Beschreibung

Skandalöse Liebschaften umfasst drei klug miteinander verwobene Erzählungen, in denen Sylvia Day zur Höchstform aufläuft. Das geordnete Liebesleben von drei feinen Damen gerät aus den Fugen, als sie sich auf leidenschaftliche Abenteurer einlassen. Diese unanständigen Lebemänner verkehren zwar nicht in den elitären Kreisen der englischen Oberschicht – aber wer will schon ausgehen, wenn man auch im Bett bleiben kann? Sexy, sinnlich, skandalös: Diese Geschichten machen Lust auf mehr!

Skandalöse Liebschaften von Sylvia Day erscheint exklusiv als E-Book-Only und umfasst ca. 500 Buchseiten.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 527

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DAS BUCH

SKANDALÖSE LIEBSCHAFTEN umfasst drei sinnliche Erzählungen, in denen Sylvia Day zur Höchstform aufläuft. Das geordnete Liebesleben von drei feinen Damen gerät aus den Fugen, als sie sich auf leidenschaftliche Abenteurer einlassen. Diese unanständigen Lebemänner verkehren zwar nicht in den elitären Kreisen der englischen Oberschicht – aber wer will schon ausgehen, wenn man auch im Bett bleiben kann? Sexy, sinnlich, skandalös: Diese Geschichten machen Lust auf mehr!

DIE AUTORIN

Die Nummer-1-Bestsellerautorin Sylvia Day stand mit ihrem Werk an der Spitze der »New York Times«-Bestsellerliste sowie 23 internationaler Listen. Sie hat über 20 preisgekrönte Romane geschrieben, die in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurden. Weltweit werden ihre Romane millionenfach verkauft, die Serie CROSSFIRE ist derzeit als TV-Verfilmung in Planung. Sylvia Day wurde nominiert für den Goodreads Choice Award in der Kategorie bester Autor.

Ein ausführliches Werkverzeichnis aller lieferbaren Titel im Heyne Verlag von Sylvia Day finden Sie hier.

SYLVIA DAY

Skandalöse

Liebschaften

Erzählungen

Aus dem Amerikanischen

von Nicole Hölsken

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Titel der Originalausgabe

SCANDALOUS LIAISONS

Vollständige E-Book-Ausgabe 12/2014

Copyright © der Originalausgabe 2006 by Sylvia Day

Copyright © 2014 dieses E-Books by Wilhelm Heyne Verlag,

München in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: © Nele Schütz Design, München

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-14968-0

www.heyne.de

Für meine Kinder, Jack und Shanna.

Ich liebe euch.

Gestohlene Freuden

1

British West Indies, Februar 1813

Er hatte eine Braut gestohlen.

Sebastian Blake umklammerte sein Messer so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Sein Gesicht jedoch blieb vollkommen unbewegt. Wenn er der Schönheit, die da gerade vor ihm stand, Glauben schenkte, hatte er sogar seine eigene Braut gestohlen.

Er beobachtete sie, wie sie trotzig das Kinn hob. Ihre dunklen Augen sahen ihn furchtlos an. Sie war groß und schlank, und einige ihrer blonden Locken hatten sich aus ihrer ehemals kunstvollen Frisur gelöst. Ihr hübsches Kleid aus Moiréseide war an der Schulter zerrissen, sodass ihm der verführerische Anblick ihrer sahnefarbenen Brüste vergönnt war. Die Spur einer schmutzigen Hand verunzierte ihre Haut, und unwillkürlich streckte Sebastian die Hand aus und rieb die hässlichen Striemen sanft mit dem Daumen weg. Sie erstarrte und hob die gefesselten Hände, um ihn abzuwehren. Er sah sie an und hielt ihrem Blick stand.

»Sagt mir noch einmal Euren Namen«, murmelte er, und seine Hand kribbelte von der einfachen Berührung mit ihrer samtigen Haut.

Sie leckte über ihre Unterlippe und brachte damit sein Blut noch stärker in Wallung.

»Ich bin Olivia Merrick, Countess of Merrick. Mein Mann ist Sebastian Blake, Earl of Merrick und zukünftiger Marquis von Dunsmore.«

Er hob ihre Hände, warf einen Blick auf ihren Ringfinger und entdeckte sein Siegel, das in den schlichten Goldreif, den sie trug, eingraviert war.

Er strich sich mit der Hand über das Gesicht und wandte sich ab, schritt zum nächsten offenen Fenster und atmete die salzige Luft tief ein. Er blickte aufs Wasser hinaus und entdeckte ihr Schiff, das auf den Wellen tanzte. »Wo ist Euer Ehemann, Lady Merrick?«, fragte er, wandte ihr jedoch weiter den Rücken zu.

Hoffnung schwang in ihrer Stimme mit. »Er erwartet mich in London.«

»Ich verstehe.« Aber das tat er nicht, absolut nicht. »Wie lange seid Ihr verheiratet, Mylady?«

»Ich weiß nicht, warum …?«

»Wie lang?«, bellte er.

»Beinahe zwei Wochen.«

Er holte tief Luft. »Ich erinnere Euch daran, dass wir uns hier in der Karibik befinden, Lady Merrick. Es ist unmöglich, dass Ihr vor nur vierzehn Tagen verheiratet wurdet. Wenn das zuträfe, könnte Euer Ehemann Euch jetzt nicht in England erwarten.«

Sie schwieg, und schließlich wandte er sich um und sah sie wieder an. Doch das war ein Fehler. Ihre Schönheit traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube.

»Würdet Ihr mir das bitte erklären?«, fragte er beharrlich nach und war erleichtert, dass seine Stimme so unbeteiligt klang.

Ihre kämpferische Fassade bekam einen Riss, und ihre Wangen röteten sich vor Verlegenheit. »Es war eine Ferntrauung«, bekannte sie. »Aber ich versichere Euch, dass er trotz der ungewöhnlichen Umstände unserer Heirat jedes Lösegeld zahlen wird, das Ihr wünscht.«

Sebastian ging zu ihr hinüber. Seine schwieligen Finger liebkosten den eleganten Schwung ihres Wangenknochens und verfingen sich in ihrem Haar. Sie hielt den Atem an und öffnete bei dieser sanften Berührung die Lippen. »Ich bin sicher, dass er ein königliches Lösegeld für eine Schönheit wie Euch zahlen würde.«

Über den Brandgeruch hinweg, der ihr anhaftete, fing er den erregenden Duft einer sanften Frau auf, warm und üppig. Er griff nach dem Dolch, der an seinem Schenkel befestigt war, und zückte ihn.

Sie wich zurück.

»Ruhig Blut«, beruhigte er sie. Sebastian streckte die Hand aus und wartete geduldig, bis sie wieder einen Schritt auf ihn zutrat. Dann durchtrennte er das Seil, mit dem ihre Hände gefesselt waren, und steckte das Messer wieder in die Scheide. Er rieb die Spuren an ihren zarten Handgelenken.

»Ihr seid ein Pirat«, murmelte sie.

»Ja.«

»Ihr habt das Schiff meines Vaters mitsamt seiner Ladung geraubt.«

»Das stimmt.«

Sie legte den Kopf in den schlanken Nacken und blickte mit warmen schokoladenbraunen Augen zu ihm auf. »Warum seid Ihr so freundlich zu mir, wenn Ihr beabsichtigt, mich zu vergewaltigen?«

Er ergriff ihre Hand und legte sie auf seinen Siegelring. »Die meisten würden sagen, dass ein Mann nicht seine eigene Frau vergewaltigen kann.«

Sie senkte den Blick und keuchte, als sie das schwere Siegel entdeckte, das genauso aussah wie das auf ihrem Ring. Erschrocken schaute sie wieder zu ihm auf. »Woher habt Ihr das? Ihr könnt unmöglich …«

Er lächelte. »Eurer Aussage zufolge bin ich es.«

Olivia sah in seine intensiven blauen Augen und war sicher, dass ihr jeden Moment das Herz in der Brust zerspringen würde. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen angesichts der schockierenden Enthüllung, dass der berühmte Captain Phoenix behauptete, ihr Ehemann zu sein.

Entsetzt wich sie vor ihm zurück, und er streckte den Arm aus, um sie aufzufangen, als sie zu fallen drohte. Sie wimmerte, denn seine Berührung schien ihre Haut zu verbrennen. Die Ereignisse des Tages hatten sie sehr mitgenommen, aber erst das gut aussehende Gesicht des berühmten Piraten führte dazu, dass ihre Beine ganz schwach wurden.

Er war groß und breitschultrig, und seine pure Präsenz saugte alle Luft aus der engen Kabine. Sein schwarzes Haar war unmodisch lang, und seine dunkle Haut zeugte davon, wie viel Zeit er an der frischen Luft verbrachte. Er war wild und ungezähmt – ein Mann der Elemente.

Sie hatte ihn fasziniert beobachtet, als er ihr Schiff geentert und innerhalb weniger Augenblicke das Kommando übernommen hatte. Phoenix hatte den Angriff mit brillanter Präzision ausgeführt – kein einziger Mann wurde ernsthaft verletzt, und keiner wurde getötet. Sie hatte einen Großteil ihrer Kindheit auf den Schiffen ihres Vaters verbracht und erkannte fähige Männer, wenn sie sie sah.

Wie er sein Schwert geführt und Befehle erteilt hatte, wie die losen Strähnen seines Haars ihm ins Gesicht geweht waren, und die Art, wie seine Hose die muskulösen Schenkel umschmiegte – sie hatte noch nie etwas so Aufregendes gesehen. So Erregendes.

Bis er sie berührt hatte.

Da erst hatte sie erfahren, was Erregung wirklich bedeutete.

Jetzt sah sie mit offenem Mund zu, wie seine langen, eleganten Finger zu seinem geöffneten Hemdkragen wanderten und an den Bändern zogen. Phoenix zog sich das bauschige Leinen aus der Hose.

»Du meine Güte!«, keuchte sie verblüfft über die Hitze, die durch ihre Adern raste und ihre Haut rötete, als sie seine nackte Brust vor sich sah. Ihre Brüste wurden schwer, die Spitzen schmerzten.

Phoenix lächelte. Er war sich der Wirkung, die er auf sie hatte, vollkommen bewusst. Sein Körper bewegte sich mit überheblicher Eleganz, kraftvolle Muskeln arbeiteten unter glatter Haut. Ein paar dunkle Haare wuchsen vereinzelt auf seiner Brust und verjüngten sich zu einer zarten Linie, die seinen Bauch hinablief und unter seinem Hosenbund verschwand. Seine Armmuskulatur wölbte sich, als er das Hemd zur Seite warf und näher trat.

Sie hatte bis dahin noch nie einen Mann mit nackter Brust gesehen. Selbst auf der Plantage ihres Vaters mussten die Arbeiter angezogen bleiben. Das war die liebevolle Methode ihres Vaters, ihre jungfräuliche Empfindsamkeit zu schützen. Doch obwohl sie so wenig wusste, war sie sicher, dass kein anderer Mann einen so wundervollen Körper hatte wie Phoenix.

Olivia schloss den Mund und wartete, bis er nahe genug war, dass sie die Hitze seiner Haut spüren konnte. Sie musste ihre gesamte Kraft aufbieten, um der Versuchung zu widerstehen, ihn zu berühren, ihr Gesicht an seine Brust zu schmiegen und seinen Geruch einzuatmen. Er duftete wunderbar, ein von der Sonne erhitzter, salziger Mann im besten Alter. Seine Hände waren jetzt ganz nah, sein feuriger Blick fiel auf ihre entblößte Brust.

»Tod und Teufel!«, knurrte er, als die Klinge seines Säbels an seinen erregten Schwanz stieß. Ungläubig blickte Phoenix auf ihre Hand hinab, dann wieder in ihr Gesicht. Langsam und vorsichtig atmete er aus. »Ich würde Euch nicht empfehlen, mich zu kastrieren, meine Liebste. Eine Eurer Pflichten besteht immerhin darin, mir Erben zu schenken.«

Sie atmete schaudernd ein. »Ich glaube nicht einen Augenblick lang, Captain, dass Ihr Lord Merrick seid.« Aber der Gedanke war reizvoll. Romantische Vorstellungen und mädchenhafte Fantasien – Phoenix erfüllte sie beide und wahrscheinlich noch mehr. Ihr Vater hätte diesen Mann niemals gutgeheißen, der Piratenwelten von dem sorgfältig ausgewählten Earl entfernt war, den man ihr versprochen hatte. Der Pirat war vielleicht nicht nach dem Geschmack ihres Vaters, aber ihren geheimsten Wünschen kam er durchaus entgegen.

Phoenix warf ihr einen amüsierten, sardonischen Blick zu. »Aber Ihr könnt nicht sicher sein. Seid Ihr Eurem Ehemann denn jemals begegnet?« Ihre Hand zitterte nervös, und er zuckte zusammen. »Ganz ruhig, meine Liebe«, warnte er sie. »Eines Tages sehnt Ihr Euch vielleicht nach dem Körperteil, das Ihr gerade so schmerzlich bedroht.«

»Das einzige Körperteil dieser Art, nach dem ich mich dereinst vielleicht sehnen werde, gehört meinem Ehemann«, erwiderte sie.

Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht, begleitet von einem Grübchen auf der linken Seite seines üppigen, lüsternen Mundes. Wie konnte ein Pirat ein Grübchen haben?

»Da bin ich aber erleichtert.« Seine Stimme klang tief und verführerisch, schnurrend wie eine Raubkatze. »Eine betrügerische Frau könnte ich nur schwer tolerieren.«

»Ich bin nicht Eure Frau!«, rief sie. Sein Charme und ihre eigene Reaktion darauf brachten sie vollkommen aus der Fassung.

»Wenn das, was Ihr sagt, stimmt, dann seid Ihr in der Tat meine Marquise. Und trotz Eurer charmanten Vorstellung«, er wies mit den Augen auf seine Klinge, »seid Ihr mit mir als Gatte nicht unzufrieden.«

»Wie könnt Ihr so etwas sagen?«

»Ich sage das nicht, sondern Eure Brustwarzen. Sie sind ganz hart und verzehren sich schmerzhaft nach meiner Berührung, denn sie zeichnen sich ganz entzückend unter Eurem Mieder ab.«

Mit einem entsetzten Keuchen bedeckte Olivia ihre Brüste, und er entwand ihr das Messer mit Leichtigkeit. Dann reichte er ihr sein Hemd. »Hier. Bedeckt Euch, bis ich Euer Gepäck gefunden habe. Ich habe nicht das Bedürfnis, Eure üppigen Reize meinen Männern vorzuführen. Wir sind jetzt seit Monaten auf See, und sie haben sich vielleicht nicht mehr so ganz unter Kontrolle.« Er warf ihr einen langen, abschätzigen Blick zu, dann schmunzelte er. »Ganz schön kühn«, murmelte er.

Sie erstarrte und fragte sich, ob Phoenix ihr Verhalten unattraktiv fand. Entnervt musste sie zugeben, dass sie das durchaus interessierte. Ihr Leben lang hatte sie ihren Vater auf seinen häufigen Reisen nach London begleitet. Mit der scharfen Beobachtungsgabe eines Kindes hatte sie schnell erkannt, dass die feine Gesellschaft sie verachtete, weil sie aus einfachen Verhältnissen stammten und ihr Vater als Kaufmann arbeitete. Um ihre Gefühle zu schützen, hatte Olivia gelernt, die Meinung anderer Menschen einfach nicht mehr zu beachten. Aber die Meinung dieses Piraten war ihr wichtig. Mehr als sie sollte.

»Ich habe gelernt, für mich selbst zu sorgen«, sagte sie defensiv.

Sein Grübchen blitzte wieder auf, und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen.

»Ich beklage mich ja gar nicht«, versicherte er ihr. »Ich kenne Euren Vater gut, meine Liebste. Und ich weiß, dass er ein viel beschäftigter Mann ist. Es gefällt mir, dass Ihr Euch selbstständiges Denken und Unerschrockenheit angeeignet habt.« Er ging auf die Tür zu, scheinbar vollkommen ungerührt von der Anziehungskraft, die er auf sie ausübte und die ihr die Sinne raubte.

»Wartet!«, rief sie. Seltsamerweise wollte sie nicht allein gelassen werden. Seine Mannschaft war ein ziemlich grobes Volk. Sie hatten sie gekniffen und betatscht, sie an den Haaren gezogen und ihr Kleid zerrissen. Sie mochte noch so unerschrocken sein, Freiwild war sie nicht. »Ihr könnt mich doch jetzt hier nicht allein lassen!«

Phoenix blieb in der Tür stehen, seine Züge wurden weich.

»Niemand kommt ohne meine Erlaubnis in diese Kajüte. Ihr seid hier sicher.«

Sie schüttelte den Kopf, wollte es nicht glauben. Ihre Hände zitterten, als sie das Hemd gegen die Brust presste, das immer noch warm von seinem Körper war und nach seiner Haut duftete. »Bitte verlasst mich nicht.«

»Ich muss gehen«, antwortete er sanft. »Ich muss meiner Mannschaft Befehle geben, Euer Schiff sichern und Euer Gepäck finden.« Er runzelte die Stirn. »Wo ist der Ehevertrag?«

»Er wurde mit dem Anwalt zusammen direkt nach Vertragsunterschrift nach England geschickt.«

»Wer hat für mich unterschrieben?«

Olivia erschrak über seinen zornigen Tonfall, und die ersten Zweifel wuchsen in ihr. »Lord Dunsmore«, antwortete sie leise.

Seine Augen verengten sich. »Und Ihr fandet es nicht merkwürdig, dass Euer Mann nicht selbst zur Hochzeit erschienen ist? Ihr habt Euch nie gefragt, warum er nicht in der Lage oder bereit war, den Ehevertrag wenigstens selbst zu unterschreiben, wenn er sich schon nicht die Mühe machte, Euch vernünftig zu heiraten.«

Ihre Unterlippe zitterte aufgrund dieses heftigen Ausbruchs, und sie biss darauf, um es vor ihm zu verbergen. Aber Phoenix war ein guter Beobachter. Mit einem leisen Fluch kam er zu ihr zurück. Sein Daumen strich über ihren Mund und befreite mit dieser Geste ihre Lippe aus ihren Zähnen. Sein Blick verharrte auf der Stelle, an der er sie berührt hatte. Olivia konnte nicht atmen. Ihre Lippe brannte.

»Ihr seid eine schöne und begehrenswerte Frau«, sagte er leise. »Warum habt Ihr Euch auf eine Ehe mit einem Mann eingelassen, den Ihr noch nie gesehen habt?«

»Ich würde nicht von ›einlassen‹ sprechen, wenn man einen Marquis heiratet«, flüsterte sie an seinem Daumen.

Er erstarrte und ließ seine Hand sinken. »Es ging also nur um den Titel.«

Olivia schüttelte den Kopf. Der Titel war nur ihrem Vater wichtig gewesen. Sie hatte sich immer nur eines gewünscht: eine Ehe voller Leidenschaft, wie ihre Eltern sie dem Vernehmen nach gehabt hatten. »Es war der Wunsch meines Vaters, dass ich Lord Merrick heirate. Dem konnte ich mich nicht widersetzen.«

Sie war alles, was ihr Vater noch hatte. Ihn zu enttäuschen oder zu betrüben könnte sie niemals ertragen.

Phoenix betrachtete sie sehr lange und aufmerksam. Dann wandte er sich um, verließ ohne ein weiteres Wort die Kajüte und nahm die knisternde Energie, die er ausstrahlte, mit sich.

Sebastian begutachtete die zum Glück nur kleineren Schäden am Schiff seines Schwiegervaters und verfluchte seinen Vater, weil er ihn in diese Zwickmühle gebracht hatte. Er lehnte sich gegen die Reling und schloss die Augen, als die salzige Brise sein Haar zerzauste.

Die See war nun schon seit fünf Jahren seine fordernde und launische Geliebte. Ihr war seine Vergangenheit egal, sie hatte ihn mit offenen Armen empfangen. Sie hatte die Wunden geheilt, deretwegen er aus der Heimat geflohen war, und ihm ein Leben gegeben, das so weit wie möglich von den Schmerzen der Vergangenheit entfernt war. Jetzt war ohne sein Wissen oder seine Zustimmung ein neues Leben für ihn geschaffen worden. Und so elend ihm dabei auch zumute war, Sebastian war überzeugt, dass Olivia die Wahrheit sagte.

Es war ihm jedoch schleierhaft, was genau der Marquis mit der Eheschließung beabsichtigte. Seit Jahren war er mit seiner Familie entzweit. Was hatten sie dem armen Mädchen erzählen wollen, wenn sie am Ziel ankam und feststellte, dass der Ehemann fehlte?

Er schnaubte. »Mädchen« entsprach nicht der Wahrheit. Olivia Merrick war durch und durch eine Frau. Seine Frau. Seine Ehefrau.

Hölle und Verdammnis.

Sebastian trat ein liegen gelassenes Schwert beiseite und fluchte so ausgiebig, dass alle Männer an Deck ihn ansahen.

Er war in jeder Hinsicht verheiratet. Mit der schönsten Frau, die er je gesehen hatte und der Tochter von Jack Lambert, einem der reichsten Kaufleute der Welt. Wenn er hätte heiraten wollen, wäre er erfreut gewesen. Aber er wollte nicht verheiratet sein. Er hatte nicht den Wunsch, nach England zurückzukehren und die Rolle zu übernehmen, die von Rechts wegen an seinen Bruder Edmund weitergegeben worden war.

»Phoenix.«

Sebastian wandte sich um und sah Will an, seinen ersten Maat, einen stämmigen Mann, dessen enormer Körperbau in scharfem Kontrast zu seinem harmlos klingenden Namen stand.

»Was ist los?«, fragte er kurz angebunden.

»Wir haben die Sachen Ihrer Ladyschaft gefunden.« Wills buschiger Schnurrbart zuckte. »So was hab ich noch nie gesehen. Ein Bett, eine Badewanne und frisches Wasser, um sie zu benutzen. Und als wir versuchten, ihre Koffer in ihre Kajüte zu schaffen, hat sie Red fast den verdammten Kopf weggeschossen.«

»Geschossen?«

»Aye, mit Eurer Pistole.«

Sebastian massierte sich die Nasenwurzel in dem vergeblichen Versuch, den Kopfschmerz zu verbannen. Verdammte Hexe, dachte er, aber dennoch umspielte ein verhaltenes Lächeln seine Lippen. Olivia besaß Feuer und Köpfchen – Qualitäten, die er bei seinen Bettgenossinnen sehr schätzte.

Gütiger Gott! Entsetzt schlug er sich den Gedanken auf der Stelle aus dem Kopf. Nein. Er würde noch nicht einmal daran denken, mit ihr ins Bett zu gehen. Das würde nämlich bedeuten, dass er sie auch behalten musste, und das würde er ganz sicher nicht tun. Sie hatte etwas Besseres verdient als einen Piraten.

»Ich werde mich um sie kümmern«, grollte er. »Veranlasse, dass die Männer damit anfangen, ihr Schiff zu reparieren. Ich will Lady Merrick so schnell wie möglich wieder ihrem Vater übergeben.«

Er war kurz überrascht, wie leicht ihm sein Titel über die Lippen kam, wenn er über sie sprach, doch dann schob er den Gedanken schnell beiseite.

»Aye, Captain.« Wills Gelächter folgte ihm unter Deck.

Sebastian klopfte an seiner Kajütentür. »Mylady? Ich bin es. Ich komme jetzt herein.« Er lugte mit dem Kopf um die Tür, betrat die Kajüte vorsichtig und suchte ihre hübsche Gestalt. Olivia saß am Schreibtisch, versank beinahe in seinem Hemd und richtete eine Pistole auf seine Brust. Ihr bloßer Anblick traf ihn schmerzhaft. Golden und entschlossen, wie eine Tigerin.

»Wisst Ihr damit umzugehen?«, fragte er.

»Ja, natürlich.«

Mit einem Tritt schloss er die Tür hinter sich und ging zum Sideboard hinüber, um sich einen mittlerweile notwendig gewordenen Drink zu genehmigen. Ihr Blick brannte in seinem Rücken, und er musste lächeln. »Möchtet Ihr auch einen Brandy, geliebte Ehefrau?«

»Gibt es einen Beweis, dass Ihr mein Mann seid?«, fragte sie kurz angebunden.

»Gibt es einen Beweis, dass Ihr meine Frau seid?«, gab er zurück und goss die tiefrote Flüssigkeit in ein Glas in der Hoffnung, dass dies ihre schlechte Laune besänftigen würde.

»Der Ring …«

Sebastian hielt die Hand über seine Schulter und wackelte mit dem Ringfinger.

Sie schnaubte.

»Wer hat Euch gelehrt, wie man mit einer Pistole umgeht?«, fragte er, als er den Schnaps über einer Kerze erwärmte.

»Der Vorarbeiter auf der Plantage meines Vaters.«

Als er sich zu ihr umwandte, entdeckte er, dass die Pistole auf dem Schreibtisch lag und Olivia nachdenklich aus dem Fenster sah. »Und Euer Vater hatte nichts dagegen?«

»Mein Vater weiß nichts davon. Ich wollte es lernen und sah keinen Grund, ihn zu beunruhigen.«

Sebastian verkniff sich ein Lächeln und ging zu ihr hinüber. Er bewunderte ihr elegantes Profil mit der frechen Nase und dem eigensinnigen Kinn. Sie biss sich auf die Unterlippe, und der Gedanke, diesen vollen Mund und andere Teile ihres Körpers in Besitz zu nehmen, hätte ihn beinahe hart gemacht. Er stellte ihr Glas auf seine nautischen Karten und lehnte sich mit der Hüfte gegen den Schreibtisch.

»Was denkt Ihr, Liebes?«, forschte er sanft.

Sie griff ohne hinzusehen nach dem Cognacglas, und er schob es ihr in die Hand. »Dass Ihr ein Hemd anziehen solltet.«

»Ich fühle mich recht wohl so, aber Eure eheliche Fürsorge rührt mich natürlich.«

Olivia hatte gerade einen tiefen Schluck genommen, an dem sie sich verschluckte. Er klopfte ihr auf den Rücken, bis sie ihn mit einer Handbewegung fortscheuchte. »Alles in Ordnung!«, keuchte sie. Sie wischte sich die Tränen von den Wimpern und sah ihn wütend an. »Welche Absichten verfolgt Ihr, Phoenix?«

Sebastian streckte langsam die Hand aus, gab ihr Zeit, sich zurückzuziehen. Doch das tat sie nicht. Der Puls an ihrer Kehle flatterte wild, als er über die Ärmelaufschläge seines Hemdes strich und seine Fingerspitzen langsam über ihr nacktes Handgelenk wanderten. Er spürte, wie sie erschauerte, und verbarg seine Befriedigung. Nicht nur er fühlte sich von ihr angezogen, sie sich anscheinend auch von ihm.

»Die Männer haben mit den notwendigen Reparaturen an Eurem Schiff begonnen. Innerhalb einer Woche ist es wahrscheinlich wieder seetauglich. Dann werden wir in den nächsten Hafen einlaufen. Ich werde von Bord gehen und mit Euch nach England reisen. Sobald wir auf britischem Boden sind, werden wir Eure Eltern aufsuchen und diesem Debakel ein Ende bereiten. Dann werden wir eine Annullierung erwirken, und unsere Wege werden sich wieder trennen.«

»Oh … ich verstehe.« Olivia sah erneut aus dem Fenster.

Ihr Schweigen machte Sebastian ganz nervös.

»Und wenn ich gar nicht will, dass die Ehe annulliert wird?«, fragte sie schließlich.

Abrupt hob er die Augenbrauen. »Ihr wollt mit einem gesuchten Verbrecher zusammenbleiben?«

Ihr kurzer Seitenblick war irritierend und erregend und enthüllte eine überraschende Furchtlosigkeit. Sie hätte eigentlich verängstigt sein müssen, doch sie wirkte vollkommen entspannt. Sie ließ den Brandy im Cognacglas kreisen und beobachtete übertrieben aufmerksam das Farbenspiel. »Lord Merrick wird nicht gesucht.«

»Glaubt Ihr denn, dass ich Merrick bin?«

Olivia zuckte die Achseln. »Darüber erlaube ich mir im Augenblick noch kein Urteil.«

Er kippte seinen Cognac herunter und ging zur Hängematte hinüber, die in der Ecke hing. Er legte sich hinein und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Für eine Frau, die sich in der Schlafkammer eines Piraten befindet, macht Ihr einen recht entspannten Eindruck.«

Sie pustete sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht. Als die Locke danach ärgerlicherweise wieder an der gleichen Stelle landete wie vorher, hob sie die Arme und befreite ihre gesamte herrliche Haarmähne. Sein Körper stand augenblicklich unter Hochspannung. Olivia Merrick war atemberaubend. Eine Sirene.

»Ich scheine in dieser Angelegenheit nicht die Wahl zu haben, und bislang habt Ihr Euch deutlich besser betragen als die Männer, die für Euch arbeiten.«

»Ich muss mich für Eure schlechte Behandlung entschuldigen«, sagte er und sah zu, wie sie ihr taillenlanges Haar flocht. Er hatte so etwas noch nie gesehen und war verblüfft, wie sehr er die Intimität dieses Aktes genoss. »Es wird nicht wieder vorkommen.«

Sie warf den fertigen Zopf über ihre Schulter und goss dann den Rest ihres Cognacs mit einem Mal herunter. Tränen traten ihr in die Augen, und sie wedelte mit den Händen vor ihrem Gesicht herum.

Sebastian konnte sich die offensichtliche Frage nicht verkneifen. »Warum solltet Ihr die Ehe aufrechterhalten wollen?«

Es verging ein Augenblick, bevor sie ihre Stimme wiederfand, und als sie sprach, war sie heiser von dem scharfen Alkohol. Beim kehligen Klang ihrer Stimme wurde sein Schwanz in der Hose steinhart.

Einen Augenblick lang stellte er sich vor, dass sie heiser war, weil sie leidenschaftlich seinen Namen gerufen hatte, voller Lust, die er durch die tiefen, berauschenden Stöße seines Schwanzes in ihren Körper hervorgerufen hatte. Sebastian wusste bereits, dass sie heiß und nass sein würde. Olivia war schon im Alltag eine leidenschaftliche Frau. Im Bett würde sie einen Mann bei lebendigem Leibe verbrennen.

»Ich habe mich zunächst einmal mit der Heirat einverstanden erklärt«, murmelte sie, »um meines Vaters willen, um meinen eigenen Haushalt zu haben, um Kinder zu bekommen und wegen der Sicherheit des Namens eines Mannes.«

Sie fuhr sich mit der Fingerspitze über eine ihrer fein geschwungenen Brauen, bevor sie ihn wieder ansah. »Niemand kennt Euer Geheimnis, und ich werde ganz sicher niemanden darüber aufklären. Ich werde den Schutz und den Status Eures Namens genießen, allerdings ohne die Unannehmlichkeiten, die es bereitet, einen Ehemann zu haben. Und wenn Ihr tatsächlich Sebastian Blake seid«, fügte sie hinzu, und man merkte, dass sie sich mehr und mehr für das Thema begeisterte, »dann gefällt mir diese Situation sogar noch besser als zuvor.«

Er strich sich mit der Hand über die Brust und bemerkte, wie hungrig und aufmerksam ihre Augen der Bewegung folgten. »Ihr würdet also meinen Haushalt führen, meinen Namen tragen und meine Kinder bekommen?«

»Natürlich«, antwortete sie und errötete, als sie ihn wieder ansah. »Ich bin mir der Verantwortung als Eure … äh … Lord Merricks Ehefrau bewusst.«

»Ihr müsstet mich in Eurem Bett empfangen.« Er machte eine bedeutungsvolle Pause. »Häufig.«

Sie zog die Augenbraue in die Höhe. »Wenn Ihr tatsächlich derjenige seid, für den Ihr Euch ausgebt, dann würde ich Euch mit offenen Armen empfangen.«

Sebastian verstummte bei diesen Worten. Er konnte sich noch nicht einmal bewegen. Das Bild, das ihre Worte vor seinem geistigen Auge heraufbeschworen, ließ seine Männlichkeit heftig pulsieren. »Mein Titel löst also bei Euch Verlangen aus?«

»So oberflächlich bin ich nicht«, sagte sie und reckte das Kinn.

»Dann ist es also mein Körper, den Ihr anziehend findet?«

Olivia schnaubte. »Anziehend? Ihr seid ein Barbar.«

Er sprang auf, sodass die Hängematte gefährlich hin und her schwang. »Ein Barbar?«

»Ja, schaut Euch doch an.« Sie deutete mit einer Handbewegung auf ihn. »Euer Haar ist unmodisch lang, verdammt noch mal. Fast so lang wie meines.«

»So lang ist es bei Weitem nicht!«, widersprach er entrüstet. »Und hört auf zu fluchen!«

»Und dann Eure Muskeln«, fuhr sie fort, als hätte er gar nichts gesagt.

»Was ist mit meinen Muskeln?«, grollte er.

»Sie sind riesig. Ihr seht aus wie ein Wilder.« Sie stand von dem Stuhl auf und stellte sich ans Fenster.

»Ein Wilder?«, spie er hervor, und seine Füße kamen mit einem dumpfen Laut auf dem Boden auf.

»Aber natürlich.« Sie hustete, dass ihre Schultern bebten.

Sebastian schritt auf sie zu. »Ich muss Euch leider sagen, dass die meisten Frauen mich unwiderstehlich finden.«

»Tatsächlich?«, sagte sie gedehnt und klang vollkommen unbeeindruckt.

»Ja, tatsächlich. Ich war ein ziemlicher Schwerenöter, als ich noch in London lebte«, prahlte er, unerklärlicherweise aufgebracht, weil sein Äußeres ihr nicht gefiel.

»Ich bin sicher, dass Ihr Euch nur dafür hieltet«, presste sie hervor. »Oder vielleicht wart Ihr ja damals auch noch etwas zivilisierter.«

Seine Augen verengten sich misstrauisch. Er wirbelte Olivia herum, damit sie ihn ansah, und entdeckte, dass sie lachte. Ihre lieblichen Augen funkelten vor schalkhafter Belustigung.

»Ihr verspottet mich.« Er musste gegen seinen Willen lächeln.

»Nur ein wenig.« Sie hielt sich keuchend den Bauch.

Sie hatte durch den Stress der Ereignisse des Tages entweder den Verstand verloren oder war … einfach bezaubernd. Sebastian genoss die Intimität des gemeinsamen Lachens, und es drängte ihre restlichen Probleme vollkommen in den Hintergrund. Sein Finger malte eine Linie auf ihre freche Nase, die sie krauste, als er ihr auf die Spitze tippte.

Olivia sah ihn an, die dunklen Augen voller Bewunderung, und ihr Blick heilte den Stich sofort, den sie seinem Ego noch vor wenigen Augenblicken versetzt hatte.

»Ein Wilder mit einem reizenden Grübchen«, murmelte sie leise und ließ die Fingerspitze über seine Wange gleiten. »Warum seid Ihr hier draußen?«, fragte sie ihn fast schon atemlos. »Ihr seid ein Aristokrat mit Vermögen und einem guten Ruf. Warum seid Ihr Pirat geworden?«

»Ah …« Er spürte das schmerzhafte Verlangen, sie näher an sich heranzuziehen. Seine Kehle war wie zugeschnürt, seine Hand fiel auf ihre Schulter. »Ihr glaubt mir.«

Sie schnaubte erneut, ein vollkommen undamenhaftes Geräusch, das er hinreißend fand. »Ich bin nur bereit, jetzt und hier Eure Gesellschaft zu genießen.«

»Mylady, Ihr solltet besser auf Eure Wortwahl achten. Ihr habt keine Ahnung, welche Genüsse ich benötige.« Sie runzelte verwirrt die Stirn, und Sebastian klärte sie auf: »Ich bin kein Gentleman.«

»Ihr seid ein Earl, Mylord.«

»Das ist ein Titel, Lady Merrick, und der hat nichts mit dem Charakter zu tun.«

»Ihr seid für diesen Titel ausgebildet und erzogen worden …«

»Ich bin verflucht«, antwortete er hitzig. »Mein älterer Bruder, Edmund, sollte den Titel tragen, aber er wurde vor fünf Jahren in einem Duell getötet.«

»In einem Duell?«, wiederholte sie mit schreckgeweiteten Augen. »Wie furchtbar! Das tut mir leid.«

»Ja … na ja … mir auch, das versichere ich Euch. Insbesondere, da er meine Ehre verteidigte.« Er stieß ein raues Lachen aus. »Ich selbst hätte mich deswegen nicht gestritten.«

»Er muss Euch sehr geliebt haben.«

»Edmund liebte den Titel«, höhnte Sebastian.

Olivia hielt seinem intensiven Blick stand, ohne zurückzuweichen. »Was ist denn geschehen?«

Wie gern hätte er eine schurkische, abfällige Bemerkung gemacht, um ihre Neugier von sich abzulenken. Er wollte sie verspotten, sie ignorieren, ihr Angst einjagen und sie von sich stoßen. Aber das würde ihm mit seinen Worten auch gelingen: »Ich war töricht genug, eine junge Dame zu kompromittieren. Als ihr älterer Bruder mich aufsuchte und von mir verlangte, dass ich das junge Ding heirate, weigerte ich mich. Sie war alles andere als unschuldig, wie ich aus erster Hand wusste. Und die Art und Weise, wie man uns ertappte, ließ keine Zweifel offen, dass man mir eine Falle gestellt hatte.«

Unwillkürlich presste sie die Hand vor den Mund, und er verzog verächtlich die Lippen. »Statt mich herauszufordern, wandte ihr Bruder sich an Edmund, dessen verdammte Ehre es ihm verbot, das Duell auszuschlagen. Ich erfuhr davon erst, als es vorbei war. Mein Vater weckte mich mit den Neuigkeiten.« Er versuchte nicht einmal, den bitteren Unterton zu verbergen, der sich in seine Stimme geschlichen hatte. »Ich war verführt und hereingelegt worden. Er schrie mir seine Gratulation entgegen, als hätte ich Edmunds Ableben geplant.« Er schloss die Augen. »Edmund war jahrelang darauf vorbereitet worden, seinen Platz einzunehmen. Ich hingegen …« Seine Stimme verklang.

Warum erzählte er ihr das alles? Die Worte waren ihm bislang noch nie über die Lippen gekommen.

»Ihr hingegen seid zu wild und ungezähmt für solch eine Position«, beendete Olivia den Satz für ihn.

Sebastian öffnete die Augen wieder und bemerkte, dass sie zum Fenster hinausblickte, um ihm ein wenig Privatsphäre zu gewähren, sodass er sich sammeln konnte. Er ging zu ihr hinüber und stellte sich hinter sie, nah genug, dass sein Atem ihr Haar am Scheitel bewegte und dass ihr sinnlicher Duft sein Blut in Wallung brachte. Seine Hände ballten sich zu Fäusten.

»Ich wette, Ihr wart ein wildes Kind«, fuhr sie fort, und ihre honigsüße Stimme ergoss sich über seinen Rücken und ließ seinen Schwanz hart werden. »Wahrscheinlich konntet Ihr es nicht ertragen, im Unterricht still zu sitzen, habt Euch regelmäßig schmutzig gemacht, habt Mädchen geküsst, die Ihr nicht hättet küssen dürfen und habt Eurem Vater bei jeder sich bietenden Gelegenheit trotzig die Stirn geboten, um ihn zu ärgern, weil er so einen vollkommenen Erstgeborenen hatte – einen Bruder, mit dem Ihr Euch nie würdet messen können.«

Erstaunt über ihren Scharfsinn sah Sebastian aus dem Fenster, ohne wirklich etwas wahrzunehmen.

»Bin ich der Wahrheit nahe gekommen?«, fragte sie.

»Zu nahe«, bekannte er schroff. »Wie konnte diese Unterhaltung so schnell so persönlich werden?«

»Eure bemerkenswerten Augen zeigen Eure rücksichtslose Natur und Eure Ruhelosigkeit. Ich habe darüber nachgedacht, welche Umstände Euch möglicherweise dazu getrieben haben, dieses Leben zu wählen.« Sie sah ihn an. »Hat Euer Vater Euch gesagt, wie leid es ihm tue, dass nicht Ihr gestorben seid statt Edmund?«

Mit zusammengebissenen Zähnen stieß er hörbar den Atem aus. Olivia durchschaute ihn, sah in ihn hinein und bemerkte Dinge, die zu sehen sie nicht das Recht besaß. In ihren Augen las er ein Mitgefühl, das er nicht wollte. Verdammt sollte sie sein. Lust, ja. Leidenschaft, Bewunderung – das alles wollte er von ihr. Aber Mitleid …

Er biss die Zähne zusammen, bis sein Kiefer schmerzte.

»Deshalb seid Ihr entschlossen«, fuhr sie fort, und ihre Worte trafen ihn wie Peitschenhiebe, »ihm und jedem anderen, der hinsieht, zu beweisen, dass er recht hatte und dass Ihr ein wertloser ›Ersatz‹ für seinen Erben seid. Und da Ihr nun mal seid, wie Ihr seid, tut Ihr nichts halbherzig. Nein, Ihr rebelliert auf die schlimmstmögliche Weise. Vielleicht hofft Ihr sogar darauf, bei Euren Schandtaten gefasst zu werden. Dann wäre die Demütigung Eures Vaters vollkommen. Warum solltet Ihr sonst den Siegelring tragen, der Eure Identität preisgibt?«

Gern hätte er irgendetwas zerschlagen, etwas zerrissen. Zornig und entblößt durch ihr Urteil packte Sebastian ihre Schultern und zog sie mit einem Ruck an sich. Seine Stimme war leise und voller Hohn. »Eure Worte zeigen nur das erstaunliche Ausmaß Eurer Naivität.«

Ihr liebliches Gesicht errötete angesichts dieser Verurteilung. »Ich habe Euch keinen Grund gegeben, grausam zu mir zu sein.«

»Vielleicht bin ich ja immer grausam«, spottete er, während seine Finger sich in das weiche Fleisch ihrer Oberarme gruben. »Ihr wisst gar nicht, was für ein Mann ich bin.«

Sie reckte das Kinn, ihre Augen funkelten vor Zorn. »Lasst mich los, Phoenix. Sofort.«

Er zog sie noch dichter an sich heran. »Was wisst Ihr schon von Rebellion?«, knurrte er. »Ihr, die pflichtbewusste Tochter, die einen Mann heiratet, den sie noch nie gesehen hat, um Ihrem Vater zu gefallen. Ich wette, Ihr habt noch nie in Eurem Leben rebelliert!«

»Doch!«, schrie sie zitternd vor Wut. Ihre Lippen, rot und feucht, waren leicht geöffnet. Sie atmete heftig.

Ungläubig sah er sie an. Sein ganzer Körper war hart vor Zorn und grimmigem Verlangen. »Wann?«

»In diesem Augenblick.« Und dann zog sie seinen Kopf zu sich herab und presste ihre Lippen auf die seinen.

2

Er erwiderte ihren Kuss nicht.

Olivia bemerkte es sofort, aber ihre Sturheit verbot es ihr aufzuhören, obwohl ihr Stolz sie aufforderte, sich nicht so töricht zu verhalten.

»Küss mich, verdammt!«

Mit seinem nackten Oberkörper und den grimmigen Augen hatte er dieses Fieber in ihrem Blut entfacht. Phoenix trieb sie in den Wahnsinn, zog sie gleichzeitig an sich und stieß sie von sich.

»Nicht fluchen!«, murmelte er.

Und dann umarmte er sie, und sein Mund bewegte sich hungrig über ihren. Seine Zunge strich über ihre Lippen, neckend, drängend. Er schmeckte wie Branntwein und verbotene Dinge, und ihr Innerstes pulsierte. Ihre Lippen teilten sich atemlos, und er begriff das als Einladung, um hineinzugleiten. Seine Zunge suchte die ihre, strich darüber und darunter, fand empfindliche Nervenenden und streichelte sie mit samtweichen Berührungen.

Oh. Lieber. Gott. Der Mann wusste, wie man küsste. Es kribbelte bis in ihre Zehen.

Wütend und besitzergreifend, hungrig und kühn, geschickt und erfahren eroberte Phoenix ihre Sinne. Sie konnte nicht widerstehen, drängte sich an ihn, wollte mehr. Mehr von ihm.

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