Das ADS-Buch - Elisabeth Aust-Claus - E-Book

Das ADS-Buch E-Book

Elisabeth Aust-Claus

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Beschreibung

Ständig überdreht oder dauernd geistesabwesend: Hilfe für ADS-Kinder

Kinder mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) haben es im Alltag nicht leicht. Sie können die Flut von Eindrücken, die auf sie einströmt, nicht richtig verarbeiten. Sie sind oft sehr intelligent, einfallsreich und voller Fantasie – aber können sich nicht auf die Durchführung ihrer Pläne konzentrieren. Diese Überforderung kann schnell zu Wutanfällen oder Abschalten führen – je nachdem, ob Ihr Kind eher in die Kategorie Zappelphilipp oder Träumer fällt.

Elisabeth Aust-Claus und Petra-Marina Hammer stellen mit Optimind ein Team-Konzept für die Betreuung von Kindern mit ADS vor: Wenn Eltern, Lehrer und Therapeuten zusammen arbeiten, kann die Lebensqualität der Kinder schnell ver-bessert werden!

  • Alles über ADS: Symptome, Ursachen und Folgen
  • Umfassende Hilfe für Kinder mit ADS: Das Optimind-Konzept
  • Individuell abgestimmte Leitfäden für Eltern, Lehrer:innen und Kinderärzte
  • Bist du ein Zappelphilipp oder ein Träumer? Kindgerechte Erklärung von ADS
  • Mit zahlreichen Fallbeispielen, Checklisten und Tipps für den Alltag mit ADS

Therapie, Übungen, Medikamente: Was hilft Kindern mit ADS wirklich?

ADS tritt in unterschiedlichen Schweregraden und Ausprägungen auf. Daher ist es wichtig, für jedes Kind die passende Therapie zu finden. Dieser Elternratgeber un-terstützt Sie dabei, den richtigen Weg zu finden, um mit Symptomen wie Konzentrationsstörungen und Hyperaktivität richtig umzugehen.

Helfen Sie Ihrem Kind dabei, das Chaos im Kopf zu beseitigen und gelassener durch den Alltag zu kommen – mit dem Konzept von Optimind!

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Seitenzahl: 346

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Das A·D·S-Buch

Die Oberstebrink Eltern-Bibliothek

Die Oberstebrink Eltern-Bibliothek bietet Lösungen für die wichtigsten Eltern-Probleme und gibt Antworten auf die häufigsten Eltern-Fragen. Von Experten, die in ihrem Fachgebiet auf dem neuesten Wissensstand sind und in ihrer Praxis täglich Eltern beraten und Kinder behandeln.

Die Bücher der Oberstebrink Eltern-Bibliothek werden von Kinderärzten, Hebammen, ErzieherInnen, LehrerInnen und Familien-TherapeutInnen laufend eingesetzt und empfohlen. Eltern schätzen diese Ratgeber besonders, weil sie leicht verständlich sind und sich alle Ratschläge einfach und erfolgreich in die Tat umsetzen lassen.

23. völlig neu überarbeitete und aktualisierte Auflage, 2024

© Oberstebrink by Körner Medien UG

Alle Rechte vorbehalten

Titelfoto:

Ivan Traimak/adobe.com

Illustrationen:

Oberstebrink

Gestaltung:

Oberstebrink

Redaktion:

Oberstebrink

Produktion:

Dardedze hologrāfija SIA, Riga

Verlag:

Oberstebrink c/o Körner Medien UG Wannerstr. 1, 79106 Freiburg info

@koerner-medien.de

www.oberstebrink.de

ISBN:

978-3-96304-712-1

Liebe Eltern, liebe ErzieherInnen, liebe LehrerInnen, liebe KinderärztInnen, liebe TherapeutInnen, liebe Kinder

Wir wissen nicht, ob Sie dieses Buch aus grundsätzlichem Interesse lesen wollen, oder weil Sie beruflich mit A·D·S-Kindern zu tun haben, oder weil Sie in Ihrer Familie ein Kind mit A·D·S haben, oder weil Du selbst ein A·D·S-Kind bist.

Wir wissen auch nicht, wieviel Sie bereits über A·D·S wissen. Aber eins wissen wir genau: Wenn Sie in irgendeiner Form mit A·D·S zu tun haben, dann sollten Sie sich so intensiv wie möglich damit beschäftigen und so viel wie möglich über A·D·S lernen. Denn nur wer wirklich über A·D·S Bescheid weiß, kann A·D·S-Kindern helfen, ihr Problem in den Griff zu kriegen.

A·D·S (Aufmerksamkeits·Defizit·Syndrom) ist eine Störung der Informations- und Wahrnehmungs-Verarbeitung, die Störungen im Verhalten, im Lernverhalten und in der Entwicklung hervorrufen kann.

A·D·S ist keine Katastrophe. Man kann A·D·S erfolgreich behandeln – vorausgesetzt, man weiß über A·D·S Bescheid. Das größte Problem für Menschen mit A·D·S – vor allem für die Kinder – ist es, dass ihre Umgebung oft noch viel zu wenig über A·D·S aufgeklärt ist. Deshalb werden A·D·S-Kinder häufig missverstanden. Die Menschen, die täglich mit ihnen zusammen sind, gehen nicht richtig auf sie ein – einfach, weil sie es nicht besser wissen.

Weil das heute leider immer noch so ist, haben wir dieses Buch geschrieben. Denn viele Menschen hätten weitaus weniger Probleme im Leben, wenn sie über A·D·S Bescheid wüssten. In unseren Praxen hören wir täglich, dass allein das Wissen über A·D·S schon große Entlastung bringt und der halbe Weg zum Erfolg ist.

Wir – das sind Dr. med. Elisabeth Aust-Claus und Dipl.-Psych. Petra-Marina Hammer. Wir haben uns schon vor Jahren auf das Phänomen A·D·S spezialisiert und über tausend A·D·S-Kinder diagnostiziert, betreut und erfolgreich behandelt. Unsere Erfahrung zeigt, dass man ein A·D·S-Kind nie isoliert als Einzelperson behandeln kann. Die Behandlung hat nur Erfolg, wenn man die Bezugspersonen, mit denen das A·D·S-Kind täglich zu tun hat, konsequent mit einbezieht.

Aus dieser Erkenntnis heraus haben wir das OptiMind-Konzept entwickelt. OptiMind ist ein Trainings-Programm, in dessen Mittelpunkt das A·D·S-Kind steht. Für Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen und andere wichtige Bezugspersonen gibt es spezielle Trainings-Einheiten.

Die Grundidee von OptiMind ist das Team-Konzept: Jede Bezugsperson des A·D·S-Kindes übernimmt im Team ganz bestimmte Aufgaben. Dieses Konzept hat sich in der Praxis bewährt. Das OptiMind-Institut – unser Fortbildungs-Institut für die Aufklärung und Weiterbildung über A·D·S – macht unsere Erfahrungen und Erkenntnisse allen zugänglich, die privat oder beruflich mit A·D·S zu tun haben.

Dieses Buch enthält die wesentlichen Erkenntnisse aus unserer Arbeit mit A·D·S-Kindern. Das Besondere daran:

•Unser A·D·S-Buch behandelt nicht nur die hyperaktiven Kinder, sondern beide A·D·S-Typen: Die „Zappelphilippe“ mit Hyperaktivität und die „Träumer“ ohne Hyperaktivität.

•Unser A·D·S-Buch enthält nicht nur die Erfahrungen einer Kinderärztin oder einer Psychologin – sondern die Erfahrungen einer Kinderärztin und einer Psychologin, die über Jahre hinweg im Team gemeinsam Erkenntnisse gewonnen haben.

•Unser A·D·S-Buch beschäftigt sich nicht mit seltenen Extremfällen aus Krankenhäusern oder Uni-Kliniken, sondern mit den Fällen, die wir täglich in unseren Praxen erleben.

•Unser A·D·S-Buch richtet sich nicht nur an eine bestimmte Gruppe, sondern bietet konkrete Hilfen für alle, die mit A·D·S zu tun haben – insbesondere für die Eltern, die Lehrerinnen und Lehrer, die Kinderärztinnen, Kinderärzte und andere Therapeuten. Und natürlich für das A·D·S-Kind selbst.

Wir wünschen Ihnen, dass Sie alle von unserem A·D·S-Buch profitieren.

Ihre

Elisabeth Aust-Claus und Petra-Marina Hammer

Ihr Leitfaden für das A·D·S-Buch

Damit Sie sich schnell orientieren können und die Themen, die Sie besonders interessieren, auf Anhieb finden:

•In Kapitel 1–5 erfahren Sie alles über A·D·S: Die Erscheinungsformen, die Ursachen und die Folgen.

•In Kapitel 6–10 lernen Sie das OptiMind-Konzept für A·D·S-Kinder kennen und erfahren, wie Sie es erfolgreich anwenden können.

•Lesen Sie Kapitel 6 – und Sie wissen, was den OptiMind-Erfolg ausmacht: Das Team-Konzept von OptiMind.

•Kapitel 7 wendet sich speziell an die Eltern von A·D·S-Kindern.

•Kapitel 8 ist vor allem für Lehrerinnen und Lehrer gedacht.

•Kapitel 9 spricht die A·D·S-Kinder direkt an.

•Kapitel 10 ist besonders für Kinderärztinnen und Kinderärzte interessant.

•Kapitel 11 enthält praktisches Umsetzungs-Material für die Eltern von A·D·S-Kindern.

1 A·D·S-Kinder: „Zappelphilippe“ und „Träumer“ mit Aufmerksamkeits·Defizit·Syndrom

• Kennen Sie auch Kinder, die …?

• Worum geht’s bei diesem Thema?

Kapitel 1: Das Wichtigste in Kürze

2 A·D·S-Kinder: Kinder, die wollen – aber nicht können

• Die zwei A·D·S-Typen:

A·D·S mit Hyperaktivität –

A·D·S ohne Hyperaktivität

• Schul- und Lernprobleme trotz gutem IQ? Beispiele aus der Praxis

• Das A·D·S-Kind und sein Team: Gemeinsam sind sie stark

Kapitel 2: Das Wichtigste in Kürze

3 A·D·S-Kinder: Der Blick hinter die Fassade

• Aufmerksamkeits·Defizit·Syndrom: Was verbirgt sich hinter A·D·S?

• Die 10 wichtigsten Symptome bei A·D·S

• Der Weg zur Diagnose

Kapitel 3: Das Wichtigste in Kürze

4 A·D·S-Kinder: Ungezogen und unerzogen – oder einfach nur unerkannt?

• A·D·S: Charakterzug, Erziehungs-Problem oder neurobiologische Besonderheit?

• Das neuronale Netzwerk und die Informations-Verarbeitung

• A·D·S und die Besonderheiten der Informations-Verarbeitung

Kapitel 4: Das Wichtigste in Kürze

5 A·D·S-Kinder: Chaos im Kopf – und kein Selbstwert-Gefühl

• A·D·S – die andere Wahrnehmung

• Genau hinschauen – ein Problem

• Genau hinhören – ein Problem

• Ungeschickte Motorik

• Verwirrung der Gefühle

• Wie wirkt sich A·D·S auf die Entwicklung aus?

Kapitel 5: Das Wichtigste in Kürze

6 A·D·S: Das OptiMind-Konzept für Eltern, LehrerInnen, KinderärztInnen, TherapeutInnen

• Welche Schwierigkeiten sind zu bewältigen?

• Welche Hilfen sind erfolgreich?

• Das Team-Konzept von OptiMind

Kapitel 6: Das Wichtigste in Kürze

7 A·D·S: OptiMind-Tipps für Eltern

• Die Eltern – der Schlüssel zum Erfolg

• So kommt Ihr Kind klar mit dem Chaos im Kopf

Kapitel 7: Das Wichtigste in Kürze

8 A·D·S: OptiMind-Tipps für Lehrerinnen und Lehrer

• Das A·D·S-Kind in der Schule – was können Lehrerinnen und Lehrer tun?

• Mögliche Auffälligkeiten von A·D·S-Kindern in der Schule

• Allgemeine Strategien

• Spezielle Hilfen

• Der Aufbau erwünschten Verhaltens in der Schule

Kapitel 8: Das Wichtigste in Kürze

9 A·D·S: Tipps von „Kids“ für „Kids“

• „Hi, Kid!“

• Was für ein A·D·S-Typ bin ich?

• Tipps von „Kids“ für „Kids“

Kapitel 9: Die Tipps für „Kids“ auf einen Blick

10 A·D·S: OptiMind-Tipps für KinderärztInnen und andere TherapeutInnen

• Warum und wann behandelt man mit Medikamenten?

• Positive Effekte der medikamentösen Therapie

• Kapitel 10: Das Wichtigste in Kürze

11 A·D·S: Pläne für Eltern und Kind

• A·D·S auf der Spur: Die OptiMind-Checklist für Vorschulkinder

• A·D·S auf der Spur: Die OptiMind-Checklist für Schulkinder

• Der Schritt-für-Schritt-Plan für Hausaufgaben und Klassenarbeiten

• Die Schulstunden-Bilanz

• Was für ein A·D·S-Typ bin ich?

Schlusswort

Nützliche Adressen

1 A·D·S-Kinder: „Zappelphilippe“ und „Träumer“ mit Aufmerksamkeits· Defizit·Syndrom

In diesem Kapitel erfahren Sie, …

•welche Verhaltensweisen für A·D·S-Kinder typisch sind

•welche verschiedenen Erscheinungsformen von A·D·S es gibt

•wie sich A·D·S in den verschiedenen Altersstufen äußert

•wann die meisten A·D·S-Kinder erst entdeckt werden

•was A·D·S ist – und was es nicht ist

•wie viele Kinder von A·D·S betroffen sind

Kennen Sie auch Kinder, die …

…permanent auf Hochtouren laufen oder eigensinnig die totale Verweigerung demonstrieren?

…sich von allem leicht ablenken lassen, besonders wenn sie konzentriert arbeiten sollen, die ungeduldig und impulsiv reagieren?

…unorganisiert und chaotisch wirken, weil sie meist von einer Aktivität zur anderen springen und nicht „mit System“ an die Dinge (wie z. B. aufräumen, sich anziehen) herangehen?

…nicht abwarten können?

…in keiner Reihe anstehen können?

…durch „Kaspern“ Aufmerksamkeit einfordern?

…in der Schule unkonzentriert und zappelig sind, aber stundenlang konzentriert vor dem Computer sitzen oder mit Lego bauen können?

…ein schlechtes Zeitgefühl haben und immer vor dem „Berg Hausaufgaben“ kapitulieren, statt ihn in kleinen Schritten zu bewältigen?

…nicht gut zuhören und oft „auf Durchzug“ schalten?

…alles endlos diskutieren wollen und wie ein Wasserfall reden?

…das Nächste fragen, ohne eine Antwort abgewartet zu haben?

…von einem Extrem ins andere fallen können – wütend oder auch sehr weinerlich sind?

…explosiv reagieren können?

…ein Energiebündel sind, den ganzen Tag in Aktion sind – und abends trotzdem nicht schlafen?

…eine rauhe Schale haben mit einem sehr weichen, empfindsamen Kern?

…nicht nachtragend sind und schnell ihre Stimmung wieder wechseln?

…lospowern, nicht abbremsen können oder auch sehr ängstlich reagieren?

…zerstreut und vergesslich sind?

…oft vor sich hin träumen, Löcher in die Luft starren und wie abwesend wirken?

…langsam arbeiten und nie fertig werden, weil sie nicht an einer Sache dranbleiben können?

…schnell verwirrt sind und orientierungslos wirken?

…bei Klassenarbeiten oft ein „Brett vor dem Kopf“ haben?

…andererseits tolle Ideen und Phantasie beim Spielen entwickeln?

…pfiffig sind und neue Dinge erfinden?

…sich ständig zu Dingen hingezogen fühlen, die anders und neu sind?

…schnell über Langeweile klagen?

…alles sofort ausprobieren müssen, ohne nachzudenken?

…kein Risiko scheuen oder auch Gefahren nicht gut einschätzen können?

…besonders kreativ sind?

Dann sollten Sie sich mit dem Thema A·D·S näher beschäftigen.

Worum geht’s bei diesem Thema?

Der Begriff A·D·S (Aufmerksamkeits·Defizit·Syndrom) ist in Anlehnung an die amerikanische Bezeichnung ADD (Attention Defizit Disorder) entstanden. Er steht für die international anerkannte Diagnose von „Aufmerksamkeits-Störung mit und ohne Hyperaktivität“.

Inzwischen lesen Sie auch in Deutschland immer häufiger Beschreibungen solcher anstrengenden Kinder. Das Thema „Das unkonzentrierte und unruhige Kind“ erscheint mittlerweile in fast jeder Elternzeitschrift. Es gibt die unterschiedlichsten Erklärungsmodelle – und das Phänomen wird aus den verschiedensten Blickwinkeln beleuchtet: Ist es ein Erziehungsproblem? Stimmt irgend etwas mit unserer Gesellschaft nicht mehr, dass immer mehr dieser „Unruhegeister“ aus dem Rahmen fallen? Liegt es am Fernsehen? Oder vielleicht doch nur an der Ernährung? Warum sind Eltern und Lehrer oft so hilflos?

Meist wird das Problem nicht beim Namen genannt – und es werden weiterhin Mythen und Fehlinformationen verbreitet.

Dabei kennen wir schon seit vielen Jahren nicht nur die Besonderheiten des A·D·S und seine Auswirkungen auf die Entwicklung, sondern auch effektive Unterstützungs-Möglichkeiten und erfolgreiche Therapie-Programme.

A·D·S ist eine der häufigsten Ursachen für Entwicklungs- und Verhaltens-Probleme. Kinder mit A·D·S werden auch heute noch meist verkannt als

„Unruhegeist“, „Störenfried“, „Zappelphilipp“, „Außenseiter“, „Versager“,

„Faulpelz, der ja könnte, wenn er nur wollte“, „Hans-guck-in-die-Luft“, „ungezogener Flegel“, „Tagträumer“ oder auch „Wutzwockel“.

A·D·S-Kinder mit Hyperaktivität: Im Säuglingsalter sind sie die etwas anstrengenden, oft schwer zu beruhigenden, aber wissensdurstigen, niedlichen Wonneproppen mit viel Temperament, die immer auf neue Entdeckungs-Touren gehen und schon früh ihren eigenen Willen durchzusetzen wissen.

Im Kindergartenalter müssen sich die Eltern oft schon Kritik an ihrem Erziehungsstil anhören, weil ihr kleiner Racker kaum Regeln einhält und mit ausgeprägten Trotzanfällen Aufsehen erregen kann. Es ist nicht mehr nur das besonders lebhafte Kind, sondern auch der Störenfried im Kindergarten, der andere Kinder schubst oder auch mal haut und sich nur schwer in die Gruppe einfügen kann. Es spielt meist den Boss und verdirbt sich damit Freundschaften, obwohl seine tollen Ideen und Späße bei vielen Anklang finden. Seine Impulsivität im Verhalten, seine Ablenkbarkeit und sein Aktivitätsüberschuss machen es ihm schwer, Anforderungen in einer größeren Gruppe gut zu meistern, am Stuhlkreis teilzunehmen, ruhig zu malen oder Spielideen anderer auch mal gelassen zu akzeptieren. Alles ist schnell zu langweilig.

Durch ihre Impulsivität tun A·D·S-Kinder sofort kund, was sie denken, fühlen und wissen, ohne vorher nachzudenken oder die Situation abzuchecken. Hinzu kommt meist eine Vorliebe für aufregende Situationen. Sie können vor Energie platzen, sind aber andererseits auch bei den geringsten Anforderungen, die ihnen im Moment nicht passen, sofort erschöpft. Diese Schilderungen hören wir immer wieder von Eltern, die besonders anstrengende und meist auch „hyperaktive“, unruhige Kinder haben.

Es gibt aber auch A·D·S-Kinder ohne Hyperaktivität, die im Kindergarten, in der Gruppe oder bei besonders lauten Spielen eher auf Rückzug schalten und für sich spielen. Sie sind meistens besonders ruhig und wirken sehr angepasst.

Obwohl besonders die unruhigen Kinder eher Aufmerksamkeit erregen und auch früh Diskussionen über ihr Verhalten in Gang setzen, wird die Mehrzahl der Kinder mit A·D·S allerdings erst in der Schulzeit „auffällig“ oder zum „Problemkind“ erklärt – und zwar meistens dann, wenn es trotz guter Intelligenz Lernmisserfolge und Frustrationen gibt.

Die Sorgen, die Ratlosigkeit und Verzweiflung auch über die sich summierenden zusätzlichen Probleme – wie mangelndes Selbstvertrauen, Ängste, Schulkopfschmerzen und wenige Freunde – nehmen ständig zu. A·D·S-Kinder erleben tagtäglich immer wieder neue „Katastrophen“, so dass sie sich schnell in einem Teufelskreis der Negativerfahrungen bewegen.

Leider ist das Wissen über die Probleme bei A·D·S bei uns in Deutschland noch so wenig verbreitet, dass die betroffenen Kinder und ihre Familien in der Regel verkannt werden, falsch diagnostiziert werden und keine adäquate Hilfestellung bekommen.

A·D·S ist kein Erziehungsfehler und keine gewollte Marotte der Kinder – A·D·S ist eine Störung mit neurobiologischen Besonderheiten in den Informations-Verarbeitungs-Prozessen unseres Gehirns.

Diese Störung lässt sich beschreiben durch leichte Ablenkbarkeit, Unaufmerksamkeit, niedrige Toleranz für Frustrationen, Impulsivität, Aktivitätsüberschuss oder Verträumtsein. Motorische Unruhe oder Hyperaktivität kann, muss aber nicht unbedingt gleichzeitig mit auftreten. A·D·S ist keine Modekrankheit, mit der man alle „Unarten von Kindern“ erklärt, sondern eine Störung, die gut diagnostiziert und therapiert werden kann.

Seit vielen Jahren beschäftigen wir uns mit Entwicklungs- und Verhaltens-Problemen bei Kindern. Sowohl in den neurologischen Untersuchungen, bei den Testungen und der Eruierung von Entwicklungs-Potentialen, bei dem Blick in die Gefühlswelt der Kinder, als auch in den zahlreichen Familien-Gesprächen finden wir bei vielen dieser Kinder die Diagnose A·D·S. Mittlerweile bestimmen diese Kinder mit ihren Familien den Schwerpunkt unserer Praxen. Die Störung ist bei den einzelnen Kindern sehr unterschiedlich ausgeprägt und betrifft verschiedene Entwicklungs-Bereiche. Wieso und warum A·D·S zahlreiche Facetten hat und zu verschiedenen Entwicklungs-Problemen führen kann, und wie man die Therapie daraufhin gestaltet, möchten wir Ihnen in diesem Buch vorstellen.

Es liegt uns auch am Herzen, Ihnen die Faszination dieses Themas und den Umgang mit diesen kreativen, witzigen und cleveren Kindern zu vermitteln. Wir möchten Sie einladen, mit uns hinter die Fassade der Verhaltens-Auffälligkeiten zu schauen und die Begeisterung über die Therapie-Erfolge zu teilen. Nicht alle Probleme sind mit A·D·S zu erklären – aber alle, die mit Kindern umgehen, sollten die Diagnose A·D·S kennen, um den Kindern nicht effektive Hilfen vorzuenthalten und um „Entwicklungs-Katastrophen“ frühzeitig vorbeugen zu können. Je früher Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen, ÄrztInnen – und vor allem die Kinder selbst wissen, dass sie aufgrund eines A·D·S anders „funktionieren“, um so besser lernen sie damit umzugehen und ihre „starken Seiten“ zu nutzen. Sie können neben einem riesigen Sack voll Problemen auch durch ihre unglaubliche Energie, Kreativität, Intuition und Begeisterungsfähigkeit imponieren und einen wirklich zum Staunen bringen.

Immerhin haben laut ernsthaften wissenschaftlichen Untersuchungen ca. 8% aller Kinder ein A·D·S mit den unterschiedlichsten Ausprägungen. Das heißt: Im Schnitt sind zwei Kinder jeder Klasse – oder über 1 Million Kinder in Deutschland – A·D·S-Kinder.

Aber auch diese A·D·S-Kinder können erfolgreich sein. Denn es gibt effektive Hilfen – man muss sie nur kennen.

Auch die Kinder mit A·D·S können sich entsprechend ihren Fähigkeiten entwickeln und ihr Leben selbstbewusst und selbstständig gestalten. Eine aus Unkenntnis praktizierte Stigmatisierung als „Störenfried“, „Versager“ oder „Außenseiter“ sollte der Vergangenheit angehören.

Kapitel 1: Das Wichtigste in Kürze

•Die typischen Verhaltensweisen von A·D·S-Kindern kennt jeder – aber die wenigsten erkennen darin Symptome von A·D·S.

•Es gibt A·D·S-Kinder mit Hyperaktivität (die „Zappelphilippe“) und ohne Hyperaktivität (die „Träumer“).

•Im Säuglingsalter und im Kindergartenalter werden A·D·S-Kinder mit Hyperaktivität meist als besonders anstrengend erlebt, ohne dass jemand dabei an A·D·S denkt. Die A·D·S-Kinder ohne Hyperaktivität wirken sehr angepasst und fallen weniger auf.

•Die meisten A·D·S-Kinder werden erst in der Schulzeit „auffällig“ und zum „Problemkind“ erklärt – besonders dann, wenn es trotz guter Intelligenz Lernmisserfolge und Frust gibt.

•A·D·S ist kein Erziehungsfehler und keine gewollte Marotte der Kinder. A·D·S ist eine andere Art der Informations-Verarbeitung im Gehirn, die oftmals als Störung bezeichnet wird.

•Ca. 8 % aller Kinder in Deutschland haben ein A·D·S. Das sind über 1 Million Kinder bzw. 2 Kinder in jeder Schulklasse.

2 A·D·S-Kinder: Kinder, die wollen – aber nicht können

In diesem Kapitel erfahren Sie, …

•welche unterschiedlichen Verhaltensweisen für „Zappelphilippe“ (A·D·S-Kinder mit Hyperaktivität) und „Träumer“ (A·D·S-Kinder ohne Hyperaktivität) charakteristisch sind

•wie ähnlich die Probleme der beiden verschiedenen A·D·S-Typen sind

•warum A·D·S-Kinder Probleme haben, obwohl sie ihr Bestes geben

•wieso A·D·S-Kinder trotz guter Intelligenz Schul- und Lernprobleme haben

•warum A·D·S-Kinder ihre Probleme nur mit Hilfe eines starken Teams bewältigen können

Die zwei A·D·S-Typen: A·D·S mit Hyperaktivität – A·D·S ohne Hyperaktivität

Bevor wir uns näher mit dem Phänomen A·D·S auseinandersetzen, schauen wir uns einmal an, was für die zwei Typen des A·D·S charakteristisch ist.

•Typ 1: A·D·S mit Hyperaktivität (A·D·S + H):

Stellvertretend für diesen Typ steht Max, der „Zappelphilipp“

•Typ 2: A·D·S ohne Hyperaktivität (A·D·S – H):

Stellvertretend für diesen Typ steht Jule, die „Träumerin“

Max und Jule werden Sie durch dieses Buch begleiten.

•Am Beispiel von Max erleben Sie die Situationen und Verhaltensweisen, die typisch für A·D·S-Kinder mit Hyperaktivität sind.

•Am Beispiel von Jule erleben Sie die Situationen und Verhaltensweisen, die typisch für A·D·S-Kinder ohne Hyperaktivität sind.

Bei Max geht es also immer hoch her – bei Jule geht es ruhig und verträumt zu. Beide aber sorgen zu Hause und in der Schule ständig für Stress und Aufregung – jeder auf seine Weise.

Außer Max und Jule lernen Sie noch eine ganze Reihe anderer A·D·S-Kinder beider Richtungen kennen.

Aber schauen Sie sich zunächst einmal an, wie unterschiedlich sich „Max, der Zappelphilipp“ und „Jule, die Träumerin“ verhalten – und wie ähnlich trotzdem ihre Probleme sind.

A·D·S mit Hyperaktivität: Max, der „Zappelphilipp“

Max (8 Jahre alt) liegt mit knurrendem Magen im Bett und denkt über die letzten Tage nach. Täglich hatte es Ärger gegeben. Oh, wie er es leid war, ständig Ärger zu haben. Jeden Tag aufs Neue hatte er sich vorgenommen, alles richtig zu machen. Aber es schien ihm nicht zu gelingen.

Die Woche hatte schon damit begonnen, dass er am Montagmorgen nicht aus dem Bett gekommen war. Viele Male hatte ihn seine Mutter rufen müssen. Als er sich dann endlich aufgerafft hatte und ins Bad gehen wollte, entdeckte er in seinem Zimmer auf dem Fußboden das Rad des kleinen Traktors, das er schon so lange vermisst hatte. Sofort hatte er nach dem Traktor gekramt und das Rad wieder montiert. Als er gerade testen wollte, ob der Traktor wieder fuhr, kam seine Mutter wutschnaubend ins Zimmer und warf ihm vor, er würde spielen anstatt seinen Pflichten nachzukommen. Dabei hatte er doch nur den Traktor repariert.

Im Bad wusch er sich dann husch, husch. Trotzdem kam er viel zu spät zum Frühstück. Weil er nicht pünktlich war, hatte sein Bruder bereits mit dem Essen angefangen. Ausgerechnet den Käse, den er hatte essen wollen, hatte sein Bruder schon gefuttert. Das sah ihm ähnlich: Jede Gelegenheit nutzte der, um ihn zu ärgern. Voller Wut hatte er seinem Bruder die Butter hingeschleudert, als der sich noch ein Brot schmieren wollte. Dabei hatte sein Ärmel die Butter gestreift, und er musste nach oben sich umziehen. Er hatte nach einem Pullover gegrapscht, sich den übergezogen, den Ranzen geschnappt und war aus dem Haus gerannt. Da hatte seine Mutter hinter ihm her gebrüllt: „O nein, dieser Pullover zu der Hose! Und noch auf links! Du siehst unmöglich aus!“ An diesem ganzen Mist war sein Bruder schuld gewesen. „Wie kam dieser Idiot eigentlich dazu, seinen Käse zu essen?“ Das hatte ihn so richtig geärgert. In seinem ganzen Körper schien ein Gewitter zu toben.

Und als dann am Bus der blöde Carl und der noch blödere Dominik immer wieder riefen: „Der hat ja seinen Pullover verkehrt rum an, der ist ja zu doof, sich anzuziehen“ und sie nicht damit aufhörten, obwohl er ihnen schon dreimal Prügel angedroht hatte, war er auf sie losgegangen. Erst vier Erwachsene schafften es, ihn zu bändigen. Selbstverständlich wusste seine Mutter bereits Bescheid, als er nach Hause kam – und der Tag war gelaufen gewesen.

Ärger in der Schule gab es täglich. Ständig ermahnte ihn seine Lehrerin:

„Max, pass endlich auf! Wie oft soll ich dir noch sagen: Kippel nicht mit dem Stuhl. Du sollst nicht in die Klasse reinrufen. Auch du hast dich an die Regeln zu halten“ u. s. w. … Dieses ständige Genörgel ist oberschrecklich. Die einzige rühmliche Ausnahme unter den Lehrern war bisher sein Kunstlehrer gewesen, doch auch auf den konnte er sich jetzt nicht mehr verlassen. Im Kunstunterricht am Mittwoch (oder war es am Dienstag gewesen?) musste er feststellen, dass er seinen Zeichenblock vergessen hatte. Er konnte seine Zeichnung von der Burg nicht vorlegen. Und da legte sein Lehrer so richtig los: „Immer habe ich dir die Stange gehalten und dir vertraut. Aber mich so frech anzulügen und mir weismachen zu wollen, du hättest wirklich gezeichnet! Nichts werde ich dir mehr glauben…“

Wenn er über diese Situation nachdachte, konnte er jetzt noch spüren, wie sein Hals wie zugeschnürt gewesen war und er mit den Tränen hatte kämpfen müssen. Um nicht loszuheulen wie ein Baby, hatte er zurückgebrüllt:

„Ich habe gezeichnet, und wenn Sie mir nicht glauben, dann lassen Sie es eben. Sie taugen genauso wenig wie all die anderen Lehrer auch.“ Keiner wollte ihm glauben, niemand schien ihn zu mögen. Dabei hatte er doch den ganzen Nachmittag wirklich damit verbracht, die Burg zu zeichnen. Und sie war doch tatsächlich ausnahmsweise mal gut geworden.

Max denkt weiter: „Warum gibt es eigentlich immer wieder Ärger wegen der blöden Hausaufgaben? Wenn ich nach Hause komme, mache ich es mir gern erst mal vorm Fernseher gemütlich. Es tut mir richtig gut, so vor der Glotze zu sitzen. Ich stelle mir dann immer vor, der Held der Sendung zu sein: Groß, clever, stark – und alle mögen mich. Doch meist kommt meine Mutter noch mitten im Film an und nervt wegen der Hausaufgaben. Hausaufgaben gehören jeden Tag zu den schrecklichsten Dingen, die ich tun muss.

Der Streit fängt meist schon damit an, dass ich nicht weiß, was ich aufhabe. Meine Mutter will nicht verstehen, dass ich die Hausaufgaben nicht aufschreiben kann. Aber wir kriegen die Hausaufgaben von der Klassenlehrerin immer erst kurz vor dem Gong an die Tafel geschrieben. Wenn ich dann anfinge, die Hausaufgaben aufzuschreiben, käme ich bestimmt erst als letzter aus der Klasse und kriegte keinen guten Sitzplatz mehr im Bus. In der hintersten Reihe habe ich meinen Stammplatz, und den muss ich jeden Tag verteidigen.

Außerdem bin ich mit den Hausaufgaben irgendwie viel langsamer als die anderen aus meiner Klasse. Ich höre die schon immer draußen auf dem Fußballplatz, wenn ich gerade mal erst die Hälfte fertig habe. Warum muss ich denn überhaupt in die Schule gehen und diese blöden Aufgaben machen? Ich will doch sowieso Rennfahrer werden. Autogramm-Postkarten unterschreiben – das kann ich doch jetzt schon.

Heute Abend kam ich zu spät nach Hause. Ich hatte mit meinem Vater ein Schiffchen gebaut, das wir am letzten Samstag im Bach hinterm Weiher schwimmen lassen wollten. Obwohl er es fest versprochen hatte und ich mich riesig darauf gefreut hatte, hatte mein Vater wieder mal keine Zeit und meinte, ich sollte es mit einem Freund zusammen schwimmen lassen. Das Problem ist nur: Ich habe keinen Freund. Und so war ich am Samstag wütend mit dem Fahrrad abgedüst. Aber heute Nachmittag fiel mir das Schiffchen wieder ein, und ich bin allein zum Bach gefahren. Als ich am Weiher vorbeikam, stand da ganz allein ein alter Mann und hat geangelt.

Ich habe mich einfach neben ihn gestellt und beobachtet, was er macht. Das fand ich richtig Klasse. Und dann habe ich dem Mann ganz viele Fragen übers Angeln gestellt. Und er hat sie mir tatsächlich alle beantwortet. Dieser Mann ist, glaube ich, der freundlichste Mensch, den es auf der ganzen Welt gibt.

Beim Erzählen habe ich dann völlig vergessen, dass ich mein Schiffchen schwimmen lassen wollte – aber leider auch auf die Uhr zu schauen. Als mich der Mann fragte, ob ich denn nicht allmählich nach Hause müsste, war es schon zu spät. Mein Vater war wütend, dass ich nicht pünktlich war, und ich durfte nichts mehr essen. Aber auch wenn mein Magen knurrt, bin ich irgendwie froh. Denn morgen, hat mir der Mann versprochen, will er mir seine alte Angel mitbringen, damit wir gemeinsam angeln können. Ich bete jetzt ganz fest, dass er nicht so ist wie mein Vater, sondern hält, was er verspricht.“

A·D·S ohne Hyperaktivität: Jule, die „Träumerin“

Jule (10 Jahre alt) sitzt gedankenversunken im Garten. Die letzten Tage sind mal wieder keine guten Tage gewesen.

Der Dienstagmorgen hatte schon allzu früh begonnen. Mit dem Gedanken an die Heimatkundearbeit war sie morgens schon um 5 Uhr aufgewacht und fühlte sich so richtig elend. Obwohl sie fleißig geübt hatte, hatte sie Angst, die Flüsse, Städte und Gebirge, die abgefragt werden würden, nicht richtig hinschreiben zu können. Das war ihr schon öfter passiert. Während der Klassenarbeit hatte sie einfach ein „Brett vor dem Kopf“ gehabt. Erst hinterher war ihr alles wieder eingefallen. Weshalb mussten ihr nur immer wieder solche Dinge passieren! Was die anderen zu ihr sagten, war wohl leider wahr: sie war einfach blöd. Mit zittrigen Fingern hatte sie sich noch mal das Heimatkundebuch vorgenommen, aber sie war einfach nicht richtig bei der Sache. Ständig schlichen sich andere Gedanken ein, die mit Flüssen und Städten nichts zu tun hatten. Als sie dann beim Frühstück nichts essen wollte, ihre Mutter aber darauf bestand, war sie völlig ausgeflippt. Sie hatte ihre Mutter angeschrien und ihren Teller vom Tisch gefegt. Das war ihr Lieblingsteller gewesen, und in ihrem ganzen Elend warf sie ihrer Mutter Dinge an den Kopf, die der die Tränen in die Augen trieben. Daraufhin war sie aus dem Haus gestürzt und hatte den Turnbeutel vergessen.

Als ihre Mutter dann in der ersten großen Pause in die Schule kam, ihr den Turnbeutel brachte und auch noch freundlich zu ihr war, hatte sie sich für den Rest des Tages furchtbar gemein und elend gefühlt. Ihre Mutter hatte es doch nur gut mit ihr gemeint – und sie war richtig eklig zu ihr gewesen. Sie hatte sich so richtig geschämt und versucht, ihrer Mutter alles recht zu machen. Aber richtig zufrieden war ihre Mutter wieder einmal nicht mit ihr gewesen, denn sie wollte wissen, was in der Heimatkundearbeit alles abgefragt worden war. Aber sie konnte sich an nichts mehr erinnern, und ihre Mutter hatte nur verzweifelt den Kopf geschüttelt.

Am nächsten Morgen war sie wieder eingeschlafen, nachdem ihre Mutter sie geweckt hatte. Natürlich gab es deswegen schon wieder Ärger, und ihre Schwester hatte hinter vorgehaltener Hand hämisch gegrinst. Dann musste sie wieder mal allein den Schulweg gehen. Ihre Klassenkameradinnen hatten ihr unmissverständlich klargemacht, dass sie mit einer trödeligen, lahmen Jule nichts zu tun haben wollten. Der Mindestabstand, den sie einhalten musste, war zehn Meter. Traurig und mit einem Druck im Magen, der jetzt immer öfter kam, trottete sie hinter den anderen her.

Plötzlich hatte sie dann am Wegesrand einen kleinen gelben Schmetterling entdeckt. Eine Schmetterlingssorte, die ihr völlig unbekannt war. Sie hatte sich zu ihm hinuntergebückt und ihn fasziniert beobachtet. Schmetterlinge waren für sie ein kleines Wunder: So zart, liebreizend und elegant. Dabei war anscheinend die Zeit schneller verstrichen, als sie gedacht hatte. Eine Strafarbeit wegen Zuspätkommens, begleitet von dem Gelächter der Mitschüler, wurde ihr aufgebrummt. Sie schämte sich fürchterlich und schwor sich: „Heute werden die anderen nicht noch mal über mich lachen. Ich werde aufpassen wie ein Luchs und nicht wieder mit den Gedanken abschweifen. Niemand soll mehr sagen: ‚Schlaf, Jule, schlaf, die Jule ist ein Schaf.“

Doch sie schaffte es wieder nicht, bis zum Schulende ihre Gedanken beisammen zu halten. In der letzten Stunde, in Mathematik, ging es um Mengen wie „mehr“ oder „weniger“. Bei dem Wort „mehr“ dachte sie an den letzten Urlaub. Sie sah sich langsam und zufrieden am „Meer“ entlangschlendern, sie konnte förmlich den salzigen, frischen Duft der Meeresbrise riechen. Sie fühlte sich in diesem Moment so angenehm, so froh wie schon lange nicht mehr. Doch dieses wunderbare Gefühl war von nur allzu kurzer Dauer. Ihre Lehrerin riß sie jäh aus ihren Träumen. Alle anderen lachten schon wieder über sie, weil sie nicht wusste, was zu rechnen war.

Leider war der Nachmittag nicht erfreulicher als der Vormittag. Obwohl sie sich nach dem Mittagessen fest vorgenommen hatte, ihre Hausaufgaben sofort zu machen, war ihr Blick unruhig auf dem Schreibtisch hin und her geschweift, und sie konnte einfach nicht widerstehen. Wie von magischen Kräften gezogen, griff ihre Hand nach dem Schmetterlingsbuch mit den detaillierten Beschreibungen. Sie suchte und fand den Schmetterling vom Morgen abgebildet. Interessiert las sie die Beschreibung und konnte nicht aufhören zu lesen. Dabei hatte sie völlig vergessen, dass sie einen Termin beim Kiefer-Orthopäden hatte und sich mit den Aufgaben beeilen sollte. Als ihre Mutter hoch rief: „Jule, wo bleibst du denn? Du wolltest doch um halb vier an der Garage sein“, hatte sie für die Hausaufgaben noch keinen Strich getan.

Auch am nächsten Tag hatte sie wieder mit den Hausaufgaben getrödelt. Und als Besuch vor der Tür gestanden hatte – eine frühere Klassenkameradin ihrer Mutter mit drei kleinen Kindern – hatte sie schon wieder noch nicht mit den Hausaufgaben angefangen. Sie hatte dann ihrer Mutter in der Küche helfen und später auf die kleinen Kinder aufpassen müssen. Ihre Schwester war nie da, wenn es ums Helfen ging. Eigentlich hätte auch sie heute gar nicht zu Hause sein sollen, denn ihre Schwester und sie waren bei ihrer Cousine zum Geburtstag eingeladen. Sie hatte sich allerdings geweigert mitzugehen. Dort war es immer so laut, das tat ihr furchtbar in den Ohren weh. Sie wollte mit so vielen anderen gar nichts zu tun haben. Viel lieber zog sie sich in den Garten oder in ihr Zimmer zurück und las in ihren Schmetterlingsbüchern.

Der Nachmittag mit den Kleinen hätte eigentlich ganz nett werden können, wenn sie nicht ständig die Gedanken an die Hausaufgaben im Hinterkopf gehabt hätte. Die Kleinen warentotal begeistert gewesen, mit ihr zusammen aus den leeren Dosen, die sie gesammelt hatte, ein kleines Floß zu bauen. Sie hatten das Floß auf dem Bach schwimmen lassen, und die Kleinen hatten das ganz toll gefunden. Beim Abschied hatte die Klassenkameradin ihrer Mutter gesagt: „Sei froh, dass du so eine liebe Tochter hast. Ich wünsche mir, dass meine kleine Isabel mal genauso wird wie deine Jule.“ Darauf hatte ihre Mutter nichts gesagt, aber Jule einen Blick zugeworfen, der sagte: „Meinem ärgsten Feind wünsche ich nicht so ein Kind.“ Nachdem der Besuch gegangen war, gab es Abendessen. Dabei berichtete ihre Schwester mit stolzgeschwellter Brust von ihren guten Noten in Latein und Geschichte, und ihre Eltern waren voll des Lobes. Es war ja auch nicht anders zu erwarten. Bald kamen wieder Sprüche wie: „Na, Jule, sieh dir deine Schwester an – und du? Mit der weiterführenden Schule wird es ja bei dir wohl nichts werden. Mit Faulheit kommt man eben nicht weit.“ Wie sie diese gemeinsamen Essen hasste. Jedes Mal lief es darauf hinaus, dass alle auf ihr herumhackten. Und dann hatte sie nach dem Zu-Bett-Gehen wieder das Licht angemacht, um die Hausaufgaben noch irgendwie hinzukriegen. Natürlich kam ihr Vater gerade an diesem Abend noch mal nach oben, bevor er sich gemütlich vor dem Fernseher niederließ, und erwischte sie. Er tobte und schrie. Ihre Mutter wurde hochzitiert und war fassungslos darüber, dass sie mittags zwei Stunden in ihrem Zimmer verbracht hatte, ohne auch nur mit den Hausaufgaben anzufangen.

Heute hatte es in der Schule zum Glück mal keine dramatischen Zwischenfälle gegeben. Auch die Hausaufgaben hatte sie heute schon alle erledigt. Sie hätte froh sein und in ihrem Schmetterlingsbuch lesen können. Doch sie hatte wieder mal Kopfschmerzen. Es hämmerte fürchterlich in ihrem Kopf, und ihre Mutter hatte sie an die frische Luft geschickt. Sie fragte sich, was mit ihrem Kopf wohl nicht in Ordnung sei: Nicht nur, dass er so oft weh tat – sie vergaß ja auch ständig irgendwelche Dinge. Es war direkt peinlich daran zu denken, dass sie vorhin im Keller gestanden und nicht mehr gewusst hatte, was sie überhaupt da wollte. Unverrichteter Dinge war sie wieder nach oben gegangen – und erst viel später, als sie wieder Durst bekam, war ihr eingefallen, dass sie ja im Keller Wasser hatte holen wollen. Häufig hatte ihr Vater schon geflucht: „So blöd kann ein Kind allein doch gar nicht sein.“ Dass sie blöd war, hatte sie mittlerweile selbst festgestellt. Aber war sie vielleicht nicht nur blöd, sondern wurde sie allmählich auch noch verrückt?

Das waren jetzt typische Ausschnitte aus dem Alltag von „Max, dem Zappelphilipp“ und „Jule, der Träumerin“.

Max hat A·D·S mit Hyperaktivität (A·D·S + H), Jule hat A·D·S ohne Hyperaktivität (A·D·S – H). Beide machen es ihrer Umwelt durch ihr Verhalten schwer. Aber beide haben es auch selbst schwer, weil ihre Mitmenschen sie nicht verstehen und deshalb nicht richtig auf sie eingehen können.

Im Folgenden lernen Sie noch andere Kinder kennen, die mit ähnlichen Problemen zu tun haben – vor allem in der Schule. Wenn Sie diese Beispiele lesen, fragen Sie sich doch mal, welche Situationen und Verhaltensweisen Ihnen vielleicht bekannt vorkommen.

Schul- und Lernprobleme trotz gutem IQ? Beispiele aus der Praxis

Wir möchten Ihnen einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben von Kindern mit A·D·S und ihren Problemen in der Schule vorstellen:

Robert wurde mir von seiner Mutter in der Praxis erstmalig im Alter von 14 Jahren vorgestellt. Der Schritt ist beiden nicht leichtgefallen. Aber der Berg der Probleme bestimmte mittlerweile das ganze Familienleben, und die Eltern machten sich große Sorgen um Roberts Zukunft: „Wird er mit seinem Arbeitsverhalten einen Hauptschulabschluss schaffen? Wie soll er eine Ausbildungsstelle kriegen, wenn er sein jetziges Zeugnis mit drei Fünfen in den Hauptfächern vorlegt?“

Alles gute Reden bringt überhaupt nichts. Beim Erstgespräch sitzt Robert ungehalten, etwas motzig und zunächst desinteressiert neben seiner Mutter. Er unterbricht ihre Schilderung immer wieder mit abfälligen Bemerkungen:

„Alles Quatsch“, „Nur bekloppte Lehrer“, „Was soll ich hier eigentlich?“, „Ich bin doch nicht krank im Kopf“.

Ich erkläre ihm, dass wir zusammen schauen werden, ob der Job Schule nicht besser zu bewältigen ist, dass wir Untersuchungen und Testungen machen werden, bei denen wir seine Stärken und Schwächen analysieren, um mit ihm zusammen einen Hilfeplan erstellen zu können. Danach ist er etwas gelassener und wirkt sicherer. Allerdings fällt es ihm enorm schwer, beim Gespräch mit anwesend zu bleiben und nicht abzuschalten.

Aber das scheint sein generelles Problem auch in der Schule zu sein.

Er geht nicht gern zur Schule. Er zählt jeden Schultag bis zum Beginn der nächsten Ferien. Mit Mühe hat er sich bis zur 8. Klasse vorgekämpft und ist in den letzten Jahren immer haarscharf am Hängenbleiben und an der Klassen-Wiederholung vorbeigerutscht.

Schon der Eintritt in die Schule lief nicht so ganz glatt. Bei der Einschulungs-Untersuchung wurde er für die Vorklasse empfohlen. Er war damals noch sehr verspielt und hatte auch nicht so viel Lust, mit den Stiften genau und exakt zu malen. Es konnte ihm alles gar nicht schnell genug gehen, so dass in der Regel nur ein Gekritzel auf dem Papier zu finden war. Das „Schöne-Kringel-Malen“ und eine kurze Zeit stillsitzen, auf Anweisung der Lehrerin zu arbeiten – das hat er dann in seinem Vorschuljahr so leidlich gelernt. Die ersten Jahre in der Grundschule haben ihm trotzdem keinen großen Spaß gemacht. Immer nur Schönschreiben, Diktat üben und lesen! In Mathe war es ihm oft langweilig, weil er die logischen Zusammenhänge schneller begriff als seine Mitschüler. Wenn er schneller fertig war als die anderen, hat er herumgekaspert und geschwätzt.

Obwohl er sich Mühe gab und seine Aufgaben erledigte, hagelte es ständig Beschwerden wegen seines Arbeitsverhaltens. Er sei zappelig, rufe in den Unterricht oder störe die anderen. In den Pausen ging „es manchmal mit ihm durch“, besonders wenn er geärgert wurde. Er haute dann auch schon mal oder schimpfte laut. Seine Wut hatte er dann nicht mehr gut im Griff.

Sein Schulfrust und sein „Null-Bock-auf-Lernen“-Gefühl wuchsen immer weiter. Die Noten waren entsprechend schlecht, so dass er am Ende der 4. Klasse „nur“ eine Empfehlung für die Hauptschule bekam. Auf der ist er jetzt.

Aber auch hier hat sich für ihn nichts Wesentliches verändert. Oft ist ihm der Unterricht zu langweilig, und er schaltet erst recht ab. Natürlich verpasst er den meisten Unterricht und vergisst auch oft seine Hausaufgaben. Klassenarbeiten sind für ihn eher ein Pokerspiel. Es klappt, oder es klappt nicht. Vorbereitet ist er nie. Entweder hat er vergessen, dass eine Arbeit ansteht, oder er hatte gerade an dem Nachmittag keinen „Drive“, z.B. Vokabeln zu lernen.

In der Grundschule hatte sich seine Mutter noch bemüht, durch endlose Telefonate Hausaufgaben und Termine für Klassenarbeiten zu erfragen – und sie hatte mit großer Geduld bei der Erledigung dieser Aufgaben geholfen. Seit der 5. Klasse aber mag Robert sich nichts mehr sagen lassen. Es endet jeden Nachmittag in einem großen Streit. In regelmäßigen Abständen versuchen die Eltern beim Abendessen, auf ihn einzureden und seine Vernunft anzusprechen. Er empfindet diese Veranstaltung nur als „Gardinenpredigt“. Wenn er es auch diesen Sommer schaffen sollte, von seinen drei Fünfen herunterzukommen und in die 9. Klasse versetzt zu werden – was wird dann nach der Schule? Welche weiteren beruflichen Möglichkeiten hat er dann überhaupt?

Robert interessiert sich besonders für technische Dinge und ist Meister im Heraustüfteln und Reparieren von komplizierten elektrischen Geräten. Bei diesem Thema ist er wieder ganz wach und erzählt begeistert von seinen kleinen Erfindungen. Er möchte gern Elektroingenieur werden. Nur: Wie? Mit einem schlechten Hauptschulabschluss?

Lara wird auf Anraten der Lehrerin bei mir angemeldet. Jetzt, in der 5. Klasse der Förderstufe, kann sich niemand ihren deutlichen Leistungseinbruch in fast allen Fächern erklären. Sie am allerwenigsten, weil sie sich für jede Arbeit stundenlang vorbereitet. Zu Hause kann sie alles – bei der Arbeit ist es wie weggeblasen. Sie versteht die Welt nicht mehr. In der Grundschule lief eigentlich alles ohne große Probleme. Sie war zwar häufig abgelenkt und hat nicht immer alles vom Unterricht mitbekommen, aber unter dem Strich lag sie bei den Arbeiten immer im Mittelfeld, so dass keiner meckern konnte. Jetzt aber kommt sie mit der neuen Situation überhaupt nicht mehr klar. Nicht nur ihre mündliche Mitarbeit ist katastrophal, sie leidet am meisten unter den „Blackouts“ in den Arbeiten. Am schlimmsten sind Vokabeltests. Wie können sich die anderen diese komischen englischen Wörter nur merken und auch noch richtig hinschreiben?

Beim ersten Gespräch in der Praxis berichtet die Mutter auch über Laras Stimmungsschwankungen und „Gefühlausbrüche“. Es passiert ihr immer öfter, dass sie wie ein „Kugelblitz“ reagiert und jeder in der Familie etwas von ihrem Zorn abbekommt. Der Haussegen hängt schon extrem schief.

Jennifer geht es ähnlich wie Lara. Sie wirkt mit ihren 10 Jahren schon sehr vernünftig. Sie kann auch recht gut ihre Schulprobleme schildern:

„Seit ich in der 4. Klasse bin, läuft alles schief. Ich strenge mich vor Arbeiten besonders an und übe 20mal öfter als meine Freundin – alles, was abgefragt werden könnte. Manchmal sind meine Eltern schon ganz entnervt, weil sie mich immer wieder abhören sollen und mir mein ungutes Gefühl nehmen sollen.“

Die Mutter bestätigt ihren unglaublichen Arbeitseifer und sucht Rat, wie sie Jennifer noch besser in ihrem Selbstvertrauen stärken kann. An ihrem Wissen und Denkvermögen hapert es offensichtlich nicht. Zu Hause kann sie alles aus dem „Effeff“. Die Mutter versucht schon, Jennifer am Tag vor der Arbeit abzulenken und etwas Besonderes mit ihr zu unternehmen, damit sie am nächsten Tag den Kopf frei hat und nicht wieder an dem berühmten „Brett vor dem Kopf“ verzweifelt. Aber das hilft auch nicht.

Jennifer selbst sagt: „Trotz meiner guten Vorsätze verhaue ich jede Arbeit. Mittlerweile glaube ich, dass ich dümmer bin als alle anderen. Ich würde so gern mit meinen Freundinnen auf das Gymnasium gehen. Aber die Idee kann ich mir wohl nach dem letzten Elternsprechtag abschminken. Meine Lehrerin sagt, bei mir reicht es nur für die Hauptschule. Sie hat meinen Eltern dringend dazu geraten, um mich zu entlasten. Sie meint, mit weniger Stress wäre ich nicht mehr so ein Nervenbündel. Aber mein Vater hält nicht viel von der Idee. Er ist überzeugt, dass es nur an der Schule und dem ständig ausfallenden Unterricht liegt. Nur: Arbeiten muss ich in jeder Schule schreiben. Und dann werde ich bestimmt wieder total nervös – und alles ist wie weggeblasen.“

Matthias ist zwar schon 8 Jahre alt, besucht aber zum zweiten Mal die erste Klasse, weil er das Lesen und Schreiben nur sehr mühsam hinbekommt. Darüber hinaus bringt er die Lehrerin durch sein permanentes Kippeln auf dem Stuhl und sein ständiges Hineinrufen in die Klasse zur Weißglut. Bevor er anfängt zu schreiben, muss er erst zigmal seinen Bleistift anspitzen, so dass er keinen Anfang findet. Und dann sagt die Lehrerin: „So wird das nie was“.

Matthias hat überhaupt keine Mühe, sich im Zahlenraum bis 100 zurechtzufinden. Er kann z. B. ausrechnen, wie lange er sein Taschengeld sparen muss, um sich ein neues Computerspiel leisten zu können. Aber das ändert auch nichts an seiner Meinung: „Schule ist total blöd“.

Er hat kaum Freunde und wird in den Pausen meist geärgert. Und das klappt immer: Er reagiert entweder total empfindlich und zieht sich zurück in eine Ecke – oder er „powert“ los, ohne ein Stopp zu kennen. Dadurch macht er sich nicht besonders beliebt. Seine Eltern erleben ebenfalls täglich ein Wechselbad der Gefühle: Sorge, Enttäuschung, Wut und Hilflosigkeit. Die Situation spitzt sich mehr und mehr zu – vor allem seit dem letzten Gespräch mit der Klassenlehrerin und der Rektorin. Sie empfehlen eine Umschulung auf die Sonderschule. Das war der Anlass, mit Matthias zu mir zu kommen.

Der Vater berichtet: