Das ABC der Paarberatung - Sabine Schäfer - E-Book

Das ABC der Paarberatung E-Book

Sabine Schäfer

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Beschreibung

Das Buch wendet sich an Studenten und Studentinnen der Ehe-, Familien- und Lebensberatung und anderer Beratungsrichtungen, wie auch an Menschen, die diese Hilfe in Anspruch nehmen. Es bietet nämlich auch interessierten Laien die Chance, sich anhand der jeweils fallbezogenen Darstellungen von den in der Paarberatung angewendeten Methoden selbst ein Bild zu machen! Die beiden Autoren, seit vielen Jahren in der Paar- und Eheberatung tätige Therapeuten, vermitteln einen Überblick über die ihnen zur Verfügung stehenden theoretischen und praktischen Möglichkeiten. Dabei wird anhand von konkreten Beispielen fachliches Hintergrundwissen vermittelt. Diese ausführliche Einführung kann es den Lesern erleichtern, eine Entscheidung zu treffen, ob sie eine Beratung in Anspruch nehmen wollen. Gleichzeitig schließen die Autoren auch die Möglichkeit der Eigeninitiative für Ratsuchende nicht aus. Das Buch vermittelt die theoretischen Grundlagen der Ehe-, Familien- und Lebensberatung auf höchst verständliche, praxisbezogene Weise. Im Mittelpunkt steht dabei für die Autoren immer der Mensch, nicht die Theorie.

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Seitenzahl: 244

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Vorwort

Einführung: Erwartungen an die Paarberatung

Konkreter Ablauf einer Eheberatung

2.1 Erstgespräch und Anamnese

2.1.1 Grund der Anmeldung und aktueller Anlass für die Beratung

2.1.2 Veränderungsziele und Setting

2.1.3 Motivation und Ressourcen prüfen

2.1.4 Rekonstruktion der Krise

2.1.5 Die individuellen Anamnesen

2.1.6 Korrektur von Misserfolgen und Sicherung von Erfolgen

2.1.7 Beendigung der Beratung und prophylaktische Maßnahmen gegen Rückfälle

Die fünf Ebenen der Analyse von Paarkonflikten (das Schichtenmodell)

3.1 Die Ebene der Kommunikation – und drei Absurditäten, die sie erschweren

3.2. Die Ebene der Rationalen Analyse

3.2.1 Die Subjektivierung objektiver Belastungen

3.2.2 Die Idealisierung des Referenzmodells

3.2.3 Die fehlende Prophylaxe

3.3 Die Ebene der Gefühle

3.3.1 Polaritäten und ihre Ambivalenz

3.3.2 Die Polarität von Macht und Ohnmacht

3.3.3 Die Polarität von Liebe und Hass

3.3.4 Die Polarität von Freiheit und Bindung

3.4 Die Ebene des Systems

3.5 Die Ebene der neurotischen Störungen

Kleine Einführung in die Psychoanalyse

4.1 Das Unbewusste

4.2 Die Übertragung und die Reinszenierung

4.3 Die Chancen der Übertragung

4.4 Freuds Konstrukt psychischer »Instanzen«

4.5 Die Topik von Es, Ich und Überich

4.6. Das Überich ist mehr als das Gewissen

Ressourcen und Grenzen der Beratung

5.1 Konflikt

5.2 Defizite

5.3 Defekt

5.4 Widerstand

Fazit

Schlusswort

Quellen und Zitate

Über die Autoren

Vorwort

Wir wurden von den Teilnehmern verschiedener Ausbildungskurse und Seminare gefragt, warum wir unser Lehrmaterial nicht einfach in einem eigenen Buch zusammenfassen. Dann bräuchten sie nicht so viel mitzuschreiben und könnten sich auf die vermittelten Inhalte besser konzentrieren. Auch einige Patienten und Ratsuchende wollten gerne mehr erfahren über die Arbeitsweise ihrer Therapeuten und auch über die Dynamik ihrer Beziehung, nicht nur aus ihrer Selbsterfahrung, sondern auch aus der fachlichen Perspektive.

Wir selbst waren zunächst ambivalent: Natürlich war für uns der Gedanke verlockend, ein eigenes Buch in den Händen zu halten, zumal nach 25 Jahren Zusammenarbeit als Ehepaar und Ehe- und Familienberater. Unsere eigene Ehe und Familie entstanden in dieser Zusammenarbeit. Im Verlauf so vieler gemeinsamer Jahre ist ein ganz eigener Stil entstanden, der nicht so sauber zu platzieren ist in die bestehenden, z. T. sehr unterschiedlichen Richtungen der Psychotherapie und der Ehe-, Familien- und Lebensberatung.

Und nun ist es so weit; mit der Hilfe vieler, die uns mit ihren Feedbacks, Anregungen und Korrekturen unterstützt haben. Auch unsere Klienten haben letztlich den »Stoff« für dieses Buch geliefert, indem sie uns in ihre intimsten Gedanken und Gefühle haben blicken lassen. Wir taten dies mit wachsendem Respekt vor dem verzweifelten Mut, mit dem sie ihre Liebe retten wollten. Und es hat uns genauso wie sie gefreut, wenn es gelang, und betrübt, wenn sie aufgeben mussten, was statistisch gesehen in etwa einem Drittel der Fälle geschieht. Denn leider suchen Paare, die in gestörten Beziehungen leben, sich oft zu spät professionelle Hilfe. Vielleicht kann die Lektüre dieses Buches einige ermutigen, sich rechtzeitig zur Paarberatung zu melden.

Unser Bemühen bei diesem Buch ist es, eine anschauliche Einführung in die theoretischen Grundlagen unserer Paarberatung zu geben, und zwar so verständlich wie möglich. In einem zweiten Band werden der Bezug zur Praxis hergestellt und unsere entsprechenden Techniken anhand von Grafiken dargestellt.

Dies mag Kolleginnen und Kollegen, sowie Councelling-Studenten und Ausbildungskandidaten der Ehe-, Familien- und Lebensberatung einen Informationsgewinn verschaffen. Es können aber auch Laien und Betroffene Einblick in diese Thematik bekommen und vielleicht sogar die Möglichkeit nutzen, eigenständig an ihrer eigenen Beziehung zu arbeiten.

Vielleicht kann die Lektüre dieser Bücher ein wenig dazu beitragen, den Therapieprozess bei Paaren zu verkürzen, indem die Betroffenen erfahren, was möglicherweise zur Zuspitzung der Krisen in ihrer Beziehung geführt hat, statt darüber zu streiten, wer daran schuld ist. Es wird – nach unserer Erfahrung – nämlich sehr viel wertvolle Zeit damit vergeudet, die Schuldfrage zu personifizieren, statt sie zu objektivieren.

Um die theoretischen Inhalte zu veranschaulichen, wurden Fallbeispiele aus der Praxis benutzt. Aus Gründen des Datenschutzes und der Schweigepflicht sind die soziographischen Daten natürlich geändert worden. Wir können nicht behaupten, dass jede Ähnlichkeit mit Personen, die den Lesern bekannt vorkommen, rein zufällig ist; denn die Beispiele sind ja typisch für bestimmte Problemgruppen. Diese sind so verbreitet, dass die aufkommende Vertrautheit beim Lesen kein Wunder ist. Alle Paare, die lange genug zusammenleben werden sich in irgendeinem Fall wiedererkennen. Und das ist durchaus beabsichtigt.

Wir möchten uns bedanken für die vielfältigen Formen der Unterstützung beim Verfassen dieses Buches, vor allem bei Axel Schwarzberg für die rechtliche Beratung, sowie bei Léon Marry und Roland Schmutz für die technische Hilfe.

Berlin, den 11. Mai 2020

1 Einführung: Erwartungen an die Paarberatung

Wenn ein Paar es nicht geschafft hat, aus eigener Kraft und mit den eigenen Ressourcen seine Beziehungsprobleme zu lösen, und schließlich zur Paarberatung kommt, dann erwartet es natürlich, dass es hier und jetzt gelingen möge, die von ihnen nicht erkannten Motive der Krise zu ergründen und zu beeinflussen. Das Paar ist also grundsätzlich bereit, unbewusste Prozesse anzuerkennen. Dennoch dürfte es jedem einleuchten, dass allein schon der Versuch, unbewusste Abläufe, insbesondere mit unangenehmen Inhalten, in das Bewusstsein zu rücken, bei jedem Menschen einen Widerstand auslöst.

Außerdem ist der Widerstand besonders hoch, Deutungen und Erklärungen, die sich auf die eigene Beteiligung an den Problemen der Beziehung beziehen, zu akzeptieren. Das würde ja bedeuten, dass man die Waffe der Schuldzuweisung freiwillig aus der Hand legt oder sogar einen kritischen Blick auf sich selbst richtet. Und wer tut das schon gerne? Bei der Arbeit mit Paaren ist demnach mit einem Grundwiderstand zu rechnen, der höher ist als bei der Einzeltherapie, weil dort ein Individuum grundsätzlich bereit ist, seine eigene Störung zu behandeln, statt seine Partnerin oder seinen Partner in den Fokus der Kritik zu stellen.

Daher sind wir, als Berater meistens konfrontiert mit einer ambivalenten Beteiligung der Ratsuchenden bei der Ursachenforschung. Wir sind bemüht, von Anfang an die Regel der »Allparteilichkeit« zu beachten, die uns vorschreibt, beide Parteien anzunehmen und ausgewogen und gerecht zu unterstützen oder – bei Bedarf – zu konfrontieren, um bei keinem das Gefühl der Benachteiligung zu fördern. Dies ist besonders dann zu beachten, wenn rein »objektiv« einer der beiden sich »schuldig« gemacht hat, z. B. durch Ehebruch, »Temperamentsausbrüche« oder Gewaltanwendung. In diesem Fall neigen die Beteiligten dazu, sich in ein »Opfer« und einen »Täter« zu spalten, und versuchen, die Berater so zu manipulieren, dass sie diese Aufteilung stillschweigend übernehmen.

Das äußert sich schon in der Kommunikation: Wie redet ein Paar überhaupt miteinander und übereinander (wenn es überhaupt miteinander redet) über Bedürfnisse, Missverständnisse und Probleme? Wer übernimmt die Initiative zum Gespräch? Wer wird beschuldigt, wer verteidigt sich? Wie verläuft das Gespräch (ruhig und konstruktiv oder aggressiv und anklagend)? Was kommt dabei heraus (eine Front zwischen zwei Gegnern oder ein solidarisches Bemühen um Lösungen)?

Und weiter: Werden die simpelsten Regeln des Respekts in der Kommunikation eingehalten? Bringt das Gespräch das Paar einander näher, oder verstärkt es den Abstand? Wie fühlt sich die Beraterin oder der Berater dabei (muss er/sie schlichtend eingreifen, wie ein Schiedsrichter, oder kann er/sie sich auf die Analyse konzentrieren)?

Am Anfang steht meistens, jenseits aktueller Krisen und deren unbewussten Ursachen, die Partnerwahl als solche im Fokus der Untersuchung; die Frage also, warum diese zwei Menschen – trotz der Vielfalt der Wahlmöglichkeiten, die sie hatten –, sich für ein Zusammenleben mit gerade diesem Partner entschieden haben.

Die Charaktertypologie ist interessant, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Partnerwahl nie zufällig geschieht, sondern anhand einer Attraktivität, deren Hauptbestandteile unerkannt bleiben. »Die Liebe ist ein seltsames Spiel …«, und die Partnerwahl noch mehr! Eheleute staunen nicht selten, wenn sie im Verlauf einer Eheberatung herausfinden, welche unbewussten Motive und Konflikte sie zusammengeführt haben. Im Englischen heißt sich verlieben »to fall in love«, in die Liebe fallen; das ist zwar boshaft, aber durchaus nachvollziehbar.

Aus dem Bereich der systemischen Analyse sind viele Beiträge für die Beratung wichtig, wie die systemische Delegation, d.h. die Zuweisung von Rollen innerhalb des Familiensystems. Aus dieser resultieren viele Störungen, die den Anschein haben, als seien sie individuell. Bei näherer Betrachtung erweisen sie sich als Folge eines bestimmten Zusammenspiels. Es gibt noch viele systemische Funktionen, die uns interessieren werden. Denn die Regeln eines Systems übertreffen oft die Motive der darin agierenden Individuen.

Des Weiteren interessieren uns aber auch die individuellen Konflikte der Beteiligten, die sich aus ihrer Kindheits- und Lebensgeschichte ergeben haben. Denn auch sie beeinflussen den Umgang des Paares mit bestimmten Themen und Schwierigkeiten. So wird uns auch die Neurosenlehre beschäftigen, zumindest deren Grundzüge.

2 Konkreter Ablauf einer Eheberatung

Was sich so leicht anhört, ist natürlich schwieriger als z. B. bei der medizinischen Anamnese; denn wir haben es hier nicht mit konkreten, organischen Funktionen und Funktionsstörungen zu tun, sondern mit abstrakten, nicht fassbaren Zuständen, Gedanken, Gefühlen und Werten, die schwer in Worte zu fassen sind. Manchmal lassen sie sich nur anhand von konkreten Beispielen darstellen.

Was soll ein Zuhörer aus der Klage entnehmen: »Wir streiten uns andauernd über nichtige Dinge …?« Sofort kommt die Rückfrage: »Was sind für Sie `nichtige Dinge´?« Das kann für jeden Menschen etwas anderes sein. Bedeutung und Wichtigkeit werden von jedem Menschen anders bewertet. Was für den einen unwichtig ist, mag für einen anderen entscheidend sein für die Bewertung der Qualität der Beziehung. Oder wenn einer klagt: »Wir unternehmen zu wenig zusammen!« Was meint er/sie mit zu wenig? Wie viel wäre genug? Und um welche Unternehmungen geht es?

Hier ist man gezwungen, anhand von Beispielen aus dem Alltag das jeweilige Bewertungssystem des Klagenden – wie ein Puzzle– zu rekonstruieren. Denn anders kann keiner verstehen, warum sich der eine über einen Zustand so sehr ärgert, während es den anderen offenbar kalt lässt. Eine Objektivierung ist sowieso nicht möglich. Denn es gibt einfach keinen Maßstab oder Normen für diese ganzen Themen, die in einer Beziehung für Ärger sorgen können!

Am schlimmsten ist es für den Paartherapeuten, wenn Klagende die Frage stellen: »Was meinen Sie dazu, sollte ich …?« Hier versucht jemand, aus einem neutralen Berater einen Verbündeten gegen den anderen zu basteln, indem er oder sie – wohl ahnend, dass es keinen objektiven Maßstab für seine Klageinhalte gibt – versucht, wenigstens einen Konsens durch Mehrheitsvotum zu erzwingen. An dieser Stelle würden gute Freunde wohl entweder parteiisch werden, oder – wenn sie klug sind – sagen: »Ich halte mich da raus, macht ihr das unter einander aus!« Aber was soll der Eheberater sagen?

Eheberater sind keine Richter, keine Anwälte und keine Beichtväter, die Absolution erteilen oder Strafpredigten halten. Man könnte sie eher als analysierende Übersetzer beschreiben: Sie versuchen, Ursachen von Schwierigkeiten zu untersuchen oder ins Bewusstsein zu rücken, bringen diese zur Sprache und übersetzen dann dem Paar, was der jeweils andere – in seiner Erlebniswelt – für quälende Reaktionen durchmacht; dabei hoffend, dass noch genug Liebe und Mitgefühl da sind, um sich in das Leid des anderen hinein zu versetzen und um das eigene Verhalten so zu ändern, dass es den Partner nicht quält.

Wir sagten es schon: Die Beratung ist keine wirkliche »Beratung« im Sinne von: »Ich weiß, was für euch am besten ist … Du musst dies tun, und du jenes, dann wird alles gut!« So etwas, selbst wenn es möglich wäre, brächte rein gar nichts an Veränderung, geschweige denn an Besserung. Diese Art von `Beratung´ haben viele Paare schon hinter sich, wenn Sie zu uns kommen: Ihre Freunde und Familien haben sich an ihnen schon die Zähne ausgebissen, und manch eine Freundschaft ist zerschlagen worden beim Versuch, durch konkrete Handlungsanweisungen zu helfen.

Der Grund für dieses Scheitern ist, dass von der falschen Prämisse ausgegangen wird, dass der berühmt-berüchtigte Menschenverstand reiche, um emotionale Verstrickungen zu lösen. Das ist ebenso absurd, wie wenn man durch den Einbau neuer Fenster das Wetter verändern will.

Zwar stimmt es, dass »schlechte Gedanken auch schlechte Gefühle erzeugen«, aber genauso erzeugen umgekehrt die Gefühle entsprechende Gedanken. Der wahre Grund für Veränderungen ist die bewusste Entscheidung – bildlich gesprochen, das halbe Glas Wasser als halbvoll oder halbleer zu empfinden. Und diese Entscheidung erfolgt nach der Bewusstwerdung bisher nicht bewusster Motive und Determinanten unserer Wahrnehmung der Beziehung. Die Erkenntnis bestimmt das Bewusstsein und damit auch das Denken, Fühlen und Handeln. Wir Menschen konstruieren unsere »Realität« und unser Bild voneinander.

Schauen wir uns nun einige Paradigmenwechsel an, die sich aus der veränderten Perspektive in der Wahrnehmung und Deutung von alltäglichen Konflikten ergeben. Die Konflikte in der Partnerschaft sind unvermeidlich, aber ihre Be-Deutung ist veränderbar und diese Veränderungen geben der Fehlersuche eine ganz andere Richtung, die zu einer angemessenen Auflösung dieser Konflikte führen, wie Sie gleich sehen werden.

Das Ziel der Eheberatung ist es also, dem Paar beim Bewusstwerden der Ursachen und der Lösung ihrer Konflikte behilflich zu sein, gemäß dem Motto: »Besser als dem Durstigen Wasser zu schenken, ist es, ihm beizubringen, einen Brunnen zu bauen.« Manchmal braucht der Durstige aber auch sofort ein Glas Wasser, ehe er sich an das Graben eines Brunnens heranmachen kann. Das ist der Fall bei krisenhaften Zuspitzungen, wie z. B. häuslicher Gewalt.

Im Prinzip ist der Ablauf einer Eheberatung überall ähnlich, selbst wenn die Beratungsdienste sich in ihrer fachlichen Ausrichtung unterscheiden. Man unterscheidet grundsätzlich drei methodische Hauptrichtungen: tiefenpsychologische, systemische und verhaltenstherapeutische Ausrichtungen oder »Schulen«. Trotz möglicher Unterschiede in der Technik haben alle theoretischen Modelle im Prinzip das gleiche Ziel: dem Paar bei der aktiven Lösung seiner Konflikte zu helfen.

Das Gelingen einer Eheberatung, wie auch jeder Therapie, hängt sehr von der persönlichen Beziehung und dem Vertrauen ab, das zwischen Therapeuten und Klienten aufgebaut werden kann. Wenn Klienten das Gefühl haben, dass diese therapeutische Beziehung nicht stimmig ist, sollten sie lieber woanders weitersuchen.

Das ist normalerweise für beide Seiten besser, als mit gewissen Bedenken anzufangen und später abbrechen zu müssen. Eine übereilte Entscheidung wird vielleicht nicht schaden, aber wenn dadurch die Beratung erfolglos bleibt, kann das die Hoffnung der Klienten, überhaupt Hilfe zu finden, enttäuschen und sie demotivieren. Doch nun einige inhaltliche Informationen zur Beratung.

Im Detail sind die allgemeinen Ziele der Paarberatung:

Ursachen und Störquellen der Beziehungsstörung ausfindig machen. (Dies hat nichts mit der Schuldfrage zu tun, die in der Eheberatung keine Rolle spielt, oder spielen sollte!)

Den aktuellen Anlass für die Beratung hinterfragen: Welche aktuellen Vorfälle gaben den Ausschlag für eine Entscheidung zur Beratung? Z. B. Ehebruch, Geburt eines Kindes, Verlust des Arbeitsplatzes usw., und welche Stressfaktoren im Leben der Eheleute sind im Moment wirksam?

Typische Muster, insbesondere Streitmuster und Störquellen analysieren (gibt es wiederkehrende Muster in Streitsituationen?).

Übereinstimmungen und Unterschiede: Stimmen die Lebensziele beider überein? Überprüfung der Wertesysteme und Erwartungen.

War die Eheschließung eine freiwillige Liebesehe und gewollt, oder haben eher mehr rationale als emotionale Faktoren dominiert? War womöglich eine ungeplante Schwangerschaft das Motiv für die Ehe? Usw.

Individuelle und paardynamische Probleme in ihrem Zusammenspiel bewusst machen (das sich »Verhaken« in der Kommunikation oder sich zuspitzende Eskalationen, usw.).

Mögliche unbewusste Konflikte aus der individuellen Erziehung und Sozialisation sowie ihren Zusammenhang zu aktuellen Konflikten aufdecken.

Einübung der Wertschätzung in der Beziehung, wo sie eindeutig fehlt (Anerkennung, Respekt und Verständnis füreinander fördern).

Ein gemeinsames »Arbeitsbündnis« herstellen (Solidarität): Therapeutische Ziele gemeinsam festlegen, einen Therapieplan erstellen und umsetzen (Verhaltenskorrekturen, situative Passungsarbeit, bewusste Veränderung konkreter Lebensumstände, Verbesserung der Sexualität usw.). Prophylaktische Maßnahmen entwerfen (wie kann man Rückfälle verhindern, konfliktträchtige Situationen rechtzeitig voraussehen und Gegenmaßnahmen ergreifen usw.).

Und wenn nur eine Trennung als einzige Alternative sinnvoll erscheint, das Paar beim schmerzhaften Prozess begleiten.

Diese allgemeinen Ziele werden dann kombiniert mit den mitgebrachten Wünschen und Zielen der Klienten. Daraus ergeben sich Fragen nach den gemeinsamen Veränderungszielen: Was möchten sie selbst erreichen? Was haben Sie bisher dafür getan? Was sind sie bereit, dafür an Kraft und Zeit zu investieren? Reicht dieses Engagement für die gewählten Zielvorgaben? Welche Ressourcen bieten die Beziehung selbst, die weiter ausgebaut und genutzt werden können?

Hier lohnt es sich, auch darauf zu schauen, was bereits gut läuft in der Beziehung und was weiter ausgebaut werden kann.

Das Erstgespräch des Paares mit den Beraterinnen und Beratern kann strukturiert erfolgen (d. h. es können auch vorgefasste Fragen oder sogar Fragebögen für die Anamnese benutzt werden), es kann aber auch »frei flottierend« ablaufen, einfach dem Redefluss des Paares angepasst. Beide Techniken haben ihre Vor- und Nachteile. Beim strukturierten Gespräch werden Zielvorgaben eventuell schneller erkannt und können fokussiert werden; beim unstrukturierten Gespräch kann eine angemessene Zeit und Aufmerksamkeit den Gefühlen geschenkt werden.

Umgekehrt kann die Struktur auch das Paar überfordern, wenn es seine Probleme und Affekte noch nicht klar formulieren kann, und die fehlende Struktur kann das Gespräch chaotisch und zu emotional werden lassen. In diesem Fall kommt es nur zu einem lediglich befreienden Ausleben von Affekten (Katharsis), die weder Erkenntnisse noch einen anhaltenden Lerneffekt bringt.

Wir empfehlen eine Kombination: Nützlich ist es, als Berater/ in eine im Hintergrund vorhandene Matrix für den zeitlichen und thematischen Ablauf zu haben, die am Anfang mit dem Paar umrissen wird. Dann können die aktuelle Befindlichkeit und die Gefühle einen gewissen, begrenzten Freiraum für ihre Entfaltung im Gespräch bekommen. Denn am Anfang geht es um die Erstellung einer fundierten Anamnese und Ätiologie (Beginn und Verlauf der Beziehungsstörungen).

Der folgende, von uns entworfene Fragebogen kann viel Zeit im Vorfeld der Beratung sparen, wenn das Paar sich bereit erklärt, ihn auszufüllen:

Allgemeine Fragen zur Anmeldung

Welche Schwierigkeiten und Probleme haben Sie als Paar?

Wie lange bestehen diese Schwierigkeiten schon?

Warum melden Sie sich gerade jetzt? Gab es einen Anlass?

Wer hat den Bedarf an Paartherapie erkannt und angemeldet?

Wie sind Sie auf unsere Praxis gekommen?

Wie lange sind Sie schon zusammen?

Warum haben Sie geheiratet?

Haben Sie Kinder? (Wie viele, wie alt?) Waren diese von beiden erwünscht?

Fragen zum aktuellen Zustand

Wenn wir davon ausgehen, dass Ihre Probleme von Ihnen beiden verursacht sind: Beschreiben Sie bitte

Ihren eigenen

Anteil.

Was sind Sie bereit, für die Verbesserung der Beziehung/Ehe zu tun?

Möchten Sie Ihre Beziehung/Ehe erhalten, oder denken Sie, eine Trennung wäre besser?

Wer ist noch an der Entstehung/Aufrechterhaltung Ihrer Schwierigkeiten beteiligt (z. B. Familie, Verwandte, Freunde, Kinder)?

Zukunftsvisionen

Was müsste geschehen, damit Ihre Partnerschaft besser gelingt?

Welche Veränderungen sind Sie bereit, an sich und Ihrem Verhalten vorzunehmen?

Welche Hilfe brauchen Sie dazu (von uns, von ihrem Partner oder anderen Personen)?

Was sollten wir noch unbedingt wissen, was hier nicht erfragt ist?

2.1 Erstgespräch und Anamnese

Die Bezeichnung »Erstgespräch« hat sich in der Paartherapie zwar eingebürgert, was aber nicht heißt, dass ein Gespräch ausreicht, um alle oben aufgeführten Daten zu erheben. Es kann sein, dass die ausführliche Klärung der Anliegen in mehreren Beratungsgesprächen von den Beratern aufgegriffen wird.

Im Prinzip werden im Erstgespräch die Items aus dem Fragebogen mit dem Paar erfragt und die Anamnese erstellt. Wir gehen nun die einzelnen Fragen ausführlich durch und werden dabei den Sinn dieser Befragung erklären.

2.1.1 Grund der Anmeldung und aktueller Anlass für die Beratung

Das Paar schildert nun, warum und wodurch es sich zu einer Paartherapie entschlossen hat. Wir fangen ganz einfach mit der Frage an, wer wann die Idee dazu bekommen und konkret zum Hörer gegriffen hat, um einen Termin zu vereinbaren. Man ist versucht, dem Initiator der Therapie die »Gesundheitsanteile« in der Beziehung zuzuschreiben, weil er oder sie aktiv gegen das Leid des Paares vorgegangen ist. Diese Person erscheint dann »proaktiv« oder progressiv, und es ist verführerisch für die Berater, mit dieser Person unbewusst ein »Gesundheitsbündnis« schließen zu wollen. Das mag anfangs auch befruchtend sein. Man sollte aber nie übersehen, dass die andere Person eventuell »im Auftrag des Paares« die Zweifel und die ambivalente Einstellung gegenüber der Beratung vertritt. Was heißt das?

Es kommt oft vor, dass derjenige, der auf die Beratung gedrängt bzw. das Paar zur Beratung angemeldet hat, sich zuständig fühlt für die Verbesserung der Beziehung. Er oder sie zieht daraus den Nutzen, sich als progressiv, vernünftig und bemüht zu empfinden und darzustellen. Der andere Partner wirkt dann unwillig, regressiv, zweifelnd am Erfolg der Maßnahme usw. Diese Schwarz-Weiß-Darstellung kann aber irreführend sein.

Der abgewertete Partner repräsentiert nur eine Funktion, nämlich die bei beiden vorhandene Ambivalenz oder Ablehnung auszudrücken. Der »progressive« Partner lässt ihn nur für sich agieren, mehr nicht. Dies ist besonders dann der Fall, wenn die sich progressiv und bemüht gebende Seite die andere Person zur Beratung überreden oder gar erpressen musste. In Wirklichkeit will auch der »Progressive« nicht wirklich das Gleichgewicht verändern, was ihn womöglich in eine ungünstigere Position brächte.

Schon an dieser Stelle kann das gemeinsame Arbeitsbündnis der Beratung misslingen, weil die zugewiesenen und eingespielten Delegationen der Paardynamik übernommen und sozusagen »zementiert« statt aufgeweicht werden. Der »Symptomträger« wird in eine Ecke getrieben, von der sie/er schon innerhalb der Zweierbeziehung nicht erlöst werden konnte, und er bleibt fixiert in seinem negativen Image.

Befindet sich einer der Partner in der Sündenbockposition, dann kann die Zusammenarbeit in der Eheberatung niemals gelingen, wenn er dort verbleibt. Sollte sich jemand in die Rolle des passiven, schuldigen Partners gedrängt fühlen, dann muss dies in der Beratung frühzeitig angesprochen und korrigiert werden. Denn beide müssen mitarbeiten, und das heißt, auch ihre Beiträge zur Therapie der Beziehung einbringen und diese vom Therapeuten anerkannt bekommen.

2.1.2 Veränderungsziele und Setting

Die Frage »Was will das Paar erreichen?« kann man am besten anstoßen mit der parallelen Frage: »Was wäre anders in Ihrer Beziehung, wenn die Therapie perfekt abliefe?« So kann das Paar zunächst einmal eine befriedigende oder Glück verheißende Vision der gemeinsamen Beziehung entwerfen. Diese Wunschvorstellungen dürfen einfach frei formuliert werden, selbst wenn wir danach erkennen, dass einige nicht erreichbar sind. Trotzdem werden so auch nicht bewusste Erwartungen an die Partnerschaft aufgedeckt und es kann überprüft werden, welche realistisch sind und welche – zumindest zum gegebenen Zeitpunkt – bewusst aufgegeben werden müssen. So können wir auch prüfen, ob die Visionen beider Eheleute übereinstimmen. Welche Unterschiede gibt es gegebenenfalls und sind die Unterschiede vereinbar?

In manchen Fällen ergeben sich eklatante Unterschiede, die nicht oder nicht so zu lösen sind. Ein einfaches Beispiel für kaum vereinbare Ziele wäre, wenn der eine die Trennung will, der andere an der Ehe festhält. Dann haben wir das Problem der Inkongruenz (fehlende Übereinstimmung) und Ambivalenz zu lösen. Ambivalenz meint hier, dass beide stellvertretend eine Position übernehmen, da dies scheinbar einfacher und klarer ist, als innere Zerrissenheit auszuhalten. Hier müssen Kompromisse gefunden werden, damit die Paarberatung überhaupt eine angemessene Zeit ohne Störungen laufen kann. Dies kann z. B. eine Vereinbarung sein, für eine bestimmte Anzahl von Sitzungen keine Entscheidung für oder gegen die Fortsetzung der Ehe zu treffen.

Auch kann ein »Modus Vivendi«, also eine vorläufige Übereinkunft über den Umgang miteinander, während der Dauer der Paartherapie vereinbart werden, um die Eskalation der Kommunikation oder die Zuspitzung von Konflikten zu verhindern. Dies hilft immerhin die aktuelle Situation zu entschärfen.

Besonders, wenn Kinder am Konflikt leiden, können schnelle Übereinkünfte die Kinder entlasten und deren seelische Not lindern.

Auch andere Differenzen können die Realisierung der individuellen Ziele unmöglich machen. Zum Beispiel, wenn der Ehemann in eine andere Stadt ziehen möchte, weil für ihn dort die Arbeitsbedingungen besser wären, die Ehefrau dagegen ihre bestehende Arbeitsstelle und das soziale Umfeld dafür nicht opfern möchte.

Wenn zumindest ein gewisser Konsens über die gemeinsamen Ziele erreicht werden konnte, können wir eine erste Prognose für die Dauer und die Frequenz der Beratung versuchen (zum Beispiel wöchentlich oder 14-tägig). Dies ist eine vage Prognose, die sehr abhängig ist von der Erfahrung der Therapeuten.

Es bietet sich an, ca. alle 5 Sitzungen die erreichten Veränderungen und auch das Setting zu überprüfen. Auch das Paar braucht eine Planungssicherheit und kann sich nicht auf eine endlose »Beratung« einlassen. Dies gehört genauso zum Setting wie die Frage, ob ein männlicher Therapeut, eine weibliche Therapeutin oder das Therapeutenpaar gemeinsam den Fall übernehmen sollen. Das ist nicht nur eine Kostenfrage, sondern auch eine Entscheidung für die »Chemie« zwischen Therapeuten und Paar.

Sehr wichtig ist auch die Klärung des individuellen Gesprächsbedarfs: wenn einer der beiden Partner zwischen den Sitzungen ein Einzelgespräch bei einem der Therapeuten haben möchte. Oder ein Partner sagt ab und der andere möchte allein kommen. Wie soll man da verfahren? Ein Einzelgespräch kann zwar sehr hilfreich sein, um Informationen zu erhalten, die in der Paarsitzung nicht möglich wären, aber es kann beim abwesenden Partner Misstrauen erzeugen. Dieser kann zum Beispiel befürchten, dass in seiner Abwesenheit das Gleichgewicht der Sympathie beeinflusst wird oder Geheimnisse verraten werden, die er oder sie nicht preisgeben möchte. Es entsteht bei ängstlichen oder paranoiden Individuen manchmal sogar die Befürchtung, dass hinter ihrem Rücken eine »konspirative Verbindung« gegen sie geschmiedet wird.

Daher muss beim Wunsch nach individuellen Gesprächen deren Notwendigkeit und Nutzen sehr genau geprüft werden. Es muss dem anderen Partner dasselbe Angebot gemacht werden, auch ein Einzelgespräch zu bekommen. Auf dieses Gleichgewicht von Zuwendung und Aufmerksamkeit ist sehr zu achten, sonst entgleitet die Beratung. Genauso wichtig ist es unserer Meinung nach, dass der Therapeut nie zum Geheimnisträger eines der beiden Ehepartner werden darf. Das bedeutet die Inhalte des Einzelgespräches müssen in die Paarberatung eingebracht werden. Auch dies ist vor einem Einzelgespräch mit beiden zu klären.

Dies alles sind wichtige Fragen, die zwar das Setting betreffen, aber auch deutlich machen, wie fragil und zerbrechlich, gerade am Anfang, die Situation ist. Das Paar kennt die Therapeuten und deren Arbeitsstil noch nicht richtig und muss ihnen sowieso sehr viel Vertrauen entgegenbringen. Daher sollte dieser Vertrauensvorschuss nicht überstrapaziert werden.

Prinzipiell können und dürfen alle Beteiligten nach dem »Erstgespräch« noch einmal entscheiden, ob sie überhaupt weiter miteinander arbeiten wollen. Das Paar überprüft seine Gefühle gegenüber den Therapeuten: Fühlen beide sich angenommen und verstanden? Oder gibt es Bedenken, die jetzt schon besprochen werden müssen? Und die Therapeuten müssen sich auch fragen, ob sie sich für die dargestellte Problematik kompetent fühlen und genug Empathie empfinden, um auch die kommenden Belastungen dieses Falles zu tragen.

In der Regel empfehlen wir eine Bedenkzeit. Aber es kommt auch vor, dass die Entscheidung eindeutig ist und gleich gefällt werden kann. Ab da gilt eine gewisse Verpflichtung zur zuverlässigen Zusammenarbeit. Dazu gehört es, Termine einzuhalten bzw. rechtzeitig abzusagen, pünktlich zu beginnen, eine Verschwiegenheit zu wahren und weitere Regeln zu beachten, die zum Kontrakt gehören.

Abgekürzt lautet diese Initialphase der Therapie: KONTAKT, KONTRAST, KONTRAKT. Kontrast bezieht sich hier auf die Bearbeitung der Unterschiede, die, wie anfangs beschrieben, geklärt werden müssen, bis eine gemeinsame Zielsetzung formuliert worden ist.

2.1.3 Motivation und Ressourcen prüfen

Hier geht es vor allem um die Frage was motiviert das Paar zur Therapie, und was ist das Paar bereit, zu investieren? Dabei spielt das Geld meistens die kleinere Rolle. Die Kosten in freien Praxen sind tragbar, in kommunalen und subsidiären Beratungsstellen (z. B. Caritas oder Diakonie) ist die Beratung kostenlos. Es geht bei der Motivation vielmehr um das Ausmaß der inneren Beteiligung und des emotionalen Einsatzes. Kann und will das Paar überhaupt noch konstruktiv mit seinen Konflikten umgehen? Oder soll in der Beratung nur der häusliche Streit fortgeführt werden, in der Hoffnung, dass ein vermeintlicher Richter endlich ein Urteil fällt?

Jedes Paar, und sei es noch so tief in der Krise, bringt wertvolle Ressourcen mit sich, die genutzt werden können, auch wenn sie durch die verloren gegangene Solidarität verschleiert sind. Allein der Umstand, dass sie es zumindest in den ersten Jahren ihrer Beziehung geschafft haben, zusammen glücklich zu sein, deutet doch darauf hin, dass sie die Fähigkeiten dazu haben.

Sie waren auch in der Lage die Anfänge der Krise in einem erträglichen Rahmen zu halten, sodass ihre Beziehung – oft jahrelang – gut funktioniert hat. Vielleicht haben sie sogar eine Familie gründen können, mit gut geratenen Kindern, oder haben ein Geschäft gemeinsam aufgebaut, ein gewisses Vermögen angesammelt usw. Was auch immer an Erfolg erreicht wurde, beweist, dass sie ein starkes Team sein können, wenn sie es wollen; sie sind nicht immer so hilflos und destruktiv gewesen, wie sie sich gerade jetzt fühlen.

Genau diese verschütteten Fähigkeiten müssen ins Bewusstsein gerückt und für die Auflösung der vorhandenen Schwierigkeiten mobilisiert werden. Denn jede Therapie kann nicht ohne die Selbstheilungskräfte des Patienten erfolgreich sein. Letztendlich heilt uns, auch in der Medizin, nicht ein Medikament, sondern das eigene Immunsystem, das wieder in die Lage versetzt wird, sich beispielsweise gegen schädliche Mikroorganismen zu wehren. Genau diese Selbstheilungskräfte bilden ein großes Reservoir, aus dem das Paar in der gemeinsamen Therapie Kraft und Zuversicht schöpfen kann.

So ist es richtig, in der Beratung genau diese Ressourcen zu erfragen und zu benennen, um damit arbeiten zu können. Wenn sich aber herausstellt, dass das Paar nur aus inneren oder äußeren Zwängen zusammenlebt, dann muss auch diese bittere Wahrheit erkannt werden.

Die 5 »W’s« im Erstgespräch:

Das bisher Beschriebene lässt sich gut in unseren sogenannten »5 W’s« im Erstgespräch zusammenfassen und bietet so eine schnelle Checkliste der Anamnese:

W

as ist los?

W

ann fingen die Beschwerden/Probleme an?

W

arum kommen Sie gerade jetzt zur Beratung?

W

as ist Ihr Ziel, und wie haben Sie bisher versucht, es zu erreichen?

W

as sind Sie bereit, zu tun, um dieses Ziel zu erreichen?

Natürlich sind diese Punkte auch in einer Einzelberatung gut zu erfragen.

2.1.4 Rekonstruktion der Krise