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Der transatlantische Sklavenhandel und die jahrhundertelange Sklavenarbeit in den Kolonien der Europäer jenseits des Atlantiks bilden ein geschichtliches Phänomen, das wie kaum ein anderes die Entwicklung der Welt geprägt hat: Auf den Plantagen des amerikanischen Doppelkontinents und in der Karibik schufteten Sklaven aus Afrika unter unmenschlichen Bedingungen und schufen so die materiellen und ökonomischen Voraussetzungen für die ‚industrielle Revolution‘ in Europa, die schließlich die Vorherr-schaft der westlichen Zivilisation in der Welt begründete. Afrika blieb dabei auf der Strecke. Diese Zusammenhänge sind im öffentlichen Bewusstsein des deutschsprachigen Raumes kaum präsent. Selbst gebildete Zeitgenossen können mit dem Begriff „Dreieckshandel“ oft nichts verbinden. Ein blinder Fleck… Diese Lücke will die Journalistin Claudia Oberascher mit ihrer schonungslosen Reportage aus Westafrika füllen: Bei ihren Recherchen im Senegal und in Gambia stieß sie auf Nachfahren ehemaliger Sklaven und Sklavenhändler und fand in Ruinen die steinernen Zeugen eines 350 Jahre währenden Unrechts, das bis heute fortwirkt.
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Seitenzahl: 34
Veröffentlichungsjahr: 2014
Vorwort
Wurzeln
Heimkehrer
‚Trade winds’: der Dreieckshandel
Stückgut – ‚Pièce d’Inde’
Profite
Saint-Louis verfällt
Gorée
Quellen
Weiterführende Literatur
Bildnachweis
Claudia Oberascher, Journalistin.
Pressesprecherin von UNICEF Deutschland (1981–1993).
Freie Autorin u. a. für Amnesty International.
Seit 2001 bei Greenpeace engagiert.
Foto: mit Glasperlen aus Venedig ('Perles du troc')
(s. S. 23 & 54)
Der transatlantische Sklavenhandel und die jahrhundertelange Sklavenarbeit in den Kolonien der Europäer jenseits des Atlantiks bilden ein geschichtliches Phänomen, das wie kaum ein anderes die Entwicklung der Welt geprägt hat: Auf den Plantagen des amerikanischen Doppelkontinents und in der Karibik schufteten Sklaven aus Afrika unter unmenschlichen Bedingungen und schufen so die materiellen und ökonomischen Voraussetzungen für die ‚industrielle Revolution‘ in Europa, die schließlich die Vorherrschaft der westlichen Zivilisation in der Welt begründete. Afrika blieb dabei auf der Strecke.
Diese Zusammenhänge sind im öffentlichen Bewusstsein des deutschsprachigen Raumes kaum präsent. Selbst gebildete Zeitgenossen können mit dem Begriff „Dreieckshandel“ oft nichts verbinden. Ein blinder Fleck…
Kriegshoven, im Oktober 2014
Sie ist so groß, dass sie ihren Kopf nur tief gebückt unter dem Türbalken durchschieben kann. Im düsteren Raum ein Schemel. Sie setzt sich. Blickt umher, an den Wänden mit den vielen Zetteln entlang, auf denen frühere Besucher ihre Impressionen hinterlassen haben, Jean Cocteau zum Beispiel. Auf dem Boden liegen Handschellen. Sie nimmt sie auf und legt sich das schwere rostige Metall mit den klirrenden Ketten um die Handgelenke. Die Ellbogen auf ihre muskulösen Oberschenkel gestützt, starrt sie auf ihre Hände in Fesseln: eine schwarze Basketball-Spielerin von der Westküste der Vereinigten Staaten, Mitglied der US-Nationalmannschaft, zu Besuch im „Haus der Sklaven“ auf der Insel Gorée vor der Westküste Afrikas.
Kein Interview. „Oh, no please!“ Nicht jetzt. – Sie sind alle still hier, die Schwarzen und Farbigen aus Amerika, die zwischen deutschen, französischen und japanischen Touristengruppen – dem Beispiel des Erfolgsautors Alex Haley („Roots“) folgend – hier nach ihren ‚Wurzeln’ suchen.
Das ‚Sklavenhaus’ auf der Insel Gorée: Winzige Zellen aus massivem Mauerwerk mit Gittern vor den kleinen Luftluken. Schießscharten. Düstere Gelasse, wo noch die Verankerung von Ketten erkennbar scheint. Ein dunkler Gang, an dessen Ende eine Pforte zum Meer: Gleißendes Licht trifft die Augen schmerzlich…
Auch die anderen sind still. Denn was der Gründer und Leiter dieses Museums, des ‚Sklavenhauses’ aus dem Jahr 1777, unermüdlich und mit unerschöpflicher Eindringlichkeit seinen Besuchern über die alten Mauern zu berichten weiß, lässt jeden erschauern.
„In diesem kleinen Bau“, so Joseph N’Daye, „waren im Schnitt 150 bis 200 Sklaven gefangen. Drei bis dreieinhalb Monate harrten sie hier, auf engstem Raum eingekerkert – 15 bis 20 Menschen auf sechs Quadratmetern –, bevor man sie auf die Segelschiffe nach Amerika brachte. Die ankerten da draußen. Der Wert der Männer ging nach ihrem Gewicht. Lag es unter 60 Kilogramm, wurden sie mit Bohnen gemästet, wie die Schafe. Der Wert der Kinder wurde an ihren Zähnen gemessen, der der Frauen an ihren Brüsten. Jungfrauen standen besonders hoch im Kurs und wurden gesondert von den anderen Frauen gehalten – immer zur Disposition der europäischen Händler, die im oberen Stockwerk des Gebäudes logierten. War es für diese jungen Mädchen nicht die einzige Chance? Wenn sie während ihrer Gefangenschaft in Gorée schwanger wurden, ließ man sie frei.“
Gorée, die kleine Insel vor Senegals Hauptstadt Dakar, westlichster Punkt des afrikanischen Kontinents, war – nach Joseph N’Daye – der wichtigste Ausfuhrhafen für Sklaven von Westafrika nach Amerika. „15 bis 20 Millionen der Besten“ von Afrikas Erde seien hier – eingesammelt an der ganzen Guinea-Küste – in dreieinhalb Jahrhunderten verladen worden, um zu 350 bis 400 ‚Stück’ pro Schiff (Größe 30 mal 8 Meter) zusammengepfercht die wochenlange Fahrt über den Atlantik anzutreten.
„Hier wurden die Familien getrennt, der Mann von der Frau, die Kinder von ihren Müttern – um je nach Bedarf nach Brasilien oder Kuba, Hispaniola oder Nordamerika verschifft zu werden.“
