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Was Michael Endes »Jim Knopf« mit Charles Darwin und der Evolutionstheorie zu tun hat. Michael Endes »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer« ist eines der populärsten Kinderbücher der Nachkriegszeit. Bisher dachte man auch, dass damit alles gesagt sei. In einer spannenden und aufregenden Spurensuche gelingt es Julia Voss jedoch, eine tiefere Dimension dieses Klassikers der Kinderliteratur freizulegen: Wie eine Detektivin weist sie nach, dass zahlreiche Anspielungen auf Darwin und die Evolutionstheorie das gesamte Buch durchziehen – es sind so viele, dass sich dahinter ein Plan verbergen muss. Diesen Plan legt sie Schritt für Schritt frei und zeigt, dass Michael Endes Buch mehr ist als das Produkt reiner eskapistischer Phantasie.
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Seitenzahl: 165
Veröffentlichungsjahr: 2010
Julia Voss
Sachbuch
Was Michael Endes »Jim Knopf« mit Charles Darwin und der Evolutionstheorie zu tun hat.
Michael Endes »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer« ist eines der populärsten Kinderbücher der Nachkriegszeit. Bisher dachte man auch, dass damit alles gesagt sei. In einer spannenden und aufregenden Spurensuche gelingt es Julia Voss jedoch, eine tiefere Dimension dieses Klassikers der Kinderliteratur freizulegen: Wie eine Detektivin weist sie nach, dass zahlreiche Anspielungen auf Darwin und die Evolutionstheorie das gesamte Buch durchziehen – es sind so viele, dass sich dahinter ein Plan verbergen muss. Diesen Plan legt sie Schritt für Schritt frei und zeigt, dass Michael Endes Buch mehr ist als das Produkt reiner eskapistischer Phantasie.
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Covergestaltung: Hißmann & Heilmann, Hamburg
Illustration von F.J. Tripp aus »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer« © 1960 by Thienemann Verlag (Thienemann Verlag GmbH), Stuttgart - Wien.
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2009
Hinweise zur Zitierfähigkeit dieser Ausgabe:
Textgrundlage dieser Ausgabe ist: Julia Voss, Darwins Jim Knopf.
Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag, 2009. 1. Auflage.
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-400843-1
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Der Autor von Jim [...]
Vorwort
1. Michael Ende schreibt nicht für Kinder
2. Charles Darwin kommt ins Kinderzimmer
3. Aus Jemmy Button wird Jim Knopf
4. Schulpflicht im Nationalsozialismus
5. Nepomuk gegen die Nibelungen
6. Atlantis heißt Jimballa
7. Darwinismus und Sittlichkeit
8. Endes Exorzismus
Abbildungsnachweis
Danksagung
Namenregister
Der Autor von Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer auf Lesereise in den sechziger Jahren
In seinem berühmten Reisebericht Die Fahrt der Beagle kommt der Naturforscher Charles Darwin auf ein Kind zu sprechen, einen kleinen Feuerländer, der an Bord des Forschungsschiffs HMS Beagle mitreiste, um in seine Heimat zurückgebracht zu werden, aus der er einige Jahre zuvor von Engländern entführt worden war. Der Junge heißt Jemmy Button, ein Name, wie Darwin berichtet, der »seinen Kaufpreis beinhaltet«. Darwin schildert Jemmy Button daraufhin ausführlich auf den nächsten Seiten; über den ungeheuerlichen Tauschhandel verliert er kein weiteres Wort. Recherchiert wurde die Geschichte jedoch von dem Historiker und Journalisten Nick Hazlewood, der dem Jungen ein Buch widmete, dem er den Titel gab: Der Mann, der für einen Knopf verkauft wurde. Die unglaubliche Geschichte des Jemmy Button. Es sind manchmal Zufälle, die einen zum Nachdenken bringen. Mir fiel jedenfalls, als ich Hazlewoods Buch in einer Buchhandlung sah, zum ersten Mal auf, dass »Button« übersetzt natürlich »Knopf« heißt und dass damit Darwins Mitreisender den fast gleichlautenden Namen trug wie der Held eines meiner liebsten Kinderbücher: Jim Knopf.
Das vorliegende Buch geht auf diese Entdeckung zurück, auf die ich stieß, während ich im Jahr 2005 meine Dissertation über Charles Darwin abschloss. Für diese Arbeit las ich mehrere Jahre fast täglich in den Büchern des Begründers der Evolutionstheorie. Darwin hinterließ ein sehr umfangreiches Werk von insgesamt, wenn man die zu Lebzeiten neu aufgelegten Schriften mitzählt, 34 Bänden. Er war außerdem ein fleißiger Briefeschreiber und bewahrte viele seiner Manuskripte, Aufzeichnungen und Notizen auf, so dass die Universitätsbibliothek im englischen Cambridge heute einen der vollständigsten Nachlässe eines Wissenschaftlers überhaupt besitzt. Dieses Material zu sichten und mich mit den Schriften vertraut zu machen, war eine der größten Herausforderungen meiner Doktorarbeitszeit. Was mich in diesem Zusammenhang vor allem beschäftigte, waren die Buchillustrationen, die Darwin in seinen evolutionstheoretischen Werken zeigte, Bilder, in denen er Schritt für Schritt – wie aus seinen Manuskripten hervorgeht – seine Theorie erarbeitet hatte. [1]Meinem Interesse an Darwins Bildern lag eine einfache Beobachtung zugrunde: Als Kind hatte ich von Evolution zuerst durch Abbildungen erfahren, den Stammbäumen und sich verwandelnden Tieren, die sich in Lehr- oder Sachbüchern, auf Schautafeln oder in Naturkundemuseen finden. Wie die Evolutionstheorie zu ihren Bildern gekommen war, wollte ich herausfinden und ging der Frage im Werk desjenigen nach, der die Evolutionstheorie begründet hatte.
Als ich im Werk von Darwin dann wirklich auf meine Kinder- und Jugendlektüre stieß, hielt ich es zunächst für einen Scherz. Jim Knopf als historische Person zu betrachten, schien so abwegig wie die Behauptung, Pu der Bär sei ein britischer Staatsbürger gewesen; ich fasste totzdem den Vorsatz, Michael Endes Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer noch einmal gründlich zu lesen, zumal mir schon anhand meiner Erinnerungen weitere Ähnlichkeiten auffielen: Michael Endes Kinderbuch war wie Charles Darwins erstes Buch, das er mit dreißig Jahren veröffentlicht hatte, im Grunde ein Reisebericht. Feuerland z.B., die Heimat Jemmy Buttons, bewohnt bei Michael Ende der Scheinriese Tur Tur; und die Insel Lummerland, die Ausgangsstation, ähnelt mit seiner Eisenbahnstrecke, der Kauffrau Frau Waas und dem schottisch karierte Pantoffel tragenden König dem industriellen England des 19. Jahrhunderts. Meine Arbeitshypothese lautete an diesem Punkt, dass Michael Ende eine Parodie auf Charles Darwins Fahrt der Beagle geschrieben haben könnte. Dann nahm ich mir Jim Knopf noch einmal vor und stieß in dem Kinderbuch, das ich als ein niedliches Märchen in Erinnerung hatte, auf Begriffe wie Rasse, Schande oder Todesstrafe. Mir wurde klar, dass es hier um mehr ging. Michael Ende hatte sich mit Jim Knopf an etwas Ernstem abgearbeitet, und ich begann mich für den Autor und seine Biographie zu interessieren.
Über Michael Ende wusste ich zu diesem Zeitpunkt wenig, und ich kannte, wenn überhaupt, nur den späten Ende. Als öffentliche Person hinterließ der 1995 verstorbene Schriftsteller zwei Leben: Es gibt zum einen den früheren Ende, Autor von Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, der mit Spielzeugeisenbahnen und den Marionetten der Augsburger Puppenkiste posiert und rein äußerlich, mit Anzug und Brille, dem Abziehbild eines bürgerlichen Familienvaters entspricht, der zur Unterhaltung seiner Kinder auch mal in die Rolle des Spaßvogels schlüpft. Dass Ende 1960, als Jim Knopf erschien, erst einunddreißig Jahre alt war, sieht man diesen Fotografien nicht an. Dann – nach einer Pause von mehr als zehn Jahren – tritt ein anderer Ende ins Bild. Momo wird publiziert, die Geschichte eines Mädchens, die gegen die Herrschaft der grauen Zeitdiebe antritt; sechs Jahre später, 1979, folgt die Unendliche Geschichte, in der ein Junge Phantásien vor dem Untergang bewahrt. Bei beiden Büchern ist ganz offenkundig, dass sie sich als Allegorien auf die Gesellschaft lesen lassen können, als Kritik an Kapitalismus und Rationalismus. In den Folgejahren äußerte sich Ende immer wieder in diese Richtung: Er diskutierte öffentlich mit Joseph Beuys oder Erhard Eppler darüber, ob Kunst die Gesellschaft verändern könne; er schrieb über seinen Vater, den surrealistischen Maler Edgar Ende, dessen Bilder von den Nationalsozialisten zur »entarteten Kunst« erklärt worden waren. Er veröffentlichte Essays, Reden und Interviews, in denen er immer wieder über die deutsche Vergangenheit sprach. [2]Auf den Fotos aus diesen späten Jahren sehen wir nun einen Intellektuellen mit Lesebrille und langen Haaren. Für viele seiner Leser besaß Michael Ende den Status eines Gurus.
Je mehr ich aber über den späten Ende lernte, desto geheimnisvoller wurde sein erstes Buch; je auskunftsfreudiger sich Ende bei Momo oder Die Unendliche Geschichte gab, desto auffälliger schien mir das Schweigen zu Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Zur Entstehungsgeschichte des Buchs hat Ende so gut wie nichts hinterlassen, kein Manuskript, keine Notizen, keine Voraufzeichnungen, und er hat es später kaum wieder erwähnt. Auf wen er allerdings wiederholt zu sprechen kam, ist Charles Darwin. Der Begründer der Evolutionstheorie war für ihn eine durch und durch negative Gestalt, ein Denker, dessen Theorie der Auslese nach Ende zu einem Weltbild geführt habe, in dem das Recht beim Stärkeren liegt und den im Kampf Unterlegenen nichts vor Vernichtung schützt. »Könnte es nicht sein«, schrieb Ende in einem nachgelassenen Manuskript, »daß die ganze darwinistische Theorie von der ›natürlichen Auslese der besser Angepaßten‹ nichts anderes ist, als die naturwissenschaftliche Rechtfertigung einer Gesellschaftsordnung?« [3]
Michael Ende im Jahr 1989
Auf einmal ahnte ich, warum Ende so viel daran gelegen haben könnte, Jemmy Button, der in seinem wirklichen Leben ein furchtbares Schicksal hatte, zu retten und als Jim Knopf ein neues Leben zu schenken. Jim Knopf, schreibt Michael Ende in Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, hieße deswegen so, weil ihm Frau Waas einen Knopf an ein Hosenloch nähte, so dass man es, »statt es zu flicken«, nur »wieder zuknöpfen« müsse. Und »warum die Insel übrigens Lummerland hieß und nicht irgendwie anders«, heißt es in demselben Buch, »wußte kein Mensch: Aber sicherlich wird das eines Tages erforscht werden.« [4]Der Autor, so scheint es, forderte seine Leser geradezu heraus, den Fährten, die er auslegte, nachzugehen. Der Weg führte mich zuerst durch Endes Bücher, seine Essays und Schriften, den Nachlass im Literaturarchiv Marbach, unveröffentlichte Briefe und Manuskripte; er führte mich dann in die deutsche Nachkriegszeit, in die Debatten um die »Reeducation« der Deutschen, zum Schulunterricht im Nationalsozialismus, zu Biologielehrbüchern, Rassekunde und Rassegesetzen; schließlich leitete er mich zum Okkultismus von Einrichtungen wie Heinrich Himmlers »Deutsches Ahnenerbe e. V.« und zu Rasseparabeln umkodierten Sagenstoffen wie den Nibelungen oder dem Atlantismythos. Durch dieses Labyrinth von Verweisen legte Jim Knopf den roten Faden. Er nahm mich mit in das dunkelste Kapitel der deutschen Bildungsgeschichte, ein Gang, an dessen Beginn Michael Ende Charles Darwin vermutete. Im Dezember 2008 schrieb ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Artikel mit dem Titel »Darwins Jim Knopf«, in dem ich eine erste Übersicht dieser Welt gab, die den Hintergrund eines der erfolgreichsten Kinderbücher der deutschen Nachkriegzeit bildet. [5]Über den Michael Ende, den ich dabei entdeckte, habe ich auch beim Schreiben dieses Buches nicht aufgehört zu staunen.
Lukas und Jim fahren mit der verkleideten Lokomotive Emma in die Drachenstadt Kummerland ein
Als Michael Ende 1961 der Deutsche Jugendbuchpreis für sein Erstlingswerk Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer verliehen wurde, hieß es in der Begründung der Juroren, das Buch sei »randvoll von köstlichen Einfällen« und »atemberaubend sind die phantastischen Abenteuer, die Jim Knopf mit Lukas und der schwimmenden Lokomotive Emma erlebt«. [1]Der Autor hatte in seiner Erzählung eine Reihe von phantastischen Mischwesen geboren wie den Halbdrachen Nepomuk, die fischschwänzige Meeresprinzessin Sursulapitschi oder den Scheinriesen Tur Tur, der die Gesetze der Perspektive auf den Kopf stellte. Das Lob verfolgte den Schriftsteller. Was man anfangs schätzte, kritisierte man bald. Die Geschichte von dem kleinen schwarzen Jungen Jim, der in einem Postpaket auf der Insel Lummerland eintrifft, mit dem Lokomotivführer Lukas auszieht, um eine neue Heimat zu finden, und nach einer langen Abenteuerfahrt schließlich seine königliche Abstammung entdeckt, galt als Heileweltphantasie eines »Schreiberlings für Kinder«. Weltflucht wurde ihm im Zuge der sogenannten Eskapismus-Debatte vorgeworfen, »Fluchtliteratur« war die Bezeichnung, die an seinen Werken haften blieb. Als der Hörspielautor und Theaterkritiker Melchior Schedler die Bühnenfassung von Jim Knopf ironisch ein »kindertümliches Prachtstück« nannte und es weiter als »Opium für Kinder« bezeichnete, sprach er die Meinung einer ganzen Generation sozialkritischer Kinderbuchautoren aus. Ende empfand die Vorwürfe als »richtiggehend erstickend« und zog 1970 nach Italien, wo er die nächsten fünfzehn Jahre lebte und schrieb, darunter seine Weltbestseller Momo und Die unendliche Geschichte. [2]
»Wir meinen« schrieb Schedler polemisch, »daß man den Kindern die Welt nicht so zeigen darf, wie sie ist. Wir meinen vielmehr, daß man sie (die Welt) für sie (die Kinder) rosa anstreichen muß.« [3]Sowohl Endes Kritikern als auch Anhängern war jedoch entgangen, wie sehr sich Michael Ende an eine ganz und gar ungeheuerliche Realität gehalten hatte. Die beiden Helden der Geschichte lässt der Autor im zwanzigsten Kapitel von Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer auf eine riesige, rußgeschwärzte Höhlenöffnung zurollen, aus der es, wie er schreibt, »ein wenig herausrauchte wie aus einem Ofenloch«. Übergroß hängt darüber ein Schild mit der Warnung: »!Achtung! Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten.« [4]Inmitten eines Kinderbuchs tauchen plötzlich die Begriffe »Todesstrafe« und »reinrassig« auf, das Bühnenbild für diese Sprache ist ein in einen rauchenden Ofen einfahrender Zug. Der Leser befindet sich in diesem Augenblick nicht mehr in einer Fiktion, sondern in einer Vergangenheit, die nur fünfzehn Jahre zurücklag. Doch trotz dieser unheimlichen Schlüsselszene blieb unbemerkt, dass ein Kinderbuchautor das Vokabular und die Verbrechensorte der Nationalsozialisten zitierte und zwei Abenteurer losschickte, um die deutsche Vergangenheit zu überwinden.
Vielleicht hat man nicht genau genug zugehört, als Michael Ende sagte, dass er nie für Kinder geschrieben habe. In seinem Essay »Über das Ewig-Kindliche« betonte er, der kinderlos blieb, dass er während der Arbeit niemals an Kinder denke, sich niemals überlege, wie er sich ausdrücken müsse, damit Kinder ihn verstünden, niemals einen Stoff auswähle oder verwerfe, weil er für Kinder geeignet oder nicht geeignet sei. Die Unterscheidung zwischen Literatur für Erwachsene und Literatur für Kinder hielt Ende für künstlich; literaturhistorisch verortete er sie am Beginn des 19. Jahrhunderts. Vorher habe es Märchen gegeben, die sich keineswegs nur an Kinder gerichtet hätten, die Welt sei für Erwachsene und Kinder gleichermaßen bewohnbar gewesen, die Unterschiede hätten im Grade des Wissens und der Weisheit bestanden. Über sich selbst sagte er:
»Das Kind, das ich einmal war, lebt noch heute in mir, es gibt keinen Abgrund des Erwachsenwerdens, der mich von ihm trennt, im Grunde fühle ich mich als der gleiche, der ich damals war.« [5]
»Damals« hieß bei Michael Ende, geboren 1929, im Nationalsozialismus. Seine Kindheit im Nationalsozialismus hat er nie geschönt. Im Vergleich zu anderen Autoren der Nachkriegsliteratur beharrte Ende damit auf einer vollkommen eigenständigen Definition von Kindheit, die in seinem Umfeld gerade neues Gewicht gewonnen hatte, als Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer erschien. Kindsein war in der deutschen Nachkriegsliteratur zur privilegierten Perspektive stilisiert worden, aus der man Unschuld für sich beanspruchen durfte. Nur ein Jahr vor Endes Erstlingswerk publizierte etwa Günter Grass seinen Roman Die Blechtrommel. Grass, Jahrgang 1927 und damit nur zwei Jahre älter als Michael Ende, lässt darin den Sonderling Oskar Matzerath im Alter von drei Jahren beschließen, nicht mehr zu wachsen. Seine Infantilität schützt ihn davor, sich in die politischen Verhältnisse zu verstricken. Als Außenseiter kann Matzerath ein Sittenbild der Gesellschaft malen, in der jeder Einzelne seinen Teil dazu beiträgt, der NSDAP zu ihrer Macht zu verhelfen; der Vater Alfred Matzerath ist in diesem Sinne ein typischer Parteigänger, der die Auswirkung des eigenen Handelns nicht überblickt, aber individuelle Schuld auf sich lädt. Oskar dagegen tritt als kindlicher Anarchist auf, der, als sein Vater in die NSDAP eintritt, sich unter der Tribüne versteckt und auf seine Blechtrommel einschlagend die einbestellten Musiker aus dem Takt bringt. Wie groß die Verführung war, sich mit Oskar Matzerath als vermeintlichem Außenseiter zu identifizieren, führt Günter Grass’ Beispiel selbst vor, der erst 2006 seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS eingestand. [6]Wie viele seiner Leser hatte er bis dahin die Perspektive des schuldlosen Kindes für sich beansprucht.
Als Siegfried Lenz 1968 fast zehn Jahre später Die Deutschstunde veröffentlichte, die die Kriegszeit und das Dritte Reich ebenfalls aus Kindersicht schildert, glaubte auch er mit dem Kind eine Perspektive außerhalb der Moral eingenommen zu haben. Wie Oskar Matzerath führt auch Siggi Jepsen den Leser als Ich-Erzähler durch die Geschichte, die vom Vater handelt, dem 1943 als Polizist die Aufgabe zufällt, das Malverbot gegen den Künstler Max Ludwig Nansen zu überwachen. Während der Vater, einem falschen Pflichtverständnis folgend, Nansen immer strengeren Repressalien unterzieht, schlägt sich der Sohn mehr und mehr auf die Seite des Malers. Er versucht ihn zu schützen, auch dann noch, als das NS-Regime endet, der Vater aber nicht aufhört, Nansen nachzustellen. Siggi klaut schließlich Bilder, um sie zu retten, er wird ertappt und kommt in die Jugendstrafanstalt, wo er einen Aufsatz über »Die Freuden der Pflicht« verfassen muss. Seine Antwort ist die Geschichte des Vaters, ein Lehrstück über obrigkeitshörige Pflichterfüllung eines Erwachsenen und das unverbildete Verantwortungsbewusstsein eines Kindes. Beide, Grass wie Lenz, sahen im Kind den Außenseiter und Zeugen für eine bessere Welt: Oskar Matzerath als anarchischer Regelbrecher, Siggi Jepsen als unrechtsbewusster Antiheld.
Ende dagegen hielt nicht nur die Generation der Erwachsenen für im Dritten Reich verstrickt, sondern auch die nächste Generation, die Heranwachsenden, Kinder. Er war vier Jahre alt, als Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler gewählt wurde; mit sieben sah er Hitler in München die »Große Deutsche Kunstausstellung« eröffnen, mit acht stand er in der Menge, die dem in einer Limousine vorbeifahrenden Führer zujubelte, der sich auf dem Weg zur »Vier-Mächte-Konferenz« befand. Mit Zustimmung der Staatsoberhäupter von England, Frankreich und Italien besiegelte das Treffen am 29.September 1938 die Abtretung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich, eine Maßnahme, mit der Großbritannien und Frankreich den drohenden Krieg zu verhindern hofften. Edgar Ende, Maler und Michael Endes Vater, hatte für seinen Sohn eine Spiegelkonstruktion gebastelt, damit das Kind über die Köpfe der Menge hinweg den Politiker betrachten konnte. Wenn auch der kleine Michael Ende von diesem Auftritt unbeeindruckt blieb, konnte er sich, wie sein Biograph Peter Boccarius berichtet, den kultisch aufgeladenen Masseninszenierungen der Nationalsozialisten nicht ganz entziehen. Einen weitaus größeren Eindruck auf das kindliche Gemüt machte die Beisetzung der NS-Putschisten, die am 9.November 1923 erschossen worden waren und zwölf Jahre später 1935 unter Trommelwirbeln auf dem Münchner Königsplatz beigesetzt wurden. Ein Wald von Hakenkreuzfahnen säumte das Areal, über das man Opferschalen und Fackeln trug. Als die Totenreden gehalten und die Namen verlesen wurden, meldete sich stellvertretend für jeden Gestorbenen ein SA-Mann, indem er »Hier!« brüllte. Damals, so Michael Ende, habe er gespürt, was schwarze Magie vermag. [7]
Von der NS-Zeit blieb auch die Familie Ende nicht unbetroffen. Im Februar 1935 erschien im »Völkischen Beobachter« der erste Verriss von Edgar Endes Gemälden, die in einer Gruppenausstellung in der Münchner Neuen Pinakothek gezeigt worden waren. Der Vater verfiel darauf in eine Depression. Drei Jahre später wurden Edgar Endes Bilder zur »entarteten Kunst« erklärt und aus den Museen und Galerien beschlagnahmt. Laut § 1 des Gesetzes über die Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst konnten Werke »ohne Entschädigung zu Gunsten des Reiches entzogen werden«. Edgar Ende erhielt Malverbot; es gab Freunde, die aushalfen. Im Münchner Umland malte er im Auftrag befreundeter Offiziere Kasernen aus, der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ließ ihn Kopien nach den altmeisterlichen Bildern von Lucas Cranach und Albrecht Altdorfer aus den Museumsbeständen anfertigen. 1939 wurde Edgar Ende zur Wehrmacht eingezogen und als Obergefreiter beim Flakscheinwerfer-Bataillon in Köln eingesetzt. Er überlebte den Krieg und kehrte 1945, nach kurzer amerikanischer Gefangenschaft, zu seiner Familie nach München zurück.
