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Parkinson – Leben zwischen Hoffnung und Herausforderung Mitten im Leben trifft Andreas Große Halbuer eine Diagnose, die alles verändert: Parkinson. Offen, ehrlich und mit beeindruckender Klarheit schildert der preisgekrönte Journalist seinen Alltag zwischen medizinischen Fortschritten, gesellschaftlichen Erwartungen und dem unermüdlichen Willen, Lebensfreude zu bewahren. Ein persönlicher Bericht über Krankheit und Lebensmut Was bedeutet es, wenn der eigene Körper plötzlich nicht mehr gehorcht? Große Halbuer nimmt die Leser:innen mit auf eine emotionale Reise – von den ersten Symptomen über eine riskante Hirnoperation bis hin zum Familienleben mit chronischer Erkrankung. Sein Buch ist ein bewegendes Memoir, das Mut macht, offen über Gesundheit, Krankheit und moderne Medizin zu sprechen. Wer sich für authentische Lebensgeschichten, neurologische Erkrankungen und gesellschaftliche Tabuthemen interessiert, findet hier eine inspirierende Lektüre, die lange nachhallt.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Das Ding in meinem Kopf
ANDREAS GROßE HALBUER, Jahrgang 1972, schreibt seit 2013 als Politikredakteur und Autor für das Magazin FOCUS. Zuvor arbeitete er für Financial Times Deutschland, Capital und WirtschaftsWoche. 2023 wurde er mit dem Deutschen Reporterpreis für die beste Wissenschaftsreportage ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Berlin.
»Ich bin Muhammad Ali, ich bin Michael J. Fox, ich bin Wilhelm von Humboldt, Papst Johannes Paul II., Ottfried Fischer, Franz Beckenbauer, Morten Harket: Wir verlieren die Kontrolle über unseren Körper. Wir sind Millionen.«Es begann mit einem Kribbeln im rechten Arm. Dann verlor seine Handschrift ihren Schwung. Schließlich versagte das rechte Bein, sein Lächeln verschwand. Andreas Große Halbuer ahnte, dass etwas Gefährliches im Verborgenen lauerte: Parkinson – ein lebenslängliches Urteil, denn noch immer ist die Krankheit nicht heilbar. In seinem Buch erzählt Große Halbuer, wie er lernte, sein Schicksal anzunehmen und das Beste aus seinem Leben zu machen. Trotz der Diagnose arbeitete er weiter, gründete eine Familie und blieb offen für alles, was die moderne Medizin zu bieten hat. Selbst vor einer Gehirn-OP scheute er nicht zurück. Die berührende Geschichte über den Kampf gegen eine heimtückische Krankheit, die Hunderttausende in Deutschland betrifft.
Andreas Große Halbuer
Mein Leben mit Parkinson
Ullstein
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© 2026 Ullstein Buchverlage GmbH, Friedrichstraße 126, 10117 Berlin
Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.Der Abdruck der Reportage »Das Ding in meinem Kopf« in den Kapiteln »Spurensuche«, »Ebene 4, Saal 2«, und »Einstellungssache« erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Magazins Focus der Burda Verlag Publishing GmbH.Covergestaltung: BÜRO JORGE SCHMIDT, MünchenCoverfoto: © Benjamin ZibnerAutorenfoto: © Benjamin ZibnerBei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an [email protected]
E-Book powered by pepyrus.ISBN 978-3-8437-3535-3
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Titelei
Das Buch
Titelseite
Impressum
Prolog
Der Grizzly
Erster Teil Gewissheiten
Spurensuche
Herkunft
Leid und Leidenschaft
Lebenslänglich, ohne Bewährung
Wir kriegen dich!
Selbstverteidigung
Zweiter Teil Hilfe und Helfer
Carlssons Kaninchen
Entscheidungen
Ebene 4, Saal 2
Einstellungssache
Unter Strom
Erfindergeist
Dritter TeilPolitisches
Pfffft!
Wie geht’s?
Zukunftsmusik
Irgendwo in Iowa
Der optimierte Mensch
Zweite Klasse
Vierter Teil Privates
Rettungsanker
Verluste
Gewinne
Was zählt
Und nun?
Anhang
Dank
Anmerkungen
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Prolog
Für Steffi, Lisa und Hannah
Eines Nachts, als ich wieder einmal nicht schlafen konnte, schaute ich auf YouTube kämpfenden Grizzlys zu. Seitdem denkt der Algorithmus, ich interessiere mich für Bären, er schlägt mir laufend neue Videos vor. Inzwischen weiß ich eine Menge über das größte Landraubtier. Es ist eine perfekte Kampfmaschine, der Bär kann ausgezeichnet hören, sehen, riechen. Er ist stark, schnell und unberechenbar. Es ist besser, ihm nicht zu begegnen.
So ein Grizzly steht jetzt jeden Morgen neben meinem Bett. Wenn ich aufwache, reißt er sein Maul auf, Geifer tropft herab, dann schaue ich in seinen hellroten Rachen. Manchmal glaube ich, dass ich seinen fauligen Atem riechen kann. Anfangs jagte ich ihn noch davon, doch nun begegne ich ihm Tag für Tag. Der Bär hat längst seine natürliche Scheu verloren. Er lauert.
Ich habe eine Scheißangst vor diesem Vieh. Ich will, dass es abhaut. Dass es mich in Ruhe lässt.
Dies also ist die Geschichte, wie ich lernte, mit dem Grizzly namens Parkinson zu leben. Wie ich lernte, damit umzugehen, dass er mich eines Tages erwischen wird. Es ist eine wahre Geschichte. Sie ist tragisch, und wie so viele tragische Geschichten hat sie auch ihre heiteren Momente.
Ich schreibe sie auf, damit meine Kinder eines Tages lesen können, wie sehr ihr Vater tagtäglich mit dem Grizzly gerungen hat. Ich hoffe, dass sie stolz auf mich sein werden. Dass sie verstehen werden, unter welchen Zwängen ich stand. Und wie ich trotz allem versuchte, ein guter Vater zu sein.
Und wer weiß– vielleicht hilft sie anderen, die auch so ein Vieh am Hals haben. Ich habe Erfahrung im Umgang mit ausweglosen Situationen. Ich weiß, wie das ist, wenn der Grizzly brüllend neben einem steht und man vor Angst nicht denken kann.
Es gibt liebe Menschen, die mir helfen, das Biest in Schach zu halten: Freunde, Familie, besonders aber meine Frau Steffi. Der Grizzly weiß, dass wir zusammenhalten. Deshalb treffen seine Attacken auf mich auch so oft sie. In einer solchen Partnerschaft gibt es keine Normalität. Eine Ehe als Abwehrschlacht.
Wenn Bären angreifen, muss man sich groß machen, mit den Armen rudern, auf keinen Fall darf man weglaufen. Es kostet unfassbar viel Kraft, stark zu sein im Augenblick der Schwäche. Mir halfen Neurochirurgen und Neurologen. Sie bohrten mir den Schädel auf, implantierten Elektroden, die nun das Gehirn unter Strom setzen. Tiefe Hirnstimulation heißt das Verfahren. Das Ding in meinem Kopf gibt mir einen Teil der Kräfte zurück, mit denen ich den Grizzly in Schach halten kann.
Lange geht das nicht mehr gut. Neulich dachte ich schon, es wäre so weit. Mitten in der Nacht war ich schweißgebadet aufgewacht. Ein Schmerz, als hätte mir der Grizzly das Herz aus dem Leib gerissen. Der Notarzt musste kommen, es pochte in meiner Brust. Blaulicht, Krankenwagen, und dann war da diese Angst. Die Scheißangst.
Aber ich war stärker. Es war kein Infarkt, wie ich erst dachte, auch keine Herzrhythmusstörung. Offenbar bleibt mir noch etwas Zeit. Kann Kräfte sammeln, bis zur nächsten Attacke. Kann mich um das kümmern, was wirklich zählt, kann zusammen sein mit den Menschen, die mir am Herzen liegen.
Charité, Bettenhaus Mitte, im November 2020.Draußen tobt die Corona-Pandemie. Drinnen sortiert Gerd-Helge Schneider das Operationsbesteck. Die Automatiktür öffnet sich, die Pfleger schieben den Patienten herein. Der Mann ist 48Jahre alt, zwei Meter groß, 100 Kilogramm schwer, blasse Haut, geschorener Schädel, die Augen sind geschlossen.
Der Mann auf dem
OP
-Tisch, das bin ich. Andreas Große Halbuer, verheiratet, zwei Kinder, erkrankt an Morbus Parkinson. Ich bin Muhammad Ali, ich bin Michael J. Fox, ich bin Wilhelm von Humboldt, Papst Johannes Paul
II
., Ottfried Fischer, Frank Elstner, Morten Harket. Wir sind Millionen. Die noch Lebenden von uns erwartet ein grausames Schicksal. Wir verlieren die Kontrolle über unsere Körper. Einige von uns kämpfen mit dem Tremor, einem Muskelzittern, das so stark ist, dass der Kaffee nicht in der Tasse bleibt. Die anderen leben im Würgegriff des Rigor, einer muskulären Versteifung.
Die Krankheit, benannt nach ihrem Entdecker, dem englischen Arzt James Parkinson, stammt aus den dunkelsten Ecken der Neurologie. Sie ist bis heute unerklärt, unheilbar und unaufhaltbar. Parkinson ist ein Uhrwerk, das rückwärts tickt. Wir sterben ein bisschen, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde.
»Und, wie geht’s?«, fragt Schneider, der Neurochirurg, als wir uns am Tag vor der Operation auf dem Flur der Neurochirurgie treffen.
»Na ja«, knurre ich und denke noch darüber nach, was das für eine bescheuerte Frage ist, als schon die nächste kommt.
»Schiss?«
Ich nicke.
»Verständlich«, sagt Schneider, »ist nicht ohne Risiko, das Ganze, aber das wird schon.«
»Nicht ohne Risiko« ist eine nette Umschreibung für das, was morgen geschehen wird. Schneider wird mit einem Bohrer zwei Löcher in meinen Kopf treiben und Elektroden implantieren, die dann später Strom an das Bewegungszentrum im Hirn abgeben werden. Einfacher gesagt: Erst öffnen sie mir die Schädeldecke, dann setzen sie mich unter Strom. Für einen Angsthasen wie mich, der schon im Zahnarztstuhl ausflippt, ist das eine ziemliche Ansage. Wir werden acht Stunden den
OP
-Saal blockieren inmitten einer weltumspannenden Pandemie. Um mich herum werden Operateure, Neurologen, Pflegekräfte ihr Bestes geben. Zwei Tage später wird Schneider, ein bärtiger Bayer mit Goldkettchen, noch einmal operieren, um die Batterie hinter meinem Brustkorb zu verstauen. Dann bin ich eine Art Cyborg, eine Menschmaschine, von außen ansteuerbar über eine Bluetooth-Schnittstelle wie ein Mobiltelefon.
Das Ding in meinem Kopf ist mehr als ein Ersatzteil, nicht vergleichbar mit einem künstlichen Kniegelenk oder einem Herzschrittmacher. Es ist eine Art Upgrade des Betriebssystems inklusive neuer Hardware, ein Bugfixing an der empfindlichsten und zugleich am wenigsten erforschten Stelle des menschlichen Körpers, dem Gehirn. Die Ärzte steuern mit dem Ding die Beweglichkeit, sie könnten je nach Lage der Elektroden und Stärke des Stroms auch Emotionen ändern oder das Sprechen beeinflussen. Experimentelle Neurologie heißt das Fachgebiet folgerichtig. Jede Operation ist ein Experiment. Niemand weiß genau, warum es funktioniert, aber es funktioniert.
Dass Schneider mich operieren wird, ist ein großes Glück. Er ist einer der besten Neurochirurgen Europas. Es kann einiges schiefgehen bei solch einem Eingriff. Eine kleine Blutung an der falschen Stelle, und dann war es das. Doch Schneider wird mein Held– nur weiß ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
1
Ziemlich genau zehn Jahre und drei Monate vor diesem Tag bekam ich einen Brief, der mein Leben verändern sollte. »Hallo Andreas«, stand da geschrieben, »wir freuen uns, dir mitzuteilen, dass du an Bord bist.« Auf diese Nachricht hatte ich gewartet. Ich war damals Reporter für das Wirtschaftsmagazin Capital, und ich hatte mich für ein Stipendium in den USA beworben. Ein paar Wochen lang den amerikanischen Journalismus in Texas erleben, beim Austin American-Statesman, einer Regionalzeitung in der texanischen Hauptstadt Austin. Dieses Arthur-F.-Burns-Fellowship, wie das Stipendium offiziell heißt, ist etwas Außergewöhnliches. Dort aufgenommen zu werden ist wie ein Ritterschlag. Auf der Alumni-Liste stehen die Besten der Besten, Chefredakteure, Korrespondenten, preisgekrönte Autoren. Man musste sich mit Lebenslauf und Projektskizze schriftlich bewerben und dann in einer zweitägigen Auswahlrunde im Berliner Hotel Westin Grand alle potenziellen Konkurrenten möglichst elegant in Grund und Boden reden. Zwischendurch schaute mal eben der Außenpolitik-Koordinator der Regierung vorbei.
Ich stand im Fahrstuhl, als ich den Brief las, kam gerade zurück nach Hause. Jeder hätte sich gefreut, aber ich dachte: auch das noch! Seit Wochen war ich gereizt, eine seltsame Unruhe hatte mich befallen. Ich hatte auf einen ereignislosen Sommer gehofft. Nun hieß es: neun Wochen USA– zusammen mit neun hypermotivierten Kollegen. Ausgerechnet mich nahmen sie mit. Ich fühlte mich wie ein Hochstapler mit meinem miesen Schulenglisch und ohne High-School-Jahr im Lebenslauf. Eine amerikanische Universität hatte ich noch nie von innen gesehen. Noch zwölf Wochen bis zur Abreise, und ich steigerte mich in meine Zweifel hinein. Würde ich gut genug sein?
Eines Nachts träumte ich von einem Interview mit Rick Perry, dem Gouverneur von Texas, aber im Traum verstand er mein schlechtes Englisch nicht. Ich wachte schweißgebadet auf und hatte den ganzen Tag Schmerzen im Arm. Schwindel kam hinzu, das rechte Bein fühlte sich beim Gehen langsamer an als das linke. Mir war in letzter Zeit immer mal wieder für kurze Zeit schwindelig gewesen. Was blieb, war ein Gefühl der Schwäche und Antriebslosigkeit. Wenn bei einem Auto der Motor nicht richtig eingestellt ist, zieht der Wagen nicht richtig, es fehlt an Kraft bei Beschleunigung und Endgeschwindigkeit. Und genauso fühlte ich mich, ich war erschöpft, müde, abgespannt, gereizt– irgendetwas fehlte.
In der Rückschau ist sonnenklar, was das war: Dopamin. Doch damals wusste ich noch nichts von Parkinson, verminderter Dopaminproduktion und dem ganzen Mist. Für mich war klar: Das war eine psychosomatische Reaktion auf den Stipendienstress. Denn da war diese Versagensangst, dieses Gefühl, nicht dazuzugehören zu dem erlesenen Kreis, ein Gefühl, das mich fast erdrückte.
