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Das Buch Ich - Ein fesselnder Blick auf die Gene und ihre Bedeutung für unser Leben Wir schauen in unsere Gene wie in die Kristallkugel der Wahrheit. Alles glauben wir dort zu erkennen. Aber wir zahlen einen Preis: Die Angst vor einer angeborenen Neigung zu Depression oder Alzheimer würde unser Leben vergiften. Keine Zukunft, die wir in den Genen lesen, kann dies wettmachen. Richard Powers arbeitete an seinem Roman über das "Glücks-Gen", als er eine einzigartige Chance erhielt: Er sollte der neunte Mensch auf der Erde werden, dessen Genom vollständig entschlüsselt wird. Nach langem Zögern siegte die Neugier. Powers reiste nach Boston, traf die Forscher und Macher der neuen Gentechnologie-Industrie und lernte den komplizierten Prozess der DNA-Entschlüsselung kennen. Am Ende hielt er einen USB-Stick mit seiner genetischen Wahrheit in den Händen. In diesem faszinierenden Essay gewährt der renommierte Autor tiefe Einblicke, wie noch nie zuvor ein Schriftsteller dieser Welt so nah kam. Eindringlich schildert er, wie wir in Zukunft mit dem Wissen um unsere Gene leben werden und welche ethischen Fragen sich daraus ergeben. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt.
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Seitenzahl: 61
Veröffentlichungsjahr: 2010
Richard Powers
Eine Reportage
Wir schauen in unsere Gene wie in die Kristallkugel der Wahrheit. Alles glauben wir dort zu erkennen. Aber wir zahlen einen Preis. Die Angst vor einer angeborenen Neigung zu Depression oder Alzheimer würde unser Leben vergiften. Keine Zukunft, die wir in den Genen lesen, kann dies wettmachen.
Richard Powers arbeitete an seinem Roman über das »Glücks-Gen«, als er die Chance erhielt, der neunte Mensch auf der Erde zu werden, dessen Genom vollständig entschlüsselt wird. Er zögerte lange, aber die Neugier siegte. Powers flog nach Boston, traf die Forscher und Macher der neuen Industrie, lernte den komplizierten Prozess der Entschlüsselung kennen. Schließlich hielt er einen USB-Stick in Händen mit der Wahrheit. Näher kam noch nie ein Schriftsteller dieser Welt, und genauer konnte uns noch nie jemand davon erzählen, wie wir in Zukunft mit unseren Genen leben.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Richard Powers wurde 1957 geboren und lebt in Illinois. Auf sein Debüt ›Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz‹ folgten acht weitere Romane. Sie wurden Bestseller wie ›Der Klang der Zeit‹ und mehrfach preisgekrönt, ›Das Echo der Erinnerung‹ wurde mit dem »National Book Award« ausgezeichnet. Im Fischer Taschenbuch sind außerdem lieferbar: ›Galatea 2.2.‹ und ›Schattenflucht‹. Zuletzt erschien bei S. Fischer der Roman ›Das größere Glück‹ über das vermeintliche »Glücks-Gen«. ›Das Buch Ich‹ erzählt von der faszinierenden Recherche für diesen Roman – ein Versuch am eigenen Leib.
Covergestaltung: hißmann, heilmann, hamburg
Coverabbildung: Kevin Van Aelst
Der Originaltext erschien 2008 unter dem Titel ›The Book of Me‹ in der Novemberausgabe des Gentlemen’s Quarterly (GQ), New York.
© 2008 Richard Powers
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2010 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-400816-5
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Exposition
Spannungsaufbau
Dramatische Zuspitzung
Höhepunkt
Auflösung
Ich schreibe diese Zeilen in den letzten Tagen meiner seligen Unwissenheit. Am kommenden Montag, in drei Tagen, fliege ich nach Massachusetts, um mir dort als einer der neun ersten Menschen weltweit mein vollständiges Genom entschlüsseln zu lassen.
Ich weiß nicht recht, warum ich mich dazu bereit erklärt habe und ob es eine kluge Entscheidung war. Vor zwei Monaten, im Januar, gleich nachdem diese Möglichkeit erstmals kommerziell angeboten wurde, bekam ich per Mail eine Anfrage vom Gentlemen’s Quarterly, ob ich Interesse hätte, einen Artikel über die Entschlüsselung (oder Sequenzierung, wie die Fachleute sagen) des individuellen Genoms zu schreiben. Als die E-Mail kam, hatte ich etwa 80 000 Wörter von meinem neuesten Roman zu Papier gebracht, einem Roman über eine nur notdürftig verschleierte Welt (der als Vorlage weitgehend unsere heutige diente), die geradewegs in das postgenomische Zeitalter stolpert. Wenn ich innehielt, um die Reportage zu schreiben, würde es meine Arbeit für längere Zeit unterbrechen. Andererseits bot mir dieses Angebot eine wunderbare Gelegenheit zu Feldstudien. Ich hatte zwar keine große Lust, etwas zu erforschen, was mir womöglich auf lange Sicht Nachteile bei der Krankenversicherung einbrachte, ich wollte nicht unbedingt wissen, wie groß die Wahrscheinlichkeit war, dass ich irgendwann diese oder jene entsetzliche Krankheit bekam oder woran ich vermutlich einmal sterben würde. Doch hier hatte ich Gelegenheit, aus erster Hand – ein paar Jahre, bevor es zur Selbstverständlichkeit würde – den nächsten epochalen Schritt der Biotechnologie kennenzulernen: mein persönliches Genom.
Ich habe auf mütterlicher Seite eine lange Ahnenreihe von Leuten, denen es durchweg schwerfällt, Entscheidungen zu fällen. Die Familie meines Vaters hingegen besteht ganz aus Leuten, die immer alles spontan entscheiden. Diesmal behielten die väterlichen Gene die Oberhand, und eine halbe Stunde, nachdem ich die Anfrage gelesen hatte, sagte ich zu.
Ich machte mich also daran, mich umzusehen. Ein Tag im Internet verschaffte mir einen ersten Begriff davon, wie unglaublich viele Genetikprodukte es schon jetzt zu kaufen gibt. Es gab Family Tree DNA, eine Firma, die Stammbäume auf genetischer Grundlage erstellte. Es gab DNADirect, deren Website fragte: »Haben Sie eine chronische Krankheit unbekannter Ursache? Sie könnte genetisch sein.« Für 260 Dollar konnte ich mich auf Mukoviszidose testen lassen; für 370 Dollar würde ich erfahren, ob ich ein Risiko für eine Erkrankung an Diabetes Typ 2 hatte. Dann gab es das in Island beheimatete CODEme (»Das ist mein CODE!«), das mir anbot, mein Risiko auf 25 genetisch bedingte Krankheiten berechnen zu lassen, alles zusammen für 985 Dollar.
Aber warum sollte ich mich mit ein paar kleinen Gesundheitstests zufriedengeben? Wie ich immer sage: Wer sich auf die erste Verwicklung der Handlung einlässt, lässt sich auf die ganze Story ein.
Ein Angebot zur Genotypisierung, das mir besonders auffiel, war 23andMe mit dem Slogan »Genetik für jedermann«. Die hübsche pastellfarbene Homepage fragte: »Was verraten Ihre Gene über Sie? Woher stammen Ihre Vorfahren? Haben Sie den guten Geschmack Ihrer Mutter?« Für 999 Dollar, eine juristisch gültige Einverständniserklärung und eine Speichelprobe bot 23andMe die Untersuchung von 600 000 SNPs an – Einzelnucleotid-Polymorphismen, individuellen Variationen –, innerhalb der 6 Milliarden Basenpaare meines doppelten (diploiden) Chromosomensatzes. Mit Hilfe der interaktiven Werkzeuge der Site konnte ich diese Daten dann auswerten und erfahren, was meine Mutationen bedeuteten.
Eine Etage höher gab es Navigenics (»Meine Gene. Meine Gesundheit. Mein Leben«). Für 2500 Dollar wollten sie über eine Million meiner SNPs (was sich snips ausspricht) untersuchen, und der Preis schloss eine Beratung ein, um die Ergebnisse richtig zu deuten. Je 250 Dollar kostete es, wenn man durch jährliche Updates immer auf der Höhe der wissenschaftlichen Erkenntnis bleiben wollte.
Doch diese Firmen verkauften Genotypisierung, keine vollständige Entschlüsselung des Erbguts. Sie konnten eine Reihe von Allelen identifizieren – individuellen Ausprägungen bestimmter Gene – und mir ein wenig über die Risiken, Wahrscheinlich- und Empfindlichkeiten erzählen, die ich geerbt hatte. Sie untersuchten etwa 0,02 % meiner 6 Milliarden Genbausteine, und auch das nicht mit hundertprozentiger Sicherheit. Im besten Falle hatten sie einen groben Überblick zu bieten, gewissermaßen das Inhaltsverzeichnis zu einem Buch, von dem im Grunde keiner weiß, wie es zu lesen ist. Ich aber wollte die ungekürzte Fassung sehen.
