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Lehrbuch zur Einführung in die Grundlagen der klassischen Familienaufstellung mit Anbindung an die Entwicklung des Neuen Familienstellens. Ausführlich werden die Erkenntnisse, die zu einem glücklichen und gesunden Leben führen, anhand von Beispielen (z.B. Aufstellungen, die grafisch dargestellt werden) beschrieben. Dabei geht Sophie Hellinger detailliert auf die Lebensbasisprinzipien (Ordnungen der Liebe, Ordnungen des Erfolgs) ein, zeigt die Bedeutung der verschiedenen Formen des Gewissens auf und erklärt die Auswirkungen von Verstrickungen. Kapitel über Paarprobleme und Eltern-Kind-Beziehungen vervollständigen diesen Band. Ein Lehrbuch für Familiensteller und alle, die sich für das Familienstellen interessieren.
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Seitenzahl: 211
Veröffentlichungsjahr: 2019
Lehrbuch zur Einführung in die Grundlagen der klassischen Familienaufstellung mit Anbindung an die Entwicklung des Neuen Familienstellens
Copyright: Sophie Hellinger, Sonnleitstraße 37, 83483 Bischofswiesen
Vorwort
Die klassische Familienaufstellung
Die Anfänge
Der Vorgang
Die Ordnungen
Die Grundgesetze
Die Rangordnung in Beziehungen
2.1. Die Ursprungsordnung
2.2. Die Unordnung
2.3. Die früheren Partner
2.4. Die Rangordnung in gemischten Familien
2.5. Die Rangordnung zwischen der früheren und der späteren Familie
2.6. Andere Ordnungen zwischen Mann und Frau
Die Mitglieder des Familiensystems
Das Recht auf Zugehörigkeit
Die Folgen des Ausschlusses
Die Paarbeziehung
Die Einheit von Mann und Frau
Meditation
Die Ebenbürtigkeit
Die drei Zauberworte
Meditation
Die Bedeutung der Mutter
Meditation „Das Glück von der Mutter“
Die Heirat
Die Rangordnung
Bindung und Liebe
Der Ausgleich von Geben und Nehmen
Der sexuelle Vollzug
Die Mitte als Treffpunkt
Die Frau folgt dem Mann
Die Erneuerung des Männlichen und Weiblichen
Mutters Sohn und Vaters Tochter
Das Kind
Meditation
Die Paarbeziehung als Schicksalsgemeinschaft
Meditation
Die Grenzen
Die Trennung
Geschichte
Aufstellung
Die Freiheit
Geschichte
Der Verzicht
Der Abschied
Aufstellungen mit Paaren
21.1. „Ich halte dich fest mit Liebe“
21.2. Die Trennung
Die Abtreibung
Die Folgen
Die Verantwortung
Aufstellung
Die Lösung
Die Liebe
Der Friede
Die Zugehörigkeit zum System
Geschichte „Der Gast“
Das Gewissen
Das persönliche Gewissen
Geschichte „Der Spieler“
Die Überwindung der Grenzen des Gewissens
Geschichte „Der rote Faden“
Das Sippengewissen
Beispiel
Die Verstrickung
Das Schicksal
Beispiel
Aufstellung
Die Verschiebung
2.1. Lieber ich als du
Beispiel
2.2. Ich folge dir nach
2.3. Ich auch
Die Krankheit
Beispiel
Die heilende Trennung
Beispiel
Meditation „Unsere eigenen inneren Sätze“
Die doppelte Verschiebung
Beispiel
Die Eltern-Kind-Beziehung
1.1. Die Beziehung der Eltern zu ihren Kindern
Geschichte „Zweierlei Glück“
1.2. Zu wem sollen die Kinder?
2.
Die Beziehung der Kinder zu ihren Eltern
2.1. Die Ehrfurcht vor dem Leben
2.2. Das Nehmen
3.
Die Beziehung unter Geschwistern
4.
Die Anmaßung
Beispiel
Beispiel
5.
Die Erziehung
6.
Alle Kinder sind gut
Beispiel
7.
Meditation „Wir als schwierige Kinder“
8.
Inzest
Die Mutter
Das Nehmen der Mutter
Meditation
Die Trennung von der Mutter
X. Die Adoption
Aufstellung
Die Praxis der Familienaufstellung
Das geistige Feld
Der Aufsteller
2.1. Das Erlernen der Aufstellung
2.2. Der Platz des Aufstellers
Meditation
2.3. Die Haltung des Aufstellers
2.4. Verantwortung ohne Manipulation ist segensreich für alle
2.5. Der Abstand
Übung
2.6. Die Kraft
2.7. Das Mitleid
2.8. Der Mut
2.9. Die Auswahl des Klienten
2.10 .Die Bezahlung
Der Ablauf der Familienaufstellung
3.1. Der Anfang
3.2. Der Schluss
3.3. Das schnelle Ende
Geschichte „Die Heilung“
Der Klient
4.1. Das Anliegen
Die Stellvertreter
5.1. Die persönliche Erfahrung als Stellvertreter
5.2. Die Rolle
5.3. Das Phantasieren
5.4. Nichts sagen
Lösende Sätze
Der systemische Hintergrund von Gesundheit und Krankheit
Der Einfluss des Familiensystems auf den Körper
Der zeitliche Zusammenhang
Krankheitsbilder
3.1. Schizophrenie
3.2. Symptome bei Kindern
3.2.1. Hyperaktive Kinder
Aufstellung
3.2.2. Aggressive Kinder
3.2.3. Süchtige Kinder
3.2.4. Bulimie
3.2.5. Magersucht
3.2.6. Neurodermitis
Ausblick auf das Original Hellinger
®
Familienstellen
Bibliographie
Bücher von Sophie Hellinger
Bücher von Bert Hellinger
Adressen
Als ich vor zwanzig Jahren an einem Wendepunkt meines Lebens stand und mir die Frage nach seinem Sinn und Zweck stellte, traf ich auf Bert Hellinger. Er wurde mein Lehrer, später mein Ehemann und blieb bis heute mein Vorbild. Ich traf auf einen Mann, der die besondere Begabung besaß, etwas, das einerseits schmerzhaft, andererseits aber äußerst befreiend ist, schnell auf den Punkt zu bringen. Dank ihm, mit ihm und durch ihn habe ich mein Glück gefunden. Täglich hatte ich in ihm einen großen Meister, der allerdings weder lehrte noch korrigierte oder gar Fragen beantwortete. Doch ich lebte Tag ein, Tag aus in seinem Feld.
Aus den neuesten Forschungen der Epigenetik wissen wir, dass die Umwelt – also das Feld, in dem wir leben – der wichtigste Faktor für jeden Einzelnen ist. Sie steuert unsere Körperreaktionen, vom Stoffwechsel bis zur Hormonausschüttung. Das heißt: Unsere Umwelt bestimmt mit, was aus uns wird und was nicht.
Durch die Anwendungen der Ordnungen der Liebe, die Bert täglich aufs Neue studierte und mit denen er mich konfrontierte, durfte ich meine eigenen Erfahrungen sammeln und so schließlich meine innere Freude und Erfüllung entdecken. Das alles habe ich in diesem Buch zusammengestellt und in meiner Sprache ausgedrückt – für euch alle, die nach dem eigenen Glück, der eigenen Freude und der Liebe zum Leben suchen. Möge es euch als Wegbegleiter zur Seite stehen, damit auch ihr wisst, wo und wie ihr das große Glück finden könnt.
Sophie Hellinger
Die Liebe füllt, was die Ordnung umfasst.
Sie ist das Wasser, die Ordnung der Krug.
Die Ordnung sammelt,
die Liebe fließt.
Ordnung und Liebe wirken zusammen.
Wie sich ein klingend Lied den Harmonien fügt,
so fügt die Liebe sich der Ordnung.
Und wie das Ohr sich schwer gewöhnt
an Dissonanzen, auch wenn man sie erklärt,
so gewöhnt sich unsere Seele schwer
an Liebe ohne Ordnung.
Mit dieser Ordnung gehen manche um,
als wäre sie nur eine Meinung,
die sie beliebig haben oder ändern könnten.
Doch sie ist uns vorgegeben.
Sie wirkt, auch ohne dass wir sie verstehen.
Sie wird nicht gedacht, sie wird gefunden.
Wir erschließen sie, wie Sinn und Seele,
aus der Wirkung.
Bert Hellinger
Wohin auch immer, es geht.
Die Familienaufstellung ist natürlich nicht vom Himmel gefallen. Mein Mann Bert ist ihr in gewisser Weise begegnet. Alles begann damit, dass vor beinahe 40 Jahren die Psychiaterin Thea Schönfelder – sie war übrigens die erste Frau, die in Deutschland auf einen Lehrstuhl für Kinder- und Jugendpsychiatrie berufen wurde – ihn während der Lindauer Psychotherapiewochen als Stellvertreter für den Vater eines schizophrenen Jungen auswählte. Bert hatte keine Ahnung, was auf ihn zukommen würde. Thea Schönfelder schob ihn als Stellvertreter des Vaters auf einen anderen Platz. Plötzlich hatte er das Gefühl, in ein tiefes Loch zu fallen. Er war sozusagen nicht mehr er selbst. Nach der Aufstellung dagegen fühlte er sich wie in einer anderen Landschaft, weit und friedlich. Später begegnete Bert Thea Schönfelder erneut, wieder bei den Psychotherapiewochen in Lindau. Und wieder war er von ihrer Arbeit mit Familienmitgliedern tief bewegt. Noch verstand er allerdings nicht, was dabei passierte. Auch Thea Schönfelder konnte nichts über die Hintergründe und die Zusammenhänge dieser seelischen Vorgänge sagen.
Einige Jahre später besuchte Bert ein vierwöchiges Seminar über Familientherapie in Snowmass in den Rocky Mountains. Es wurde von Ruth McClendon und Les Kadis geleitet. Auch hier durchlebte er wieder als Stellvertreter Höhen und Tiefen. Doch auch Ruth McClendon und Les Kadis konnten sich nicht erklären, was da vor sich ging. Ein Jahr später nahm Bert an zwei Kursen in Familientherapie teil, die McClendon und Kadis in Deutschland gaben. Fünf Familien, bestehend aus Eltern und Kindern, wurden fünf Tage lang gleichzeitig therapiert. Wieder konnte Bert die Einzelheiten nur schwer erfassen. Das Erleben war zwar da, doch das Verstehen und die Erklärungen blieben aus. Aber in einem war er sich sicher: Hier lag die Zukunft.
Erst ein Jahr später, nach verschiedenen Ereignissen in seinem Leben, begann Bert zu erkennen, was die Hintergründe der Reaktionen bei der Familientherapie waren. Und er begriff, welche neue Dimension im Bereich der Erkenntnisse über die Seele sich öffnete. Zuvor hatte Bert bereits über Jahre hinweg Kurse zu der von Eric Berne, dem Begründer der Transaktionsanalyse, entwickelten Skriptanalyse angeboten. Sie wurde in dessen Buch „Was sagen Sie, nachdem Sie Guten Tag gesagt haben?“ ausführlich beschrieben. Berne hatte herausgefunden, dass wir unser Leben nach einem geheimen Plan leben, wie nach einem Skript, das wir auf der Bühne des Lebens fast wortgetreu aufführen. Dabei kam Bert die Einsicht, dass dieses Skript schon vorher von einer anderen Person aus der Familie aufgeführt worden war. Dass man es also von ihr weitgehend übernimmt und im Grunde wiederholt. Es dauerte lange, bis er die einzelnen Puzzleteile, die er erkannte, zu einem Bild zusammensetzen konnte. Erst sehr viel später ist er damit an die Öffentlichkeit gegangen.
Plötzlich begriff Bert, dass wir in unserem Leben an das Schicksal eines anderen Familienmitglieds gebunden sein können. Dabei handelt es sich um Personen, die in der Familie verlorengingen, weil sie vergessen oder auf Grund ihres Verhaltens ausgeschlossen wurden. Bert nannte diese Verbindung später „Verstrickung“. Auf einmal verstand er, was bei den aufgestellten Personen ablief. Er war wie elektrisiert, diese Zusammenhänge ans Licht zu bringen.
Bei der Familienaufstellung wird über die Stellvertreter sehr schnell offensichtlich, wer diese Ausgeschlossenen sind und wie sie wieder in die Familie und in unser Herz zurückgeholt werden können – zur Erleichterung für viele. Außerdem ging ihm bei der Beschäftigung mit dem Thema Schuld und Unschuld in Systemen ein Licht auf: dass es eine Ursprungsordnung gibt, dass also die Früheren in einem System Vorrang vor den Späteren haben. Das war Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre der Beginn der Erfolgsgeschichte der Familienaufstellung.
Bert Hellingers klassische Familienaufstellung hat sich am Anfang vor allem mit persönlichen Beziehungen befasst. Dabei konnte er die grundlegenden Ordnungen der Liebe ans Licht bringen, die für das Gelingen oder Scheitern unserer Beziehungen sorgen.
An späterer Stelle werde ich ausführlicher auf diese Ordnungen der Liebe eingehen. Hier möchte ich zum besseren Verständnis des Vorgangs der Familienaufstellung nur ein Beispiel nennen: Jeder in einer Familie hat das gleiche Recht dazuzugehören. Viele Probleme in einer Familie, auch Krankheiten, haben ihre Wurzel im Ausschluss eines Familienmitglieds. Das ist etwa der Fall, wenn ein Kind weggegeben oder verschwiegen worden ist.
Das Augenmerk bei der klassischen Familienaufstellung lag entweder auf der Gegenwartsfamilie oder der Ursprungsfamilie. Wenn es vorwiegend um ein Paar und seine Kinder ging, zeigte sich oft, dass die Probleme mit etwas Unerledigtem in ihren Herkunftsfamilien zusammenhingen. Der Fokus blieb auf diese beiden Familien begrenzt. Diese Art der Familienaufstellung hatte sich als sehr erfolgreich erwiesen. Sie hat vielen Menschen geholfen und wurde als eine Bereicherung der Psychotherapie erfahren. Viele Psychotherapeuten bezogen diesen neuen Ansatz in ihre Arbeit mit ein.
Dennoch möchte ich hier darauf hinweisen, dass die klassische Familienaufstellung später von Bert und mir zum Neuen Familienstellen weiterentwickelt wurde. Denn „klassisch“ bedeutet ja nichts anderes als „stehengeblieben“. In der Hellingerschule® wird die Hellinger sciencia® unterrichtet. Hellinger sciencia® ist die Wissenschaft von allen Beziehungen und die Weiterentwicklung des Familienaufstellens. Wir lehren nur noch das Original Hellinger® Familienstellen. Nach ihm besteht weltweit eine dermaßen große Nachfrage, dass wir ihr nur noch knapp nachkommen können.
Die klassische Familienaufstellung verlief einfach. Der Aufstellungsleiter oder der Klient wählte aus einer Gruppe von Teilnehmern Stellvertreter für bestimmte Mitglieder seiner Familie und stellte sie räumlich in Beziehung zueinander. Dabei berührte er sie beispielsweise an ihren Schultern und schob sie an den von ihm gewählten Platz. Diese körperliche Berührung war für das Zustandekommen des „wissenden Feldes“ wichtig. Danach setzte sich der Klient und beobachtete zunächst die weitere Aufstellung. Dabei machten die Stellvertreter die Erfahrung, dass sie, sobald sie an ihrem Platz standen, sich wie die Personen fühlten, die sie vertraten. Das alles, ohne dass sie diese kannten oder etwas über sie gesagt worden wäre. Manchmal sprachen die Stellvertreter sogar mit den Stimmen dieser Personen oder bekamen deren Symptome. Sie begannen beispielsweise zu zittern oder konnten nicht mehr stehen, richtig hören oder sehen.
Dieses Phänomen lässt sich mit herkömmlichen Vorstellungen nicht erklären. Am ehesten trifft es der Begriff „geistiges Feld“, von Rupert Sheldrake auch „morphogenetisches Feld“ genannt. In ihm sind die früheren Ereignisse in einer Familie oder Gruppe und die damit verbundenen Gefühle wie in einem gemeinsamen Gedächtnis gespeichert. Die Gruppe oder Familie hat auch ein gemeinsames Gewissen. Es schreibt den einzelnen Mitgliedern vor, wie sie die Zugehörigkeit zu dem geistigen Feld und zu ihrer Familie sichern.
In dieses Feld treten die Stellvertreter bei einer Aufstellung ein. Sie tauchen dabei in etwas ein, das sie mit Abwesenden verbindet. Und zwar nicht nur äußerlich oder an der Oberfläche, sondern in einem Bereich, in dem eine sie alle gemeinsam steuernde Kraft erfahrbar wird. Bert und ich nennen sie „die große Seele“. Auch die Person, die aufstellt, wird von dieser Kraft erfasst. Anschließend wundert sie sich, was sich dadurch zeigt. So kommen beispielsweise bisher verborgene Beziehungen zu anderen Mitgliedern der Familie ans Licht.
Nachdem die Stellvertreter bei der klassischen Familienaufstellung an ihren Plätzen standen, wurden sie vom Aufstellungsleiter gefragt, wie es ihnen ergehe. Danach wurden sie umgestellt, bis sich am Ende alle gut fühlten. Oft wurden noch andere Stellvertreter ausgewählt und mit hineingenommen. Wenn zum Beispiel alle in dieselbe Richtung blickten, hieß das: Sie schauten auf jemanden, der in der Familie ausgeschlossen oder vergessen worden war. Oft war es ein früh verstorbenes Kind. Wenn jemand für dieses Kind aufgestellt wurde, atmeten die anderen auf. Auf diese Weise kam eine verborgene Ordnung der Liebe ans Licht.
Erst wenn alle Stellvertreter sich an ihrem Platz wohl fühlten, nahm der Klient den Platz seines Stellvertreters ein und wurde nach seinem Befinden befragt. Manchmal waren dann noch weitere Schritte nötig, oder es wurden vom Aufstellungsleiter lösende Sätze vorgegeben. Er wies dann beispielsweise den Klienten an, zu einem Stellvertreter „Danke, lieber Papa“ zu sagen. Das dann entstandene Lösungsbild nahm der Aufstellende ganz in sich auf. Die Aufstellung war ein Bild der Ordnung, dem man zustimmte. Auch wenn der äußere Vollzug der Bilder vielleicht noch weit weg war, stimmte man zu, dass sie in die Praxis umgesetzt werden würden. Das Bild musste sich erst in der Seele voll entfalten, damit das Handeln aus innerster Einsicht und Kraft dem Erlebten folgen konnte.
Ein Beispiel: Ein Mann stellte innerhalb seiner Gegenwartsfamilie ein Kind abseits und mit dem Blick nach außen auf. Dadurch kam ans Licht, dass dieses Kind aus der Familie hinaus strebte. Bert fragte die Stellvertreterin dieses Kindes, wie sie sich an ihrem Platz fühle. Sie sagte, sie fühle sich dort gut. Das Gesamtbild der Aufstellung legte nahe, dass noch jemand anderer aus der Familie weggehen wollte. Daher bat Bert die Stellvertreterin der Frau, den Platz mit diesem Kind zu tauschen. Als er sie fragte, wie sie sich an diesem Platz fühle, sagte sie ebenfalls, sie fühle sich dort gut. Aus wiederholten Erfahrungen bei vielen Familienaufstellungen ließ das vermuten, dass es die Frau war, die gehen wollte – aus welchen Gründen auch immer. Das Kind war nun bereit, dieses Schicksal an Stelle seiner Mutter auf sich zu nehmen – eine für die Eltern zutiefst beunruhigende und erschreckende Erkenntnis.
Die Frage war: Wie war so etwas möglich? Wieso wollte die Frau gehen? Was hier in letzter Konsequenz hieß: Warum verspürte die Frau tief in ihrer Seele die Sehnsucht zu sterben? Die Antwort gab ein Ereignis in ihrer Herkunftsfamilie. Die Zwillingsschwester der Frau war kurz nach der Geburt gestorben. Als eine Stellvertreterin für die Zwillingsschwester vor die Frau gestellt wurde, zeigte sich, dass die Frau ihrer Schwester in den Tod folgen wollte, um mit ihr vereint zu sein. Dieses Beispiel zeigt, was es bedeutet, wenn wir von schicksalhaften Verstrickungen sprechen. Denn sie bleiben außerhalb unseres Wissens und Wollens, unserer Vorsicht und unseres Bewusstseins. Sie sind schicksalhaft, weil sie unser Leben auf eine Weise bestimmen, auf die wir keinen Einfluss haben. Zumindest so lange, bis wir uns ihrer bewusst sind. In diesem Fall war aber nicht nur die Frau schicksalhaft verstrickt, sondern auch ihr Kind und der Mann. Das Kind, weil es, ohne zu wissen warum, das Schicksal seiner Mutter auf sich nehmen wollte. Der Mann, weil er der Situation ohne Handlungsmöglichkeit ausgeliefert gewesen wäre, wenn die Beziehung zu seiner Frau aufgrund ihrer Schicksalsbindung scheitern sollte.
Die Familienaufstellung bringt also nicht nur bisher Verborgenes aus der Vergangenheit, sondern auch schon die Zukunft ans Licht. Das Entscheidende ist, den Weg zur Lösung aus einer Verstrickung zu zeigen und die Betroffenen auf diesen Weg zu führen. Das gilt auch für das Neue Familienstellen. Dafür müssen sich die Klienten mit etwas Größerem verbinden, bewusst etwas Früheres hinter sich lassen und sich einem Neuen öffnen – auch wenn es anfangs Angst macht. Das braucht besondere Kraft. Die Quelle dafür ist in erster Linie die Verbindung mit den Eltern und Vorfahren. Das gelingt oft schon während der Aufstellung.
Ordnung erhält.
Eine der Grundbedingungen für das Gelingen von Beziehungen ist die Ordnung. Damit meine ich zuerst die Regeln, die das Zusammenleben einer Gruppe in feste Bahnen lenken. In allen länger dauernden Beziehungen entwickeln sich gemeinsame Normen und Riten, Überzeugungen und Tabus, die dann für alle verbindlich werden. So wird aus Beziehungen ein System mit Ordnung und Struktur. Das ist die eher vordergründige und vereinbarte Ordnung. Dahinter wirken Ordnungen, die vorgegeben sind und die sich der Vereinbarkeit entziehen. Diese Ordnungen nenne ich Lebensbasisprinzipien.
Was sind die Hintergründe, die in der Regel zu Problemen führen? Ich fasse sie hier kurz zusammen. Dabei handelt es sich um Einsichten, die das Ergebnis jahrzehntelanger Beobachtungen und Erfahrungen sind. Probleme in Familien, im erweiterten Sinn aber auch der Misserfolg in allen menschlichen Beziehungen, lassen sich hauptsächlich auf zwei Unordnungen zurückführen.
Die beiden Lebensbasisprinzipien, die über Erfolg und Misserfolg im Leben und in Beziehungen entscheiden, heißen:
Jeder hat das gleiche Recht dazuzugehören.
Jeder hat einen ihm zukommenden Platz in seiner Gruppe, der von der Zeit seiner Zugehörigkeit zu dieser Gruppe abhängt. In diesem Sinne gibt es eine hierarchische Ursprungsordnung.
Wieso kommt es zur Missachtung dieser Lebensbasisprinzipien?
Sie sind weitgehend unbekannt.
Ihnen steht als treibende Kraft unser persönliches Gewissen entgegen.
Was heißt das für uns?
Die Lebensbasisprinzipien wurden durch das Familienstellen erkannt und offengelegt. Sie verlangen eine Neuorientierung auf allen Ebenen des Bewusstseins und des Handelns. Ordnungen sind generell vorgegebene Prinzipien, nach denen sich etwas entwickelt. Ein Baum zum Beispiel entwickelt sich nach einer ganz bestimmten Ordnung. Sonst ist er kein Baum mehr. Diese Ordnung ist ihm eigen und vorgegeben. Und doch ist jeder Baum anders. So wächst eine Fichte anders als eine Eiche. Beide folgen verschiedenen Ordnungen. Jeder kann diese Ordnungen sehen und unterscheiden.
Bei den menschlichen Beziehungen stellt sich aber noch eine andere Frage: Was ist größer und was ist wichtiger: die Liebe oder die Ordnung? Was kommt zuerst? Viele meine, wenn sie nur genug lieben, dann kommt alles in Ordnung. Viele Eltern denken, wenn sie ihre Kinder nur genug lieben, dann entwickeln sie sich genauso, wie sie es wollen. Die meisten Eltern, die das denken, werden enttäuscht. Die Liebe allein genügt offen sichtlich nicht.
Die Beziehung zwischen Menschen gelingt nur nach gewissen Ordnungen. Auch die Liebe muss sich ihnen fügen. Wenn wir um diese Ordnungen wissen, gelingt auch die Liebe. Wenn wir dagegen verstoßen, scheitert die größte Liebe.
In Beziehungen gibt es eine Ordnung gemäß dem Anfang der Zugehörigkeit zu einem System. Diese Ordnungen sind weder willkürlich noch wandelbar. Sie sind vorgegeben. Denn das Sein wird durch die Zeit definiert und bekommt seinen Rang durch die Zeit. Es wird strukturiert durch die Zeit. Wer zuerst in einem System da war, hat deshalb Vorrang vor dem, der später kommt. Das gilt auch für die Ordnung in Familiensystemen.
Ein Paar ist in dieser Hinsicht auf der gleichen Ebene, denn sie beginnen ihre Beziehung zur selben Zeit. Das Gleiche gilt für Eltern. Zwischen ihnen gibt es keinen Vorrang in diesem Sinne. Sie beginnen gemeinsam. Insofern sind auch sie hier gleichwertig. Wenn sie Kinder haben, hat das erste Kind Vorrang vor dem zweiten, und das zweite hat Vorrang vor dem dritten. Das bedeutet nicht, dass das erstgeborene Kind dadurch eine Befehlsgewalt über die späteren Geschwister hat, aber nach der Rangordnung kommt es zuerst.
Aber auch, was in einem System zuerst da war, hat Vorrang vor dem, was später kommt. Daher hat die Paarbeziehung Vorrang vor dem Elternsein. Und natürlich haben die Eltern Vorrang vor den Kindern. Wenn man bei der klassischen Familienaufstellung eine Familie gemäß dieser Ordnung aufstellt, zum Beispiel im Kreis, dann stehen Personen von niedrigerem Rang im Uhrzeigersinn links von Personen mit höherem Rang.
Auch im täglichen Leben hat es eine gute Wirkung, wenn man die Ursprungsordnung beachtet. Ein Beispiel ist die Tischordnung in Familien. So ist es eine gute Lösung, wenn die Eltern auf der einen Seite des Tisches sitzen, am besten der Mann rechts von der Frau. Die Kinder sitzen ihnen gegenüber, zuerst das erstgeborene, links von ihm das zweitgeborene usw. Die Rangordnung geht im Uhrzeigersinn. Eine andere Möglichkeit wäre, dass das erstgeborene Kind links neben der Mutter sitzt, links von ihm das zweite Kind, dann das dritte usw. Diese Ordnung fördert Frieden am Tisch und reduziert Konflikte.
Vor einigen Jahren kam ich zufällig mit einer Frau ins Gespräch, die sieben Geschwister hatte. Sie hatte noch nie etwas von Familienaufstellungen gehört. Einmal im Monat trafen sich alle Geschwister zu einer Radtour. Dabei fuhren sie hinter einander, vorne weg der Älteste, gefolgt von den Geschwistern in absteigender Altersreihenfolge. Bei dem Ausflug gingen sie auch immer gemeinsam essen. Dabei saßen sie im Uhrzeigersinn nach dem Alter geordnet am Tisch. Das geschah ganz unbewusst. Die Geschwister standen sich nahe und verstanden sich immer gut. Wenn diese Ordnung mal nicht eingehalten wurde, dann, so erzählte die Frau, fingen sie an, sich zu streiten.
Unter Systemen gilt eine umgekehrte Reihenfolge. Das neue System hat Vorrang vor dem alten. Zum Beispiel hat die Gegenwartsfamilie Vorrang vor der Herkunftsfamilie. Wo das nicht beachtet wird, geht etwas schief.
Manchmal wird die Rangordnung in einer Familie auf den Kopf gestellt. Wenn ein Kind etwas für seinen Vater oder seine Mutter auf sich nimmt, erhebt es sich über sie. Das ist der Fall, wenn es die Schuld eines Elternteils auf sich nimmt oder ein Elternteil retten will. Das verstößt gegen die Ursprungsordnung. Denn der Nachrangige kann dem Vorrangigen nie helfen. Das gilt ebenfalls unter Geschwistern.
Jeder in der Familie hat seinen eigenen, ihm zustehenden Platz. Niemand kann und darf ihm diesen Platz streitig machen. Zum Beispiel indem er sich über einen anderen erhebt oder ihn von seinem Platz verdrängen will. Die Rangordnung wird in unserer Kultur oft verletzt und rücksichtslos übergangen. Das geschieht meist unter Berufung auf die persönliche Freiheit und das Recht, sich nach seinen eigenen Vorstellungen entfalten zu dürfen. Doch die Beachtung der Rangordnung entscheidet über Erfolg und Misserfolg, über Leben und Tod. Niemand kann gegen dieses Lebensbasisprinzip ohne schlimme Folgen für sich und andere verstoßen.
Alle Verstöße gegen die Ursprungsordnung führen zu einem Scheitern. Denn dabei gibt es in der Seele zwei Bewegungen, die sich entgegenstehen: das bewusste persönliche und das unbewusste kollektive Gewissen. Wenn zum Beispiel ein Sohn etwas für seinen Vater übernimmt, hat er ein gutes persönliches Gewissen. Er fühlt, dass er seinen Vater liebt und dass er unschuldig ist. Doch gleichzeitig verstößt er damit gegen die Ursprungsordnung. Deren Quelle ist das unbewusste kollektive Gewissen, auch Sippengewissen genannt, das sich nicht nach dem Verstand und der landläufigen Moral richtet. Dieses kollektive Gewissen bestraft den Verstoß mit Scheitern und Tod.
Beim Familienstellen kommen die Verstöße gegen die Ordnungen, die Lebensbasisprinzipien, ans Licht. Ihre Wiederherstellung ist die Voraussetzung für das Gelingen des Lebens.
Wenn in einer Familie ein Partner oder beide zuvor schon verheiratet waren oder eine wichtige Beziehung hatten, haben die früheren Partner Vorrang vor den kommenden. Wenn das nicht anerkannt wird, wenn zum Beispiel ein früherer Partner herabgesetzt, ausgeklammert oder gar verstoßen wird, vertritt ihn später ein Kind aus der neuen Familie. Es zeigt dann z.B. die Gefühle des früheren Partners und verhält sich entsprechend. Wenn eine Tochter die frühere Frau ihres Vaters vertreten muss, verhält sie sich dann plötzlich wie diese Frau. Sie wird zum Beispiel auf den Vater böse oder verhält sich als die bessere Frau. Dann entsteht eine Vater-Tochter-Beziehung, die eher einer Paarbeziehung ähnelt.
Wenn aber die frühere Frau angeschaut und geachtet wird, sodass sie von der neuen Familie im Herzen wiederaufgenommen wird, braucht die Tochter sie nicht mehr zu vertreten. Dann ist die Ursprungsordnung wiederhergestellt.
Was ist die rechte Ordnung in Patchwork-Familien? Wenn beide Eltern schon vorher verheiratet waren und Kinder aus früheren Beziehungen, aber auch gemeinsame Kinder haben? Wer kommt zuerst?
Die Kinder des Mannes oder der Frau aus vorherigen Beziehungen waren in diesem System vor dem neuen Partner da. Sie haben Vorrang vor dem neuen Partner und auch den Kindern aus der neuen Beziehung. Das muss von den Kindern aus der neuen Verbindung anerkannt werden. Auch darf der neue Partner nicht fordern, dass er vor den Kindern aus der vorherigen Beziehung komme. Das führt zu Konflikten. Wird diese Rangfolge anerkannt, können sich der Mann oder die Frau auch leichter dem neuen Partner zuwenden. Das ist die Voraussetzung, dass diese neue Beziehung eine Chance hat.
