Das denkende Herz der Baracke - Etty Hillesum - E-Book

Das denkende Herz der Baracke E-Book

Etty Hillesum

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Beschreibung

Die Tagebücher der niederländischen Jüdin Etty Hillesum (1914-1943) reichen vom März 1941 bis zu ihrem "Aufruf" in das Durchgangslager Westerbork und ihrem Abtransport nach Auschwitz im Oktober 1943. Dort wird sie ermordet, noch nicht 30 Jahre alt. Etty Hillesum wusste, welches Schicksal sie erwartete. Dennoch spricht aus ihrem Tagebuch ein tiefer Glaube an das Gute in jedem Menschen, Vertrauen in Gott, unerschöpfliche Liebe und unbändige Freude am Leben.

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Seitenzahl: 408

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Niederländische Originalausgabe:

© Etty Hillesum Foundation

Het verstoode leven

First published by Uitgeverij Balans, Amsterdam

Deutsche Erstausgabe:

Verlag F. H. Kerle, Freiburg/Heidelberg 1983

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2022

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Umschlagmotiv und Foto auf Seite 7:

GaHetNa (Nationaal Archief NL),

Gahetna.nl etty hillesum, Gemeinfrei,

(https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41354102)

E-Book Konvertierung: Newgen publishing

ISBN E-Book 978-3-451-82569-9

ISBN Print 978-3-451-39181-1

Inhalt

Aus den Tagebüchern

Briefe aus Westerbork

Brief von Jopie Vleeschouwer

Anmerkung des Verlags:

Die Tagebücher und Briefe wurden von Etty Hillesum in niederländischer Sprache verfasst. Die dabei von ihr verwendeten deutschen Begriffe und Sätze sind in der deutschen Übersetzung kursiv gesetzt.

Aus den Tagebüchern

O Gott, nimm mich in deine große Handund mach mich zu deinem Werkzeug,lass mich schreiben.

4. Juli 1942

Samstag, 9. März. Also dann los! Dies ist ein peinlicher und kaum zu überwindender Augenblick für mich: mein gehemmtes Inneres auf einem unschuldigen Blatt linierten Papiers preiszugeben. Die Gedanken sind manchmal so klar und hell in meinem Kopf und meine Gefühle so tief, aber sie aufzuschreiben will mir noch nicht gelingen. Hauptsächlich liegt es, glaube ich, am Schamgefühl. Große Hemmungen, getraue mich nicht, die Gedanken preiszugeben, frei aus mir herausströmen zu lassen, und doch muss es sein, wenn ich auf die Dauer das Leben rechtschaffen und befriedigend zu Ende bringen will. Wie auch beim Geschlechtsverkehr der letzte befreiende Schrei immer scheu in der Brust stecken bleibt. In erotischer Hinsicht bin ich raffiniert genug, ich würde fast sagen, mit allen Wassern gewaschen, um zu den guten Liebhaberinnen zu gehören, und die Liebe scheint daher auch vollkommen zu sein, bleibt aber doch eine Spielerei um das Wesentliche, und irgendetwas bleibt tief in mir verschlossen. Und so ist es auch mit allem anderen. Intellektuell bin ich so begabt, dass ich alles aufzuspüren, alles in klare Formeln zu fassen vermag; bei vielen Problemen des Lebens mache ich einen sehr überlegenen Eindruck, und dennoch, ganz tief in mir steckt ein geballter Kloß, irgendetwas hält mich fest im Griff, sodass ich manchmal trotz allen klaren Denkens nur ein ängstlicher armer Schlucker bin.

Ich möchte den Augenblick von heute Morgen festhalten, obwohl er mir nun schon fast wieder entglitten ist. Durch klare Gedankenarbeit hatte ich S.1 für einen Augenblick besiegt.

Seine durchsichtigen reinen Augen, sein schwerer sinnlicher Mund, seine stierartig schwere Gestalt mit den federleichten, befreiten Bewegungen. Der Kampf zwischen Materie und Geist, der bei diesem 54-jährigen Mann noch voll im Gange ist. Und wie es scheint, wird mich das Gewicht dieses Streites zermalmen. Ich werde von dieser Persönlichkeit überwältigt und kann mich nicht von ihr befreien; meine eigenen Probleme, die meinem Empfinden nach von fast gleicher Art sind, lasse ich widerstrebend liegen. Es ist natürlich auch wieder ganz anders und lässt sich nicht genau beschreiben; vielleicht ist meine Ehrlichkeit noch nicht unbarmherzig genug, und außerdem fällt es mir nicht leicht, mit Wörtern zum Grund der Dinge vorzudringen.

Erster Eindruck von wenigen Minuten: kein sinnliches Gesicht, unholländisch, ein Typus, der mir dennoch irgendwie vertraut ist, ließ mich an Abrasch denken, war mir trotzdem nicht ganz sympathisch.

Zweiter Eindruck: kluge, unglaublich kluge, uralte graue Augen, die die Aufmerksamkeit eine ganze Zeitlang vom schweren Mund ablenkten, aber doch nicht völlig. Sehr imponierend in seiner Arbeit: das Aufspüren meiner tiefsten Konflikte durch Lesen in meinem zweiten Gesicht: meinen Händen. Irgendwie auch einmal sehr unangenehm berührt: als ich mal nicht aufpasste und glaubte, er spreche über meine Eltern: »Nein, das alles sind Sie, philosophisch, intuitiv begabt und noch allerlei Herrlichkeiten, das alles sind Sie.« Er sagte es auf die Art, wie man einem kleinen Kind einen Keks in die Hand drückt. Bist du jetzt nicht froh? »Ja, alle diese schönen Eigenschaften besitzen Sie, sind Sie denn nicht froh?« Dann ein kurzer Augenblick des Abscheus, irgendwie erniedrigt, möglicherweise auch nur in meinem ästhetischen Gefühl verletzt, jedenfalls war er mir damals recht zuwider. Aber später waren es wieder die bezaubernden menschlichen Augen, die, aus grauer Tiefe suchend, in mir ruhten, Augen, die ich gern küssen möchte. Da ich nun einmal im Zuge bin: es gab noch einen Augenblick am selben Montagmorgen, nun bereits vor ein paar Wochen, dass er mir zuwider war. Seine Schülerin, Fräulein Holm,2 kam vor einigen Jahren zu ihm, vom Scheitel bis zu den Zehen von Ekzem befallen. Wurde seine Patientin. Jetzt geheilt. Sie betet ihn auf irgendeine Weise an, auf welche Weise, kann ich noch nicht herausfinden. In einem gewissen Augenblick trat mein Ehrgeiz in den Vordergrund, der darin bestand, dass ich meine eigenen Probleme lösen wollte. Und Fräulein Holm sagte bedeutungsvoll: »Ein Mensch lebt nicht allein auf der Welt.« Das klang nett und überzeugend. Und dann erzählte sie mir von ihrem Ekzem, das ihren ganzen Körper bedeckt hatte, auch ihr Gesicht. Und S. wandte sich ihr zu und sagte, mit einer Gebärde, die ich nicht mehr genau wiedergeben kann, die mich aber sehr unangenehm berührte: »Und was für einen Teint hat sie jetzt, hm?« Es klang, als spräche er über eine Kuh auf dem Jahrmarkt. Ich weiß nicht warum, aber ich fand ihn damals widerlich, sinnlich, ein bisschen zynisch, und doch war es auch wieder anders.

Und dann am Ende der Sitzung: »Und jetzt fragen wir uns, wie können wir diesem Menschen helfen«, es kann auch sein, dass er sagte: »Diesem Menschen muss geholfen werden.« Und durch die Probe seines Könnens, die er mir gezeigt hatte, war ich bereits von ihm eingenommen und fühlte mich hilfsbedürftig.

Und dann seine Lesung. Ich ging nur hin, um diesen Menschen aus einem gewissen Abstand zu sehen, um ihn aus der Ferne zu prüfen, ehe ich mich mit Seele und Leib an ihn auslieferte. Guter Eindruck. Lesung auf hohem Niveau.

Charmanter Mann. Charmantes Lachen, trotz der vielen falschen Zähne. Bin dann unter den Eindruck einer Art innerlicher Befreiung geraten, die von ihm ausging, von der Weichheit, der Ruhe und der ganz eigenartigen Anmut dieses schweren Körpers. Sein Gesicht war damals wieder ganz anders, es sieht übrigens jedes Mal anders aus; wenn ich allein zu Hause bin, kann ich es mir nicht in die Erinnerung zurückrufen. Alle Teile, die ich kenne, lege ich wie ein Puzzle zusammen, aber es wird kein Ganzes daraus, es bleibt verschwommen vor lauter Widersprüchen. Manchmal sehe ich das Gesicht einen Moment lang scharf vor mir, aber dann fällt es wieder in seine vielen widersprüchlichen Teile auseinander. Das ist sehr quälend.

Zur Lesung waren viele charmante Frauen und junge Mädchen gekommen. Rührend war die Liebe einiger »arischer« Mädchen, die, wie ich spürte, sozusagen greifbar in der Luft lag, für diesen aus Berlin emigrierten Juden, der aus Deutschland hierherkommen musste, um ihnen zu einer gewissen inneren Ordnung zu verhelfen. Im Flur stand ein junges Mädchen:3 schmal, zerbrechlich, ein nicht ganz gesundes Gesichtchen. Im Vorbeigehen, es war gerade Pause, wechselte S. ein paar Worte mit ihr, und sie schenkte ihm ein Lächeln so voller Hingabe, so aus tiefster Seele, so intensiv, dass es mich fast schmerzte. Ein vages Gefühl der Unzufriedenheit stieg in mir auf, ob denn das nun ganz richtig sei, ein Gefühl: dieser Mann stiehlt das Lächeln des jungen Mädchens, alle Gefühle, die dieses Kind ihm entgegenbringt, raubt er einem anderen Mann, der später ihr Mann sein wird. Das ist im Grunde gemein und unehrlich, und er ist ein gefährlicher Mann.

Nächster Besuch. »Ich kann 20 Gulden bezahlen.« »Gut, dann können Sie zwei Monate kommen und ich werde Sie auch später nicht im Stich lassen.«

Da saß ich nun mit meiner »seelischen Verstopfung«. Und er sollte Ordnung in das innere Chaos bringen, die Leitung über die in mir wirkenden widersprüchlichen inneren Kräfte übernehmen. Er nahm mich sozusagen an die Hand und sagte, schau her, so musst du leben. Mein Leben lang hatte ich das Gefühl: Käme doch nur jemand, der mich an die Hand nähme und sich mit mir befasste; ich scheine tüchtig zu sein und mache alles allein, aber ich würde mich so schrecklich gern ausliefern. Und genau das tat nun dieser wildfremde Herr S. mit seinem komplizierten Gesicht und hatte, trotz allem, schon in einer Woche Wunder bei mir bewirkt. Gymnastik, Atemübungen, erhellende, erlösende Worte über meine Depressionen, mein Verhältnis zu anderen usw. Und ich lebte plötzlich anders, befreiter, »fließender«, das Gefühl der Verstopfung verschwand, im Inneren stellte sich eine gewisse Ordnung und Ruhe ein, vorläufig alles noch unter dem Einfluss seiner magischen Persönlichkeit, aber das muss noch psychisch fundiert und bewusstgemacht werden.

Aber jetzt. »Körper und Seele sind eins.« Sicherlich aus diesem Grund begann er in einem Ringkampf meine Körperkräfte zu messen. Wie sich herausstellte, waren sie ziemlich groß. Und dann geschah das Merkwürdige, dass ich diesen großen Kerl zu Boden warf. Meine ganze innere Spannung und zusammengeballte Kraft brach los, und da lag er, körperlich, und wie er mir später erzählte, auch psychisch zu Boden geworfen. Das war ihm noch nie passiert. Er verstand nicht, wie ich das fertiggebracht hatte. Seine Lippe blutete. Ich durfte sie mit Kölnischwasser abtupfen. Eine unheimlich vertrauliche Angelegenheit. Aber er war so »frei«, so arglos, offen und ungekünstelt in seinen Bewegungen, auch als wir zusammen über den Boden rollten, und auch als ich, in seine Arme gezwängt, endlich gezähmt, steif unter ihm lag, blieb er »sachlich«, sauber, wogegen ich mich einen Augenblick lang der körperlichen Anziehung überließ, die er auf mich ausübte. Aber noch war es gut, für mich neu und unerwartet und auch ein wenig befreiend, dieses Ringen, obwohl es später stark auf meine Fantasie einwirkte.

Sonntagabend im Badezimmer. Ich bin jetzt innerlich ganz und gar sauber. Heute Abend hat seine Stimme durch das Telefon meinen Körper noch in völlige Aufruhr versetzt. Aber ich habe wie ein Landsknecht vor mich hin geflucht und mir vorgehalten, dass ich doch kein hysterischer Backfisch mehr sei. Und plötzlich konnte ich die Mönche verstehen, die sich selber geißeln, um das sündige Fleisch zu töten. Es war ein heftiger Kampf gegen mich selbst, ich war wie von Sinnen, danach große Heiterkeit und Ruhe. Und jetzt fühle ich mich herrlich blitzblank im Inneren. S. ist wieder einmal zum soundsovielten Mal besiegt. Wird es lange dauern? Ich bin nicht in ihn verliebt und liebe ihn nicht, aber ich spüre irgendwie seine Persönlichkeit, die noch nicht »fertig«, noch mit sich selbst im Widerstreit ist, schwer auf mir lasten. Mehr nicht im Augenblick. Ich sehe ihn jetzt aus einiger Entfernung: ein lebender, kämpfender Mensch mit Urkräften in sich, und doch auch wieder vergeistigt, mit durchsichtigen Augen und sinnlichem Mund.

Der Tag fing so gut an, mein Kopf war hell und klar, darüber muss ich später noch schreiben, später eine schwere Depression, ein Druck um meinen Schädel, den ich nicht los wurde und schwere Gedanken, viel zu schwer für mein Gefühl, und danach die Leere des Warum, aber auch dagegen muss gekämpft werden.

»Melodisch rollt die Welt aus Gottes Hand«, diese Worte von Verwey gingen mir den ganzen Tag nicht aus dem Sinn. Ich würde gern selbst melodisch aus Gottes Hand rollen. Und jetzt gute Nacht.

Montagmorgen, 9 Uhr. Mädchen, Mädchen, jetzt wird gearbeitet, oder ich schlag dich tot. Und nicht denken, ich habe jetzt ein wenig Kopfschmerzen und mir ist etwas übel und deshalb will es nicht so recht. Das ist höchst ungehörig. Du hast zu arbeiten und damit aus. Und keinerlei Fantasien, »großartige« Gedanken und gewaltige Intuitionen; ein Thema bearbeiten, Wörter suchen ist viel wichtiger. Denn das muss ich noch lernen, dazu muss ich mich noch durchringen: alle Fantasien und Träumereien mit Gewalt aus dem Gehirn verbannen und mich innerlich leerfegen, sodass für die kleinen und großen Dinge des Studiums Platz frei wird. Eigentlich habe ich noch nie gut gearbeitet. Es ist wiederum dasselbe wie mit der Sexualität. Wenn jemand Eindruck auf mich macht, kann ich tage- und nächtelang in erotischen Fantasien schwelgen; ich glaube, dass mir dabei kaum bewusst wird, wie viel Energie dies verschlingt, und wenn es dann tatsächlich zu einem Kontakt kommt, ist die Enttäuschung groß. Meine Vorstellungskraft ist zu ausschweifend, die Realität reicht nicht an sie heran. So war es auch das eine Mal mit S. Ich hatte mir zuvor eine ganz bestimmte Vorstellung von dem Besuch bei ihm gemacht und ging in einer Art Freudenrausch hin, mit einem Turnanzug unter meinem Wollkleid. Aber es kam alles anders. Er war wieder sachlich und sehr weit entfernt, sodass ich sofort erstarrte. Und die Gymnastik taugte auch nichts. Als ich in meinem Turnanzug dastand, sahen wir beide so verlegen drein wie Adam und Eva, nachdem sie den Apfel gegessen hatten. Und er zog die Gardinen zu und schloss die Tür ab, aber die einfache Freiheit seiner Bewegungen war dahin, und ich wäre am liebsten heulend davongerannt, so abscheulich fand ich es, und als wir über den Boden rollten, klammerte ich mich an ihm fest, sinnlich und mich doch dagegen sträubend, und seine Bewegungen waren in einem gewissen Augenblick auch nicht gerade keusch, ich fand alles ekelhaft. Und wenn ich zuvor nicht diese Fantasien gehabt hätte, wäre sicherlich alles anders gekommen. Es gab plötzlich einen gewaltigen Zusammenprall zwischen meiner ausschweifenden Fantasie und der ernüchternden Wirklichkeit, die zu einem verlegenen Mann zusammenschrumpfte, der, nachdem alles vorbei war, ein zerdrücktes Hemd in die Hose stopfte und schwitzte.

Und so ist es auch mit meiner Arbeit. Manchmal kann ich plötzlich einen bestimmten Stoff ganz klar und scharf durchschauen und durchdenken, mit großen, vagen, kaum fassbaren Gedanken, sodass mich auf einmal ein heftiges Gefühl meiner eigenen Bedeutsamkeit überkommt. Aber wenn ich versuchen wollte, die Gedanken aufzuschreiben, würden sie zu einem Nichts zusammenschrumpfen, und deshalb habe ich nicht den Mut, sie aufzuschreiben, da ich vermutlich zu sehr enttäuscht wäre über den belanglosen Aufsatz, der dabei zustande käme.

Aber eines lass dir jetzt gesagt sein, Mädchen, die Konkretisierung deiner großen vagen Ideen kann dir gestohlen bleiben. Der kleinste, belangloseste Aufsatz, den du aufschreibst, ist wichtiger als die Flut der großartigen Ideen, in denen du schwelgst. Natürlich darfst du deine Ahnungen und deine Intuition behalten, das ist ein Brunnen, aus dem du schöpfst, aber pass auf, dass du nicht in dem Brunnen ersäufst. Organisiere die Sache ein bisschen, treibe ein wenig mentale Hygiene. Deine Fantasie, deine innere Aufregung usw. ist der große Ozean, dem du kleine Stücke Land abringen musst, die später vielleicht wieder überflutet werden. So ein Ozean ist überaus großartig und elementar, aber es geht um die kleinen Landstücke, die du erobern musst. Das Thema, an das du jetzt herangehst, ist wichtiger als die gewaltigen Gedanken über Tolstoi und Napoleon, die dir kürzlich mitten in der Nacht einfielen, und die Stunde, die du am Freitagabend jenem fleißigen Mädchen gibst, ist wichtiger als alle Philosophie, die du ins Blaue betreibst. Halte dir das verdammt gut vor Augen. Überschätze deine innere Erregung nicht, du fühlst dich dadurch leicht zu etwas Höherem auserkoren und hältst dich für mehr als die anderen sog. »alltäglichen« Menschen, von deren Innenleben du im Grunde nichts weißt, aber du bist ein Waschlappen und eine bloße Null, wenn du weiterschwelgst und deine innere Bewegtheit im Nachhinein auskostet.

Halte das Festland vor Augen und plätschere nicht hilflos im Ozean herum! Und jetzt zum Thema!

Mittwochabend. (…) Meine prolongierten Kopfschmerzen: Masochismus; mein ausuferndes Mitleid: Lustgefühl.

Mitleid kann schöpferisch sein, es kann einen aber auch aufzehren. Sich an großen Gefühlen berauschen: Sachlichkeit ist besser. Ansprüche an die Eltern. Man muss die Eltern als Menschen mit einem eigenen abgeschlossenen Schicksal betrachten. Wunsch, die ekstatischen Augenblicke hinauszuziehen, unrichtig. Natürlich sehr gut begreiflich: Man hat eine Stunde sehr starken geistigen oder seelischen Erlebens durchlebt, danach folgt natürlich eine Depression. Ich pflegte mich über eine solche Depression zu ärgern, fühlte mich müde und wünschte immer wieder den »gesteigerten« Augenblick zurück, statt den alltäglichen Dingen nachzugehn. Schreibe »Ehrgeiz«. Was auf das Papier kommt, muss sofort vollkommen sein, die tägliche Arbeit daran will ich nicht verrichten. Bin auch nicht überzeugt von meiner eigenen Begabung, das Gefühl ist noch nicht organisch in mir gewachsen, in fast ekstatischen Momenten halte ich mich zu Wunder was imstande, um danach wieder in den tiefsten Schlund der Unsicherheit zu versinken. Das kommt daher, dass ich nicht täglich und regelmäßig an dem arbeite, worin, wie ich glaube, meine Begabung liegt: dem Schreiben.

Theoretisch weiß ich es schon lange; vor einigen Jahren habe ich einmal auf einen Papierfetzen geschrieben: Die Gnade muss bei ihren seltenen Besuchen eine gut vorbereitete Technik vorfinden. Aber das ist ein Satz, der meinem Kopf entsprungen ist und der noch immer nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist. Sollte nun wirklich eine neue Phase in meinem Leben begonnen haben? Aber schon das Fragezeichen ist falsch. Es beginnt eine neue Phase! Der Kampf ist bereits in vollem Gang. Kampf ist in diesem Augenblick auch nicht das richtige Wort, im Augenblick fühle ich mich innerlich so wohl und harmonisch, so durch und durch gesund; besser also: die Bewusstwerdung ist in vollem Gang, und alles, was bis dahin in tadellos ausgearbeiteten theoretischen Formulierungen in meinem Kopf steckte, soll nun auch in mein Herz übergehen und zu Fleisch und Blut werden. Und danach muss noch die übergroße Bewusstheit verschwinden, jetzt genieße ich den Übergangszustand noch zu sehr, alles muss noch selbstverständlicher und einfacher werden, und schließlich wird man womöglich irgendwann noch ein erwachsener Mensch mit der Fähigkeit, anderen Sterblichen auf dieser Erde in ihren Schwierigkeiten beizustehen und durch sein Werk für andere Klarheit zu schaffen, denn darum geht es doch auch.

15. März, morgens halb 10. (…) Gestern Mittag lasen wir zusammen die Aufzeichnungen durch, die er mir mitgegeben hatte. Und als wir zu den Worten kamen: Es würde aber schon genügen, wenn es nur einen Menschen gäbe, der wert ist, »Mensch« zu heißen, um an den Menschen, an die Menschheit zu glauben, da schloss ich ihn in einer spontanen Aufwallung kurz in meine Arme. Das ist das Problem unserer Zeit. Der große Hass gegen die Deutschen, der das eigene Gemüt vergiftet. Sollen sie doch alle ersaufen, das Pack, vergasen sollte man sie; solche Äußerungen gehören zur täglichen Konversation und geben einem manchmal das Gefühl, dass es nicht mehr möglich ist, in dieser Zeit zu leben. Bis mir vor einigen Wochen plötzlich der erlösende Gedanke kam, der wie ein zögernder junger Grashalm in einer Wüste voll Unkraut emporschoss: Und sollte es nur noch einen einzigen anständigen Deutschen geben, dann wäre dieser es wert, in Schutz genommen zu werden gegen die ganze barbarische Horde, und um dieses einen anständigen Deutschen willen dürfe man seinen Hass nicht über ein ganzes Volk ausgießen.

Das heißt nicht, dass man gegenüber gewissen Strömungen gleichgültig ist, man nimmt Stellung, entrüstet sich zu gegebener Zeit über gewisse Dinge, man versucht Einsicht zu gewinnen, aber das schlimmste von allem ist der undifferenzierte Hass. Er ist eine Krankheit der Seele. Hass liegt nicht in meinem Charakter. Sollte ich in dieser Zeit dahin gelangen, dass ich wirklich zu hassen anfange, dann wäre ich in meiner Seele verwundet und müsste danach streben, so rasch wie möglich Genesung zu finden. Früher lag der Konflikt meiner Meinung nach woanders, wenn auch zu sehr an der Oberfläche. Wenn der aufreibende Widerstreit zwischen meinem Hass und meinen anderen Gefühlen erneut ausbrach, glaubte ich, dieser Streit finde statt zwischen meinen Urinstinkten als einer vom Untergang bedrohten Jüdin und meinen angelernten sozialistischen Ideen, die mich gelehrt haben, ein Volk nicht in seiner Gesamtheit zu betrachten, sondern zum überwiegenden Teil als irregeführt durch eine üble Minderheit. Also ein Urinstinkt gegen eine rationale Gewohnheit.

Aber der Konflikt liegt tiefer. Der Sozialismus lässt durch ein Hintertürchen doch wieder den Hass gegen alles ein, was nicht sozialistisch ist. Das ist grob ausgedrückt, aber ich weiß, was ich damit sagen will. Ich habe es mir in letzter Zeit zur Aufgabe gemacht, die Harmonie in dieser Familie, die so widersprüchliche Elemente enthält, zu bewahren: eine deutsche Frau,4 Christin, von bäurischer Abstammung, die rührend wie eine zweite Mutter für mich sorgt; eine jüdische Studentin aus Amsterdam; ein bedächtiger alter Sozialdemokrat, der Spießbürger Bernard, mit klaren Empfindungen und einer gehörigen Portion Verständnis, aber durch sein »Spießbürgertum«, aus dem er hervorgegangen ist, beschränkt, und ein junger Ökonomiestudent, rechtschaffen, ein guter Christ, mit aller Sanftmut und allem Verständnis, aber auch aller Streitbarkeit und dem Anstand der Christen, die man heutzutage kennenlernt. Dies war und ist eine wirbelnde, kleine Welt, von außen bedroht durch die Politik, die sie im Inneren zerstört. Aber es erscheint mir eine Aufgabe, diese kleine Gemeinschaft zu erhalten als Beweis gegen all die krampfhaften und übersteigerten Theorien von Rasse, Volk usw. Als Beweis dafür, dass sich das Leben nicht in ein bestimmtes Schema pressen lässt. Aber es kostet viel innere Kämpfe und Verdruss, viel sich gegenseitig zugefügten Schmerz, Aufregung und Reue usw. Wenn mich beim Zeitunglesen oder bei einer Nachricht von draußen plötzlich der Hass überkommt, dann sprudeln die Schimpfwörter gegen die Deutschen nur so aus mir heraus. Und mir ist klar, dass ich das absichtlich tue, um Käthe zu kränken, um den Hass irgendwie abzureagieren, und sei es nur gegenüber dieser wunderbaren Frau, von der ich weiß, dass sie ihr Geburtsland liebt, was vollkommen natürlich und verständlich ist. Und trotzdem kann ich nicht ertragen, dass sie es in diesem Augenblick nicht so sehr hasst wie ich, ich möchte mich sozusagen mit allen meinen Mitmenschen in diesem Hass einig wissen. Obwohl ich doch weiß, dass sie die neue Mentalität genauso verabscheut wie ich und ebenso schwer unter den Exzessen ihres Volkes leidet. Innerlich ist sie natürlich mit diesem Volk verbunden, das fühle ich, ertrage es aber in dem Augenblick nicht; das ganze Volk soll und muss mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, und dann kann ich so gehässig sagen: Ein Pack ist es, obwohl ich mich dabei zu Tode schäme. Und später fühle ich mich zutiefst unglücklich, kann mich nicht beruhigen und habe das Gefühl, dass alles völlig verkehrt ist. Und dann wiederum ist es wirklich sehr rührend, wenn wir von Zeit zu Zeit ganz freundlich und ermutigend zu Käthe sagen: »Ja, natürlich, es gibt auch anständige Deutsche, die Soldaten können ja schließlich auch nichts dafür, es gibt ganz nette Burschen unter ihnen.« Aber das ist nur eine Theorie, um den Widerwillen mit einigen freundlichen Worten zu bemänteln. Denn wenn wir das wirklich fühlten, hätten wir es nicht nötig, es so ausdrücklich zu formulieren, dann würde das Gefühl uns gemeinsam beseelen, die deutsche Bäuerin ebenso wie die jüdischen Studenten; dann könnten wir uns über das schöne Wetter und die Gemüsesuppe unterhalten, statt uns mit politischen Gesprächen abzuquälen, die einzig und allein dazu dienen, unseren Hass loszuwerden. Denn das Nachdenken über die Politik, der Versuch, sie in großen Linien zu erkennen und zu ergründen, was dahinter steckt, kommt in den Gesprächen kaum mehr zum Ausdruck, es bleibt alles sehr oberflächlich, und deshalb hat man kaum noch Spaß an der Unterhaltung mit seinen Mitmenschen, und deshalb ist S. die Oase in einer Wüste, und deshalb schloss ich ihn so plötzlich in meine Arme.

Hierüber wäre noch viel zu sagen, doch jetzt muss ich wieder an meine Arbeit denken, zuerst aber mal kurz an die frische Luft.

Sonntag, 11 Uhr. (…) Die Hierarchie in meinem Leben hat sich ein wenig verändert. »Früher« begann ich auf nüchternen Magen am liebsten mit Dostojewski oder Hegel, und in einem verlorenen, nervösen Augenblick stopfte ich hie und da auch mal einen Strumpf, wenn es gar nicht anders ging. Jetzt beginne ich den Tag im wahrsten Sinn des Wortes mit den Strümpfen und hangele mich allmählich über die anderen notwendigen Tagesverrichtungen zum Gipfel, wo ich den Dichtern und Denkern wieder begegne. Das Pathetische in meiner Ausdrucksweise werde ich mir noch mühsam abgewöhnen müssen, wenn ich irgendwann etwas Ordentliches veröffentlichen will, aber der eigentliche Grund ist meine Faulheit, nach den passenden Wörtern zu suchen.

Halb 1, nach dem Spaziergang, der bereits zur schönen Tradition geworden ist. Dienstagmorgen, während des Studiums von Lermontow, habe ich geschrieben, dass der Kopf von S. immer hinter Lermontow auftauchte und dass ich zu diesem teuren Gesicht sprechen, es streicheln möchte und deshalb nicht arbeiten konnte. Das ist nun schon sehr lange her. Es ist alles wieder ein bisschen anders geworden. Auch jetzt ist sein Kopf immer da, wenn ich arbeite, aber er lenkt mich nicht mehr ab, er ist zu einer vertrauten, teuren Landschaft im Hintergrund geworden; die Züge sind verschwommen, ich sehe das Gesicht nicht mehr deutlich, es hat sich zur Erscheinung, zu Geist oder wie immer man es nennen will, aufgelöst. Und hier bin ich auf etwas Wesentliches gestoßen.

Wenn ich eine Blume schön fand, so hätte ich sie am liebsten an mich gedrückt oder aufgegessen. Wenn das schöne Stück Natur größer war, war es schwieriger, aber das Gefühl war dasselbe. Ich war zu sinnlich, ich möchte fast sagen, zu sehr aufs »Habenwollen« eingestellt. Nach dem, was ich schön fand, hatte ich ein zu großes körperliches Verlangen, ich wollte es besitzen. Darum immer das schmerzliche Gefühl der Sehnsucht, die nie zu befriedigen war, das Heimweh nach etwas, das mir unerreichbar erschien, und das nannte ich dann Schöpfungsdrang. Ich glaube, diese starken Gefühle waren es, die mich auf den Gedanken brachten, ich sei geboren, um Kunstwerke zu schaffen. Das hat sich plötzlich geändert, ich weiß nicht durch was für einen inneren Prozess, aber es ist anders geworden. Das wurde mir erst heute Morgen klar, als ich an den Spaziergang um das Eisklubfeld vor ein paar Abenden zurückdachte. Ich spazierte durch die Dämmerung: zarte Farbtöne in der Luft, geheimnisvolle Silhouetten von Häusern, von lebenden Bäumen mit ihrem durchsichtigen Geäst, mit einem Wort herrlich. Und ich weiß genau, wie mir »früher« zumute war. Damals fand ich es so schön, dass mein Herz zu schmerzen begann. Damals litt ich unter der Schönheit und wusste nicht, was ich damit anfangen sollte. Dann überkam mich das Bedürfnis zu schreiben, zu dichten, aber die Wörter wollten sich doch nie einstellen, und ich fühlte mich todunglücklich. Ich schwelgte geradezu in einer solchen Landschaft und erschöpfte mich dadurch. Es kostete mich unendlich viel Energie. Ich würde das jetzt als Onanie bezeichnen.

Aber neulich an dem Abend reagierte ich anders. Ich gewahrte mit Freude, wie schön Gottes Welt trotz allem ist. Ich genoss die geheimnisvolle, stille Landschaft in der Dämmerung zwar intensiv, aber sozusagen sachlicher. Ich wollte sie nicht mehr »haben«. Und gestärkt ging ich wieder nach Hause und an die Arbeit. Die Landschaft blieb da, im Hintergrund, wie ein Kleid meiner Seele, um mich einmal bildschön auszudrücken, aber sie störte mich nicht, d. h., ich trieb keine »Onanie« mehr mit ihr. Und so ist es auch mit S., übrigens mit allen Menschen. Während jener Krise an dem Nachmittag, als ich ihn so erstarrt und verkrampft anblickte und kein Wort herausbrachte, handelte es sich vermutlich auch um ein Gefühl des »Habenwollens«. Er hatte mir an dem Nachmittag das eine und andere aus seinem Privatleben erzählt. Von seiner geschiedenen Frau, mit der er immer noch korrespondiert, von seiner Freundin in London, die er heiraten will, die aber nun in London »einsam ist und leidet«, von einer früheren Freundin, einer bildschönen Sängerin, mit der er ebenfalls korrespondiert. Danach hatten wir wieder miteinander gerungen, und ich hatte ganz stark den Einfluss seines großen, anziehenden Körpers gespürt.

Und als ich ihm wieder gegenübersaß und verstummte, ging vielleicht etwas Ähnliches in mir vor, wie wenn ich durch eine Landschaft wandere, die mich beeindruckt. Ich wollte ihn »haben«. Ich wollte, dass er auch mir gehöre. Obwohl ich kein Verlangen nach ihm als Mann hatte, sexuell zieht er mich im Grunde kaum an, wenn auch immer Spannungen im Hintergrund vorhanden sind, aber er hat mich tief in meinem Wesen berührt, und das ist wichtiger. Ich wollte ihn also auf die eine oder andere Weise besitzen und hasste alle Frauen, von denen er mir erzählt hatte, und war eifersüchtig auf sie, und ich dachte, wenn auch nicht bewusst, vielleicht bin jetzt ich an der Reihe und fühlte dabei doch, dass er sich mir entzog. Es waren eigentlich durchaus kleinbürgerliche Gefühle, keineswegs auf hohem Niveau. Aber das wird mir erst jetzt bewusst. Damals war ich todunglücklich und einsam, ein für mich jetzt auch sehr verständliches Gefühl, und ich hatte wieder den Wunsch, ihn sofort zu verlassen und zu schreiben. Das »Schreiben« verstehe ich, glaube ich, jetzt auch. Es ist eine andere Art von »Besitzen«, es bedeutet, die Dinge mit Wörtern und Bildern an sich heranzuholen und sie auf diese Weise dennoch zu besitzen. Und das war, glaube ich, bis jetzt das Wesentliche in meinem Drang zu schreiben: mich still vor der Welt zu verkriechen mit allen Schätzen, die ich gesammelt habe, und alles aufzuschreiben, für mich selbst festzuhalten und es auf diese Weise zu genießen. Und dieses Habenwollen, so kann ich es mir selbst noch am besten deutlich machen, ist plötzlich von mir abgefallen. Tausend beengende Fesseln sind zerrissen, und ich atme befreit, ich fühle mich stark und schaue mich mit strahlenden Augen um. Und jetzt, da ich nichts mehr besitzen will und frei bin, jetzt besitze ich alles, jetzt ist mein innerer Reichtum unermesslich.

S. gehört mir nun ganz, und sollte er morgen nach China reisen; ich fühle seine Nähe und lebe in seiner Sphäre, und wenn ich ihn am Mittwoch sehe, so freue ich mich, aber ich zähle nicht so verbissen die Tage wie vorige Woche. Und ich frage Han5 nicht mehr hundertmal am Tag: »Hast du mich noch lieb?« »Hast du mich noch wirklich lieb?« und »Finden mich denn nicht alle Menschen liebenswert?« Das war auch wieder eine Art Festklammern, ein körperliches Festklammern an nichtkörperlichen Dingen. Und jetzt lebe und atme ich gleichsam durch meine »Seele«, wenn ich dieses in Misskredit geratene Wort überhaupt gebrauchen darf.

Und jetzt werden mir die Worte von S. während meines ersten Besuches bei ihm klar. »Was hier sitzt (und er zeigte auf seinen Kopf), muss von da kommen (und dabei zeigte er auf sein Herz).« Es war mir damals nicht so recht klar, wie der Prozess vor sich gehen sollte, aber es ist geschehen, wie, kann ich nicht wiedergeben. Er hat auch jene Dinge an den richtigen Platz gerückt, die bereits in meinem Wesen vorhanden waren. Es ist wie bei einem Puzzle, die Teilchen lagen alle durcheinander, und er hat sie zu einem sinnvollen Ganzen zusammengefügt; wie er das gemacht hat, weiß ich nicht, das ist seine Sache, es ist sozusagen sein Beruf, und man spricht nicht umsonst von ihm als von einer »magischen Persönlichkeit«.

Mittwoch. (…) Ich ertappe mich dabei, dass ich ein Bedürfnis nach Musik habe. Ich scheine nicht unmusikalisch zu sein, bin immer sehr ergriffen, wenn ich gelegentlich Musik höre, habe aber nie die Geduld aufgebracht, mich extra dazu hinzusetzen. Mein Interesse hat sich bisher immer der Literatur und dem Theater zugewandt, also Gebieten, wo ich selber mitdenken kann, und jetzt beginnt in dieser Phase meines Lebens die Musik ihr Recht zu fordern; ich werde demnach wieder fähig, mich einer Sache hinzugeben und mich selbst auszuschalten. Und es sind vor allem die klaren und ernsthaften Klassiker, nach denen es mich verlangt, und nicht die Zerrissenheit der Modernen.

Abends 9 Uhr. Gott, stehe mir bei und gib mir Kraft, denn der Kampf wird schwer werden. Sein Mund und sein Körper waren mir heute Nachmittag so nahe, dass ich sie nicht vergessen kann. Und ich will kein Verhältnis mit ihm. Es läuft zwar sehr darauf hinaus, aber ich will es nicht. Seine zukünftige Frau lebt in London, ist einsam und wartet auf ihn. Und die Bande, die mich binden, sind mir gleichfalls teuer. Nun, da ich allmählich »gesammelt« werde, fühle ich, dass ich eigentlich ein sehr ernsthafter Mensch bin, der auf dem Gebiet der Liebe keinen Spaß versteht. Was ich will, ist ein einziger Mann fürs ganze Leben, mit ihm zusammen etwas aufbauen. Und all die vielen Abenteuer und Affären haben mich im Grunde nur unglücklich gemacht und innerlich zerrissen. Die Kraft jedoch, mich dagegen zu wehren, war nie bewusst und niemals groß genug; die Neugier war immer größer. Aber nun, da die Kräfte sich in mir konzentriert haben, beginnen sie auch meine Abenteuerlust und meine erotische Neugier, die sich vielen zuwendet, zu bekämpfen. Es ist eigentlich doch nur eine Spielerei, und man vermag intuitiv zu fühlen, wie jemand innerlich beschaffen ist, auch ohne ein Verhältnis mit ihm zu haben. Aber Himmel! jetzt wird es schwierig. Sein Mund war so vertraut und lieb und mir heute Nachmittag so nahe, dass ich ihn zart mit meinen Lippen berühren musste. Und das sachlich begonnene Ringen endete damit, dass wir einer in des andern Armen ausruhten. Er hat mich nicht geküsst, nur einmal kurz kräftig in die Wange gebissen, aber am unvergesslichsten war für mich, als er sich plötzlich besann und ganz schüchtern, fast peinlich schüchtern und mit ängstlicher Erwartung fragte: »Und der Mund, fanden Sie den Mund nicht unangenehm?« Das also ist sein schwacher Punkt. Der Kampf gegen seine Sinnlichkeit, die sich in dem schweren, wunderbar ausdrucksvollen Mund manifestiert. Und die Furcht, anderen mit diesem Mund Angst einzujagen. Ein rührender Bursche. Aber meine Ruhe ist hin. Und dann sagte er auch noch: »Aber der Mund muss immer noch kleiner werden.« Und er zeigte auf die rechte Seite seiner Unterlippe, die sehr merkwürdig aus dem Mundwinkel hervorspringt und einen großen Bogen beschreibt; ein Stückchen Lippe, das aus dem Zusammenhang geraten ist: »Haben Sie schon mal so etwas Eigensinniges gesehen, das findet man fast nie.« Ich habe mir seine Worte nicht genau gemerkt. Danach habe ich wieder sehr sanft mit meinen Lippen das eigensinnige Stückchen seines Mundes gestreift. Richtig geküsst habe ich ihn noch nicht. Es ist meinerseits noch keine richtige Leidenschaft, obwohl er mir unendlich teuer ist, und das tiefe menschliche Gefühl, das ich für ihn empfinde, möchte ich nicht durch ein Verhältnis trüben.

Freitag, 21. März, morgens halb 9. Eigentlich möchte ich jetzt überhaupt nicht schreiben, denn ich fühle mich so leicht und strahlend und innerlich froh, dass jedes Wort, verglichen damit, bleischwer erscheint. Und doch habe ich heute Morgen die innere Fröhlichkeit einem gejagten, unruhig schlagenden Herzen abringen müssen. Nachdem ich mich ganz mit eiskaltem Wasser abgewaschen hatte, bin ich so lange auf dem Boden im Badezimmer liegen geblieben, bis ich ganz ruhig wurde. Ich bin geworden, was man als »kampfbereit« bezeichnet, und finde ein gewisses sportliches und aufregendes Vergnügen an diesem »Kampf«. (…)

Das ungewisse, beängstigende Gefühl in mir muss ich noch niederzwingen. Das Leben ist in der Tat schwer, ein Kampf von Minute zu Minute (jetzt nicht übertreiben, Liebste!), aber der Kampf ist verlockend. Früher blickte ich in eine chaotische Zukunft, da ich den Augenblick unmittelbar vor mir nicht wahrhaben wollte. Ich wollte alles geschenkt bekommen wie ein verwöhntes Kind. Manchmal hatte ich ein gewisses, wenn auch sehr vages Gefühl, dass ich in der Zukunft »etwas werden könne«, etwas »Gewaltiges« vollbringen werde, und hin und wieder die chaotische Angst, dass ich »doch wohl vor die Hunde gehen werde«. Ich begreife allmählich, woher das kommt. Ich weigerte mich, die unmittelbar vor mir liegenden Aufgaben anzugehen, ich weigerte mich, stufenweise in die Zukunft hinaufzusteigen. Und jetzt, da jede Minute voll ist, randvoll mit Leben und Erleben, mit Kampf und Sieg und Niederlage, und dann nochmals Kampf und selten Ruhe, jetzt denke ich nicht mehr an die Zukunft, das heißt, es ist mir gleichgültig, ob ich nun etwas Gewaltiges vollbringe oder nicht, weil ich im Inneren sicher bin, dass irgendetwas daraus hervorgehen wird. Früher lebte ich immer in einem Vorbereitungsstadium, ich hatte das Gefühl, dass alles, was ich tat, noch nicht das »Richtige« sei, sondern nur Vorbereitung zu etwas anderem, etwas »Großem«, etwas Richtigem. Aber das ist nun völlig von mir abgefallen. Ich lebe jetzt, heute, in dieser Minute, ich lebe voll und ganz, und das Leben ist es wert, gelebt zu werden; und wenn ich wüsste, dass ich morgen sterben müsste, würde ich sagen: Das ist zwar sehr schade, aber es war gut, so wie es gewesen ist. Das habe ich zwar schon einmal theoretisch verkündet, ich weiß noch, es war an einem Sommerabend mit Frans auf der Terrasse bei Reijnders. Aber damals sagte ich es mehr aus Resignation. So in dem Sinn: Ach, weißt du, wenn morgen alles vorbei wäre, würde ich mich kaum aufregen, denn wir wissen doch nun, worauf alles hinausläuft. Wir kennen das Leben, wir haben alles erlebt, und sei es auch nur in der Vorstellung, und klammern uns nicht mehr krampfhaft an dieses Leben. In dem Tonfall etwa, glaube ich. Wir waren sehr alte, weise und erschöpfte Menschen. Aber das hat sich jetzt geändert. Und nun an die Arbeit.

Samstag, abends 8 Uhr. (…) Ich muss darauf achten, dass ich mit diesem Heft in Kontakt bleibe, d. h. mit mir selbst, sonst ergeht es mir übel, ich bin jeden Augenblick in Gefahr, mich ganz zu verlieren und zu verirren, so kommt es mir jetzt wenigstens vor, aber das kann auch von der Ermüdung herrühren.

Sonntag, 23. März, 4 Uhr. Es ist alles wieder verworren. Ich will etwas und weiß nicht, was. Alles in meinem Inneren ist wieder fragwürdig, unruhig und aufgewühlt. Und der Kopf straff gespannt vor Schmerzen. Mit einem gewissen Neid erinnere ich mich an die beiden vorigen Sonntage: Die Tage lagen wie offene, weite Ebenen vor mir, ich konnte frei über die Ebenen schreiten, durch weite Tage mit ungehinderter Aussicht. Und jetzt sitze ich wieder mitten im Gebüsch.

Es begann schon gestern Abend; die Unruhe fing an, aus mir aufzusteigen wie Dünste aus einem Sumpf.

Ich wollte mich zuerst mit Philosophie beschäftigen, oder nein, doch lieber mit dem Essay über »Krieg und Frieden«, oder nein, Alfred Adler passt besser zu meiner Stimmung. Und so bin ich schließlich bei der Hinduistischen Liebesgeschichte gelandet. Es war jedoch eher ein Ankämpfen gegen eine natürliche Müdigkeit, der ich mich schließlich mit weiser Einsicht überlassen habe. Und heute Morgen ließ sich zunächst alles gut an. Aber als ich dann über den Apollolaan radelte, war wieder das Suchende, das Unzufriedene da, das Gefühl der Leere hinter den Dingen, das Nichterfülltsein vom Leben und das Grübeln ohne Ziel und Zweck. Im Augenblick stecke ich im Sumpf. Und dabei dennoch die Überlegung: Na ja, das geht auch vorbei, auch wenn es für diesmal keine Ruhe bringt.

Montagmorgen, halb 10. Etwas später, nur rasch eine Anmerkung zwischen zwei Sätzen meines Themas. (…) Es ist komisch, aber er bleibt für mich doch irgendwie ein Fremder. Wenn er mal kurz mit seiner großen, warmen Hand mein Gesicht streichelt oder ab und zu mit einer unnachahmlichen Gebärde meine Augenwimpern mit den Fingerspitzen berührt, dann entsteht in mir hinterher eine aufsässige Reaktion: Wer sagt dir, dass du das so einfach tun darfst, wer gibt dir das Recht, meinen Körper zu berühren? Ich glaube, ich kenne jetzt die Ursache. Als wir das erste Mal miteinander rangen, empfand ich das als lustig, sportlich, wenn auch etwas überraschend, ich war gleich »im Bilde« und dachte: Oh, das gehört sicher zur Behandlung. Und so war es auch, als er hinterher ganz nüchtern feststellte: »Körper und Seele sind eins.« Ich fühlte mich damals zwar erotisch angezogen, aber er blieb so sachlich, dass ich mich rasch wieder fasste. Und als wir hinterher einander gegenübersaßen, fragte er: »Hören Sie, das regt Sie doch hoffentlich nicht auf, denn letzten Endes werde ich Sie doch überall berühren«, und zur Verdeutlichung berührte er mit den Händen kurz meine Brust, meine Arme und Schultern. Ich dachte damals so etwas wie: Ja, Bürschchen, du musst doch verdammt gut wissen, wie erotisch erregbar ich bin, das hast du mir selbst erzählt, aber gut, es ist anständig, dass du so offen mit mir darüber sprichst, und ich werde meine Fassung schon wiedergewinnen. Er sagte damals auch, dass ich mich nicht in ihn verlieben dürfe und dass er das am Anfang immer sage, immerhin zeigte er Verantwortung, obwohl ich mich darüber etwas ärgerte.

Aber als wir zum zweiten Mal rangen, war es ganz anders. Da wurde er auch erotisch erregt. Und als er einen Augenblick lang auf mir lag und stöhnte, ganz kurz nur, und sich mit den ältesten Zuckungen der Welt bewegte, stiegen in mir urgemeine Gedanken wie giftige Dünste aus einem Sumpf auf, etwa in der Art: Du hast eine schöne Methode, Patienten zu behandeln, so hast du selbst auch dein Vergnügen daran und wirst obendrein noch dafür bezahlt, wenn auch nicht besonders hoch.

Aber die Art, wie seine Hände während des Kampfes nach mir griffen, wie er in mein Ohr biss und während des Ringens mein Gesicht mit seinen großen Händen umspannte, all das machte mich total verrückt, ich spürte den erfahrenen und verführerischen Liebhaber, der sich hinter diesen Gebärden verbarg. Aber gleichzeitig fand ich es auch überaus gemein, dass er die Situation missbrauchte. Aber das Gefühl der Aufsässigkeit versank wieder in die Tiefe, und hinterher gab es eine Vertrautheit und einen persönlichen Kontakt zwischen uns, wie später niemals mehr. Noch als wir zusammen auf dem Boden lagen, sagte er: »Ich will kein Verhältnis mit Ihnen.« Und er sagte auch: »Ich muss es Ihnen ehrlich gestehen, Sie gefallen mir sehr.« Und er sagte noch etwas von übereinstimmenden Temperamenten. Und etwas später sagte er auch: »Und geben Sie mir jetzt einen kleinen Freundschaftskuss«, aber damals war ich noch keineswegs dazu bereit und wandte scheu den Kopf ab. Er war danach wieder völlig unbefangen, gab sich natürlich und sagte gleichsam über sich selbst nachsinnend: »Es ist eigentlich alles so logisch, wissen Sie, ich war ein ganz verträumter Junge«, und dann folgte eine Episode aus seinem Leben. Er erzählte, und ich hörte voller Hingabe zu, und dabei nahm er hin und wieder ganz zart mein Gesicht in seine Hände. Und so ging ich mit den widersprüchlichsten Gefühlen nach Hause: voll Aufsässigkeit, weil ich ihn gemein fand, aber auch mit einem zärtlichen, tiefen, menschlichen Gefühl der Freundschaft und außerdem mit einer heftig erregten erotischen Fantasie, die seine raffinierten Gebärden wachgerufen hatten. Ein paar Tage lang war ich zu nichts anderem fähig, als an ihn zu denken, obwohl man das eigentlich nicht als denken bezeichnen kann, ich war ihm eher körperlich verfallen. Sein großer, weicher Körper bedrohte mich von allen Seiten, er war über mir, unter mir, überall, drohte mich zu zermalmen; ich konnte nicht mehr arbeiten und dachte entsetzt, mein Gott, worauf habe ich mich eingelassen, ich bin zu einer psychologischen Behandlung gegangen, um mit mir selbst ins Reine zu kommen, und jetzt das, schlimmer, als ich es je erlebt habe. Und ich lebte ganz in Erwartung meines nächsten Besuches, über den ich mir ganz bestimmte erotische Vorstellungen machte, und daraus wurde dann die miese Sache, als ich die Turnhose unter meinem Wollkleid trug und meine wilden Fantasien und sein sachliches Verhalten in heftigsten Widerstreit gerieten. Hinterher konnte ich es verstehen. Er blieb gelassen und verhielt sich bewusst sachlich, weil er auch einen Kampf mit sich ausgetragen hatte. Er fragte mich: »Haben Sie an mich gedacht diese Woche?«, worauf ich etwas Unverbindliches erwiderte und den Kopf senkte, und er sagte ganz offen: »Ehrlich gesagt, habe ich die ersten Tage der Woche sehr viel an Sie gedacht.« Nun ja, und dann wieder eine Ringpartie, aber darüber habe ich schon viel geschrieben, es war widerlich und löste in mir eine Krise aus. Er weiß bis heute nicht, warum ich mich so verstört und sonderbar benahm und glaubt, das käme daher, weil er mich so stark erotisch erregt hätte. Aber auch sein Widerstreit mit sich selbst kam zum Vorschein. Er sagte: »Sie sind für mich auch eine Aufgabe«, und erzählte mir, dass er trotz seines Temperamentes nun schon seit zwei Jahren seiner Freundin treu sei. Aber dass ich eine »Aufgabe« für ihn sei, war mir zu neutral und sachlich, ich wollte »ich« für ihn sein, ich war das verwöhnte Kind, das diesen Mann »haben« wollte, obwohl er mir innerlich zuwider war, aber ich hatte mir nun einmal in meiner Fantasie ausgedacht, dass er mein Mann werden müsse und dass ich ihn als Liebhaber kennenlernen wolle und damit Schluss. Sehr hoch war mein Niveau damals gerade nicht, aber das habe ich bereits alles geschrieben.

Und jetzt fühle ich, dass ich ihm »gewachsen« bin, dass mein Kampf dem seinen gleichwertig ist und dass die unsauberen und edleren Gefühle auch in mir einen heftigen Kampf austragen. Aber dadurch, dass er sich damals so überrumpelnd und plötzlich als Mann entpuppte und ungebeten die Maske des Psychologen fallen ließ und zum Menschen wurde, hat er an Autorität verloren, er hat mich bereichert, aber mir irgendwie auch einen kleinen Schock versetzt, mir eine Wunde zugefügt, die noch nicht ganz verheilt ist und die mir immer noch das Gefühl gibt, dass er ein Fremder ist: Wer bist du eigentlich und wer sagt dir, dass du dich um mich kümmern sollst? Von Rilke gibt es ein herrliches Gedicht über diese Stimmung, hoffentlich finde ich es wieder.

Ich habe das Gedicht von Rilke, an das ich mich erinnerte, nach einigem Suchen gefunden. Abrascha hat es mir vor Jahren an einem Sommerabend auf dem Zuidelijke Wandelweg vorgelesen, weil er aus dem einen oder anderen undurchsichtigen Grund fand, dass es auf mich passte; vielleicht weil ich trotz aller Intimität immer irgendwie fremd blieb. Dieses ambivalente Gefühl beginne ich jetzt zu begreifen, wiederum dank meiner Reiberei mit S. und der Art, wie ich damit fertigwerde. Es handelt sich um die beiden letzten Zeilen.

Und hörte fremd einen Fremden sagen:Ich bin bei dir.6

Dienstag, 25. März, abends 9 Uhr. (…) Und weil ich selbst noch so jung bin, und voll von unverwüstlichem Willen, mich nicht unterkriegen zu lassen, und weil ich fühle, dass auch ich dazu beitragen kann, entstandene Lücken zu füllen, und hierzu auch die Kraft besitze, gelingt es mir kaum zu realisieren, wie verarmt wir Jüngeren zurückbleiben und wie einsam wir dastehen. Oder ist das auch nur eine Art Betäubung? Bonger7 gestorben, Ter Braak, Du Perron, Marsman, Pos und v. d. Bergh und viele andere im Konzentrationslager usw. Auch Bonger bleibt mir unvergesslich.

(Sonderbar, durch den Tod von Van Wijk taucht das alles wieder in mir auf.) Wenige Stunden vor der Kapitulation. Und plötzlich die schwere, plumpe, deutlich erkennbare Gestalt Bongers, die sich drüben am Eisklubfeld entlangschob, mit blauer Brille, den schweren, originellen Kopf seitwärts zu den Rauchwolken gewandt, die in der Ferne über der Stadt hingen und aus dem brennenden Ölhafen aufstiegen. Jenes Bild, die schwerfällige Gestalt mit dem schief zu den Rauchwolken in der Ferne erhobenen Kopf werde ich nie vergessen. In einer spontanen Anwandlung rannte ich ohne Mantel zur Tür hinaus, lief hinter ihm her, holte ihn ein und sagte: »Guten Tag, Herr Prof. Bonger, ich habe in diesen letzten Tagen viel an Sie gedacht, ich möchte Sie ein Stück begleiten.« Und er blickte mich seitlich durch die blaue Brille an und hatte trotz der beiden Examina und meines Jahres im Kolleg keine Ahnung, wer ich war, aber in jenen Tagen waren die Menschen so vertraut miteinander, dass ich freundschaftlich neben ihm herging. An das Gespräch erinnere ich mich nicht genau. An diesem Tag begann die große Fluchtwelle nach England, und ich fragte: »Meinen Sie, dass es einen Sinn hat zu fliehen?« Er antwortete: »Die Jugend muss hierbleiben.« Darauf ich: »Glauben Sie, dass die Demokratie siegen wird?« Und er: »Sie wird mit Sicherheit siegen, aber es wird auf Kosten einiger Generationen geschehen.« Und er, der gestrenge Bonger, war so wehrlos wie ein Kind, fast sanftmütig, und ich fühlte plötzlich das unwiderstehliche Verlangen, meinen Arm um ihn zu legen und ihn wie ein Kind zu führen, und so, meinen Arm um ihn geschlungen, spazierten wir am Eisklubfeld entlang. Er schien irgendwie gebrochen und dennoch zutiefst gütig. Seine Leidenschaftlichkeit, seine Strenge waren wie ausgelöscht.

Mein Herz verkrampft sich, wenn ich daran denke, wie er früher war, er, der Schrecken des Kollegs. Auf dem Jan Willem Brouwersplein verabschiedete ich mich. Ich trat vor ihn hin, nahm seine Hand in beide Hände, und er senkte gütig den schweren Kopf und blickte mich durch die blauen Gläser an, hinter denen ich seine Augen nicht erkennen konnte, und sagte dann mit einer fast komischen Feierlichkeit: »Es war mir ein Vergnügen!«

Und als ich am nächsten Abend zu Becker hineinschaute, hörte ich als Erstes: »Bonger ist tot!« Ich sagte: »Das ist nicht möglich, ich habe noch gestern um 7 Uhr mit ihm gesprochen.« Darauf Becker: »Dann sind Sie eine der Letzten, die mit ihm gesprochen haben. Um 8 Uhr hat er sich eine Kugel durch den Kopf gejagt.«

Eines seiner letzten Worte hatte er demnach zu einer fremden Studentin gesagt, die er gütig durch seine blaue Brille anblickte: »Es war mir ein Vergnügen!«

Bonger ist nicht der Einzige. Eine Welt zerfällt in Trümmer. Aber die Welt geht weiter, und ich gehe vorläufig noch mit, voll guten Mutes und guten Willens. Und doch werden wir um etwas beraubt, auch wenn ich mich innerlich jetzt so reich fühle, dass dieses Beraubtsein noch nicht völlig zu mir durchdringt. Trotzdem muss man mit der derzeitigen wirklichen Welt in engem Kontakt bleiben und versuchen, seinen Platz in ihr zu behaupten, man darf sich nicht ausschließlich mit Ewigkeitswerten beschäftigen, das könnte leicht zu einer Vogelstraußpolitik entarten. Das Leben ausschöpfen, äußerlich und innerlich, nichts von der äußeren Realität um der inneren willen aufopfern, aber auch nicht umgekehrt: darin sehe ich eine schöne Aufgabe. Und jetzt werde ich noch eine anspruchslose Geschichte in der »Libelle«8 lesen und dann ins Bett. Und morgen wird wieder gearbeitet, in der Wissenschaft, im Haushalt und an mir selbst, nichts darf vernachlässigt werden, aber man darf sich selbst auch nicht für allzu wichtig halten, und nun gute Nacht.