Das aschkenasische Judentum - Peter Schäfer - E-Book

Das aschkenasische Judentum E-Book

Peter Schäfer

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Beschreibung

Aschkenas: So nannten die seit dem Mittelalter in Europa ansässigen Juden ihr Siedlungsgebiet vor allem in Deutschland. Peter Schäfer bietet mit diesem Buch erstmals einen auf archäologischen und schriftlichen Quellen basierenden Überblick über Herkunft und Blüte des aschkenasischen Judentums und seinen erzwungenen Weg nach Osteuropa. Seine glänzende Darstellung umfasst mehr als 2000 Jahre jüdischer Geschichte, von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, und wird für lange Zeit Maßstäbe setzen. Ein Edikt des Kaisers Konstantin aus dem Jahr 321 betrifft die Juden in Köln, doch erst für die Zeit um das Jahr 1000 sind jüdische Gemeinden in Köln, Mainz, Speyer, Worms, Regensburg, Prag oder Frankfurt sicher belegt. Woher kamen diese Juden? Wie waren ihre Gemeinden organisiert? Wovon lebten sie, und welche Beziehungen pflegten sie zu ihrer christlichen Umgebung? Peter Schäfer kennt wie kaum ein anderer die Schriften des mittelalterlichen Judentums und beschreibt auf ihrer Grundlage – jenseits der bis heute verbreiteten Klischeevorstellungen – den Alltag und die mystisch geprägte Frömmigkeit der aschkenasischen Juden. Er erzählt von den Verfolgungen und Vertreibungen im Spätmittelalter, der erneuten Blüte jüdischen Lebens in Polen, Litauen und Russland und vom Weg der Juden in eine ambivalente Moderne, die Emanzipation versprach und Vernichtung brachte. Seither liegen die Zentren des aschkenasischen Judentums in den USA und Israel, doch seine Wurzeln reichen weit in das europäische Ostjudentum, in das mittelalterliche Deutschland und in die Antike zurück.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Peter Schäfer

Das aschkenasische Judentum

Herkunft, Blüte, Weg nach Osten

C.H.Beck

Historische Bibliothek der GERDA HENKELSTIFTUNG

Die Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung wurde gemeinsam mit dem Verlag C.H.Beck gegründet. Ihr Ziel ist es, ausgewiesenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Möglichkeit zu geben, grundlegende Erkenntnisse aus dem Bereich der Historischen Geisteswissenschaften einer interessierten Öffentlichkeit näherzubringen. Die Stiftung unterstreicht damit ihr Anliegen, herausragende geisteswissenschaftliche Forschungsleistungen zu fördern – in diesem Fall in Form eines Buches, das höchsten Ansprüchen genügt und eine große Leserschaft findet.

Zuletzt erschienen:

Dieter Langewiesche: Der gewaltsame Lehrer

Europas Kriege in der Moderne

Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung

Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert n. Chr.

Jill Lepore: Diese Wahrheiten

Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika

Klaus Mühlhahn: Geschichte des modernen China

Von der Qing-Dynastie bis zur Gegenwart

Gudrun Krämer: Der Architekt des Islamismus

Hasan al-Banna und die Muslimbrüder

Thomas O. Höllmann: China und die Seidenstraße

Kultur und Geschichte von der frühen Kaiserzeit bis zur Gegenwart

Holger Gzella: Aramäisch

Weltsprache des Altertums

Karl-Joachim Hölkeskamp: Theater der Macht

Die Inszenierung der Politik in der römischen Republik

Wolfgang Behringer: Der große Aufbruch

Globalgeschichte der frühen Neuzeit

Winfried Nerdinger: Architektur in Deutschland im 20. Jahrhundert

Geschichte, Gesellschaft, Funktion

Zum Buch

Ein Edikt des Kaisers Konstantin aus dem Jahr 321 betrifft die Juden in Köln, doch erst für die Zeit um das Jahr 1000 sind jüdische Gemeinden in Köln, Mainz, Speyer, Worms, Regensburg, Prag oder Frankfurt sicher belegt. Woher kamen diese Juden? Wie waren ihre Gemeinden organisiert? Wovon lebten sie, und welche Beziehungen pflegten sie zu ihrer christlichen Umgebung? Peter Schäfer kennt wie kaum ein anderer die Schriften des mittelalterlichen Judentums und beschreibt auf ihrer Grundlage – jenseits der bis heute verbreiteten Klischeevorstellungen – den Alltag sowie die rigoros ethisch und mystisch geprägte Frömmigkeit der aschkenasischen Juden. Er erzählt von den Verfolgungen und Vertreibungen im Spätmittelalter, der erneuten Blüte jüdischen Lebens in Polen, Litauen und Russland und vom Weg der Juden in eine ambivalente Moderne, die Emanzipation versprach und Vernichtung brachte. Seither liegen die Zentren des aschkenasischen Judentums in den USA und Israel, doch seine Wurzeln reichen weit in das europäische Ostjudentum, in das mittelalterliche Deutschland und in die Antike zurück.

Über den Autor

Peter Schäfer, Professor em. für Judaistik, hat an der Freien Universität Berlin und der Princeton University gelehrt und war bis 2019 Direktor des Jüdischen Museums Berlin. Peter Schäfer wurde vielfach ausgezeichnet und 2021 in den Orden Pour le Mérite aufgenommen. Bei C.H.Beck erschienen von ihm zuletzt «Kurze Geschichte des Antisemitismus» (2. Aufl. 2020) sowie «Die Schlange war klug. Antike Schöpfungsmythen und die Grundlagen des westlichen Denkens» (2022).

Inhalt

Tafelteil

Einleitung

ERSTER TEIL  |: HERKUNFT

1. Mutterland und Diaspora

2. Juden im Römischen Reich

Die Juden im «Mutterland»

Juden in der «Diaspora»: Kleinasien, Alexandria, Rom

Juden, Proselyten und gottesfürchtige Heiden: Kleinasien

Blüte des hellenistischen Judentums: Alexandria

Bunt, vielschichtig und offen: Das Judentum in Rom

Das rabbinische Judentum

Palästina: Marginalisierung und Rabbinisierung des Judentums

Politischer und religiöser Vorrang: Babylonien

ZWEITER TEIL  |: VERBREITUNG

1. Aschkenas: Eine Begriffsbestimmung

2. Der lange Weg nach Westeuropa

Ein rätselhafter Beleg aus Köln

Die dunklen Jahrhunderte: Verstreute Einzelfunde

Essen-Burgaltendorf

Augusta Treverorum (Trier)

Der Menora-Ring aus Augusta Raurica (Kaiseraugst)

Grabinschriften aus Carnuntum

Eine Grabinschrift aus Aquincum (Budapest)

Die Bauinschrift aus Mursa (Osijek)

Ein Amulett aus Halbturn

Auf dem Weg nach Aschkenas

Jüdische Kaufleute zwischen Orient und Okzident

Der Bischof von Lyon und die Angst vor jüdischer Überlegenheit

DRITTER TEIL  |: GEMEINDELEBEN

1. Ursprungslegenden der Frommen von Aschkenas

2. Schutz und Knechtschaft: Die rechtliche Stellung

3. Fernhandel und Geldwirtschaft

4. Institutionen und Ämter

5. Bedeutende aschkenasische Gemeinden

Köln: Judenviertel und Privilegien

Geschichte der Gemeinde

Rabbiner und Gelehrte

Das Ende der Gemeinde

Mainz: Bedeutend und beinahe rechtlos

Geschichte der Gemeinde

Rabbiner und Gelehrte

Speyer: Bischöfliche und kaiserliche Privilegien

Geschichte der Gemeinde

Rabbiner und Gelehrte

Worms: Kaiserlicher Schutz und kulturelle Ausstrahlung

Geschichte der Gemeinde

Rabbiner und Gelehrte

Regensburg: Unfreie Juden in der Freien Stadt

Geschichte der Gemeinde

Rabbiner und Gelehrte

Das Ende der Gemeinde

Prag: Königlicher Schutz und wirtschaftliche Macht

Geschichte der Gemeinde

Jomtov Lipman, Rabbi Löw und die Legende vom Golem

Frankfurt: Der Weg ins Ghetto

Wirtschaftliche Blüte bis zur Großen Pest

Pestpogrome, Wiederaufbau

Ghetto

Judenbücherstreit

Vertreibungen

VIERTER TEIL  |: LEBEN MIT DER TORAH

1. Einübung in die Torah

2. Bibelauslegung: Raschi und der einfache Wortsinn

3. Talmudkommentar und Tosafot

Raschi zur Mischna

Tosafot zur Mischna

Kommentar des Talmuds (Gemara) zu Mischna Berakhot

Kommentar Raschis zum Kommentar des Talmuds (Gemara)

Die Tosafot zum Talmud

4. Responsen: Antworten auf strittige Fragen

Raschi: Ein Responsum zur Schwagerehe

Maharam: Einblicke in den Alltag

5. Die Verordnungen von Schum

6. Synagogale Poesie

7. Die Frommen von Aschkenas

Rigide Ethik: Das «Buch der Frommen»

Fromme und andere Juden

Fromme und Nichtjuden

Konvertiten

Handel mit Christen

Mystik: Die esoterische Lehre der Frommen

Gershom Scholem und die jüdische Mystik

Der verborgene und der sich offenbarende Gott

Die Erschaffung des Golem

8. Die Rückkehr der Bilder

FÜNFTER TEIL  |: VERFOLGUNGEN UND VERTREIBUNGEN

1. Kreuzzüge: Die Heiligung des göttlichen Namens

Speyer und Worms: Der Beginn der Verfolgungen

Mainz: Die Akzeptanz des Martyriums

Köln und weitere Orte: Die Vollendung des Opfers

2. Hass, Legenden und Pogrome

Blutbeschuldigungen

Legenden vom Hostienfrevel

Röttingen: Rintfleisch und Armleder

Deggendorf

Simon von Trient

Die Bücherverbrennung von 1242

Klagelied des Maharam

Große Pest, Pogrome und Vertreibungen

3. Antijüdische Propagandabilder

Juden als Christusmörder und Verbündete Satans

Die Ebstorfer Weltkarte

Darstellungen der «Judensau»

Ecclesia und Synagoga

Cloisters Cross

Saint-Gilles-du-Gard

Saint Denis

Reims

Straßburg

Bamberg

SECHSTER TEIL  |: DER WEG NACH OSTEN

1. Polen-Litauen: Blüte und Katastrophe

Unter königlichem Schutz

Der Vierländerausschuss und der Ausschuss des Landes Litauen

Die Chmielnicki-Massaker

2. Mystische Frömmigkeit jenseits der Orthodoxie

Die Lurianische Kabbala

Die Sabbatianische Bewegung

Die Frankistische Bewegung

Der Chasidismus

Die Mitnaggedim: Gegner des Chasidismus

3. Aufbrüche in eine neue Welt

Haskala: Die Jüdische Aufklärung

Jüdischer Sozialismus in Ostaschkenas und Palästina

Die Anfänge des Zionismus

Jiddische und neuhebräische Literatur

Anhang  

Karten

Anmerkungen

Einleitung

Erster Teil  |  Herkunft

1. Mutterland und Diaspora

2. Juden im Römischen Reich

Zweiter Teil  |  Verbreitung

1. Aschkenas: Eine Begriffsbestimmung

2. Der lange Weg nach Westeuropa

Dritter Teil  |  Gemeindeleben

1. Ursprungslegenden der Frommen von Aschkenas

2. Schutz und Knechtschaft: Die rechtliche Stellung

3. Fernhandel und Geldwirtschaft

4. Institutionen und Ämter

5. Bedeutende aschkenasische Gemeinden

Vierter Teil  |  Leben mit der Torah

1. Einübung in die Torah

2. Bibelauslegung: Raschi und der einfache Wortsinn

3. Talmudkommentar und Tosafot

4. Responsen: Antworten auf strittige Fragen

5. Die Verordnungen von Schum

6. Synagogale Poesie

7. Die Frommen von Aschkenas

8. Die Rückkehr der Bilder

Fünfter Teil  |  Verfolgungen und Vertreibungen

1. Kreuzzüge: Die Heiligung des göttlichen Namens

2. Hass, Legenden und Pogrome

3. Antijüdische Propagandabilder

Sechster Teil  |  Der Weg nach Osten

1. Polen-Litauen: Blüte und Katastrophe

2. Mystische Frömmigkeit jenseits der Orthodoxie

3. Aufbrüche in eine neue Welt

Literatur

Bildnachweis

Glossar

Personenregister

Tafelteil

Bodenmosaik der Synagoge von Hammat-Tiberias am See Genezareth: Helios und Tierkreiszeichen, darüber ein Torahschrein mit jüdischen Symbolen, 4. Jahrhundert

Bodenmosaik der Bet-Alpha-Synagoge in Galiläa: Der Sonnengott Helios in der Mitte ist umgeben von den zwölf Tierkreiszeichen und den vier Jahreszeiten, 6. Jahrhundert.

Synagoge in Gaza: Mosaikfragment mit König David als Kithara spielender Orpheus, 6. Jahrhundert

Überreste der spätantiken Synagoge in Sardeis im Westen Kleinasiens, Ende 3. Jahrhundert

Oben: Silbermünze aus dem Bar-Kokhba-Aufstand (132–135) mit Motiven des Laubhüttenfestes (Lulav und Etrog) und der Tempelfassade

Unten: Boden eines römischen Glasgefäßes mit jüdischen Symbolen, Rom, 2. Jahrhundert

Edikt Kaiser Konstantins von 321 zur Beteiligung der Kölner Juden am Stadtrat

Fingerring mit Menora, Kaiseraugst, Schweiz, wahrscheinlich 4. Jahrhundert

Goldblech-Amulett mit dem Anfang des hebräischen Schma‘ Jisra’el in griechischer Umschrift, Halbturn, Österreich, 3. Jahrhundert

Das Kölner Judenprivileg wurde 1266 von Erzbischof Engelbert II. erlassen. Es befindet sich heute an der Wand des nördlichen Chorumgangs.

Grabstein des Meschullam ben Kalonymus (1020?) auf dem jüdischen Friedhof (Judensand) in Mainz: «Hier liegt begraben unser Lehrer/Meister Meschullam, Sohn unseres Lehrers/Meisters Rabbi Kalonymus. Seine Seele sei eingebunden im Bündel des Lebens.»

Grabstein der «Blume Tochter des Rav Jakob» in Speyer, 1365

Die von 1958 bis 1961 wiederaufgebaute Wormser Synagoge von 1175

Blick in die spätromanische/frühgotische Wormser Männersynagoge

Die Miqwe in Worms mit den charakteristischen spätromanischen Rundbogen, Eingang mit der zum Tauchbad führenden Treppe, 1186

Das sogenannte Lehrhaus Raschis in Worms (Raschikapelle) wurde 1623/24 an die Synagoge angebaut.

Oben: Der jüdische Friedhof (Heiliger Sand) in Worms. Die ältesten Grabsteine stammen aus dem 11. Jahrhundert.

Unten: Der jüdische Friedhof in Prag, Aufnahme von 2005

Oben: Die Prager Altneuschul aus dem 13. Jahrhundert, Aufnahme von 1998

Unten: Innenraum der Prager Altneuschul. Das Privileg einer eigenen Fahne erließ Kaiser Karl IV. 1357.

Das spätbarocke jüdische Rathaus in Prag zeigt eine noch im 18. Jahrhundert blühende Gemeinde. Die untere Uhr hat ein hebräisches Zifferblatt.

Plakat für den Golem-Film von Paul Wegener, 1920

Grabstein des Rabbi Löw, gest. 1609, auf dem jüdischen Friedhof in Prag

Seite aus einem Machsor, Leipzig, um 1310. Die Illustration zeigt den Initiationsritus der Schüler: Ein Schüler sitzt auf dem Schoß des Lehrers und hält ein Ei und einen Honigkuchen zur Belohnung in seinen Händen. Davor stehen zwei Schüler, ebenfalls mit Ei und Honigkuchen, und ein Vater mit seinem Sohn (mit Honigkuchen) in den Armen. Rechts davon gehen zwei Schüler mit Ei und Honigkuchen und ihrem Lehrer zu einem fließenden Wasser, weil die Torah die Quelle des Lebens ist.

Wandmalerei in der Zürcher Brunngasse, um 1330: Unter einem Wappenfries ist der Tanz herausgeputzter Bauern um eine höfische Dame erkennbar. Bei einigen Wappen ist die lateinische Beschriftung am oberen Wappenrand und die hebräische Beschriftung in einem Fries darunter erhalten. Über dem hier gezeigten Wappen der Grafen von Luxemburg steht in gotischer Schrift «LUS[Z]VNBVRG». Darunter ist in hebräischer Schrift «LUZUN…» oder «LUZNB…» lesbar.

Der jüdische Minnesänger Süßkind von Trimberg, zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts, dargestellt mit Judenhut und Pelzkragen. Illustration aus dem Codex Manesse (Große Heidelberger Liederhandschrift), entstanden zwischen 1300 und 1340, fol. 355r

Illustration in einer Ausgabe des Bibelkommentars des Raschi von 1233. Es handelt sich um die älteste erhaltene illustrierte aschkenasische Handschrift. Die Seite zeigt den Beginn von Exodus 1,1: «Das sind die Namen der Söhne Israels, die nach Ägypten gekommen waren …» Die Israeliten – mit Judenhüten und ausradierten Gesichtern – stehen vor dem Stadttor mit ihren Abstammungslisten, die von einem Wächter geprüft werden.

Illustration in einer Ausgabe des Pentateuch aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Dargestellt ist das erste Wort von Genesis 1,1 (be-reschit). Rechts und links davon stehen Adam und Eva, ihre Gesichter sind von herabfallendem Haar verdeckt.

Illustration in einem hebräischen Manuskript aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Oben der sterbende Boas, Urgroßvater Davids, mit seiner Frau. Darunter der Messiaskönig auf dem Esel. Die Personen sind mit ausgewaschenen Gesichtern dargestellt.

Seite aus einem hebräischen Manuskript aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Oben die endzeitlichen Ungeheuer Leviathan und Behemot. Darunter: das endzeitliche Mahl der Gerechten mit Kronen und Tiergesichtern

Hinrichtung von Juden (vielleicht als Strafe für den angeblichen Blutfrevel), d.h. kurz vor der Talmudverbrennung von 1242. Miniatur aus einer französischen Handschrift von 1220–1230

Verbrennung der Juden Kölns im späten Mittelalter. Kolorierte Reproduktion aus dem 19. Jahrhundert einer nicht erhaltenen mittelalterlichen Illustration

Ritualmord an Simon von Trient (1475) mit den Namen der angeblichen jüdischen Täter. Kolorierter Holzschnitt aus der Schedelschen Weltchronik von 1493

Links: Figur der Synagoga mit verbundenen Augen, zerbrochenem Stab in der rechten und herabfallenden Gesetzestafeln in der linken Hand.

Rechts: Figur der Ecclesia. Ihre Attribute fehlen, da ihre Arme nicht erhalten sind.

Die Figuren aus dem Jahr 1225 schmückten ursprünglich das Fürstenportal des Bamberger Doms und befinden sich heute im Inneren der Kirche.

Dekoriertes Fenster oberhalb des Eingangs der aschkenasischen Ari-Synagoge in Safed, Galiläa, 16. Jahrhundert

Einleitung

Fast ebenso alt wie die Geschichte des jüdischen Volkes ist die seiner Zerstreuung. Sie beginnt mit dem in Psalm 137 beklagten Babylonischen Exil («An den Flüssen von Babel, dort saßen wir und weinten») im sechsten Jahrhundert v. Chr. und lebt über wechselnde Stationen bis heute fort. Aschkenas, dem dieses Buch gewidmet ist, ist dabei nur eine, aber die Geschichte Europas bis heute prägende Station. Ausgangspunkt und leitendes Motiv des Buches ist die Einsicht, dass die gesamte jüdische Geschichte von ihren Anfängen bis in die Gegenwart durch die Doppelgesichtigkeit von Mutterland und Diaspora bestimmt ist, dass es nie ein Mutterland ohne Diaspora gegeben hat und dass beide eng aufeinander bezogen sind. Das Narrativ vom judäischen[*1] Mutterland als dem einzigen und ewigen Kern und Zentrum des jüdischen Volkes und der Diaspora als einer Folge von Vertreibungen, angefangen beim Babylonischen Exil, ist eine Fiktion, die der Zionismus versucht hat – und bis heute versucht –, zur maßgebenden Doktrin des Staates Israel zu erheben. Mutterland und Diaspora waren und sind von jeher zwei Seiten derselben Sache, von denen keine Seite sich der anderen entledigen kann, ohne wesentliche Aspekte des Judentums aufzugeben.

Die seit dem Mittelalter in West- und Mitteleuropa, später dann auch in Osteuropa ansässigen Juden bezeichnen ihr Siedlungsgebiet nicht als «Deutschland», sondern mit dem hebräischen Wort aschkenas, das schon in der Bibel belegt ist. Die in diesem Siedlungsgebiet lebenden Juden sind Aschkenasen oder aschkenasische Juden. Der Komplementärbegriff ist sefarad (Sefarden oder sefardische Juden) und bezieht sich auf die Juden in Spanien und Südfrankreich. Aschkenasen und Sefarden lebten in zwei sehr ungleichen Kulturkreisen, nämlich unter christlicher bzw. islamischer Oberhoheit, mit verschiedenen Sprachen (Jiddisch bzw. Judenspanisch/Ladino) und verschiedenen religiösen und kulturellen Eigenheiten. Ihre Geschichte verlief daher in ganz unterschiedlichen Bahnen: Während die aschkenasischen Juden in Mittel- und später Osteuropa einer langen Folge von abwechselnd relativ guten Zeiten, Unterdrückungen und Vertreibungen, Rückkehr und erneuten Verfolgungen/Vertreibungen ausgesetzt waren – bis zur staatlich organisierten Ermordung in den nationalsozialistischen Todeslagern –, erlebten die sefardischen Juden nach einer langen Blüte das Trauma einer einmaligen und flächendeckenden Vertreibung aus Spanien (1492) und Portugal (1496) durch die christlichen Herrscher. Dieses Buch widmet sich ausschließlich der Geschichte der Juden in Aschkenas. Sein Schwerpunkt liegt im Mittelalter, während die antike Vorgeschichte und die Geschichte der Aschkenasen in der Neuzeit mit Ausblicken bis in die Gegenwart deutlich knapper skizziert werden. Besonderheiten des sefardischen Judentums werden nur hin und wieder vergleichend herangezogen.

Im Jahr 2021/22 feierten die Bundesregierung, die Jüdische Gemeinde in Deutschland und zahlreiche lokale Initiativen «1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland» (so der Titel der offiziellen Ankündigung). Anlass für dieses Gedenkjahr war das an den Rat der Stadt Köln gerichtete Edikt des römischen Kaisers Konstantin vom Dezember 321, in dem diesem erlaubt wird, auch Juden in den Stadtrat zu berufen. Abgesehen von der überaus großzügig berechneten Zeitspanne von 1700 Jahren – es sollte noch viele Jahre dauern, bis man von «Deutschland» sprechen kann –, wird man fragen müssen, wie der berechtigten Aufforderung, «sich die lange und reichhaltige Tradition jüdischer Kultur in Deutschland zu vergegenwärtigen»,[*2] nachzukommen ist, ohne in die altbekannten Schablonen zu verfallen. Die gemeinsame Geschichte war alles andere als erfreulich, und die viel beschworene gegenseitige Anerkennung von Juden und Deutschen war, wie Gershom Scholem nach der Schoah nachdrücklich festgestellt hat, eben nicht so gegenseitig, sondern sehr einseitig, bewegte sich der kulturelle Einfluss doch vorwiegend in eine Richtung, nämlich von den Deutschen zu den Juden.

Die wechselvolle Geschichte der aschkenasischen Juden beginnt im Mittelalter, und wir wissen nur sehr wenig darüber, wann und wie diese Juden nach West- und Mitteleuropa gekommen sind. Ich werde daher in einem ersten Teil «Herkunft» in groben Zügen die Vorgeschichte des aschkenasischen Judentums in der Spätantike nachzeichnen, da dieses ja bereits von einer langen Tradition geprägt war, als es das Licht der Geschichte erblickte. In der Antike wurde das Judentum nicht nur in der Diaspora, sondern auch im Mutterland seit den Eroberungszügen Alexanders des Großen einem tiefgehenden Prozess der Hellenisierung unterworfen, der alle Bereiche des täglichen Lebens – auch des Bereichs, den wir «Religion» nennen – umfasste und fortdauernd prägte. Für die Diaspora war dies meist unbestritten, für das Mutterland hat sich diese Einsicht nur mühsam durchgesetzt. Ich werde zunächst einen knappen Überblick über die politische und kulturelle Entwicklung im Mutterland von den Nachfolgern Alexanders (Ptolemäer und Seleukiden, Römer) bis zur römischen Eroberung Jerusalems und des Tempels geben und dann die Verhältnisse in der antiken jüdischen Diaspora beschreiben. Bei der Diaspora werde ich mich auf die drei großen Zentren Kleinasien, Ägypten mit Alexandria sowie Italien mit Rom beschränken.

In Kleinasien spielen für die Beurteilung des Verhältnisses von Juden und Nichtjuden die Synagogeninschriften eine große Rolle, in denen neben ethnischen Juden auch heidnische «Gottesfürchtige» als Vertreter einer eigenen Gruppe erwähnt werden, die sich zum Judentum hingezogen fühlten, ohne aber den Schritt zum Übertritt (Proselytismus) zu vollziehen. In Alexandria führte der Streit um das römische Bürgerrecht zwischen Juden, einheimischen Ägyptern und Griechen zum ersten Pogrom in der jüdischen Geschichte. Gleichzeitig begegnen wir dort mit der Familie Philos von Alexandria einer extrem akkulturierten Familie, deren Mitglieder die Spannung zwischen Judentum und griechisch-römischer Kultur in unterschiedlicher Weise bewältigten. Und in Rom war die Anziehungskraft des Judentums gerade in gesellschaftlich höchsten Kreisen so ungebrochen, dass die lateinischen Satiriker sich bemüßigt fühlten, die immer zahlreicher werdenden «Gottesfürchtigen» und die Proselyten zum bevorzugten Ziel ihres Spotts zu machen. Die materielle Hinterlassenschaft der Juden in Rom (Grabinschriften in Katakomben, Inschriften auf Sarkophagen und Wanddekorationen in den Katakomben, Goldgläser, unzählige Öllampen) bezeugt in Italien einen Juden und Nichtjuden gemeinsamen kulturellen Raum, der von gemeinsamen Symbolen geprägt war, unabhängig von ihrer jeweiligen ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit.

Von besonderer Bedeutung für die Neuausrichtung des Judentums nach der Tempelzerstörung war das sogenannte rabbinische Judentum, das sich nach den beiden Jüdischen Kriegen unter der Führung der Rabbinen formierte. Geographisch befinden wir uns hier sowohl im judäisch-palästinischen Mutterland als auch in der babylonischen Diaspora, denn die Rabbinen lebten sowohl in der römischen Provinz Judaea bzw. Palaestina als auch in Babylonien, dem ehemaligen «Exil», und wanderten ständig zwischen diesen beiden Zentren hin und her. Zunächst in Palaestina und dann auch in Babylonien entwickelten und perfektionierten die Rabbinen ihr System des Torahzentrismus, mit dem sie statt des Opfers im Tempel die Torah samt der von ihnen autorisierten verbindlichen Auslegung in den Mittelpunkt des jüdischen Lebens stellten.

Allerdings war diese «Rabbinisierung» des Judentums, wie die neuere Forschung immer deutlicher herausarbeitet, weniger erfolgreich und dauerte viel länger als früher angenommen. Dies zeigt sich nicht zuletzt an dem archäologischen Befund in der jüdischen Nekropolis von Bet Schearim in Galiläa aus dem dritten oder vierten Jahrhundert. Hier finden sich zahlreiche Motive aus der griechischen Mythologie an den Wänden der unterirdischen Grabanlagen und auf den Sarkophagen neben jüdischen Symbolen. Dasselbe gilt für die Mosaiken der galiläischen Synagogen der ersten nachchristlichen Jahrhunderte, in deren Mittelpunkt oft der griechisch-römische Sonnengott Helios/Sol Invictus steht, umgeben von den zwölf Tierkreiszeichen und von Symbolen, die aus dem jüdischen Tempelkult stammen (siehe Tafel 1, 2). Im vierten und fünften Jahrhundert gelang es den Rabbinen zusehends, mit ihrer Literatur (Mischna, Talmud, Midrasch) das Judentum nach ihren Vorstellungen zu gestalten, und im sechsten Jahrhundert war der Prozess der Rabbinisierung des palästinischen Judentums weitgehend abgeschlossen. Dies lässt sich auch daran ablesen, dass die figürlichen Darstellungen der Synagogenmosaiken durch rabbinische Texte ersetzt, also literarisiert wurden. Zur selben Zeit entstand ebenfalls in Palästina die synagogale Poesie (hebr. pijjut). Sie fasste die Exegese, die in den Talmudhochschulen gelehrt wurde, in kunstvollen und hochpoetischen Dichtungen bündig zusammen und wurde im Synagogengottesdienst vorgetragen.

Die babylonischen Juden sind die Nachfahren der Juden, die mit dem Ende des Babylonischen Exils nicht nach Judäa/Jehud zurückkehrten. In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten lebten sie unter der Oberherrschaft der Parther und der Sassaniden unter ungleich günstigeren politischen und kulturellen Bedingungen als ihre Glaubensgenossen unter römischer und dann byzantinischer Herrschaft in Palästina. Sie entwickelten sich zur größten Diasporagemeinde der Antike. Ihre rabbinischen Führer waren gleichzeitig so eng mit ihren Kollegen in Palästina verbunden, dass man kaum noch zwischen Diaspora und Mutterland trennen kann. Unter den babylonischen Gelehrten entstanden zahlreiche Talmudakademien, die mit den palästinischen Hochschulen in engem Austausch standen. Oberhaupt der babylonischen Juden war der vom sassanidischen Staat anerkannte Exilarch (aram. resch galuta), das Pendant des Patriarchen (nasi) in Palästina. Im Laufe der Zeit wurden die babylonischen Gelehrten so einflussreich, dass sie in offene Konkurrenz zu ihren palästinischen Kollegen traten und schließlich ihre Vorrangstellung durchsetzten.

Bis heute sichtbares Zeichen dieser Dominanz ist die Tatsache, dass sich ihr Talmud, der Babylonische Talmud (talmud bavli), gegenüber dem Palästinischen oder Jerusalemer Talmud (talmud jeruschalmi) als der bis heute maßgebende Talmud behauptet hat. Die Blüte der babylonischen Akademien währte bis ins zehnte Jahrhundert, das Amt des Exilarchen fand in der Mitte des elften Jahrhunderts sein Ende (also sehr viel später als das Amt des Patriarchen in Palästina, das schon in der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts aufgelöst wurde). Der Schwerpunkt des babylonischen wie auch des palästinischen Judentums verlagerte sich nun auf zwei Wegen in den Westen und Norden, einmal über Nordafrika und Spanien und zum anderen über Süditalien, bis in das Zentrum von West- und Mitteleuropa.

Der zweite Hauptteil des Buches – «Verbreitung» – beginnt mit einer Bestimmung des Begriffs «Aschkenas». In diffuser Bedeutung bereits in der Hebräischen Bibel belegt, verengt sich der Begriff im Laufe der Zeit auf einen zunächst nicht genauer definierten Bereich in West- und Mitteleuropa nördlich der Alpen und kann im geographischen, kulturellen oder politischen Sinne verwendet werden. Konkurrierende geographisch-politische Begriffe sind «Lotir» für das kurzlebige Lotharingien, «Zarfat» für das Kerngebiet des französischen Königreiches nördlich der Loire und «Provence» (hebr. provenza) ganz im Süden am Mittelmeer. In diesem Verbund bezeichnete «Aschkenas» das Ostfränkische Reich, aus dem sich das Heilige Römische Reich (später mit dem Zusatz «deutscher Nation») entwickelte. Seit dem elften Jahrhundert wurde zwischen der «Sprache von Aschkenas» (leschon aschkenas), mit der Deutsch bzw. Jiddisch gemeint ist, und der «Fremdsprache» (la‘as), womit Altfranzösisch gemeint ist, unterschieden. So sprachen die nordfranzösischen Juden Altfranzösisch und gehörten politisch zum Westfrankenreich bzw. Frankreich, während ihre deutschsprachigen Glaubensgenossen zum Ostfrankenreich bzw. Regnum Teutonicum bzw. Heiligen Römischen Reich gehörten und Jiddisch sprachen. In ihren kulturellen Eigenarten und ihrer religiösen Ausrichtung bildeten beide zusammen aber den gemeinsamen Raum «Aschkenas» mit seinem Zentrum in Nordfrankreich und im Rheinland.

Über den Weg, auf dem die Juden sich bis nach West- und Nordeuropa ausgebreitet haben, wissen wir wenig. Wahrscheinlich geschah dies im Zuge der militärischen Eroberungen des Römischen Reiches auf den dafür ausgebauten Straßen. Der früheste greifbare Fixpunkt ist Köln, das 50 n. Chr. zu einer römischen Kolonie erhoben wurde und für das mit dem berühmten Edikt Kaiser Konstantins schon 321 n. Chr. eine jüdische Gemeinde bezeugt ist. Es gibt kaum ein römisches Edikt und eine jüdische Gemeinde in der Spätantike, die mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat und sorgfältiger untersucht worden ist als dieses Edikt Konstantins mit seinem Hinweis auf die Kölner Juden. Der Grund ist ein historisches Dilemma, das bis heute ungelöst bleibt: Auf der einen Seite setzt das Edikt nämlich eine blühende jüdische Gemeinde voraus, die vielleicht schon im Gefolge des Zweiten Jüdischen Krieges entstand und eine längere Zeit der Konsolidierung durchgemacht haben muss (ohne dass wir darüber Näheres wissen). Auf der anderen Seite verschwindet diese jüdische Gemeinde aber ebenso plötzlich wieder aus dem historischen Bewusstsein, wie sie gekommen ist.

Zwischen 321 und den ersten Hinweisen auf eine Kölner jüdische Gemeinde im elften Jahrhundert liegen etwa sieben dunkle Jahrhunderte ohne jede Evidenz einer Anwesenheit von Juden in Köln. Und dies gilt nicht nur für Köln, sondern auch für das ganze Gebiet des heutigen Deutschlands: Eine Analyse aller Funde, die auf eine mögliche dauerhaftere jüdische Präsenz hinweisen könnten – und die oft mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit verkündet wurden –, erweist diese als wenig aussagekräftig. Insbesondere gibt es bisher vor dem Hochmittelalter keinen Beweis für eine längere Zeit blühende jüdische Gemeinde im heutigen Deutschland. Das heißt natürlich nicht, dass eine solche ausgeschlossen ist, aber historisch eindeutige Funde fehlen weiterhin. Die angeblich 1700 Jahre jüdischer Präsenz in Deutschland sind daher nach dem heutigen Stand um ca. 700 Jahre zu hoch gegriffen.

Anders ist der Befund im heutigen Frankreich. Reiche literarische Zeugnisse über die Juden von Lyon im Südosten Frankreichs, am Zusammenfluss von Rhône und Saône, erlauben die Momentaufnahme einer blühenden jüdischen Gemeinde im Karolingischen Reich. Die Juden von Lyon, offensichtlich erfahrene und erfolgreiche Fernhändler, erfreuten sich in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts des Wohlwollens ihres Landesherrn, Ludwigs des Frommen. Mit der aktiven Unterstützung Ludwigs gegen die restriktive Politik des Bischofs von Lyon, Agobard, führten sie ein selbstbewusstes jüdisches Leben, das so gar nicht zu den Klischees passt, die wir aus der mittelalterlichen Geschichte der Juden gewohnt sind. Lyon liegt zwar außerhalb des durch «Aschkenas» beschriebenen nordfranzösisch-rheinischen Raumes im engeren Sinne, doch erlauben uns die Hinweise aus Lyon, den bzw. einen Weg zu erahnen und wenigstens ansatzweise zu dokumentieren, den die Juden aus dem Römischen Reich nach Aschkenas genommen haben.

In den nachfolgenden Hauptteilen wende ich mich zunächst den Gründungslegenden zu, die sich um die Herkunft und Entstehung des aschkenasischen Judentums ranken: dem von Elasar von Worms überlieferten Stammbaum der Familie Kalonymus und der «Chronik des Achimaaz». Die um 1054 in Apulien verfasste Chronik schildert Erlebnisse eines gewissen Abu Aaron, der von seinem Vater aus Babylonien nach Süditalien vertrieben wurde. Beide Quellen zusammen präsentieren die Elite des aschkenasischen Judentums, die angeblich alle zur Familie der Kalonymiden gehörten, als Nachfahren des rabbinisierten palästinischen Judentums, die über Süditalien nach Westeuropa einwanderten (mit dem Kerngebiet im Rheinland), sich aber gleichwohl der durch den Babylonischen Talmud geprägten babylonisch-rabbinischen Norm unterworfen hatten.

Es folgt ein knapper Überblick über die Rechtsstellung der Juden im Mittelalter zwischen dem Kaiser bzw. König, weltlichen und geistlichen Fürsten sowie Reichsstädten. Dann geht es um die wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen sie lebten (lokaler Handel und vor allem Fernhandel, allmähliche Begrenzung auf das Zinsgeschäft und Verdrängung aus dem Handwerk), und um die autonome Gemeindestruktur mit ihrer Selbstverwaltung und ihren Ämtern. In diesem Zusammenhang werden auch die Stellung der Rabbiner, die Talmudakademien, die Entstehung des Rabbinats, die Regelungen des Umgangs mit der christlichen Umwelt und die Ansätze zu überregionalen Zusammenschlüssen von Gemeinden erörtert. Dieser Überblick soll die Einordnung der Details und der lokalen Besonderheiten erleichtern, die anschließend zur Sprache kommen.

In mehreren ausführlichen Städtekapiteln stelle ich jüdische Gemeinden in ausgewählten Städten des römisch-deutschen Reiches genauer vor. Mit Ausnahme von Frankfurt handelt es sich um Städte, die vor dem Ersten Kreuzzug 1096 von Juden besiedelt wurden. Ich beginne mit den rheinischen Städten Köln, Mainz, Speyer und Worms, die von herausragender politischer, kultureller und wirtschaftlicher Bedeutung im Machtgefüge des Reiches waren. Die letzteren drei sind die sogenannten Schum-Städte, die seit 2021 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes sind. Schu“m ist ein aus den Anfangsbuchstaben von Speyer (hebr. schpira), Worms (hebr. warmaisa)[*3] und Mainz (hebr. magenza) gebildetes Akronym. Das weiter im Süden und Osten gelegene Regensburg am Zusammenfluss von Regen und Donau stand in enger Verbindung mit den Schum-Städten; Prag war der Mittelpunkt der Juden in Böhmen und hat uns mit seiner Altneuschul die älteste vollständig erhaltene mittelalterliche Synagoge bewahrt, und die wohlhabende freie Reichsstadt Frankfurt war die erste Stadt, die ihre jüdischen Bewohner in einem Ghetto im eigentlichen Sinne separierte.

Eine zentrale Rolle spielt das religiöse und kulturelle Leben des aschkenasischen Judentums im Mittelalter. Es steht unter der Überschrift «Leben mit der Torah», denn in der Nachfolge des rabbinischen Judentums der Spätantike war auch für die aschkenasischen Juden die Torah mit allen ihren Auslegungen und praktischen Anwendungen der Dreh- und Angelpunkt ihres täglichen Lebens. Sie lebten mit und aus der Torah, das heißt, alle ihre Lebensumstände orientierten sich an der Torah als dem Inbegriff der Wirklichkeit. Die schulische Bildung, die im Judentum von jeher besonders gefördert wurde, diente der Einübung in die Torah. Die Schüler lernten mit der Torah Lesen und Schreiben; anschließend wurden die Inhalte und Auslegungen der Torah memorierend wiederholt. Gerade das aschkenasische Judentum hat eigene Initiationsriten entwickelt und bewahrt. In ihnen wurde die einmalige historische Offenbarung der Torah am Sinai mit Kindern im Schulalter (ausschließlich Jungen) «nachgespielt» und die Fähigkeit des Lesens, Schreibens und Lernens eingeübt und belohnt. Dadurch, dass auch die Belohnung Teil des Rituals wurde – die Kinder durften Honig von den Buchstaben der Schreibtafel ablecken und zum Abschluss Honigkuchen und ein Ei essen –, betonte dieser aschkenasische Ritus die kinderfreundliche Seite der Erziehung.

Alle aschkenasischen Gelehrten zeichneten sich dadurch aus, dass der Schwerpunkt ihrer geistigen Tätigkeit – wie bei ihren Vorbildern, den spätantiken Rabbinen – auf der Auslegung der Hebräischen Bibel und der klassischen rabbinischen Literatur lag. Der mit Abstand einflussreichste und berühmteste Bibel- und Talmudkommentator des Hohen Mittelalters war Rabbi Schlomo Jitzchaqi (1040/41–1105), der bis heute unter dem Akronym Raschi[*4] bekannt ist. Er wurde in der Weinbaustadt Troyes in der Champagne im Nordosten Frankreichs geboren, studierte in den Schum-Städten Mainz und Worms und lebte danach als Winzer und Leiter einer ebenfalls hochangesehenen Talmudakademie in Troyes. Er ist das beste Beispiel für die enge Verzahnung der deutschen und nordfranzösischen «aschkenasischen» Gelehrsamkeit.

Um den Lesern ein anschauliches Bild von den Besonderheiten des aschkenasischen Umgangs mit der Traditionsliteratur zu vermitteln, werde ich Beispiele ihrer Bibel- und Talmudauslegung in deutscher Übersetzung vorstellen. Dies ist ein Experiment, das die Bereitschaft der Leser erfordert, sich auf Details einzulassen, die ihnen meist fremd und inhaltlich nicht leicht nachzuvollziehen sind. Aber nur so wird es möglich sein, jenseits der üblichen abstrakten Schablonen einen Eindruck davon zu gewinnen, wie die aschkenasischen Juden dachten und argumentierten, was ihnen wichtig war und was sie ignorierten. Ich beschränke mich dabei auf die Bibel- und Talmudauslegungen Raschis. Sein Bibelkommentar steht bis heute an prominenter Stelle in allen rabbinischen Bibelausgaben (Biblia Rabbinica, Rabbinerbibel). Der Erstdruck von 1475 war das erste gedruckte hebräische Buch. Als Beispiel für seine streng kontextbezogene Exegese auf der Basis der hebräischen bzw. aramäischen Grammatik und der genauen Kenntnis der Etymologie der einzelnen Wörter sowie der souveränen Beherrschung der rabbinischen und zeitgenössischen Auslegungstradition wähle ich den Anfang seiner Auslegung zum Buch Genesis (bereschit).

Neben der Bibel kommentierte Raschi auch fast alle Traktate des Babylonischen Talmuds (bavli), und dieser Kommentar übertraf in seiner Bedeutung wohl noch den Bibelkommentar. Als Beispiel für Raschis Arbeitsweise habe ich den Anfang des Traktats berakhot («Segenssprüche»), des ersten Traktats des Bavli, ausgewählt. Dabei muss man berücksichtigen, dass der Talmud nichts weiter ist als ein Kommentar zur Mischna, des ersten religionsgesetzlichen Kompendiums des rabbinischen Judentums, das um 200 n. Chr. redigiert wurde. Raschis Talmudkommentar ist also nichts anderes als ein Kommentar zum Kommentar. Daher kommentiert er in zwei Schritten zunächst die Mischna und dann den auf der Mischna aufbauenden Talmud, und dieser Struktur folgt auch mein Textbeispiel. Schließlich ist zu berücksichtigen, dass sich in der Generation der Enkel Raschis in Nordfrankreich eine weitere Schule bildete, die sich als noch «moderner» verstand. Sie verfasste in kritischer Auseinandersetzung mit Raschis Exegese «Hinzufügungen» (tosafot) oder Glossen zur Mischna und zum Talmud, die ihrerseits beträchtlichen Einfluss auf das aschkenasische Judentum ausübten.

Eine weitere literarische Gattung, in der die aschkenasischen Gelehrten es zur Meisterschaft brachten, ist die der Responsen. Sie geht auf die «Fragen und Antworten» (sche’elot u-teschuvot) der rabbinischen Schulen in Babylonien zurück: Rabbinische Gelehrte in der gesamten jüdischen Welt schildern überregional angesehenen Schulhäuptern strittige oder problematische religionsgesetzliche Fälle und bitten sie um eine Entscheidung oder wenigstens Empfehlung. Die angesprochenen Themen bilden die ganze Breite der jüdischen Lebenswirklichkeit im Mittelalter ab und betreffen sowohl die innerjüdischen Verhältnisse als auch oft die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden. Nach einem Responsum Raschis stelle ich mehrere Responsen des Rabbi Meir ben Barukh von Rothenburg (1220–1293) vor, bekannt und zitiert unter dem Akronym Maharam (Morenu ha-Rav Meir, «Unser Lehrer, der Rav Meir»), des bei weitem einflussreichsten Verfassers von Responsen im aschkenasischen Mittelalter. Nachdem die drei Schum-Gemeinden sich in mehreren Anläufen zu einer überregionalen Rechtsinstitution zusammengeschlossen hatten, wurden die Sammlungen ihrer Rechtsentscheide von 1220 und 1223 als «Rechtssatzungen von Speyer, Worms und Mainz» (taqqanot schu“m) zur für alle aschkenasischen Juden verbindlichen Rechtsquelle. Ich werde die auf verschiedenen Synoden getroffenen wichtigsten Beschlüsse erläutern.

Das zweite große literarische Betätigungsfeld der aschkenasischen Gelehrten neben der Rechtsprechung im weitesten Sinne war die synagogale Poesie (pijjut). Ihr Vorbild sind die klassischen Dichtungen des sechsten und siebten Jahrhunderts in Palästina. Bevorzugtes Genre der aschkenasischen Dichter (pajjtanim) sind Bußgebete (selichot) und Klagelieder (qinot), inspiriert durch die schrecklichen Verfolgungen der Kreuzzüge, vor allem des Ersten Kreuzzugs von 1096. Aus den zahlreichen erhaltenen Texten bespreche ich beispielhaft eine Qina von Kalonymus bar Jehuda dem Jüngeren, der die Massaker in Mainz als junger Mann miterlebte. Beherrschende Themen der Klagelieder sind: das Gemetzel, das die Kreuzfahrer in den Schutzburgen der geistlichen und weltlichen Autoritäten unter den Juden anrichteten, die Verzweiflung, mit der diese sogar sich selbst und ihre eigenen Kinder in einem dem Tempelopfer nachempfundenen Ritual umbrachten – um der «Heiligung des göttlichen Namens» (qiddusch ha-schem) willen und um der Taufe zu entgehen –, die Anklage, die sie an Gott als den für dieses Unheil verantwortlichen Urheber richten, und nicht zuletzt die Rachephantasien, in denen sie in Erwartung der endgültigen Erlösung schwelgen – insgesamt eine auch für den heutigen Leser in ihrer blutigen Drastik nur schwer erträgliche Motivmischung.

Mit den «Frommen von Aschkenas» (chaside aschkenas) kommen wir zu einem ganz anderen Zweig der literarischen Produktion der aschkenasischen Juden, in dem sich die «Frommen» (chasidim) als die selbsternannte Elite des jüdischen Volkes zu Wort melden. Mit der Trias von Vater (Samuel ben Kalonymus), Sohn (Jehuda ben Samuel he-Chasid) und Schüler (Elasar von Worms) äußern sich hier die Häupter der Kalonymusfamilie des Jahrhunderts zwischen etwa 1150 und 1250, die als dritte Säule neben Rechtsordnungen und synagogaler Dichtung einen radikal-ethischen Pietismus in Verbindung mit einer esoterischen Lehre über das Wesen Gottes vertraten. Den Pietismus versuchten sie, in ihrem gemeinsamen «Buch der Frommen» (sefer chasidim) ihren Mitmenschen als verbindliche Norm zu verordnen, allerdings mit wenig Erfolg. Die esoterische Lehre war ursprünglich als Geheimlehre konzipiert, wurde dann aber weiter verbreitet und gilt mit ihrem Rückgriff auf die spätantike Hekhalot-Literatur als aschkenasisches Pendant zur ausgeprägten Mystik (Kabbala) des sefardischen Judentums. Ich stelle zunächst mit zahlreichen Beispielen das «Buch der Frommen» als die wichtigste Quelle des aschkenasischen Judentums im Mittelalter vor, sowohl für die innerjüdischen Belange als auch für das Zusammenleben mit den Christen. Für die Gotteslehre der aschkenasischen Frommen stütze ich mich auf die «Lehrsätze zur göttlichen Herrlichkeit» (hilkhot ha-kavod) des Elasar von Worms. Grundlage für beides war eine langwierige und minutiöse Exegese des Bibeltextes nach bestimmten Regeln, unter denen die Vertauschung (Permutation) von Buchstaben und der Zahlenwert der Buchstaben eine besondere Rolle spielen.

Sichtbarer Ausdruck der auserwählten Stellung der Frommen von Aschkenas ist die Legende vom Golem, dem künstlichen Menschen, der von einem Rabbi erschaffen wird. Diese Legende lässt sich bis in das talmudische Judentum zurückverfolgen, ihre eigentliche Karriere (die bis in die Gegenwart reicht) beginnt aber mit den Frommen von Aschkenas. Diese Frommen waren es nämlich, die von sich behaupteten, aufgrund ihrer besonderen Frömmigkeit die Ersten gewesen zu sein, denen die Erschaffung eines künstlichen Menschen, in Nachahmung des göttlichen Schöpfungsaktes, gelang. Ihr Golem war zunächst völlig zweckfrei. Das einzige Ziel des von ihnen entwickelten Rituals, das sich im Wesentlichen auf die Formung des Menschen aus Lehm und die Permutation der Buchstaben des hebräischen Alphabets beschränkte, bestand darin zu demonstrieren, dass sie in ihrer unübertroffenen Gerechtigkeit und Frömmigkeit imstande waren, einen künstlichen Menschen zu erschaffen. Nachdem ihnen dies gelungen war, interessierte sie ihr Golem nicht mehr, und sie verwandelten ihn wieder zurück in einen Klumpen Lehm. Erst der Golem des Rabbi Juda Löw aus Prag wurde zum Kristallisationspunkt eines ganzen Legendenkranzes, bei dem seine praktische Verwendung in den Vordergrund trat.

Der Überblick über das «Leben mit der Torah» wird mit der Ikonographie der figurativen Buchmalerei in den aschkenasischen Bibelhandschriften des Mittelalters abgeschlossen. Figürliche Darstellungen von Tieren, Pflanzen und vor allem Menschen gab es zuletzt auf den spätantiken Synagogenmosaiken, dann verschwinden sie für ungefähr 700 Jahre und tauchen erst in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts in Aschkenas wieder auf; in Sefarad dauerte es wegen der islamischen Bilderfeindlichkeit noch etwas länger, bis figürliche Darstellungen wieder möglich waren. Als besonderes Problem wurde in Aschkenas die Darstellung menschlicher Gesichter empfunden: Sie wurden zunächst durch leere ovale Flächen angedeutet, mit Haaren verhängt oder durch Tiergesichter ersetzt. Die Frage, ob figürliche Abbildungen erlaubt sind, findet ihren ausführlichen Niederschlag in Rechtsgutachten. Als Konsens kristallisierte sich heraus, dass nur dreidimensionale Figuren verboten sind – wegen der Gefahr des Götzendienstes –, nicht aber zweidimensionale Malereien. Die jüdische Buchkunst entstand in engem Kontakt mit christlichen Werkstätten und ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die jüdisch-christliche Interaktion im Mittelalter.

Die negative Seite des Zusammenlebens von Juden und Christen im Mittelalter, die immer stärker die Oberhand gewann, fand ihren Ausdruck in den zahlreichen Verfolgungen und Vertreibungen. Der erste dramatische Einschnitt waren die Kreuzzüge, vor allem der Erste Kreuzzug, der in drei hebräischen Chroniken auch von jüdischer Seite bestens dokumentiert ist. Die Verfolgungen begannen im Mai 1096 in Speyer und griffen noch im selben Monat auf Mainz und Worms über. Der ausführlichste Bericht gilt Mainz. Er schildert das blutige Gemetzel der Kreuzfahrer unter den Juden, ihren nicht minder blutigen Selbstmord, die eigenhändige Tötung ihrer Kinder als Opferhandlung zur «Heiligung des göttlichen Namens», den gegenseitigen Hass und die forcierte Erwartung der Erlösung. Damit übertrifft er noch bei weitem die Beschreibungen in den Klageliedern. Obwohl die rheinischen Gemeinden sich relativ schnell von den Folgen des Ersten Kreuzzugs (und auch der beiden Kreuzzüge des zwölften Jahrhunderts) erholten, blieben die traumatischen Erfahrungen des Ersten Kreuzzugs fest im Gedächtnis des aschkenasischen Judentums verankert – um dann durch die Chmielnicki-Massaker in Polen von 1648/49 und die russischen Pogrome vom Ende des neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts abgelöst und noch überboten zu werden.

Es war dem christlichen Mittelalter vorbehalten, die schlimmsten antisemitischen Stereotype zu entwickeln, die das Verhältnis von Christen und Juden bis in die Gegenwart bestimmen sollten: Juden wurden beschuldigt, christliche Kinder in einem der Kreuzigung Jesu nachempfundenen Ritualmord zu töten, um ihnen ihr Blut abzuzapfen (die sogenannte Blutbeschuldigung). Ihnen wurde unterstellt, geweihte Hostien zu rauben, um sie mit allen möglichen Marterwerkzeugen zu traktieren und zum Bluten zu bringen (Hostienfrevel). Und sie wurden beschuldigt, durch eine gezielte Vergiftung der Brunnen für die große Pestwelle in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts verantwortlich zu sein. Ihr wichtigstes Werk, der Talmud, wurde als Teufelswerk verunglimpft, in immer neuen Anläufen verboten und 1242 in Paris öffentlich verbrannt. Alle diese Anschuldigungen lösten Massaker unter den Juden aus, die sich meist über das lokale Ereignis hinaus verbreiteten und größere Gebiete erfassten. Die durch die Pest verursachten Pogrome übertrafen die vorhergehenden bei weitem und leiteten in ihren katastrophalen Auswirkungen die Wende zum endgültigen Niedergang des westaschkenasischen Judentums ein. Immer neue Verfolgungswellen und die Vertreibungen der Juden aus den freien Reichsstädten sowie den weltlichen und kirchlichen Territorien im fünfzehnten und frühen sechzehnten Jahrhundert führten dazu, dass die Juden schließlich aus großen Teilen des römisch-deutschen Reiches fast gänzlich vertrieben waren.

Als wirksames Instrument der religiösen Propaganda erwies sich die antijüdische christliche Ikonographie des Mittelalters. Ich konzentriere mich exemplarisch auf das Motiv der «Judensau» und die Darstellung von Ecclesia und Synagoga. Die obszönen Abbildungen von Juden, die, durch Judenhüte kenntlich gemacht, an den Zitzen einer Sau saugen, in ihren After schauen und diesen oder ihre Vulva küssen oder ihre Exkremente essen bzw. trinken, finden sich vor allem an Säulenkapitellen oder Außenmauern von Kirchen. Ungefähr vierzig Beispiele, fast alle im deutschen Raum und beginnend in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, sind erhalten und haben – ausgelöst durch das Sandsteinrelief an der Fassade der Stadtkirche zu Wittenberg – anlässlich der Neubewertung von Luthers Antisemitismus zu heftigen Diskussionen geführt, wie man heute damit umgehen soll.

Von ganz anderer Art sind die monumentalen Skulpturen von Ecclesia und Synagoga als Personifikationen der christlichen Kirche und der jüdischen Synagoge. Ich beschränke mich auf drei Beispiele an den Außenfassaden der Kathedralen von Reims, Straßburg und Bamberg, alle aus der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts – also aus derselben Zeit, in der in Deutschland die Darstellung der «Judensau» Verbreitung fand. In allen drei Fällen sind beide Figuren von erlesener Schönheit. Zwar trägt die Ecclesia die Insignien ihres Triumphs über die Synagoga (Krone, Kelch, Speer, Kreuz mit Fahne) und die Synagoga die sichtbaren Zeichen ihrer Niederlage (verbundene Augen, verrutschte oder heruntergefallene Krone, verkehrt herum gehaltene oder ihr entgleitende Bundestafeln, zerbrochener Speer/Stab), aber an weiblicher Anmut steht die Synagoga der Ecclesia in nichts nach. Auch die unterlegene Synagoga strahlt eine Würde aus, die sie trotz ihrer Niederlage als die ältere und geachtete Schwester der Ecclesia kenntlich macht und respektiert. Dieses subtile theologische Bildprogramm distanziert sich an prominenter öffentlicher Stelle und damit in einer für alle Besucher der Kathedralen unübersehbaren Weise von der vulgären antisemitischen «Volkskunst» des christlichen Mittelalters.

In einem letzten Teil gebe ich einen Ausblick auf die weitere Geschichte des aschkenasischen Judentums in Osteuropa. Mit den Vertreibungen der Juden aus den west- und mitteleuropäischen Städten erreichte die schon früher begonnene Wanderbewegung nach Osteuropa ihren Höhepunkt. In dem ganz anderen politischen und wirtschaftlichen Umfeld der gerade erst christianisierten Slawen konnte das aschkenasische Judentum zu einer neuen Blüte gelangen. Eine eigene osteuropäische Identität kristallisierte sich heraus und erlaubt es uns, zwischen West- und Ostaschkenas zu unterscheiden. Die völlig andere Entwicklung des westaschkenasischen Judentums in der Neuzeit ist aufgrund der Schwerpunktverlagerung in den Osten nicht mehr Gegenstand dieses Buches und wird nur gelegentlich gestreift. Dagegen werde ich die politische Geschichte des ostaschkenasischen Judentums in Polen und Litauen bis in die Neuzeit hinein skizzieren. Mit den sogenannten Chmielnicki-Massakern in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts fand die zunächst ausgesprochen positive Entwicklung ein abruptes Ende, dessen traumatische Erfahrung als die geserot tach we-tat («Verhängnisse von 1648/49») in das kollektive Gedächtnis des Judentums eingegraben ist.

Ein Schwerpunkt liegt auf den kulturell-geistigen Besonderheiten des ostaschkenasischen Judentums. Der sogenannte osteuropäische Chasidismus unterscheidet sich vom Chasidismus der «Frommen von Aschkenas» im westaschkenasischen Hochmittelalter und gilt als der neuzeitliche Höhepunkt der mystischen Bewegungen des Judentums. Er basiert auf der Lurianischen Kabbala in Safed/Zefat in Palästina im sechzehnten Jahrhundert, auf der Sabbatianischen Bewegung mit ihren häretischen Auswüchsen im Osmanischen Reich des siebzehnten Jahrhunderts und auf der Frankistischen Bewegung mit ihren nicht minder häretischen Neigungen im achtzehnten Jahrhundert in Polen. Die beiden letzten Bewegungen griffen tief in das Selbstverständnis des Judentums ein, führten zu Spannungen und Spaltungen innerhalb der Gemeinden und wurden vom traditionellen Judentum, das sich als Hüter der Orthodoxie verstand, bis in die Neuzeit hinein bitter bekämpft. Der Chasidismus, der sich von den häretischen Tendenzen der Sabbatianer und Frankisten fernzuhalten suchte, entwickelte mit seiner Betonung der Immanenz Gottes in der Welt und der Mittlerfunktion seiner geistigen Führer, der Zaddiqim («Gerechte»), eine eigene Form der Mystik, die nach Ansicht ihrer Gegner (der Mitnaggedim) ebenfalls die Grenze zur Häresie überschritt.