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Das alte China ist der Schlüssel, um die Dynamik des heutigen China zu verstehen. Helwig Schmidt-Glintzer schildert die Geschichte des Landes von den frühesten Kulturen über die Entstehung eines Einheitsreiches und die großen Dynastien und Reiche bis zur politischen und wirtschaftlichen Fremdbestimmung Chinas im 19. Jahrhundert. Ein besonderes Interesse gilt dabei der Frage, wie das Land trotz regionaler Vielfalt, Spaltungen und Fremdherrschaften seit mehr als zwei Jahrtausenden seine Einheit bewahrt hat.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Helwig Schmidt-Glintzer
DAS ALTE CHINA
Von den Anfängen bis zum 19. Jahrhundert
C.H.Beck
Cover
Inhalt
Textbeginn
Titel
Inhalt
Vorwort
I. Strukturbildungen (5000–221 v.Chr.)
1. Die Anfänge
2. Das Zentrum der Macht und des Rituals
Die Naturräume
3. China und die Welt
Kosmogonie, Kosmologie und Astronomie
Die Trennung von Himmel und Erde
Frühe Kartographie und die Kenntnis der Welt
4. Die Ausdehnung des Territoriums und die Beziehung zu den Nachbarn
Ausbildung eines Staatsgebietes
Außenbeziehungen und die «Große Mauer»
5. Der soziale Prozess und die Periodisierungsfrage
Legitimation der Zhou-Herrschaft
Bäuerlicher Landbesitz
Demographie
6. Staat und Gesellschaft
Dynastiewechsel und Herrschaftslegitimation
Verwaltung und Hauptstädte
II. Die Begründung des Einheitsreiches (221 v. Chr. – 220 n. Chr.)
1. Aufstieg und Erfolg des Staates Qin
Reformen unter Herzog Xiao (361–338)
2. Eroberungen und Reichseinigung
Die «Architekten» des Einheitsreiches
Die prägende Rolle Shihuangdis
Verwaltung
Shihuangdi als Trauma und Vorbild
3. Die Han-Dynastie
Liu Bangs Weg zur Macht
Die rituelle Stellung des Kaisers
Innenpolitik und Recht
Innerer und Äußerer Hof
Agrarverfassung und die Finanzierung des Militärs
Cliquenkämpfe bei Hofe und «entthronte Kaiser»
Grenzbeziehungen und Außenpolitik
4. Die Bewährung der Ordnungsvorstellungen und der Kulte des Kaiserreiches
III. Teilung des Reiches und Fremdvölker (220–589)
1. Rebellionen und Gefahren aus der Steppe
«Dämonenhafte Rebellen»
Ausschaltung der Eunuchen und Herrschaft der Kriegsherren
2. Die Drei Reiche
Die Teilung zwischen Nord und Süd
Die Erfolge Cao Caos
Die Reiche Shu-Han und Wu im Süden
Der Jin-Staat des Sima-Klans
3. Selbstverwaltung und Staat: Die Durchsetzung einer Gesinnungsaristokratie
Versöhnung von lokaler Autonomie und Zentralstaatlichkeit
Keime des Zerfalls
4. Die Ausbreitung des Buddhismus
Die Seidenstraße und der Buddhismus
Antibuddhistische Polemik und die Durchsetzung von Mönchsregeln
IV. Politische Gefolgschaft und Herrschaftssicherung (579–906)
1. Gründung und Fall der Dynastie Sui
Die Persönlichkeit Sui Wendis und das Einigungswerk
Blüte und Verfall
Die öffentlichen Arbeiten
Der innere Zusammenbruch
Merkmale des neuen Einigungswerks in der Sui- und Tang-Zeit
2. Machtwechsel und Konsolidierung des Reiches
Vom General zum Kaiser
Reorganisation und Befriedung des Reiches
Außenpolitik und Expansion
3. Das Interregnum der Kaiserin Wu und das «Goldene Zeitalter»
Die Auflösung der mittelalterlichen Aristokratie
Der Aufstieg der Kaiserin Wu und der Versuch der Restauration der Tang
4. Religiosität der Massen und die Stellung der Religionen
Urbanisierung und Stadtgott-Tempel
Die Stellung der Religionen
Der Verkauf von Ordinationsscheinen und die Religionsverfolgungen um 840
5. Neue Reiche am Rande der Tang-Herrschaft
China als Vorbild für seine Nachbarn
Das erste türkische Reich
Das Reich der Tibeter und das südliche Köngreich Nanzhao
6. Bürokratisierung, Regionalismus und das Ende der Tang-Herrschaft
Rechtsordnung
Verwaltung und Militär
Der Aufstand des An Lushan
Zentrifugale Tendenzen
Das Ende der Tang-Herrschaft
V. Bürokratie und neuer Geist (907–1368)
1. Die Fünf Dynastien im Norden und der Süden
Ein neuer Typ der imperialen Machtausübung
Die Fortdauer des Einheitsgedankens
Wohlstand im Süden: Der Wu-Yue-Staat
2. Reiche am Rande
Liao
Das Tanguten-Reich Xixia
3. Das Song-Reich – Beginn einer neuen Zeit?
Das Militär unter ziviler Aufsicht
Beamtenrekrutierung und Bildungswesen
Binnenhandel und handwerkliche Spezialisierung
Soziale Fürsorge
Das Recht der Song-Zeit
Reformversuche und soziale Bewegungen
4. Verlust des Nordens und Rückzug nach Süden
Krise in der Mitte der Dynastie
Verheerungen durch die Dschurdschen
Die Bildung einer «Erobererdynastie»: Das Jin-Reich
Der Einfall der Mongolen und die endgültige Unterwerfung
5. Die Mongolenherrschaft
Khubilai und die Yuan-Dynastie
Das Prinzip der dualen Herrschaft
Geld und Wirtschaft
Religionspolitik der Yuan und «pax mongolica»
VI. Autokratie und Prosperität (1368–1840)
1. Die Einigung unter der nationalen Dynastie Ming
Aufstände am Ende der Yuan-Dynastie
Zhu Yuanzhang: Vom Rebellenführer zum Kaiser
Kontrolle des Militärs durch die Politik
2. Ritualismus und Perfektion des Staates
3. Dynastiewechsel und Fremdherrschaft
4. Das 18. Jahrhundert
Anfänge einer Industrialisierung
Korruption und das rasche Bevölkerungswachstum
Die Expansionspolitik der Mandschu-Regierung
5. Literatur und Bildung
Die Konkurrenz um die Staatsämter
Urbanisierung
Kritik der Gegenwart und der Umgang mit der Geschichte
Der Kampf gegen den Opiumimport
Schluss: Das Bewusstsein von der Einheit der Kultur
ANHANG
Zeittafel
Literaturhinweise
Nachschlagewerke
Gesamtdarstellungen
Darstellungen größerer Zeiträume
Aspekte der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte
Register
Zum Buch
Vita
Impressum
Während man sich in China mit Blick auf eine gänzlich neue Zukunft lange Zeit von der Vergangenheit abkehrte, verbindet sich inzwischen wieder ein Zukunftszweifel mit der Hinwendung zur Vergangenheit. So rückt auch in China die Geschichte seit ihren frühesten Anfängen immer stärker in das Bewusstsein der Gegenwart. Die nachwachsenden Generationen werden an die Vergangenheit des eigenen Landes und die Ausbildung der eigenen Kultur in neuer Weise herangeführt. Der Stolz auf die große kulturelle Vielfalt soll zur Ressource für eine vielversprechende Zukunft werden. Daher ist für den Umgang mit dem heutigen China ein umfassendes Bild von seiner Geschichte entscheidend.
Auch wenn das Wissen über Grundstrukturen der Kultur und Geschichte sich nicht ständig erneuert und die Erzählungen über die Vergangenheit sich wiederholen, gibt es doch ein wachsendes Detailwissen, und zwar in allen Bereichen. Einer ständig erneuten Vergewisserung über die Grundzüge der Geschichte bedarf es aber auch deswegen, weil sich China zunehmend mit anderen Kulturen vergleicht. Auf der einen Seite versteht es sich als eine der «Wiegen der Welt» und stellt sich mit Ägypten und anderen Hochkulturen auf eine Stufe, zugleich sieht es sich mit den Vereinigten Staaten von Amerika als der anderen großen heutigen Wirtschaftsmacht auf Augenhöhe. Dies führt zu neuen reflexiven Diskursen über die Komplexität der eigenen Geschichte wie der Geschichte anderer Völker und Kulturen.
Die Kenntnis der Geschichte des alten China vor der Zeit des Zusammenbruchs des Kaiserreiches, der mit dem Versagen des alten Systems und den großen Rebellionen in der Zeit um 1800 einsetzt, gehört daher zum notwendigen Rüstzeug für jeden, der mit China in Beziehung tritt. Erst der Blick auf die älteren, von der späten Kaiserzeit sehr verschiedenen Epochen seit dem chinesischen Neolithikum und der Bronzezeit ergibt ein vollständiges Bild. Nicht nur die «Identität Chinas», die sich vor mehr als zweitausend Jahren herausgebildet hat, sondern auch in der Zwischenzeit hinzugetretene Identitätskonstruktionen beeinflussen weitere Entwicklungen und Veränderungen. Erst wer die vielfältigen Konstellationen in der Geschichte vor Augen hat, die im Bewusstsein der Entscheidungsträger weiter gegenwärtig sind, hat die Möglichkeit, rasch auf neue Trends zu reagieren. Geopolitische und rein geographische Aspekte fallen hier ebenso ins Gewicht wie Fragen der Religion, der öffentlichen Moral oder der Verkehrsinfrastruktur und des Bildungs- und Erziehungswesens.
Dass das vorliegende Buch nun in siebter Auflage erscheint, ist nicht nur eine Bestätigung für Autor und Verlag und dessen Lektoren, sondern auch ein Hinweis darauf, dass China inzwischen in Europa zu einer festen Größe im Denken der Menschen geworden ist, die sich mit China und seiner Kultur anfreunden möchten. Denn auf nahezu allen Gebieten ist in Zukunft Kooperation geboten, geht es doch um die Sicherung und Teilung aller der Menschheit gemeinsamen Lebensgrundlagen, im Energiesektor, in der Rohstofffrage, in Fragen der Menschenrechte. Der für eine solche Perspektive notwendige Horizont verlangt danach, sich mit dem Wissen um andere Länder und Völker der Erde und deren Gegenwart, aber auch deren Geschichte zu vergleichen und so zu verbinden.
Die Anfänge der Geschichte Chinas liegen im Dunkeln, umso mehr als die Frage, was denn «das Chinesische» konstituiere, bis heute als unbeantwortet gelten muss. So viel lässt sich jedoch sagen, dass es am Ende des zweiten und im Laufe des ersten vorchristlichen Jahrtausends zur Herausbildung eines Begriffes der Zugehörigkeit zu jener Gruppe gekommen ist, die im Gegensatz zu den «Unzivilisierten» durch bestimmte kulturelle Merkmale gekennzeichnet ist und die sich später als «Chinesisch» bezeichnete. Von woher diese Abgrenzung ihren Ausgang genommen hat, ist bis heute unklar; es spricht aber vieles dafür, dass die chinesische Kultur das Ergebnis einer Vermischung vielfältiger regionaler Teilkulturen war. Noch die Herkunft der Führer des das Reich einigenden Qin-Staates gilt ebenso als «barbarisch», wie dies für die Führungsschicht der vorhergehenden Zhou zutrifft.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit China knüpft an die Vorstellung einer kulturellen Identität an, auch wenn sie selbst immer wieder andere Abgrenzungsversuche unternommen hat. Hervorzuheben aber ist der Umstand, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit China nicht nur von der Selbstauslegung der chinesischen Geschichtsschreibung, sondern auch von den Interessenlagen der sich mit China beschäftigenden Länder sowie von deren Wissenschaftstraditionen aufs Nachhaltigste beeinflusst wird. Wir sind uns daher heute viel stärker als in der Vergangenheit des Umstandes bewusst, dass unser eigenes Chinabild nicht nur von den Kenntnissen über China, sondern auch durch unsere eigenen Wahrnehmungsformen bestimmt ist. Das China der Sinologen ist – um es prägnant zu formulieren – vielfach nicht das China der Chinesen.
Heute verstehen sich die Chinesen als ein Volk mit einer sehr langen Geschichte. Für die Anfänge gibt es verschiedene Befunde: die alten Mythen, die archäologischen Fakten und die Geschichtsschreibung im engeren Sinne. Das Bild, das man sich bis vor wenigen Jahren von der Vor- und Frühgeschichte Chinas und überhaupt von der frühen Menschheitsgeschichte in Ostasien machte, hat sich aufgrund der archäologischen Funde der neuesten Zeit erheblich gewandelt. Der 1934 in Zhoukoudian geborgene, vor 500.000 bis 400.000 Jahren lebende Pekingmensch gilt längst nicht mehr als der älteste Mensch; den im Südwesten in der Provinz Yunnan gefundenen Yuanmoumenschen datiert man auf etwa 600.000 Jahre.
Weit stärker noch hat sich das Bild von der frühen Kulturentwicklung in den einzelnen Regionen des heutigen China durch Ausgrabungsfunde der letzten Jahre und Jahrzehnte verändert. Nach Fundorten werden einzelne Kulturen benannt, wie etwa die von Hirseanbau, Haustierhaltung und Keramikherstellung geprägten jungsteinzeitlichen Cishan- und Peiligang-Kulturen des 6. Jahrtausends v. Chr. Ein genaueres Bild können wir erst von der unweit des «Gelben Flusses» (Huanghe) gefundenen Yangshao-Kultur (ca. 5000–3000 v. Chr., Provinz Shaanxi), von der Longshan-Kultur (ca. 2400–1900 v. Chr., Provinz Shandong) und von der weiter westlich gelegenen Majiayao-Kultur (ca. 3300–2000 v. Chr., Provinzen Qinghai und Gansu) gewinnen. Während die Kulturen Nordchinas gewisse Ähnlichkeiten aufweisen, ist der Charakter der Kulturen des Südens doch sehr verschieden gewesen. So tragen die Hemudu-Kultur am Unterlauf des Yangzi (ca. 5000–3000 v. Chr.) und die Majiabang-Kultur (ca. 5000–4000 v. Chr.) sehr eigenständige Züge.
Wie sich aus der Vielzahl der stark regional geprägten Kulturen eine chinesische Kultur bildete, ist die grundlegende Frage aller Beschäftigung mit der Frühzeit der Geschichte Chinas. Auch das vorliegende Buch will eine knappe, zugegeben vorläufige Antwort auf diese Frage geben. Der Verfasser ist sich sehr wohl bewusst, dass die Frühgeschichte Chinas in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch mehrfach umgeschrieben werden muss und dabei wird auch das Interesse der chinesischen Machtelite an staatlicher Einheit ebenso beteiligt sein wie die regionalen Sonderinteressen.
Das China, das wir als historisch – weil durch schriftliche Denkmäler belegt – zu bezeichnen uns angewöhnt haben, dieser sich über Teile Nord- und Zentralchinas erstreckende Herrschaftsverband, beerbte eine lange Tradition der Herausbildung und Pflege politischer, kultureller und sozialer Einheiten. Ob die der Dynastie Shang vorangehende Dynastie erst eine spätere Erfindung war oder doch historisch ist, ist noch nicht entschieden. Die chinesische Kultur bildete sich also im späten dritten Jahrtausend v. Chr., im Übergang zur Bronzezeit. Bei dieser Feststellung wird aber leicht übersehen, dass einerseits das damalige China nur einen Teil der heutigen Ausdehnung hatte und dass sich andererseits infolge der Integration weiterer Völkerschaften und Kulturen die Eigenart der chinesischen Kultur im Laufe der Jahrhunderte ganz entscheidend veränderte. Es ist daher China zu Recht auch mit einem Chamäleon verglichen worden.
