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Gunther Plüschow (1886-1931) führte ein Leben voller Gefahr und Dramatik, das den meisten Menschen verwehrt bleibt und wesentlich die Faszination speist, die viele noch heute beeindruckt. Als Seeoffizier und "Flieger von Tsingtau" gelang ihm als einzigen deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs die Flucht aus britischer Gefangenschaft. Plüschow wurde berühmt und stellte nach 1918 seine große Tatkraft in den Dienst ziviler geografischer Entdeckungen. Der Unbedingtheit seines Willens wohnten aber bisher verheimlichte Schattenseiten inne. Dass er unnotwendige Risiken einging, kostete Plüschow das Leben.
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Seitenzahl: 83
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Inhalt
1. Einleitung
2. Kindheit und Jugend
2.1 Die Kindheit
2.2 Im Kadettenkorps
3. Schiffsoffizier in der kaiserlichen Marine
3.1 Die „Stosch“
3.2 Exkurs: Der „Tirpitz-Plan“
3.3 Offizier auf einem Torpedoboot
3.4 Im Fernen Osten
3.5 Marinedienst in Deutschland
4. „Der Flieger von Tsingtau“
4.1 Ausbildung zum Seeflieger
4.2 Letzte Friedenstage in Tsingtau
4.3 Kriegszustand
4.4 Der Aufklärungsflieger
4.4.1 Die Frühphase der Belagerung
4.4.2 Bomben und Luftkämpfe
4.4.3 Das Ende in Tsingtau
5. Um den halben Globus - die lange Flucht
5.1 Landung in China
5.2 Shanghai
5.3 Amerika
5.4 In britischer Gefangenschaft
5.4.1 Gibraltar
5.4.2 In verschiedenen Lagern
5.4.3 Entkommen!
6. Wieder in Deutschland
6.1 Kriegsdienst
6.2 Das Ende des Kaiserreiches
7. Vom Militär zum Entdecker
7.1 Der Abstieg: Kinoansager
7.2 Reise nach Südamerika
7.2.1 Die Reederei Laeisz
7.2.2 An Bord der „Parma“
7.2.3 Feuerland
8. Die erste Feuerland-Expedition
8.1 Reisevorbereitungen
8.2 Mit der „Holzpantine“ über den Ozean
8.3 Erkundungen per Flugzeug und Boot
8.4 Abschied vom Feuerland und weitere Entdeckungen
8.5 Aufarbeitung der Reise
9. Die zweite Flugexpedition und Plüschows Tod
9.1 In Argentinien und Chile
9.2 Ungeduld und vorzeitiger Tod
10. Das Nachleben: gefeiert, vergessen, neu entdeckt
11. Literatur
1. Einleitung
„Die Menschen gehen hinaus in die die Weiten dieser Welt aus unterschiedlichen Gründen. Einige treibt die Liebe zum Abenteuer an, andere der Hunger nach wissenschaftlicher Erkenntnis. Wieder andere werden angezogen von der unerklärlichen Faszination des Unbekannten“.
Ernest Henry Shackleton (1874-1922), Antarktis-Forscher
Gunther Plüschow war eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Er lebte von 1886 bis 1931 und gehörte vier Jahre lang der Kadettenanstalt in Berlin/Lichterfelde an. Auf dem Lichterfelder Parkfriedhof fand er die letzte Ruhestätte. In Argentinien und Chile ist er fast so berühmt wie Alexander von Humboldt. Auch im eigenen Land war Plüschow seit dem Ersten Weltkrieg jahrzehntelang sehr bekannt, wurde aber später vergessen.
Was ist an Gunther Plüschow so bedeutsam? Er führte erstens ein Leben, das den meisten Menschen im grauen, trüben, langweiligen Alltag verwehrt bleibt und wesentlich die Faszination speist, die viele beeindruckt und auch Plüschows Witwe Isot in ihren Bann schlug. Auf dem Schreibtisch des toten Ehemannes fand sie die folgenden Utensilien: „ein Logbuch (Schiffstagebuch), einen Marinedolch, Flugkarten, Kompasse, eine zerschmetterte Armbanduhr, Steckbriefe von Scotland Yard, Bilder von Gletschern, Urwäldern, Meeresstürmen, ein geborstenes Steuerrad“.
Plüschow erlebte Todesgefahr, Glück und dramatische Unglücksfälle, höchste Not, Ruhm und Niederlagen, die noch den besten Abenteuerroman in den Schatten stellen. Zunächst trat er in die kaiserliche Marine ein, stieg zum Offizier auf, absolvierte 1914 innerhalb weniger Tage eine Ausbildung zum Marineflieger, kam gleich darauf in die deutsche Kolonie Tsingtau, wo er als Aufklärungsflieger – der „Flieger von Tsingtau“ - berühmt wurde.
Als die Japaner Tsingtau nach wenigen Monaten eroberten, flüchtete Plüschow und geriet in englische Kriegsgefangenschaft. Als einzigem deutschem Soldaten gelang es ihm während des Ersten Weltkriegs, aus Großbritannien zu entkommen. Manchmal hat er die zerstörerische Sinnleere des Krieges erkannt, solche Zweifel aber wohl verdrängt.
1919 verließ der `Wilhelminer` Plüschow die Armee, weil er die Republik ablehnte. Seit Mitte der 20er-Jahre lebte er als Seemann und Flieger, den die geografische Entdeckung und Forschung begeisterte. Mit einem Segelkutter fuhr der pensionierte Ex-Offizier nach Südamerika, weil er sich vorgenommen hatte, mittels eines kleinen Flugzeugs den südlichen Teil Lateinamerikas, insbesondere Feuerland, zu erkunden. 1931 starb er bei einem Flugzeugabsturz in Argentinien. In der zweiten Lebenshälfte demonstrierte er, dass man Abenteuerlust und Kühnheit auch sinnvoll und friedlich nutzen kann.
Bisher fehlt eine deutschsprachige Biografie über Plüschow, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Die immer noch ausführlichste Biografie stammt aus dem Jahr 1933 und wurde von Isot Plüschow geschrieben. Sie sah in ihrem Mann einen feurigen Abenteurer, der wie in einem „Wikingerlied“ den „ewigen Deutschen voller Fernsehnsucht“ verkörperte, einen „Pfadfinder ins abenteuerliche Unbekannte“ und „deutschen Wiking“. Die naivromantische, ideologisch aufgeladene Stilisierung zum„Übermenschen“ entsprach dem damaligen Zeitgeist.
Äußerlich zerfiel Plüschows Leben in zwei sehr unterschiedliche Phasen. Er war eben nicht nur ein Abenteurer, sondern zweitens jemand, der sich nach 1918 vom einstigen „Kriegshelden“ zu einem Mann wandelte, der Seefahrt und Fliegerei der Wissenschaft unterstellte. Seine Fähigkeiten, die er lange vergeudet hatte, machte er nun einer besseren Sache dienstbar, obwohl er stets ein wilhelminisch und antirepublikanisch geprägter Offizier blieb, als schlügen zwei Seelen in einer Brust.
Daher möchte der Verfasser einen Plüschow zeigen, der jenseits unkritischer Heldenverehrung lebte. Die Zwiespältigkeit Plüschows offenbart das Janusgesicht der abendländischen Kultur - ihrer Technik, Abenteuerlust und Entdeckerfreude, die für Zwecke destruktiver, aber auch humaner Art eingesetzt werden können.
2. Kindheit und Jugend
2.1 Die Kindheit
Geboren wurde Gunther Plüschow am 8. Februar 1886 in München und auf den Namen „Gunther“ getauft, welcher der Nibelungensage entlehnt war. Sein Vater Amandus Eduard Plüschow (1855-1911) war ein ehemaliger Offizier und entstammte dem mecklenburgischen Hochadel. Die Plüschows gingen väterlicherseits auf den Herzog Friedrich Ludwig von Mecklenburg (1778-1819) zurück, der 1808 Gunther Plüschows bürgerliche Urgroßmutter Luise Charlotte Ahrens geheiratet hatte und von ihr einen Sohn bekam, der nach dem herzoglichen „Schloss Plüschow“ benannt wurde. 1815 wurde Friedrich Ludwig Erbgroßherzog von Mecklenburg-Schwerin.
Gunther Plüschows Vater, ein Enkel Friedrich Ludwigs, ergriff nach kurzer erfolgloser Laufbahn beim Militär den Beruf des Journalisten, zog aus Interesse und Neigung in die „Kunststadt“ München, wo auch der von ihm verehrte Richard Wagner lebte.
1880 heiratete er Hermine Wellensiek (1858-1910), Gunthers Mutter, die von westfälischen Tabakindustriellen aus Bünde abstammte. Amandus Eduard Gunther Plüschow war nach Hans der zweitgeborene Sohn. Der dritte und jüngste Sohn hieß Wolfgang (1888-1918). Die Brüder hatten eine Schwester namens Carlotta (1891-1914).
In Gunthers früher Kindheit zog die Familie nach Rom. Da es dort keine deutsche Schule gab, kam der junge Gunther Plüschow in eine Unterrichtsanstalt, die französische Jesuiten leiteten. Gunther lernte Französisch und Italienisch; die Eltern verkehrten in Rom mit Literaten, Malern und Musikern.
Plüschows Vater erkrankte, und die Familie beschloss, wieder in Deutschland zu leben, auch weil Gunthers älterer Bruder Hans, den familiären Traditionen gemäß, in eine Kadettenanstalt eintreten sollte. Von Rom zogen sie nach Bünde in Westfalen. Plüschows Großvater mütterlicherseits unterhielt in Bünde eine Tabakfabrik.
In der Schule der Stadt galt Plüschow als selbstbewusstes Kind, das sich ungern der von den Lehrern geforderten Disziplin beugte. Als er Hans in der Plöner Kadettenanstalt besuchte, missfiel Gunther die Atmosphäre der Unterdrückung, doch änderte dieses Ärgernis nichts daran, dass er später den wilhelminischen Geist verinnerlichte.
Nachdem der Großvater gestorben war, zog die Familie nach Mecklenburg, in die Heimat des Vaters, der eine Anstellung am Schweriner Museum erhielt.
Auf dem Schweriner See erlernte Gunther, angeleitet von einem pensionierten Kapitän, auf einer Jolle das Segeln. So wurde die Liebe schon des Kindes zum Meer und zur Seefahrt geweckt. „Der Junge jauchzte auf, das war das Leben, wie es ihm Spaß machte, mit Sturm und Wetter kämpfen, frei und wild“. Bald schon kannte er für seinen künftigen Lebens- und Berufsweg nur eine Losung: „hinaus auf die See!“
2.2 Im Kadettenkorps
Im April 1896 folgte Gunther Plüschow, zehn Jahre alt, seinem Bruder Hans in die Kadettenanstalt Plön; hier begegnete ihm auch der Hohenzollern-Kronprinz Wilhelm. Der gesamte Tagesablauf war strikt geregelt. „Vorgesetzte über alles, über alles in der Welt“ hieß die oberste Devise. Einmal besuchte die Kaiserin Auguste Viktoria das Kadettenhaus und sprach mit Gunther einige Worte.
Hans wechselte 1898 in die Hauptkadettenanstalt (HKA) Lichterfelde nahe Berlin. Gleichzeitig kam Gunthers jüngster Bruder, Wolfgang, nach Plön. In der „freiheitlichen Gesinnung der Familie“, behauptet Isot Plüschow, habe sich jeder der drei Brüder gemäß seiner Eigenart entwickeln können.
Bei einer Wanderung entlang der Ostseeküste sah Gunther Plüschow Torpedoboote und fasste den Entschluss, Seeoffizier zu werden und ein Torpedoboot zu kommandieren. Hierzu hatten ihn auch die seglerischen Erfahrungen auf dem Schweriner See animiert.
Nach vier Jahren in Plön trat Gunther 1900 ebenfalls in die Hauptkadettenanstalt ein; sie trug den Spitznamen „Zipangu“ (= Alt-Japan, Symbol für Isoliertheit). Das Leben in der HKA unterschied sich sehr von Plön. Die Zöglinge galten, obwohl erst 14 Jahre alt, fast schon als vollwertige Soldaten und hatten sich auch untereinander mit „Sie“ anzureden.
Die Kadettenanstalt lag „in einem mächtigen Geviert, das von doppelt mannshohen, dicken roten Mauern umschlossen war. Strenge und Nüchternheit atmeten die quadratischen Backsteinmauern im Innern, sodass wohl manchen der Eintretenden eine ähnliche Empfindung überkommen konnte, wie Dante sie am Eingang zur Hölle gemeißelt glaubte: `Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung schwinden` “. In diesem Militärkloster fasste allein der Speisesaal 1200 Plätze.
Gunther kam auf die „Stube 9“ und erhielt eine neue Uniform plus drei Mark Taschengeld. An den Sonntagen gab es Urlaub. Neben einem normalen Schulunterricht, der etwa dem Lehrplan der Realgymnasien entsprach, erfolgte der militärische Drill.
Eines Tages besuchten drei britische Feldmarschälle, French, Roberts und der berühmte Lord Kitchener, die Lichterfelder Anstalt und nahmen den Parademarsch der Kadetten ab.
Die Kadettenanstalten, besonders die in Lichterfelde, vermittelten den künftigen Offizieren ein ausgeprägtes Standesbewusstsein und verschmolzen sie untrennbar mit der Monarchie. Insofern waren die Kadettenhäuser, von demokratischer Seite scharf kritisiert, ein Sockelstein des monarchischen Militärstaates in Preußen/Deutschland.
Nicht zufällig bestand der „jährliche Großkampftag“ der Kadetten darin, an der „Kaiserparade“ auf dem Tempelhofer Feld teilzunehmen. Kaiser Wilhelm II. begrüßte die Kadetten persönlich: „Guten Morgen, Kadetten! – Guten Morgen, Eure Majestät!“ Am Abend marschierten sie, „das Herz von Stolz geschwellt, heim nach Lichterfelde“. In solchen Momenten habe Plüschow „die Verbundenheit mit einer großen Idee“ gespürt; eben darin bestand auch das Ziel der Ausbildung.
Der Kronprinz Wilhelm schenkte Gunther, in Erinnerung an die gemeinsamen Plöner Tage, goldene Manschettenknöpfe, verziert mit Smaragden. Gunther verfasste daraufhin ein Dankesschreiben.
„An den Kronprinzen Wilhelm, Deutsches Reich. – Die Manschettenknöpfe sind tadellos angekommen. Wenn ich später auf der Kommandobrücke meines Flaggschiffes stehe, werde ich immer an unsere gemeinsame Plöner Zeit denken. Ich bringe dem Spender und der ganzen Kaiserlichen Familie ein dreifaches Hipp Hipp Hurrah! In Treue fest Gunther Plüschow“. Auf Druck seiner Mutter, der das Schreiben nicht förmlich genug war, musste Gunther es ändern. Jetzt war von „untertänigstem“ Dank die Rede – eine Wortwahl, die dem jungen Kadetten missfiel und auch nicht recht zu ihm passte.
