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Im Band zwei dieses Standardwerks führt Sophie Hellinger in die praktische Umsetzung der herkömmlichen Familienaufstellung ein. Zahlreiche Beispiele, ergänzt durch Grafiken, vermitteln einen intensiven Eindruck über den Ablauf sowie über die erzielten Wirkungen. Antworten auf Fragen von Kursteilnehmern führen zudem zu einem tieferen Verständnis der Grundlagen des Familienstellens. Dabei stehen unter anderem Themen wie die Eltern-Kind-Beziehung, die Paarbeziehung, der Hintergrund von Krankheiten sowie der Umgang mit dem Tod im Vordergrund. Die Beispiele verbindet Sophie Hellinger mit Ausführungen über Erkenntnisse, die zu einem gesunden und glücklichen Leben führen. Dazu gehören insbesondere die Lebensbasisprinzipien und die verschiedenen Formen des Gewissens. Gleichzeitig bindet Sophie Hellinger das Neue Familienstellen - Original Hellinger Familienstellen genannt - mit ein, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Bert Hellinger entwickelt hat. Auch wenn die herkömmliche Familienaufstellung heute nicht mehr bei der Ausbildung zum Original Hellinger Familiensteller an der Hellingerschule gelehrt wird, hat sie doch vielen Menschen geholfen. Zwar bildet die herkömmliche Familienaufstellung immer noch die Basis der Ausbildung, dennoch haben sich einige Annahmen als überholt erwiesen. Da die Hellingerschule immer am Puls der Zeit ist, betrachten Bert und Sophie Hellinger die herkömmliche Familienaufstellung als zu einengend. Das Original Hellinger® Familienstellen ist wesentlich weitreichender und effektiver, weil sich dabei die Grenzen von Raum und Zeit auflösen und sich die Unendlichkeit auftut. Ein Praxis-Lehrbuch für angehende Aufsteller und alle, die sich für das Familienstellen interessieren.
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Seitenzahl: 178
Veröffentlichungsjahr: 2019
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I.
Vorwort von Dr. Rüdiger Rogoll
II.
Einleitung zur klassischen Familienaufstellung
1.
Die Auswahl der Klienten
2.
Aufstellung als Geschäft
3.
Die Bedeutung des ersten Satzes
4.
Das lösende Wort
III.
Die Unterscheidung der Gewissen
1.
Das persönliche Gewissen
2.
Das kollektive Gewissen
3.
Das geistige Gewissen
IV.
Die Ordnungen der Liebe
1.
Die erste grundlegende Ordnung der Liebe:
Das gleiche Recht auf Zugehörigkeit
1.1. Wer zur Familie gehört
1.2. Die Folgen des Ausschlusses
2.
Die zweite grundlegende Ordnung der Liebe:
Die Rangordnung
2.1. Die Folgen der Verletzung der Rangordnung
3.
Die Eigenschaften eines guten Aufstellers
4.
Die dritte grundlegende Ordnung der Liebe:
Der Ausgleich von Geben und Nehmen
V.
Die Eltern-Kind-Beziehung
1.
Die nahe Liebe zur Mutter
2.
Die Bedeutung der Mutter für das Mädchen
3.
Sexuelle Störungen: Die Bedeutung des Vaters für den Jungen
4.
Die unterbrochene Hinbewegung
VI.
Die Paarbeziehung
1.
Liebe auf den ersten und den zweiten Blick
2.
Die Sterilisation
3.
Die homosexuelle Partnerschaft
VII.
Trennung und Scheidung
1.
Trennung mit Liebe
2.
Die gemäße Trennung
3.
Unfruchtbarkeit
4.
Der richtige Platz für Trennungs-Kinder
5.
Doppelte Verschiebung
VIII.
Die Abtreibung
IX.
Der Systemische Hintergrund von Krankheiten
1.
Neurodermitis
2.
Druckschmerzen
3.
Krebs
4.
Sprechstörungen
5.
Übergewicht und Rauchen
X.
Umgang mit dem Tod
1.
Die Haltung des Aufstellers und des Klienten
2.
Der Selbstmord
2.1. Was in einer Familie zum Selbstmord führt
2.2. Vorwürfe als Schutz vor Schmerz
2.3. Selbstmorddrohungen
XI.
Geschichten, die wirken
1.
Die Einsicht
2.
Der Abschied
3.
Der Gast
4.
Der rote Faden
5.
Der Spieler
6.
Das Fest
7.
Zweierlei Glück
XII.
Bibliographie
1.
Bücher von Sophie Hellinger
2.
Bücher von Bert Hellinger
Mit seiner Familienaufstellung hat Bert Hellinger ein vollkommen neues Gebiet innerhalb der Psychotherapie im ausgehenden 20. und jetzigen 21. Jahrhundert geschaffen. Doch das war nur ein Anfang. In der Folgezeit hat er diese klassische Familienaufstellung zusammen mit seiner Frau Sophie Hellinger zum neuen Familienstellen weiterentwickelt. Danach besteht weltweit eine dermaßen große Nachfrage, dass die Hellinger®schule in der Anwendung der Hellinger® Sciencia dieser gerade noch nachkommen kann. Es gibt Personen, die behaupten, dass die Familienaufstellung nicht von Bert Hellinger entwickelt wurde. Hierzu will ich im Folgenden in einer Replik Stellung nehmen.
Aus dem nichtdeutschen Sprachraum werden des Öfteren Zweifel an Berts Urheberschaft seines Familien-Stellens geäußert. Sie beruhen auf der falschen Übersetzung des Begriffs „Familienaufstellung“ durch den international gebräuchlichen Begriff „Family Constellation/Familienkonstellation“. Dieser Begriff wird auch im Deutschen unspezifisch seit den 1920er Jahren (Alfred Adler) dafür benutzt, psychologische Wirkungen und Verhaltenswirkungen von Familienmitgliedern untereinander zu benennen. Er hat also mit dem späteren Familienstellen von Bert Hellinger nichts zu tun. Selbst im Deutschen gibt es ein Buch mit dem Titel „Familienkonstellationen“ (Walter Toman, München 1965), das mit dem Familienstellen von Bert Hellinger nichts zu tun hat. Damals existierte das Familienstellen, so wie wir es kennen, überhaupt noch nicht. Aus diesem Grund konnte W. Toman sich mit dem Familienstellen von Bert Hellinger noch gar nicht beschäftigen.
Selbstverständlich ist die Familienaufstellung nicht plötzlich vom Himmel gefallen, sondern baut – wie alles Neue – auf Vorhergehendem auf. Da es den Psychotherapeuten zu langweilig wurde und es ihnen nicht ausreichend erfolgreich schien, wenn ihre Patienten auf der Couch lagen, begannen sie, verschiedene neue Ansätze auszuprobieren. Seit dieser Zeit gab es insbesondere das Konzept des „Stellvertreters“ schon in einigen anderen „Schulen“, wie z. B. beim Psychodrama oder bei der Familienskulptur. Deshalb bringen einige den berechtigten Einwand, dass es die Rolle des Stellvertreters in der Familientherapie schon vorher gab. Dabei handelt es sich natürlich nicht um die jetzt bekannte Familienaufstellung nach Hellinger, sondern um eine Familientherapie. Ich möchte deshalb hier eine klärende Gegenüberstellung vornehmen:
Beispielsweise gibt bei der Familienskulptur der/die Therapeut/in dem Klienten eine bestimmte Körperhaltung oder Blickrichtung vor, in der bzw. mit der er eine neue Erfahrung machen soll. Im Unterschied dazu stellt der Klient bei der klassischen Familienaufstellung nach Hellinger die Stellvertreter nach seinem Gefühl in Beziehung zueinander.
Beim Psychodrama geben Therapeut und Klient bestimmte Vorgaben für die Stellvertreter – ähnlich einer Rollenbeschreibung im Theater. Diese werden dann bis zu einer eventuellen Lösung durchgespielt. Das kann Stunden dauern. Im Gegensatz dazu wird das Neue Familienstellen immer kürzer und komplexer, aber in seiner Reichweite immer weiter und in seiner Wirkung immer tiefer.
Bert Hellinger gibt heute weder etwas vor noch hält er die Stellvertreter zu etwas an, sondern: Bert Hellinger hält sich während einer Aufstellung völlig zurück. Er bleibt ein sehr aufmerksamer Beobachter. Seine Vorgehensweise ist absolut phänomenologisch. Er fühlt sich auf eine besondere Weise mit dem, was vor ihm vorgeht, zurückhaltend verbunden. Nach der Aufstellung gibt er häufig einen weiterführenden Kommentar, der die Lösung des Problems verstärkt und das in Erscheinung Getretene damit auf die Spitze treibt. Dieser Ansatz ist etwas völlig Neues und Eigenes, da er durch seine Einsichten die geheime Dynamik der dahinterliegenden Lebensbasisprinzipien entdeckt hat.
Diese Lebensbasisprinzipien gehorchen und unterliegen ganz bestimmten Ordnungen, die Bert Hellinger als die „Ordnungen der Liebe“ zusammengefasst hat. Sie sind weder austauschbar noch willkürlich zu interpretieren. Doch bevor er das entdecken konnten, hatte er sich sieben Jahre intensiv den Wirkungsweisen des Gewissens ausgesetzt. Die Auswirkungen dieses Gewissens erfassen alle Personen, die zu einer bestimmten Gruppe gehören. Dieses Gewissen hat nichts mit Moral oder höheren Werten zu tun, sondern es hat nur die Funktion, eine Gruppe zusammenzuhalten und wirkt wie ein Gleichgewichtsorgan.
Sollten eine oder sogar mehrere Personen aus der Gruppe ausgeschlossen/verdammt/verteufelt/vergessen worden sein, wählt das Familiensystem mindestens einen der Nachgeborenen aus, um das Schicksal dieser ausgeschlossenen Person(en) nachzuleben. Das nennt man eine Verstrickung. Durch eine Aufstellung kommen diese Verstrickungen ans Licht und die Personen können aus diesen Gewissensverpflichtungen befreit werden, ohne Angst zu haben, aus dem Familiensystem ausgeschlossen zu werden. Der Verstoß gegen die Ordnungen der Liebe bringt genauso weitreichende Konsequenzen. Die Folgen eines Verstoßes gegen das Gruppengewissen sind nicht minder belastend.
Niemand kann sich diesen Ordnungen entziehen. Sie richten sich auch nicht nach unserem Denken, Wünschen und Wollen. Es zeigt sich, so scheint es zu sein, als seien uns diese Ordnungen wie eherne Gesetze vorgegeben. Schon allein aus diesem Grund ist es für jeden Menschen erfolgsfördernd und sinnvoll, die Ordnungen der Liebe zu kennen, um nicht dagegen zu verstoßen.
Diese zuvor genannten Erkenntnisse sind eine ganz besondere Leistung Bert Hellingers. Sie waren bis dato nicht bekannt. Er erfasste die Verbindung der einzelnen Gesetze untereinander und schuf daraus das heutige Familienstellen nach Hellinger. Das Familienstellen dient dem Menschen, hilft und führt ihn weiter. Die Aufstellungen erzeugen bei allen Anwesenden, ob Beobachter oder Stellvertreter, ein Energiefeld, das sich geistig, emotional und physisch bemerkbar macht. Auf all diesen Ebenen wirkt die Aufstellung weiter und führt zu Lösungen. In den neuen Hellinger® Aufstellungen können sich Einblicke in ein System zeigen, die einem manchmal den Atem stocken lassen.
Durch die Einbeziehung von Cosmic Power vertiefen und verstärken sich die Aufstellungen. Dieser Beitrag wurde von Sophie Hellinger geleistet. Sie hatte bereits zuvor jahrzehntelange Erfahrung im Anwendungsbereich Energie und Informationsmedizin.
Diese Fusion von Familienstellen und Energiearbeit faszinierte Bert Hellinger noch mehr, da er bald merkte: Wo er zuvor in den Aufstellungen abgebrochen hatte, nahm seine Frau Sophie erst den vollen Schwung auf.
Das bedeutet nichts weiter, als dass Original Hellinger® Aufstellungen raum- und zeitlos sind und alles, was einmal war, ans Licht kommt. Ganz besonders heftig ist die junge Generation von dem neuen Original Hellinger® Familienstellen angetan.
Was ich sehe und bestätigen kann: Hellinger war und ist immer der Zeit voraus. Sich voll und ganz darauf einzulassen, ist nicht einfach und fordert oft das Letzte, mit dem Ergebnis, endlich der Mensch zu sein, der man ist und nicht weiter ein Spielball der Verstrickungen aus vorangegangenen Zeiten zu sein. Sei es auf Grund der Familiengeschichte oder seien es Konsequenzen aus dem eigenen Vorleben. Das Original Hellinger® Familienstellen deckt es auf überraschende Weise auf. Es geht dabei weder um Bewertungen oder Verurteilungen, sondern um Lösungen, damit das ganze System zur Ruhe kommt.
In diesem Sinne ist das Original Hellinger® Familienstellen eine weltweite Friedensarbeit, die Bert Hellinger jetzt in die Hände seiner Frau Sophie gelegt hat.
Auch sie geht unerschrocken wie zuvor Bert weiter, ohne Angst und ohne Furcht, was Andere dazu sagen. Dazu braucht es viel Mut und den hat sie.
Bert Hellinger sagt: „Ich vertraue ihr voll und ganz, dass sie dort weitergeht, wo ich stehen blieb. Sie hat all meinen Segen und ich erfreue mich an ihr und der neuen Bewegung, die sie angestoßen hat und führt.“
Der Psychiater, Neurologe und Psychotherapeut Dr. Rüdiger Rogoll ist ein alter und enger Freund Bert Hellingers. Er zählte zu den führenden Transaktionsanalytikern.
Persönliche Notizen
Die von meinem Mann Bert Hellinger begründete Familienaufstellung ist nichts Statisches. In den vergangenen 15 Jahren entwickelten Bert und ich die sogenannte klassische Familienaufstellung weiter zum Original Hellinger® Familienstellen. Manche mögen sich deshalb fragen, warum ich jetzt dem Erlernen der klassischen Familienaufstellung ein zweites Praxisbuch widme („Das eigene Glück Band I“ ist ebenfalls im Hellingershop erhältlich). Ist diese Form der Aufstellungsarbeit denn nicht veraltet und vorbei? Ja und nein. Es ist für mich sehr überraschend, was alles aus dem Bereich der klassischen Familienaufstellung mittlerweile überholt und nicht mehr relevant ist. Darauf werde ich in diesem Buch auch nicht eingehen. Vielmehr stelle ich nur das vor, was in seiner Grundtendenz auch zum Neuen Familienstellen passt.
Das vorliegende Buch wendet sich in erster Linie an jene, die sich zu Familienaufstellern ausbilden lassen wollen, was nicht heißt, dass dieses Buch nicht auch für jeden, der erfolgreich und erfüllt leben will, wegweisend ist. Zwar unterrichten wir an unserer Hellinger®schule nur noch das Original Hellinger® Familienstellen, dennoch wird die klassische Familienaufstellung weiterhin von vielen Aufstellern angeboten. Und sie hat auch in bestimmten Bereichen ihre Berechtigung, denn sie wurde als eine Bereicherung der Psychotherapie erfahren, blieb im Wesentlichen aber darauf beschränkt. In diesem Zusammenhang hat die klassische Familienaufstellung vielen Menschen geholfen.
Ich gebe dazu ein extremes Beispiel: Will ein todkranker Klient, für den es keine Rettung mehr gibt, die systemische Ursache seiner Erkrankung wissen, kann die klassische Familienaufstellung in leicht nachvollziehbarer Weise zu einer Antwort führen. Auch wenn eine solche Aufstellung die Krankheit nicht mehr wendet, so verhilft sie dem todgeweihten Klienten doch zu einem leichteren und friedvolleren Sterben. Der Blick bleibt nach hinten gerichtet. Die Bewegung, sei es Leben oder Tod, geht aber nach vorne.
Ich will hier kurz den Ablauf einer klassischen Familienaufstellung beschreiben: Das Augenmerk bei diesen Aufstellungen liegt entweder bei der Gegenwarts- oder Herkunftsfamilie. Der Aufstellungsleiter oder der Klient wählen Stellvertreter für die Familie des Klienten aus. Dieser stellt sie in Beziehung zueinander. Plötzlich fühlen sich die Stellvertreter wie die Personen, die sie vertreten, obwohl sie diese nicht kennen und nichts über sie wissen. Sie sprechen manchmal sogar mit deren Stimme und bekommen deren Symptome. Dieses Phänomen zeigt, dass die Stellvertreter in ein geistiges, wissendes Feld eintreten. In ihm sind die früheren Ereignisse einer Gruppe und die mit ihnen verbundenen Geschehnisse in einem gemeinsamen Gedächtnis gespeichert. In diesem geistigen, wissenden Feld wirken auch das unbewusste kollektive oder sogenannte Sippen-Gewissen, auf das ich an späterer Stelle genau eingehen werde, und die sich daraus ergebenden gesetzmäßigen Ordnungen.
Nachdem die Stellvertreter für das Anliegen des Klienten aufgestellt wurden, schaut der Klient dem weiteren Geschehen zu. Die Stellvertreter, einer nach dem anderen, werden nach ihrem Befinden befragt. Oft ist der Klient sehr betroffen, weil sich ein anderes Bild zeigt als erwartet. Aufgrund der Rückmeldungen werden die Stellvertreter vom Aufstellungsleiter so lange umgestellt, bis sich am Schluss alle an ihrem Platz gut fühlen.
Für angehende Aufstellungsleiter ist die klassische Familienaufstellung in weiterer Hinsicht interessant: Durch das verstärkte Eingreifen des Aufstellers werden die verletzten Ordnungen deutlich benannt und die Lösungswege durch das Umstellen der Stellvertreter leichter nachvollziehbar.
Durch die Beschäftigung mit klassischen Familienaufstellungen kann sich der angehende Aufstellungsleiter mit den sich zeigenden Verstrickungen und Verschiebungen durch Verletzungen der Ordnungen vertraut machen. Auch kann er durch die Bewegungen, Blickrichtungen und Reaktionen der Stellvertreter und des Klienten selbst sich schneller in die dahinterliegenden Ursachen einfinden. Allerdings birgt das klassische Familienstellen die größere Gefahr, dass Stellvertreter ihr eigenes Problem in Worten zum Ausdruck bringen. Das kann eine Aufstellung leicht ad absurdum führen, wenn der Aufsteller das nicht erkennt oder es nicht wagt, den Stellvertreter auszutauschen.
Durch die klassische Familienaufstellung lernt ein angehender Aufsteller sozusagen das kleine Einmaleins einer Aufstellung. Denn sowohl bei der klassischen Familienaufstellung als auch beim Original Hellinger® Familienstellen gelten dieselben gesetzmäßigen Ordnungen, die dem unbewussten Sippengewissen entspringen. Diese habe ich in meinem Buch „Das eigene Glück. Band I. Einführung in die Grundlagen der klassischen Familienaufstellung mit Anbindung an die Entwicklung des Neuen Familienstellens“ detailliert beschrieben. Hier werden sie im Vorwort von Rüdiger Rogoll noch einmal kurz vorgestellt und im später folgenden Kapitel „Die Ordnungen der Liebe“ von mir weiter ausgeführt.
Das Neue Familienstellen ist gleichsam die höhere Mathematik auf dem Gebiet der Aufstellung. Statt der ganzen Familie wird am Beginn des Neuen Familienstellens oft nur ein Stellvertreter für den Klienten oder für das Problem aufgestellt. Der Stellvertreter überlässt sich ausschließlich seiner inneren Bewegung, die ihn von innen und außen erfasst. Er erfährt sich als ein Medium, das von einer anderen Macht in Besitz genommen und bewegt wird. Dieser Macht kann er sich nicht entziehen, vorausgesetzt, er ist ein authentischer Repräsentant.
Auch der Aufstellungsleiter lässt sich von diesen Bewegungen erfassen. Er tritt dabei in den Hintergrund. Er verabschiedet sich vom eigenen Erlernten und von vorangegangenen Erfahrungen aus seiner Praxis. Er greift nicht in die Eigenverantwortung des Klienten ein. Es werden keine Fragen mehr nach Gefühlen, Erwartungen und Ängsten gestellt. Die Aufstellung wird weder auf ein vorgegebenes noch auf ein vom Klienten erwartetes Ziel hingeleitet. Alles wird den Bewegungen einer größeren Kraft überlassen, wie sie den Stellvertreter erfassen.
Die große Kunst ist, zu erfassen, ob der Stellvertreter bereits in seiner Rolle aufgegangen ist. Falls nicht, muss man ihn austauschen. Nur wenn der Stellvertreter frei von eigenen Vorstellungen ist, kann man dem, was sich durch ihn zeigt, vertrauen. Wenn sich diese Ebene öffnet, bewegt man sich im Bereich jenseits von Problemen und Lösungen und auch jenseits der Psychotherapie im bekannten Sinn. Ohne dass ein Wort gesagt wird, kommt etwas Unerwartetes ans Licht. Denn hier wirken Kräfte, die bisher nicht in Erscheinung traten und die zu Lösungen führen, die man bisher nicht erreichen konnte.
Früher glaubte man, dass man die Stellvertreter nach Beendigung der Aufstellung aus ihrer Rolle herausholen müsse. Ich mache das ganz selten. Denn sie sind in einer Erfahrung, die ihr eigenes Leben bereichert. Ich lasse sie diese Erfahrung sozusagen auskosten.
Es gibt aber Rollen, die vom Stellvertreter Besitz nehmen. Dann greife ich ein. Zum Beispiel, wenn die Stellvertreterin einer Frau, die dreizehn Kinder abgetrieben hat, innerlich noch in dieser Rolle bleibt. Ich sage ihr dann, dass sie diese Frau anschauen, sich vor ihr verneigen und sich anschließend wegdrehen solle. Dann atmet sie auf und ist aus der Rolle raus.
So eine Aufstellung baut sich sehr langsam auf. Je nachdem, wie sich der Stellvertreter verhält, bringt der Aufstellungsleiter weitere Repräsentanten in die Aufstellung ein. Dabei greift er nur in Einklang mit der Bewegung durch die große Kraft ein. Dadurch, dass sich die Aufstellung langsam aufbaut und alles überwiegend schweigend verläuft, muss der Aufstellungsleiter über ein großes Maß an Intuition, Wahrnehmungs- und Einfühlungsvermögen verfügen.
Die Auswirkungen solcher neuen Aufstellungen sind enorm. Sie wirken bis zu zehn oder mehr Jahre nach. Immer wieder haben wir von Klienten folgende Aussage gehört:
„Es gibt ein Leben vor Hellinger und ein Leben nach Hellinger.“
Eine andere Klientin schrieb uns: „Ich habe 2010 an den Hellinger Tagen International in Bad Reichenhall teilgenommen. Ich war Stellvertreter in einer Aufstellung. Kurz darauf bemerkte ich, dass irgendetwas ,anders‘ war. Ich fühlte mich heller, weiter, als hätten sich innerlich unterschiedliche Türen geöffnet. Heute denke ich, dass sich in meiner Seele etwas verändert hatte. Mein rechter Fuß, der jahrelang immer wieder stark schmerzte, fühlt sich seitdem anders an. Er ist wieder beweglich und schmerzfrei.
Ein starker Husten, der mich kurz vor dem Seminar ereilte, wurde bei der Anreise immer schlimmer. Meine Stimmbänder schwollen so stark an, dass ich kaum mehr sprechen konnte.
Nach dieser Aufstellung besserte sich der Husten. Jeden Tag wurde er ein wenig leichter, aber jeden Tag bekam ich auch eine, wie soll ich mich ausdrücken, ,Erleuchtung‘, ein ,Aha-Erlebnis‘.
Langsam, ganz allmählich, habe ich wahrgenommen, wo mich das hinführen möchte: zu meinen dunkelsten Seiten, zu meiner Überheblichkeit und tiefen Aggressivität, die nur eins im Sinn hat: zu vernichten, dies auch zum Teil aus Rache. Unterdrückt und in Schach gehalten, richtet sie sich in Blicken und Gedanken gegen Andere und macht auch nicht vor meinen engsten Familienmitgliedern Halt, nicht vor meiner Mutter und auch nicht vor mir selbst. Die Tatsache, dass ich diese Seite nun seit annähernd 8 Jahren ohne Angst, ohne Schuld zulassen und anschauen kann, ist für mich verbunden mit einem Schritt in ein anderes Bewusstsein und nur dadurch so möglich. Ich erlebe es als einen tiefen Reinigungs- und Heilungsprozess.
Danke und viele Grüße A.“
Allerdings, wenn man davon ausgeht, dass diese Aufstellungen ein wissenschaftlich genaues Spiegelbild sind, liegt man natürlich daneben. Was hier vor sich geht, ist etwas Lebendiges, an dem lebendige Personen beteiligt sind, auch von ihrer eigenen Geschichte her. Es ist aber genau genug, um die Lösung zu finden, und das genügt.
Es gibt Leute, die wollen wissenschaftlich eine Tür untersuchen, mit dem Mikroskop. Die kriegen sie nie auf.
Das vorliegende Buch stellt zum einen klassische Familienaufstellungen vor, die Bert und ich zusammen geleitet haben. Da wir beide dabei in einem geistigen Feld miteinander verbunden sind und gemeinsam arbeiten, habe ich – bis auf einige Ausnahmen – auf die Differenzierung „Bert Hellinger sagt“ und „Sophie Hellinger sagt“ verzichtet. Wir sprechen gleichsam geistig mit einer Stimme, aber aus unterschiedlichen Perspektiven auf das Geschehen. Zum anderen habe ich zu den verschiedenen Themenbereichen der Aufstellungen Fragen, die häufig in Seminaren gestellt wurden, zusammengestellt und beantwortet.
Am Ende des Buches findet sich außerdem eine Auswahl von Berts Geschichten, die wie Meditationen die Seele berühren und zu einer plötzlichen Erkenntnis führen. Aufstellungsleiter, die selbst Seminare abhalten, können sie an geeigneter Stelle einsetzen und so einen besonders erhellenden Effekt in der Gruppe erzielen.
In einer großen Gruppe haben immer viele ein persönliches Anliegen. Es kann sein, dass sich jemand wirklich in einer Situation befindet, in der es angebracht ist, mit ihm zu arbeiten. Andere hingegen drängeln sich vor, wollen unbedingt drankommen und sagen: „Mit mir musst du arbeiten.“ Bevor jemand seine Hand hebt und sich für eine Aufstellung meldet, sollte er zuvor bei sich überprüfen, ob das mit seiner Seele in Einklang ist. Oder ob er im Herzen vielleicht wie ein Kind ist, das der Mutter sagt: „Du musst für mich.“
Kinder machen sich überhaupt keine Gedanken um die Mutter. Das brauchen sie auch nicht. Manchmal erlebe ich mich in einer Situation, als müsste ich wie eine Mutter sein. Ich werde nicht als die Person gesehen, die ich bin. Es gibt dann Kursteilnehmer, die glauben, dass ich für sie da sein müsse. Da verschiebt sich etwas in ihren Seelen.
Noch etwas ist zu bedenken: Oft kommt jemand in eine Gruppe, drängelt sich vor und überschüttet mich mit seinen Problemen, auch im Sinne von „Ohne dich bin ich verloren“. Damit soll mir ein schlechtes Gewissen gemacht werden. Wenn ich nicht mit ihm arbeite, soll ich an seinem Unglück schuld sein. Diese Mechanismen kenne ich von denen, die in die Opferrolle gehen. Wenn ich mich darauf einlasse, weil ich mich scheue, sie abzuweisen oder auf Abstand zu halten, bin ich nicht mehr im Einklang mit einer anderen größeren Bewegung. Ich werde auf mein Ich reduziert und kann der Person nicht helfen. Ich bin nicht in Kontakt. Der Klient würde später sagen, dass ich nichts kann. Das geschähe mir auch zurecht, wenn ich mit ihm arbeiten würde. Denn ich hätte mich wider besseres Wissen und wider bessere Einsicht von ihm manipulieren lassen.
Umgekehrt hält sich jemand zurück, der ein wirklich ernstes Anliegen hat. So einer drängelt sich nicht vor. Wenn er die Hand hebt, um dranzukommen, wählt die andere Kraft durch mich immer die Person aus, von der die Mehrheit der Teilnehmer profitiert. Dazu ein Beispiel: Zu Anfang eines Kurses kam eine Frau zu der Organisatorin und erklärte, dass sie unbedingt mit mir arbeiten müsse. In ihrer Familie sei etwas ganz Schlimmes passiert. Die Organisatorin antwortete: „Wenn es gemäß ist, kommst du auch dran.“ Ich wusste nichts von diesem Gespräch, erfuhr erst nach Kursende davon. Denn ich hatte die Frau, als sie sich meldete, von mir aus drangenommen. Ohne dass sie sich vorgedrängelt hatte.
