Das Corona-Trauma - Dr. Jens-Michael Wüstel - E-Book

Das Corona-Trauma E-Book

Dr. Jens-Michael Wüstel

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Beschreibung

Die Virus-Pandemie wird Spuren hinterlassen. Auch in unseren Seelen. Angst und Trauer sind schon jetzt – während der Krise – überall spürbar. Wut und Verzweiflung werden folgen. Corona traumatisiert eben nicht nur durch die direkte Infektion, sondern auch durch die seelischen Belastungen. Und erstmals seit der Spanischen Grippe ist zeitgleich fast die gesamte Welt betroffen. Akut werden sehr viele Menschen an den seelischen Folgen der Pandemie leiden. Hunderttausende (nicht nur Infizierte) könnten langanhaltende, posttraumatische Störungen davontragen. Und dennoch gibt es Hoffnung. Je früher Betroffene die Zusammenhänge erkennen, je früher sie Anzeichen einer Traumatisierung an sich bemerken, desto besser können relativ einfache Verfahren die Seele in ihrer Selbstheilungskraft unterstützen. Dieses Buch hilft, die Frühwarn-Symptome einer überlasteten Psyche zu verstehen und zu deuten. Und es hilft, für jede(n) ein persönliches Akut-Programm zu entwickeln, das die innere Stabilität fördert und auf die Herausforderungen der nächsten Jahre vorbereitet.

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Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Selbsthilfe-Übungen
Buch
Autor
Vorwort: Corona geht uns alle an
Angriff auf unser Zentrum
Die Pandemie als Chance?
1. Das Virus verletzt uns
1.1 CASS – Eine neue Trauma-Form?
1.2 Chaos im Kopf
1.3 Seelentrümmer
1.4 Sind Sie betroffen?
2. Schäden an unserer Seele
2.1 Fühlen (und leiden)
2.2 Wie die Wunde entsteht
2.3 Akut oder chronisch?
2.4 Gestörtes Miteinander
3. Was kommt nach Corona?
3.1 Wenn Wunden nicht heilen
3.2 Verdrängen und vergessen?
3.3 Abgetrennte Gefühle
3.4 Die nächste Generation
4. Unsere Ressourcen
4.1 Helfen heilt
4.2 Die Macht der Liebe
4.3 Sprechen und Integrieren
4.4 Scheitern und Neubeginn
5. Das S-E-A-Konzept
5.1 Stabilität und Sicherheit (S)
5.2 Entspannung und Erholung (E)
5.3 Achtsamkeit und Aufmerksamkeit (A)
5.4 Heilsame Augenbewegungen
5.5 Heilsames Schreiben
Nachwort: Das Virus wird uns verändern
Bücher von diesem Autor
Danksagung

Impressum

Über dieses Buch
Autor
Vorwort: Corona geht uns alle an
Angriff auf unser Zentrum
Die Pandemie als Chance?
1. Das Virus verletzt uns
1.1 CASS – Eine neue Trauma-Form?
1.2 Chaos im Kopf
1.3 Seelentrümmer
1.4 Sind Sie betroffen?
2. Schäden an unserer Seele
2.1 Fühlen (und leiden)
2.2 Wie die Wunde entsteht
2.3 Akut oder chronisch?
2.4 Gestörtes Miteinander
3. Was kommt nach Corona?
3.1 Wenn Wunden nicht heilen
3.2 Verdrängen und vergessen?
3.3 Abgetrennte Gefühle
3.4 Die nächste Generation
4. Unsere Ressourcen
4.1 Helfen heilt
4.2 Die Macht der Liebe
4.3 Sprechen und Integrieren
4.4 Scheitern und Neubeginn
5. Das S-E-A-Konzept
5.1 Stabilität und Sicherheit (S)
5.2 Entspannung und Erholung (E)
5.3 Achtsamkeit und Aufmerksamkeit (A)
5.4 Heilsame Augenbewegungen
5.5 Heilsames Schreiben
Nachwort: Das Virus wird uns verändern
Weitere Bücher des Autors
Danksagung
Impressum

Selbsthilfe-Übungen

Spannungszustand

Atemübung

Der Sichere Ort

Das Innere Kind

Eine einfache Malübung

Fantasiereise

Akupressur

Lichtmeditation

Gehen Sie einfach mal langsam

Fokus-Übung

Ankerübung

Aromatherapie

Bohnen-Erbsen-Relation

EMDR-Selbstanwendung

Einfach schreiben

Über dieses Buch

Corona ist auch ein Seelenvirus. Die psychischen Auswirkungen der Pandemie wurden bisher übersehen. Angst und Trauer sind jedoch schon jetzt – während der Krise – überall spürbar. Wut und Verzweiflung werden folgen. Corona traumatisiert nicht nur durch die direkte Infektion, sondern eben auch durch die seelischen Belastungen. Und erstmals in der Moderne ist zeitgleich fast die gesamte Welt betroffen. Akut werden viele Menschen an den seelischen Folgen der Pandemie leiden. Und es wird langanhaltende, posttraumatische Störungen geben.

Wie erkennen Sie, ob Sie oder Angehörige betroffen sind? Wie erklären sich die Zusammenhänge zwischen Psyche, Körper und Viruserkrankung? Welche Verfahren können helfen, seelische Belastungen zu reduzieren? Dieses Buch gibt Antworten. Ein Selbsttest hilft Ihnen,  Gefährdungen zu erkennen. Und Sie erfahren, wie Sie Selbstheilungskräfte stärken und wertvolle Ressourcen heben. Mit einem vom Autor entwickelten Ansatz können Sie ein persönliches Akut-Programm entwerfen, um den vielfältigen seelischen Bedrohungen durch die Coronavirus-Pandemie besser zu begegnen.

Warum (zunächst) nur als eBook?

Mir ist es wichtig, dass die Informationen zu den seelischen Folgen der Coronavirus-Pandemie zügig und kostengünstig erhältlich sind. Auf dem klassischen Verlagsweg vergehen in der Regel sechs bis zwölf Monate von der Idee bis zum Print. Zudem orientiert sich der eBook-Preis dann am (oft) sehr viel höheren Buchpreis.

Autor

Der Autor ist seit über zwanzig Jahren als Arzt in Hamburg tätig. Er arbeitet dabei vorwiegend mit einem ganzheitlichen Ansatz und befasst sich als Therapeut speziell mit der Problematik der Transgenerationalen Traumatisierung (Vererbtes Trauma, Kriegskinder, Kriegsenkel). Er ist zudem ausgebildeter TCM- Akupunkteur und EMDR-Therapeut (nach Dr. Christina Hall / Society of NLP®, USA).

Vor Jahren entdeckte er eine Leidenschaft aus Jugendtagen wieder und schreibt seither auch Sachbücher und Romane.

 

Von ihm sind bereits zwei weitere Sachbücher erhältlich (mehr dazu am Ende dieses Buchs) :

 

„Traumakinder“ (Lübbe-Verlag, 2017)

„Männliche Depression“ (Beltz-Verlag, 2018)

 

Außerdem erscheint  von ihm beim Aufbau-Verlag (unter Pseudonym) eine Krimi-Reihe.

 

 

 

 

Die Angaben in diesem Buch haben informativen Charakter und regen zur Selbsthilfe an. Sie ersetzen nicht die Beratung und/oder Behandlung durch einen Arzt oder Psychotherapeuten. Im Zweifelsfall holen Sie fachlichen Rat ein, bevor Sie Vorschläge für sich umsetzen.

Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung des Werks (auch in Auszügen) und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechts bedürfen der schriftlichen Genehmigung des Autors.

Sofern Markennamen, eingetragene Warenzeichen o.ä. im Buch genannt werden, dienen sie lediglich der Wissensvermittlung. Die Rechte der Inhaber bleiben hiervon unberührt. Auch kann aus der Erwähnung nicht gefolgert werden, dass die Rechteinhaber mit der Meinung des Autors übereinstimmen, sie fördern oder bewerben. Der Autor hat für eine Nennung solcher Namen keine geldlichen oder sonstigen Vergütungen erhalten.

Die Gender-Formulierung (die Betroffene, der Leser) ist oft auf eine Nennung beschränkt. Dies dient ausschließlich der besseren Lesbarkeit und hat keinerlei wertenden Charakter. Sofern nicht der Kontext ausdrücklich auf ein Geschlecht Bezug nimmt, sind immer Personen allen Geschlechts gemeint.

„Das ist der größte Fehler bei der Behandlung von Krankheiten, dass es Ärzte für den Körper und Ärzte für die Seele gibt, wo beides doch nicht getrennt werden kann.“

Vorwort: Corona geht uns alle an

 

 

 

Während der Krise gibt es Infizierte, Gefährdete und (noch) nicht Betroffene. Es gibt Menschen, die wirtschaftlich am Abgrund stehen und weiterhin Gutsituierte. Wir haben Branchen, die der Grundversorgung dienen und Betriebe, die vorsorglich stillstehen. Noch ist uns diese Differenzierung möglich, und sie ist in vielen Fällen auch sinnvoll. Aber spätestens nach dem Ende der akuten Infektionsphase werden wir uns eingestehen müssen, dass die Pandemie uns alle betrifft. Diese Erkenntnis wird schmerzen. Auch weil einige Folgen mit Verzögerung sichtbar werden. Und was bisher fast gänzlich übersehen wurde: Die Krise stellt eine Belastungsprobe für unsere Seelen dar, die nur mit Naturkatastrophen oder Kriegen vergleichbar ist. Neben den wirtschaftlichen Verwerfungen werden wir die psychischen Traumatisierungen bewältigen müssen.  

Mir fällt es schwer, in dieser Krisenzeit zu schreiben. Schreiben ist eigentlich meine Form der Kreativität, die mich schützt, mich lebendig macht, in der ich „aufgehe“. Aber etwas lähmt mich. Meine Gedanken kreisen, sind überall und nirgends. Mein Körper wehrt sich gegen das Sitzen am Schreibtisch, will sich bewegen, ruhelos umherirren. Ich denke, es geht vielen Menschen so. Und ich erzähle davon, nicht um Mitleid zu erregen oder noch eine Posaune vor Jericho zu blasen. Ich schreibe dieses Buch, weil es mir das Gefühl gibt, handlungsfähig zu sein. Handlungsfähig in einer Zeit des Stillstands, des bangen Erwartens, der Starre. Glauben Sie mir, auch als Arzt bin ich in dieser Situation verwirrt und betroffen. Wenn Sie diese Zeilen lesen, nehmen Sie also quasi ein wenig an meinem Heilungsprozess teil. Denn nichts ist schlimmer als das Gefühl, einer (Natur-) Gewalt ohnmächtig ausgeliefert zu sein. 

Ich möchte Mut machen. Als Therapeut. Als Mensch. Ich möchte in dieser Lage von meinen Erfahrungen berichten. Nicht nur von den Erfahrungen, die ich als Arzt gemacht habe, sondern auch von jenen, die ich als Ihr Mitmensch mache. Ich will nicht orakeln. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Offenbar fühlen sich viele – noch mitten in der pandemischen Phase – bereits dazu berufen, den Auguren zu geben. Ich möchte Ihnen stattdessen Hilfestellungen anbieten, die seelischen Folgen der Krise zu vermeiden oder abzumildern. Corona ist auch ein Seelenvirus! Vergessen Sie das bitte nicht bei allen Diskussionen um die körperlichen Störungen und wirtschaftlichen Auswirkungen. Geben Sie acht auf sich, Ihre nahen Angehörigen, aber auch Ihre Arbeitskollegen und Bekannten. Nur wenn man weiß, dass ein Ereignis wie die Corona-Pandemie auch Folgen für die Psyche hat, kann man helfen. Und je früher Sie sich und anderen helfen, umso schneller heilt die Seele wieder. Und das ist die gute Nachricht: Das Trauma kann heilen.

Das Leben, das Schicksal oder Gott hat mich auf die Sonnenseite des Daseins gestellt. Ich lebe seit meiner Geburt in einem Land des Wohlstands und Überflusses, habe eine gute Ausbildung erhalten und arbeite in zwei Berufen, die ich mag. Alles ist selbstverständlich. Zumindest war es das. Bis jetzt. Von meiner Mutter weiß ich, dass es in Deutschland einmal andere Zeiten gab. Sie ist ein Kriegskind, hat Not erlebt und die Erinnerungen an dunkle Zeiten verdrängt. Sie hat als Erwachsene die Zeit des ungezügelten Konsums erlebt, den viele als Ausgleich für zuvor erlittene Entbehrungen sahen. Und so waren auch für mich Kaufen, Verbrauchen und Wegwerfen selbstverständliche Konstanten eines Lebensstils, den wir als nicht nachhaltig zu bezeichnen gelernt haben. Und ich musste als älterer Erwachsener nun mühsam lernen, dass es auch anders geht. Dass es anders gehen muss, wenn unsere Kinder eine lebenswerte Welt vorfinden sollen. Natürlich ist das Coronavirus nicht einfach eine „Rache der geschändeten Natur“. Diese Sichtweise wäre doch ein wenig zu einfältig und aktionistisch. Jedoch sollte uns die im Angesicht von SARS-CoV-2 erlebte Wehrlosigkeit zu denken geben.

Wir sind auf der Leiter hoch gekommen. Wir mäkeln zwar an den Grundpfeilern unseres Wohlstands, aber verändern wollen wir nichts. Es könnte ja eben immer noch „ein bisschen besser“ sein. Dass wir weit oben stehen, birgt in sich die Gefahr des Fallens, des tiefen Fallens. Und so erklärt sich das Paradox, dass wir trotz vieler Absicherungen im wirtschaftlichen und gesundheitlichen Bereich sehr stark anfällig sind für Angst. Und es sind Verlustängste, mit denen wir jetzt in Corona-Zeiten unbarmherzig konfrontiert werden. Der Verlust unserer Gesundheit. Der Verlust lieber Menschen. Der Verlust von Annehmlichkeiten und Wohlstand. Der Verlust unseres Gefühls, unverwundbar zu sein und alles im Griff zu haben.  

 

Warum sprechen wir eigentlich von einer „Krise“? Sicherlich auch, weil „es so schrecklich ist“, „ungeahnte Ausmaße annimmt“ und „uns alle bedroht“. Eine Krise ist aber mehr. Sie bezeichnet einen Höhepunkt, die Zuspitzung einer gefährlichen Entwicklung. In der Medizin ist die Krisis der Wendepunkt im Verlauf einer Erkrankung, wenn etwa nach einem Anstieg das Fieber wieder sinkt.

Wissen wir also instinktiv, dass wir uns schon lange auf einem gefährlichen Weg befinden? Dessen krisenhafte Zuspitzung jetzt die Corona-Pandemie ist? Wissen wir, dass sich etwas ändern wird nach dem Höhepunkt? Dass es nicht mehr weitergeht wie vorher? Mit diesen Fragen, die eher Ahnungen sind, stellen wir uns bereits dem Thema dieses Buchs. Denn Unklares, Unvorhergesehenes kann Ängste auslösen. Und Corona bringt unsere Generation(en) an Grenzen, an denen wir nie zuvor gewesen sind.

Ich möchte Ihnen einige Worte meiner Mutter auf den (Lese-)Weg mitgeben. Sie sieht vielleicht aufgrund ihrer Lebenserfahrungen und ihres hohen Alters alles etwas gelassener (obwohl sie ja zu einer Hochrisikogruppe im Erkrankungsfall gehört):

 

„Es gab so viele Dinge in meinem Leben, von denen ich glaubte, ich schaffe sie nicht. Aber das Wichtige habe ich dann doch irgendwie geschafft.“

 

„Mir geht es doch gut. Ich kenne Zeiten, da gab es kein Morgen, sondern nur ein Heute. Auf morgen kann ich hoffen und bangen, aber heute kann ich einen guten Kaffee trinken.“

Angriff auf unser Zentrum

 

 

 

Gesundheit ist wichtig. Oft merken wir das erst, wenn sie bedroht oder sogar schon geschädigt ist. Schaden, Bedrohung, Angriff. Ich bin kein Freund dieser martialischen Ausdrücke, aber sie machen uns auch klar, wie wir fühlen. Wie wir die Pandemie erleben. Manche Politiker sprechen tatsächlich von einem Krieg, den wir führen müssen, einem Kampf gegen das Virus. Wir werden noch darauf zurückkommen und sehen, dass diese Sichtweise durchaus ihre Gründe hat.

Das Virus greift zunächst unsere körperliche Gesundheit an. In der akuten Phase wird über Infektionszahlen, Symptome, Vorbeugung, Quarantäne, Impfungen und Hygiene gesprochen. Niemand denkt an die seelischen Folgen. Diese machen sich erst schleichend bemerkbar. Die Betroffenen sind zunächst auf sich allein gestellt. Traurige Verstimmtheit, Rückzug, Weinen, Grübelneigung, unklare Gefühlsausbrüche, Ängste. Viele denken, sie hätten „nur schwache Nerven“ oder wären einfach „nah an Wasser gebaut“. Diese Menschen sehen Pflegekräfte, Rettungssanitäter, Ärzte oder Politiker in den Medien, die die „Helden“ dieser Krise sind. Und sie empfinden dann auch noch Scham. Weil sie sich selbst schwach fühlen. Weil sie denken, sie hätten versagt. Sie fühlen sich zunehmend wertlos: Corona ist eben auch ein Frontalangriff auf unserer Selbstwertgefühl!

Wie kommt es dazu? Ganz einfach, Corona hat direkte, seelische Folgen. Unsere Gefühlszentrale im Gehirn wird stark überfordert, da innerhalb kurzer Zeit enorme Belastungen verarbeitet werden müssen. Und dieser Zustand ähnelt tatsächlich Kriegserfahrungen. Je mehr Zeit nach der Pandemie vergeht, umso mehr werden die rein körperlichen Störungen an Bedeutung verlieren. Und umso deutlicher werden die psychischen Auswirkungen sein. Wenn Sie also Anzeichen einer seelischen Überlastung an sich bemerken, dann müssen Sie sich deshalb nicht schwach, unfähig oder bedeutungslos fühlen! Ihre Reaktion ist völlig normal, denn die psychische Last muss erst verarbeitet werden.

Die Pandemie erschüttert einige unserer Grundfesten. Trotz allen Ärgers und Misstrauens leben wir auf diesem Planeten in einer Gemeinschaft. Und diese wird nun von einem nicht sichtbaren, lautlosen Gegner bedroht. Und wir müssen ehrlich sein und zugeben, dass viele unserer Reaktionen nicht anders sind als die unserer Vorfahren zu anderen Zeiten. Schon Griechen und Römer wiesen Lepra-Kranken abgetrennte Wohnorte zu. Zu Pestzeiten trugen viele Leute Masken, die durch wohlriechende Kräuter vor dem „Pesthauch“ schützen sollten. Und bis in die Neuzeit wurden Kranke in Siechenhäusern am Rande der Städte untergebracht.

Trennung, Isolation, Ausgangssperre. Es sind fürchterliche Begriffe, die uns im Zusammenhang mit Corona begegnen. Dabei möchten wir doch als Menschen keinesfalls allein sein. Laut dem amerikanischen Psychologen Abraham Maslow gehört nämlich der Wunsch nach (Gruppen-) Zugehörigkeit zu den wichtigsten Bedürfnissen des Menschen:

 

Gruppe (Freunde, Arbeit …)

Sicherheit (Unversehrtheit, Heim …)

Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, Schlaf …)

 

Nach Ansicht des Forschers streben wir zuerst nach Erfüllung dieser Bedürfnisse. Wir müssen uns das etwa so vorstellen: Wer gegessen hat, besitzt die Kraft, ein Haus zu bauen. Wer Haus und Hof hat, kann andere Menschen einladen und ein Fest feiern usw.

Zunächst muss also die Basis, das Fundament der Pyramide gelegt werden, dann folgt der Aufbau zur Spitze hin. Erst nach den Grundbedürfnissen sind höhere Motive wirksam, die unser Leben bestimmen: 

 

Glaube

Selbstverwirklichung

Ich-Entfaltung (Status, Anerkennung)

 

So wird nachvollziehbar, dass auch Gesellschaften, die „satt“ und zufrieden sind, nicht von den seelischen Folgen der Corona-Krise verschont bleiben. Im Gegenteil, ihnen bricht das sicher geglaubte Fundament weg (zumindest wird es in Frage gestellt). Menschen, die sich in ihrem Leben nie mit Einschränkungen, Not, Hamsterkäufen und akuter Bedrohung auseinandersetzen mussten, sind wahrscheinlich sogar anfälliger für die Folgen solcher Krisen. Wenn die Basis (s.o. die ersten drei Bedürfnisse) instabil wird, dann spielen klassische, moderne und postmoderne Bedürfnisse (Status, Anerkennung, Selbstfindung, Ich-Entfaltung) eine immer kleinere Rolle. Eben diese sind es jedoch, die unser Leben in den Wohlstandsländern bestimmen. Wer aber macht weiterhin Yoga, wenn das eigene Haus plötzlich brennt? Wer liest gemütlich einen Roman bei Kerzenlicht und Tee, wenn die Kinder vor Hunger schreien?

Selbstverständlich sind dies etwas übertriebene Beispiele. Sie sollen nur verdeutlichen, was in unserer Psyche geschieht. Da laufen nämlich uralte Programme ab, die uns schützen sollen. Damit wir überleben. Diese Gefühlsmuster sind in uns angelegt, obwohl wir sie als (moderne) Menschen oftmals gar nicht mehr brauchen. Warum aber rast unser Herz, wenn wir in der Achterbahn sitzen (die doch geprüft und sicher ist)? Warum erschrecken wir uns im eigenen Keller, wenn ein Besen umfällt? Warum zittern vor der Prüfung die Hände und sind feucht?

Corona reißt uns von den Füßen. Und jeder Mensch erlebt diese Zeit ein wenig anders. Manche werden schweigsam, ihnen verschlägt es (vor Schreck) die Sprache. Manche reden eher mehr, nur um sicher zu gehen, dass da jemand ist, der zuhört. Dann gibt es diejenigen, die sich zurückziehen und innehalten. Oder jene, die beinahe überaktiv in Schuppen, Garage, Haushalt werkeln. Viele Menschen sind traurig. Aber es gibt auch wütende Menschen, die sich dann oft bockig und uneinsichtig zeigen. Hinter all diesen Reaktionen stecken Ängste. Wir wollen essen und trinken, ein Zuhause haben. Und Corona bedroht dieses Bedürfnis. Wir wollen uns sicher fühlen. Ich will meiner Familie, dem Nachbarn, meinen Freunden vertrauen können. Und Corona bedroht dieses Bedürfnis. Ich will nach draußen gehen, mich zeigen, Umgang mit Menschen haben, zur Arbeit fahren, tanzen, feiern, lachen. Und Corona bedroht dieses Bedürfnis.

 

Wir werden sehen, dass das Corona-Trauma viele Facetten hat. Jeder Mensch hat seinen eigenen „wunden Punkt“. Oft sind es sogar alte Wunden, die durch die Krise förmlich aufgerissen werden. Hinter der Sprachlosigkeit des gereiften Mannes kann das zerrüttete Verhältnis zu den Eltern stecken, denen man als Jugendlicher nie sagen konnte, wie man sich fühlt. Die Vielrednerin will vielleicht die innere Verunsicherung überdecken, die schon lange vor Corona da war. Im Wütenden bricht sich der Wunsch Bahn, endlich wahrgenommen zu werden. Und hinter allen Reaktionen verbirgt sich letztlich Angst. Die Nuancen dieser Angst sind veränderlich, aber es geht immer um eine Existenzbedrohung. Genau hier setzt das Virus an. Ein unsichtbarer, lautloser Gegner hat sich in unser Leben (nicht nur in unseren Körper) geschlichen. Und er bedroht alle Bedürfnisse der beschriebenen Maslow-Pyramide.

 

 

Zusammenfassung:

Die Corona-Pandemie bedroht die wichtigsten Bedürfnisse des Menschen. Von den basalen (individuellen) über die zwischenmenschlichen bis zu den ethischen und transzendentalen Motiven steht alles auf dem Prüfstand.

 

 

Corona

 

stellt unser Urvertrauen in Frage

*

gibt das Gefühl, ausgeliefert und hilflos zu sein

*

weckt unsere Urangst vor dem Tod

*

stört die körperliche Gesundheit (nicht nur als Infektion)

*

Die Pandemie als Chance?

 

 

 

Wir hören in diesen Tagen der Krise allerlei abstruse Äußerungen von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Da ist von einer möglichen Zeit „der Ruhe und Besinnung“ die Rede. Eltern könnten sich „mehr um ihre Kinder kümmern“ und „ihren Lieben nahe sein“ oder „mal durchatmen“. Ich halte nichts von dieser Romantisierung und Verniedlichung. Wer Corona als Bedrohung erlebt, kann nicht in sich gehen. Wer die alten Eltern nicht besuchen kann, wird sich vor allem um sie sorgen. Wer Kinder hat, denkt an deren Wohlergehen.

Und dennoch verstehe ich die Pandemie auch als Chance. In solchen Zeiten kommt nämlich zutage, was uns wirklich im Inneren ausmacht. Und wir treffen da auf Dinge, die nicht unbedingt schön sind. Die alten Mönche nannten sie „Dämonen“ und der Psychologe C.G. Jung sprach von „dunklen Seiten“ in uns. Mit etwas weniger Pathos können wir sie negative Denkmuster oder Glaubenssätze nennen. Vielleicht kommen Ihnen einige Sätze bekannt vor:

 

Ich tauge doch nichts.

Ich bin nur überempfindlich.

Ich kann doch nicht lieben.

Ich hätte es wissen müssen.

Ich bin wertlos.

Ich ziehe das alles an.

Ich versage immer.

Ich halte das nicht aus.

Ich habe es verdient.

Ich schaffe das nicht.

Ich bin unbedeutend.

Ich muss es allen Recht machen.

Ich schaffe das nicht.

Ich bin wehrlos.

 

Solche Muster und inneren Überzeugungen bilden sich meistens in der Kindheit aus. Nicht immer sind es dabei die Eltern, die sie in uns regelrecht „einpflanzen“. Oft sind auch wiederkehrende Erfahrungen mit anderen Angehörigen, im frühen Freundeskreis oder in der Schule prägend.

Wären diese Glaubenssätze dauerhaft präsent, dann käme es zu einer schweren, psychischen Störung. Um uns lebensfähig zu machen, bedient sich die Seele eines Tricks. Sie wehrt das Ungute oft ab, indem sie es umkehrt. Ein Mensch, der sich wertlos fühlt, sucht die dauerhafte Bestätigung außen. Eine Frau, die meint, beziehungsunfähig zu sein, wirft dem Partner ständig vor, sie nicht zu lieben. Ein Mann, der glaubt, er habe „es nicht drauf“, nimmt immer neue Herausforderungen an und will es beweisen.

Extremsituationen werfen uns hingegen auf uns selbst zurück. Die alltäglichen Schutzmechanismen versagen, und wir blicken plötzlich in den Abgrund. Es lohnt sich, genau hinzusehen. Da steht der Dämon in uns; ungeschminkt und ungeschützt. Ihre größte Macht beziehen die negativen, seelischen Kräfte dadurch, dass sie im Verborgenen wirken. Unter Belastung versagt dieses Versteckspiel. Wenn wir in der Krise ehrlich hinsehen, dann können wir die Spreu vom Weizen trennen. Was macht mich aus? Im Guten und im Schlechten? Wovon lasse ich mich mehr tragen und bestimmen? Pflege ich die unangenehmen Seiten ausreichend, damit sie nachreifen können? Kann ich mich annehmen, wie ich bin?

 

Es ist nicht einfach, sich diesen Aspekten des Ich zu stellen. Wer gibt schon gern zu, dass sie/er neidisch ist? Dass der Ehrgeiz eine große Rolle im eigenen Leben spielt? Dass man oft angibt und prahlt? Dass man andere Menschen klein macht? Krisen bieten hier enorme Chancen, ehrlich mit sich zu sein, mit sich „ins Reine“ zu kommen. Natürlich ist dies nicht möglich, wenn Sie sich vollkommen instabil und verängstigt fühlen. Dann ist es jedoch ratsam, sich die hochkommenden Gefühle und Gedanken für später zu merken. Es hilft, sie aufzuschreiben oder ein Sprachmemo auf dem Smartphone aufzunehmen. Es wird eine Zeit kommen, da die Kraft, sich den eigenen, dunklen Seiten zu nähern, wieder da ist. Bei starken, seelischen Reaktionen brauchen Sie unbedingt psychotherapeutische Hilfe, um den Zeitpunkt für dieses „Face it“ richtig zu wählen. Wird die Konfrontation nämlich zu früh durchgeführt, besteht die Gefahr der Retraumatisierung und der erneuten Destabilisierung. Erfolgt sie zu spät, dann „bleibt alles beim Alten“. Die Psyche kehrt dann ihre Altlasten durch Verdrängung und Ablenkung wieder unter den Teppich.

 

 

Zusammenfassung:

Die Corona-Krise bietet auch Chancen. Sie liegen in der Bewusstwerdung verborgener Konflikte und Aufdeckung neuer Ich-Facetten. Wir müssen uns ihnen allerdings sehr behutsam annähern.

 

 

Corona

 

demaskiert seelische Altlasten

*

fördert den ehrlichen Blick auf uns selbst

*

entlarvt Energieräuber

*

deckt die "wahren Schätze" in uns auf

*

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Das Virus verletzt uns

 

 

 

Natürlich stehen bei einer Infektion zunächst die körperlichen Symptome im Vordergrund. Die Erkrankten haben Schmerzen und unter bestimmten Voraussetzungen ist die Infektion sogar lebensbedrohlich. Selbstverständlich kümmern wir uns zunächst um diese akute Bedrohung. Auch bei einfachen Erkältungen handeln wir nicht anders. Erst auskurieren, dann kommt alles andere. Bereits im Fall einer Erkältung wissen wir, dass uns im Beruf eine Menge Arbeit erwartet, die nachgeholt werden muss. Im Haushalt ist vieles liegen geblieben usw.

Beim SARS-CoV-2 verhalten wir uns nicht anders. Nur eben mehrere „Alarmebenen“ höher. Zunächst muss die körperliche Bedrohung abgewehrt werden. Unter diesem Zeichen stehen alle Maßnahmen, die in der akuten Phase einer solchen Pandemie ergriffen werden. Die Ressourcen werden fast ausschließlich dafür bereitgestellt. Vermögende Länder beschäftigen sich außerdem bereits zu diesem Zeitpunkt mit möglichen wirtschaftlichen Folgen, den Verteilungsfragen und können hierfür finanzielle Mittel vorsehen.

Wenn diese Phase zu Ende geht (bei länger andauernden Pandemien auch schon währenddessen), treten immer mehr die psychischen Folgen der Gesamtsituation in den Vordergrund. Die Anzahl der hiervon Betroffenen ist dabei regelhaft höher als die der akut Infizierten. Denn das Bedrohungserleben betraf ja auch die nicht Erkrankten. Wir können das mit Handgreiflichkeiten auf dem Schulhof vergleichen. Wenn ich unterlegen war und eine (eher harmlose) Ohrfeige oder einen Rempler kassiert habe, dann können die erlebte Demütigung und das Schamgefühl hinterher viel verletzender wirken, als der erlittene, körperliche Schaden. Dann schmerzen quasi die seelischen Folgen mehr als die körperliche Verletzung.