Das Elend des Christentums - Joachim Kahl - E-Book

Das Elend des Christentums E-Book

Joachim Kahl

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Beschreibung

1968: Der frische gebackene Doktor der Theologie Joachim Kahl tritt aus der Kirche aus und veröffentlicht im Rowohlt Verlag 'Das Elend des Christentums'. Das Buch des erst 27-jährigen erlebt einen beispiellosen Erfolg, verkauft sich in kürzester Zeit über 100.000-mal und wird in vier Sprachen übersetzt. Es liefert die religionskritische Begleitmusik zur Studentenbewegung und trifft einen Nerv der Zeit. Die jetzt vorliegende dritte Auflage ist ergänzt um ein neues Vorwort und ein beachtenswertes Interview mit Kahl. Dass Kahl schonungslos die Widersprüchlichkeiten von Kirche und Christentum aufzeigt, und dass er dies in einer wortgewaltigen und bildreichen Sprache tut, macht 'Das Elend des Christentums' zu einem Klassiker der Religionskritik.

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Seitenzahl: 318

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Joachim Kahl

Das Elend des Christentums

Joachim Kahl

Das Elend des Christentums

oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott

Joachim Kahl

Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott

© Tectum Verlag Marburg, 2014

ISBN 978-3-8288-6065-0

(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter

der ISBN 978-3-8288-3365-4 im Tectum Verlag erschienen.)

Umschlagabbildung: Joachim Kahl, Fotografie von Andreas Slemeyer

Satz, Layout und Umschlaggestaltung: Norman Rinkenberger|

Tectum Verlag

Besuchen Sie uns im Internet

www.tectum-verlag.de

www.facebook.com/tectum.verlag

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Für Helmut Walther –mit Dank und in Freundschaft

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.Kant

Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.Marx

INHALT

VORWORT VON 2014

EINLEITUNG VON 1993

EINLEITUNG VON 1968

IVON DER UNMÖGLICHKEIT, INHALTLICH EINDEUTIG UND VERBINDLICH ZU BESTIMMEN, WAS CHRISTLICH IST

1Die Realbilanz der Kirchengeschichte: Anarchie im Ethos

Die Kirche als Sklavenhalterin

Die blutige Verfolgung der Heiden

Die blutige Verfolgung der Juden

Die blutige Verfolgung der Christen untereinander

Die Verteufelung der Sexualität und die Diffamierung der Frauen

Mögliche Einwände werden entkräftet

2Die Unerkennbarkeit des historischen Jesus

3Die Realbilanz der Theologiegeschichte: Chaos im Dogma

Neues Testament

Alte Kirche

Mittelalter

Reformationszeit

Neuzeit

Gegenwart

IIIRRATIONALITÄT ALS LEBENSELEMENT THEOLOGISCHENDENKENS

1Die beiden Strukturprinzipien der Theologie: Bindung an Autorität und maximaler Inhalt

Der Theologiebegriff Rudolf Bultmanns

Der Theologiebegriff Gerhard Ebelings

2Das Programm der Entmythologisierung – der romantische Versuch einer Ehrenrettung des christlichen Glaubens

Das Verfahren: Wie man missliebige Texte und Begriffe einer «hermeneutischen» Gehirnwäsche unterzieht

Das Ergebnis (freundlich formuliert): Viel Lärm um nichts

IIIPOSTCHRISTLICHE PERSPEKTIVEN: RELIGIONSFREIHEIT

1Der Begriff der Religionsfreiheit

2Trennung von Staat und Kirchen

3Trennung von Universität und Kirchen

4Trennung von Schule und Kirchen

IVDAS CHRISTLICHE ABENDLAND – IDEOLOGIE UND WIRKLICHKEIT

DAS ELEND GEHT WEITER: NACHWORT VON 1993

Religion hier und heute

Produktiver Umgang mit Religion als kulturellem Erbe

Vergebliche Rettungsversuche im Weinberg des Herrn

Ein moderner Narr in Christo Fragen und Anmerkungen zu Eugen Drewermann

Leitmotive eines atheistischen Humanismus

ANHANG

VERZEICHNIS DER ZITIERTEN LITERATUR

INTERVIEW MIT DEM AUTOR

ÜBER DEN AUTOR – VON IHM SELBST (2014)

ANMERKUNGEN

VORWORT VON 2014

Mein Buch DAS ELEND DES CHRISTENTUMS ODER PLÄDOYER FÜR EINE HUMANITÄT OHNE GOTT ist die Arbeit eines Sechsundzwanzigjährigen. Alle Vorzüge und Schwächen des Werkes erklären sich aus diesem Umstand. Zuvor hatte ich nur meine theologische Dissertation geschrieben (PHILOSOPHIE UND CHRISTOLOGIE IM DENKEN FRIEDRICH GOGARTENS), die von der theologischen Fakultät der Philipps Universität Marburg nach langer Prüfungszeit angenommen wurde. Im Juni 1967 bestand ich das Rigorosum. Wenige Tage nach Empfang des Doktordiploms trat ich in Köln, meinem ersten Wohnsitz, aus der Evangelischen Kirche des Rheinlandes aus.

Obwohl ich dazu nicht verpflichtet war, teilte ich diesen ungewöhnlichen Schritt meinem Doktorvater, Prof. Dr. Hans Graß, in einem höflichen Schreiben mit und kündigte ihm auch das baldige Erscheinen eines Buches an, in dem ich meine Gründe dafür darlegen würde. Dass ihn das alles kränken und enttäuschen würde, war abzusehen und tat mir auch Leid. Hatte er mir doch gesprächsweise die Perspektive einer Habilitation angedeutet. Aber aus Gründen der Klugheit, der Vernunft und des Gewissens konnte ich nicht anders handeln, als ich gehandelt habe. Daraus wird mir bis heute immer wieder einmal ein moralischer Makel konstruiert.

Der Münsteraner Theologieprofessor Konrad Hammann beispielsweise kreidet mir in seiner umfangreichen Biographie über Rudolf Bultmann, den Begründer des Programms der «Entmythologisierung», es als einen «Akt der Unaufrichtigkeit» an, dass ich trotz meiner «Distanz zum christlichen Glauben» mich noch habe in Theologie promovieren lassen.1 Es stimmt: ich habe bereits als innerer Atheist meine theologische Doktorarbeit geschrieben und eingereicht. Das ist mir nicht leicht gefallen, war aber reiflich reflektiert, und die liberale Marburger Promotionsordnung ließ es zu. Denn hier zählte allein die wissenschaftliche Leistung, nicht der persönliche Glaube oder Unglaube des Kandidaten. Zum Vergleich: in Bonn dagegen hätte ich noch einen lateinischen Doktoreid ablegen müssen, die «Wahrheit des Evangeliums zu verteidigen». Das hätte ich natürlich nicht gekonnt und auch nicht getan.

Ich habe mein Studium der Theologie mit der Promotion abgeschlossen, um mir später nicht den ungerechtfertigten Vorwurf anhören zu müssen, hier spucke ein gescheiterter Studienabbrecher seine unqualifizierten Ressentiments aus. Und ich habe das Doktorexamen abgelegt, um mir eine gute Ausgangsbasis für das Zweitstudium zu schaffen, das mir rasch vor Augen stand, nachdem eine kirchlichtheologische Laufbahn aus inneren Gründen für mein Leben ausgeschieden war.

Hammanns Polemik ist lehrreich und unberechtigt zugleich. Er unterstellt, ich hätte mir «während des Theologiestudiums im Säurebad der historischen Kritik derart gravierende Verätzungen zugezogen», dass ich darüber den christlichen Glauben verloren hätte.2 Es ist richtig: Atheist bin ich geworden durch mein gründliches Studium der Theologie. Aber es war nicht allein das «Säurebad der historischen Kritik», das meinen Glauben zersetzte. Auch die «Milch der frommen Denkungsart», die über die Trümmer der neutestamentlichen Kernbotschaft ausgegossen wurde, beleidigte mein Gespür für intellektuelle Redlichkeit. Denn durch ebenso raffinierte wie halsbrecherische Umdeutungen wurde und wird versucht, den Schein einer fortbestehenden, jetzt natürlich «aufgeklärten», Christlichkeit vorzutäuschen. Beim kritischen Durchleuchten dieser «hermeneutischen» Manöver half mir vor allem Franz Overbeck weiter, der Baseler Theologieprofessor und persönliche Freund Nietzsches. Radikal und glasklar formulierte er als Ergebnis der historischen Kritik: «finis Christianismi», «Ende des Christentums».

Hammanns Polemik gegen mich ist getragen von beachtlicher Arroganz. So behauptet er, mein Buch sei lediglich ein «fader Aufguss der Religionskritik des 19. Jahrhunderts». Und weiter: «In den halbgebildeten Kreisen linksgerichteter Kirchenkritiker wurde sein Machwerk eifrig konsumiert.»3 Was soll daran verwerflich sein, sich auf richtige Erkenntnisse des 19. Jahrhundert zu berufen? Außerdem unterschlägt Hammann, dass ich mich ausdrücklich auch auf die zutreffende Kritik antiker Autoren, vor allem des Celsus und des Porphyrius, am Christentum stütze. Was aber die zahlreichen, vermeintlich halbgebildeten, Leser betrifft, die es in der Tat bis auf den heutigen Tag gibt, so muss er sich fragen lassen, auf welche Leseranalyse er sich stützt, um diese freche Diffamierung empirisch zu belegen.

Einer der ersten Leser überhaupt war der protestantische Kirchenvater des zwanzigsten Jahrhunderts, Karl Barth. In seinem Leserbrief an mich vom 26.11.1968 (abgedruckt in der Gesamtausgabe4) stellt er eingangs ausdrücklich fest, er habe nicht nur in dem Buch geblättert, sondern es auch komplett in einem Zuge gelesen. Sein Schlusssatz lautet: «Glückauf, tapferer Mann! Möge er sich auch als ein weiser Mann offenbaren!» Gerhard Ebeling, ein anderer systematischer Theologe, bei dem ich einst in Zürich studiert hatte, bezieht sich ebenfalls positiv auf mein Werk. In offenkundiger Anspielung auf meinen Titel heißt es, freilich ohne Namensnennung: «Das Elend des Christentums gehört ebenso unauslöschlich zu seiner Geschichte wie das Elend der Welt zur Geschichte überhaupt.»5 Helmut Groos, Philosophie- und Theologiehistoriker, Autor einer großen Albert Schweitzer-Monographie, widmet mir in seinem Buch «Christlicher Glaube und intellektuelles Gewissen. Christentumskritik am Ende des zweiten Jahrtausends» ein eigenes Kapitel. Darin heißt es in Bezug auf meine Bultmann-Kritik, unbeschadet von Einwänden in anderer Hinsicht: «Wer noch Sinn für Argumentation und Polemik besitzt, kann hier als Schiedsrichter nur urteilen, dass in diesem Spiel der junge Marburger Doktor den berühmten Marburger Professor 2:0 geschlagen hat.»6 Mögen sich meine Leser ihr eigenes Urteil bilden.

1969 erschien im Kohlhammer Verlag in dessen T-Reihe eine Erwiderung auf mein «Elend» von vier Theologen meiner Generation, darunter auch Wolfgang Huber, dem späteren EKD-Ratsvorsitzenden. Das Buch trug den Titel «Menschlich sein – mit oder ohne Gott?»7 Ich gehe jetzt nicht auf dessen kritische Inhalte ein, sondern nur auf den Titel. Er freute und freut mich insofern, als er die Wichtigkeit meines Untertitels erkannt hat: «oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott». Denn obwohl damals für mich die schroffe Negation im Vordergrund stand – unvermeidlich im schmerzhaften Prozess der Selbstbefreiung von einem weltgeschichtlichen Irrtum –, hat sich mein Blick nicht zu einem Tunnelblick verengt und verdüstert. Von Anfang an hatte ich eine humanistische Alternative zum christlichen Glauben im Kopf, wenn auch damals noch recht verschwommen. Meine Religionskritik hat sich nie zum Religionshass übersteigert, mein Atheismus ist nie zum Antitheismus entartet. Dafür hatte ich mich – im Rahmen meines Studiums – zu viel mit Gotthold Ephraim Lessings Toleranzethos befasst und mit Voltaire, dessen Schlachtruf ja nicht nur lautete «Écrasez l’infame», sondern auch: «Vive la tolérance!» Mein Denkweg, der damals in meiner Sturm und Drang-Periode mit dem ELEND DES CHRISTENTUMS (1968) begann, ist inzwischen mit dem Buch WELTLICHER HUMANISMUS. EINE PHILOSOPHIE FÜR UNSERE ZEIT (2005) in seine Reifephase eingemündet, nicht allerdings ohne zuvor in einen weiteren weltgeschichtlichen Irrtum abgeglitten zu sein, den Marxismus. Wer sich dafür interessiert, mag dessen Aufarbeitung in zwei großen Aufsätzen auf meiner Homepage (unter «Texte») nachlesen.

Zum Abschluss möchte ich noch dankbar eines Mannes gedenken, der am Zustandekommen dieses Buches einen nicht unerheblichen Anteil hat: des Münchener Publizisten und Verlegers Gerhard Szczesny, der 1961 die Humanistische Union gründete. Schon als junger Theologiestudent las ich sein Buch «Die Zukunft des Unglaubens. Zeitgemäße Betrachtungen eines Nichtchristen»8 Es ließ mich nicht unbeeindruckt. Vor allem ist mir das von Ludwig Wittgenstein stammende Motto unauslöschlich im Kopf als Denkanstoß haften geblieben: «Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.» Ein starker Satz. Wohl dem Autor, der sich daran hält.

Ich bot mein Manuskript dem Szczesny-Verlag an, der in den frühen Sechzigern in der alten Bundesrepublik Deutschland dem klerikalen Mief der Adenauerzeit ein wenig Frischluft zuführen wollte. Sein Flaggschiff trug daher auch den Namen «Club Voltaire. Jahrbuch für kritische Aufklärung». Allerdings war das Interesse an religionskritischer Literatur damals noch bei weitem nicht so stark wie heute, und der Verlag ging ein. Für mich ein Glücksfall, denn alle Manuskripte, für die bereits ein Vertrag abgeschlossen war, kamen zu Rowohlt. So erschien mein Buch im November 1968 in der rororo aktuell Taschenbuchreihe als Band 1093. In jeder Bahnhofsbuchhandlung war es im Drehgestell präsent. Etwas Besseres konnte mir gar nicht passieren. Irgendwie hatte ich einen Nerv des Zeitgeistes getroffen, und eine Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf. Das Geleitwort von Gerhard Szczesny, abgedruckt in den Auflagen bis 1993, hat dabei sicher nicht geschadet.

EINLEITUNG VON 1993

Nein, ich bereue meine Absage an den christlichen Glauben und meinen Kirchenaustritt nicht. Zwar sehe ich heute – nach mehr als fünfundzwanzig Jahren – vieles anders, vieles differenzierter, aber mein Nein zur christlichen Botschaft aus Gründen der Vernunft und des Gewissens findet sich immer erneut bestätigt.

Ja, ich bin geradezu froh, dass ich kein «Menschenfischer» geworden bin, der in der Nachfolge und auf Geheiß Jesu Menschen fischt (Markusevangelium, Kapitel 1, Vers 17). Ein verräterisches Sinnbild des christlichen Glaubens, Menschen wie Fische im Netz fangen zu wollen! Da gefällt mir die kauzig-provokative Art des griechischen Philosophen Diogenes schon besser. Er ging am hellichten Tag mit einer Laterne auf den Marktplatz, um dort Menschen zu suchen. So respektierte er die menschliche Freiheit und übte zugleich eine hintergründige Sozialkritik, die zur Nachdenklichkeit einlud.

Die Botschaft der christlichen Schlüsselgestalt «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich» (Johannesevangelium, Kapitel 14, Vers 6) ist anmaßend und bodenlos. Es gab und gibt viele Wege, jeder Mensch muss seinen eigenen suchen und selber gehen.

Der Personenkult, der in unserem Jahrhundert so schreckliches Unheil über die Völker gebracht hat, ist im christlichen Glauben vorgeprägt. Die christliche Zeitrechnung, der es gelang, zur vorherrschenden auf dem Erdball erhoben zu werden, sieht in dem Auftreten Jesu von Nazareth die Zeitenwende schlechthin. Aber die Einteilung der gesamten Menschheitsentwicklung in ein simples «vor» und ein «nach» Christi Geburt zeugt von einer aberwitzigen Selbstüberschätzung der christlichen Religion. Zugleich vertuscht sie einen peinlichen Umstand, der – paradox genug – den Aufstieg des Christentums zur Weltreligion erst ermöglichte: den grandiosen Irrtum Jesu und der Urgemeinde, den wunderbaren Ausbruch des «Reiches Gottes» in unmittelbarer Nähe zu wähnen und ebendeshalb auf den Untergang dieser Welt und die Schaffung eines «neuen Himmels» und einer «neuen Erde» zu hoffen.

Aber diese Welt ist nicht untergegangen. Sie besteht nach wie vor. Insofern dokumentiert die christliche Zeitrechnung das Scheitern der ursprünglichen Heilserwartung und zugleich den Aufstieg des Christentums zur Weltreligion durch geschickte Anpassung an die tatsächlich eingetretene Situation.

Seither verkünden die Kirchen: In Geburt, Wirken, Tod und Auferstehung Jesu Christi offenbare sich die Liebe Gottes zur Welt, habe sich bereits der entscheidende Schritt zum «Frieden auf Erden» und zur Erlösung der Menschen vollzogen. Franz Overbeck, der Baseler Altmeister unwiderlegter Bibel- und Christentumskritik, kommentierte sarkastisch: Das Christentum könne sein «Unterfangen, die Welt von Gottes Liebe zu überzeugen», «nur mit Atheismus abbüßen».9

In der Tat: Wo war und wo bleibt die unendliche Liebe Gottes zu den Menschen vor und nach Christi Geburt? Wo zeigt sich, wie äußert sich – im wirklichen Leben von Mensch und Tier – die fürsorgliche Vatergüte, die aufhelfende Barmherzigkeit, die überquellende Freundlichkeit, die ewige Gerechtigkeit Gottes? Wofür sollen die Menschen «dem Herrn lobsingen», Gott demütig Dank darbringen, wie die Bibel und die kirchliche Liturgie unermüdlich fordern?

Die Nachrichten in der Zeitung und im Fernsehen strafen die Verheißungen der «frohen Botschaft» täglich Lügen und untergraben den Glauben. Kein gütiger und allmächtiger Gott hat die Welt geschaffen. Kein von Gott gesandter Retter hat die Menschen in irgendeiner Hinsicht von irgendeinem Übel erlöst. Kein heiliger Geist hat die Kirche vor innerer und äußerer Zwietracht bewahrt, die Christenheit vor moralischer Verwirrung behütet.

Mein Buch «Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott» erschien erstmals 1968 – ein Jahr nach meiner Promotion zum Doktor der protestantischen Theologie. Als zornige Bilanz meines Theologiestudiums löste es ein starkes Echo aus und wurde bis Anfang der achtziger Jahre in über hundertzwanzigtausend deutschen Exemplaren verkauft und in vier Sprachen übersetzt: ins Englische, Japanische, Italienische, Holländische. Es wurde und wird im schulischen Religionsunterricht besprochen, in theologischen Universitätsseminaren analysiert. Aufsätze und ein eigenes Buch dagegen wurden publiziert.10 Der praktische Theologe Hans-Hinrich Jenssen (Berlin/DDR) behandelte mich im «Handbuch der Seelsorge» unter dem Aspekt der «Seelsorge an Zweifelnden» und erörterte an meinem Buch die Notwendigkeit «intellektueller Diakonie»11.

Leserbriefe aus dem In- und Ausland erreichten mich in großer Zahl. Der prominenteste Autor eines Leserbriefes an mich war Karl Barth, einer der großen Kirchenlehrer dieses Jahrhunderts. Er schloss sein humorvolles Schreiben, das auch in der Gesamtausgabe seiner Werke veröffentlicht ist, mit den Worten: «Glückauf, tapferer Mann! Möge er sich auch als ein weiser Mann offenbaren!»12

Eine ausführliche und kritisch-verständnisvolle Würdigung fand mein Buch bei Helmut Groos in seinem umfangreichen Werk «Christlicher Glaube und intellektuelles Gewissen. Christentumskritik am Ende des zweiten Jahrtausends».13 Groos erwähnt auch kurz meine spätere religionsphilosophische Entwicklung zum marxistischen Atheisten hin, wie sie sich kompakt in dem Essay «Warum ich Atheist bin» (1977) niederschlug. In diesem Beitrag zu einem von Karlheinz Deschner herausgegebenen Buch14 stilisierte ich den marxistischen Atheismus zur reflektiertesten Stufe des Atheismus, stellte ihn als dessen Vollendung dar. Ich bemerkte damals nicht und wollte es auch lange Jahre nicht wahrhaben, dass mit meiner vorbehaltlosen Hinwendung zum Marxismus, bald auch zum Marxismus-Leninismus, meine atheistische Philosophie selbst eine religiöse Färbung annahm.

Denn die religionskritische Typologie, in der der marxistische Atheismus als höchste Stufe des Atheismus verklärt wurde, war natürlich eingebettet in eine umfassende geschichtsphilosophische Konstruktion. Der marxistische Atheismus galt mir als Bestandteil des marxistischen Humanismus, der – praktisch organisiert in den kommunistischen Parteien und im «real existierenden Sozialismus» – seinerseits die höchste Stufe des Humanismus bilde. Vor ihm verblasse aller nichtmarxistischer Humanismus zu bloß «abstraktem Humanismus». Unmerklich hatte sich meine protestantische Theologie in marxistische Teleologie verwandelt: in den optimistischen Glauben, die Menschheitsgeschichte strebe unaufhaltsam vom Niederen zum Höheren, erklimme immer steilere Stufen von Freiheit und Gleichheit. In unserer Epoche münde sie in den weltweiten Übergang zum Sozialismus, dessen Triumph unvermeidlich kommen werde.

Ich war der Faszination des Kommunismus, genauer: der Idee des Kommunismus, erlegen – wie so mancher westdeutsche Intellektuelle der 68er Generation, wie so viele Menschen, die aufbrachen, den uralten Traum einer gerechten Gesellschaft zu verwirklichen. Im Marxismus-Leninismus bot sich mir ein Sinnsystem dar, in dem sich die drei Hauptformen weltlicher Gläubigkeit der Moderne zu einer verführerischen Einheit bündelten:

•dem Glauben an den Fortschritt,

•dem Glauben an die Wissenschaft,

•dem Glauben an die Technik.

Die Suggestion der «in sich geschlossenen», «harmonischen» und «einheitlichen» Weltanschauung, von der Lenin in der kleinen Programmschrift «Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus»15 spricht, tat ein Übriges, meine Realitätswahrnehmung zu beeinträchtigen und meine politische Urteilskraft zu trüben.

Karlheinz Deschner war der Erste, der meinen marxistischen Atheismus als «gläubigen Unglauben»16 kritisierte – eine Einschätzung, die mich damals ärgerte, die ich aber inzwischen als berechtigt akzeptiere. Heute weiß ich: Die Absage an die eine Religion – verstehe sie sich noch so undogmatisch atheistisch – immunisiert nicht notwendig gegen andere Religionen. Niemand ist ein für allemal der Religion enthoben, sondern kann ihr immer erneut – in der einen oder anderen Gestalt – verfallen. Geistige Freiheit ist kein einmal erworbener Besitz, sondern eine ständige, anspruchsvolle Aufgabe, die Kraft und Selbstkritik abverlangt.

Wie stark sich die mentale Struktur der Gläubigkeit aus meiner christlich-theologischen Zeit in meine marxistische Phase hinüber durchgehalten hat, irritiert mich. Es entbehrt nicht der Komik, dass die klassischen Glaubensdefinitionen des Neuen Testamentes als Deutungsmuster dienen können für die Bereitschaft, sich täuschen zu lassen und in utopische Illusionen zu fliehen.

Wie heißt es im Hebräerbrief? «Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, daß man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht» (Kapitel 11, Vers 1, Luther-Übersetzung). War das nicht die Haltung so manchen, ach so kritischen Kopfes gegenüber den sozialistischen Ländern, namentlich der DDR und der Sowjetunion?

Obwohl man sie nicht sah – weil es sie nicht gab, die behauptete höhere Qualität des dortigen Gesellschaftssystems –, wurde an ihr festgehalten: gläubig, gutgläubig, leichtgläubig. Und voller Hingabe, die sich zur Heilsgewissheit steigern konnte, wurden Zweifel an der vermeintlichen Überlegenheit des Sozialismus über den garstigen Kapitalismus nicht wirklich zugelassen, sondern rhetorisch verworfen und emotional verdrängt. Wie heißt es programmatisch im Johannes-Evangelium? «Selig sind, die nicht sehen und doch glauben» (Kapitel 20, Vers 29).

Wo mag – nach all den Irrungen und Wirrungen – ein befreiender Ausweg liegen? Wie kann – nach all den Häutungen – eine gewandelte Identität entstehen, sich neue Glaubwürdigkeit bilden? Notwendig ist, aus der Erfahrung eines zweimaligen Verfallenseins an Heilslehren und Heilsgewissheiten die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, und zwar ohne Hast und Wehleidigkeit. Notwendig ist, die Vergangenheit nicht zu verdrängen noch zu verleugnen, sondern sie gedanklich und auch emotional aufzuarbeiten und zu einem postchristlichen und postmarxistischen Humanismus vorzustoßen. Endlich bei philosophischer Skepsis angekommen, taste ich mich zu einer praktischen und geistigen Haltung vor, die dem Doppelgesicht der Welt, ihrem Grauen und ihrer Schönheit, standhält.

Nur mit Humor lässt sich die Welt ertragen: mit einem Lebensgefühl des Trotzalledem, geboren aus Trauer, Zorn und Heiterkeit.

EINLEITUNG VON 1968

«Für Deutschland ist die Kritik der Religion im Wesentlichen beendigt» – so schrieb bereits Karl Marx vor mehr als hundert Jahren in seiner «Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie». In der Tat muss heute jeder, der das Christentum in die Schranken fordert, den Traum seiner eigenen Originalität preisgeben. Was kann noch grundlegend Neues gedacht und gesagt werden, nachdem Celsus und Porphyrius, die französischen und die englischen Aufklärer, Reimarus, Feuerbach, Marx, Nietzsche, Overbeck, Freud in ihren Schriften die Religion entzauberten? Nur bestochene Ignoranten plappern die Papageienweisheit nach, dies alles sei verstaubt, längst von theologischer Gegenkritik widerlegt.

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