3,99 €
Ein Science Fiction Roman mit Horrorelementen und viel Humor. Leonora Dusel, die Hauptfigur, kommt mal wieder in unruhiges Fahrwasser. Es scheint, dass ihr das gesamte Imperium Humanum auf den Fersen ist, während sie das Rätsel genetischer Experimente, die außer Kontrolle geraten sind, zu lösen versucht. Unheimliche Raumstationen, fremde Welten und ein paar Außeridische liegen am Wegesrand diese außergewöhnlichen Abenteuers.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 770
Veröffentlichungsjahr: 2025
© 2025 Thorsten Lipinski
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Für die Liebe und das Mitgefühl Gegen die Angst und den Hass
Cover
Urheberrechte
Widmung
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
Kapitel 88
Kapitel 89
Kapitel 90
Kapitel 91
Kapitel 92
Kapitel 93
Kapitel 94
Kapitel 95
Danke…
Cover
Urheberrechte
Widmung
Vorwort
Danke…
Cover
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
281
282
283
284
285
286
287
288
289
290
291
292
293
294
295
296
297
298
299
300
301
302
303
304
305
306
307
308
309
310
311
312
313
314
315
316
317
318
319
320
321
322
323
324
325
326
327
328
329
330
331
332
333
334
335
336
337
338
339
340
341
342
343
344
345
346
347
348
349
350
351
352
353
354
355
356
357
358
359
360
361
362
363
364
365
366
367
368
369
370
371
372
373
374
375
376
377
378
379
380
381
382
383
384
385
386
387
388
389
390
391
392
393
394
395
396
397
398
399
400
401
402
403
404
405
406
407
408
409
410
411
412
413
414
415
416
417
418
419
420
421
422
423
424
425
426
427
428
429
430
431
432
433
434
435
436
437
438
439
440
441
442
443
444
445
446
447
448
449
450
451
452
453
454
455
456
457
458
459
460
461
462
463
464
465
466
467
468
469
470
471
472
473
474
475
476
477
478
479
480
481
482
483
484
485
486
487
488
489
490
491
492
493
494
495
496
497
498
499
500
501
502
503
504
505
506
507
508
509
510
511
512
513
514
515
516
517
518
VORWORT
Das letzte Mal, dass Leonora Dusel mich besuchte, hat sie beinahe alle Bäume in der Umgebung mit der Sternenstürmer abrasiert, bevor sie auf dem Feld gegenüber meines Hauses landete. Durch das neue Tarnfeld geschützt, konnte keiner der Nachbarn erkennen, was dort zu später Stunde aus den Weiten des Weltalls und mithilfe einer komplizierten Zeitüberlappung zu mir gekommen war. Für sie waren nur die Gräser und Blumen ein wenig eingedrückt. Den Sternen sei Dank hat niemand die Polizei wegen der nächtlichen Ruhestörung gerufen, denn ich bin mir nicht sicher, dass sie die Sternenstürmer trotz Tarnfeld nicht doch irgendwie ausgemacht hätten. Auf eine Nachricht auf allen Kanälen heutiger Datenübermittlung über einen Besuch von Außerirdischen – dabei ist Leonora gewiss kein Alien, sondern aus einer fernen Zukunft – kann ich genauso gut verzichten wie auf eine Axt in der Stirn. Die öffentliche Aufmerksamkeit, inklusive Trollen, Hatern und Besserwissern, würde mein ansonsten sehr geruhsames Leben, welches ich mir nach einem turbulenten Lebenslauf und eingreifender Krankheit gewisslich verdient habe, völlig durcheinander bringen.
Jedenfalls war ich sehr froh sie zu sehen, denn sie bringt immer Stimmung in die Bude. Meine Frau, ich und die Kapitänin der Sternenstürmer saßen die ganze Nacht zusammen. Dabei brachte Leonora es fertig zwei Flaschen guten Weins in ihrem Leib zu verstauen. Damit hier kein Mißverständnis entsteht: sie trank allein, da ich wegen verschiedener Gründe ganz auf Alkohol verzichte. Dies hatte aber keinerlei Einfluß auf das gute und sehr freundschaftliche Ambiente. Wir aßen zusammen und Leonora erzählte – oft mit vollem Mund – über ihr neuestes Abenteuer, wobei ich mir Notizen machte. So mancher Scherz wurde ausgetauscht, so manches Staunen über die unterschiedlichen Welten, in denen wir leben, wurde zum Ausdruck gebracht. Und als Leonora gegen Morgen kein vernünftiges Wort mehr herausbekam und drohte mit dem Kopf auf dem Esstisch einzuschlafen, hatte ich ein Notizbuch voller guter Ideen für den vorliegenden Roman. Ich machte ihr ein Bett im Gästezimmer, und der Kopf der Kapitänin fiel mit einem glücklichen Lächeln geschmückt aufs Kissen, wo sie sofort einschlief. Ich begab mich ebenfalls in die Horizontale, und als ich erwachte, war sie wieder einmal mitsamt ihres Raumschiffs verschwunden.
Aus den Notizen dieser Nacht habe ich den folgenden Roman zusammengebastelt. Zugegeben, ich habe hier und dort meine eigene Fantasie spielen lassen, aber im Großen und Ganzen hat sich alles genau so abgespielt, wie es im hier abgedruckten Text beschrieben steht. Es ist also nach einer wahren Geschichte erzählt.
Der Vorteil dabei ist, dass alle Personen und Begebenheiten in der Zukunft stattfinden, weshalb eine Ähnlichkeit mit lebenden Menschen und aktuellen Ereignissen faktisch ausgeschlossen ist.
Bleibt nur noch zu hoffen, dass der sogenannte geneigte Leser dieselbe Freude und Faszination beim Konsum der Geschichte empfindet, die ich selbst beim Schreiben hatte.
Ich hoffe, dass Leonora Dusel mich auch in Zukunft (für sie eher Vergangenheit) besucht, um dem Leser noch weitere Abenteuer schildern zu können. Bleibt aufrecht und munter, haltet die Fackel auch in düsteren Zeiten hoch.
Hoeilaart, Belgien, Ende 2025
Kapitel 1
“Ich bin die coolste Sau im Stall!”, sagte Leonora Dusel und schlug die Beine, die in fleckigen Mechanikerhosen steckten, auf dem Tisch übereinander. “Keiner fliegt so hoch und so weit wie ich! Ich war sogar schon in Andromeda!”
“Was willst du denn damit sagen?”, fragte ihr Gegenüber verwirrt, nicht nur durch die abgelatschten Stiefel vor seiner Nase. Seine Augen blickten sie scharf an. Auf seiner hohen Stirn unter einem grauhaarigen Igelschnitt enstanden beeindruckende Falten. Sein dünnlippiger Mund zeigte keine Anzeichen einer Regung. Der Datenhändler des Geheimnetzes zupfte seinen grauen Anzug mit hohem Kragen zurecht und hob eine Augenbraue. Sie wird sicher anbeißen, dachte er. Wie konnte sie auch anders? Ihr erstelltes Profil jedenfalls ließ nichts anderes vermuten.
Kapitänin Dusel rutschte von Tisch weg, stand auf, legte erst die Hände in die Hüften und schlug dann mit der Faust auf die Tischplatte, dass die beiden mit Alkohol gefüllten Becher darauf einen Luftsprung machten. Ihre schlanken Finger fuhren durch ihr wild gelocktes Haar.
“Ach Scheiße, ich will den Auftrag, verdammt nochmal!”
Mit dem schmierigen Lächeln ihres Gesprächpartners hätte man drei Brötchen bestreichen können.
“So verzweifelt also?”
Der Blick der Kapitänin ging zu Boden.
“Du hast ja keine Ahnung!”, seufzte Leonora, beinahe verträumt. “Ich bin völlig abgebrannt. Am Arsch!”
“So, so!”
Der Datenhändler gab sich amüsiert, was bei ihm nicht sehr überzeugend wirkte. Eine Weile schwieg er und betrachtete Leonora eindringlich. Das fahle Licht des kahlen Raums warf Schatten auf sein Gesicht und ließ die Falten stärker hervortreten.
“Die große, sogar berüchtigte Leonora Dusel bettelt um einen Auftrag? Was, bei allen Sternen, hat dich so tief sinken lassen?”
Statt auf diese – aus ihrer Sicht – infamen Fragen zu antworten, ließ sich die Kapitänin der Sternenstürmer wieder auf ihrem Stuhl nieder, griff zum Becher und tat einen tiefen Schluck, den sie mit einem satten Rülpsen ausklingen ließ.
“Ich brauche den Job.”
Auf dem Gesicht des Datenhändlers zeichnete sich ein kaltes Lächeln ab. Leonora Dusel lief dabei ein Schauer über den Rücken. Wenn sie nicht so verzweifelt auf der Suche nach Daten gewesen wäre, hätte sie dies als Warnung wahrgenommen. Der Mann ihr gegenüber war genau der Typ, der am Anfang eines unsäglichen Schlamassels stand. Aber blind durch ihre Not, ließ sie sämtliche Erfahrung außer acht.
“Nun gut, Kapitänin Dusel”, sagte er schließlich, genüßlich jedes Wort betonend. “Der Auftrag des Geheimnetzes geht an die Besatzung der Sternenstürmer. Was für ein Glück für dich und deine armselige Crew, was?”
Die Frauschaft der Sternenstürmer bestand lediglich aus zwei Personen. Außer Leonora befand sich nur Delia Statgot, die als Bordärztin fungierte, ständig an Bord. Delia war nicht nur langjährige Vertraute und Freundin, sondern blieb auch in brenzligen Situationen – und derer hatte es in der Vergangenheit viele gegeben – stets treu an der Seite ihrer Kapitänin. Ohne sie, das wusste Leonora nur zu genau, wäre sie schon längst verloren gewesen. Delia Statgot war es, die sie immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbrachte, und sie an ihren wuscheligen Haaren aus dem tiefsten Sumpf zog. Wäre sie jetzt anwesend gewesen, hätte sie die Kapitänin vielleicht warnen können, ihr wahrscheinlich Vernunft eingeflüstert. Aber der Datenhändler hatte darauf bestanden vorerst nur mit ihr allein zu verhandeln, während Delia an Bord der Sternenstürmer auf Leonora wartete. Das war natürlich kein Zufall, sondern kaltblütig berechnet. So führte sie die Ungeduld – und ein wenig auch der Alkohol – zu ihrer nächsten Frage.
“Darf ich nun endlich erfahren, worum es geht?”, fuhr Leonora Dusel den Datenhändler an. “Oder möchtest du noch ein wenig Kaffeeklatsch halten?”
Ihr Gegenüber beugte sich über den Tischm bis er ihrem Gesicht ganz nahe war, und sprach mit leiser Stimme:
“Dieser Auftrag unterliegt der äußersten Geheimhaltung. Kann ich dir vertrauen?”
“Wem, wenn nicht mir?”, versicherte die Kapitänin der Sternenstürmer ernst und nahm erneut einen großen Schluck aus ihrem Becher. Der Datenhändler des Geheimnetzes hob die Augenbrauen und sagte, während er Leonora eindringlich musterte:
“Am Rande des Imperium Humanuns ist ein… mysteriöses AlienRaumschiff aufgetaucht …”
“Lass mich raten”, unterbrach die Kapitänin ihn. “Sie kommen in Frieden und wollen unseren Anführer sprechen.”
Ein breites Grinsen zierte ihr Gesicht. Sie kam sich ziemlich gewitzt vor. Leonora Dusel wusste natürlich – wie die große Mehrheit der Menschen –, dass es nur vier bekannte Zivilisationen neben dem Imperium Humanum gab.
Die Benäer waren nur an Geschäften interessiert und unterhielten ein paar Handelsposten, lehnten aber jeden sozialen oder kulturellen Ausstausch mit der Menschheit ab. Sie wirkten auf eine geheimnisvolle Art und Weise arrogant. Und natürlich äußerst geschäftstüchtig. Darüberhinaus war über diese Wesen allerdings wenig bekannt.
Die Räder dahingegen hassten die Menschen regelrecht, weil sie diese aus religiösen Gründen für unrein hielten. Wenn man nicht in ihr Gebiet eindrang und damit sein Leben riskierte, hielten sie jeden Kontakt mit dem Imperium für ekeleregend. Sie würden niemals eines ihrer Raumschiffe auch nur in die Nähe des Einflußbereichs der Menschheit steuern. Eher nagen sie sich alle Beine ab, dachte die Kapitänin.
Das Pegasische Kollektiv hielt ebenfalls nichts von der Menscheit. Diese intelligenten Fischwesen, die in einer Art Ameisenstaat organisiert waren, blieben lieber unter sich. Dabei schienen sie die Menschen nicht einmal richtig wahr zu nehmen. Wenn man in der Vergangenheit Expeditionen zu ihren Wasserwelten unternommen hatten, hatten sie die Wissenschaftler bei ihren Kontaktversuchen komplett ignoriert. Auch das Pegasische Kollektiv würde nie mit einem Raumschiff die Grenzen des Imperium Humanums überqueren.
Und dann gab es noch die Ewig Lebenden, mit denen Leonora schon in der Vergangenheit auf seltsame Weise zu tun gehabt hatte. Auch sie schieden aus, den sie waren große Geheimniskrämer, und wenn sie in das Imperium Humanum eindringen wollten, würde davon noch nicht einmal das Geheimnetz erfahren.
“Sehr witzig!”, spottete der Datenhändler sichtlich verärgert.
“Es handelt sich also nicht um ein Schiff der bekannten außeridischen Zivilisationen?”
Die Kapitänin war tatsächlich erstaunt. Das war eine bahnbrechende Entdeckung, und würde viele Wissenschaftler des Netzes sicherlich interessieren. Warum wurde dies geheim gehalten? Warum sandte man keine Expedition, um Kontakt mit den Fremden aufzunehmen? Ihr Gegenüber schüttelte den Kopf.
“Nein! Es muss sich – nach unserer Ansicht – um eine neue Spezies handeln… und sie nähern sich…”, um seinen Mund zeigten sich Falten, die sowohl Abscheu als auch etwas ganz anderes bedeuten mochten, “… mit feindlichen Absichten.”
Leonora Dusel war jetzt ganz Ohr. Diese Geschichte konnte der Beginn eines großartigen Abenteuers werden, in dessen Verlauf vielleicht großen Datenpakete zu verdienen waren. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich vollständig auf ihr Gegenüber. Der Datenhändler fuhr nach einer dramatischen Pause fort:
“Das Geheimnetz hat eine Nachricht mit einer Drohung abgefangen. Die Fremden drohen dem Imperium mit Vernichtung. Sie behaupten einen fürchterlichen und sehr tödlichen Virus auf die Menschheit loszulassen.”
“Haben sie irgendwelche Forderungen gestellt?”
Dies schien der Kapitänin durchaus logisch. Warum sonst sollte man eine solche Drohung aussprechen? Aber wieder schüttelte der Datenhändler mit einem traurigen Gesichtsausdruck den Kopf.
“Das ist ja das Verrückte daran! Sie wollen die Vernichtung des Imperium Humanums! Einen Grund scheinen sie uns nicht geben zu wollen. Das macht sie besonders unberechenbar und gefährlich. Wer weiß schon, was in den Köpfen dieser Aliens vorgeht? Sie müssen also unbedingt und mit allen Mitteln aufgehalten werden.”
“Was ist sonst noch über diese Extraterrestrischen bekannt?”, informierte sich Leonora Dusel. Kleine Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. Ob dies von der schwülem Hitze des engen Zimmers herrührte oder von ihrem merkwürdigem Gefühl im Bauch, hervorgerufen durch ihre plötzliche Erregung, vermochte sie nicht zu sagen.
Der Datenhändler des Geheimnetzes kniff die Lippen zu dünnen Strichen zusammen.
“Außer, dass sie uns alle ausrotten wollen, rein gar nichts… Und sie lassen auch nicht mit sich diskutieren. Das Geheimnetz hat es versucht, aber sie antworten nicht auf unsere Funksprüche. Sie wiederholen nur ihre Drohung…”
“Und was soll die Sternenstürmer ausrichten?”
Die Kapitänin seufzte. So dringend sie diesen Auftrag auch benötigte, schien er sie und Delia doch zu überfordern. Sollte man nicht besser ein Kriegsschiff des Netzes senden?
“Ich traue dir und Delia durchaus zu das Schiff der Fremden zu vernichten.”
Der Datenhändler blickte sie ernst an und nahm einen Schluck aus seinem Becher. Seine Augen waren wie dunkle Teiche, in denen unsichtbare Monster lauerten, dachte Leonora Dusel.
“Du weißt schon, dass die Sternenstürmer kein Imperiumsschlachtschiff ist? Sollen wir die Eindringlinge etwa rammen? Oder sie mit meinem Charme zu Tode langweilen?”
Mit einer Hand winkte ihr Gegenüber ab.
“Was soll dieser Unsinn? Wir werden dich wohl kaum auf eine Selbstmordmission schicken wollen.”
“Schön, dass das Geheimnetz um meine Gesundheit besorgt ist”, giftete Leonora Dusel. “Ich nehme also an, du und dein Verein haben schon einen Plan?”
“Natürlich, Kapitänin”, erwiderte der Datenhändler amüsiert, wurde jedoch sofort wieder ernst. “Die Sternstürmer wird sich dem Alienschiff unbemerkt nähern und heimlich andocken. Dann bringt ihr eine Bombe an Bord und… Bumm! Problem gelöst! Ein großes Schlachtschiff würde schon auf Lichttage hinaus geortet werden, da die Tarntechnik nur auf kleineren Raumschiffen funktioniert. Und wer weiß, wie diese irren Aliens darauf reagieren?”
“Und wo bekommen wir einen Tarnschirm und eine Bombe her?” Leonora Dusel fixierte den Dtaenhändler mit ihrem Blick. “Das erstere würde den Kostenrahmen sprengen, das zweite wäre nur auf dem Schwarzmarkt zu Wucherpreisen zu bekommen. Mit den Daten könnte man sich wohl eben so gut einen kleinen Mond kaufen. Ganz abgesehen davon, dass wir uns dann für alle Ewigkeiten auf der Flucht vor den Netza-Ge befinden würden.”
“Es ist alles vorgesehen und bereits abgesegnet”, beruhigte er sie mit einer Geste seiner rauen Hände. “Das Geheimnetz wird euch einen Tarnschirm und eine entsprechende Bombe mit Fernzünder spendieren.”
“Das ist aber sehr freundlich”, meinte Leonora Dusel sarkastisch. Die Mission, die der Datenhändler beschrieb, klang nicht gerade wie ein Spaziergang im Park. Es konnte dabei so viel schief gehen, und die Kapitänin wusste aus Erfahrung, dass immer irgendetwas nicht wie gewünscht verlief. Aber sie hatte endlich eine Erklärung dafür, warum man gerade die Sternenstürmer für diesen Auftrag ausgewählt hatte. Sie waren schlichtweg entbehrlich!
Und wahrscheinlich draufgängerisch genug es dennoch zu wagen. Trotzdem blieben einige Zweifel, die jedoch im Moment von der Dringlichkeit ihre weitere Existenz zu sichern, unterdrückt wurden. Wäre doch nur Delia hier!
“Also gut”, meinte sie schließlich. Sie brauchte die Daten, die dieses riskante Abenteuer einbringen würde. Oder sie würde die Sternenstürmer verkaufen müssen. Ein planetengebundenes Leben ohne die Freiheit und das Abenteuer der lockenden Weite des Weltraums konnte sie sich allerdings nicht vorstellen. Das würde ihr sicheres Ende bedeuten. Sie war keine Landarbeiterin oder Händlerin und würde es auch niemals werden.
“Wo und wann bekommen wir unsere Ausrüstung? Und wieviel Zeit bleibt uns noch?”
“Sehr gut!”, freute sich der Datenhändler, über die Zustimmung sichtlich zufrieden. “Das Alienschiff bewegt sich nur sehr langsam auf die Grenze des Imperium Humanum zu. Hält es Kurs und Geschwindigkeit bei, wird es frühestens in zwei Monaten das erste von Menschen bewohnte System erreichen. Es bleibt demnach noch genügend Zeit dieses Raumschiff abzufangen und zu vernichten.
Und was eure Ausrüstung betrifft: Ein technisches Team erwartet euch auf Spes im Chandra-System. Sagt dir das etwas?”
“Natürlich!”, bestätigte die Kapitänin. “Wer kennt die erste extrasolare Kolonie nicht?”
Der Planet Spes war so etwas wie eine Legende im Imperium Humanum. Dort war die erste Kolonie außerhalb des Sonnensystems mit der Landung der Enleuchos entstanden, und war es zum Kontakt mit den Ewig Lebenden und den Mammuks gekommen.
“Selbstverständlich!”, nickte ihr Gegenüber wohlwollend. “Mache dich so schnell wie möglich auf den Weg, Kapitänin. Auf Spes wird ein Netza-Ge euch in der Nähe der Hauptstadt Amauroth in Empfang nehmen. Von diesem erfahrt ihr alles weitere, sowie die Koordinaten des Einsatzes… und selbstverständlich einen Datenvorschuss auf den Auftrag.”
Das wollte Leonora Dusel hören.
“Dann bleibt nur noch die Größe des Datenpaketes zu vereinbaren.” Ihr Gegenüber nannte ein Größe, die alles übertraf, was sie sich vorgestellt hatte oder zu fordern gewagt hätte. Diese Summe würde alle ihre derzeitigen Probleme lösen. Aber Kapitänin Dusel ließ es sich nicht anmerken. Sie streckte ihre Hand bereitwillig aus.
“Dann haben wir also einen Deal?”
Der Datenhändler ergriff die ausgestreckte Hand und schüttelte sie.
“Deal!”, bestätigte er. “Wir sehen uns wieder, wenn alles vorbei ist. Und bedenke: Ab jetzt gibt es kein zurück mehr. Es sei denn, du bist darauf scharf die Agenten des Geimnetzes herausfordern.”
Leonora war sich dessen natürlich bewusst. Das Geheimnetz kannte kein Erbarmen mit Verrätern. Sie erhob sich und stand schon in der Tür des kleinen Raumes, als sie stehen blieb und sich noch einmal umwandte.
“Warum die Sternenstürmer?”
Der Datenhändler verschränkte die Hände auf dem Tisch, an dem er noch immer saß, und betrachtet sie aus großen Augen. Dann antwortet er mit ruhiger, tiefer Stimme:
“Wir brauchen Diskretion und eine schnelle – und vor allem – resolute Reaktion auf die sich nähernde Bedrohung. Du und deine Sternenstürmer sind genau das, was es braucht. Dies jedenfalls versichern mir unsere Analysten.”
“Hm”, machte Leonora Dusel, als sie die Tür hinter sich schloss. So ganz war sie nicht davon überzeugt, dass sie diesem Datenhändler des Geheimnetzes vertrauen konnte. Und sie sollte recht behalten.
Kapitel 2
Die Sternenstürmer stand am Rande des Raumhafens, auf einem der billigen Plätze. Leonora Dusels alter Raumfrachter ähnelte einem riesigen Käfer, der auf seinem Rücken zwei große, zylinderförmige Antriebssysteme trug, die auch den Sprungantrieb enthielten, der die Sternenstürmer Lichtjahre in wenigen Sekunden zurücklegen ließ, wenn er denn zuverlässig funktionierte, was nicht immer der Fall war. Die Sternenstürmer hatte über die Jahre ein gewisses Eigenleben entwickelt, welches nicht immer logisch zu erklären war, und auch die besten Techniker konnten die durch Alter und fährlässige Inspektionen sich eingeschlichenen Fehler beim besten Willen nicht finden.
Nicht, dass Leonora für irgendwelche Techniker Daten ausgegeben hätte. Sie hielt sich selbst für eine Fachfrau auf dem Gebiet, auch wenn sie ihre gemächliche Einstellung – um nicht zu sagen: Faulheit – sie oft davon abhielt mehr als das Nötigste zu leisten. “Das Leben ist zu kurz für übermäßige Sicherheit”, war ihr übliches Argument, gefolgt von: “Es ist bisher immer gut gegangen. Warum sich es also mit den Schutzengeln verderben?”.
Die rote und blaue Farbe des Raumschiffes war an vielen Stellen abgeblättert und durch zahlreiche Beulen und Schrammen, die nicht selten durch unvorsichtige Andockmanöver entstanden waren, ersetzt. Insgesamt sah man dem Schiff sofort an, dass es schon einige Jahre auf dem Buckel und einige riskante Einsätze vollbracht hatte.
Gebaut auf den Marswerften, um den Frachtverkehr zum Alpha-Centauri-System auszubauen, waren seitdem etwas mehr als achtzig Jahre vergangen. Leonora Dusel hatte sie, schon vor zwanzig Jahren vom Reeder ausgemustert, bei einem Kartenspiel – nicht ganz ohne Betrug – gewonnen. Deshalb hatte sich die Sternenstürmer schon bei ihrem ersten Flug unter der nagelneuen Kapitänin auf einer spektakulären Flucht bewähren müssen. Aber das war eine andere Geschichte.
Seitdem hatte Leonora Dusel ihr geliebtes Schiff schon durch etliche brenzlige Situationen steuern müssen, bei dem sie die Sternenstürmer nie im Stich gelassen hatte. Wenn sie auch die meiste Zeit mit einfachen, oft langweiligen Frachtaufträgen verbrachte.
Aber die Sternenstürmer war trotz allem auf den ersten Blick ein sehr gewöhnliches, ja sogar unansehnliches Gefährt, das bei den meisten Menschen keinen zweiten Blick auslöste. Wenn sich denn überhaupt jemand für dieses armselige Schiff am Rande des Raumhafens interessierte.
An Bord der Sternenstürmer saßen sich Leonora und Delia Statgot in der Messe an einem schmierigen Tisch gegenüber. Der Rest der Kantine ähnelte sehr dem Äußeren Zustand des Raumschiffs: Schmutzige Schachteln von Fertiggerichten standen herum, der Boden klebte so sehr, dass es einem die Socken ausgezogen hätte, wenn man keine Schuhe getragen hätte. Und auch alles andere sehnte sich nach einem Putzlappen.
Leonora Dusel saß auf einem wackligen Stuhl und hatte die Beine mit den Stiefeln auf den Tisch gelegt. Sie rauchte eine dicke Zigarre und blies den Rauch in wirbelnden Ringen zu der Bordärztin herüber, die die Kapitänin mit halb geschlossenen Augen kritisch fixierte.
“Und du meinst, in deiner unendlichen Weisheit, dass dies der richtige Auftrag für uns ist?”, erkundigte sich Delia Statgot mit schmalen Lippen.
“Endlich mal ein wenig Anerkennung!”, feixte die Kapitänin der Sternenstürmer und tat einen tiefen Zug an ihrer Zigarre. “Und, ja, es ist der einzige Auftrag, der uns im Moment angeboten wird. Darf ich dich daran erinnern, das wir die Gebühren für den Raumhafen gerade noch zwei Tage bedienen können. Danach bleibt uns nichts anderes übrig als zu starten und für immer zwischen den Sternen zu gondeln bis wir verwesen. Oder an Langeweile sterben. Es sei denn, wir verkaufen die gute, alte Sternenstürmer und werden bis zum Ende unseres weiterhin traurigen Lebens in diesem Pissloch versauern… Vielleicht findest du einen Job am Raumhafen und darfst die Kackebehälter der Fernschiffe reinigen, aber ich werde bestimmt nicht eine solche anständige Beschäftigung finden. Ist es das, was du möchtest? Willst du deiner armen Kapitänin unbedingt das Herz brechen?” Delia Statgot grunzte und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Eine dreckige Tasse hüpfte vom Tisch und zerschellte klirrend am speckigen Boden. Niemand schenkte ihr einen Blick.
“Und wer ist Schuld an dieser Scheißsituation?”, knurrte Delia. “Wer fährt uns immer mit Volldampf in den Dreck, indem sie die unmöglichsten Aufträge annimmt? Und außerdem: Der Verkauf der Schiffes würde uns nicht einmal genug Daten einbringen, um einen Furz im Grand Hotel zu lassen. Oder hattest du etwa geplant mit diesem Schrotthaufen deinen Lebensabend zu finanzieren? … Nur wenn du auf der Stelle dein Wuschelköpfchen mit einem Handlaser sauber durchbohrst. Und selbst dann…”
“Ahh!”, machte Leonora amüsiert und blies einen großen Rauchring. “Schuldzuweisungen? Beleidigungen meines wunderbaren Raumschiffs? Sind wir etwa schon so tief gesunken, meine Liebe? Ohne mich wärst du schon lange am Ende.” Sie wies mit der Zigarrenspitze auf die Bordärztin. “Ich bin es, die dich am kacken hält.” Delia lehnte sich über den Tisch.
“So?”, fragte sie herausfordernd. Aber die Kapitänin winkte nur lässig ab.
“Wir haben schon in schlimmeren Schlamassel herum gerudert. Und immer wieder haben wir die Probleme geschickt hinter uns gelassen. Es wird Zeit, dass du ein wenig Vertrauen entwickelst. Wir werden auch diesmal wie der verfluchte Phönix aus der Scheißasche auferstehen.”
Die Bordärztin atmete hörbar aus und lehnte sich zurück.
“Typisch Leonora Dusel. Die größte Kapitänin des Imperium Humanum… Ich hoffe, dass du dich dieses Mal nicht irrst!”
“Also bis du einverstanden, dass wir diesen Auftrag annehmen?” “Was bleibt mir anderes übrig?”, seufzte Delia Statgot. “Du hast es ja schon bildreich umschrieben: Wir sind in einer Sackgassse und können nicht anders… Aber ein gutes Gefühl habe ich dabei nicht!” “Was stört dich an dieser Sache?”, erkundigte sich Leonora, die selbst einige stille Bedenken hatte. Aber sie wollte es von ihrer langjährigen Vertrauten hören. Es lag ihr sehr viel an der Meinung der Freundin, die sie schon auf vielen Flügen begleitet hatte. Sie blickte Delia in die Augen und schnippte dabei nonchalant die Asche ihrer Zigarre auf den Boden.
“Wo fange ich nur an? … Zuerst einmal scheint es, als wolle jemand unsere vertrackte Finanzsituation ausnutzen”, erörterte Delia Statgot. “Weiterhin ist fast jedes andere Schiff besser geeignet diese Sache zu einem guten Ende zu führen. Die Sternenstürmer ist nur ein Frachtschiff … und nicht gerade das neueste Modell, wenn ich dich daran erinnern darf. Wir können Waren schmuggeln und Passagiere aufnehmen, die vom Netz gesucht werden. Wir könnten tarsische Wachssschweine transportieren, aber am Zustand unseres Laderaums würden diese dreckigen Biester nichts verändern.
Aber macht es dich nicht auch stutzig, dass das Geheimnetz uns engagieren will, um einen rein militärischen Auftrag auszuführen? Bei so etwas haben wir nicht die geringste Erfahrung. Das stinkt doch zum Himmel und darüber hinaus! Wir sind, meiner Meinung nach, der Fußabtreter für einen verflucht dreckigen Stiefel.”
“Ich liebe deine blumenigen Vergleiche”, lächelte Leonora Dusel. “Auch ich habe bei dieser Sache einige Bedenken.”
“Und warum lassen wir uns dann darauf ein?”, erregte sich die Bordärztin und merkte sogleich, dass sich die Diskussion im Keis drehte. Sie seufzte und fügte hinzu, bevor Leonora den Mund zu einer Antwort öffnen konnte: “Vielleicht hast du Recht und wir haben hier wirklich kein Wahl…”
“Wir werden eben das Beste daraus machen”, versicherte die Kapitänin der Sternenstürmer. Sie zwinkerte Delia zu. “Wir müssen uns ja nicht unbedingt an die Spielregeln halten… Das haben wir doch nur selten getan!”
“Ich möchte wissen, was unter deinem wuscheligen Haarschopf vorgeht”, grinste die Bordärztin. “Was brütest du wieder aus?”
“Erst einmal streichen wir die Vorzahlung ein. Das hilft uns schon ein wenig.” Leonora lehnte sich zurück und zog genüsslich an ihrer Zigarre. “Dann begeben wir uns zu den Koordinaten und sehen uns dieses Alienschiff genau an. Vielleicht gehen wir dann sogar mit der Bombe an Bord, aber bevor wir sie zünden, schauen wir uns um. Wir werden all unsere Sinne gebrauchen. Ich traue dem Geheimnetz nicht. Etwas an dieser Sache ist faul wie ein Reicher am Feiertag.” “Das hatten wir bereits entschieden”, fuhr Delia dazwischen.
“Daraufhin versuchen wir zum Beispiel mit den Aliens Kontakt aufzunehmen”, fuhr Leonora unbeirrt fort. “Mal sehen wie sie die Situation beurteilen!”
“Das könnte sehr riskant werden, wenn wir den Worten des Datenhändlers glauben schenken.”
“Wenn wir diesen Worten vertrauen”, berichtigte die Kapitänin und hob die Hand mit der Zigarre.
Delia Statgot nickte verstehend.
“Du willst wieder einmal improvisieren? Wir werden demnach mit äußerster Vorsicht zu Werke gehen und nicht alles glauben, was man uns glauben machen will!”
“Das ist meine treue Delia!”, lobte Leonora Dusel. Sie strich sich durch ihr lockiges Haar. “Dann nehmen wir den Auftrag an?” “Sieht ganz so aus!”, gab die Bordärztin zu.
“Gut!”, grinste Leonora. “Denn ich habe bereits zugesagt.”
Delia versuchte ein grimmiges Gesicht, gab es aber schnell wieder auf und lachte. “Das sieht dir ähnlich!”
Leonora Dusel warf den Zigarrenstummel auf den Boden der Mannschaftsmesse, trat ihn aus und ging um den Tisch herum, um Delia die Hand auf die Schulter zu legen.
“Wir schaffen das, meine Liebe!”
Der Netza-Ge hatte sich bereits vor zwei Stunden über Bordfunk angekündigt und erschien fast auf die Sekunde genau vor der Schleuse der Sternenstürmer. Leonora beobachtet ihn eine Weile über eine Außenkamera, bevor sie hinein ließ. Er war groß gebaut und hatte ein Gesicht wie aus Stein gemeißelt, sein Kinn eine mächtige Klippe, auf der dunkle Bartstoppeln zu sehen waren, obwohl er frisch rasiert war. Er gehörte zu den Männern – und es gab auch so manche Frau –, die nie ganz glatt im Gesicht waren, auch wenn sie sich drei Mal am Tag mit einem Rasierer über die raspelige Haut fuhren. Nicht mal das neueste Ultra-Laser-Gerät für die feine Hygiene hatte hier eine Chance. Der Bart will, was der Bart will.
Seine Augen spiegelten seine Erfahrungen wieder. Sie waren so tief und dunkelbraun, und blickten so kühl, dass man erahnen konnte, dass nicht alle Erlebnisse seines Lebens Ausflüge im Sonnenschein mit Picknick unter Linden gewesen waren. Seine Stirn zeigte Reihen von Falten, wie Laufgräben eines langen Krieges. Darüber glänzte ein glatter Schädel mit aufwendigen Tätowierungen in einem hypnotisierenden Musters. Seine Lippen bewegten sich kaum, während er mit rauer Stimme sprach:
“Freut mich sehr euch kennenzulernen, Kapitänin Dusel und Doktor Statgot!”
Es klang nicht gerade nach wahrempfundener Freude, aber Leonora Dusel ließ sich nichts anmerken. Sie streckte die Hand aus, die der Netza-Ge nur unbewegt betrachtete, ohne einzuschlagen. Nach einer kurzen Pause sagte die Kapitänin, ihre Hand zurückziehend und in der Tasche ihrer weiten Mechanikerhosen versteckend: “Willkommen an Bord der Sternenstürmer!”
“Hmm!”, brummte der Gast und sah sich mit einem Ausdruck von Ekel um, als betrachte er ein frisches Schlachtfeld. “Wir sollten besser sofort zur Sache kommen.” Bevor ich mir bakterielle Infektionen zuziehe, schien er zu denken.
“Ja, kommen wir!”, fiel Delia Statgot ein. “Wo ist unsere Vorauszahlung?”
Wortlos reichte der Netza-Ge ihr einen Plastikschein, ließ die Bordärztin dabei nicht aus dem Gefängnis seines starren Blickes.
“Die Überweisung ist bereits ausgeführt!”
Leonora Dusel nahm der Bordärztin den Schein ab und warf einen kurzen Blick darauf.
“Das kommt hin”, bermerkte sie locker und schob den Beweis der Überweisung in einer der Taschen ihrer Pilotenjacke.
“Ich werde noch einmal zusammenfassen”, fuhr der Netza-Ge mit monotoner Stimme fort, während er die muskulösen Arme vor der Brust verschränkte. “Ich werdet euch nach Spes begeben. Wo ihr das Chandra-Systems findet, müsste euch eigentlich bekannt sein. Denn wer im Imperium kennt es nicht…? Dort erhaltet ihr die aktuellen Koordinaten des Einsatzes, dass heißt die Position des Alienschiffs, sowie seinen voraussichtlichen Kurs und die Geschwindigkeit. Der Rest sollte für eine erfahrene Pilotin eigentlich Routine sein.” Mit seinen letzten Worten schaute er Leonora durchdringend an.
“Reine Routine”, erwiderte die Kapitänin leicht säuerlich, die ahnte, dass es nicht ganz so einfach werden würde, wie es der Angesandte des Geheimnetzes darstellte.
“Gut”, meinte der Schrank von einem Mann und fuhr unbeirrt monoton fort. “Ein anderer Agent des Geheimnetzes wird mit euch Kontakt aufnehmen und alles Weitere in die Wege leiten. Auf Spes wird die Sternenstürmer mit dem neuesten Modell eines Tarnschildes ausgerüstet werden. Diesen dürft ihr sogar nach Ablauf des Auftrages behalten. Wenn das nicht großzügig ist… Wenn es nach mir ginge…”, begann er den Satz, führte ihn aber nicht zu Ende. Leonora Dusel sah seinem Gesichtsausdruck an, was er am liebsten mit der Sternenstürmer und ihrer Besatzung getan hätte. Den Sternen sei dank ist er ein Profi, dachte sie.
“Und schließlich wird euch die Bombe übergeben. Es handelt sich um eine Fusionsbombe mit großer Sprengkraft, die das Alienschiff mit Sicherheit verpulvern wird und mit einem Zeitzünder ausgestattet ist. Das Einstellen der Zündung liegt in eurem Ermessen und unterliegt der jeweiligen Lageeinschätzung. Soweit alles deutlich?”
“So deutlich wie möglich!”, bestätigte die Kapitänin. “Dann sind wir hier fertig?”
Der Netza-Ge sah sich noch einmal um und rümpfte leicht die Hakennase.
“Das sind wir… Ich wünsche viel Erfolg!”
Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und verließ die Sternenstürmer durch die Bodenschleuse. Leonora sah ihm noch eine Weile nach.
“Was für ein arroganter Ziegelscheißer!”, zischte sie aufgebracht. “Wer denkt er eigentlich, wer er ist? Der Papst der Benäer?”
“Ja, ein echter Ameisenficker!”, bestätigte Delia Statgot. “Aber lass dich von diesem Kerl nicht aus der Bahn bringen. Immerhin hat er uns ein paar nette Daten gebracht.”
Leonora Dusel zog die Plastikkarte aus der Brusttasche ihrer Pilotenjacke und wedelte damit vor den Gesicht Delias herum.
“Das wird reichen um die Liegegebühren dieses verdammten Raumhafens zu begleichen und noch einiges… vieles mehr!”
“Ist alles schon erledigt, Kapitänin! Dann brechen wir so schnell wie möglich auf?”, erkundigte sich Delia Statgot, die schon am Vortag mit ihren letzten Daten die Hafengebühren beglichen und ausreichend Vorräte an Bord hatte bringen lassen. Darunter ein paar unentbehrliche alkoholhaltige Getränke, eine Kiste Zigarren und ein paar “Aufmunterungspillen” für die wirklich schweren Stunden.
“Musst du noch einmal Pippi machen?”, fragte die Kapitänin scherzhaft.
“Nein, alles gut!”, antwortete Delia belustigt. “Auf gehts zur Brücke!”
Leonora Dusel folgte der Bordärztin durch einen Gang, von dem aus Türen zu den Kabinen und einigen Lagerräumen führten, in den Bug des alten Frachtschiffes.
Auf der Brücke warf sich Leonora in den speckigen Pilotensitz, der unter ihrem Gewicht quietschend seufzte. Sofort erhellte sich mit einem feinen Summen der Holoschirm, der zur Steuerung der Sternenstürmer diente, und tauchte ihr Gesicht in blaues Licht. Spielend flogen ihre Finger über den Schirm, während sich Delia Statgot neben ihr in den zweiten Sessel der kleinen Brücke setzte.
Brummend und grummelnd erwachten die Aggregate des Raumschiffs wie unwillkürlich aus tiefen Träumen gerissen. Die Hülle der Sternenstürmer begann zu vibrieren, als alle Energiespeicher ihr Bestes gaben dem Antrieb die volle Ladung zu verpassen. Auf dem Holoschirm erschienen die Daten des Checks, die meisten davon in einem satten Grün. Die wenigen roten und orangenen Anzeigen irgnorierte Leonora, denn sie betrafen keine entscheidenden Systeme. Ein Grinsen umspielte die Mundwinkel der Kapitänin. Endlich ging es wieder los.
Die Sternenstürmer schüttelte sich wie ein alter Mann, der mitten in der Nacht durch ein lautes Geräusch geweckt wurde, und es knarzte im Gebälk der Stahlstreben.
“Sternenstürmer an Raumhafenleitung”, sprach Leonora gegen den Holoschirm gewandt. “wir erbitten Starterlaubnis!”
Nach einem kurzen Knacken, ertönte die Stimme einer jungen Frau. “Kontrolle an die Sternenstürmer: Starterlaubnis erteilt… Wird Zeit, dass euer Schrotthaufen verschwindet. Das Ansehen unseres Raumhafens hat schon genug gelitten.”
“Sehr lustig!”, schnappte Leonora Dusel zurück. “So was Aufregendes wie die Sternenstürmer hat euer armseliger Saftplanet schon lange nicht mehr gesehen.”
Die Frauenstimme lachte laut.
“Ich wünsche euch gute Geschäfte und eine erfolgreiche Jagd!” Das klang ehrlich gemeint.
“Danke! Und auf Nimmerwiedersehen!”, erwiderte die Kapitänin und berührte den Holoschirm.
Das Brummen des Antriebs wurde zu einem wilden Kreischen. Die Sternenstürmer schüttelte sich jetzt wie ein nasser Hund.
Aus dem Cockpitfenster, eine Panzerplastkuppel direkt vor ihnen, sahen Delia und Leonora wie der Raumhafen und die Türme der angrenzenden Stadt langsam kleiner wurden. Die Farbe des Himmel verblasste und wurde durch das Schwarz des Weltraums ersetzt. Sterne funkelten auf, während der Planet immer weiter unter ihnen zurückfiel, bis er nur noch eine mattblau glänzende Kugel war. Das Kreischen des Antriebs wurde zu einem leisen Wimmern.
“Auf gehts nach Spes!”, sagte Leonora Dusel und wischte mit den Fingern über den Holoschirm, die Sprungkoordinaten zum Chandra-System eingebend. “Bereit?”, wandte sie sich an die Bordärztin. Delias Nicken sah sie schon nicht mehr, als die Sternestürmer ächzend in den Überraum glitt. Das Schwarz des Welraums wurde zu einem roten Flimmern, die Sterne zu langgezogenen blauen Streifen. Die Sternenstürmer klapperte wie ein Bollerwagen voller Nägel auf Kopfsteinpflaster.
Leonora Dusel streckte sich und erhob sich aus dem Pilotensessel, ging zu Delia Statgot und boxte ihr sanft gegen den Oberarm.
“Zeit für einen Drink… Und vielleicht etwas zu essen. Den Rest erledigt die Automatik, die ich vorprogrammiert habe. Wir werden mindestens neun Stunden brauchen, bis wir Spes erreichen.” Die Bordärztin erhob sich und verließ hinter Leonora die Brücke.
“Verdammt gute Idee!”, stimmte sie dem Rücken der Kapitänin zu.
Kapitel 3
Schon aus dem Orbit war das Ringmeer, welches den Planeten Spes am Äquator in zwei riesige Kontinente trennte, die bis an die Polkappen reichten, gut zu erkennen. Über dem Meer türmten sich dichte Wolken, die Leonora Dusel an Zuckerwatte erinnerten. Blitze erhellten die Wolken und kündeten von der Macht des ewigen Sturms über der See, der für den Planeten so typisch war. Die tieforangene Sonne Chandra erhob sich gerade über den Horizont und ließ die Atmosphäre in einem Streifen hell aufglühen.
“Ich wollte schon immer mal nach Spes”, bemerkte die Kapitänin amüsiert. “Die erste interstellare Kolonie der Menschheit, sozusagen der Beginn des Imperium Humanum.”
“Es soll dort einige gutbesuchte und erstaunliche Sehenswürdigkeiten geben”, stimmte Delia Statgot zu.
Spes war eine Welt voller Geschichte. Hierher hatte das Raumschiff Enleugchos die ersten Siedler von der Erde gebracht. Amauroth, die Haupstadt des Planeten war also die erste extrasolare Siedlung und damit die älteste Stadt im Imperium Humanum, wenn man natürlich von den Städten der Erde einmal absah. Die Gründer der Kolonie waren inzwischen zu Legenden geworden.
Außer den Menschen wurde Spes von den Ureinwohnern, den Mammuks, bewohnt, die sich allerdings von den Städten fernhielten und heute nur noch an den unwirtlichen Polen zu finden waren, zumindest wenn es einem gelang sie aufzuspüren, denn die behaarten, känguruähnlichen Wesen mit ihrem markanten FacettenAugenring galten als äußerst scheu. Legenden behaupteten, dass diese Mammuks in engem Kontakt mit den Ewig Lebenden standen. “Amauroth Raumhafen”, sprach die Kapitänin vor dem Holoschirm, während die Sternenstürmer in eine Umlaufbahn um Spes ging. “Hier ist die Sternenstürmer. IH-Kennzeichnung LD-030869-66. Wir erbitten Landerlaubnis.”
Im Funk knackte es und es dauerte ein paar Sekunden bis sich eine männliche Stimme meldete:
“Hier Amauroth Raumhafen an Sternenstürmer, LD-030869-66. Was ist der Grund für ihren Aufenthalt auf Spes?”
“Netzgeschäft! Geheim!”, antwortete Leonora Dusel schnippisch. Diesmal dauerte es fast dreißig Sekunden – die Kapitänin wollte gerade ihre Anfrage wiederholen – bis die Raumhafenkontrolle sich erneut meldete:
“Landung genehmigt. Bitte Sektor 4, Bucht 22 anfliegen. Sie werden scheinbar bereits erwartet. Willkommen auf Spes!”
“Verstanden Sektor 4, Bucht 22”, wiederholte Leonora Dusel und unterbrach den Funkkontakt. Mit flinken Fingern gab sie auf dem Holoschirm die erhaltenen Koordinaten ein. Die breite Nase der Sternenstürmer senkte sich der Oberfläche zu und tauchte in die Atmosphäre.
Spes war laut Bordcomputer für seine Winde und starken Luftströmungen bekannt. Es wunderte Delia und Leonora also nicht, dass das Raumschiff heftig durchgeschüttelt wurde, als sie die Luftschichten durchbrachen. Endlich wichen die Wolken und gaben den Blick auf eine Ebene am Meer frei, die ringsum von flachen Gebirgen gesäumt wurde. Von der Küste entlang eines glitzernden Stroms bis über die nahen Hügel hinaus erstreckte sich eine prächtige Stadt, deren höchste Gebäude und zahlreiche Türme bis in den Himmel aufzuragen schienen. In den Straßen und auf den Hochbahnen gab es regen Verkehr von Luftkissenbooten, Schwebern und unzähligen Menschen. Alles war wie neu und glänzte. Das orangene Licht Chandras spiegelte sich in den tadellosen Fassaden der Häuser. Es kam Leonora vor, als sei Amauroth erst gestern erbaut worden und nicht die älteste Kolonie des Imperium Humanums. Die Amaurother waren sichtbar wohlhabend.
Fast wirkte die Sternstürmer über der Stadt wie ein Fremdkörper, ein schmutziger Eindringling. Eine Ratte auf poliertem Marmorboden. Das alte Frachtschiff zog in einem Bogen um die Stadt herum – die Steuerautomatik hatte inzwischen übernommen – und glitt beinahe geräuschlos mithilfe des Antigravantriebs über die nahen Hügel hinweg, dabei fast die glitzernden Spitzen der höchsten Gebäude berührend. Hinter dem seichten Randgebirge setzte sich Amauroth noch bis an den Horizont fort, wenn auch mit etwas weniger beeindruckender Architektur. Das Ringmeer war inzwischen in der Heckbeobachtung verschwunden, und die Häuser wurden nach einem weiteren Flug von fünf Minuten flacher und weniger zahlreich. Hier und dort waren schon Flecken ursprünglichen Steppenbewuchses zwischen ihnen zu erkennen. Zum Erstauenen Leonoras und Delias flogen unter ihnen Blumen auf großen, braunen Säcken durch die Luft.
Endlich kam der Raumhafen Amauroths in Sicht, der durch eine vielspurige Verbindungsstraße mit dem Stadtzentrum verbunden war. Raumschiffe aller Form und Größe tummelten sich auf dem Landefeld, das sich über mehrere Kilometer austrecken mochte. Zwischen ihnen erhoben sich Hallen und Türme, die ebenfalls im Licht der Sonne glänzten und wie neu wirkten. Vereinzelt starteten Schiffe oder landeten in diesem verwirrenden Meer aus Formen und Farben. Aber die Sternenstürmer setzte nicht unmittelbar zur Landung an, sondern ihren Weg fort.
Endlich – Leonora Dusel scharrte schon ungeduldig mit den Füßen – erreichten sie den Rand des gigantischen Flugfeldes. Die Kapitänin dachte schon, dass man sie – wie immer – am äußesten Rand parken würde.
“Wo ist dieser verdammte Sektor 4?”, fluchte sie. “Wenn es so weitergeht, sind wir gleich wieder dort, von wo wir aufgebrochen sind!”
“Geduld!”, mahnte Delia Statgot.
Diese jedoch begann Leonora Dusel beinahe endgültig zu verlieren, als die Sternenstürmer endlich an Höhe verlor und auf ein kleines, völlig leeres Landefeld im Schatten eines Farnwaldes, weit hinter dem eigentlichen Raumhafen liegend, zuhielt. Nur wenige Gebäude säumten den Plastikbeton, als die Sternenstürmer zwar sanft, jedoch mit einem scheppernden Geräusch, aufsetzte.
“Willkommen am Arsch von Amauroth”, brummelte die Kapitänin, als der Antrieb sich abschaltete und es bis auf das Rauschen des Windes gegen das Panoramafenster der Brücke völlig still wurde. Jedenfalls bis Leonora Dusel laut furzte.
“Das kam von Herzen!”, grinste sie und erhob sich leise stöhnend aus dem Pilotensessel. “Sehen wir uns draußen mal um und warten auf das Empfangskommitee.”
“Ja, wir sollten besser schnell gehen!”, meinte die Bordärztin, wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum und fuhr dann fort: “Ich hoffe es gibt einen Umtrunk. Mein Zunge klebt am Gaumen.” “Die Hoffnung stirbt zuletzt!”, filosofierte Leonora und verließ die Brücke der Sternenstürmer.
Delia Statgot folgte ihr geschwind, bevor Leonoras Gase die gesamte Brücke einnebeln konnten.
Kapitel 4
Als sie aus der Schleuse traten, war weit und breit kein Mensch zu sehen.
“Ich fühle mich wie bestellt und nicht abgeholt”, bemerkte Leonora Dusel und rückte ihre riesige Sonnenbrille zurecht.
“Ja, komisch, dass niemand hier ist”, stimmte die Bordärztin zu und rümpfte die Nase. “Und was riecht es hier so komisch? Hast du etwa wieder… ?”. Delia lachte glucksend.
“Nein, meine Liebe”, erwiderte die Kapitänin mürrisch. “Ich bin schließlich eine Dame! Außerdem riechen meine Darmwinde nicht wie eine Scheiß-Frühlingswiese auf Drogen. Dies sind die Pollen der einheimischen Gräser in der Luft. Für diesen penetrant-süßlichen Gestank ist Spes doch bekannt.”
Vom nahen Farnwald trug der stetige Wind diesen Geruch zu ihnen herüber. Darüber flog eine dieser merkwürdigen Blumen. Aus der Ferne drang leises Gemurmel des Haupt-Raumhafens an ihre Ohren. Die Kapitänin zuckte mit den Schultern.
“Sehen wir uns mal um! Wir sind ja gut bezahlt. Also können wir uns ruhig ein wenig bewegen. Das wird auch meiner Figur ganz gut tun.” Sie betätschelte mit der flachen Hand ihre leichte Wölbung über dem Gürtel.
“Schaden kann es nicht …”
Leonora Dusel bedachte Delia mit einem genervten Blick. Die Bordärztin hatte ihr sicher keine Vorhaltungen zu machen. Sie sieht selber aus wie eine Birne, dachte die Kapitänin und grinste.
Sie gingen auf das nahegelegene Gebäude zu – ein Flachbau mit kleinen Fenstern und einer stählernen Tür. Dahinter ragte ein Turm empor, der wohl als Tower des kleinen Raumhafenfeldes fungierte. Auf seiner Spitze wölbte sich eine im Licht Chandras leuchtende Glaskuppel. Die beiden waren nur noch wenige Schritte vom Eingang des Gebäudes entfernt, als die Tür sich unerwartet öffnete. Leonora und Delia mochten kaum glauben, was sie sahen. Die Kapitänin starrte mit offenem Mund auf die große, schlanke Frau, die ihnen entgegen kam. Ihr Zopf auf dem Hinterkopf, das Ende streng zurückgekämmter, blonder Haare, wippte bei jedem Schritt, bis sie vor den zwei Besuchern stehen blieb. Stahlblaue Augen über einer aristokratischen Nase blickten den beiden Frauen entgegen. Leonora Dusel schob ihre Sonnenbrille über die Kappe ihrer fleckigen Mütze und zwinkerte ungläubig mit den Augen.
“Aisha? Aisha Sinbilt?”
“Wie geht es dir, Schätzchen?”, erwiderte die Angesprochene ohne einen Gesichtsmuskel zu bewegen. Ihr Mund wie ein Strich im Gesicht. “Ist schon etwas länger her, was?”
Leonora Dusel tat einen Schritt nach vorn und umarmte Aisha. Diese rümpfte pikiert die Nase.
“Du könntest dich mal waschen, Schätzchen! Oder funktionieren die Hygienzellen auf deinem Schrottdampfer nicht mehr?”
Die Kapitänin lachte.
“Typisch Aisha!… Habe doch erst vor drei Tagen geduscht!”, sagte sie immer noch heiter und klopfte der alten Freundin auf die Schulter. “Du hast dich keinen Deut verändert. Was hast du denn so getrieben, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben.”
“Ich habe natürlich an Sprungantrieben für das Imperium Humnaum gearbeitet.” Aisha Sinbilt legte eine Hand auf ihre schmale Hüfte. “Außerdem hatte ich ein paar gute Angebote. Nach unserem letzten Zusammentreffen, wurde mein Name im Netz hoch gehandelt. Ich hatte ein Angebot hier an der Universität auf Spes Hyperraumphysik zu unterrichten, aber das schien mir recht langweilig. Zumindest im Moment brauche ich noch ein wenig Aufregung in meinem Leben. Zudem wollte man mich für ein Geheimprojekt engagieren, aber das war so geheim, dass man mir nichts Näheres mitteilen wollte. Und du kennst mich. Wenn ich etwas beginne, möchte ich genau wissen, worauf ich mich einlasse. Also habe ich mich für den Trostpreis entschieden, euch bei eurer Mission Unterstützung zu bieten. Mit dir, Leonora, weiß ich zumindest, dass so ziemlich alles schiefgeht, was schiefgehen kann… kleiner Scherz!” Sie legte ihre Hand auf die Schulter der Kapitänin. “Du bist zumindest immer ehrlich – so manches Mal zu ehrlich für meinen Geschmack – und versuchst nicht mich hereinzulegen. Und so bin ich also hier… und froh dich heil zu sehen! Und was hast du so erlebt?”
Leonora Dusel nahm ihre Kappe ab und fuhr sich mit den Fingern durch ihre Lockenpracht.
“Ach, nichts besonderes… Hier und da eine langweilige Fracht. Ich habe viel Zeit im meinem Pilotensessel verbracht, ohne aufregende Missionen. Eingebracht hat es auch nichts. Da kommt mir dieser Auftrag des Geheimnetzes gerade gelegen.”
Aisha Sinbilt zwinkerte der Kapitänin zu und wandte sich an die Bordärztin.
“Schön dich wiederzusehen, Delia, mein Schätzchen. Ich sehe, es geht dir gut, obwohl du immer noch mit dieser Lausefalle herum ziehst.”
Aisha bedachte Leonora mit einem spärlichen Grinsen. Diese erwiderte das Lächeln und verzieh der Sprungtechnikerin ihren eigenartigen Humor. Delia dahingegen zuckte nur mit den Schultern.
“Was bleibt mir anderes übrig?”
“Hey, ihr beiden!”, mischte sich Leonora ein. “Immerhin verdankt ihr es mir, wenn wir uns heute hier lebend wiedersehen.”
“Da ist wohl was dran, Schätzchen”, gab Aisha Sinbilt zu.
Bei ihrer letzten Begegnung war es heiß hergegangen. Auf dem Weg nach Andromeda hatten Delia und Leonora die Fachkenntnisse einer Sprungtechnikerin benötigt, um einen geheimsvollen Sprungstein in den Antrieb der Sternenstürmer zu integrieren. Sie hatten gemeinsam einige brenzlige Situationen gemeistert und ein paar haarsträubende Erkenntnisse gewonnen. Danach aber hatten sie sich aus den Augen verloren.
“Folgt mir!”, forderte Aisha Sinbilt die beiden auf.
Sie gingen hinter der Sprungtechnikerin auf das Gebäude am Rande des Raumfeldes zu.
“Das Geheimnetz hat mich angeheuert, weil ihr den Auftrag bekommen habt, und ich mit euch bereits zusammen gearbeitet habe. Ich bin sozusagen die Vertauensperson. Außerdem besitze ich das technische Verständnis die Umbauarbeiten der Sternenstürmer zu leiten. Ich verpasse euch die beste Tarnkappe des Imperiums, obwohl das bei der Sternenstürmer wie Verschwendung wirkt. Das Raumschiff ist in einem noch beauernswerterem Zustand als damals. Bist du wieder besoffen gegen Docks gebumst, Kapitänin?”
Die Sprungtechnikerin sah sich zu dem Schiff, welches hinter ihnen stand, um. Leonora verkniff sich einen Kommentar. Jeder andere, der ihr Schiff beleidigte, hätte mit einem blumenreich verbalen Wutausbruch rechnen können, aber Aisha verzieh sie es abermals.
Sie hatten inzwischen das Gebäude errreicht. Aisha Sinbilt hatte die Tür geöffnet und Delia und der Kapitänin bedeutet einzutreten. Sie traten in einen Raum, der spartanisch mit einem Tisch und einer Sitzecke ausgestattet war. Zwei weitere Türen führten in andere Räume.
“Setzt euch”, sagte Aisha auffordernd und ihre beiden Begleiter kamen dem nach. Nachdem sie auf der Sitzecke am Tisch platz genommen hatten, fuhr die Sprungtechnikerin fort.
“Erst habe ich gezögert…”
“Gibt es auch etwas zu trinken?”, unterbrach Leonora Dusel, die eine längere Erklärung erwartete. “Mein Mund ist eine Wüste.”
“Später!”, winkte Aisha Sinbilt ungerührt ab. “Also, ehrlich gesagt, habe ich etwas gezögert den Netzauftrag anzunehmen. Immerhin war unsere letzte Begegnung ein ziemlich wilder Ritt. Und das ist noch milde Ausgedrückt! Wir hatten damals wirklich Glück, dass wir das alles überlebt haben. Dennoch bin ich pflichtbewusst genug meine Bürgerschuldigkeit zu erfüllen und euch zu helfen. Und wie bereits gesagt, vertraue ich dir, Leonora… Obwohl eure Anwesenheit immer Stress und Gefahr bedeutet.”
“Wie wäre es mit etwas Flüssigkeit?”, fuhr Leonora dazwischen. “Wenn du schon so voller Pflicht bist, wirst du uns doch nicht verdursten lassen? Wenn ich mir hier noch weitere Beleidigungen anhören soll, dann wenigstens mit etwas Köstlichem auf der Zunge!” Dabei zwinkerte sie Aisha mit schelmischen Gesichtsausdruck zu.
“Nun, gut”, seufzte die Sprungtechnikerin, erhob sich und verschwand für zwei Minuten hinter einer der Türen. Sie kam mit zwei Gläsern zurück die sie vor Delia und Leonora auf den Tisch stellte. Die Kapitänin zögerte nicht und griff gleich zu. Gierig tat sie einen großen Schluck, um dann das Glas mit großen Augen auf den Tisch zu knallen.
“Wasser?”, fragte sie enttäuscht. “Hälst du mich für ein Pferd?” Aisha Grinsen war schmal, und sie verkniff sich eine Antwort auf die Frage Leonoras.
“Trotzdem nahm ich das Gesuch an”, fuhr sie unbeeindruckt fort. “Auch weil damit eine große Datenmenge an Lohn verbunden ist. Das hat wahrscheinlich die Entscheidung erleichtert.
Ich werde also die Umbauarbeiten an eurer Sternenstürmer leiten. Eine Schar von spezialisierten Robotern wird mir dabei behilflich sein. Es ist erstaunlich welch Aufwand hier für euch betrieben wird. Das Geheimnetz hat weder Mühen noch Kosten gescheut. Ich schätze, dass wir für die Umbauten eine Woche benötigen.Vielleicht brauchen wir etwas länger, wenn wir auch euer Schiff auf Vordermann bringen müssen. Wir wollen ja nicht unterwegs mit dem Schrotthaufen im Nirgendwo stranden.”
Leonora Dusel grunzte etwas Unverständliches. Noch nie war ihr Raumschiff irgendwo gestrandet.
“Auch die Bombe befindet sich bereits hier”, fuhr die Sprungtechnikerin fort, “wird aber aus Sicherheitsgründen erst am Ende der Arbeiten, kurz vor dem Start, an Bord der Sternenstürmer gebracht… Und nun an die Arbeit!”
“Moment!”, fuhr Leonora hoch und ließ sich auch nicht von der Bordärztin zurückhalten. “Wir brauchen erstmal einen Drink!” Sie warf einen verächtlichen Blick auf die Gläser auf dem Tisch. “Und eine vernünftige Mahlzeit… Und wage es nicht uns irgendeinen Synthoscheiß aufzutischen! Es wird doch in deiner Rammelbude hier einen guten Schluck und ein gutes Mahl geben?”
“Okay, Schätzchen!”, akzeptierte Aisha Sinbilt ohne Widerstand, da es bei der Entschlossenheit der Kapitänin sowieso keinen Unterschied machen würde. “Das wird sich wohl machen lassen.”
Kapitel 5
Ein Schwebetaxi brauste durch die Pollen-geschwängerte Luft des Planeten Spes und bewegte sich über ein Meer aus Gebäuden auf das Zentrum von Amauroth zu. Drinnen, unter einer durchsichtigen Halbkugel aus Panzerglas, saßen Delia und Leonora lässig zurückgelehnt in bequemen Sesseln und genossen die Aussicht. Delia hatte sich schick gemacht und trug ihre Ausgehuniform in strahlendem weiß. Leonora Dusel dahingegen trug wie immer eine ihrer speckigen Hosen mit Aufsatztaschen, ein Shirt, rissige Lederstiefel, ihre alte Fliegerjacke, die mit verschiedenen Aufnähern – Souveniers aus verschiedenen besuchten Sternensystemen – bestückt war, und auf dem Kopf – nur mit Mühe ihre Lockenpracht bändigend – eine Kapitänskappe mit der kaum lesbaren Aufschrift: “Sternenstürmer –
Ihr Frachtportal zu den Sternen”. Außerdem trug sie auf der Nase eine große Sonnenbrille.
“Dies ist mal ein angenehmer Planet!”, bemerkte die Bordärztin an ihrer Seite. Leonora nickte zustimmend.
“Wir haben schon auf schlimmeren Drecksplaneten festgesessen!” “Heute machen wir uns einen schönen Tag, und nehmen Amauroth genau unter die Lupe. Es soll dort ausgezeichnete Vergnügungen geben.”
“Hm, hm”, brummte die Kapitänin der Sternenstürmer und wirkte nicht gerade begeistert, obwohl auch sie die Abwechslung suchte. Drei Tage auf dem kleinen Flugfeld in der Pampas hatten ausgereicht, ihre Nerven zum Kribbeln zu bringen. Sie war dafür einfach nicht geschaffen. Sie brauchte das Vibrieren eines Schiffsantriebs unter ihrem Hintern… und die Weite zwischen leuchtenden Sonnen. Außerdem begann ihr Aisha Sinbilt mit ihrem an den Tag gelegtem Eifer gehörig auf die Eierstöcke zu gehen. Die Sprungtechnikerin befehligte die Roboter, welche den Umbau der Sternenstürmer voran trieben. Dabei legte sie nur eine Pause ein, wenn sie essen oder schlafen musste. Der Auftrag des Netzes schien sie vollkommen in Anspruch zu nehmen.
Sei es, dass sie für Delia und Leonora kaum eine Minute aussparte, um sich ein paar Belustigungen zu gönnen, sei es, dass sie durch ihren Fleiß, den Müßiggang der Kapitänin in ein schlechtes Licht stellte: Leonora brauchte dringend eine Pause von Aisha und ihrem Roboterheer.
Deshalb hatte sie vorgeschlagen, sich in der Hauptstadt des Planeten ein wenig umzusehen. Vielleicht war es auch, weil sie das Gefühl nicht los werden konnte, dass das Netz ihnen die Sprungtechnikerin nur zur Seite gestellt hatte, um die beiden Besatzungsmitglieder der Sternenstürmer auf Linientreue zu ihrem Auftrag zu überwachen. Wie dem auch sei: Trotz ihrer sauertöpfischen Einstellung freute sie sich schon auf die Abwechslung, die das Vergnügungszetrum Amauroths laut Touristenführer zu bieten hatte.
Das Schwebetaxi flog eine weite Kurve und ging dabei tiefer, bis es sich in den Flugverkehr zwischen den hoch aufragenden, glänzenden Gebäuden der Innenstadt einreihte. Der Betrieb in der Luft und auf den unter ihnen liegenden Straßen, hob bereits die Stimmung der Kapitänin. Sie rieb sich die Hände und sagte, an den Computer des Taxis gerichtet:
“Taxi! Setze uns vor der besten Bar Amauroths ab!”
“Es gibt verschiedene Lokalitäten, die dieser Beschreibung entsprechen”, erwiderte der Bordcomputer in monotoner Stimme, die sich keinem Geschlecht zuordnen ließ. “Können Sie bitte spezifizieren?”
“Die nächstbeste Vergnügensstätte!”, bestimmte Leonora ein wenig ungeduldig.
“Bestätigen Sie bitte das Ziel: Rakonoukas Inn.”
“Bestätigt!”, mischte sich Delia Statgot ein, bevor die Kapitänin mit dem Computer eine längere Diskussion einging.
Das Schwebetaxi überflog einen weiten Park mit irdischen Bäumen und Grasfeldern, bevor es in eine weitere Straßenschlucht einbog und schnell an Höhe verlor. Auf einem Schwebeparkplatz kam es zehn Zentimeter über dem Boden zum Stillstand.
Die Türen des Schwebers hoben sich wie Flügel an den Seiten des Taxis und entließen die beiden Fahrgäste vor einer hoch aufragenden Fassade. Sie standen vor dem Eingang von “Rakonoukas Inn”, wie das in allen Regenbogenfarben leuchtende, holografische Schild deutlich machte. Der bogenförmige Durchgang darunter wurde von zwei ebenfalls holografischen Mammuks gesäumt, die mit ihrem Facetten-Augenband die Besucher des Etablissements grimmig empfingen.
“Sieht gut aus”, meinte Leonora Dusel lässig, nahm die Sonnenbrille ab und verstaute sie in ihrer Fliegerjacke. “Dieser Rakonouka hatte Geschmack!”
“Stefan Rakonouka war einer der Gründerväter Amauroths”, belehrte sie Delia. “Er kannte sicher kaum solche Bars. Das Leben der ersten Kolonisten war bestimmt sehr hart.”
“Ja, ja”, winkte die Kapitänin ab, die eher Lust auf berauschende Mittel denn auf eine touristische Führung hatte. “Gehen wir rein!”
Im Innern erwartete sie ein großer Gastraum. Zahlreiche Tische waren trotz der frühen Stunde schon besetzt. Im Hintergrund erhob sich eine wellenartig gewölbte Theke über der holografische Blumen schwebten. Ein Raumschiffswrack, das ein schwebendes Schild als “Enleuchos” bezeichnete, zierte die eine Seite des Raumes. Die anderen Wände vibrierten mit holografischen Bildern, die bewegte, frühe Ansichten der Kolonie wiedergaben. Die Decke schien kilometerweit entfernt und zeigte den hiesigen Sternenhimmel in seiner ganzen Pracht.
