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Der achtsame Weg zum authentischen Selbst Integrativ: Verbindet Erkenntnisse aus Neurowissenschaft, psychedelischer Forschung, buddhistischer Psychologie und westlicher Psychotherapie Praktisch: 20 Übungen für Therapie und Alltag Das Bild, das wir von uns selbst haben, wird in unserer Kindheit geformt und ist oft von verschiedenen emotionalen Verletzungen beeinflusst. Jan Benda beschreibt vier Arten solcher Wunden und zeigt, wie sie durch die Entwicklung von Achtsamkeit und Selbstmitgefühl geheilt und transformiert werden können. Mit einem innovativen phänomenologischen Modell der maladaptiven Schemata unterstützt das Buch achtsame Therapeut:innen dabei, die Mechanismen hinter den Symptomen psychischer Störungen besser zu verstehen und psychotherapeutische Interventionen zielgerichtet anzupassen. Es liefert praktische Anleitungen zum Aufdecken verborgener Kernüberzeugungen und zur Behandlung unserer schmerzhaftesten inneren Gefühle wie Existenzangst, Scham und Einsamkeit. Über die reine Heilung hinaus zeigt es Wege auf, ein authentisches und transzendentes Selbst zu entwickeln und warnt zugleich vor häufigen Fallstricken auf diesem Weg. »Dieses Buch präsentiert eine transdiagnostische Sicht auf die Rolle von Achtsamkeit und Selbstmitgefühl bei der Behandlung psychischer Störungen und therapeutischer Veränderungen. Es stützt sich auf Erkenntnisse aus der alten buddhistischen Psychologie sowie auf die moderne westliche Psychologie, die psychedelische Forschung und neurowissenschaftliche Erkenntnisse. Es wird auch erörtert, ob sich persönliche und transpersonale Ansätze gegenseitig ergänzen können. Ein interessantes, klinisch und theoretisch reichhaltiges Buch, das sich für Praktizierende aller Richtungen und für Menschen, die an Selbstentwicklung interessiert sind, lohnt.« Leslie S. Greenberg, Ph.D., angesehene Forschungsprofessorin, Abteilung für Psychologie, York University, Toronto, Kanada »Dieses Buch ist eine Einladung zu einem sehr modernen Gespräch über Psychotherapie. Jan Benda bietet ein Therapiemodell an, das Bindungstheorie, Schematherapie, Neurowissenschaften und buddhistische Psychologie mit selbsttranszendierenden Bewusstseinszuständen verbindet, die man eher auf Meditationsretreats und in der psychedelisch unterstützten Psychotherapie findet. Ein verbindendes Thema ist es, Klienten zu helfen, ihre emotionalen Wunden und sich selbst in achtsamer und mitfühlender Bewusstheit zu halten. Dieses gut dokumentierte Buch wird Kliniker aus verschiedenen theoretischen Richtungen inspirieren und informieren.« Christopher Germer, Ph.D., Dozent (Teilzeit), Harvard Medical School, Autor von The Mindful Path to Self-Compassion »Das achtsame Selbst ist ein profundes Buch für Psychotherapeuten, die Achtsamkeit und Selbstmitgefühl in die Einzeltherapie integrieren wollen. Jenseits von Gruppenprogrammen wie MBSR und MBCT bietet Jan Bendas Integrative Psychotherapie mit Achtsamkeit eine spezifischere Anwendung von Achtsamkeit und Selbstmitgefühl in der Psychotherapie, die eine Tiefe der Heilung bietet, die in Gruppensettings oft unmöglich ist. Dieses Buch birgt ein wirklich inspirierendes und integratives Potenzial für Kliniker verschiedener Richtungen und spirituell Suchende, die ein erfülltes, authentisches Leben führen wollen.« Petra Meibert, Diplom-Psychologin, Psychotherapeutin, MBSR- und MBCT-Lehrerin, Trainerin, Supervisorin und Autorin; Leiterin des Achtsamkeitsinstituts Ruhr und der Tagesklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Oberberg, Essen, Deutschland »Ein einzigartiges Kompendium aus psychologischer Praxis und Theorie - hervorragend recherchiert. Benda illustriert seine klinischen Erfahrungen durch Fallgeschichten. Das Buch inspiriert zu tiefer persönlicher und transpersonaler spiritueller Erforschung, die durch praktische Übungen für Fachleute und Klienten bereichert wird.« Gabor Maté, M.D.
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Seitenzahl: 459
Veröffentlichungsjahr: 2025
Jan Benda
Das achtsame Selbst
Achtsamkeitsinformierte integrative Psychotherapie
Übersetzt von Petr Babka
Schattauer
Besonderer Hinweis:
Die in diesem Buch beschriebenen Methoden sollen psychotherapeutischen Rat und medizinische Behandlung nicht ersetzen. Die vorgestellten Informationen und Anleitungen sind sorgfältig recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen weitergegeben. Dennoch übernehmen Autor und Verlag keinerlei Haftung für Schäden irgendeiner Art, die direkt oder indirekt aus der Anwendung oder Verwertung der Angaben in diesem Buch entstehen. Die Informationen sind für Interessierte zur Weiterbildung gedacht.
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe zum Zeitpunkt des Erwerbs
Schattauer
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Cover: Jutta Herden, Stuttgartunter Verwendung einer Abbildung von © shutterstock/high fliers
Gesetzt von Eberl & Koesel Studio, Kempten
Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck
Lektorat: Marion Drachsel
Projektmanagement: Dr. Nadja Urbani
ISBN 978-3-608-40202-5
E-Book ISBN 978-3-608-12502-3
PDF-E-Book ISBN 978-3-608-20721-7
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Vorwort
Verzeichnis der Abbildungen und Übungen
Abbildungen
Übungen
Einleitung
Teil I
Achtsamkeitsinformierte integrative Psychotherapie
Vorbemerkung
1 Achtsame Diagnostik der psychischen Störungen
2 Frühe Kindheitserfahrungen und die Entwicklung von Psychopathologie
3 Maladaptive Schemata
4 Narratives Selbst und psychische Störungen
Soziale Angststörung
Zwangsstörung
Depressive Störung
Posttraumatische Belastungsstörung
Persönlichkeitsstörungen
Anorexia nervosa
Alkoholabhängigkeit
Zusammenfassung
5 Universelle Lösungsmittel gegen psychische Probleme
Teil II
Das verletzte Selbst
Vorbemerkung
6 Das verlorene Selbst
7 Das verlassene Selbst
8 Das minderwertige Selbst
9 Das aufgeblähte Selbst
10 Heilung des verletzten Selbst
Ich-Zustände
Abwehrmechanismen
Kernschmerz und Gedächtnisrekonsolidierung
Kernüberzeugungen
Teil III
Das authentische Selbst
Vorbemerkung
11 Der achtsame Erwachsene
12 Das Drama-Dreieck und wie man herauskommt
Spiele
Das Drama-Dreieck
Das Problem mit der Verantwortung
Wie befreit man sich aus dem Drama-Dreieck?
13 Erwachsene Verantwortung und ihre Grenzen
14 Selbstmitgefühl und der schützende Ärger
15 Mut zur Trennung und Mut zur Nähe
Beziehungsangst und Beziehungsvermeidung
Das narrative Selbst bei unsicherer Bindung
Maladaptive Strategien zur Emotionsregulation
Heilendes Teilen von Emotionen und Bedürfnissen
16 Meditation, Psychedelika und ihre Fallstricke
Teil IV
Das transzendente Selbst
Vorbemerkung
17 Nonduales Bewusstsein
18 Integration von transpersonalen Erfahrungen
Mitgefühl
Verständnis
Entschlossenheit
19 Achtsamer Zombie, spiritueller Narzisst und erleuchteter Realitätsflüchtling
Achtsamer Zombie
Spiritueller Narzisst
Erleuchteter Realitätsflüchtling
20 Meister der zwei Welten
Schlussfolgerungen
Literatur
Für Manuela und Sára Antonie
Im Juni 2018, am Festtag des Heiligen Johannes des Täufers, inhalierte ich in einem Wohnwagen im Tal der Berounka mit einem einzigen tiefen Atemzug die Dämpfe von 100 Milligramm getrocknetem Sekret der Coloradokröte. In den darauffolgenden Sekunden geschah etwas Unvorstellbares: Es war, als ob sich das gesamte Universum in eine unendliche Armee der Leere verwandelte. Und ich starb. Oder vielmehr zerfiel meine Vorstellung davon, wer ich bin. Es war ein überwältigender Schock! Ein wahrer Umbruch. Doch die Auswirkungen dieses Umbruchs auf mein Leben erwiesen sich als wohltuend. So viel Spannung verschwand. So viel Freude, Vertrauen und Liebe kamen zum Vorschein. Was war geschehen? War es eine Art sofortige Erleuchtung? Gibt es so etwas? Ich glaube nicht. Ich denke, dass ich damals nur die Realität erlebnismäßig berührte, die Buddha als Nicht-Selbst (anattā im Pali) bezeichnete. Schon vorher hatte ich in der Meditation die Vergänglichkeit und Unzufriedenheit aller Phänomene beobachtet und erkannt. Das Psychedelikum Mebufotenin (5-MeO-DMT) zeigte mir deutlich die dritte Eigenschaft der Existenz – die Abwesenheit eines festen, unveränderlichen Selbst.1 Das war alles. Von diesem Moment an erschienen mir alle Vorstellungen von mir selbst lächerlich. Kindisch. Und ich verlor das Interesse daran, über mich selbst nachzudenken. Aus meinem Erleben verschwanden fast gänzlich Gefühle der Unzulänglichkeit oder der Scham. Sie hörten auf zu existieren, als ich aufgehört habe, an die Existenz eines permanenten Selbst zu glauben.
Die Erfahrung des nondualen Bewusstseins und dass das narrative Selbst nur ein Konzept ist, hat mein Erleben und mich als Psychotherapeuten beeinflusst. Ich erkannte klarer als zuvor, dass selbstbezogene Gefühle von Kernschmerzen, auf deren Bewusstwerdung und Ausdruck ich mich in den letzten Jahren in der individuellen Psychotherapie mit Klienten konzentriert hatte (Benda 2019), auf den Vorstellungen beruhen, die wir von uns selbst haben (siehe das erwähnte narrative Selbst, engl. narrative self). Daher begann ich, mich (paradoxerweise) mehr für das Selbst zu interessieren. Und zu meiner Überraschung konnte ich feststellen, dass das Selbst ein viel diskutiertes Thema in der Psychologie, der Kognitionswissenschaft und den Neurowissenschaften ist (z. B. Brown & Leary 2017b; Frewen et al. 2020; Gallagher et al. 2024; Giommi et al. 2023; Herma & Greve 2024; Kyrios et al. 2016b). In meiner Praxis mit Klienten achtete ich in den darauffolgenden Jahren verstärkt auf negative Kernüberzeugungen (engl. core beliefs) und deren Beziehung zu Gefühlen von Scham, Verlassenheit und existenzieller Angst (Timulak & Keogh 2021). Außerdem beobachtete ich Ich-Zustände und begann, diese mentalen Zustände klar von körperlichen Gefühlen zu unterscheiden (Dalai Lama & Ekman 2008). Meine Erkenntnisse verglich ich mit psychotherapeutischen Theorien und aktuellen wissenschaftlichen Kenntnissen, doch auch mit Einsichten in das Nicht-Selbst, wie sie in der buddhistischen Psychologie der Abhidhamma überliefert sind (Armstrong 2017; Burbea 2014; Goodman 2020). Und aus diesen Beobachtungen und Überlegungen entstand ein phänomenologisches Modell der maladaptiven Schemata (siehe Kap. 3 und 4). Dieses Modell wurde zur grundlegenden Inspiration für dieses Buch.
Das phänomenologische Modell der maladaptiven Schemata zeigt, dass in den Körpern und Geistern von Klienten mit verschiedenen klinischen Diagnosen sehr ähnliche Prozesse ablaufen. Dieses Modell kann achtsamen Therapeuten dabei helfen, die Mechanismen zu verstehen, die den einzelnen Symptomen von psychischen Störungen zugrunde liegen, sowie spezifische psychotherapeutische Interventionen besser anzupassen und auszurichten. Die vorgestellte transdiagnostische Theorie des verletzten Selbst könnte jedoch auch die moderne psychedelisch unterstützte Psychotherapie inspirieren, die versucht, die Wirkmechanismen von Psychedelika zu erklären (z. B. Amada et al. 2020; Cherniak et al. 2022; Gattuso et al. 2023). Psychedelische Erfahrungen und intensive Achtsamkeits- und Einsichtsmeditation haben vieles gemeinsam (siehe Teil IV dieses Buches), unter anderem entwickeln sie das transzendente Selbst. In diesem Buch werden wir auch untersuchen, ob und unter welchen Bedingungen das transzendente Selbst das verletzte Selbst heilen und das authentische Selbst kultivieren kann. In jedem Fall hoffe ich, dass dieses Buch Ihnen hilft, sich selbst und all Ihre Selbste besser zu verstehen und eine mitfühlende Einstellung zu sich selbst und anderen zu entwickeln. Meine Leser zur Entwicklung von Achtsamkeit und Mitgefühl zu motivieren war das Hauptanliegen, mit dem ich Achtsamkeit und das Selbst geschrieben habe.
Danksagung
Ich möchte an dieser Stelle zunächst allen meinen Klienten für ihr Vertrauen und ihren Mut danken, wodurch wir im Laufe der Jahre während der therapeutischen Sitzungen gemeinsam herausfinden konnten, wie unsere tiefsten Wunden geheilt werden können. Die Heilung war immer gegenseitig und dieses Buch wäre niemals entstanden ohne die tiefe Offenheit meiner Klienten und ihre Bereitschaft, ihre Probleme in der therapeutischen Beziehung zu teilen. Ich danke meiner Freundin Manuela dafür, dass ich durch sie erfahren durfte, wie echte Nähe in einer Beziehung aussieht, und für ihre Geduld mit mir während des Schreibens dieses Buches. Ich danke allen Mitgliedern der Kayumari-Gemeinschaft und der Stargate-Schule, dass sie mir ermöglicht haben, die Kraft gegenseitiger menschlicher Unterstützung zu spüren und die heilende Wirkung einer gut funktionierenden und lernenden Gemeinschaft zu erleben. Ein besonderer Dank geht an Henk Barendregt, der mir im Juli 2018 im Garten des Amsterdamer Cafés Dignità half, ein phänomenologisches Modell von maladaptiven Schemata zu erstellen, inspiriert von Buddhas »Abhandlung über die bedingte Entstehung«. Weiterer Dank geht an Maša und Gregor Žvelc, und zwar für ihre Freundschaft und inspirierenden Diskussionen über integrative Psychotherapie, die wir im August 2023 auf der Insel Krk führten. Mein Dank gilt auch Miroslav Světlák für die Erstellung einer offiziellen fachlichen Rezension zu diesem Buch. Vielen Dank meinen Kolleginnen Kristýna Drozdová, Veronika Nevolová und Michaela Cmíralová, die sich die Zeit genommen haben, das Manuskript dieses Buches zu lesen, für ihr freundliches Feedback und die vielen Empfehlungen, dank denen ich den Text des Buches überarbeiten und ergänzen konnte, um damit das Buch verständlicher und lesbarer zu machen. Ich danke auch Hynek Ondřej für die finanzielle Unterstützung der Übersetzung dieses Buches ins Deutsche und Petr Babka für seine sorgfältige Übersetzung.
Von Herzen danke ich euch allen.
Jan Benda
Velké Březno, im Winter 2024/2025
Phänomenologisches Modell eines maladaptiven Schemas
Daniels maladaptives Schema
Amys maladaptives Schema
Zoes maladaptives Schema
Evas maladaptives Schema
Simons maladaptives Schema
Veronicas maladaptives Schema
Ryans maladaptives Schema
Das verletzte Selbst und unerfüllte Bedürfnisse
Persönliche und transpersonale Entwicklung
Das Selbst-Triumvirat
Was für ein Gefühl geht dem Ärger voraus?
Emotionale Brücke zur Vergangenheit
Abstraktionen und Verallgemeinerungen
Liebesbrief an Ihr authentisches Selbst
Liebevolle Aufmerksamkeit und Fürsorge wiedererleben
Befreien Sie sich von omnipotenter Schuld
Sagen Sie Ja zu Ihrer Traurigkeit
Von Minderwertigkeit zur Demut
Vom Piedestal der Überlegenheit absteigen
Ihre Kernüberzeugung auf einem Plakat
Wer bin ich?
Überwindung des Drama-Dreiecks
Lernen Sie, Ihre Warnsignale zu verstehen
Ärger als Schutztier
Öffnen Sie Ihr Herz in Ihren Beziehungen mit anderen
Habe ich ein gesund funktionierendes authentisches Selbst?
Transpersonale Disidentifikation
Speichern Sie ein Gefühl des Staunens und der Dankbarkeit in Ihrer inneren Datenbank
Was will das Leben von mir?
Integrität der Werte
In der Welt der Psychotherapie gibt es einen bemerkenswerten Widerspruch zwischen der formalen Diagnostik psychischer Störungen und der Art und Weise, wie die meisten Psychotherapeuten2 in der Praxis mit diesen Störungen umgehen. Beispielsweise verwenden Therapeuten in der Forschung oder in der Kommunikation mit Krankenversicherungsanstalten routinemäßig die diagnostischen Klassifikationssysteme DSM-5 und ICD-11 (siehe Kap. 1), doch in der therapeutischen Praxis gehen sie oft anders an die Probleme der Klienten heran (siehe die Fallformulierung oder Konzeptualisierung; z. B. Goldman & Greenberg 2015; Timulak & Pascual-Leone 2015). Aktuelle Diagnosen helfen nur bedingt bei angemessenen psychotherapeutischen Interventionen. Die meisten Kollegen konzentrieren sich daher nicht nur auf die äußeren Symptome psychischer Störungen, sondern versuchen auch, die verborgenen Mechanismen aufzudecken und zu beeinflussen, welche die Entstehung der einzelnen Symptome verursachen. Über diese verborgenen Mechanismen schweigen die diagnostischen Handbücher meist, da es oft schwierig ist, sie mit objektiven wissenschaftlichen Methoden zu erfassen. Es gibt jedoch ein sehr populäres Werkzeug, das sich hervorragend zur Erkennung dieser maladaptiven Schemata eignet. Dieses Werkzeug ist Achtsamkeit (engl. mindfulness) – die Fähigkeit, die Prozesse in unserem Körper und Geist im gegenwärtigen Moment wahrzunehmen.
In der Lehre Buddhas wird Achtsamkeit seit zweieinhalbtausend Jahren als Mittel zur Selbsterkenntnis, Selbstheilung und Selbsttranszendenz eingesetzt. In diesem Buch nutze ich die Achtsamkeit, um maladaptive Schemata eingehend zu untersuchen. Ich werde erklären, wie maladaptive Schemata unsere Wahrnehmung, unser Denken, Erleben und Verhalten beeinflussen und auf diese Weise das Entstehen von offensichtlichen Symptomen psychischer Störungen verursachen. Darüber hinaus wird aufgezeigt, wie einzelne Elemente maladaptiver Schemata durch Achtsamkeit und Selbstmitgefühl »entwaffnet« und transformiert werden können. Besondere Aufmerksamkeit widme ich dabei unserem konzeptuellen, narrativen Selbst. Die in diesem Buch vorgestellte Transdiagnostische Theorie des verletzten Selbst integriert die Bindungstheorie (z. B. Cassidy & Shaver 2016; Kyrios et al. 2016b), die Mustertheorie des Selbst (z. B. Gallagher et al. 2024) und die Theorie der ontologischen Abhängigkeit (Shonin et al. 2016; van Gordon et al. 2018). Sie bietet ein transtheoretisches, phänomenologisches Modell maladaptiver Schemata und erläutert die Rolle des Mangels an Achtsamkeit und Selbstmitgefühl in der Ätiologie psychischer Störungen und in der psychotherapeutischen Veränderung. Dabei wird der Einfluss unserer Selbstvorstellung (narratives Selbst) auf das Entstehen psychopathologischer Symptome aufgezeigt und angedeutet, wie durch die Entwicklung eines flexiblen, authentischen Selbst und eines transzendenten Selbst die Resilienz, die Fähigkeit zur Emotionsregulation und die Fähigkeit, enge Beziehungen zu knüpfen und aufrechtzuerhalten, gesteigert werden können.
Das Buch schöpft aus den Erkenntnissen der alten buddhistischen Psychologie, der westlichen Psychotherapie, der psychedelischen Forschung und den neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften. Es beschreibt, wie die Entwicklung von Achtsamkeit und Selbstmitgefühl in der individuellen Psychotherapie genutzt werden kann. Es richtet sich jedoch nicht nur an Psychotherapeuten, sondern auch an die, welche sich für die persönliche Entwicklung interessieren oder ernsthaft spirituell suchen. Ein zentrales Themen des Buches ist die Frage, ob transpersonale Erfahrungen – sei es durch Meditation oder Psychedelika – zur Heilung unserer frühen Entwicklungstraumata beitragen können. Können sich persönlicher und transpersonaler Entwicklungsweg ergänzen? Können transpersonale Erfahrungen psychische Störungen heilen? Können sie unsere maladaptiven Schemata heilen? Unser »verletztes Selbst«? Und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Zu deren Beantwortung werden wir in diesem Buch Schritt für Schritt gelangen. Bevor ich jedoch auf diese Fragen eingehe, werde ich die entscheidende Rolle eines flexiblen authentischen narrativen Selbst in unserem alltäglichen Funktionieren erklären. Ich werde auch die Bedeutung von Beziehungserfahrungen bei der Entwicklung von Selbstmitgefühl hervorheben.
Wie ist aber die Struktur des gesamten Buches?
Im I. Teil werden wir uns zunächst mit der achtsamen Diagnostik maladaptiver Schemata vertraut machen (Kap. 1). Ich werde kurz Entwicklungstrauma und die Entstehung maladaptiver Schemata besprechen (Kap. 2). Dabei komme ich zur Unterscheidung von vier charakteristischen Elementen der maladaptiven Schemata: Kernüberzeugungen, Gefühle der Kernschmerz, Abwehrmechanismen und archaische Ich-Zustände (Kap. 3). Anschließend illustriere ich anhand von Fallbeispielen, wie maladaptive Schemata die Entstehung psychopathologischer Symptome bei sieben ausgewählten psychischen Störungen beeinflussen (Kap. 4). Schließlich skizziere ich, wie maladaptive Schemata durch Achtsamkeit und Selbstmitgefühl behandelt werden können (Kap. 5).
Im II. Teil des Buches werden wir die vier Typen maladaptiver Schemata (die vier »verletzten Selbst«) genauer betrachten und ich erkläre, dass das »verlorene Selbst« entsteht, wenn wir uns in der frühen Kindheit nicht oft genug geschützt und sicher fühlen (Kap. 6). Das »verlassene Selbst« entwickelt sich, wenn es uns in der frühen Kindheit an ausreichender Wärme und Nähe fehlt oder wir die Welt nicht als sicheren Platz wahrnehmen (Kap. 7). Das »minderwertige« und das »aufgeblähte Selbst« entstehen, wenn wir als Kinder nicht genügend elterliche Unterstützung und Anerkennung erfahren oder es uns an klarer Führung und liebevollen Grenzen fehlt (Kap. 8 und 9). Ich werde dann die Bedeutung korrigierender Beziehungserfahrungen und der Gedächtnisrekonsolidierung in der psychotherapeutischen Veränderung hervorheben und auch die kognitive Neubewertung von Kernüberzeugungen als geeignete ergänzende Strategie bei der Arbeit mit maladaptiven Schemata erwähnen (Kap. 10).
Im III. Teil des Buches werden wir uns mit der Entwicklung eines flexiblen, authentischen narrativen Selbst in Beziehungen mit nahestehenden Menschen beschäftigen. Zunächst bringe ich in Erinnerung, dass die »rechte Achtsamkeit« in unserem alltäglichen Leben mit der Erkenntnis der ethisch-psychologischen Zusammenhänge unseres Erlebens und dem »weisen Abwägen« unseres Handelns verbunden sein sollte (Kap. 11). Anschließend betrachten wir, wie uns maladaptive Schemata dazu zwingen, in Beziehungen immer wieder dieselben Szenarien zustande zu bringen, und wie wir von diesen Mustern loskommen können (Kap. 12). Ich werde besprechen, was »gesunder Egoismus« und gesunde persönliche Grenzen sind (Kap. 13). Des Weiteren werde ich eine Unterscheidung zwischen reaktivem und mitfühlendem (schützendem) Ärger vornehmen (Kap. 14). Ich werde beschreiben, wie unsere Beziehung zu uns selbst uns helfen kann, ein Gleichgewicht zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit in Beziehungen zu finden (Kap. 15). Kritisch widme ich mich dann der Frage, ob korrigierende Beziehungserfahrungen durch Meditation oder Psychedelika bei der Heilung des verletzten Selbst ersetzt werden können (Kap. 16).
Teil IV des Buches untersucht die Grenzfläche von Psychologie und Spiritualität und beschäftigt sich mit der transpersonalen Entwicklung. Ich werde klarstellen, wie sowohl Meditation als auch Psychedelika Selbstlosigkeit fördern und allmählich unser Verständnis von uns selbst verändern (Kap. 17). Des Weiteren stelle ich ein neues Modell zur Integration transpersonaler Erfahrungen vor (Kap. 18). Dann werde ich auf die Syndrome des achtsamen Zombies, des spirituellen Narzissten und des erleuchteten Realitätsflüchtlings eingehen (Kap. 19). Um den Alltag geschickt zu meistern, benötigen wir sowohl den passiven Modus des achtsamen Beobachtens und Seins als auch den aktiven Modus des Denkens und Tuns (Kap. 20).
Die in den Kapiteln behandelten Themen werden kontinuierlich durch Fall- und Dialogbeispiele zwischen Therapeuten und Klienten aus meiner therapeutischen Praxis veranschaulicht. Um die Anonymität zu wahren, wurden die Namen der Klienten und andere Details, anhand derer sie identifiziert werden könnten, geändert. Experten können in dem Buch wertvolle Hinweise auf insgesamt 278 Bücher, 360 psychologische und 71 neurowissenschaftliche Artikel finden (von den zitierten Artikeln stammen 51 % aus den letzten fünf Jahren, d. h. aus den Jahren 2019 bis 2023). Da es jedoch nicht leicht ist, Achtsamkeit und Selbstmitgefühl nur durch theoretisches Studium zu verstehen, enthält das Buch auch praktische Übungen, die es ermöglichen, Achtsamkeit und Selbstmitgefühl erfahrungsorientiert kennenzulernen.
Liebe Leserinnen und Leser, ich bitte Sie: Nehmen Sie sich während des Lesens immer wieder einen Moment Zeit, um zu atmen und zu üben, und treten Sie kurz von den wissenschaftlichen Konzepten zurück. Sie werden feststellen, dass Ihnen Ihre gelebten Erfahrungen helfen werden, die verschiedenen Aspekte und Zusammenhänge von Achtsamkeit und Selbstmitgefühl, die in dem vorliegenden Buch diskutiert werden, besser zu verstehen als durch bloßes theoretisches Studium.
Nun, da wir schon eine Rahmenvorstellung davon haben, was uns in dem Buch erwartet, können wir zum ersten Teil des Buches übergehen, der die grundlegenden Prinzipien der achtsamkeitsinformierten integrativen Psychotherapie vorstellt.3
Teil I
Haben Sie schon einmal versucht, das Wort Achtsamkeit (engl. mindfulness) in eine Suchmaschine einzugeben? Die Ergebnisse waren wahrscheinlich verblüffend, oder? Es gibt so viele Bücher, Artikel, Podcasts, Apps, Kurse und Workshops über Achtsamkeit, unglaublich! Aber warum? Warum gibt es so viel Aufsehen um Achtsamkeit? Was macht dieses Thema so faszinierend? Warum weckt Achtsamkeit das Interesse von Phänomenologen, Kognitionswissenschaftlern, Neurowissenschaftlern, Psychologen, Psychiatern, Psychotherapeuten und begeisterten Laien? Ich glaube, der Hauptgrund ist, dass uns Achtsamkeit eine völlig neue Sichtweise auf uns selbst und die Welt um uns herum bietet (Benda 2019). Sie ermöglicht uns, besser zu verstehen, wer wir sind. Sie befähigt uns, Gefühle der Isolation und Selbstentfremdung zu überwinden und stattdessen tiefe Verbindungen zu anderen, ein Zugehörigkeitsgefühl und Nähe zu erleben. Sie dient als Werkzeug zur Selbsterkenntnis, Selbstheilung und Selbsttranszendenz. Ja, durch Achtsamkeit können wir psychische Schwierigkeiten lindern. Aber wir können auch etwas berühren, das uns übersteigt, und all das ohne religiöse Dogmen, praktisch und erfahrungsorientiert. Das ist der Grund, warum ich denke, dass Achtsamkeit so ein Hit ist. Deshalb fesselt sie die Psychologen.
In den letzten 30 Jahren sind in der Welt der Psychotherapie immerhin zahlreiche Ansätze und Programme entstanden, die Achtsamkeit nutzen. Dazu gehören in erster Linie Ansätze der 3. Welle der Kognitiven Verhaltenstherapie, wie z. B. die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie (Segal et al. 2013), das Programm zur Stressbewältigung durch Achtsamkeit (Lehrhaupt & Meibert 2010), die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (Harris 2019b) oder die Dialektisch-Behaviorale Therapie (Linehan 1993). Es gibt jedoch auch existenziell-humanistische (Gold & Zahm 2018; Wegela 2014), psychodynamische (Price & Hooven 2018; Shepherd 2020) und integrative Ansätze (Alper 2016; Benda 2019; Žvelc & Žvelc 2021), die Achtsamkeit einbeziehen.
Chris Germer beschreibt in seinem Buch Mindfulness and Psychotherapy drei typische, in der Gegenwart zu findenden Wege, wie Achtsamkeit in der Psychotherapie integriert werden kann (Germer 2013):
Ein praktizierender Therapeut könne Achtsamkeit implizit in die Therapie einbringen, indem er dank seiner durch Meditation entwickelten Achtsamkeit die Prozesse, die in der Therapie ablaufen, und zwar sowohl in ihm selbst als auch auf der Seite des Klienten, besser wahrnimmt.
Wenn der Therapeut überdies noch traditionelle buddhistische Konzepte verwendet für sein Verstehen, die er sich durch seine Meditationspraxis angeeignet hat, spricht Germer von einer »achtsamkeitsinformierten« Therapie.
Von »achtsamkeitsbasierter« Therapie spricht er dann, wenn der Therapeut dem Klienten explizit das Meditieren beibringt oder verschiedene Übungen anwendet, um die Achtsamkeit des Klienten zu entwickeln.
In den letzten 20 Jahren habe ich in meiner Praxis einen »achtsamkeitsinformierten« individuellen integrativen psychotherapeutischen Ansatz entwickelt (Benda 2019). Erstens bin ich aus mehreren Gründen überzeugt, dass die Wirksamkeit der am weitesten verbreiteten »achtsamkeitsbasierten« Programme in gewissem Maße dadurch eingeschränkt ist, dass sie in Gruppen durchgeführt werden und typischerweise nur acht Wochen dauern. Zweitens und vornehmlich halte ich aber die Meditation für sich allein nicht für ein ausreichendes Werkzeug zur Behandlung von psychischen Störungen.
Zwar bezweifle ich nicht, dass achtsamkeitsbasierte Programme den Teilnehmenden helfen, Stress abzubauen oder Depressionen zu lindern. Es bleibt jedoch fraglich, ob sie die Achtsamkeit auch genau dann anwenden können, wenn sie sie am dringendsten benötigen, z. B. wenn bei ihnen ein maladaptives Schema aktiviert wird. Der ausführlicheren Erklärung der maladaptiven Schemata werden wir uns in den folgenden Kapiteln dieses Buches widmen (siehe auch Benda 2019). Bis dahin können wir festhalten, dass sie die »Kernpathologien« sind, die den meisten psychischen Störungen zugrunde liegen. Schemata sind, allgemein gesprochen, tief verwurzelte Emotions- und Beziehungsmuster oder Programme, die unser Erleben automatisch und unbewusst steuern. Sie entsprechen dem, was psychodynamische Ansätze traditionell als Komplexe (Adler 1964) oder später im Rahmen der Bindungstheorie als innere Arbeitsmodelle (Bretherton & Munholland 2016; Zimmermann 1999) bzw. mentale Skripte (Ein-Dor et al. 2011; Mikulincer et al. 2021) bezeichneten.
Meiner Erfahrung nach kann ein achtsamer und mitfühlender Therapeut dem Klienten in der Einzeltherapie eine korrigierende emotionale (relationale) Erfahrung vermitteln. Wenn der Therapeut in einem entscheidenden Moment eine mitfühlende Einstellung zu dem, was der Klient erlebt, vermittelt, führt dies zur Gedächtnisrekonsolidierung und zur Transformation maladaptiver Schemata (Benda 2019). Der Schlüssel zur Veränderung liegt jedoch in der neuen Erfahrung, die der Klient in der therapeutischen Beziehung macht (Flückiger et al. 2018; Norcross & Lambert 2018). Deshalb glaube ich, dass keine Übung, die der Klient individuell durchführt, diese Erfahrung ersetzen kann. Meditation sollte in der Psychotherapie daher immer durch andere therapeutische Mittel, Methoden und Techniken ergänzt werden.
Ziel der Achtsamkeits- und Einsichtsmeditation war es im ursprünglichen Kontext nie, unsere persönlichen oder zwischenmenschlichen Probleme zu lösen (Engler 1984, 2003). Ihr Ziel war und ist es, Erwachen (bodhi im Pali) zu erreichen, also die Erkenntnis der absoluten, bedingungslosen Realität und die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburt (saṃsāra im Pali). Dies bedeutet jedoch nicht, psychische Gesundheit in unserem westlichen Verständnis zu erlangen (WHO 2018). Im Alltag kann auch ein erwachter Meditierender weiterhin mit verschiedenen Schwierigkeiten konfrontiert sein (siehe Kap. 19). Meditation führt nämlich nicht automatisch dazu, alle Kompetenzen zu erwerben, die für ein geschicktes Lebensmanagement erforderlich sind. Genau das streben wir jedoch in der Psychotherapie an, darin liegt ein bedeutender Unterschied. Über die Bedeutung der Unterscheidung zwischen absoluter Wirklichkeit (die in fortgeschrittener Meditation erkennbar ist) und konventioneller, bedingter Wirklichkeit unseres Alltagslebens schrieb der buddhistische Gelehrte Nāgārjuna bereits am Übergang vom zweiten zum dritten Jahrhundert in seinem Werk Mūlamadhyamakakārikā (Lehrstrophen über die grundlegenden Lehren des Mittleren Weges) (Siderits & Katsura 2013).
Es sei mir gestattet, dies also noch einmal betonen: In der Meditation geht es darum, sich von saṃsāra zu befreien. In der Psychotherapie geht es darum, zu lernen, zufrieden innerhalb von saṃsāra zu leben.
Freud (1952) räumte ein, dass Klienten in der Psychoanalyse, wenn sie ihre Pathologien loswerden, nur noch das »gemeine Unglück« erleben, das unweigerlich mit dem alltäglichen Leben verbunden ist. Buddha jedoch suchte und fand einen Ausweg aus diesem unvermeidlichen alltäglichen Leiden. In diesem Buch werden wir dann erkennen, dass dort, wo die Psychotherapie endet, die Meditation beginnt. Wir werden jedoch auch klarstellen, dass Meditation die Psychotherapie nicht ersetzen kann.
Im letzten, IV. Teil dieses Buches werden wir uns mit transpersonalen Erfahrungen, meditativen Einsichten und deren Integration beschäftigen. Wir werden über Erfahrungen des nondualen Bewusstseins und des Auflösens des Egos sowie darüber sprechen, wie solche Erfahrungen unser Erleben und unser alltägliches Funktionieren beeinflussen. Der Großteil des Buchs wird jedoch zunächst der Selbstentdeckung, der Selbstheilung und der Kultivierung von Selbstmitgefühl gewidmet sein. Wie Jack Engler (1984, 2003) treffend bemerkte, muss man zuerst jemand sein, bevor man niemand sein kann (d. h. Selbsttranszendenz erreichen kann). Auch wir werden hier diesem weisen Rat folgen. Es sei erwähnt, dass der transdiagnostische Ansatz der Achtsamkeitsinformierten Integrativen Psychotherapie (engl. Mindfulness-Informed Integrative Psychotherapy), der in diesem Buch beschrieben wird, auf den Ideen aufbaut, die den Lesern bereits in dem Buch Achtsamkeit und Selbstmitgefühl (Benda 2019) vorgestellt wurden. Dieser Ansatz baut auf den Arbeiten von Mirko Frýba (z. B. 2008) auf, ist aber auch stark beeinflusst von der Emotionsfokussierten Therapie (Greenberg 2021; Timulak & Keogh 2021) und der Pesso-Boyden-Psychomotorischen Therapie (Baylin & Winnette 2016). Er führt Klienten (und Leser) dazu, Achtsamkeit und Selbstmitgefühl insbesondere während der Aktivierung maladaptiver Schemata zu nutzen (van Vreeswijk et al. 2014). Damit ergänzt er auch die Verfahren der auf Achtsamkeit und Mitgefühl ausgerichteten integrativen Psychotherapie (Žvelc & Žvelc 2021).
Achtsamkeit bietet Psychologen und Psychotherapeuten eine stark spezifische Betrachtungsweise, was den Menschen und sein Erleben betrifft. In diesem Kapitel stellen wir dar, dass und wie diese Sichtweise das traditionelle Verständnis psychischer Störungen verändert.
Achtsamkeit enthüllt bei vielen psychischen Störungen immer wieder dieselben transdiagnostischen Faktoren und Prozesse. Diese Faktoren sind oft hinter den äußeren Symptomen verborgen, die der Klient präsentiert. Wenn ein achtsamer Therapeut dem Klienten zuhört, interessiert ihn nicht nur der Inhalt dessen, was dieser erzählt. Der Therapeut überwacht kontinuierlich sowohl seine eigenen Gefühle und Geisteszustände, die durch die Erzählungen des Klienten ausgelöst werden, als auch alle äußeren Ausdrucksformen von Emotionen beim Klienten (Mimik, Tonfall, unwillkürliche Bewegungen, Gesten, Körperhaltung usw.). Auf diese Weise entdeckt der Therapeut viele wichtige Details über das Erleben seines Klienten, derer sich der Klient selbst oft nicht bewusst ist. In entscheidenden Momenten fordert er dann seinen Klienten auf, auch selbst wahrzunehmen, wie er sich gerade fühlt, was ihm durch den Kopf geht. Durch diesen Ansatz deckt der achtsame Therapeut im Dialog mit dem Klienten schrittweise die Gefühle von Kernschmerzen (engl. core pain), automatische Abwehrmechanismen und verborgene Grundüberzeugungen (engl. core beliefs) des Klienten auf. Diese Elemente des Erlebens des Klienten bilden die Grundlage für die achtsame Diagnostik.
Derzeit gehen Psychologen und Psychiater bei der Diagnose psychischer Störungen von zwei im Wesentlichen sehr ähnlichen diagnostischen Klassifikationssystemen aus: dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen DSM-5 und der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme ICD-11. Das DSM-5 wird von der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung herausgegeben und in den USA und Kanada verwendet. Herausgeber der ICD-11 ist die Weltgesundheitsorganisation (WHO), sie wird weltweit genutzt. In beiden Klassifikationssystemen findet man beispielsweise detaillierte Beschreibungen von Schizophrenie und anderen psychotischen Störungen. Auch affektive Störungen, Angststörungen, stress- oder traumabezogene Störungen, Essstörungen, substanzbezogene Störungen oder Persönlichkeitsstörungen sind darin diagnostisch verschlüsselt. Eines wird jedoch weder im DSM-5 noch in der ICD-11 erwähnt: die Ursache psychischer Störungen. Das klingt fast unglaublich, nicht wahr? Es ist jedoch wirklich so, dass wir die Ursachen psychischer Störungen nicht kennen. Trotz zahlloser verschiedener Theorien, die versuchen, die Entstehung der einzelnen psychischen Störungen zu erklären, gibt es keine einheitliche Theorie, auf die sich alle Experten für psychische Gesundheit einigen können. Es wird in aller Regel angenommen, dass bei der Entstehung psychischer Störungen verschiedene biologische, psychologische und soziale Faktoren eine Rolle spielen (Borsboom et al. 2019; Dalgleish et al. 2020; Kendler 2014; siehe auch Engel 1977). Aber wenn wir keine Klarheit über die Ursachen psychischer Störungen haben, steht die gesamte Diagnostik gewissermaßen auf wackligen Beinen.
Psychische Störungen werden auf der Grundlage typischer Symptome diagnostiziert, d. h. eine Person weist eine charakteristische Konstellation spezifischer Symptome auf. Es ist jedoch nicht selten der Fall, dass ein und dieselbe Person mit demselben psychischen Problem bei wiederholten Untersuchungen von verschiedenen Fachleuten stets eine andere Diagnose erhält. Einer der Experten könnte beispielsweise zu dem Schluss kommen, dass die Person an einer Zwangsstörung leidet, ein anderer könnte Anzeichen einer Persönlichkeitsstörung feststellen und ein weiterer Fachmann könnte mehrere verschiedene psychiatrische Diagnosen stellen, was als Komorbidität bezeichnet wird. Statistiken haben wiederholt gezeigt, dass etwa 50 % der psychiatrischen Patienten Symptome von zwei oder mehr Diagnosen gleichzeitig aufweisen (Caspi et al. 2014; siehe auch McGrath et al. 2020). Aber das ist bei Weitem noch nicht alles.
Moderne neurobildgebende Methoden haben bei verschiedenen psychiatrischen Diagnosen Veränderungen in denselben Hirnarealen aufgezeigt (Gong et al. 2019; Goodkind et al. 2015; McTeague et al. 2020; Parkes et al. 2021).4 Genomweite Assoziationsstudien haben auch identische genetische Prädispositionen für unterschiedliche Diagnosen nachgewiesen (Brainstorm Consortium 2018; Grotzinger 2021; Lee et al. 2019; Selzam et al. 2018; Smoller et al. 2019 und psychiatrische Medikamente helfen häufig Klienten mit verschiedenen Diagnosen (Minami et al. 2019; Waszczuk et al. 2017; siehe auch Kelly et al. 2021). Wie ist das möglich? Vieles deutet darauf hin, dass hinter den offensichtlichen Symptomen einer Vielzahl psychischer Störungen wahrscheinlich gemeinsame, noch nicht vollständig verstandene allgemeine Wirkfaktoren stehen (Carragher et al. 2015; Caspi et al. 2014; Dalgleish et al. 2020; Krueger & Eaton 2015; Michelini et al. 2021). Könnte die Entdeckung dieser Faktoren helfen, die Ursachen psychischer Störungen zu verstehen? Vielleicht ja. Auf jeden Fall scheint es an der Zeit, die aktuelle Klassifikation psychischer Störungen DSM-5 grundlegend zu überarbeiten (Brunoni 2017; Nasrallah 2021; Newson et al. 2021). Es sollte uns nicht überraschen, dass einzelne psychische Störungen vieles gemeinsam haben. Die Grenzen zwischen ihnen sind bei Weitem nicht so deutlich, wie es die bisherigen diagnostischen Kategorien vermuten lassen.
Da sich Experten der grundlegenden Schwächen der aktuellen Klassifikation psychischer Störungen bewusst sind, entstanden in den letzten Jahren in den USA zwei bedeutende wissenschaftliche Initiativen, die versuchen, die verborgenen allgemeinen Wirkfaktoren psychischer Störungen aufzudecken.5 Diese Initiativen sind als RDoC (Research Domain Criteria; Insel et al. 2010) und HiTOP (Hierarchical Taxonomy of Psychopathology; Kotov et al. 2017) bekannt. Beide Initiativen weichen von der bestehenden Kategorisierung ab und bewerten alle psychischen Störungen ausschließlich hinsichtlich des Ausmaßes spezifischer Dysfunktionen in einigen wenigen Dimensionen (Michelini et al. 2021). RDoC konzentriert sich dabei in erster Linie auf die gemeinsamen genetischen, physiologischen und neurobiologischen Grundlagen psychischer Störungen. Die HiTOP-Initiative hingegen orientiert sich stärker an den psychologischen, verhaltensbezogenen und sozialen Manifestationen dieser Störungen. Das innovative hierarchische Modell psychopathologischer Symptome, das im Rahmen der HiTOP-Initiative entwickelt wurde, hat inzwischen größere praktische Anwendung in der klinischen Praxis. Interessanterweise postuliert HiTOP an der Spitze der Pyramide psychopathologischer Symptome einen einzigen übergreifenden transdiagnostischen Faktor, den p-Faktor. Das hierarchische Modell HiTOP unterteilt die Symptome psychischer Störungen weiter in drei (bzw. sechs) allgemeine Kategorien (Kotov et al. 2017; Watson et al. 2022) und beschreibt
Psychosen (deren Symptome weiter in Denkstörungen und Abtrennung unterteilt werden),
externalisierende Störungen (die in enthemmte und antagonistische Störungen unterteilt werden) und
emotionale (internalisierende und somatoforme) Störungen.
Der Fokus dieses Modells auf spezifische maladaptive Prozesse ist der achtsamen Diagnostik deutlich näher als die Nosologie von DSM-5 oder ICD-11. In diesem Buch wird jedoch aufgezeigt werden, dass es die achtsame Diagnostik ermöglicht, spezifische maladaptive kognitive und affektive Prozesse, auf deren Grundlage bei Klienten spezifische Symptome einzelner psychischer Störungen entstehen und aufrechterhalten werden, weitaus präziser zu erfassen und zu beschreiben (zu operationalisieren) als beide genannten Initiativen.
Die heutige Klassifikation psychischer Störungen wurde durch die Nachkriegsentwicklung der wissenschaftlichen Psychologie beeinflusst, die über mehrere Jahrzehnte hinweg objektive Untersuchungsmethoden betonte und die Introspektion vollständig ablehnte (Watson 1913; siehe auch Kraepelin 1920). Daher stützt sie sich häufig auf objektive, messbare oder beobachtbare Kriterien wie Schlafstörungen, Muskelspannung, motorische Unruhe, übermäßigen Alkoholkonsum, absichtliches Erbrechen, übermäßiges Essen, die Unfähigkeit, enge Beziehungen zu bilden und aufrechtzuerhalten usw. Die diagnostischen Handbücher beschreiben jedoch das Erleben des Einzelnen oft recht vage. Sie verwenden häufig Begriffe wie verschlechterte Stimmung, Angst und Stress und erwähnen nur selten Gefühle der Wertlosigkeit, unangemessener Schuld oder Hoffnungslosigkeit. In diesem Punkt unterscheidet sich die achtsame Diagnostik von dem offiziell anerkannten Ansatz.6
Der achtsame Therapeut untersucht gemeinsam mit dem Klienten sehr detailliert die Prozesse, die im Körper und Geist des Klienten in den Momenten ablaufen, die für den Klienten problematisch sind und in denen er in aller Regel die Kontrolle über sein Erleben und/oder Verhalten verliert. Typischerweise handelt es sich um Momente, in denen ein maladaptives Schema aktiviert wird, das den Klienten entweder daran hindert, das zu tun, was er möchte, oder ihn dazu zwingt, etwas zu tun, was er eigentlich nicht will (Benda 2019). Der Therapeut und der Klient decken dabei schrittweise die einzelnen Elemente des maladaptiven Prozesses (Schemas) auf, einschließlich primärer und sekundärer Gefühle, Gedanken, Geisteszustände, zwanghafter Tendenzen, Abwehrmechanismen7 und verborgener Kernüberzeugungen. Der bewusst erkannte spezifische psychopathologische Mechanismus wird dann zum Gegenstand der Diagnose und Behandlung. Es ist wichtig zu betonen, dass der Diagnose- und Behandlungsfokus auf dem Prozess liegt, nicht auf dem Klienten (Goldman & Greenberg 2015; Greenberg & Paivio 2003).
Lassen Sie uns ein kleines Beispiel betrachten.
Fallbeispiel
Peter
Peter kam in die Therapie wegen Problemen in der Beziehung mit seiner Frau Christina. Er arbeitete als Krisenmanager in einem großen Unternehmen. In seinem Beruf war er sehr erfolgreich, er konnte schwierige Entscheidungen mit kühlem Kopf treffen. Er liebte seine Frau und sorgte sich sehr um den fünfjährigen Sohn. Allerdings kam es zu Hause häufig zu nur schwer kontrollierbaren Wutausbrüchen. In solchen Momenten verhielt er sich aggressiv oder explodierte wegen völlig unbedeutender Kleinigkeiten. Er selbst konnte es nicht verstehen. Seine Frau litt natürlich unter diesem Verhalten. Peter kam in die Therapie, weil er Angst hatte, seine Frau durch sein Verhalten zu verlieren. Es nützte nichts, dass er außerhalb der Momente, in denen er vor Wut kochte, erkannte, dass sein Verhalten unangemessen war und dass die Intensität seines Ärgers in keinem Verhältnis zur relativ geringen Bedeutung der alltäglichen Angelegenheiten stand, die er mit seiner Frau besprach. Tausendmal sagte er sich, dass er beim nächsten Mal ruhig bleiben und die Situation gelassen angehen würde. In der Realität überwältigten ihn jedoch meist die emotionalen Ausbrüche und er verlor die Kontrolle über sich selbst.
Damit Peter lernen konnte, seine Emotionen besonders in Momenten, in denen er bisher gewöhnlich alle Kontrolle verlor, besser zu regulieren, musste er sich zunächst das flüchtige primäre Gefühl ins Bewusstsein bringen, das seiner Achtsamkeit bisher entgangen war (reaktiver Ärger ist nie ein primäres Gefühl).
In der Therapie kann dafür die Fokussierungstechnik (Gendlin 2003; Weiser Cornell 1996) im Gespräch eingesetzt werden.
Unser Gespräch verlief wie folgt:
Therapeut (T): Versuchen Sie, sich eine konkrete Situation vorzustellen, in der Sie der Ärger übermannt hat und Sie sich nicht beherrschen konnten. Erinnern Sie sich an einen solchen Moment?
Klient (K): Nun … z. B. jedes Mal, wenn ich einen schmutzigen, nassen Schwamm im Spülbecken finde. Das kann ich nicht ertragen. Es wimmelt ja dort von Bakterien. Ich habe es meiner Frau schon unendliche Male gesagt! Das bringt mich zur Weißglut!
T: Verstehe. Wann ist das zuletzt passiert?
K: Letzten Dienstag.
T: Also letzten Dienstagabend nach der Arbeit kamen Sie in die Küche und es lag ein Schwamm im Spülbecken.
K: Ja. Ich fing an, schrecklich zu fluchen. Am liebsten würde ich in solchen Momenten in etwas schlagen.
T: Gut. Versuchen Sie, das allererste Gefühl zu beschreiben, das vielleicht so flüchtig ist, dass man es normalerweise gar nicht wahrnimmt. Das Gefühl, das in der ersten Millisekunde durch Sie hindurchging, als Sie den Schwamm sahen. Können Sie sich an diesen Moment erinnern?
K: Es war ein Schock! So eine Hilflosigkeit! So eine Verzweiflung! Das kann doch nicht wahr sein, dachte ich.
T: Versuchen Sie, diesen Moment nachzuvollziehen.
(K. versucht es. Atmet tief ein und lange aus, legt unbewusst seine rechte Hand auf die Brust. Zeigt sichtbare Anzeichen dafür, dass er den vorgestellten Moment hier und jetzt emotional wiedererlebt, als er sich mental daran erinnert.)
T: Was passiert jetzt in Ihrem Körper? Spüren Sie nun irgendein körperliches Gefühl, das Ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht?
K: Ich weiß nicht. So ein Schmerz (sieht traurig aus).
T: Was für ein Gefühl ist das?
K: Ich weiß nicht, vielleicht Hilflosigkeit … Dass meine Frau es nicht aufräumt, obwohl ich sie darum bat. Es ist ihr scheißegal.
T: Gefühl des Unrechts? (Pause) Oder der Demütigung?
K:(nach einem Moment) Das Gefühl, dass ich ganz allein mit allem bin. Ich muss alles machen. Niemand hilft mir.
T: Verstehe. Das Gefühl der Einsamkeit und Isolation.
K: Ja. Manchmal fühle ich mich wirklich so allein. (Seine Augen leuchten auf.) Selbst mitten in der Familie. Warum? (Fragt leise, aber offensichtlich ohne eine Antwort zu erwarten. Sieht eine Weile überrascht aus und schaut dann nachdenklich ins Leere.)
T:(nach einer Weile) Wie fühlt es sich jetzt in Ihrem Körper an? Hat sich etwas verändert?
K: Ich habe mich beruhigt. Ich fühle jetzt überhaupt keine Wut mehr, auch den Schmerz im Körper nicht. Ich glaube, ich fühle mich etwas erleichtert. Wie ist das möglich?
Während unseres Gesprächs bemerkte Peter zum ersten Mal ein flüchtiges, aber äußerst schmerzhaftes Gefühl der Einsamkeit, worauf er in ähnlichen Situationen automatisch mit Ärger und Aggression reagiert hatte. Damit erkannte er nun das wichtigste Element des seine Wahrnehmung, sein Denken, Fühlen und Verhalten in diesen Momenten steuernden maladaptiven Schemas. Interessanterweise führte dieses achtsame Gewahrsein für sich schon zu einer Veränderung. Der Ärger als Abwehrmechanismus verschwand vollständig. Eine Veränderung in Peters Erleben kann von nun an in ähnlichen Situationen zum Ausdruck kommen, vorausgesetzt, Peter bemerkt achtsam sein Gefühl der kindlichen Einsamkeit. Peters Verständnis dafür, was er in diesen Momenten benötigt, wird jedoch auch eine entscheidende Rolle spielen. Wenn wir uns einsam fühlen, brauchen wir Nähe und mitfühlendes Verständnis. Dies konnte Peter dank der Therapie in der Beziehung mit mir als Therapeuten erleben. Um jedoch zu verhindern, dass Peter in einem Zustand verzweifelter kindlicher Verlassenheit stecken bleibt (oder aufgibt), wenn er zukünftig achtsam seine Einsamkeit bemerkt, muss er lernen, mit sich selbst mitfühlend zu werden. Dies könnte einige Zeit in Anspruch nehmen. Es ist doch immerhin ein unvermeidlicher erster Schritt, sich sein Einsamkeitsgefühl achtsam ins Bewusstsein zu bringen. Es kann für Peter eine wichtige korrigierende Erfahrung sein, dass er dieses Gefühl mit mir teilte und in der Beziehung mit mir erleben konnte, dass ich auch in solchen Augenblicken bei ihm blieb, ihn nicht verließ und verstand, was er durchmachte. Eine Erfahrung, die ihm nach und nach helfen wird, die erlernte kindliche Hilflosigkeit zu überwinden und auch Mitgefühl für sich selbst zu entwickeln.
Durch die achtsame Diagnose wird es jedoch möglich sein, ein weiteres wichtiges und tief verborgenes Element von Peters maladaptivem Schema aufzudecken: nämlich seine Kernüberzeugung (engl. core belief), die chronologisch dem Entstehen des schmerzhaften Gefühls der kindlichen Einsamkeit vorausgeht. Das Entstehen von Gefühlen des Kernschmerzes8 ist immer durch irgendeine gewöhnlich in der Kindheit verfestigte Vorstellung (Überzeugung) bedingt. Und auch mit dieser kann in der Therapie weitergearbeitet werden, wenn man Achtsamkeit benutzt.9 Bei Peter könnte es sich wohl um eine Überzeugung handeln wie: »Ich bin nicht liebenswert, um mich kümmert sich niemand, ich gehöre nirgendwo dazu.« Wenn Peter achtsam bemerken sollte, dass sein Einsamkeitsgefühl in der Tat aus einem solchen verinnerlichten Glaubenssatz entsteht, hätte er damit die Gelegenheit, die absolute Gültigkeit dieser Überzeugung durch erwachsenes Denken infrage zu stellen. Zudem könnte er dann erkennen, dass er im Gegensatz zur Kindheit nicht mehr davon abhängig ist, ob er von jemandem geliebt wird. Als Erwachsener hat er die Möglichkeit, freundlich und fürsorglich sich selbst gegenüber zu sein. Er muss sich selbst ja nicht verlassen, selbst wenn ihn die ganze Welt verlassen würde. Ein solches Bewusstsein kann für ihn befreiend sein.
Anhand des Beispiels von Peter haben wir den achtsamen, phänomenologischen Ansatz zur Betrachtung einer psychischen Störung veranschaulicht.10 Es dürfte klar sein, dass es uns nicht darum geht, ob Peter einer »intermittierenden explosiven Störung« oder einer »emotional instabilen Persönlichkeitsstörung« nach ICD-11 oder DSM-5 entspricht. Aus der Sichtweise der Achtsamkeit erfassen solche Diagnosen lediglich einen äußeren Phänotyp der Störung. Sie sagen uns gar nichts darüber, wie Peters Aggression entsteht oder wie er seinen reaktiven Ärger transformieren könnte, ohne ihn einfach nur zu unterdrücken.
Die achtsame Diagnostik hingegen konzentriert sich auf die Details dessen, was in Peter in den bei ihm typischen Momenten vor sich geht, die ihn belasten und ihn in die Therapie geführt haben. Sie identifiziert systematisch sowohl wichtige emotionale und kognitive Elemente des maladaptiven Schemas des Klienten als auch deren Wechselwirkungen und mögliche zyklische Muster (Borsboom & Cramer 2013; Hájek & Benda 2008). Neben den Kernüberzeugungen und Gefühlen des Kernschmerzes deckt eine achtsame Diagnostik in der Regel etablierte Abwehrmechanismen und deren Einfluss auf die Aufrechterhaltung lang anhaltender Geisteszustände auf, die für bestimmte Störungen typisch sind. Dieser Ansatz legt den Grundstein für therapeutische Interventionen, die gezielt auf die Beeinflussung der spezifischen maladaptiven Prozesse abzielen, welche einzelne Symptome der Störung im Verborgenen aufrechterhalten.
Meine langjährige therapeutische Praxis mit einem breiten Spektrum an Diagnosen hat mir gezeigt, dass aus Sicht der Achtsamkeit hinter den meisten psychischen Störungen einander ähnliche maladaptive Mechanismen stehen, die die Wahrnehmung, das Denken, das Erleben und das Verhalten der Klienten steuern, wann immer sie mit einem für sie typischen Auslöser konfrontiert werden. Meiner Erfahrung nach führt der Mangel an Achtsamkeit und Selbstmitgefühl dazu, dass diese maladaptiven Prozesse typischerweise den bewussten Bemühungen der Klienten, ihr Erleben und Verhalten zu regulieren, »trotzen« (siehe oben, allgemeine Wirkfaktoren). Achtsame Bewusstwerdung der Gefühle des Kernschmerzes, das Innewerden davon, was für unerfüllte Bedürfnisse diese Gefühle signalisieren, und das Durchschauen der begrenzten Wahrheit von fixierten und oft unbewussten Kernüberzeugungen sind nach meiner Ansicht das, was die therapeutische Veränderung entscheidend in Gang bringt. Im Allgemeinen geht es darum, sich bestimmter erlebter Phänomene bewusst zu werden und die Einstellung zu ihnen zu ändern.
Lassen Sie uns nun in einer ersten Übung darauf eingehen, wie maladaptive emotionale (beziehungsbezogene) Schemata in unserer Entwicklung entstehen und woher unsere Kernüberzeugungen und eine erhöhte emotionale Verletzlichkeit kommen. Dies wird uns zumindest teilweise helfen, die Ursachen psychischer Störungen zu verstehen.
PRAXISTIPPÜbung 1
Was für ein Gefühl geht dem Ärger voraus?
Wann immer wir Ärger erleben, können wir sicher sein, dass es sich um ein sekundäres Gefühl handelt, das als Reaktion auf ein anderes, primäres Gefühl auftritt. Als achtsame Therapeuten sollten wir jedoch in der Lage sein, primäre Gefühle klar zu erkennen.
Vergegenwärtigen Sie sich zunächst eine der Situationen, wo Sie sich wütend gefühlt haben. Versuchen Sie sich daran zu erinnern, was Sie damals vor allem aufgeregt hat. Suchen Sie sehr genau nach dem Auslöser des Ärgers. Handelte es sich um eine Interaktion mit einer anderen Person? Hat Sie das, was diese Person gesagt hat, verärgert? Oder die Art und Weise, wie es gesagt wurde? Hat Sie das, was diese Person getan oder nicht getan hat, verärgert?
Rufen Sie sich ins Gedächtnis, welcher Gedanke Ihnen im schlimmsten Moment durch den Kopf ging.
Und nun versuchen Sie, für einen Moment nicht mehr zu denken. Prüfen Sie, was Sie jetzt in ihrem Körper fühlen, wenn Sie sich diese Situation vergegenwärtigen. Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Körper. An welcher Stelle im Körper erscheint das körperliche Gefühl? Was ist das für ein Gefühl? Sie wissen, dass die Situation in Ihnen Ärger weckt, und das ist in Ordnung. Erlauben Sie sich, den Ärger zu fühlen. Welches primäre Gefühl jedoch löst die Situation in Ihnen aus? Versuchen Sie, das Gefühl, das in Ihrem Körper auftaucht, bevor der Ärger aufflammt, zu erfassen.
Wenn Sie ein körperliches Gefühl gefunden haben, das gerade Ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht, versuchen Sie ein Wort zu finden, das Ihr Gefühl am besten beschreibt. Sie können sich z. B. die folgenden Fragen stellen: Ist es Erschrecken? Schock? Entsetzen? Angst? Oder ist es ein Gefühl des Unrechts, der Ungerechtigkeit? Fühlen Sie sich verlassen, verraten, herabgesetzt oder gedemütigt? Steigt in Ihnen ein Gefühl des Versagens oder der Unzulänglichkeit auf? Fragen Sie sich selbst: Welches Gefühl geht meinem Ärger voraus? Was für ein Gefühl erlebt mein »inneres Kind«? Versuchen Sie, sich jedes der oben angeführten Worte gedanklich nacheinander zu sagen. Verweilen Sie dabei jedes Mal einen Moment und beobachten Sie, ob sich Ihr körperliches Gefühl verändert hat. Hat sich im Körper etwas verändert? Wenn nicht, versuchen Sie langsam das nächste Wort, und so weiter. Welches Wort beschreibt am besten das Gefühl, das Sie gerade empfinden? Was würden Sie brauchen, um sich besser zu fühlen? Beobachten Sie eine Weile Ihr körperliches Gefühl mit Freundlichkeit und Mitgefühl.
Schon allein Ihre innere Anerkennung der Möglichkeit, dass dem Ärger wohl ein anderes, schmerzhaftes primäres Gefühl vorausgeht, lässt Sie Ihre eigene Verletzlichkeit erkennen und ein mitfühlendes Verhalten sich selbst gegenüber entwickeln. Vielleicht werden Sie während der Übung ein Wort finden, das Ihr Gefühl erfasst, und eine gewisse Erleichterung verspüren. Vielleicht nehmen Sie nur ein unangenehmes körperliches Gefühl wahr, ohne es vollständig zu verstehen.
Wenn jedoch das Gefühl auch nach zehn Minuten noch anhält, legen Sie sanft Ihre offene Hand auf die Stelle, an der Sie das Gefühl im Körper spüren. Sagen Sie dreimal nacheinander gedanklich den Wunsch: »Mögen alle meine schmerzhaften Gefühle vergehen! Möge es mir gut gehen!«
Wie fühlen Sie sich jetzt?
Seit ihrem Beginn hat sich die Psychotherapie stets für die Entwicklung unserer Persönlichkeit und spezifische frühe Beziehungserfahrungen aus unserer Kindheit interessiert. Bereits Sigmund Freud (1942) und später Erik Erikson (1998) beschrieben kritische Entwicklungsphasen, die Kinder durchlaufen, und verbanden das Entstehen pathologischer Komplexe mit einem »Steckenbleiben« auf bestimmten niedrigeren Entwicklungsstufen. Die Existenz kritischer Perioden in der Entwicklung des menschlichen Gehirns wird heute auch von der modernen Neurowissenschaft bestätigt (siehe z. B. Lepow et al. 2021; Nelson & Gabard-Durnam 2020). Zeitgenössische psychotherapeutische Ansätze basieren jedoch am häufigsten auf den Theorien von John Bowlby (2010) und Donald Winnicott (2017, 2018b, c). Diese Theorien betonen die Bedeutung unserer frühen Erfahrungen in Beziehungen mit den primären Bezugspersonen. Kurz gesagt geht es dabei vor allem darum, dass wir als kleine Kinder, wenn wir etwas benötigen, völlig davon abhängig sind, ob unsere Bezugspersonen diese Bedürfnisse erkennen und erfüllen. Wir können es nicht selbst tun (siehe das Konzept der erlernten Hilflosigkeit; Seligman 2005). Wenn aufmerksame und fürsorgliche Eltern unsere Bedürfnisse in der Kindheit hinreichend gut erfüllen, bildet und stärkt sich allmählich ein Gefühl von grundlegender Sicherheit und Vertrauen in uns. Wir verinnerlichen auch den Eindruck, dass wir liebenswert sind und dass die »Welt« uns akzeptiert. Werden unsere Bedürfnisse jedoch chronisch nicht erfüllt, erleben wir »Annihilationsangst«, »unaussprechlichen Schrecken« oder »primitive Agonie« (d. h. Kernschmerz; Hurvich 2018) und entwickeln, in heutiger Terminologie gesagt, sehr negative und allgemeine Kernüberzeugungen von uns selbst, anderen Menschen und der Welt um uns herum (Beck 2021).
Zwei führende Experten auf dem Gebiet der Bindungstheorie, Mario Mikulincer und Phillip Shaver, gehen davon aus, dass positive frühe kindliche Beziehungserfahrungen die Grundlage für die allmähliche Entwicklung von Achtsamkeit und Mitgefühl gegenüber anderen und uns selbst bilden (Shaver et al. 2017). Im Gegensatz dazu führen belastende Kindheitserfahrungen (engl. adverse childhood experiences) jedoch häufig zur Bildung maladaptiver emotionaler (beziehungsbezogener) Schemata und zur Verfestigung von Abwehrmechanismen, die lediglich die Aufmerksamkeit von Kernschmerz ablenken, ohne jedoch unsere tatsächlichen Bedürfnisse zu erfüllen. Der Zusammenhang zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und dem Auftreten maladaptiver Schemata im Erwachsenenalter wurde auch durch mehrere Metaanalysen bestätigt (May et al. 2022; Pilkington et al. 2021; siehe auch Hughes et al. 2017). Dutzende von Studien haben ebenfalls den Einfluss belastender Kindheitserfahrungen11 auf die Entwicklung negativer Kernüberzeugungen bestätigt (Aafjes-van Doorn et al. 2020, 2021). Die Bildung von maladaptiven Schemata ist jedoch nicht nur durch Erfahrungen wie häusliche Gewalt, psychischen oder physischen Missbrauch, Vernachlässigung, sexuellen Missbrauch, Substanzmissbrauch usw. bedingt. Traumata, die zur Entstehung maladaptiver Schemata führen, sind oft viel subtiler (Teicher et al. 2006).
FALLBEISPIEL Unsichtbares Trauma
Zoe
Als Zoe an ihre Kindheit zurückdachte, erinnerte sie sich meistens daran, wie sie allein in ihrem kleinen Zimmer war und sich langweilte. Seit ihrem zweiten Lebensjahr lebte sie allein mit ihrer Mutter, die nach der Arbeit meistens fern sah und »froh war, ihre Ruhe zu haben«. Zu Hause passierte nichts Dramatisches. Zoe hatte genug zu essen und saubere Kleidung. Allerdings passierte eben auch überhaupt nichts. Sie hatten nie Besuch. Sie gingen nie irgendwo hin. Und sie unterhielten sich untereinander eigentlich kaum. Zoe wusste, dass ihre Mutter »viel um die Ohren hatte«, müde war und sie wollte ihr nicht »noch mehr Arbeit machen«. Sie hatte das Gefühl, ihre Mutter mit ihrem Geplapper nur zu stören. »Ich bin schrecklich«, dachte sie manchmal, als sie sah, wie ihre Mutter auf ihre kindlichen Fragen reagierte. Um ihre Mutter zu erfreuen, lernte sie allmählich, ein »braves Mädchen« zu sein, was bedeutete, nicht viel zu reden und nichts zu verlangen. Dann war ihre Mutter zufrieden und streichelte ihr manchmal sogar das Haar. In der Schule strengte sich Zoe an. Das Leben mit ihrer Mutter erschien ihr selbstverständlich und normal. Dennoch fühlte sie sich oft irgendwie komisch. »Ich muss wohl irgendwie absonderlich sein«, dachte sie.
Das Beispiel von Zoe ist typisch dafür, dass es auf den ersten Blick nicht so aussieht, als hätte sie in ihrer Kindheit ein Trauma erlebt. Niemand hat sie körperlich misshandelt oder sexuell missbraucht. Sie hatte eine Kindheit, die der vieler anderer Kinder ihrer Generation ähnelte. Dennoch handelt es sich um ein Trauma – es wird als komplexes12 (oder kumulatives) interpersonelles Entwicklungstrauma bezeichnet (Spinazzola et al. 2018), manchmal auch als Verratstrauma (Freyd & Birrell 2013). In diesem Fall können wir sagen, dass Zoe unter anderem Opfer chronischen emotionalen Missbrauchs war. Indem sie lernte, ein »braves Mädchen« zu sein, erfüllte sie das Bedürfnis ihrer Mutter (»Ruhe zu haben«), anstatt dass die Mutter Zoes Bedürfnisse erfüllte. Zoes Bedürfnisse wurden vernachlässigt, ja sogar vollständig ignoriert und die kleine Zoe erlebte chronische Deprivation und Traumatisierung (McLaughlin & Sheridan 2016; Sheridan & McLaughlin 2014). Zoe wurde von ihrer Mutter emotional wohl Millionen Mal abgelehnt (und in diesem Sinne verlassen). In der Beziehung mit ihrer Mutter erlebte sie weder Nähe, empathische Verbindung und Verständnis noch Anerkennung oder Wertschätzung (die grundlegenden Bedürfnisse eines Kindes; Benda 2019). Aber da sie nichts anderes kannte, wusste sie eigentlich nicht, was genau ihr fehlte (und das bis ins Erwachsenenalter). Da sie wie jedes kleine Kind von ihrer Mutter abhängig war, konnte sie weder weggehen noch wütend auf ihre Mutter sein (das hätte ihre Beziehung mit der Mutter nur weiter verschlechtern können). Stattdessen lernte sie, ihre eigenen Gefühle zu ignorieren, zu dissoziieren13 und sich darauf zu konzentrieren, die Bedürfnisse der anderen zu erfüllen (ursprünglich die ihrer Mutter).
Aus der Perspektive der Bindungstheorie würden wir bei Zoe von der Entwicklung einer ängstlich-vermeidenden Bindung sprechen. Aus Sicht der Phänomenologie des maladaptiven Schemas ist es jedoch wichtiger, zu konstatieren, dass aufgrund der chronischen Traumatisierung in der Beziehung mit einer passiven und emotional gleichgültigen Mutter bei Zoe drei wesentliche Aspekte entstanden sind:
die Bildung negativer Kernüberzeugungen von sich selbst, anderen und der Welt (»ich bin absonderlich, schrecklich, unsichtbar, inakzeptabel, ich kann mich auf niemanden verlassen«)
die Entwicklung einer Disposition, aufgrund der möglichen (Re-)Aktivierung der im Inneren verborgenen Kernüberzeugungen schmerzhafte Gefühle der Leere und kindlicher (kosmischer) Einsamkeit (wieder) zu erleben
die Entstehung von Tendenzen, zu dissoziieren und/oder sich zwanghaft auf die Bedürfnisse anderer zu konzentrieren
Diese Elemente steuern nach wie vor Zoes Erleben und Verhalten, wann immer ihr maladaptives Schema aktiviert wird.
Unzählige Studien im Bereich der interpersonellen Neurobiologie sowie der kognitiven, affektiven und sozialen Neurowissenschaften haben in den letzten zwei Jahrzehnten den Einfluss früher Kindheitserfahrungen auf die Entwicklung des menschlichen Gehirns nachgewiesen und umfassend dokumentiert (z. B. Cozolino 2014; Siegel 2020; siehe auch Long et al. 2020; Nemeroff 2016; Teicher et al. 2022). Die Forschung hat gezeigt, dass frühe Kindheitserfahrungen die Entwicklung der neuronalen Infrastruktur und Biochemie unseres Gehirns grundlegend beeinflussen und welche unter anderem die typischen Folgen von belastenden Kindheitserfahrungen sind (McLaughlin et al. 2020; Weissman et al. 2019):
eine erhöhte emotionale Reaktivität auf bestimmte Reize (Trigger)
eine geringe emotionale Bewusstheit
Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation
Studien an Kindern und Jugendlichen, die negative Erfahrungen oder Deprivation erleben müssen, haben funktionelle und strukturelle Unterschiede nicht nur in den Bereichen verdeutlicht, die mit dem Erleben und Regulieren von Emotionen verbunden sind (z. B. Amygdala, vordere Insula), sondern auch in den Gebieten, die mit dem Erleben der eigenen Identität oder dem narrativen Selbst verbunden sind (einschl. des medialen präfrontalen Kortex, des posterioren zingulären Kortex, des orbitofrontalen Kortex; McLaughlin et al. 2019; Price et al. 2021; siehe auch Gilboa & Marlatte 2017). Dies ist vor allem im Zusammenhang mit der Funktionsweise der maladaptiven Schemata von Bedeutung (siehe Kap. 3 und Kap. 15).
Meiner Erfahrung nach14 entstehen maladaptive emotionale (beziehungsbezogene) Schemata typischerweise in der Zeit bis zum Alter von sieben Jahren. Dies geschieht entweder als Folge einer einmaligen traumatisierenden Erfahrung oder, häufiger, aufgrund der chronischen Nichterfüllung einiger grundlegender Entwicklungsbedürfnisse des Kindes (Entwicklungstrauma; siehe Benda 2019).
Es gibt jedoch auch Theorien, welche die Entstehung maladaptiver Schemata beispielsweise auf traumatische Erfahrungen während der Geburt zurückführen (Grof 1988, 2021). Erinnerungen an solche Erfahrungen sind unserem Bewusstsein unter normalen Bedingungen nicht zugänglich. Sie treten jedoch regelmäßig in veränderten Bewusstseinszuständen auf, die durch den Gebrauch psychedelischer Substanzen (LSD, DMT, Psilocybin) bzw. während des holotropen Atmens oder der Maitri-Atemarbeit hervorgerufen werden. Darüber hinaus belegen zahlreiche Studien auch die Übertragung maladaptiver Schemata von einer Generation zur nächsten – sowohl durch Erziehung (Sundag et al. 2018; Zeynel & Uzer 2020) als auch durch epigenetische Mechanismen (Craig et al. 2021; Yehuda & Lehrner 2018).
Aus der Perspektive der Psychotherapie einzelner psychischer Störungen ist es auf jeden Fall entscheidend, zu verstehen, dass sie eine sehr ähnliche Ätiologie aufweisen, bei der traumatische Erfahrungen in der frühen Kindheit oder das chronische Nicht-Erfüllen spezifischer Entwicklungsbedürfnisse eines Kindes eine bedeutende Rolle spielen (siehe Teil II). Diese frühen traumatischen Erfahrungen manifestieren sich sichtbar in der Struktur und neurophysiologischen Funktion unseres Gehirns (Spalletta et al. 2020) und stehen in engem Zusammenhang mit dem, was Psychologen als maladaptive Schemata bezeichnen.
PRAXISTIPPÜbung 2
Emotionale Brücke zur Vergangenheit
Haben Sie jemals erlebt, dass Ihre Emotionen ein wenig außer Kontrolle geraten sind, die Intensität Ihrer Gefühle übertrieben war und nicht zur banalen Situation passte, in der Sie sich befanden? In solchen Momenten bietet uns unsere erhöhte emotionale Reaktivität die Möglichkeit, zu verstehen, welches Entwicklungsbedürfnis in unserer Kindheit nicht erfüllt wurde. Und auf diese Weise können wir Selbstmitgefühl für uns selbst entwickeln. Wir brauchen nur uns selbst ein paar richtige Fragen zu stellen. Möchten Sie es ausprobieren?
Für diese Übung ist es angebracht, aufrecht zu sitzen, beide Füße auf dem Boden zu haben und die Hände locker im Schoß zu halten. Setzen Sie sich also bitte genauso hin.
Versuchen Sie nun, sich so lebhaft wie möglich an eine konkrete Situation zu erinnern, in der Sie sich emotional überwältigt fühlten. Was genau löste Ihre emotionale Reaktion damals aus? Welcher Gedanke ging Ihnen in diesem intensivsten Moment durch den Kopf? Spielen Sie diesen emotional aufgeladenen Moment mehrmals in Ihrem Geist ab.
