Er musste damit leben.

»Alpha.«

Elijah biss die Zähne zusammen, als er mit dem Titel angesprochen wurde, den er nie gewollt hatte. Er sah zu der nackten Frau, die sich ihm näherte. »Rachel.«

Sie senkte den Blick.

Er wartete, dass sie etwas sagte, doch dann wurde ihm klar, dass sie umgekehrt dasselbe tat. »Willst du jetzt Befehle befolgen?«

Sie verschränkte die Hände hinter dem Rücken und ließ den Kopf sinken. Verärgert über ihren Mangel an Überzeugung, wandte er sich ab. Er hatte ihr gesagt, dass eine Revolte Selbstmord wäre. Die Hüter würden sie jagen und auslöschen. Der einzige Existenzgrund der Lykaner war der, den Engeln zu dienen; wenn sie das nicht mehr taten, gab es für sie keinen Platz mehr auf der Welt. Aber Rachel hatte nicht auf ihn hören wollen. Sie und ihr Gefährte Micah, Elijahs bester Freund, hatten die anderen zu diesem Akt schierer beschissener Blödheit angestachelt.

Elijah spürte, dass sich ihnen ein Lykaner näherte, noch bevor er ihn hören konnte. Er drehte sich um und sah den goldenen Wolf näher kommen, der mitten im Lauf die Gestalt eines großen blonden Mannes annahm.

»Ich habe alle, denen ein gewisser Selbsterhaltungstrieb geblieben ist, zusammengetrommelt, Alpha«, sagte Stephan.

Was Elijahs Verdacht bestätigte, dass einige aus der Schlacht geflohen waren, ohne an die brutalen Tage zu denken, die ihnen zweifellos bevorstanden. Vielleicht waren aber auch einige von den Klügeren zu den Hütern zurückgekehrt. Elijah würde es ihnen nicht verübeln.

»Montana?«, fragte Rachel hoffnungsvoll.

Elijah schüttelte den Kopf. Er erinnerte sich daran, dass er Micah an dessen Sterbebett versprochen hatte, für sie zu sorgen. »So weit würden wir es niemals schaffen. Die Hüter werden uns binnen Stunden dicht auf den Fersen sein.«

Ein weiblicher Hüter war während des Kampfes davongeflogen, mit weit ausgebreiteten blauen Flügeln, um den Aufstand zu melden. Die anderen waren geblieben und hatten gekämpft, auch wenn ihnen ihre rasiermesserscharfen Flügel wenig Schutz gegen das große Navajo-Lake-Rudel boten, das schon seit Monaten hätte verkleinert werden müssen. Obwohl sie viel zu wenige waren, hatten die Hüter bis aufs Blut gekämpft, wie es ihr Captain, Adrian, selbst getan hätte und von ihnen erwartete. In den Wochen, die Elijah zu Adrians Rudel gehört hatte, hatte er mit eigenen Augen sehen können, wie beharrlich und verlässlich der Anführer der Hüter war. Nur eine Person konnte Adrian ablenken, doch nicht einmal ihr gelang es, den Killerinstinkt des Engels zu schwächen.

»Es gibt ein Höhlensystem in der Nähe des Bryce Canyon«, sagte Elijah und kehrte dem Außenposten Navajo Lake endgültig den Rücken zu. »Da verstecken wir uns, bis wir uns neu gruppiert haben.«

»In Höhlen?«, fragte Rachel verdrossen.

»Dies hier war kein Sieg, Rachel.«

Sie zuckte zusammen, weil er so unüberhörbar zornig klang. »Wir sind frei.«

»Wir waren Jäger, und jetzt sind wir Beute. Das ist keine Verbesserung. Wir haben die Hüter getreten, als sie schon am Boden lagen. Sie waren uns im Verhältnis von eins zu zwanzig unterlegen, wurden überraschend angegriffen und hatten Adrian nicht bei sich, der gerade so viel Scheiße an den Hacken hat, dass er kaum klar denken kann. Das war hinterhältig.«

Rachel straffte ihre Schultern, sodass ihre kleinen Brüste sich hoben. Lykanern machte Nacktheit nichts aus; für sie waren Haut oder Fell ein- und dasselbe. »Wir haben unsere Chance genutzt.«

»Ja, habt ihr. Und jetzt wollt ihr, dass ich den Rest für euch regle.«

»Micah hat es so gewollt, El.«

Elijah seufzte, als seine Wut von einer Mischung aus Bedauern und Kummer geschluckt wurde. »Ich weiß, was er wollte: ein Haus in einem Vorort, einen Bürojob, Fahrgemeinschaften und Spielenachmittage für die Welpen. Ich würde alles tun, um dir diesen Traum zu erfüllen – wie auch jedem anderen Lykaner, der sich das wünscht –, aber es ist unmöglich. Ihr habt mir eine Aufgabe aufgebrummt, an der ich nur scheitern kann.«

Und sie ahnten alle nicht, was ihn dieses Scheitern kosten würde. Er würde es auch niemals sagen. Vielmehr musste er das Beste aus dem machen, was er hatte, und versuchen, diejenigen, die nun von ihm abhängig waren, am Leben zu erhalten.

Er sah Stephan an. »Ich möchte, dass Zweierteams zu den anderen Außenposten geschickt werden. Vorzugsweise Paare.«

In einem Paar beschützten Partnerin und Partner einander bis zum Letzten, und in Zeiten wie diesen, in denen sie gejagt werden könnten, während sie noch von ihrem Rudel getrennt waren, mussten sie so stark sein, wie es nur ging.

»Wir müssen so viele Lykaner wie möglich benachrichtigen«, fuhr er fort und ließ seine Schultern kreisen, um die Verspannung in seinem Nacken zu lockern. »Adrian wird sämtliche Kommunikation zu den Außenposten kappen – die Mobiltelefone, das Internet, die herkömmliche Post. Also müssen die Teams versuchen, die anderen direkt zu erreichen, von Angesicht zu Angesicht.«

Stephan nickte. »Ich kümmere mich darum.«

»Jeder soll so viel Geld abheben, wie er kann, ehe Adrian die Konten einfriert.« Als »Angestellte« von Adrians Firma, Mitchell Aeronautics, bekamen sie ihren Lohn auf Konten einer Genossenschaftsbank für Mitarbeiter überwiesen, über die Adrian die volle Kontrolle hatte.

»Die meisten haben das schon getan«, sagte Rachel leise.

Also hatten sie wenigstens so weit vorausgedacht. Elijah schickte sie los, die anderen zusammenzurufen; dann wandte er sich wieder Stephan zu. »Ich brauche die zwei Lykaner, denen du am meisten vertraust, für einen Spezialauftrag: Sie sollen Lindsay Gibson suchen. Ich will wissen, wo sie ist und wie es ihr geht.«

Stephan machte große Augen, als der Name von Adrians Gefährtin fiel.

Elijah rang mit dem dringenden Wunsch, sich selbst auf die Suche nach Lindsay zu begeben. Sie war eine Sterbliche, in der er eine Freundin sah – und seit Micahs Tod hatte er keine anderen Freunde mehr. Lindsay war ihm in vielerlei Hinsicht ein Rätsel. Sie war ohne Vorwarnung in ihrer aller Leben gestolpert und hatte Fertigkeiten bewiesen, die keine bloße Sterbliche hätte haben dürfen. Noch dazu hatte sie die Aufmerksamkeit des Anführers der Hüter in einer Art auf sich gelenkt, wie Elijah es noch nie erlebt oder auch nur gehört hatte.

Anders als die Gefallenen, die ihre Flügel verloren hatten, weil sie sich mit Sterblichen eingelassen hatten, waren die Hüter über jeden Tadel erhaben. Fleischeslust und auch alle wankelmütigen menschlichen Empfindungen lagen ihnen völlig fern, weshalb Elijah nie gesehen hatte, dass ein Hüter auch nur einen Anflug von Begehren oder Verlangen zeigte … bis Adrian einen einzigen Blick auf Lindsay Gibson warf und sie mit einer Entschlossenheit für sich beanspruchte, die alle sprachlos machte. Der Anführer der Hüter hatte ihr Leben besser geschützt als sein eigenes, indem er Elijah zu ihrem Leibwächter bestimmt hatte, obwohl er wusste, dass Elijah einer jener raren, anomalen Alphas war, die gewöhnlich sofort aus den Lykaner-Rudeln entfernt wurden.

Und während Elijah Lindsay schützte, hatte sich zwischen ihnen eine Freundschaft entwickelt. Ihre unbeschwerte Kameradschaft reichte tief genug, dass sie füreinander sterben würden. Ich würde mir eine Kugel für dich einfangen, hatte sie ihm einmal gesagt. Nur wenige hatten solche Freunde, und Elijah hatte nun keinen mehr außer ihr. Er mochte offiziell zum Alpha geworden sein, würde jedoch nie aufhören, sich um Lindsays Sicherheit zu sorgen. Sie war aus der Obhut der Hüter verschleppt worden, und Elijah würde nicht eher ruhen, als bis er wusste, dass mit ihr alles in Ordnung war.

»Ich will, dass sie unversehrt gefunden wird«, sagte er nun, »mit allen Mitteln, die nötig sind.«

Stephan nickte, und erstmals schöpfte Elijah Hoffnung, dass sie vielleicht doch noch eine winzige Chance hatten, diesen Mist zu überleben.

»Ach du Scheiße!« Vash beäugte den Ganzkörper-Schutzanzug in ihrer Hand, und ihr wurde eiskalt.

Dr. Grace Petersen rieb sich eines ihrer müden Augen mit der Faust. »Wir wissen noch nicht genau, wie diese Krankheit übertragen wird, und Vorsicht ist besser, als krank zu werden, glaube mir. Das ist eine ganz üble Geschichte.«

Vash schlüpfte in den Schutzanzug und zwang sich, ihre Panik im Zaum zu halten. Sie konzentrierte sich darauf, all ihr Wissen und ihre Fähigkeiten wachzurufen, mit denen sie einst als Hüterin auf die Erde geschickt wurde. Es war lange her, dass sie irgendetwas nicht als Kriegerin angegangen war, wie sie es sich als Vampirin angeeignet hatte. Aber dies war ein Kampf, den sie weder mit Reißzähnen noch mit Fäusten austragen konnte.

»Du hast echt Nerven wie Drahtseile, Grace«, sagte sie in das Mikro ihres Headsets.

»Und das höre ich von der Frau, die es mit Gegnern von der Größe eines Doppeldeckerbusses aufnimmt.«

Vollständig verhüllt betraten sie den Vorraum des Quarantäneraums und gingen durch ins Krankenzimmer, sobald das grüne Licht der Schleuse aufleuchtete. Drinnen lag ein Mann auf der Untersuchungsliege, als würde er schlafen. Seine Züge waren vollkommen friedlich und entspannt. Einzig die Infusionsschläuche in seinen Armen und sein viel zu rasch gehender Atem verrieten, dass er krank war.

»Was gibst du ihm?«, fragte Vash. »Ist das Blut?«

»Ja, er bekommt eine Transfusion. Und wir haben ihn in ein künstliches Koma versetzt.« Grace sah hinter der Maske zu Vash auf. Sie wirkte erschöpft und sehr ernst. »Sein Name ist King. Als er sterblich war, hieß er William King. Er war bis heute Morgen mein leitender Assistent. Dann biss ihn einer der infizierten Vampire, die wir gestern fingen.«

»Bricht die Infektion so schnell aus?«

»Kommt drauf an. Nach den vorläufigen Berichten, die wir vom Außendienst haben, sind manche Vampire immun. Bei anderen dauert es Wochen, bis sie Symptome entwickeln. Häufig sind allerdings Fälle wie King, bei denen es binnen Stunden zum Ausbruch der Infektion kommt.«

»Und was genau sind die Symptome?«

»Irrsinniger Hunger, grundlose Aggressivität und eine unnatürlich hohe Schmerztoleranz. Sie sind nur noch ein Schatten ihres früheren Selbst. Das Licht brennt, aber es ist niemand zu Hause, sozusagen. Ihr Verstand und ihre Persönlichkeit sind futsch, aber ihre Körper sind noch voll dabei. Diejenigen, die ich länger als eine Handvoll Tage am Leben halten konnte, verlieren allerdings die Pigmente in ihrem Haar und ihrer Haut. Sogar die Iris wird grau. Und sieh dir das an.«

Grace strich King mit zitternder Hand das Haar aus der Stirn. »Entschuldige«, flüsterte sie, bevor sie nach einem verkabelten Gerät griff, das wie ein Waren-Scanner aussah, wie sie an Supermarktkassen benutzt wurden. Sie hielt Kings Handgelenk umfasst und zielte mit dem Gerät auf seinen Unterarm, bevor sie einen blassblauen Strahl aktivierte. Ultraviolettes Licht.

Vash neigte sich vor und sah sich die Haut an, die das Ding bestrahlte. Sie wölbte sich zuckend, als würde der Muskel darunter krampfen, aber das war auch schon alles. »Ach du meine Güte! Lichtunempfindlichkeit?«

»Nicht ganz.« Grace schaltete das Gerät aus und legte es beiseite. »Es ist keine echte Unempfindlichkeit, denn die Haut verbrennt trotzdem noch, sie heilt nur sehr viel schneller als gewöhnlich. Die beschädigten Hautzellen regenerieren sich so schnell, wie sie zerstört wurden. Folglich gibt es keine sichtbaren oder bleibenden Wunden. Ich habe einige Tests an zwei anderen Betroffenen vorgenommen, die wir hier hatten. Da war es dasselbe.«

Sie sahen einander an.

»Jedenfalls sollte man sich nicht zu früh freuen«, murmelte Grace. »Diese Zellerneuerung ist es, die alle anderen Symptome verursacht. Der unstillbare Hunger wird durch den enormen Energieumsatz hervorgerufen, der für die Erneuerung nötig ist. Und die Aggressivität wiederum rührt daher, dass sie die ganze Zeit diesen enormen Hunger haben. Es muss sich permanent wie Verhungern anfühlen. Die hohe Schmerztoleranz verdankt sich zweifellos der Tatsache, dass sie an nichts anderes denken können als den Drang, sich zu nähren. Sie können anscheinend überhaupt nicht mehr denken. Hast du mal einen Infizierten in Aktion gesehen?«

Vash verneinte stumm.

»Die sind wie durchgeknallte Zombies. Alle höheren Hirnfunktionen werden von purem Instinkt überlagert.«

»Und du gibst ihm Transfusionen, weil er ohne ständige Blutzufuhr sterben würde?«

»Ja, das habe ich auf die harte Tour herausgefunden. Zwei der Gefangenen hatte ich sediert, um sie untersuchen zu können – man kann ihnen näher kommen, wenn sie nicht voll reaktionsfähig sind –, und die haben sich verflüssigt. Ihr Stoffwechsel ist derart erhöht, dass ihre Körper sich quasi selbst verzehren. Sie werden zu einem Haufen Schleim. Das ist nicht schön.«

»Kann es sein, dass Adrian den Erreger in irgendeinem Labor zusammenbrauen ließ?« Der Hüter leitete die Eliteeinheit der Seraphim, die den Gefallenen die Flügel abnahm. Mit seinen Lykanern verhinderte Adrian, dass die Vampire in dichter besiedelte Gegenden expandierten. So verhinderte er sowohl ihre geografische Ausbreitung als auch ihr finanzielles Vorankommen.

»Alles ist möglich, aber so weit würde ich nicht gehen.« Grace wies auf King. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Adrian das war. So etwas ist nicht sein Stil.«

Wenn sie ehrlich sein sollte, konnte Vash es sich genauso wenig vorstellen. Adrian war ein Krieger durch und durch. Wenn er einen Kampf wollte, würde er die direkte Auseinandersetzung wählen. Aber er hatte eine Menge zu gewinnen, sollten die Vampire ausgerottet werden. Sein Auftrag wäre erledigt, und er könnte die Erde mit all ihrem Schmerz, Elend und Dreck hinter sich lassen. Vorausgesetzt, er würde noch wegwollen, jetzt, da er Lindsay hatte, die er nicht würde mitnehmen können.

Vashs Stimme klang mitfühlend und sanft, als sie sagte: »Das mit deinem Freund tut mir sehr leid, Grace.«

»Hilf mir, ein Heilmittel zu finden, Vash. Hilf mir, ihn und die anderen zu retten.«

Deshalb hatte Syre sie hergeschickt. Von überall im Land kamen Berichte über Infizierte, und mittlerweile konnte man von einer Epidemie sprechen. »Was brauchst du?«

»Mehr Infizierte, mehr Blut, mehr Ausrüstung und mehr Leute.«

»Ist schon so gut wie erledigt. Gib mir einfach eine Liste.«

»Das ist der einfache Teil«, sagte Grace, verschränkte die Arme vor der Brust und blickte wieder zu King. »Ich muss wissen, wo das Virus zum ersten Mal aufgetreten ist, und zwar den Bundesstaat, die Stadt, die Straße, das Haus und das Zimmer in dem Haus. Bis ins kleinste Detail. War das erste Opfer männlich oder weiblich, jung oder alt, welche Hautfarbe? Und dann muss ich wissen, wer Nummer zwei war. Haben sie im selben Haus gelebt? Sich ein Bett geteilt? Oder war die Verbindung flüchtiger? Waren sie verwandt? Dann finde Nummer drei, vier und fünf. Ich brauche genug Daten, um den Ursprung und das Muster zu erkennen.«

Plötzlich hatte Vash das Gefühl, in dem Anzug zu ersticken. Sie ging zur Tür, und Grace folgte ihr, um den Code einzutippen, der die Sperre aufhob.

»Wir reden hier über einen riesigen Personalstab«, murmelte Vash, die es Grace nachmachte und sich in einen aufgemalten Kreis stellte. Irgendeine Substanz wurde aus Düsen über ihr herabgesprüht und umgab ihren Anzug mit einem feinen Nebel.

»Weiß ich.«

Es gab Zehntausende Minions, nur waren sie alle durch ihre Lichtempfindlichkeit erheblich in ihrem Handlungsspielraum eingeschränkt. Die ursprünglichen Gefallenen betraf es zwar nicht, doch waren sie insgesamt nicht mal mehr zweihundert und damit viel zu wenige, um hinreichend Blut zu spenden, damit die Minions vorübergehend immun gegen Licht wurden, um all die Lauferei, die nötig sein würde, in kurzer Zeit zu erledigen.

Vash stieg aus dem Overall, ließ die Schultern kreisen und überlegte. Die ersten Berichte von der Krankheit waren gleichzeitig mit Adrians verlorener Liebe aufgetaucht. Eine genaue Zeitachse würde ihnen bei der Entscheidung helfen, ob der Anführer der Hüter schuldig war oder nicht. »Ich werde es irgendwie möglich machen.«

»Ja, das weiß ich.« Grace wuschelte ihr kurzes blondes Haar durch und musterte Vash. »Du trägst immer noch Trauer.«

Vash blickte hinab zu ihrer schwarzen Lederhose und der Weste und zuckte mit den Schultern. Auch nach sechzig Jahren war der Schmerz nach wie vor da und erinnerte sie daran, dass sie Charrons brutale Ermordung rächen musste. Eines Tages würde sie einen Lykaner finden, der ihr einen Hinweis auf Chars Mörder liefern würde. Sie konnte nur hoffen, dass das rechtzeitig geschehen würde, bevor die Verantwortlichen vor Altersschwäche oder bei der Jagd starben. Im Gegensatz zu Hütern und Vampiren lebten die Lykaner nicht ewig.

»Machen wir diese Liste fertig«, sagte sie streng und begann, sich der gewaltigen Aufgabe anzunehmen, die ihr bevorstand.

Syre sah sich das Video zu Ende an und stand dann mit einer geschmeidigen Bewegung auf. »Was hältst du davon?«

Vash saß auf dem Stuhl gegenüber von seinem Schreibtisch und hatte die Beine unter sich angezogen. »Wir sind im Arsch. Wir haben zu wenige Leute, um schneller zu handeln, als sich dieses Virus ausbreitet – uns fehlen schlicht die Ressourcen.«

Syre fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes dunkles Haar und fluchte. »Wir dürfen nicht so zugrunde gehen, Vashti. Nicht nach allem, was wir durchgemacht haben.«

Der Schmerz des Gefallenen war beinahe mit Händen zu greifen. Wie er so vor dem Fenster stand und auf die Main Street von Raceport, Virginia, blickte, einer Stadt, die er hatte errichten lassen, schien das Gewicht der Welt auf seinen Schultern zu lasten. Er war in tiefer Trauer um seine Tochter, die er verloren hatte, nachdem er jahrhundertelang um ihre Rückkehr gebetet hatte. Und der Verlust hatte ihn verändert. Bisher bemerkte es noch niemand, doch Vash kannte ihn zu gut. Etwas in ihm war anders, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Er war härter, weniger flexibel, und das spiegelte sich auch in den Entscheidungen, die er traf.

»Ich werde mein Bestes geben«, versprach sie. »Das werden wir alle. Wir sind Kämpfer, Syre. Keiner von uns gibt auf.«

Er wandte sich ihr zu. Seine schönen Züge waren verhärtet. »Ich hatte einen interessanten Anruf, während du bei Grace warst.«

»Ach ja?« Sein Tonfall und das Glitzern in seinen Augen ließen sie aufmerken. Sie kannte diesen Blick und wusste, dass er bedeutete, dass Syre zu etwas entschlossen war, jedoch mit Widerstand rechnete.

»Die Lykaner haben rebelliert.«

Vashs Rücken versteifte sich unangenehm, wie immer, wenn sie über die Hunde der Hüter sprachen. »Wie? Wann?«

»Letzte Woche. Ich vermute, dass sie die Gelegenheit für günstig hielten, weil Adrian wegen meiner Tochter abgelenkt war.« Er verschränkte die Arme, wobei sich seine starken Oberarmmuskeln wölbten. Adrian hatte es zunächst zu Lindsay Gibson gezogen, weil sie die jüngste Reinkarnation von Shadoe war, Syres Tochter und Adrians großer Liebe. Am Ende jedoch hatte Lindsay sowohl Adrians Herz als auch das Recht auf ihren eigenen Körper gewonnen, was Syre in tiefe Trauer um das verlorene Kind gestürzt und Adrian ein wenig aus der Bahn geworfen hatte. »Die Lykaner werden uns brauchen, wenn sie frei bleiben wollen, und anscheinend brauchen wir sie genauso dringend.«

Vash sprang auf. »Das kann nicht dein Ernst sein!«

»Mir ist bewusst, was ich von dir verlange.«

»Ist es das? Ebenso gut könntest du mich bitten, mit Adrian zusammenzuarbeiten, wohl wissend, dass deine Tochter seinetwegen tot ist. Oder mir sagen, ich solle mich mit dem Dämon zusammentun, der deine Frau umbrachte.«

Sein Brustkorb dehnte sich, als er langsam tief einatmete. »Wenn das Schicksal aller Vampire auf der Welt davon abhinge, würde ich es tun.«

»Fick dich und deine Schuldgefühle!« Die Worte waren ihr herausgerutscht, bevor sie sich bremsen konnte. Was immer Syre ihr auch bedeutete, er war vor allem ihr kommandierender Offizier. »Ich bitte um Verzeihung, Commander.«

Er winkte ungeduldig ab. »Mach es wieder gut, indem du den Alpha der Lykaner ausfindig machst und ihm eine Allianz anbietest.«

»Es gibt keine Alphas unter den Lykanern. Dafür haben die Hüter gesorgt.«

»Es muss einen geben, sonst wäre es nie zu der Rebellion gekommen.«

Vash begann, auf und ab zu gehen, sodass die Absätze ihrer Stiefel einen schnellen Rhythmus auf den Holzboden schlugen. »Schick Raze oder Salem«, schlug sie vor. Ihre beiden besten Captains. »Oder beide.«

»Nein, du musst es sein.«

»Warum?«

»Weil du die Lykaner hasst und dein Widerwille unsere Verzweiflung nicht durchklingen lassen wird.« Er kam um den Schreibtisch herum, setzte sich halb auf die Kante und schlug die Beine an den Fußgelenken übereinander. »Wir dürfen ihnen keinen Vorteil gewähren. Sie müssen glauben, dass sie uns dringender brauchen als wir sie. Und du bist meine rechte Hand. Dich zu schicken ist eine deutliche Botschaft, wie ernst ich die angebotene Allianz nehmen würde.«

Der Gedanke, mit Lykanern zu kooperieren, erregte solche Wut in ihr, dass ihr die Sicht verschwamm. Was war, wenn sie unwissentlich Seite an Seite mit einem der Lykaner arbeiten müsste, die Charron in Fetzen gerissen hatten? Was, wenn sie einem von ihnen das Leben rettete, weil sie ihn für einen Verbündeten hielt? Das war so pervers, dass Vash schlecht wurde. »Gib mir erst mal Zeit, in der ich versuche, ob wir es irgendwie allein hinbekommen. Wenn ich innerhalb der nächsten paar Wochen keine ausreichenden Fortschritte mache, können wir wieder reden.«

»Bis dahin könnte Adrian die Lykaner ausgelöscht haben. Wir müssen jetzt handeln, solange alles noch in der Schwebe ist. Überleg mal, wie schnell wir suchen könnten, wenn wir Tausende von Lykanern zur Verfügung hätten!«

Sie schritt den Raum nach wie vor in einem Tempo ab, angesichts dessen Sterblichen schwindlig geworden wäre. »Sag mir, dass deine Bitte nichts mit deinem Hass auf Adrian zu tun hat.«

Syres Mundwinkel hob sich. »Du weißt, dass ich das nicht kann. Ich will Adrian treten, solange er am Boden ist, klar. Aber das allein würde kaum ausreichen, um dich hierum zu bitten, weiß ich doch, wie viel es dich kostet. Du bedeutest mir weit mehr als das.«

Vash blieb abrupt stehen, bevor sie auf ihn zuging. »Ich werde es tun, weil du es mir befiehlst. Allerdings verzichte ich nicht auf die Vergeltung, die mir zusteht. Vielmehr werde ich die Gelegenheit nutzen, um diejenigen zu finden, die für Charrons Tod verantwortlich waren. Und wenn ich die Information habe, übernehme ich keine Verantwortung für die Folgen. Falls das für dich nicht akzeptabel ist, überbringe ich dein Angebot und gehe anschließend meiner Wege.«

»Das wirst du nicht.« Trotz des ruhigen Tonfalls war es eine eindeutige Warnung. »Ich unterstütze dich, Vashti, und das weißt du auch. Aber zu diesem Zeitpunkt muss die Behebung der Notlage der Vampire an erster Stelle stehen.«

»Ist gut.«

Er nickte. »Die Revolte begann im Außenposten Navajo Lake. Fang in Utah mit der Suche an. Sie können nicht weit gekommen sein.«

2

»Wir müssen herausfinden, ob es noch andere Alphas gibt.« Elijah sah den Lykaner neben sich an und staunte, wie schnell Stephan die Rolle des Beta übernommen hatte.

Ihre Instinkte hatten enormen Einfluss auf alles, was sie als neues Rudel taten, und das beunruhigte Elijah. Ihm wäre es lieber gewesen, ihr Schicksal würde von ihnen selbst bestimmt statt von dem Dämonenblut in ihren Adern.

Aber als er den langen Gang hinunterschritt, waren die zahllosen grünen Augen, die ihn anstarrten, ein schlagkräftiger Beweis dafür, wie dominant die niederen Instinkte der Lykaner waren. Jeder von ihnen hatte die leuchtend grüne Iris einer Mischlingskreatur. Sie reihten sich zu Hunderten entlang der Wände auf und bildeten eine Gasse in den roten Felsenhöhlen, die Elijah als sein Hauptquartier ausgewählt hatte. Sie alle hielten ihn für ihren Erlöser, für den Lykaner, der sie in ein neues Zeitalter der Unabhängigkeit führen konnte. Was sie nicht begriffen, war, dass ihre Erwartungen und ihre Hoffnung auf Freiheit sein Gefängnis waren.

»Ich habe es zur obersten Priorität gemacht«, versicherte Stephan. »Aber die Hälfte der Lykaner, die wir ausgesandt hatten, ist nicht zurückgekehrt.«

»Vielleicht haben sie sich wieder in die Obhut der Hüter begeben. Was die Lebensqualität angeht, hatten wir es besser, solange wir für die Engel arbeiteten.«

»Ist irgendein Preis zu hoch für die Freiheit?«, fragte Stephan. »Wir alle wissen, dass die Hüter keine Chance haben, wenn wir in die Offensive gehen. Es existieren keine Zweihundert mehr von ihnen, und wir sind mehrere Tausend.«

Die dezente Aufforderung, aktiv zu sein, statt nur zu reagieren, entging Elijah nicht. Er spürte um sich herum die knisternde Energie der Lykaner, die bereit und gewillt waren zu jagen. »Noch nicht«, sagte er. »Dies ist noch nicht der richtige Zeitpunkt.«

Ein Arm schnellte vor und packte ihn. »Worauf verdammt noch mal wartest du?«

Elijah blieb stehen und wandte sich dem stämmigen Mann zu, dessen Augen im Schatten der Höhle glühten. Der Lykaner war aufgebracht und schon halb verwandelt, seine Arme und sein Nacken von gräulichem Pelz bedeckt.

Die Bestie in Elijah knurrte eine Warnung, doch er hielt sie im Zaum. Diese Selbstkontrolle war es, die ihn zu einem Alpha machte.

»Forderst du mich heraus, Nicodemus?«, fragte er gefährlich ruhig. Hierauf hatte er gewartet, er hatte gewusst, dass es kommen würde. Es würde nur die Erste von vielen Provokationen sein, bis er seine Dominanz bewiesen hätte, gestützt auf seine physische Überlegenheit wie auch den instinktiven Wunsch der Lykaner, einem Anführer zu folgen.

Die Nasenflügel des Lykaners bebten, und seine Brust wölbte sich, als er gegen die Bestie in seinem Innern kämpfte, doch da ihm Elijahs Selbstkontrolle fehlte, konnte Nic nur verlieren.

Elijah löste die Hand des Mannes von seinem Arm und sagte: »Du weißt ja, wo du mich findest.«

Dann kehrte er ihm den Rücken zu und ging weg, womit er die Bestie in Nic bewusst provozierte. Je eher sie dies hier hinter sich brachten, desto besser.

Nic hatte ihn gefragt, worauf er warten würde. Nun, er wartete auf Geschlossenheit, Vertrauen, Treue, auf ebenjene Grundlagen, die alle Rudel zusammenhalten würden. Ob sie in der Überzahl waren oder nicht, sie konnten unmöglich gegen eine eng befehligte militärische Eliteeinheit wie die Hüter bestehen, wenn sie nicht zusammenarbeiteten.

Eine Lykanerin kam sichtlich angespannt auf Elijah zugelaufen. »Alpha«, begrüßte sie ihn und stellte sich rasch als Sarah vor. »Du hast Besuch. Eine Vampirin.«

Er zog die Brauen hoch. »Eine Vampirin? Ohne jede Begleitung?«

»Ja. Sie fragt nach dem Alpha.«

Das war wahrlich interessant. Die Lykaner waren von den Hütern zu dem einzigen Zweck geschaffen worden, Vampire zu jagen und in ihre Schranken zu weisen. Die Tatsache, dass sich die Lykaner gegen die Hüter aufgelehnt hatten, hieß nicht, dass sie ihren tief verwurzelten Hass auf die Blutsauger vergessen hatten. Es war selbstmörderisch für einen Vampir, sich allein in eine ihrer Höhlen zu wagen.

»Bring sie in die große Höhle«, sagte er.

Sarah drehte sich um und lief in die Richtung zurück, aus der sie gekommen war. Elijah und Stephan folgten ihr langsamer.

Stephan schüttelte den Kopf. »Was soll das denn?«

»Die Vampirin ist aus irgendeinem Grund verzweifelt.«

»Und warum ist das unser Problem?«

Achselzuckend antwortete Elijah: »Es könnte von Vorteil für uns sein.«

»Wollen wir jetzt etwa eine Auffangstelle für blutsaugende Loser werden?«

»Verstehe ich das richtig? Wir rebellieren und sind dadurch angeblich so viel besser dran, aber ein Vampir, der sich auflehnt, ist ein Loser?«

Stephan runzelte die Stirn. »Du weißt genauso gut wie ich, dass das Rudel keine Vampire aufnehmen wird.«

»Die Zeiten haben sich geändert. Falls es dir nicht aufgefallen ist: Wir sind auch ziemlich verzweifelt.«

Elijah trat in die große Höhle, als er ein Knurren hinter sich hörte. Mit einem Satz nach vorn nahm er Wolfsgestalt an, noch ehe seine Pfoten wieder auf dem Felsboden landeten. Er wirbelte in dem Augenblick herum, in dem sich Nicodemus auf ihn stürzte und ihn in die Seite traf, dass Elijah die Luft wegblieb. Er rollte sich herum und kam rechtzeitig wieder auf die Pfoten, um seinen Angreifer mitten im Sprung an der Kehle zu packen. Mit einem Schwenk seines Kopfes schleuderte Elijah den anderen Lykaner quer durch den Raum. Dann heulte er vor Zorn, dass es von den hohen Felsenwänden nur so hallte.

Nic schlitterte über den Boden, bis seine Pfoten Halt fanden, und griff erneut an. Elijah sprang ihm entgegen, um ihn abzufangen.

Sie kollidierten mit brutaler Wucht, und beide schnappten kräftig zu. Nic erwischte Elijahs Vorderbein und biss zu. Elijah zielte auf Nics Flanke und schlug seine Zähne tief in sie hinein. Die Bestie in ihm knurrte, als sie das warme Blut schmeckte.

Elijah trat seinen Angreifer weg, wobei er ihm einen Brocken Fleisch aus der Flanke riss. Nic winselte und kam wieder angehumpelt. Elijah duckte sich sprungbereit, als sich ein Duft von reifen Kirschen in seine Nase stahl und seine Sinne gefangen nahm. Der Geruch befeuerte sein Blut und seine Aggressivität.