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Vom Beginn des Lebens bis zum Tod hat kein anderer Mensch so viel Einfluss wie die eigene Mutter; sie stellt die tiefste Verbindung dar, die ein Mensch erleben kann. Frauen lehnen ihre Mütter oft ab, aber wer seine Mutter ablehnt, lehnt sich selbst ab, mit negativen Auswirkungen auf das Leben, Partnerschaften und die Karriere, bis hin zu schweren Krankheiten und Tod. In ihrem Buch beschreibt Sophie Hellinger die Gründe und Folgen dieser Ablehnung und bietet Lösungen an, auch wenn die Mutter verstorben ist. Das Buch dient als grundlegendes Werk für jeden, der sein Leben positiv gestalten will.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Copyright:
Sophie Hellinger, Gabelsberger Str. 5, 83435 Bad Reichenhall
I. Der Blick auf die Mutter
Meditation
II. Wir alle sind Mamakinder
III. Auswirkungen des Zelltransfers
Meditation: Die Mutter und den Vater anschauen
IV. Die Wirkung der Original Hellinger Familienaufstellung
Ordnungen der Physik und des Lebens
V. Die vier Grundhaltungen des Familienstellers
1. Ohne Absicht
2. Ohne Angst
3. Ohne Mitleid
4. Ohne Liebe
Eine Meditation für Aufsteller:
Die Sorge einer Mutter und ihr Hintergrund
Beispiel aus einem Seminar
VI. Therapie statt Lösung
VII. Ordnungen der Liebe
1. Ordnung: Das Recht auf Zugehörigkeit
2. Ordnung: Die Rangfolge
3. Ordnung: Der Ausgleich von Geben und Nehmen
VIII. Das Recht auf Zugehörigkeit
Wer gehört zum System?
Aufstellung
Übung
Die Moral
Übung:
Aufstellung
IX. Die Rangfolge
Das Erbe
Übung: Entdeckungsreise zu Früher und Später
Die Rangordnung bei Familiensystemen
X. Die Parentifizierung
1. Primäre und sekundäre Gefühle
2. Metagefühle
3. Übernommene Gefühle
XI. Die Hierarchie zwischen Eltern und Kind
XII. Das Gewissen
1) Das persönliche Gewissen
2) Das kollektive Gewissen
3) Das geistige Gewissen
XIII. Alles annehmen – auch das Schwere
XIV. Die unterbrochene Hinbewegung zur Mutter
Festhalte-Übung
XV. Der schwierige Weg zur Mutter
XVI. Versöhnung mit der Mutter
XVII. Die Folgen des Kaiserschnitts
Kaiserschnitt-Trauma beim Kind
Kaiserschnitt-Trauma bei der Mutter
XVIII. Die Bedeutung der Großmutter
Der erste Scheinwerfer
Der zweite Scheinwerfer
Übung: Meine groß(e)Mutter
Aufstellung: Der Einfluss der Ahnen
XIX. Zurück in Mutters Bauch
XX. Bibliographie
XXI. Adressen
„Die Mutterliebe ist (…) die bedingungslose Bejahung des Lebens und der Bedürfnisse des Kindes. Aber hier ist noch etwas Wichtiges hinzuzufügen. Die Bejahung des Lebens des Kindes hat zwei Aspekte: der eine besteht in der Fürsorge und dem Verantwortungsgefühl, die zur Erhaltung und Entfaltung des Lebens des Kindes unbedingt notwendig sind. Der andere Aspekt geht über die bloße Lebenserhaltung hinaus. Es ist die Haltung, die dem Kind jene Liebe zum Leben vermittelt, die ihm das Gefühl gibt: Es ist gut zu leben, es ist gut, ein kleiner Junge oder ein kleines Mädchen zu sein; es ist gut, auf dieser Welt zu sein.“
Erich Fromm: Die Kunst des Liebens
Ich freue mich immer, wenn ich ein kleines Kind im Kinderwagen sehe und es in der Blickrichtung zur Mutter sitzt. Also Kleinkinder im Alter von etwa zehn Monaten, die schon in einer Karre geschoben werden. Dann bleibe ich häufig stehen und beobachte Mutter und Kind mit meiner ganzen Aufmerksamkeit. Die Energie, die zwischen ihnen hin und her fließt, ist so stark, dass man sie fast greifen kann. Ich kann spüren, wie die Welt für beide in Harmonie und Ordnung ist. Dieses Geschehen erfüllt mich mit einem tiefen Glücksgefühl. In meinem Inneren wird etwas berührt, das ich als Verbundenheit mit dem gesamten Universum bezeichnen möchte.
Dabei spreche ich nicht von Babys, die natürlich immer ganz süß sind. Na ja, nicht immer süß. Viele Mütter werden mir zustimmen, dass die Baby-Zeit einen oft an die Grenzen der nervlichen und körperlichen Kräfte bringen kann. Obwohl ein Baby noch so klein ist, besitzt es dennoch bereits seinen eigenen Willen. Es weiß genau, was es will und was es braucht. Das bringt es energisch zum Ausdruck. Und zwar, indem es schreit und solange schreit, bis etwas geschieht. Diese Schreierei kann vor allem nachts sehr lange sein – je nach Wesensart des Kindes. Kein Baby ist wie das andere.
Wenn wir Babys ansehen, fühlen wir uns in einer anderen Weise berührt als beim Blick auf Kleinkinder. Denn es ist kaum zu begreifen, wie so ein Wesen im Bauch der Mutter heranwachsen konnte. Weder unsere Gedanken noch unsere Vorstellungen sind in der Lage, sich diesen Prozess in vollem Umfang vorzustellen. Es ist das lebende Ergebnis eines schöpferischen Prozesses. Wenn wir mit diesen Gedanken auf ein Baby blicken, dann fühlen wir uns von einer kosmischen – andere sagen göttlichen – Kraft berührt.
Bei Kleinkindern fasziniert mich ihr Blick zur Mutter. Mit unumstößlichem Vertrauen, mit tiefster Verbundenheit, ja, man kann sagen, mit der schönsten und größten Form der Verbundenheit. Das Kind fixiert gleichsam gebannt die Mutter. Als würde es viel mehr als nur seine Mutter wahrnehmen; als würde sein Blick fast unendlich weitergehen: In der eigenen Mutter sieht und spürt es auch deren Mutter, also seine Großmutter, und auch deren Mutter, also seine Urgroßmutter, und so weiter, über Generationen zurück. Dass dies keine esoterische Spinnerei ist, haben die jüngsten Erkenntnisse der Epigenetik bewiesen, dem wohl derzeit spannendsten Wissenschaftsbereich neben der Quantenphysik. Doch hier greife ich vor.
Manche werden jetzt sagen: „Dass ein Kind so auf seine Mutter reagiert, ist doch kein Wunder. Schließlich war es neun Monate in ihrem Bauch, hörte dort schon ihre Stimme und erlebte ihre Gefühle mit. Es ist ganz klar, dass das Kind sich mit der Mutter eins fühlt. Außerdem ist es meist die Mutter, die es in den ersten Monaten versorgt, meistens sogar stillt.“ Also alles reine Gewohnheit? Nein, das glaube ich nicht, und die jüngsten Erkenntnisse der Wissenschaft geben mir recht. Der Bauch der Mutter ist eben kein für neun Monate bewohntes Ferienappartement mit All-inklusive-Verpflegung, aus dem man nach abgelaufener Zeit auszieht und sich andernorts niederlässt.
Der Bauch der Mutter ist keine beliebig austauschbare Unterkunft, er ist kein mechanischer Brutkasten. Was sich im Mutterleib vollzieht, ist die Grundlage für eine einmalige, unauflösliche Bindung. Sie bleibt während des ganzen Lebens des Kindes bestehen, sogar bis zum Greisenalter. Es ist eine besondere Verbindung, die in Abwandlung des Satzes „bis dass der Tod uns scheidet“ sogar „bis dass erst mein Tod mich von dir scheidet“ – zumindest hier auf Erden – währt. Mit der Mutter vollzieht sich die innigste Verbindung für jeden Menschen.
Hier höre ich schon viele aufschreien: „Aber meine Mutter liebe ich nicht so.“ „Meine Mutter hat mich enttäuscht.“ „Ich lehne meine Mutter ab, ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben.“ „Mit meiner Mutter habe ich selbst als Erwachsene noch Probleme. Ich will mit ihr absolut nichts mehr zu tun haben.“
Manche gehen sogar so weit zu behaupten, dass sie zwei Mütter hätten: eine biologische und eine Herzensmutter. Die eine habe sie zwar geboren, aber die andere habe sich um sie gekümmert. Die „biologische Mutter“ – ich setze dies bewusst in Anführungszeichen – zählt dann nicht mehr. Es geht so weit, dass einige sagen: „Ich wünsche ihr den Tod.“ Es gibt sogar eine Steigerung: „Am liebsten würde ich meine Mutter umbringen.“ Wer so denkt, setzt sich an Gottes Stelle. Denn jeder hat nur eine Mutter, die leibliche. Egal, wie sehr jemand mit dem Verstand dagegen arbeitet. Auch hier hat die Wissenschaft bewiesen, dass diese Verbindung einmalig und unendlich ist.
Kein Lebenspartner, kein bester Freund und keine beste Freundin, kein Guru und – ich wage zu sagen – auch kein Gott beschäftigt den einzelnen Menschen bis zu seinem Tod so sehr wie die eigene Mutter. Selbst der Schmerz beim Ende der größten Liebe endet irgendwann, denn hier heilt – so banal es klingen mag – die Zeit die Wunden. Jedoch die Verbundenheit mit der Mutter bleibt. Bei einigen ist es ein Hadern, begleitet von Gefühlen des Verletztseins, des Zorns, des Enttäuschtseins und der Traurigkeit. Diese Gefühle haben eine direkte Auswirkung auf die Seele. Sie begrenzen die Möglichkeiten, ein erfülltes und glückliches Leben zu führen; sie lassen Partnerschaften zerbrechen, vereiteln Erfolge im Beruf und führen nicht selten zu schweren Erkrankungen, im schlimmsten Fall sogar zum Tod.
Bei den Tausenden Familienaufstellungen, die ich im Laufe meines Lebens weltweit mit meinem Mann Bert, aber in den letzten Jahren auch alleine durchgeführt habe, ging es mindestens zu achtzig Prozent um Probleme des Klienten mit der Mutter. Vorwiegend handelte es sich bei den Klienten um Frauen. In jüngster Zeit beobachte ich diese Haltung vermehrt auch bei Männern. Die wenigsten blickten ohne Vorwürfe auf ihre Mutter, unfähig, die von ihr erbrachte Leistung zu anzuerkennen und sie vor allem zu würdigen, ganz zu schweigen von der Fähigkeit, mit Dankbarkeit auf die Mutter zu blicken. Mein Mann Bert sagte einmal: „Mir tun die Mütter leid. So viel wird von ihnen erwartet. Wie soll ein Mensch das leisten können?“ Die meisten Frauen leben außerdem noch in der Vorstellung, alles völlig anders und sogar noch viel besser als die eigene Mutter machen zu können.
Doch erst die Aussöhnung mit der eigenen Mutter lässt die immer vorhandene und häufig unbewusste Liebe zur Mutter wieder ungehindert fließen kann. Das ist die Voraussetzung für inneren Frieden. Wie dieser Friede erreicht wird, ist ein großes, wiederkehrendes Thema dieses Buches. Doch schon hier behaupte ich und werde es im weiteren Verlauf belegen, dass für jeden in Bezug auf die Mutter gilt:
„Du warst, du bist, du bleibst die größte Liebe meines Lebens.“
Du kannst den folgenden Text mit einem Diktiergerät aufnehmen und abspielen. Oder du bittest eine Person deines Vertrauens, dir diesen Text vorzulesen:
Setze dich aufrecht hin, die Beine parallel auf dem Boden.
Atme tief aus und ganz bewusst bis in den Bauchraum wieder ein.
Freue dich auf das, was jetzt kommen wird.
Lächle, freue dich grundlos, zeige, dass du lächeln kannst und lächeln willst.
Das Lächeln zeigt, dass du bereit bist für das, was jetzt auf dich zukommen wird.
Glaube mir: Das Leben kann nur besser werden.
Es spielt keine Rolle, wie alt oder wie jung du bist.
Du atmest jetzt ganz bewusst all deinen Kummer, all deine Sorgen, all deinen unnötigen Ballast und deine Erinnerungen aus.
Kontrolliere dein Lächeln.
Spüre deine Mundwinkel, wie sie sich nach oben anheben.
Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, dass das zu dir kommen kann, auf das du schon so lange wartest.
Schließe deine Augen und halte sie geschlossen.
Du fühlst dich in deinen Körper in totaler Sicherheit.
Fühle dich entspannt in diesem Raum, in deiner Wohnung oder in deinem Haus, in dem du dich gerade befindest.
Beobachte deinen Atem.
Lausche in dich hinein.
Spüre, wie sich dein Brustkorb hebt und senkt.
Atme ganz bewusst aus.
Atme ganz bewusst durch die Nase ein.
Stell dir vor, wie du mit jedem Atemzug eine Verbindung zu allen Pflanzen und Bäumen herstellst.
Beobachte erneut deinen Atem.
Fühle die Verbindung mit jedem lebendigen Wesen.
Lächle. Beobachte deinen Atem.
Fühle die Verbindung mit allen Tieren und allen Menschen.
Kontrolliere das Lächeln auf deinem Gesicht.
Dein Lächeln gilt allen und allem, weil du im selben Feld bist mit allem, was existiert.
Lächle. Fühle, wie sich deine Stirn entspannt.
Wie die Spannung aus deinen Schultern weicht.
Sei ganz präsent und bewusst in deinem Körper.
Wie fühlt er sich an?
Es gibt nichts in deinem Leben, was näher und verbindlicher für dich existiert als dein Körper.
Er fühlt alles und hört alles.
Lächle dir selber zu.
Lächle deinem Körper zu.
Wenn du dich selbst nicht überwinden kannst, dich anzulächeln, wer soll dich dann anlächeln?
Was kann dann an Resonanz zu dir zurückkommen?
Sei dir dessen immer bewusst, dass deine Körperzellen alles mitbekommen. Sie lauschen auf deine Worte, auf deine Gefühle und reagieren auf deine Körpersprache.
Wenn du dich selbst nicht überwinden kannst, dich selbst jetzt anzulächeln – wer wird dich dann anlächeln?
Lächle ganz bewusst. Dadurch forcierst du auf eine positive Weise die Kommunikation mit deinen Körperzellen.
Dein Stoffwechsel verändert sich durch dein Lächeln.
Das Lächeln setzt einen völlig anderen chemischer Prozess in deinem Körper in Gang. Dein Körper wird unmittelbar darauf antworten.
Ganz speziell dann, wenn du ihm zulächelst.
Wirklich zulächelst.
Freudvoll zulächelst.
Freue dich über deinen Körper.
Es gibt tausend Gründe, sich über den eigenen Körper zu freuen. Lächle!
Jetzt kommst du zu dir.
Du bist ganz in dir!
Fühle in deine Körpermitte und beobachte erneut deinen Atem.
Öffne deinen Mund ganz leicht und atme ganz bewusst all deinen Kummer und deine Sorgen aus.
Mit jedem Ausatemzug wirst du spüren, wie sich deine Schultern senken, wie eine Last von ihnen gleitet.
Atme ganz bewusst mit geschlossenem Mund durch die Nase ein.
Bewusst ausatmen. Lass all das Schwere los.
Erneut durch die Nase einatmen und fülle ganz bewusst deine
Lungen und deinen Bauch mit all dem aus, wonach du dich sehnst.
Ausatmen und loslassen.
Lächeln.
Durch die Nase einatmen und stell dir vor, wie alles zu kommt, worauf du schon so lange wartest.
Du freust dich so darauf.
Und jetzt trittst du in deinen Vorstellungen eine Reise an.
Das Ziel deiner Reise ist das innerste Unbewusste.
Fühle den Einklang mit deinem Innersten.
Lass alle deine Wünsche bildlich vor dir erscheinen.
Und gleichzeitig übernimmst du die Verantwortung für alles, was jetzt kommen mag.
Denke: Ab jetzt übernehme ich die Verantwortung, ich erkenne an, dass ich der Meister meines Lebens und meines Schicksals bin.
Meine Seele wartet schon so lange darauf, dass ich aus meinen alten Schuhen herauswachse.
Lächle dir zu!
Dir ist jetzt bewusst, dass nur das zu dir kommt, was du aushalten und ertragen kannst.
Nichts anderes kann zu dir kommen.
Was möchtest du für dich erreichen?
Was soll sich verändern?
Formuliere deinen Wunsch.
(Lange Pause)
Hast du deinen Wunsch formuliert?
Kannst du ihn bereits bildlich vor dir erkennen und das Ergebnis fühlen?
Wenn ja, dann stell dir vor, wie das Ersehnte immer näher zu dir kommt und dich als Ganzes erfasst.
Hast du auch wirklich gut geprüft, was du dir wünschst?
Du musst wissen, dass nichts mehr wie früher sein wird, sobald sich dieser Wunsch erfüllt hat.
Deshalb prüfe ganz genau, was du dir wünschst.
Wie fühlt sich das Erwünschte und Ersehnte an?
Wie wird es sein, wenn du hast, was du dir wünschst?
Bist du bereit, das Ergebnis entgegenzunehmen?
Bleib gesammelt, visualisiere das ersehnte Bild.
In deiner Vorstellung steht es jetzt leibhaftig vor dir.
Das Bild wird immer klarer, genauer und stärker.
Überprüfe deinen Gesichtsausdruck!
Wie fühlt es sich für dich an?
Kannst du es spüren?
Es ist bereits da.
Öffne dein Herz.
Nimm es an dein Herz.
Nimm es in dein Herz.
Lächle und fühle in deine Körpermitte hinein!
Was verändert sich bereits jetzt in dir?
In welche Richtung wird jetzt dein Leben gehen?
Stell dir das neue Leben ganz genau bildlich und gefühlsmäßig vor.
Ab jetzt entwickelt sich dein Leben in eine ganz neue Richtung.
Danke an das Leben.
Danke Mama für mein Leben.
Du bist und bleibst immer in meinem Herzen präsent.
Danke für alles, Mutter.
Danke Mama!
Wenn sie noch am Leben ist, dann hast du tatsächlich noch die reelle Chance, ihr in die Augen zu schauen.
Danke Mama!
Wenn sie tot ist, hört sie genauso mit.
Für die Mutter ändert sich nichts daran, aber für dich schon.
Mama, du bist meine einzige Quelle für diesen physischen Körper.
Danke Mama!
Solange ich lebe, bleibe ich immer dein Kind, Mama.
Danke Mama!
Wenn du so weit bist, dann kommst du ganz langsam wieder zurück.
Nie wieder sind sich zwei Menschen in ihrem Leben so nah wie in der Schwangerschaft. Neun Monate wohnt das Kind in der Mutter, ein Körper in einem anderen Körper. Das ist die stärkste Möglichkeit und Form der Nähe, die ein Mensch sich je vorstellen kann. So viel näher, als Mann und Frau sich waren, als ihr Kind gezeugt wurde. Dabei hat das Kind im Haus der Mutter eine Art Einliegerwohnung bezogen, anders ist dieses Leben unter einem Dach im bildlichen Sinne gar nicht möglich. Denn trotz der Nähe müssen die beiden Organismen in ihren Blutkreisläufen voneinander getrennt bleiben. Diese Aufgabe übernimmt die Plazenta. Sie liefert über die Nabelschnur alles Notwendige für das Kind. Nur kleinste Partikel wie Nährstoffe, Sauerstoff oder einige Medikamente können diese Schranke passieren – dachte man zumindest noch bis vor gar nicht allzu langer Zeit.
Lange glaubte man, dass die Plazenta, auch Mutterkuchen genannt, den für das Immunsystem unverträglichen Zellaustausch der beiden Organismen komplett verhindere. Doch diese Auffassung wurde inzwischen wissenschaftlich widerlegt. Die Plazenta gewährt den Transfer von Stammzellen, die auch nach der Geburt noch im Körper der Mutter verbleiben. Auch in die andere Richtung erfolgt dieser Zelltransfer. So finden sich mütterliche Zellen lebenslang im Organismus des Kindes. Mutter und Kind sind sich also noch viel näher, als man bisher angenommen hatte.
Dieser Zelltransfer wird Mikrochimärismus genannt. Der Begriff leitet sich ab von der griechischen Chimäre, einem Fabelwesen mit Löwenkopf, Ziegenkörper und Schlangenschwanz. Als Chimären werden in der Biologie Organismen bezeichnet, die aus genetisch unterschiedlichen Zellen bestehen, beispielsweise gepfropfte Pflanzen. Auf der Mikroebene der Zellen bedeutet das für den Menschen: Wir sind Mischwesen aus Mutter und Kind. Wir alle sind Mamakinder. Wir sind miteinander verschränkt. Unauflöslich.
Schon in den 1960er Jahren hatten Forscher einen Zellaustausch zwischen Mutter und Kind während der Schwangerschaft beobachtet. Diese Stammzellen aus dem Blut und der Plazenta können sich unendlich oft teilen und in verschiedene Zelltypen ausdifferenzieren. Forscher vom Institut für medizinische Biologie in Singapur wiesen im Jahr 2010 an Mäusen nach, dass diese Zellen sogar im Gehirn des Muttertiers zu finden sind und sich in das Zellnetzwerk offenbar integriert haben.
Zu den Mikrochimärismus-Forschern der ersten Stunde zählt J. Lee Nelson vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle. Nelson und ihren Kollegen gelang es vor wenigen Jahren, fremde Zellen im Gehirn von Frauen nachzuweisen, die offenbar aus Zellen von Söhnen stammten. Auch der Nachweis der DNA von Töchtern im Gehirn der Mutter ist möglich, jedoch aufwendiger, da diese schwieriger von jener der Mutter zu unterscheiden ist. Nelson geht davon aus, dass jeder Mensch eine Mikrochimäre ist, da jeder von uns vor der Geburt Zellen von der Mutter erhält.
Doch es geht noch viel weiter. Bei jeder weiteren Schwangerschaft erhält die Frau Zellen des Kindes, das sie in sich trägt. Entsprechend wandern auch hier wiederum Mutterzellen in jedes weitere Kind. Über ihr Blut können sogar Zellen von früher geborenen Geschwistern übertragen werden, wie Wissenschaftler inzwischen nachgewiesen haben. So wurden männliche Zellen im Nabelschnurblut von Mädchen mit einem älteren Bruder entdeckt.
Und auch das ist noch nicht alles. Die fötalen Zellen der älteren Geschwister gehen in die jüngeren über. Konkret heißt das: Der Zweitgeborene bekommt Mamazellen und die des Erstgeborenen. Das dritte Kind dann ebenfalls mütterliche Zellen und fötale Zellen der beiden vor ihm geborenen Geschwister.
Es gibt also nicht nur eine Blutlinie, sondern auch eine Zellengemeinschaft zwischen Müttern und ihren Kindern weiter bis zu den Geschwistern. Somit sind Mutter und letztgeborenes Kind Mischwesen, ausschließlich das erstgeborene Kind hat nur Mamazellen, gibt aber seine fötalen Zellen über die Mutter an seine Geschwister weiter. Auf diesem Hintergrund erklärt sich die exponierte Rolle des Erstgeborenen in vielen Kulturen und auch beim Adel. Als Stammhalter steht er als Erster in der Erbfolge. Daraus ergibt sich die Ordnung der Geschwisterreihe. Schon vor Jahrhunderten scheint es eine mystisch anmutende Erkenntnis in Bezug auf das, was wir heute Mikrochimärismus nennen, gegeben zu haben.
Wenn man diesen Zellaustausch holistisch weiterdenkt, dann ist es nur einleuchtend, dass er sich über Generationen hinwegzieht. Denn die Mutter trägt schließlich Zellen von ihrer Mutter und später geborenen Geschwistern in sich. Und diese Zellen werden als Mamazellen an den Fötus weitergegeben. So erklärt sich, wie die Mitglieder einer Familie über Generationen hinweg miteinander verschränkt sind.
Besonders verblüffend ist eine weitere wissenschaftliche Erkenntnis: Ausschlaggebend für den Zelltransfer ist nicht, dass die Mutter das Kind geboren hat. Bereits im ersten Trimester findet man fötale Zellen im Blut der Mutter, und nach einem Abort oder einer Abtreibung sind es sogar mehr als nach einer ausgetragenen Schwangerschaft. Das heißt: Alle abgegangenen, abgetriebenen und totgeborenen Kinder leben im Körper und auch in dem ihrer später geborenen Geschwister weiter. Sie sind nicht nur im Gedächtnis ihrer Mutter, sondern auch in ihrem Körper gespeichert – und ebenfalls in dem ihrer Geschwister.
Diese Erkenntnisse können durchaus als wissenschaftlicher Beweis für das angesehen werden, was sich bei Familienaufstellungen immer wieder gezeigt hat: Vor ihrer Geburt verstorbene Kinder – gleichgültig, ob abgetrieben oder fehlgeboren – sind in dem Familiensystem weiter präsent und haben dort ihren eigenen Platz. Einer befreundeten Ärztin hatte ich vor einiger Zeit von meinen Beobachtungen erzählt. Seitdem befragt sie jeden neuen Patienten vor der ersten Behandlung nach seinen Geschwistern. Sie hat ein System entwickelt, wie sie erkennen kann, an welcher Stelle der Patient in der Geschwisterreihe steht. Befindet sich der Patient an dem ihm gemäßen Platz, ist die Behandlung meistens erfolgreich. Denn auch die vor ihrer Geburt verstorbenen Kinder haben Auswirkungen auf die unbewusste Ebene ihrer Eltern, insbesondere der Mutter, und ihrer Geschwister.
Ich möchte hierzu ein Beispiel geben. Bei einem Seminar erzählte mir eine Teilnehmerin, dass sie sich schon in jungen Jahren sicher gewesen sei, zwei ältere Brüder zu haben. Aber sie war das einzige Kind ihrer Eltern. Als sie Anfang dreißig war, erfuhr sie von ihrer Mutter, dass diese mehrere Jahre vor ihrer Geburt zwei Kinder abgetrieben hatte. Die Mutter wusste auch das Geschlecht: Es waren Jungen. Nicht nur die Mutter, auch ihre Tochter war über den Zellaustausch mit den abgetriebenen Kindern verschränkt. Hier dürfte schon jedem klar werden, was diese Verschränkung für das Austragen eines Kindes durch eine Leihmutter bedeutet und welche besonderen Konsequenzen eine derartige Schwangerschaft für Mutter, Kind und Geschwister nach sich zieht.
Der unabhängig von einer ausgetragenen Schwangerschaft stattfindende Zelltransfer hat weitreichende Folgen. Wenn sich beispielsweise durch die bis heute noch nicht komplett abgeschaffte Fruchtblasenanalyse ein Down-Syndrom beim Fötus bestätigen sollte und die Mutter deshalb die Schwangerschaft abbricht, bleibt in ihr dennoch entsprechendes Zellgut enthalten. Bei einer weiteren Schwangerschaft können diese Zellen zu dem neuen, ungeborenen Kind gelangen und so zu einer falschen Diagnose führen, denn man kann nicht erkennen, von welchem Kind diese Zellen stammen.
Generell ist es erstaunlich, dass der Austausch von Stammzellen innerhalb mehrerer Organismen vom Immunsystem toleriert wird. Obwohl die mütterlichen und die fötalen Zellen andere Oberflächenmoleküle besitzen und sich daher als fremd erkennen, wird keine Abwehrreaktion in Gang gesetzt, wie das etwa bei transplantierten Organen der Fall ist. Die Wissenschaftlerin Diana Bianchi von der Tufts University in Boston vermutet, dass die auswandernden Zellen sogar die Immuntoleranz gegenüber dem anderen Körper verbessern. Vielleicht unterstützen die chimären Zellen die gegenseitige Toleranz, vermutet Bianchi.
Einen Hinweis auf diese Sichtweise gibt eine Studie des Forschers Jeff Mold vom Albert Einstein College of Medicine in New York. Er zeigte bei einer Versuchsreihe mit Mäusen, dass mütterliche Zellen in die Lymphknoten der Föten wandern, in denen sie besänftigend auf die Abwehrreaktionen wirken. Sie scheinen die kindlichen Immunzellen zu trainieren, die mütterlichen Zellen zu tolerieren.
Obwohl bereits wissenschaftlich bewiesen, sind die gesundheitlichen Auswirkungen des Mikrochimärismus den meisten Menschen nicht bekannt. Dabei sollte eigentlich jede Mutter und ebenfalls jede künftige darüber informiert sein, welche positiven, aber auch negativen Folgen der Zelltransfer nach sich ziehen kann.
Die bereits zuvor genannte US-Wissenschaftlerin Lee Nelson ist davon überzeugt, dass Mikrochimärismus meistens einen positiven Effekt hat. So erkranken beispielsweise Frauen, die einmal schwanger waren, seltener an Brustkrebs als jene, die nie ein Kind erwartet haben. Das erklärt auch, warum ein Mammakarzinom besonders häufig bei Nonnen diagnostiziert wird. Möglicherweise verleihen die fötalen Immunzellen einen zusätzlichen Schutz, indem sie Krebszellen erkennen, die der mütterlichen Abwehrreaktion entgangen sind. Dies ist einer der Gründe, warum bei Frauen, die viele Kinder geboren haben, sogar hoch signifikant seltener Mammakarzinome festgestellt werden als bei kinderlosen Frauen. Die Brustkrebsrate steigt heute nicht zuletzt deshalb an, weil die meisten Frauen nur ein oder gar kein Kind haben. Auch Frauen mit rheumatoider Arthritis erfahren durch die Geburt eines Kindes oft Linderung.
Die Wissenschaftlerin Diana Bianchi verfolgt in diesem Zusammenhang noch eine andere Idee. Sie nimmt an, dass fötale Zellen von verletztem Gewebe angezogen werden und dort einspringen, wo sie für die Reparatur benötigt werden. Einige Hinweise dafür gibt es aus Tierstudien. Bianchi untersuchte deshalb 21 Frauen, die an verschiedenen Krebsarten oder Autoimmunerkrankungen litten. Zehn von ihnen hatten Söhne, elf hatten keine Kinder. Im erkrankten Gewebe der Mütter mit Söhnen fand man eine relativ hohe Zahl von männlichen Zellen, zwischen 10 und 1300 pro eine Million mütterlicher Zellen. Die gefundenen Zellen trugen typische Marker von Leberzellen, Epithelzellen und weißen Blutkörperchen. Im Gewebe der Mütter ohne Söhne konnten keine männlichen Zellen entdeckt werden.
