Das Buch des Vergessens - Douwe Draaisma - E-Book

Das Buch des Vergessens E-Book

Douwe Draaisma

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Beschreibung

Das Vergessen ist besser als sein Ruf. Das Standardwerk über den Nutzen und Nachteil des Vergessens für das Leben Warum erinnern wir uns so schlecht an unsere Träume? Was passiert mit verdrängten Erinnerungen – wo bleiben sie? Warum ist die Vorstellung eines absoluten Gedächtnisses für uns so verführerisch, ja faszinierend? Warum gibt es Gedächtnistrainings, aber keine Vergessenstechnik? Mit solchen und vielen anderen Fragen nähert sich der holländische Bestsellerautor Douwe Draaisma in Das Buch des Vergessens umfassend, erhellend und unterhaltsam dem interessantesten Aspekt der Gehirnforschung: dem Vergessen. Unser Gedächtnis, so Draaisma, ist wie ein unfolgsames Kind: Woran wir uns erinnern, und woran nicht – darauf haben wir keinen Einfluss. Kein Wunder, dass es so schwer ist, die dahinterstehenden Mechanismen zu erkennen.Douwe Draaisma lädt seine Leser ein zu einem Streifzug durch Psychologie, Philosophie und Gehirnforschung, die sich seit Jahrhunderten mit dem Vergessen befassen. Er erzählt von Schlaflabors und Traumprotokollen, von Gehirnoperationen und Patientenschicksalen, er beschäftigt sich mit den neusten Techniken der Traumatherapie genauso wie er seinen Blick auf die Pioniere der Gedächtnisforschung richtet. Ein spannendes Buch, das vor allem eins klarmacht: Vergessen ist besser als sein Ruf.

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Seitenzahl: 499

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Inhalt

CoverTitelWidmungÜber das Vergessen – ein VorwortUmspült vom Vergessen: die erste ErinnerungWarum wir Träume vergessenIn memoriam Henry M.Der Mann, der Gesichter vergaßEine sanfte Böschung, gefolgt von einem steilen AbgrundIhr Kollege hat eine glänzende Idee – die IhreDer Galilei der NeurologieÜber das VerdrängenDer Mythos vom absoluten GedächtnisDas Gedächtnis der EsterházysDer Spiegel, der nichts vergisstDie Kunst des VergessensDer zweite TodUnbequeme FragenDankBuchAutorImpressum

Widmung

Für

Yvette, in Erinnerung

Dana, willkommen

Das ›Oberstübchen‹ des Drenther Archivs (ca. 1900)

Über das Vergessen – ein Vorwort

Angenommen, Ihr Gedächtnis sähe so aus: ein geräumiges Zimmer. Das Licht fällt durch hohe Fenster. Sauber und ordentlich ist es. Ihre Erinnerungen stehen geordnet in langen Regalreihen an der Wand, sorgfältig gepflegt, aufgezeichnet, registriert. Treten Sie ruhig näher, nehmen Sie ein Buch, einen Ordner heraus. Sie lösen die Bänder, blättern ein wenig, und schon bald halten Sie das Gesuchte in Händen. Sie begeben sich damit an den Tisch und breiten Ihren Fund auf der glänzenden Oberfläche aus. Setzen Sie sich hin, Sie haben alle Zeit der Welt. Es ist still hier, niemand wird Sie stören. Wenn Sie zu Ende gelesen haben, falten Sie die Papiere wieder zusammen, schnüren die Bänder zu und stellen den Ordner ins Regal zurück. Sie schauen sich noch kurz im Zimmer um, Ihr Blick gleitet über die Bände, die dezent aufleuchten, und dann ziehen Sie die Tür gelassen hinter sich zu, im Bewusstsein, dass alles, was hier steht, bis zu Ihrem nächsten Besuch unberührt bleiben wird. Denn Sie wissen: Wenn Sie nicht hier sind, ist niemand da.

Vielleicht ist es nicht jedermanns tiefste Sehnsucht, ein Gedächtnis zu haben, das so eingerichtet ist wie dieses Zimmer im Drenther Archiv kurz nach 1900, intern auch das ›Oberstübchen‹ genannt. Aber versetzen Sie sich einmal hinein: ein Gedächtnis, in dem Erinnerungen unter den richtigen klimatischen Bedingungen staubfrei aufbewahrt werden, fixiert auf säurefrei gebleichtem Papier, mit einem Register ausgestattet, das die Suche vereinfacht, und vor allem von einer Beständigkeit, die garantiert, dass auch ein fünfzig oder sechzig Jahre nicht nachgefragter Ordner ohne Mängel wieder zum Vorschein kommt. Wer hegt nicht das Ideal eines Gedächtnisses, in dem seine Erinnerungen sicher sind?

Über unser Gedächtnis denken wir in Metaphern – wir können nicht anders. Platon stellte sich das Gedächtnis als eine Wachstafel vor, in der die Abdrücke unserer Erinnerungen bewahrt werden, der Ursprung von ›Impression‹, ›Eindruck‹. Spätere Philosophen hielten diese Metapher in Ehren, auch wenn die Tafel mit jeder Neuinterpretation eine andere Form bekam: Die Wachstafel wurde gegen Papyrus oder Pergament eingetauscht, Erinnerungen wurden in einem Kodex aufgezeichnet, zu Büchern. In anderen Metaphern wurde aus dem Gedächtnis ein Lagerraum, mal für Informationen, wie eine Bibliothek oder ein Archiv, dann wieder für Waren, wie ein Weinkeller oder ein Speicher. Im neunzehnten Jahrhundert begannen Neurologen und Psychologen, das Gedächtnis mit Begriffen der neusten Techniken zur Informationsspeicherung zu beschreiben: Kurz nach 1839 kam das ›fotografische Gedächtnis‹ ins Spiel, das ebenso wie der Phonograph (1877) und der Film (1895) Spuren in den damaligen Theorien über das Gedächtnis hinterließ. Psychologen haben es beibehalten: Das Gedächtnis sollte auch noch zum Hologramm werden und schließlich zum Computer. Was sich auch zwischen Wachstafel und Festplatte verändert haben mag – unser Denken über das Gedächtnis bewegt sich noch immer ängstlich entlang der Grenzen, die durch diese Metaphern gesetzt werden.Anmerkung

All diesen Metaphern ist gemein, dass sie für Konservieren, Speichern, Registrieren stehen. Gedächtnismetaphern versinnbildlichen in ihrem Kern Archive. Sie vermitteln die Vorstellung, dass das Gedächtnis etwas zu bewahren vermag, und zwar im besten Fall intakt und vollständig. Dass dies vollkommen logisch klingt, ist jedoch genau das Problem. Denn das Gedächtnis wird vom Vergessen beherrscht.

Schon gleich nach unserem Eintreten in die Welt beginnen wir zu vergessen. Die fünf ›sensorischen Register‹ (früher auch Ultra-Kurzzeitregister genannt), in denen in erster Linie sinnliche Reize verarbeitet werden, sind darauf ausgerichtet, diese zu speichern. Was nicht rechtzeitig weitergeleitet wird, verschwindet. Das visuelle sensorische Register ist bislang von allen am detailliertesten untersucht worden. Der amerikanische Psychologe Sperling stellte 1960 fest, dass das ›ikonische Gedächtnis‹ visuelle Reize lediglich den Bruchteil einer Sekunde festhalten kann.Anmerkung Er präsentierte seinen Versuchspersonen in einem Blitz von 50 Millisekunden zwölf Buchstaben, angeordnet in je drei Reihen à vier Stück. Unmittelbar nach dem Blitz bat er die Versuchspersonen, die erste, zweite oder dritte Reihe wiederzugeben. Im Durchschnitt konnten sie drei der vier Buchstaben reproduzieren. So kurz nach dem Angebot war das Bild, das ›Ikon‹, offensichtlich noch fast vollständig zugänglich. Dies war allerdings nur der Fall, wenn Sperling sofort, innerhalb einer Viertelsekunde, angab, welche Reihe reproduziert werden soll. Wenn er auch nur etwas länger wartete, war das Bild ausgelöscht. Fragte er nach der Wiedergabe einer Reihe auch noch nach einer oder zwei anderen Reihen, stand die Information nicht mehr zur Verfügung: In den paar Sekunden, die notwendig waren, um die erste Reihe zu reproduzieren, waren die anderen schon wieder verschwunden.

Dieses schnelle Löschen geschieht auch in den anderen sensorischen Registern, obwohl das Gedächtnis für Geräusche (die ›Echobox‹) die Reize etwas länger festhält, zwei bis vier Sekunden. Das Festhalten von Reizen ist für eine ungestörte Verarbeitung von Sinnesinformationen notwendig. Das kurze ›Stehenbleiben‹ des Bildes sorgt dafür, dass uns unsere Wahrnehmung nicht bei jedem Lidschlag immer wieder entfällt. Das lässt uns die 24 einzelnen Bilder pro Sekunde, aus denen ein Film in Wirklichkeit besteht, als fließende Bewegung sehen. Aber ebenso unverzichtbar ist das Löschen. Würde die Information auch nur ein wenig länger abgespeichert, würde sie mit den nachfolgenden Reizen interferieren. Das Ausbleiben des Löschens bzw. des Vergessens würde kein besseres Gedächtnis bewirken, sondern für zunehmende Verwirrung sorgen.

Versuchen unsere Sinnesorgane, uns etwas zu verdeutlichen? Das blitzschnelle Löschen ist das Gegenteil dessen, was Metaphern wie das Archiv oder der Computer als Ideal suggerieren: Im sensorischen Gedächtnis ist das Vergessen kein Mangel, sondern Voraussetzung seiner Funktion. Die Frage ist, ob das Vergessen in anderen Gedächtnisformen eine ebensolch zentrale Funktion hat? Wie können wir diese Frage am treffendsten stellen, vielleicht so: Wodurch vergessen wir und warum vergessen wir? Sind wir unserer neurologischen und physiologischen Verdrahtung ausgeliefert oder haben wir dabei auch ein Wörtchen mitzureden? Wie hilfreich Gedächtnismetaphern auch sein mögen – sie führen die Vorstellung zu unserem Gedächtnis weg vom Vergessen. Vielleicht ist dies einer der Gründe, weswegen Theorien über Vergessen häufig in negativen Unterstellungen stecken bleiben:

Das beginnt schon auf der sprachlichen Ebene. Die Wortspiele, die sich rund um das Erinnern entwickelt haben, sind erfinderisch und anschaulich. Die Sprache des Vergessens wirkt dagegen eher dürftig.

Man betrachte beispielsweise nur einmal den Kontrast zwischen den Metaphern für das Gedächtnis, dem es gelingt, unsere Erfahrungen zu konservieren, und den Metaphern für das Vergessen. Die erste Kategorie hat Format: Schrift ist vielleicht die wichtigste Erfindung in unserer Kulturgeschichte. Archive und Bibliotheken sind angesehene Institutionen. Das Gedächtnis wurde mit Abteien, Theatern und Palästen verglichen. Die Psychologie wählte immer wieder die fortschrittlichsten und angesehensten Speichertechnologien als Metaphern für das Gedächtnis. Wer dagegen die Metaphern für das Vergessen neben die für das Erinnern stellt – das Sieb neben die Fotografie –, hat ein rührendes, aber realistisches Bild vom Unterschied in der Bewertung, die in den Sprachbildern zum Ausdruck kommt. Zudem sind Metaphern für Vergessen oft nichts anderes als schwerfällig umgedrehte Gedächtnismetaphern: Wenn wir etwas vergessen haben, ist die Tinte verblichen, wurde Text vom Pergament gestrichen, hat jemand auf delete gedrückt oder befindet sich die Information nicht mehr auf der Festplatte. Vergessen ist nie viel mehr gewesen als löschen, streichen oder einfach verschwinden.

Die Umkehrung der Metapher hat die Idee genährt, Erinnern und Vergessen seien konträr verlaufende Prozesse, die sich gegenseitig ausschließen. Woran sich jemand erinnert, das ist offensichtlich nicht vergessen, und was er vergessen hat, daran wird er sich nicht erinnern können. Vergessen ist das Minuszeichen vor der Erinnerung. Doch hier werden wir von unseren eigenen Metaphern verhext. In Wirklichkeit gehört das Vergessen zur Erinnerung wie Hefe zum Teig. Unsere Erinnerungen an ›erste Male‹ allerlei Arten erinnern uns an all die vergessenen Male, die darauf folgten. Die Handvoll Träume, an die wir uns erinnern, verweist auf Hunderte, an die wir uns beim Aufwachen vielleicht noch erinnerten, die sich aber schnell verflüchtigten. Sogar Menschen mit einem guten Gedächtnis für Gesichter haben ein schlechtes Gedächtnis für die Geschichte, die zu den Gesichtern gehört. Hand aufs Herz, wer kann – ohne Fotos – behaupten, sich daran zu erinnern, wie die Menschen, mit denen er lebt, vor zehn Jahren aussahen? Wo lässt man – in dieser bequemen Zweiteilung von Erinnern und Vergessen – die Erinnerung an ein Ereignis, bei dem man sich der Tatsache bewusst ist, sich jetzt anders als früher daran zu erinnern? Das Verhältnis zwischen Erinnern und Vergessen ist eher das der geteilten Kontur in der Abbildung einer Gestalt: Man kann nach Belieben das eine oder das andere darin sehen.

In den vergangenen drei Jahren habe ich versucht, Erinnerung immer wieder in ihrem Zusammenspiel mit dem Vergessen zu sehen. Es scheint mir dabei, dass gerade die schwierigsten Fragen, die man über das Gedächtnis stellen kann, eigentlich vom Vergessen handeln. Warum gibt es zwar ein Gedächtnistraining, aber keine Technik für das Vergessen? Und wenn es sie gäbe, wäre es dann empfehlenswert, sie zu nutzen? Welches Schicksal haben verdrängte Erinnerungen – oder wo halten sie sich auf? Existiert so etwas wie ›Verdrängen‹ überhaupt? Warum haben Porträts und Fotos die Eigenschaft, sich vor die Erinnerung zu schieben? Warum haben wir ein so schlechtes Gedächtnis für Träume? Wie kann es sein, dass ein Kollege zwar Ihre Idee behielt, aber vergessen hat, dass es sich um Ihre Idee handelte? Was macht den Gedanken, dass unser Gehirn von allem, was wir erleben, eine bleibende Spur anlegt, also die Hypothese vom absoluten Gedächtnis, so verführerisch? Warum verfügt jemand mit dem Korsakow-Syndrom zwar noch über einen Teil seines Fachwissens, hat aber vergessen, was er vor fünf Minuten gesagt hat? Was läuft schief im Gehirn eines Menschen, der sich keine Gesichter merken kann?

2007 beschloss ein Psychologe, eine Strichliste anzulegen, welche Arten von Gedächtnis in der Fachliteratur unterschieden wurden.Anmerkung Er kam auf 256. Ob es genau so viele Arten von Vergessen gibt?

Bei der Auswahl der Aspekte von Vergessen, auf die wir uns in diesem Buch konzentrieren, war ein erster wichtiger Punkt das Vergessen im autobiografischen Gedächtnis, dem Gedächtnistyp, der versucht, unsere persönlichen Erlebnisse festzuhalten, und der unsere besorgte Aufmerksamkeit auf sich lenkt, wenn ihm dies nicht gelingt. Mit dieser Überlegung war sofort das Einstiegskapitel gegeben. Wir werden in unserem Leben noch viel vergessen, aber so bunt wie in den ersten zwei, drei Jahren nach unserer Geburt wird es nicht mehr zugehen. Unsere frühsten Erinnerungen unterstreichen vor allem das Vergessen, von dem sie umgeben werden, und wenn man gut hinschaut, erkennt man, dass in ersten Erinnerungen schon die Vergessensprozesse begründet liegen, die uns später noch viel mehr vergessen lassen werden. Von unseren ersten Erinnerungen können wir lernen, dass die Entwicklung von Sprache und Ich-Bewusstsein dem Gedächtnis auf die Sprünge hilft, aber gleichzeitig dafür sorgt, dass der Zugang zu früheren Erinnerungen verschlossen wird. Die Tür, die vor einem liegt, öffnet sich erst, wenn die Tür hinter einem geschlossen ist.

Träume lassen sofort die Tür ins Schloss fallen (S. 49).

Wir haben ein schlechtes Gedächtnis für Träume. Genau wie unsere ersten Erinnerungen kann das Vergessen von Träumen die Funktion des Gedächtnisses erhellen. Beim Aufwachen erinnern wir uns – zumindest wenn wir Glück haben – an die Schlussszene des Traums, und es beginnt eine mühsame Rekonstruktion in entgegengesetzte Richtung: Was ging dieser Szene voraus? Und was war davor? Warum hat unser Gedächtnis so viele Probleme mit der umgekehrten Chronologie? Was können wir über Träume erfahren, wenn wir auf die Ursachen ihrer Flüchtigkeit achten?

Eine zweite Überlegung hinsichtlich der Auswahl der Themen für dieses Buch war es, zu zeigen, dass gerade pathologische Formen des Vergessens zu unerwarteten Erkenntnissen bei Gedächtnisprozessen führen können. 1953 unterzog sich der damals siebenundzwanzigjährige Henry Molaison einer radikalen Hirnoperation, um seine epileptischen Anfälle unter Kontrolle zu bringen (S. 81) Mit katastrophalen Konsequenzen: Nach der doppelseitigen Entfernung des Hippocampus war Henry nicht mehr in der Lage, neue Erinnerungen anzulegen. Den Rest seines Lebens verbrachte er in einem dauerhaften Jetzt, in der Breite von nicht einmal einer halben Minute. Aber gerade diese Schädigung machte ihn zu einer idealen Versuchsperson für Gedächtnisexperimente. Seine Karriere als ›Henry M.‹ sollte über ein halbes Jahrhundert andauern und ihn zur berühmtesten Versuchsperson der neuropsychologischen Forschung der Nachkriegszeit machen. Er starb im Dezember 2008. ›In memoriam‹ will mehr als die Versuchsperson in ihm ehren.

In derselben neuropsychologischen Nachkriegsliteratur ist ›Soldat S.‹ gerade mal eine Fußnote (S. 105). Im März 1944 erlitt er durch einen Granateneinschlag an der deutschen Front schweren Schaden an seinem Hinterhauptslappen. Die Folge war eine ausgesprochen spezifische Gedächtnisstörung: S. war nicht mehr in der Lage, sich Gesichter zu merken oder bekannte Gesichter zu erkennen. Wenn er seiner Mutter auf der Straße begegnete, ging er einfach an ihr vorbei, selbst sein eigenes Gesicht im Spiegel konnte er nicht einordnen. Der Fall des Soldaten S. führte 1947 zur Diagnose ›Prosopagnosie‹ oder ›Gesichtsblindheit‹. In den letzten Jahren wurde deutlich, dass es für dieses Leiden auch eine angeborene Variante gibt und es viel häufiger vorkommt, als man angenommen hat.

Die Hirnschädigung bei dem nach Sergej Korsakow benannten Syndrom gehört zu den tiefstgreifenden Formen des Vergessens (S. 119). Der Gedächtnisverlust erstreckt sich über beide Zeitachsen: Große Teile der Vergangenheit sind gelöscht, aber auch die Zukunft ist in Mitleidenschaft gezogen, denn neue Erlebnisse prägen sich nicht mehr ein. Das macht den Patienten zu einem Invaliden, auch wenn er seine Behinderung oft auffallend lakonisch hinnimmt: Er kann sich schließlich nicht mal an einen Grund zum Klagen erinnern. Lange ist man davon ausgegangen, dass bei Korsakow-Patienten das semantische Gedächtnis – das Gedächtnis für Fakten und Bedeutungen – verschont bleibt. Aber Experimente mit Professor Z. – kein Forscher, sondern ein Korsakow-Patient – haben diese Vorstellung widerlegt. Professor Z. hatte einige Jahre vor dem akuten Beginn seiner Krankheit seine Autobiografie verfasst und konnte so anhand von Material getestet werden, bei dem man sicher war, dass es sich einst in seinem Gedächtnis befunden hatte. Die Versuche zeigten, dass auch sein semantisches Gedächtnis Lücken aufwies und dass diese umso umfangreicher waren, je mehr sich die Fragen auf eine kürzer zurückliegende Vergangenheit bezogen. Die Leerstellen in seinem Gedächtnis wiesen den verräterischen Verlauf des Korsakow-Syndroms auf: eine sanfte Böschung, gefolgt von einem steilen Abgrund.

Henry M., Soldat S. und Professor Z. litten an Varianten von Vergessen, die man – sofern man gesund bleibt – selbst nicht erfahren wird. Aber auch das Vergessen, das nicht Teil eines pathologischen Gedächtnisverlusts ist, hat zu Erkenntnissen über Gedächtnisprozesse beigetragen. In den vergangenen zwanzig Jahren hat man versucht, ›Kryptomnesie‹ experimentell in den Griff zu bekommen, das Phänomen, auf eine anscheinend vollkommen originelle Idee zu kommen, bei der sich später herausstellt, dass man sie in Wirklichkeit von jemand anderem gehört oder irgendwo gelesen hat (S. 133). Das kann die Ursache sein für etwas, das leicht beschönigend als ›unbewusstes Plagiat‹ bezeichnet wird. Unter Laborbedingungen ist Kryptomnesie durch eine subtile Manipulation von Vergessensprozessen leicht hervorzurufen. Die Kunst liegt darin, zu einem bestimmten Zeitpunkt genau so viel Vergessen unter die Erinnerung zu mischen, dass die Erinnerung nicht verschwindet, aber auch nicht als Erinnerung erkannt wird.

Eine dritte Überlegung war, einen Versuch zu wagen, die langen Wurzeln heutiger Auffassungen über Vergessen aufzuzeigen. In der gegenwärtig von vielen vertretenen Theorie, unser Gehirn bewahre eine bleibende Spur von allem, was wir erfahren, sind Reste neurologischer Experimente sichtbar, die in den Dreißigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts durchgeführt wurden (S. 209). In den heutigen Vorstellungen von ›Verdrängen‹ schwingen Auffassungen mit, die Freud schon ab 1895 formulierte (S. 169). Noch immer werden Traumata ›verschüttet‹ und stiften aus dem Unbewussten heraus Unheil. In jüngsten Diskussionen wie in denen über die ›wiedergefundenen Erinnerungen‹ werden Metaphern verwendet, die von der Psychoanalyse eingeführt wurden und demnach schon länger als ein Jahrhundert unsere Ideen über Vergessen beeinflussen. Und man kann noch weiter zurückgehen: Dass ein Teil des Gehirns nicht weiß, was im anderen vor sich geht, war schon weit vor Freud von dem vollkommen unbekannten Londoner Hausarzt Arthur Wigan formuliert worden (S. 145). Er legte 1844 dar, die linke und die rechte Gehirnhälfte hätten jeweils ein eigenes Bewusstsein und ein eigenes Gedächtnis. Zu seiner Zeit schenkte niemand dieser Theorie Glauben, und es gibt noch immer gute Gründe, dies nicht zu tun. Aber vieles von dem, was Wigan – in seiner eigenen Wahrnehmung ›der Galilei der Neurologie‹ – mit seinen zwei Gehirnen zu erklären vermochte, sollte Freud ein halbes Jahrhundert später aus dem Verhältnis zwischen dem bewussten und dem unbewussten Teil unseres Geistes ableiten.

Aber der wichtigste Leitfaden bei der Auswahl war aufzuzeigen, dass im Denken über das Vergessen sichtbar wird, was wir von unseren Erinnerungen erhoffen oder befürchten. Erinnerungen haben die beunruhigende Fähigkeit, nachträglich ihre Gestalt zu verändern. Manchmal braucht es dazu nicht viel. Man hört etwas über jemanden, und dieses neue Wissen setzt die Erinnerung an diese Person in ein anderes Licht. Oder es wird klar, dass man schon eine ganze Weile – in welcher Form auch immer – betrogen wurde. Danach kann man nichts anderes mehr machen, als zuzusehen, wie sich eine Erinnerung nach der anderen dieser neuen Version der Vergangenheit fügen muss. Lieb gewonnene Erinnerungen dagegen möchte man gern beschützen. Am liebsten würde man sie mit einem Sicherheitscode versehen: read only. Aber manchmal fügt das Leben dem Gedächtnis Erinnerungen hinzu, die etwas an den Erinnerungen verändern, die schon vorhanden waren. Der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy erfuhr dies auf unsanfte Weise im Januar 2000, als aus den Archiven des Geheimdienstes Akten zum Vorschein kamen, die ihm deutlich machten, dass er bereits seit seinen Jugendjahren in einer anderen Wirklichkeit gelebt hatte, als er zu leben dachte (S. 235). In einem Buch, dem er den Titel Verbesserte Ausgabe gab, beschrieb Esterházy, wie er geliebte Jugenderinnerungen mit einer neuen, hier und da beschämenden Interpretation versehen musste. Das ist auch eine Form des Vergessens: keinen Zugang mehr zu dem zu haben, was Erinnerungen ursprünglich für einen selbst bedeuteten.

Wahrscheinlich gibt es keine Technik, die mit so großer Leidenschaft gegen das Vergessen eingesetzt wird, wie die Fotografie (S. 253). Es gibt auch keine Technik, die in ihrem Verhältnis zum Gedächtnis so viele Paradoxe enthält. Am liebsten fotografieren wir die unvergesslichen Momente – offenbar im Bewusstsein, dass auch das Unvergessliche vergessen werden kann. Wir hoffen, dass Fotos unser Gedächtnis stützen, und merken früher oder später, dass diese Aufnahmen anfangen, unsere Erinnerungen zu ersetzen, ein Effekt, der vor allem bei Porträts auftritt. Bei verstorbenen Lieben bringt das mit sich, dass sich das Foto vor die Erinnerung schiebt. Warum bewahrt unser Gedächtnis nicht das Foto und die Erinnerungen? Die Fotografie wurde zwar auch als ›Spiegel mit einem Gedächtnis‹ bezeichnet, aber was erhoffen wir uns denn von einer Gedächtnisprothese, die uns so viel vergessen lässt?

Die Unfolgsamkeit des Gedächtnisses äußert sich beim Vergessen in zwei Richtungen. So etwas wie eine Vergessenstechnik gibt es nicht. Die Griechen haben uns zwar die Gedächtniskunst hinterlassen, mit dem lateinischen Begriff als ars memoriae bezeichnet, aber keine ars oblivionis, nichts, was wir benutzen könnten, um etwas absichtlich zu vergessen. Leider fehlt auch die umgekehrte Einrichtung: eine Sicherung gegen das Vergessen. Was wir vergessen oder eben nicht vergessen, liegt an unserem Gedächtnis und nicht an uns. Eine Technik des Vergessens gibt es als Gedankenexperiment: In dem Film Eternal Sunshine of the Spotless Mind (2004) konnte die Hauptperson sich an die fortschrittlichen Computer der Firma Lacuna wenden, um ihre Erinnerungen an eine unglückliche Liebe zu löschen. Dasselbe Gedankenexperiment fand sich 1976 auch in einer Geschichte über Herrn Bommel, Das Büchlein vom Vergessen. Marten Toonder präsentierte hierin eine kleine, weise Philosophie des Vergessens (S. 281). Dass die Technik des Vergessens in der Bommel-Geschichte von einem ›Magister der schwarzen Künste‹ erfunden wurde, deutet schon an, dass man sich überlegen sollte, wie gut es eigentlich ist, Erinnerungen, die einen bedrücken, löschen zu lassen.

Der Vorsatz, nichts zu vergessen, verwandelt sich in eine intensive Sehnsucht, wenn es um Erinnerungen an geliebte Verstorbene geht. Von all unseren Erinnerungen würden wir diese am liebsten so hegen, dass Vergessen ausgeschlossen ist. Wir versprechen es in Kondolenzbriefen und beschwören es im Umgang mit den eigenen Erinnerungen. Umgekehrt hofft jemand, der sich vom eigenen Leben verabschieden muss, in den Erinnerungen von Familie und Freunden weiterzuleben. Aus der Erinnerung zu verschwinden, wird bis heute als ›zweiter Tod‹ bezeichnet. In einer Sammlung von Abschiedsbriefen aus der Zeit des Terreur (1793–1794), geschrieben von Menschen, die wussten, dass sie am nächsten Tag sterben würden, ist zu lesen, wie sie Trost in der Aussicht zu finden suchten, von den Menschen, die ihnen lieb waren, nicht vergessen zu werden (S. 291).

Im Buch des Vergessens kommen überwiegend Neurologen, Psychiater, Psychologen und andere Vertreter der Wissenschaften des Gedächtnisses zu Wort. Aber selbst wenn sie Antworten über das Wie und Warum des Vergessens liefern könnten, bliebe noch immer ein prekärer Abstand zwischen unserem theoretischen Wissen über das Gedächtnis und dem, was wir persönlich mit unserem Gedächtnis erleben. Gerade in diesem Niemandsland zwischen Wissenschaft und Introspektion werden die Fragen laut, die dazu zwingen, über das eigene Erinnern und Vergessen nachzudenken. Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch nahm zwischen seinem fünfundfünfzigsten und sechzigsten Lebensjahr ab und zu eine Liste mit bohrenden Fragen in sein Tagebuch auf.Anmerkung Sie boten die Anregung für die heiklen Fragen, mit denen Das Buch des Vergessens abschließt (S. 317). Frisch hat keine einzige Frage selbst beantwortet, ein Beispiel, dem ich mit Vergnügen gefolgt bin.

Umspült vom Vergessen: die erste Erinnerung

Vor Jahren habe ich den tunesischen Spielfilm Halfaouine gesehen, erstmals 1990 gezeigt. Von der Geschichte an sich könnte ich nur noch wenig reproduzieren, aber ich erinnere mich an einige Fragmente über den Jungen Noura. Er ist zwölf, noch jung genug, um seine Mutter ins Frauenbadehaus begleiten zu dürfen. Jede Woche betritt er eine wunderbare dampfende Welt, eine Welt, in der Frauen feengleich aus den Dunstnebeln zum Vorschein kommen, sich neben ihn knien, ihn einseifen, sich selbst einseifen, abspülen und danach voller Ruhe ihre Arme, Beine und Brüste mit Öl einreiben. Noura hält die Augen offen. Allmählich kommt er in ein Alter, in dem ihn die Frauenkörper neugierig machen. Sein Betrachten verwandelt sich in Spannen, auch wenn er dabei ein ganz unschuldiges Gesicht macht. Natürlich geht das nicht lange gut. Eine der Frauen fängt etwas in seinem Blick auf. Am nächsten Badetag muss er mit zu den Männern.

Die Grenze zwischen noch jung genug und zu alt ist diffus, aber sie existiert, und wenn man sie einmal überschritten hat, gibt es kein Zurück mehr. So wie der sechsjährige Noura nicht ahnte, wie er mit zwölf die Frauen ansehen würde, kann sich der aus dem Frauenbadehaus verstoßene Noura nicht mehr daran erinnern, wie es war, von warmen, nackten Leibern umgeben zu sein, ohne sich etwas dabei zu denken, und nichts zu sehen, obwohl es doch so viel zu sehen gab. Die mittlerweile erwachte Sexualität hat zwei Nouras geschaffen, die keinen Zugang zum jeweils anderen haben.

Aber ist diese Unzugänglichkeit wirklich wechselseitig? Das Gedächtnis versetzt einen doch in die Lage, sich sein früheres Selbst noch einmal vor Augen zu führen und die Welt so zu erleben, wie man sie früher erlebte? Manche Verfasser von Autobiografien könnten einen das fast glauben machen. In ihren einleitenden Kapiteln beschwören sie ein Kind herauf, das die Welt durch Kinderaugen betrachtet, wie ein Kind denkt und sich so verhält. Woher sonst kann dieses Kind stammen als aus ihrem Gedächtnis?

Die Frage ist naiv. Kinder werden nicht im Gedächtnis wiedergefunden, das ist höchstens der Ort, an dem sie aufs Neue gezeugt werden. Und auch wenn Erinnerungen nötig sind, um dieses Kind zu Papier zu bringen, wurden diese nicht einfach wiedergefunden, sie sind, oft mit großer Mühe, ausgegraben worden. Anschließend wurden sie noch einer literarischen Bearbeitung unterzogen, denn eine Sammlung von Erinnerungen aus Kindertagen ist schließlich noch keine Geschichte einer Kindheit. Beschreibungen aus der Kindheit, die überzeugen, authentisch scheinen, beim Leser eigene Kindererinnerungen mitschwingen lassen, sind das Produkt literarisch-fachmännischen Könnens und unter diesem Aspekt gerade am weitesten vom tatsächlichen kindlichen Erleben entfernt. Abstand zur eigenen Erinnerung hat jeder. Aber bei einem Autobiografen potenziert sich dieser Abstand sozusagen ins Quadrat: Er muss für seine Erinnerungen Worte finden und sie in einer Erzählung ordnen.

Für den Gedächtnistyp, um den es hier geht, verwenden Psychologen seit den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts einen Fachbegriff – autobiografisches Gedächtnis –, der mit Assoziationen verbunden ist, die weitaus frühere Überlegungen in der literarischen Theoriebildung über Autobiografien aufnehmen. Philippe Lejeune schrieb schon 1975: »Jeder Mensch trägt so etwas wie eine ständig überarbeitete Rohfassung seiner Lebensgeschichte in sich.«Anmerkung Ein Vierteljahrhundert später kommt man in der psychologischen Forschung zu einer ganz ähnlichen Schlussfolgerung: Unsere Erinnerungen sind eher Rekonstruktionen als Rekapitulationen unserer Erlebnisse, und diese Rekonstruktionen sind nicht nur von der Person beeinflusst, die wir einst waren, sondern zu der wir geworden sind, nicht nur von der Vergangenheit, sondern auch von der Gegenwart, in der die Erinnerung geweckt wurde. Die Rohfassung wird angepasst, das passiert uns passiv, wir schreiben unsere Erinnerungen nicht selbst neu, das wird für uns erledigt, und in den Augenblicken, in denen wir mit all diesem Neugeschriebenen konfrontiert werden – beim erneuten Lesen eines Tagebuchs, eines alten Briefs –, sind wir selbst am meisten erstaunt, was seither alles aus dem Erlebten heraus- und durchgestrichen wurde.

Oder dazugeschrieben. In seiner Autobiografie Die gerettete Zunge schreibt Elias Canetti über seine frühste Erinnerung:

Auf dem Arm eines Mädchens komme ich zur Tür heraus, der Boden vor mir ist rot, und zur Linken geht eine Treppe hinunter, die ebenso rot ist. Gegenüber von uns, in selber Höhe, öffnet sich eine Türe und ein lächelnder Mann tritt heraus, der freundlich auf mich zugeht. Er tritt ganz nahe an mich heran, bleibt stehen und sagt zu mir: »Zeig die Zunge!« Ich strecke die Zunge heraus, er greift in seine Tasche, zieht ein Taschenmesser hervor, öffnet es und führt die Klinge ganz nahe an meine Zunge heran. Er sagt: »Jetzt schneiden wir ihm die Zunge ab.« Ich wage es nicht, die Zunge zurückzuziehen, er kommt immer näher, gleich wird er sie mit der Klinge berühren. Im letzten Augenblick zieht er das Messer zurück und sagt: »Heute noch nicht, morgen.« Er klappt das Messer wieder zu und steckt es in seine Tasche.Anmerkung

Jeden Morgen wiederholt sich die Szene, und jeden Morgen ist der kleine Elias ängstlicher. Aber er behält es für sich, und erst etwa zehn Jahre später fragt er seine Mutter danach.

Am Rot überall erkennt sie die Pension in Karlsbad, wo sie mit dem Vater und mir den Sommer 1907 verbracht hatte. Für den Zweijährigen haben sie ein Kindermädchen aus Bulgarien mitgenommen, selbst keine fünfzehn Jahre alt. In aller Frühe pflegte sie mit dem Kind auf dem Arm fortzugehen, sie spricht nur Bulgarisch, findet sich aber überall in dem belebten Karlsbad zurecht und ist immer pünktlich mit dem Kind zurück. Einmal sieht man sie mit einem unbekannten jungen Mann auf der Straße, sie weiß nichts über ihn zu sagen, eine Zufallsbekanntschaft. Nach wenigen Wochen stellt sich heraus, dass der junge Mann im Zimmer genau gegenüber von uns wohnt, auf der anderen Seite des Flurs. Das Mädchen geht manchmal nachts rasch zu ihm hinüber. Die Eltern fühlen sich für sie verantwortlich und schicken sie sofort nach Bulgarien zurück.Anmerkung

Elias Canetti, geboren am 25. Juli 1905, wurde in diesem Sommer zwei. Das Rot, das Mädchen, der Mann und das Messer bilden zusammen eine sehr ›frühe‹ frühste Erinnerung, denn üblicherweise stammen erste Erinnerungen eher aus der Zeit zwischen dem dritten und vierten Geburtstag.Anmerkung Und erste Erinnerungen an ein so umfassendes Ereignis wie dieses, das heißt mit einem zeitlichen Ablauf, kommen meist sogar noch später. Aber auch, wenn wir annehmen, dass diese Passage möglichst rein wiedergibt, was Canetti als erste Aufzeichnung in seinem Gedächtnis vorfand, enthält die Erinnerung Momente, die ein größtenteils noch sprachloses, gerade mal zweijähriges Wesen unmöglich so erlebt haben kann. Die drei Sätze, die der Mann zu ihm sagt, müssen erst später in Sprache umgesetzt worden sein. Jeder Versuch, sich seine Erlebnisse als Kind wieder zu vergegenwärtigen, bedient sich der Instrumente, die erst später zur Verfügung standen. Dass Canetti die Erinnerung in Ichform schildert und die Erklärung in der dritten Person (»der Zweijährige«, »das Kind«), suggeriert, dass die Erinnerung unabhängig von der Erklärung beschrieben werden kann als eine ursprüngliche, reine Erfahrung – eine perspektivische Zweiteilung, die in Wirklichkeit nicht existiert.

Die Sammlung Scheepmaker

Im autobiografischen Gedächtnis befinden sich vor und nach ersten Aufzeichnungen leere Seiten. Obwohl sie den Anfang unserer Existenz als ein Wesen mit Gedächtnis markieren, unterstreichen diese leeren Seiten zugleich, von wie viel Vergessen die ersten Male umgeben sind. Die erste Erinnerung des Schriftstellers J. Bernlef ist, dass er durch Gitterstäbe schaut und laut »Uilie, Uilie!« ruft. Seine Eltern erklärten ihm später, er habe damals im Laufstall gesessen und ihr deutsches Dienstmädchen gerufen, das Uli hieß. Seine nächste Erinnerung bezieht sich auf ein drei Jahre später liegendes Ereignis. Frederick Forsyth war als Anderthalbjähriger von seinen Eltern kurzzeitig im Kinderwagen zurückgelassen worden, bewacht von einem Hund. Aber er hatte selbst Angst vor dem Hund, kletterte heraus, fiel, und der Hund leckte ihm durchs Gesicht. Danach folgt ein Loch von anderthalb Jahren. Das Kindergedächtnis ähnelt einem Motor, der gleich nach dem stotternden Start wieder aussetzt.

Die ersten Erinnerungen von Bernlef und Forsyth finden sich in dem 1988 erschienenen Büchlein Die erste Erinnerung.Anmerkung Der Journalist Nico Scheepmaker hatte sechs Jahre lang die Leute, denen er privat und beruflich begegnete, nach ihrer ersten Erinnerung gefragt. So war eine Sammlung von 350 ersten Erinnerungen entstanden. Scheepmaker stellte an seine Sammlung keinerlei wissenschaftlichen Anspruch. Das hat manchmal Nachteile – er fragte nicht jedes Mal, wie alt der Erzähler bei der ersten Erinnerung war, sodass von ›nur‹ 263 Erinnerungen bei näherer Betrachtung das Alter festgestellt werden kann –, aber auch Vorteile. Er hatte sich nicht im Vorhinein in Theorien über das Gedächtnis in der Kindheit vertieft und notierte die Erinnerungen ohne Kommentar oder Bearbeitung. Psychologen haben im letzten Jahrhundert verschiedentlich Sammlungen erster Erinnerungen für die Forschung angelegt, aber fast immer stützen sich diese Sammlungen auf Fragebogen, die unter Studenten verteilt worden waren. Die Sammlung Scheepmaker umfasst die Erinnerungen von Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Berufen kommen und auch bezüglich Herkunft und Lebensalter sehr verschieden sind. Was aber diese Kollektion anderen Sammlungen vor allem voraushat, ist ihr Umfang. Man frage zehn Menschen nach ihrer ersten Erinnerung, und man erhält zehn Geschichten, man frage 350 Menschen, und man erhält Muster.

Jede erste Erinnerung ist mit Vergessen vermischt. Häufig erweist sich die erste Erinnerung bei näherer Betrachtung nicht als die erste. Scheepmaker selbst dachte, die Erinnerung an das noch warme Weißbrot, das er in den Ferien holen durfte, sei seine erste, bis seine Mutter erzählte, die Familie sei frühzeitig aus diesen Ferien zurückgekehrt, weil der Opa gestorben war, und er sich bewusst wurde, dass er auch noch Erinnerungen an diesen Opa hatte. Verleger Geert van Oorschot schickte Scheepmaker per Brief nachträglich eine erste Erinnerung, die noch älter war als die zuvor angegebene erste Erinnerung. Viele Menschen hatten drei, vier frühe Erinnerungen, die zusammengehörten, zum Beispiel, weil sie noch aus einer Zeit vor einem Umzug stammten oder weil jemand darin vorkam, der kurz danach starb. Die Chronologie hatten sie vergessen.

Manchmal hatten die Leute auch vergessen, woher genau ihre erste Erinnerung stammte. Hatten sie das wirklich selbst erlebt, war es ein Traum oder eine Geschichte, die in der Familie erzählt wurde? Berüchtigt ist das Foto, das zur Erinnerung wird. Ein Schwarz-Weiß-Foto, irgendwann einmal flüchtig gesehen – ein paar Jahre später hat das Gedächtnis den festgehaltenen Moment zum Leben erweckt und eine schillernde Erinnerung daraus gemacht, etwa so, wie manche Filme mit einem Standbild in Sepia beginnen, das plötzlich in Bewegung gerät. Der Journalist Henk Hofland lebte lange in der Überzeugung, seine erste Erinnerung sei ein Traum gewesen: Im Wassergraben hinter seinem Elternhaus in Rotterdam sei das Kreuzfahrtschiff Statendam mit seinen drei Schornsteinen vorbeigefahren. Später erzählte er seinem Vater von diesem Traum und erfuhr, dass es gar kein Traum gewesen war: »Die Statendam ist tatsächlich in diesem Wassergraben gefahren. Unser Nachbar war Modellbauer, er hat die Statendam nachgebaut und sie anschließend im Graben hinter dem Haus zu Wasser gelassen! Das hast du nicht geträumt, das hast du gesehen!«Anmerkung Übrigens kommt es durchaus vor, dass sich Menschen als Erstes an einen Traum erinnern. Bei Piet Hagers, ehemaliger Wörterbuch-Chefredakteur bei Van Dale, war es ein klassischer Wecktraum: Er träumte, dass er von der Schaukel fiel, und wachte neben seinem Bett auf. Auch Zeichner Peter Vos hatte einen Traum als erste Erinnerung: »Ich träumte von so einem Mondrianbaum mit diesen Ästen, die dann durcheinandergerieten, was sehr beängstigend war.«Anmerkung

In der Scheepmaker-Sammlung ist das Kind zum Zeitpunkt seiner ersten Erinnerung im Durchschnitt dreieinhalb Jahre alt. Aber es gibt große Ausreißer in beide Richtungen. Die frühste Erinnerung der Dichterin Neeltje Maria Min ist, dass sie während der Befreiung der Niederlande auf dem Arm ihrer Mutter die feiernden Menschen auf der Straße beobachtet. Sie ist gerade neun Monate alt. Dichter Kees Stip erzählte Scheepmaker, 1913, bei den Hundertjahrfeierlichkeiten zur wiedererlangten Unabhängigkeit der Niederlande, sei er erst drei Monate alt gewesen, als er von seiner Wiege mit lachsfarbenen Vorhängen aus die Ehrenpforte in der Hecke der Nachbarn sah. Das sind Details, die augenblicklich die Frage aufwerfen, wie verlässlich eigentlich solche frühen ersten Erinnerungen sind, doch dazu später. Fünf von Scheepmakers Befragten hatten ihre ersten Erinnerungen an ein Erlebnis, das sie hatten, als sie noch kein Jahr alt waren. Dagegen berichten neun von frühsten Erinnerungen an Ereignisse, die erst nach dem siebten Geburtstag lagen. Björn Borg konnte sich auch nach einer halben Stunde Nachdenken an keine frühere Erinnerung erinnern als die, dass er mit sieben Jahren auf der Treppe seiner Schule in Stockholm steht. Bertrand Flury, Cognac-Händler, ging als Siebenjähriger mit seinem Großvater spazieren, als es plötzlich eins hinter die Ohren setzte: Er hatte ihn aus Versehen mit ›tu‹ angesprochen statt mit ›vous‹. Andere haben als erste Erinnerung, was sie an ihrem siebten oder sogar achten Geburtstag geschenkt bekamen.

Menschen, die berichten, dass ihre frühste Erinnerung erst so spät einsetzt, genieren sich meist ein wenig und sind besorgt, sie fragen sich, ob das wohl normal sei. Sie leiten ihre Erinnerung ein mit »Es klingt vielleicht verrückt, aber …« Das Einzige, was man dazu sagen kann, ist, dass sie statistisch gesehen tatsächlich abweichen, dabei aber nicht allein sind: In jeder Untersuchung tauchen solche späten ersten Erinnerungen auf, und zwar bei Personen, die ansonsten vollkommen gesund sind. Scham über späte erste Erinnerungen ist genauso wenig angebracht wie der seltsame Stolz, der bei Menschen zu beobachten ist, die sicher wissen, dass sie bei ihrer ersten Erinnerung gerade mal sieben, vier oder zwei Monate alt waren. In der Scheepmaker-Sammlung sind sie vertreten durch den Dirigenten Claudio Abbado (»Ich erinnere mich noch an die Chaconne von Bach, die mein Vater spielte, als ich zwei Monate alt war«) und Jan Wolkers, der berichtet, sich an den Blümchenstoff des Kinderwagendachs zu erinnern, in dem er mit sechs Monaten als Baby lag (»Nicht wahr, Karina, das ist doch meine erste Erinnerung?«).Anmerkung Wer in einer etwas größeren Gesellschaft das Thema erste Erinnerungen anschneidet, kann erleben, dass eine Art Wettstreit darüber entsteht, wer die frühste Erinnerung hat. Diejenigen, deren erste Erinnerungen sich zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr bewegen, lauschen mit steigendem Unglauben den Geschichten, an die sich Menschen aus der Zeit vor ihrem zweiten oder ersten Geburtstag erinnern, bis auch diese Kategorie von jemandem übertroffen wird, der sich noch an seine Geburt erinnern kann. Zum Glück erwartet kein vernünftiger Mensch vom Psychologen, dass er in dieser Frage das erlösende Wort sprechen solle, meist endet der Wettstreit übrigens in unterdrückter Heiterkeit, wenn eine schon etwas ältere Frau mit langen grau gescheitelten Haaren zu erzählen beginnt, an was sie sich noch aus ihrem früheren Leben erinnert.

Interessanter ist, dass es zwischen dem Lebensalter und der Art der ersten Erinnerung einen Zusammenhang gibt. In der Einleitung verweist Scheepmaker auf den Journalisten Dieter Zimmer, der bei den gut siebzig Menschen, die er nach ihrer ersten Erinnerung befragt hatte, drei Typen von Erinnerungen unterschieden hatte. Bei einem ›Bild‹ ist die Erinnerung genau das: ein einzelnes Bild, ein Fetzen, manchmal nicht mehr als eine flüchtige sinnliche Wahrnehmung. Bei einer ›Szene‹ ist schon etwas mehr vorhanden: der Ort, die Umgebung, andere Anwesende, es ist die Erinnerung an eine Situation, aber noch immer kurz und fragmentarisch. Bei einer ›Episode‹ ist eine gewisse Entwicklung vorhanden, ein Vorfall, ein Ereignis, manchmal mit dem Kind, das darin selbst handelnd auftritt. Die Grenzen zwischen diesen drei sind natürlich fließend, selbst wenn es leicht ist, typische Beispiele anzuführen, auch in der Scheepmaker-Sammlung. Zur ersten Kategorie gehört das Bild von Kastanien auf einer Zeitung, an das sich Harry Mulisch erinnert. Oder die erste Erinnerung von Simon Vinkenoog: »Ich lag auf dem Rücken und sah, wie die Sonne an der Decke spielte.«Anmerkung Szenenbeispiele sind die plötzliche Ohrfeige wegen des Duzens, auf die Schultern gehoben werden, um einen Umzug besser sehen zu können, oder im Zirkus plötzlich einen Elefantenfuß neben sich zu entdecken (Schriftstellerin Doeschka Meijsing). Ein Beispiel für eine Episode ist die ängstliche Erinnerung des Griechen Sakis Ioannides an eine Schikane seiner Schwestern. »Ich lag im Bett, sie gaben mir einen Klaps auf den Kopf und taten so, als würden sie ihn aufsägen, danach holten sie (wie sie sagten) das Stroh aus meinem Kopf, ohne dieses Stroh könne ich nicht mehr aufrecht stehen bleiben, sagten sie mir, und anschließend hopsten sie so heftig auf dem Bett herum, dass ich tatsächlich immer wieder umfiel, ich suchte unterdessen unter den Kissen nach dem Stroh, und wenn ich schließlich laut genug weinte, stopften sie mir das Stroh wieder in den Kopf und hörten mit dem Springen auf, sodass ich zum Glück wieder aufrecht stehen bleiben konnte.«Anmerkung

In älteren Untersuchungen – auch in der von Zimmer – sind frühere Erinnerungen oft Bilder und späte Erinnerungen meist Episoden, die szeneartigen ersten Erinnerungen befinden sich dazwischen. Scheepmaker schrieb, er fände diese Verhältnisse in seiner eigenen Sammlung so nicht wieder, und verwies auf Borgs bildartige Erinnerungsfetzen in seinem siebten Lebensjahr. Aber wenn man die 263 Erinnerungen, die zu datieren sind, in Bilder, Szenen und Episoden ordnet und anschließend das Durchschnittsalter ausrechnet, erhält man genau die gleichen Relationen. Bilder, die für 17 Prozent aller datierbaren Erinnerungen stehen, gehören zu einem Alter von zwei Jahren und zehn Monaten, Szenen (53 Prozent) zu drei Jahren und zwei Monaten und Episoden (30 Prozent) zu vier Jahren und drei Monaten. Der Unterschied zwischen Bildern und Szenen beträgt also lediglich vier Monate, aber der zwischen Szenen und Episoden fast dreizehn Monate. Die ersten Erinnerungen aus der Zeit vor dem Ende des ersten Lebensjahres sind überwiegend Bilder, Episoden kommen überhaupt nicht vor. Von den neun ersten Erinnerungen nach dem siebten Geburtstag ist die von Borg eigentlich die einzige, die als Bild beschrieben werden kann, bei den anderen handelt es sich überwiegend um Episoden. Dieser Zusammenhang zwischen Alter und Erinnerungstyp wird noch stärker sein, als unsere Zählungen zeigen, denn bei Erinnerungen, die man als Bilder charakterisieren kann, fehlte häufiger eine Altersangabe als bei Szenen und Episoden, wahrscheinlich, weil man sich etwas später im Rückblick auf das Kinderleben an Zeitmarkierungen wie den Beginn des Kindergartens oder der Grundschule orientieren kann.

So gut wie alle 350 ersten Erinnerungen werden als visuelle Vorstellung beschrieben. Es gibt nur sechzehn Erinnerungen, die nicht mit visuellen Eindrücken verbunden sind, gleich verteilt über die restlichen Sinnesorgane. Diese Anzahl ist zu gering, um statistisch verlässliche Schlussfolgerungen zu ziehen, aber in dieser Sammlung lieferten Geschmackserlebnisse überwiegend unangenehme Erinnerungen, wie von einem Bissen Sand, einer ekligen Banane oder Steinkohleproben, während Gerüche mit einem Gefühl der Vertrautheit verbunden waren. Schriftstellerin Monika van Paemel war als Baby einen Augenblick zu Welpen in einen Korb gelegt worden: »Ich rieche sie noch immer und spüre das Fiepen ihrer Hundekörper.«Anmerkung Der Schriftsteller Michael Ende erinnert sich an den Geruch des Nachbardackels: »Dann hockte ich mit diesem Dackel unter dem Tisch, und wir kämpften um einen Knochen, und an den Geruch dieses Dackels erinnere ich mich noch immer. Aber dieser Geruch vermischt sich noch mit dem weicher Brötchen, die unsere Nachbarn über dem Feuer aufwärmten. Diesen Duft habe ich schon seit meinem zweiten Lebensjahr in der Nase.«Anmerkung Die Nachbarn zogen um, als er zweieinhalb war. Auch Geräusche können in den seltenen Fällen, bei denen sie bis zum Gedächtnis durchdringen, starke Eindrücke hinterlassen. Im Nachbargarten des Elternhauses des späteren Bildhauers und Malers Jeroen Henneman hatten Kinder einen Hund an einem Baum festgebunden. Diese Nachbarn hielten auch Bienen, und der Hund wurde von einem Schwarm angegriffen. Henneman sah nichts, zwischen ihnen befand sich eine Hecke, aber das Jaulen des sterbenden Hundes konnte er sehr wohl hören. Die Journalistin Marijn de Koning erinnert sich an das furchterregende Geräusch der V1-Flugbomben. Aber Geräusche vermögen auch ein Gefühl der Vertrautheit und Sicherheit hervorzurufen, wie Schritte auf der Treppe, die nur Mama gehören können. Tastempfindungen sind in der ersten Erinnerung der Schauspielerin Liz Snoyink verewigt – ihr lief der Saft aus einer umfallenden Apfelsinenpresse über die Hände – sowie in der von Gitarrist Julien Coco. Er stammte aus einer Familie mit zehn Kindern. »Meine Mutter war eine große, kräftige Surinamerin, die es fast immer eilig hatte mit all diesen Kindern, und wegen dieser Eile drückte sie mir einmal, als sie mich stillen wollte, plötzlich ihre Brustwarze ins Auge! Seither schrecke ich immer zurück, wenn ich die nackten Brüste einer Frau sehe …«Anmerkung

Erste Erinnerungen, die mit Tasten, Geschmack, Geruch oder Geräusch zu tun haben, waren im Durchschnitt mit zweieinhalb gesammelt worden, also fast ein Jahr früher als die durchschnittliche erste visuelle Erinnerung. Sie haben auch den fragmentarischen Charakter erster Erinnerungen aus diesem Alter, es sind kurze Momente, keine Zeiträume. Diese frühen, nichtvisuellen Erinnerungen sind noch aus einem weiteren Grund interessant: Die Verwechslung mit einem Foto ist bei diesen Erinnerungen ausgeschlossen. Und weil Geruchs- und Geschmackserinnerungen sich zum größten Teil außerhalb von Sprache abspielen, werden sie ebenso wenig in Geschichten auftauchen, die in einer Familie die Runde machen. Der Geruch frisch verlegten Linoleums, das Gefühl von Saft über den Händen oder der Geschmack eines Bissens Sand ist nicht beschreibbar. Michael Ende sah dies als Beweis an für die Authentizität seiner Erinnerungen an den Geruch des Dackels und der Brötchen.

Schon nach drei, vier Seiten in Die erste Erinnerung fällt einem die überwältigende Zahl kleiner und großer Unfälle auf. Frank Rijkaard fiel als Dreijähriger bei der Nachbarin in eine Wanne mit heißem Waschwasser und kam ins Krankenhaus. Verfolgt von einem Schäferhund, mit kaputtem Gebiss zum Zahnarzt, rückwärts gegen ein Bügeleisen gelaufen und dabei die Wade verbrannt, über Bord gefallen, aus dem Fenster gestürzt, fast ertrunken, eine Glasscherbe im Bein – all diese Unfälle sind zu Dutzenden in ebenso vielen ersten Erinnerungen festgehalten.

Auch Gefahr, tatsächliche oder vermeintliche, findet leicht ihren Weg ins Gedächtnis. Allein schon die Kinderwagen und Buggys, die sich selbstständig gemacht haben, mit dem ängstlichen Erzähler an Bord, sind gut für sicherlich zehn erste Erinnerungen. Viele erste Erinnerungen haben mit plötzlichem Alleinsein zu tun: verirrt, in einem Schrank eingeschlossen, bei wieder zugeklappter Luke auf dem Dachboden zurückgeblieben. Truman Capote erinnerte sich daran, dass ihn das Dienstmädchen, das ihn in den Zoo von St. Louis mitgenommen hatte, auf dem Weg stehen ließ und die Beine in die Hand nahm, als jemand rief, es seien zwei Löwen ausgebrochen.

Die Überrepräsentanz erster Erinnerungen an Angst einflößende Erlebnisse, schon 1929 von dem Moskauer Pädagogen Blonsky bemerkt, findet sich in einer Analyse der Emotionen wieder, welche die Erinnerungen in der Sammlung Scheepmaker begleiten.Anmerkung Bei 126 Erinnerungen – eine von drei – gab der Erzähler an, welches Gefühl damit einherging. Im Durchschnitt kamen diese Erinnerungen etwas später im Kinderleben: mit drei Jahren und acht Monaten. Bildhafte Erinnerungen waren im Vergleich zu episodenartigen Erinnerungen in diesem Zusammenhang stark unterrepräsentiert. Die Aufteilung zwischen positiven und negativen Emotionen lag vollkommen ungleichmäßig. Nur bei 17 Prozent der ersten Erinnerungen fühlte sich das Kind seinerzeit froh, stolz oder sicher. Bei 83 Prozent war die Erinnerung mit einem negativen Gefühl verbunden. In zwei von drei Fällen war das Angst: Erinnerungen an eine wegwehende Mütze, ein im Bett umgefallenes Fläschchen Hustensaft, sehen, wie ein Kaninchen gehäutet wird, unversehens auf ein Belgisches Kaltblut gehoben werden, Feuerwerk, Schüsse in der Ferne, ein Albtraum, der erste Schultag. Die Sammlung Scheepmaker umfasst mehr als eine Handvoll von Angst geprägter Erinnerungen an Gesichter, die plötzlich über dem Kinderwagen auftauchen, damit sollte man also vorsichtig sein! Nach Angst und Schrecken sind Kummer oder Wut die am häufigsten auftretenden Gefühle.

Die Emotionen der ersten Erinnerung sind manchmal über Reaktionen der Eltern mit der Erinnerung verbunden. Für Neeltje Maria Min war es die mit Angst verbundene Erinnerung, die feiernden Menschen vom Arm der Mutter aus zu sehen, weil sie merkte, dass diese der Sache nicht ganz traute und einen Schritt vom Fenster zurücktrat. Kinder erinnern sich nicht an ihre eigene Angst bei einem Feuer, sondern an die Panik ihrer Eltern, nicht an ihren eigenen Kummer, wenn ein Brüderchen stirbt, sondern an das Weinen von Erwachsenen. Der Schauspieler Walter Crommelin erkannte seinen Vater nicht, als dieser nach zwei Jahren aus Indonesien zurückkehrte, am liebsten hätte er einfach weitergespielt; später erinnerte er sich vor allem an den Kummer, den seine Mutter deswegen hatte. Kinder schätzen ihre Welt durch die Augen ihrer Eltern ein.

Etwa fünfzig Erinnerungen aus der Sammlung Scheepmaker drehen sich um den Krieg, dessen Verlauf man fast anhand dieser ersten Erinnerungen erzählen könnte: Ein Mann erinnert sich an den Besuch bei seinem Vater, der während der Mobilisierung in einem Fort einquartiert war, es gibt Erinnerungen an die Bombardierung von Schiphol und Middelburg, später auf das Haager Stadtviertel Bezuidenhout und die Philipswerke, an die Razzien rund um den Flugplatz Ypenburg, an Unter-den-Tisch-Krabbeln bei Fliegeralarm, an die Misshandlung eines jüdischen Straßenpflasterers, Erinnerungen daran, Untergetauchte auf dem Dachboden schlafen zu sehen, oder an ihre ängstlichen Blicke aus dem Keller nach oben. Die Zweijährige, die Vorbeigehenden arglos erzählte, wie sie hieß, und anschließend schleunigst zu einer anderen Adresse gebracht werden musste. Das Erstaunen über die Lüge der Mutter, als deutsche Soldaten fragten, ob ihr Mann zu Hause sei; Erinnerungen an das Brotklauen bei den Stellungen der V2, die Silberpapierchen, die alliierte Flugzeuge abwarfen, um den deutschen Radar zu stören, an überfliegende englische Bombenwerfer und Lebensmittelbomber, später die Befreiung (fünf erste Erinnerungen an einmarschierende Kanadier), die Stümperei beim Hissen der Flagge, Erinnerungen an abmarschierende Deutsche und noch später, nach dem Krieg, in den Häuserruinen gefundene Spielzeugautos.

Scheepmaker hat nicht angegeben, wie alt seine Informanten waren, weswegen man nicht nachverfolgen kann, ob erste Erinnerungen, die mit dem Krieg zu tun haben, in seiner Sammlung wirklich überrepräsentiert sind. Aber angenommen, die Erzähler sind irgendwann zwischen 1937 und 1943 geboren, scheint eine Anzahl von fünfzig für dieses Zeitfenster von sechs, sieben Jahren hoch. Und wer im Folgenden die Erfahrungen und Erlebnisse genauer betrachtet, die in diesen Erinnerungen festgehalten sind, kann eine Unterstützung für eine kürzlich formulierte Theorie über die Ursache all dieses Vergessens erkennen, das erste Erinnerungen umspült.

Nachzügler

Das größte Rätsel der ersten Erinnerung ist, dass es sich um einen Beginn handelt, dem so viel vorausgeht. Es sind schon einige Lebensjahre vergangen, bevor wir Erinnerungen daran festhalten. »Wir sind Nachzügler in unserer eigenen Geschichte«, schrieb der Philosoph Cornelis Verhoeven.Anmerkung Paradoxerweise scheint das Gedächtnis kleiner Kinder im Moment selbst schon prima zu funktionieren. Zweijährige wissen, mit wem sie Spaß gehabt haben und mit wem nicht, sie freuen sich auf den Besuch des einen und verstecken sich vor dem anderen. Sie müssen ihre Erlebnisse behalten haben. Und doch sind diese Erinnerungen ein paar Jahre später verschwunden, nachträglich verloren gegangen.

Die Theorien darüber, warum das autobiografische Gedächtnis so spät und dann auch noch so holpernd in Gang kommt, habe ich in meinem Buch Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird im Kapitel Blitzlichter im Dunkel: erste Erinnerungen ausführlich dargelegt, aber sie können hier kurz rekapituliert und um Erkenntnisse neuster Studien ergänzt werden.Anmerkung Manche Wissenschaftler sehen die Erklärung für all dieses Vergessen vor allem in der Geschwindigkeit der neurologischen Reifung. Das Gewicht des Gehirns beträgt bei der Geburt etwa 350 Gramm. Das Gehirn eines Erwachsenen wiegt zwischen 1200 und 1400 Gramm. Das größte Wachstum, fast eine Explosion, findet im ersten Lebensjahr statt, wenn das Gewicht von 350 auf 1000 Gramm steigt. Der Hippocampus, unverzichtbar für die Bildung von Erinnerungen, ist in den ersten Jahren noch nicht ausgewachsen. Außerdem kann der Hippocampus noch gar keine Erinnerungen auf dem Neocortex speichern, da dieser selbst noch voll im Aufbau ist. Kurz: Das Gehirn wird bei Geburt sozusagen im Rohbau geliefert, die meisten Verdrahtungen müssen noch angebracht werden. Niemand kann erwarten, dass sich darin bleibende Gedächtnisspuren bilden. Es ist die Folge fehlgeschlagener Speicherung, dass kleine Kinder so gut wie alles ›vergessen‹.

Zu dieser Reifungstheorie passt, dass sich das autobiografische Gedächtnis erst in einem Alter entwickelt, in dem sich das Wachstum des Gehirns allmählich stabilisiert. Dennoch gibt es zum Teil große Unterschiede, aus welchem Alter die erste Erinnerung stammt. Die Reifung des Hippocampus und des Gehirns im Allgemeinen variiert individuell nicht so stark wie das Lebensalter bei der ersten Erinnerung. Fehlende oder noch im Aufbau befindliche Verdrahtung kann also nicht alles sein.

Eine eher psychologisch orientierte Theorie sucht die Erklärung für das Vergessen im noch fehlenden Ich-Bewusstsein. Bei kleinen Kindern gibt es noch kein ›Ich‹ oder ›Selbst‹, das die Erlebnisse zu einer Geschichte über die persönliche Vergangenheit zusammenfügt.Anmerkung Und solange es kein ›Ich‹ gibt, kann sich keine Autobiografie bilden – es gibt nur bruchstückhafte Ereignisse, die nicht zusammengehalten werden. Was wir ›Vergessen‹ nennen, ist das Verlorengehen von Erinnerungen, die von niemandem eingefordert werden. Nur das Kind, das beginnt, sich eines ›Ich erlebe das‹ bewusst zu werden, wird bleibende Erinnerungen anlegen.

Das Ich-Bewusstsein entwickelt sich in der Regel allmählich. Bei manchen Kindern kommt dieses Bewusstsein allerdings plötzlich. In einigen Fällen ist der Durchbruch des Ichgefühls bereits selbst die erste Erinnerung. Hans Magnus Enzensberger erzählte Scheepmaker, er habe mit zwei Jahren in seinem Bettchen gestanden und die Elektroautos der Paketpost beobachtet, wobei ihm das summende Geräusch das »Gefühl vermittelte zu wissen, dass ich ich war«.Anmerkung Der Entwicklungspsychologe Kohnstamm hat einige Hundert dieser Art ›Ich bin ich‹-Erinnerungen gesammelt und sie elegant analysiert.Anmerkung Ein Bericht des damals vierundachtzigjährigen C.G. Jung über das ›Erwachen‹ seines Ich-Bewusstseins hatte sein Interesse geweckt. »In jene Zeit fiel ein anderes wichtiges Erlebnis. Es war auf meinem langen Schulweg von Klein-Hüningen, wo wir wohnten, nach Basel. Da gab es einmal einen Augenblick, in dem ich plötzlich das überwältigende Gefühl hatte, soeben aus einem dichten Nebel herausgetreten zu sein, mit dem Bewusstsein, jetzt bin ich. In meinem Rücken war’s wie eine Nebelwand, hinter der ich noch nicht war. Aber in jenem Augenblick geschah ich mir. Vorher war ich auch vorhanden, aber alles war nur geschehen. Jetzt wusste ich: Jetzt bin ich, jetzt bin ich vorhanden.«Anmerkung

Solche Erinnerungen sind oft von blitzlichtartiger Deutlichkeit: Das Kind erinnert sich auch daran, wo es war, wer dabei war, womit es in diesem Moment beschäftigt war. Es ist ein Bewusstsein, das Gefühle beim Kind hervorruft, manchmal, weil es sich mit einem Schlag darüber klar wird, einzigartig zu sein, unverwechselbar, ein anderer als seine Geschwister, das einzige ›Ich‹, manchmal auch, weil es sich plötzlich bewusst wird, allein zu sein, abgeschnitten, gefangen im eigenen Körper, unscheinbar in einer großen Welt. Die Reaktionen variieren von einem intensiven Glücksgefühl bis zu leichter Panik.

Die meisten ›Ich bin ich‹-Erinnerungen in der Sammlung Kohnstamm sind auf ein Alter von sieben, acht oder noch später zu datieren, frühere sind selten. Sie fanden also später als die ersten Erinnerungen statt, aber sie markieren genau die Jahre, in denen das autobiografische Gedächtnis wirklich in Gang kommt. Obwohl ihnen andere Erinnerungen vorausgehen, wird dieser frühere Zeitraum als ›Nebel‹ beschrieben oder als ›Dunkel‹, in dem die Ich-bin-ich-Erinnerung aufblitzt (Nabokov). Eine junge Erzieherin erinnert sich an ein Wochenende, an dem sie am frühen Morgen im Bett lag. Wie sie zu diesem Gedanken kam, kann sie nicht mehr sagen, aber es traf sie wie ein Schlag: »Mir wurde auf einmal klar, wie einzig ich war. Alles an mir, mein Aussehen und vor allem meine Gedanken. Das Gefühl, das mich dabei überkam, war so stark und mitreißend. So intensiv habe ich mich danach nie wieder gefühlt. Dieses Erlebnis hat auch mein Erinnerungsvermögen geprägt. An etwas vor diesem Tag kann ich mich nicht mehr erinnern. Es scheint fast so, als ob mein Leben von da an erst richtig begonnen hat. Zu diesem Zeitpunkt muss ich etwa sieben oder acht Jahre alt gewesen sein.«Anmerkung Mit dem Beginn eines bewussten Ich scheint zugleich auch etwas abgeschlossen zu werden.

Die Entwicklung von Ich-Bewusstsein, plötzlich oder allmählich, ist nicht die einzige Veränderung in dieser Phase eines Kinderlebens. Gleichzeitig mit der Entwicklung ihres Wortschatzes und der Sprachfertigkeit verarbeiten Kinder ihre Erfahrungen immer häufiger ›sprachlich‹ und speichern sie. Ihre Erinnerungen werden nach und nach zu Geschichten, und das Wiederaufgreifen dieser Erinnerungen verläuft von diesem Moment an vor allem über verbale Assoziationen.Anmerkung Dass bei den meisten Kindern irgendwann zwischen dem dritten und vierten Geburtstag die ersten Erinnerungen auftauchen, die sie später wiedergeben können, wird nicht zufällig mit der schnellen Zunahme ihrer Sprachfertigkeit in genau dieser Phase zusammenfallen. Aber als Konsequenz ergibt sich, dass Erinnerungen, die nicht in Sprache gespeichert sind, schnell entschwinden; sie werden nicht durch die Sprache festgehalten.

Das ist der Typ von Vergessen, der nichts mit einem Löschen aus dem Gedächtnis, einem noch nicht ausgewachsenen Hippocampus oder instabilen neuronalen Spuren zu tun hat. Denn es ist nicht die Erinnerung selbst, die verschwindet, sondern der Zugang. Eine Tür ist ins Schloss gefallen, und die Schlüssel, die jetzt im Umlauf sind, können die Tür nicht mehr öffnen. Diese Erklärung passt gut zu dem Typ erste Erinnerung in unterschiedlichem Alter. Die Erinnerung, die nicht mehr ist als ein ›Bild‹, kommt als erste, wenn das Kind noch kaum über Sprache verfügt. Die ›Szenen‹ und ›Episoden‹ erscheinen erst, wenn das Kind auch sprachlich auf seine Erfahrungen zurückblicken kann und anderen oder sich selbst anfängt zu erzählen, was es erlebt hat.

Aber sind Kinder nicht in der Lage, diese frühen, nichtsprachlichen Erinnerungen später nachträglich in Sprache umzusetzen und so in ihrem Gedächtnis festzuhalten? Das ist doch schließlich, was der Anfang von Die gerettete Zunge suggeriert: Der kleine Elias muss seine beängstigenden Erlebnisse als Zweijähriger später in Sprache umgesetzt haben, denn sonst hätte er seiner Mutter nicht davon erzählen können. Das Taschenmesser, die Klinge, all diese Worte, die ihm auf dem Arm des Kindermädchens noch nicht zur Verfügung standen, halfen ihm später dabei, aus einer Reihe von Bildern eine Episode zu gestalten. Auch in der Sammlung Scheepmaker finden sich dazu Beispiele. Der Schriftsteller Adriaan Venema erzählte: »Ich erinnere mich noch daran, dass ich ganz hoch auf jemandes Schultern saß und meine Hände etwas Rundes und Kaltes aus Stahl anfassten. Meine Mutter hat mir später erzählt, was passiert war. Ich war aus dem Garten unseres Hauses in der Groenelaan in Heiloo gelaufen und hatte den Rijksstraatweg überquert. Damals war ich drei. Das war natürlich sehr gefährlich, auch wenn es 1944 längst nicht so viel Verkehr gegeben haben wird wie heute. Ein deutscher Soldat mit Helm hat mich festgehalten, auf seine Schultern gehoben und die Leute, die dort wohnten, gefragt, ob sie wüssten, wo ich wohnte. Ich hatte damals karottenrote Haare, und in der Nachbarschaft kannten mich alle. Meine Mutter erschrak fast zu Tode, als ich auf einmal auf den Schultern eines deutschen Soldaten vor der Tür stand.«Anmerkung Die einzelnen Sinneswahrnehmungen – hoch sitzen, etwas Rundes und Kaltes fühlen – wurden mit etwas Hilfe von außen zur letztendlichen Version verarbeitet, eine erste Erinnerung, die sich als Episode erzählen lässt. Ist es nicht das, was alle Kinder früher oder später, mit oder ohne Hilfe mit ihren ersten Erinnerungen machen? Mittels eines sehr findigen Experiments haben zwei Psychologen gezeigt, dass dem wahrscheinlich nicht so ist.Anmerkung Kinder tendieren nur eingeschränkt dazu, ihre frühen Erfahrungen in einen Wortschatz ›umzuschreiben‹, den sie sich erst später aneignen.

An diesem Experiment nahmen Kinder aus drei Altersgruppen teil. Die jüngste Gruppe war im Durchschnitt zwei Jahre und drei Monate alt, die älteste drei Jahre und drei Monate. Vor dem Experiment wurden der passive und der aktive Wortschatz aller Kinder bestimmt. Das Experiment selbst bestand daraus, dass die Kinder die Bekanntschaft eines sehr wunderlichen Geräts machten: der magic shrinking machine. An einem Schränkchen waren ein Hebel und eine Kurbel befestigt. Wenn das Kind den Hebel betätigte, begann die Maschine zu arbeiten und ein paar Lämpchen flackerten. Die Versuchsleiterin nahm ein Spielzeug aus einer Truhe, ließ es in die Maschine fallen, drehte an der Kurbel, es erklangen ein paar fröhliche Töne, und kurz darauf konnte das Kind eine Miniaturausgabe des Spielzeugs unten aus dem Apparat holen. Alle Kinder lernten schnell, wie sie die Maschine selbst bedienen konnten.

Die Wissenschaftlerinnen besuchten die eine Hälfte der Kinder nach einem halben Jahr wieder, die andere Hälfte nach einem Jahr. Wie viel sie von dem Spiel mit der Schrumpfmaschine behalten hatten – die Reihenfolge der Handlungen, das verwendete Spielzeug usw. –, stieg mit dem Alter an und sank mit der Zeit, die mittlerweile verstrichen war, ein Ergebnis im Rahmen der Erwartungen. Aber das Experiment war eigentlich auf ein ganz anderes Problem ausgerichtet: Inwiefern können Kinder ihre Erinnerungen an die Maschine in Worten beschreiben, die ihnen im ersten Versuch noch nicht zur Verfügung standen? Beim zweiten Besuch der Psychologen wurden die Kinder erst gefragt, was sie von ihren Erlebnissen beim ersten Besuch erzählen konnten. Wenn sie zu Ende erzählt hatten, zeigte man ihnen Fotos von Spielzeug, das seinerzeit in der Maschine verschwunden war. Das Spielzeug stand zwischen ›Ablenkern‹ – zum Beispiel ein Teddybär zwischen drei Bären, die nicht verwendet worden waren. Schließlich wurde die Maschine selbst wieder zum Vorschein geholt, und die Kinder wurden gebeten, vorzuführen, wie sie funktionierte. Die Identifikation des verwendeten Spielzeugs anhand der Fotos war gar kein Problem, es war deutlich, dass sich die Kinder an das Spiel mit der Maschine gut erinnerten. Aber die Überraschung war, dass kein einziges Kind beim Erzählen über das erste Mal auch nur ein einziges Wort benutzte, das seinerzeit nicht, nun aber sehr wohl zu seinem Wortschatz gehörte. Auch wenn das Kind mittlerweile über Wörter wie ›Hebel‹ oder ›Kurbel‹ verfügte, wurden sie nicht verwendet. Der verbale Bericht, schrieben die Forscherinnen, war »in seiner Zeit eingefroren, eine Widerspiegelung ihrer sprachlichen Fertigkeiten im Moment des Abspeicherns statt im Augenblick der Reproduktion«.Anmerkung

Wer aus der Nähe miterlebt, wie bei Kindern in relativ kurzer Zeit zunehmend Sprachgewandtheit entsteht, hat das Gefühl, als vollzöge sich vor seinen Augen ein Wunder. Der explodierende Wortschatz, das Konjugieren und Deklinieren, das Spielen mit der Intonation – dies alles entwickelt sich scheinbar aus dem Nichts und ist für das ganze restliche Leben wichtiger Bestandteil der Kommunikation. Die rasante Entwicklung hat allerdings eine Kehrseite. Beim Wachsen machen sich Kinderhirne offensichtlich nicht die Mühe, ältere Erinnerungen mit einem neuen Code zu versehen und so zugänglich zu halten. Wie veraltete Dokumente geraten sie aus dem Blick, und es endet damit, dass man sie auch nicht mehr heranziehen kann. Auf frühe Erfahrungen wirkt die schnelle Entwicklung von Sprache wie eine magic shrinking machine. Ganze Jahre aus einem Kinderleben werden auf ein paar lose Bilder, Erlebnisfetzen, drei, vier Sekunden dauernde Szenen reduziert, denen nichts vorausgeht und nichts folgt.

Anhänger eindeutiger Erklärungen sollten die Theorien über das Vergessen während der Kinderjahre lieber an sich vorbeiziehen lassen. Jeder Versuch im Sinne von ›dieses Vergessen erklärt sich dadurch, dass …‹ ist irreführend. Ein ausgewachsener Hippocampus ist höchstens eine notwendige, aber keine ausreichende Bedingung für ein funktionierendes Gedächtnis. Auch nachdem sich der Hippocampus vollständig ausgebildet hat, ist das autobiografische Gedächtnis noch kaum in Schwung gekommen. Dazu bedarf es weiterer Faktoren. Was wiederum sofort zu einem Problem führt: In dieser Phase eines Kinderlebens verändert sich sehr vieles gleichzeitig. Das beginnende Ich-Bewusstsein lässt ein ›Ich‹ entstehen, das Erlebnisse als eine persönliche Vergangenheit erfahren wird. Der Zeithorizont erweitert sich in beide Richtungen. Es entsteht ein Bewusstsein über allerlei Arten von ›früher‹, das Kind versteht, dass gestern etwas anderes ist als letzte Woche oder vergangenen Sommer.Anmerkung