Das bleibt unter uns, Toffi - Isabell Rohde - E-Book

Das bleibt unter uns, Toffi E-Book

Isabell Rohde

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Beschreibung

Seit über 40 Jahren ist Mami die erfolgreichste Mutter-Kind-Reihe auf dem deutschen Markt! Buchstäblich ein Qualitätssiegel der besonderen Art, denn diese wirklich einzigartige Romanreihe ist generell der Maßstab und einer der wichtigsten Wegbereiter für den modernen Familienroman geworden. Weit über 2.600 erschienene Mami-Romane zeugen von der Popularität dieser Reihe. Ein strahlender Hochsommertag neigte sich gen Abend, aber noch immer lag die drückende Julihitze über den sanften Hügeln vor den Allgäuer Alpen. Marga Leiminger, die Austragsbäuerin vom Leiminger Hof, beugte sich etwas vor, weil sie vom Fenster der großen Küche nicht genau erkennen konnte, wer weit dahinten in der Senke auf dem Mähdrescher durch den Weizen ratterte. Gesine, die jüngste der drei Hilfskräfte, trat hinter die alte Frau. »Es ist Schorschi, Frau Leiminger.« »Schorschi?« fuhr Marga auf, während sie auf dem Fensterbrett nach der Brille suchte. »Der bringt doch nichts Gescheites zustande. Hat der Bauer nicht gesagt, Sepp soll heute aufs Feld?« »Ihr Sohn hat Schorschi dafür eingeteilt, Frau Leiminger«, betonte Gesine sanft. »Er hielt es für besser, daß Sepp mit den Kindern für die Kühe sorgt.« Sie seufzte leicht, wie immer, wenn sie der Oma Leiminger etwas beibringen mußte, das deren Herz nur noch schwerer machte. Sie entdeckte die Brille und reichte sie ihr. »Martin meinte, dann sind die Kinder beschäftigt und fragen nicht wieder soviel.« Gesine hat Mitleid mit der alten Frau Leiminger, der die Oberaufsicht über den großen Hof mit dem angeschlossenen Pensionsbetrieb von Tag zu Tag schwererfiel. Dabei war die Gästezahl aus Rücksicht auf die Abwesenheit der jungen Bäuerin schon stark eingeschränkt worden. »Ralfi und Rikchen fragen eh zuviel«, murrte die Oma Marga nur. »Sie vermissen ihre Mutter eben.« Mit leicht gekrümmten Rücken wandte sie sich um, setzte die Brille auf, blickte klarer in den Raum, wo Sieglinde und Ruth gerade damit begannen, das kalte Abendessen für die Gäste herzurichten.

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Mami Classic – 88 –

Das bleibt unter uns, Toffi

Isabell Rohde

Ein strahlender Hochsommertag neigte sich gen Abend, aber noch immer lag die drückende Julihitze über den sanften Hügeln vor den Allgäuer Alpen. Marga Leiminger, die Austragsbäuerin vom Leiminger Hof, beugte sich etwas vor, weil sie vom Fenster der großen Küche nicht genau erkennen konnte, wer weit dahinten in der Senke auf dem Mähdrescher durch den Weizen ratterte.

Gesine, die jüngste der drei Hilfskräfte, trat hinter die alte Frau. »Es ist Schorschi, Frau Leiminger.«

»Schorschi?« fuhr Marga auf, während sie auf dem Fensterbrett nach der Brille suchte. »Der bringt doch nichts Gescheites zustande. Hat der Bauer nicht gesagt, Sepp soll heute aufs Feld?«

»Ihr Sohn hat Schorschi dafür eingeteilt, Frau Leiminger«, betonte Gesine sanft. »Er hielt es für besser, daß Sepp mit den Kindern für die Kühe sorgt.« Sie seufzte leicht, wie immer, wenn sie der Oma Leiminger etwas beibringen mußte, das deren Herz nur noch schwerer machte. Sie entdeckte die Brille und reichte sie ihr. »Martin meinte, dann sind die Kinder beschäftigt und fragen nicht wieder soviel.«

Gesine hat Mitleid mit der alten Frau Leiminger, der die Oberaufsicht über den großen Hof mit dem angeschlossenen Pensionsbetrieb von Tag zu Tag schwererfiel. Dabei war die Gästezahl aus Rücksicht auf die Abwesenheit der jungen Bäuerin schon stark eingeschränkt worden.

»Ralfi und Rikchen fragen eh zuviel«, murrte die Oma Marga nur. »Sie vermissen ihre Mutter eben.« Mit leicht gekrümmten Rücken wandte sie sich um, setzte die Brille auf, blickte klarer in den Raum, wo Sieglinde und Ruth gerade damit begannen, das kalte Abendessen für die Gäste herzurichten.

Die beiden arbeiteten nur während der Sommermonate auf dem Leiminger Hof, kannten sich aber in der Betreuung der Gäste aus. Nur Oma Leiminger meinte, daß sie ständig überwacht werden mußten, wie es sonst ihre Schwiegertochter Astrid so gut machte.

Die immer hilfsbereite Gesine war der alten Bäuerin die liebste von den drei Angestellten. Nur schade, daß die Fünfundzwanzigjährige sich gerade mit einem jungen Mann aus dem Dorf verlobt hatte. Lange würde sie wohl nicht mehr auf dem Hof bleiben. Und was geschah dann?

Marga schlurfte am Tisch vorbei und blickte auf die kalten Wurstplatten, die in einer halben Stunde draußen auf der Terrasse serviert werden sollten. Es waren nur acht Platten und nicht wie sonst ein Dutzend. Und heute war auch zum erstenmal eine geringere Menge Wein und anderer Getränke angeliefert worden, denn es sah nicht so aus, als ob die Leimingers noch in diesem Sommer so viele Zimmer vermieten konnten, wie sie es sonst taten.

»Oma! Oma!«

Marga zuckte zusammen. Warum schrie ihr Enkel Ralfi nur immer so laut, wenn er sich bemerkbar machen wollte? Und warum polterten die Schritte des Achtjährigen so dröhnend über die Dielen im Erdgeschoß? War der Bengel denn gar nicht zu bändigen?

»Oma, neue Gäste!« platzte der strohblonde Junge mit dem braungebrannten Gesicht da schon raus, kaum hatte er die Küche erreicht. »Eine Frau ist es und ein kleiner Junge. Sie sind mit dem Auto aus München gekommen.«

»Dann sag ihnen nur, daß wir keine Gäste mehr aufnehmen, Ralfi«, entgegnete sie mürrisch, weil der Junge immer noch nicht begriffen hatte, wie schwer sie mit der veränderten Situation fertig wurden, solange seine ferne Mutter den Ferienbetrieb nicht leiten konnte.

»Aber oben ist doch noch was frei, Oma!«

»Ja, ja. Aber noch zwei Urlauber mehr, und die Arbeit wächst uns über den Kopf. Dann ist keiner unserer Gäste zufrieden.«

»Es ist aber nur eine Frau und ein Kind! Sie können oben im Appartement wohnen und selbst kochen.«

»Nein, Ralfi!«

Der ließ sich nicht beirren.

»… und Rikchen kann mit dem kleinen Jungen spielen. Ach, bitte, Oma!«

Oma Leiminger sah ihren Enkel durch die Brillengläser an, ließ sich aber nicht erweichen. Der Junge mußte sowieso beizeiten lernen, wie hart das Schicksal mit ihm und seinem Schwesterchen noch umspringen würde.

»Ich werde der Dame erklären, daß wir keine Gäste mehr aufnehmen können, Frau Leiminger«, bot Gesine sich da schon an und verließ die Küche.

Ralfi blieb mit zornig gesenktem Kopf vor seiner Oma stehen.

»Wenn Papi heute abend wiederkommt, erzähl ich ihm aber, daß du den kleinen Jungen und seine Mami wieder weggeschickt hast, Oma! Und ich sag’ ihm auch, wie gern Rikchen mit dem spielen will und heute abend bestimmt wieder weint, weil Mami doch nicht da ist und sie nicht mal einen kleinen Freund zum Spielen hat…«

»Sie hat doch dich«, erwiderte Oma Leiminger freundlicher und mit vor Kummer bebender Stimme. »Und du weißt, daß wir dies Jahr nur zehn Leute und schon gar keine Kinder aufnehmen. Sonst ist es einfach nicht zu schaffen.« Etwas hilflos strich sie ihm über das Blondhaar.

Sieglinde und Ruth, die das beobachteten, wechselten einen vieldeutigen Blick. Manchmal gelang es der alten Bäuerin tatsächlich, den richtigen Ton für ihre beiden Enkel zu treffen. Nur geschah es leider zu selten.

»Aber wenn Mami wiederkommt, dann dürfen wieder ganz viele Kinder ihre Ferien bei uns verbringen, nicht, Oma? So viele wie sonst, nicht?«

»Ja, gewiß, mein Bub«, tröstete die Oma ihn. Wieder tauschten Ruth und Sieglinde einen Blick. Sie wunderten sich, wie gut die alte Leiminger inzwischen lügen konnte.

»Frau Leiminger!« Gesine war wieder in die Küche getreten. »Die junge Frau, die mit ihrem Söhnchen gekommen ist, heißt Bettina Kunert. Sie sagt, sie habe in ihrer Kindheit immer die Sommerferien hier auf dem Leiminger Hof verbracht. Sie erkundigt sich nach Ihnen und – nun ja, nach dem alten Bauern, Gott hab’ ihn selig. Und auch nach Martin und Gundl.«

»Kunert?« wiederholte die Siebzigerin. »Sagtest du Kunert, Gesine?«

»Ja, bittschön, Frau Leiminger! Die Frau wartet draußen. Sprechen S’ halt mit ihr.«

Ralfi zog seine Oma am Schürzenzipfel, aber er mußte sich gedulden.

»Bettina Kunert, ja. Und ihre Schwester hieß… hieß Gitti. Die Eltern Kunert waren beide Ärzte. Ja, das ist fast fünfzehn Jahre her.«

»Dreizehn, sagt sie«, wußte Gesine es besser. »Vor dreizehn Jahren war sie dreizehn. Da war sie das letzte Mal hier.«

Und nun geschah das Wunder, denn Oma Leiminger ließ sich tatsächlich von Ralfi aus der Küche, durch den Gang, über den gemütlich eingerichteten großen Flur und raus aus der Tür, in die Hitze vor dem Hof ziehen.

»Frau Leiminger! Wie schön, Sie wiederzusehen!«

Die junge Frau, die noch gerade unschlüssig vor dem offenen Kofferraum ihres Wagens gestanden hatte, stürmte auf Oma Leiminger zu. Sie war bildhübsch und flott gekleidet, das kinnlange mittelbraune Haar steckte unter einer frechen Mütze und unter deren Schirm strahlten zwei grünblaue Augen wie Sterne hervor. »Kennen Sie mich noch, Frau Leiminger? Ich bin doch die Bettina! Die Bettina, die eine Maus mit ins Bett nehmen wollte und immer Hechte im Teich geangelt hat!«

Dabei gab Bettina Kunert sich alle Mühe, ihren Schrecken über den Anblick der stark gealterten Bäuerin zu verbergen. Sie atmete aber erleichtert auf, als die Leimingerin die Arme hob, um sie herzlich zu begrüßen. So standen sie eine Weile eng umschlungen, als brauche die alte Frau den Halt der jungen.

»Ist das dein Bub?« fragte sie mit einem Blick auf den Jungen mit dem dunklen Lockenkopf. »Hast schon geheiratet, Bettina?«

»So ähnlich«, wich Bettina aus. »Ja, das ist mein Bub, Frau Leiminger. Christoph heißt er. Aber ich nenne ihn Toffi.«

Toffi richtete seine großen hellen Augen auf die gebeugte Alte und streckte ihr dann brav das Händchen entgegen. Sofort wiederholte Ralfi seinen Vorschlag.

»Du kannst mit meiner Schwester spielen. Sie ist erst vier und noch ziemlich dumm. Aber spielen kann sie.«

Toffi sah ihn erstaunt an.

»Komm erst mal rein, Bettina«, schlug Oma Leiminger vor. »Wir nehmen dies Jahr weniger Urlauber auf, weil die Familie nicht vollzählig ist. Aber mal sehen. Ja, das Appartement im alten Bau oben, das ist frei. Vielleicht läßt Martin sich erweichen, wenn er hört, daß seine kleine Freundin von damals sich mal wieder blicken läßt. Ja, Herrgottszeiten, so eine Freud! Mußt mir erzählen, wie’s deinen Eltern und Gitti geht.« Sie gab Gesine, die ihr gefolgt war, ein Zeichen, Bettinas Gepäck aus dem Auto zu holen, hakte sich bei Bettina unter und ließ sich von ihr ins Haus geleiten.

»Ich nehm Toffi mit in den Stall zu Sepp und Rikchen!« schrie Ralfi wieder viel zu laut.

»Au ja!« sagte Toffi. »Ich bin auch ganz brav, Bettina!« Und wutsch, rannten die beiden Hand in Hand davon.

*

Es wurde halb zehn an diesem Abend, bis Toffi endlich in dem Bett in der Nische des Appartements lag. In der Tasche, die Bettina in München rasch mit einigen Sachen für ihn vollgestopft hatte, fand sich tatsächlich sein Lieblingsbilderbuch. Sie setzte sich zu ihm.

»Mußt nichts vorlesen, Bettina«, meinte er todmüde. »Ich will jetzt gleich schlafen.«

»So schön hast du noch mit den beiden Kindern herumgetobt, wie?« gab sie lächelnd zurück und strich ihm übers Haar. »Und sogar noch ein großes Glas Milch getrunken! Alle Achtung. Wenn deine Mami das erfährt, macht sie einen Luftsprung.«

»Wann erfährt sie das denn?« fragte er schläfrig. »Wir wollen doch nicht wieder zurück.«

»Nein, das wollen wir nicht. Wir können ja hierbleiben.«

Oma Leiminger hatte sich überwunden und ihren Sohn Martin in Kempten angerufen, um ihm von Bettinas unerwartetem Besuch zu erzählen. Und natürlich hatte Martin sofort zugestimmt, als seine Mutter ihm vorschlug, Bettina mit ihrem Söhnchen hier oben unterzubringen. So hatte sich Bettinas jäh und ungestüm erwachter Wunsch, sich in ihrer Wut und Enttäuschung aus München und zurück in ihre Kindheit zu flüchten, doch noch erfüllt.

»Du mußt mir nur versprechen, mich nicht wieder Bettina zu nennen, Toffi. Nenn mich einfach gar nicht. Oder sag einfach ›du‹, wenn du was willst. Am besten ist’s, du rufst mich Mami. Die Leute hier müssen nicht wissen, daß ich nur deine Babysitterin bin.«

Toffi rappelte sich noch mal hoch. Er stützte den Kopf in die Hand und den Ellenbogen in die Kissen und sah sie ratlos an.

»Aber du bist doch nicht meine Mami. Du bist meine Bettina. Meine süße Bettina.« Und da sie bei dieser schmeichelhaften Äußerung verwundert die Stirn krauste, fügte er strahlend hinzu: »Mami sagt doch auch immer, daß du eine ganz Süße bist.«

»So? Ja, kann sein.«

Wenn Undine Sturm am Montag begreift, daß ich ihren Sohn einfach aus München entführt habe, wird sie mich nicht mehr süß finden, dachte Bettina. Sie wird einen Nervenzusammenbruch bekommen, und nicht mal ihr wunderbarer Liebhaber Doktor Leon Warnke wird sie dann beruhigen können. Was tut’s? All das geschieht ihr ganz recht!

»Wenn du mich liebhast, Toffi dann tu so als wärst du mein Kind. Sonst müssen wir sofort zurück nach München. Du weißt, der Kindergarten ist geschlossen, weil Ferien sind. Willst du jeden Tag in der Boutique deiner Mami herumlungern und zuschauen, wie die feinen Damen die Sonderangebote anprobieren und dich dabei langweilen?«

»Nee!« Da er diesen quälenden Zeitvertreib schon zur Genüge kannte, schüttelte er sich richtig.

»Gut. Dann nenn mich Mami oder lieber gar nicht. Hier darf keiner wissen, daß ich nur eine Babysitterin bin. Kapiert? Auch nicht Ralfi und Rikchen.«

»Aber das sind doch meine besten Freunde, Betti… Mami!«

»Nicht mal auf beste Freunde ist heutzutage noch Verlaß!« murmelte Bettina und küßte ihn auf die Stirn. Und wieder dachte sie dabei an seine Mutter, die fast vierzigjährige Boutiquebesitzerin Undine Sturm, die ihr den tollen Doktor Leon Warnke vor der Nase weggeschnappt hatte. War das etwa ein Zeichen von Freundschaft und Dankbarkeit?

Toffi machte sich lang und rekelte sich wohlig in der buntkarierten Bettwäsche. »Aber Bettina… Mami…! Du rufst doch noch Gitti an und sagst ihr, daß wir mit ihrem Auto weg sind? Sonst weint sie noch. Und sie ist doch deine Schwester. Wenn ich ’ne Schwester hab, nehm ich ihr nicht einfach das Auto weg.« Er holte tief Luft. Noch einmal entstand ein bedeutungsvoller Ausdruck in seinen grauen Augen. »Sonst kommt nämlich die Polizei. Das haben wir mal im Kindergarten gehört, als die Polizisten uns was über den Verkehr erzählt haben.«

»Ja, ja, ich ruf’ Gitti an. Nun schlaf schön. Morgen früh kannst du wieder mit Ralfi und Rikchen spielen.« Es gab noch einen Kuß, und Toffi schloß die Augen. »Aber Toffi«, warnte Bettina ihn noch ein letztes Mal, »alles, was wir besprochen haben, bleibt unter uns. Verstehst du? Sonst kommt die Polizei tatsächlich noch hierher. Kapiert?«

Er blinzelte ihr nur schwach zu, nickte und entschwand gleich danach im Land der Träume.

Minuten später stand Bettina auf dem Balkon und konnte den gleichen Blick genießen wie Oma Leiminger von der großen Küche im Erdgeschoß aus. Nur blickte sie von einem höheren Punkt hinaus über den Garten, das Dach des Stalls bis weit in die Landschaft, über die sich jetzt ein sternenübersäter Himmel wölbte.

Ihre Gedanken wanderten zurück. Damals hatte sie diesen Blick wohl nie so genossen wie heute. Jung und unbekümmert hatte sie nur Augen für Martin Leiminger gehabt und ständig darauf gewartet, daß er abends vor ihrem Fenster pfiff.

Sie seufzte. Warum sollten diese herrlichen Zeiten nie wiederkehren? Nur, weil die alte Bäuerin erzählt hatte, daß Martin schon seit zehn Jahren verheiratet sei? Gleich darauf habe er den Hof bekommen und ihn nach dem Tod ihres Mannes großzügig erneuert und ausgebaut. Nun hatten sie sechs Zimmer mehr für die Urlauber, die es vorzogen, ihre Ferien fern vom touristischen Rummel und in der gemütlichen Atmosphäre des Bauernhofes zu verbringen.

Astrid, Martins tüchtige Frau, stamme aus Kempten, hatte Bettina erfahren. Sie verstehe es recht gut, den Betrieb zu führen, so daß sogar im Winter einige Zimmer belegt waren. Nachdem Martins Schwester Gundl einen Lehrer aus der Umgebung geheiratet hatte, überredete Astrid ihren Mann, die Schweinezucht aufzugeben und dafür vier Pferde anzuschaffen, damit die Gäste sogar reiten konnten.

Na ja, Bettina schluckte. Diese Astrid mußte eine sehr tüchtige Person, eine liebevolle Frau und wundervolle Mutter sein. Sie freute sich schon auf die erste Begegnung, um wenigstens festzustellen, daß sie längst nicht so hübsch war wie sie. Aber dazu kam es wohl nicht. Denn diese Astrid hielt sich ja seit nun schon zwei Monaten in Kempten bei ihrer schwer erkrankten Mutter auf.

Es hatte Bettina einen kleinen Stich versetzt, als sie hörte, wie oft Martin den Hof verließ, um seine Frau zu besuchen und wie schwer es seiner alten Mutter fiel, für die Gäste zu sorgen und seine beiden Kinder bei Laune zu halten. Besonders Ralfi gerate jetzt in den Ferien so ohne Schulpflichten häufig außer Rand und Band, weil er seinen Vater nicht zu seiner Mutter begleiten dürfe.

Wie sehr muß Martin seine Frau lieben, dachte Bettina und hob den Blick zum Himmel, wo sich jetzt ein schmale Mondsichel erkennen ließ. Warum finde ich nie einen Mann, der mich liebt und begehrt. Ob Leon Warnke dazu bereit gewesen wäre? Mit dem, davon war Bettina immer noch überzeugt, hätte sie glücklich werden können. Ja, wenn Toffis Mutter, Undine Sturm, nicht einfach zwischen sie geraten wäre!

Schon stieg der Zorn wieder in ihr auf. Nie, nie würde sie Undine verzeihen!

Unten auf der Terrasse lachten einige Gäste. Bettina horchte auf, weil sie glaubte, Martins Stimme zu hören. Aber wie klang Martins Stimme jetzt? Schon war Leon Warnke fürs erste vergessen, weil ihre Erinnerungen sie wieder fest mit dem jungen Leiminger Bauern verband.

Martin war immer ein so patenter, ruhiger und ausgeglichener Bursche gewesen. Schon mit seinen siebzehn Jahren hatte alles, was er sagte und tat, Hand und Fuß gehabt. Er mußte jetzt gerade knapp über dreißig sein. Bettina lächelte bittersüß zur Mondsichel hoch. Gerade mal dreißig und schon ein alter Ehemann! Damit hatte er auch noch sein Versprechen gebrochen, das er ihr vor dreizehn Jahren gab! Ob er das bereute, wenn er sie wiedersah? Im Grunde ihres Herzens war sie davon überzeugt.

Nach einer Weile wandte Bettina sich in den großen Raum. Sehr behaglich war das Appartement eingerichtet. Rustikal im Stil, aber keinesfalls kitschig. Der Platz für die Kinder unter dem schrägen Balken, die schlichte Sitzecke zum Essen oder Entspannen vor dem Ostfenster, die Eingangtür zwischen Kochnische und dem Eingang zum Bad, ja, und das breite Bett in der gemütlichen Nische.

Das ist natürlich für ein Paar gedacht, nicht für eine einsame von Zorn und Liebeskummer gequälte Seele wie mich, fiel ihr ein. Und dann starrte sie das Telefon daneben lange an. Es half ja alles nichts. Sie mußte sich jetzt mit ihrer Schwester Gitti verbinden lassen und ihr eingestehen, daß sie mit ihrem Auto gefahren war. Gitti würde vor Wut brüllen, wie immer, wenn sie Bettinas Kapriolen satt hatte und ihr wie üblich damit drohen, sie aus der gemeinsamen Münchner Wohnung zu werfen.

Bettina schmunzelte. Nein, soweit kam es nicht, denn am Ende verzieh Gitti ihr ja doch immer jeden Unfug!

*